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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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21

Mutter und Tochter

Wir müssen unsere drei wackeren Kämpen eine Zeitlang in ihrer bedenklichen Lage verlassen, um uns mit einer wichtigen Person unserer Erzählung zu beschäftigen, die wir bereits zu lange vernachlässigt haben.

Gleich, nachdem sich die Indianer entfernt hatten, fing John Bright mit jener amerikanischen Tätigkeit, die nirgends ihresgleichen hat, an, sein Land urbar zu machen. Die Gefahr, in der er geschwebt hatte und der er nur durch ein Wunder entgangen war - was ihm ewig unbegreiflich blieb -, gab ihm Veranlassung zu ernsten Betrachtungen. Er sah ein, daß er in der einsamen Gegend, in der er sich befand, von niemandem Hilfe zu erwarten habe, sondern den Gefahren, die ihm auf jeden Fall drohen würden, allein Trotz bieten müsse und daher vor allem dafür zu sorgen habe, seine Pflanzung vor einem Überfall zu sichern.

Major Melville hatte durch seine Bediensteten und seine Trapper von dem neuen Ansiedler reden hören, letzterem war es aber völlig unbekannt, daß er kaum tausend Schritt von Fort Mackenzie entfernt sei. Sobald John Bright seinen Entschluß gefaßt hatte, schritt er sofort zu dessen Ausführung.

Das Verfahren, das die Amerikaner bei der Urbarmachung ihres Bodens einschlagen, würde jedem, der es noch nicht kennt und der nicht gesehen hat, mit welcher Geschicklichkeit sie in kurzer Zeit die stärksten Bäume umhauen, fast wunderbar erscheinen. Der Squatter war der Meinung, daß er keine Zeit verlieren dürfe, und ging mit seinem Sohn und seinen Dienern sofort ans Werk. Man hatte, wie bereits früher erwähnt wurde, das provisorische Lager auf der Höhe eines Hügels aufgeschlagen, von dem aus man die Prärie weit überblickte. An dieser Stelle beschloß der neue Ansiedler seine künftige Wohnung aufzubauen. Er fing damit an, daß er die auf dem Hügel befindliche Fläche mit einer Doppelreihe ungeheurer Pfähle einfassen ließ, die etwa zwölf Fuß hoch und mit festen Klammern untereinander verbunden waren.

Als diese erste Umzäunung fertig war, ließ er dahinter einen ungefähr acht Fuß breiten und fünfzehn Fuß tiefen Graben anbringen, dessen Erde derart schanzenartig ausgeworfen wurde, daß dadurch eine zweite Ringmauer entstand. Im Innern jener improvisierten Befestigungswerke, die mit Hilfe einer entschlossenen Mannschaft uneinnehmbar waren – vorausgesetzt, daß der Feind keine Kanonen hatte, um eine Bresche zu schießen, denn die steilen Abhänge des Hügels, zu dessen Höhe nur ein schmaler, im Zickzack angelegter Pfad führte, machten jeden Sturm unmöglich -, grub er den Grund zu der künftigen Wohnung seiner Familie. Dank der provisorischen Maßnahmen, die er getroffen hatte, konnte er sich fortan zu seinen übrigen Arbeiten mehr Zeit gönnen und allen Angriffen der Herumstreicher in den Prärien trotzen.

Seine Frau und seine Tochter standen ihm tätig und hilfreich zur Seite, denn sie sahen die Notwendigkeit jener Verteidigungswerke besser ein als die übrigen Mitglieder der Familie. Die armen Frauen waren an die schwere Arbeit, die sie übernommen hatten, wenig gewöhnt und bedurften daher der Ruhe. John Bright hatte sich nicht weniger geschont als die übrigen, doch sah er die Billigkeit des Wunsches ein, den seine Frau und seine Tochter gegen ihn aussprachen, und da er für den Augenblick nichts mehr zu fürchten hatte, bewilligte er der kleinen Kolonie einen vollen Ruhetag.

Die Ereignisse, die die Ankunft der Squatter in jener Gegend bezeichnet hatten, hinterließen einen tiefen Eindruck im Herzen von Mrs. Bright und ihrer Tochter. Besonders Diana hatte vom Grafen de Beaulieu eine Erinnerung bewahrt, die mit der Zeit, anstatt schwächer zu werden, immer lebhafter hervortrat. Der ritterliche Sinn des Grafen, sein großmütiges Benehmen und - um die Wahrheit zu bekennen – auch seine körperlichen Vorzüge trugen dazu bei, ihn dem jungen Mädchen teuer zu machen, das bisher stille, friedliche Tage verlebt hatte, dessen Leben noch kein Ziel kannte und dessen argloses Herz noch keine trübe Erfahrung gemacht hatte. Nach der Abreise des jungen Mannes hielt Diana häufig mit der Arbeit inne, hob den Kopf, blickte sich angstvoll um und griff dann mit einem unterdrückten Seufzer zu ihrer Beschäftigung.

Die Mütter – besonders diejenigen, die wie Mrs. Bright ihre Töchter aufrichtig lieben – haben sehr scharfe Augen. Sie erriet, was ihr Mann und ihr Sohn nicht ahnten, sobald sie das blasse Gesicht der armen Tochter, deren dunkel geränderte Augen sowie ihren träumenden Blick und ihre schlaffe Haltung bemerkte. Diana liebte!

Mrs. Bright schaute um sich. Niemand in ihrer Umgebung konnte der Gegenstand ihrer Liebe sein; und soviel sie auch darüber nachsann, fiel ihr niemand ein, den ihre Tochter vor der Abreise der Familie von den Ansiedlungen auszuzeichnen geschienen hatte.

Nach solchen Betrachtungen seufzte die Mutter ihrerseits, denn sie hatte zwar die Liebe ihrer Tochter erraten, konnte aber deren Gegenstand durchaus nicht entdecken. Mrs. Bright beschloß, ihre Tochter auszufragen, sobald sie allein miteinander sein würden, und stellte sich bis dahin, als habe sie nichts bemerkt. Der Rasttag, den John Bright seiner Familie gewährte, schien ihr eine günstige Gelegenheit, die sie schon ungeduldig erwartet hatte.

Am nächsten Morgen waren die Frauen nach gewohnter Weise bei Sonnenaufgang beschäftigt, das Frühstück zu bereiten, während die Diener das Vieh nach dem Fluß trieben.

»Frau«, sagte der Squatter beim Frühstück, »William und ich beabsichtigen – da heute nicht gearbeitet wird -, nach dem Frühstück aufs Pferd zu steigen und die Umgebung ein wenig zu durchstreifen, die wir noch nicht kennen.«

»Wagt euch nur nicht zu weit weg, mein Freund, und versäumt nicht, die Waffen mitzunehmen. In der Wildnis sind, wie du weißt, die üblen Begegnungen nicht selten.«

»Ja, du kannst deshalb ganz ruhig sein, und ich werde auf der Hut sein; wenn ich auch überzeugt bin, daß wir gegenwärtig nichts zu fürchten haben. Hast du nicht Lust, uns mit Diana zu begleiten, um bei der Gelegenheit dein neues Reich kennenzulernen?«

Bei diesem Vorschlag blitzten die Augen des jungen Mädchens vor Vergnügen, es öffnete den Mund, um zu antworten, aber die Mutter warf ihm einen Blick zu, legte ihm die Hand auf den Mund und ergriff statt Diana das Wort: »Du wirst uns entschuldigen, mein Freund«, sagte sie mit einiger Lebhaftigkeit. »Die Frauen haben, wie du weißt, stets etwas zu tun. Während deiner Abwesenheit wollen Diana und ich alles in Ordnung bringen, was während der angestrengten Arbeit der letzten Tage nicht hat geschehen können.«

»Wie du willst, Frau.«

»Um so mehr«, fügte sie lächelnd hinzu, »als wir wahrscheinlich noch lange hier bleiben werden.«

»Vermutlich«, entgegnete der Squatter.

»Es wird mir daher«, fuhr sie fort, »nicht an einer anderen Gelegenheit fehlen, unser neues Reich, wie du sagst, zu besuchen.«

»Sehr richtig bemerkt, und ich bin vollkommen deiner Meinung. William und ich werden daher unsere Rundreise allein antreten, und ich bitte dich, dir nicht zu viele Sorgen zu machen, wenn wir zufällig ein wenig spät heimkehren sollten.«

»Nein, aber unter der Bedingung, daß ihr vor dem Einbrechen der Nacht wieder da seid.«

»Zugestanden.«

Man sprach jetzt von anderen Dingen; aber gegen das Ende der Mahlzeit brachte Sam, ohne es zu wollen, die Unterhaltung fast auf dasselbe Thema zurück. »Ich behaupte, James«, sagte er zu seinem Kameraden, »daß der junge Mann ein Franzose war und kein Kanadier, wie du irrig behauptest.«

»Von wem redet ihr?« fragte John Bright.

»Von dem Gentleman, der die Rothäute begleitete und unser Vieh zurückgegeben hat.«

»Ja, der übrigen Verbindlichkeiten nicht zu gedenken, die wir ihm schulden; denn ich verdanke es ihm allein, daß ich endlich der Besitzer einer Ansiedlung bin.«

»Er war ein würdiger Gentleman«, sagte Mrs. Bright mit Absicht.

»Ach gewiß!« murmelte Diana in unverständlichem Ton.

»Er ist Franzose«, bestätigte John Bright, » das unterliegt keinem Zweifel. Jene Wolfsbrut, die Kanadier, ist außerstande, sich so zu benehmen, wie er es getan hat.« John Bright verabscheute die Kanadier wie alle Nordamerikaner von ganzem Herzen. Er hätte kaum einen Grund dafür anzugeben gewußt; jener Haß war seinem Herzen angeboren.

»Bah!« sagte William. »Gleichviel, aus welchem Land, war der Gentleman jedenfalls ein ebenso wackerer als großmütiger Mann. Ich muß dir gestehen, Vater, daß ich einen gewissen William Bright kenne, der mit Vergnügen für ihn durchs Feuer gehen würde.«

»By God!« rief der Squatter aus, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Wenn du das tätest, würdest du ganz einfach deine Pflicht tun und eine heilige Schuld abtragen. Ich würde etwas darum geben, den jungen Mann wiederzusehen, um ihm zu beweisen, daß ich nicht undankbar bin.«

»Gut gesprochen, Vater!« rief William erfreut aus. »Die ehrlichen Leute sind in dieser Welt zu selten, als daß man diejenigen nicht in Ehren halten sollte, die man kennenlernt. Sollten wir uns jemals wieder treffen, so will ich ihm zeigen, welch ein Mann ich bin.«

Während dieser Reden und Gegenreden schwieg Diana, doch hörte sie aufmerksam mit strahlenden Augen und lächelnden Lippen zu, denn sie war glücklich, auf solche Weise von dem Mann reden zu hören, den sie, ohne es zu wissen, liebte.

Mrs. Bright hielt es für geraten, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. »Es gibt noch eine Person, der wir zu großem Dank verpflichtet sind, denn die Indianer würden uns unbarmherzig abgeschlachtet haben, wenn sie die Vorsehung nicht zu so gelegener Zeit in unsere Mitte geführt hätte. Habt ihr jene Peron bereits vergessen?«

»Bewahre mich Gott!« rief der Squatter eifrig aus. »Das arme Geschöpf hat uns einen zu wichtigen Dienst erwiesen, als daß ich es vergessen sollte.«

»Wer, zum Teufel, mag aber jene Frau sein?« fragte William.

»Das kann ich freilich nicht erraten, und ich glaube, daß sogar die Indianer und die Trapper, die die Prärie durchstreifen, keine Auskunft über sie zu geben vermögen.«

»Sie war ebenso rasch verschwunden als gekommen«, bemerkte James.

»Ja, aber so flüchtig ihr Aufenthalt auch war, so hat er doch tiefe Spuren hinterlassen«, entgegnete Mrs. Bright.

»Schon ihr Anblick genügte, um die Indianer zu schrecken. Jene Frau wird mir übrigens – welches Urteil man auch in meiner Gegenwart über sie fällen mag – wie mein guter Engel vorschweben.«

»Wir verdanken es ihr, daß wir gräßlichen Qualen entgangen sind.«

»Gott segne sie, sie ist ein edles Wesen!« rief der Squatter aus. »Sie kann getrost auf mich rechnen, wenn sie je eines Menschen bedürfen sollte; ich stehe mit allem, was ich besitze, zu ihrer Verfügung!«

Die Mahlzeit war beendet; man erhob sich, und Sam führte die Pferde vor.

John Bright und sein Sohn nahmen ihre Pistolen und das Bowiemesser mit sich, stiegen, nachdem sie nochmals versprochen hatten, nicht zu spät heimzukehren, auf ihre Pferde und ritten behutsam den gewundenen Pfad hinunter, der in die Ebene führte. Hierauf beschäftigten sich Diana und ihre Mutter damit, verabredetermaßen alles in Ordnung zu bringen.

Sobald Mrs. Bright ihren Mann und ihren Sohn hinter den unzähligen Hügeln der Prärie hatte verschwinden sehen und die beiden Diener draußen damit beschäftigt wußte, schadhaftes Pferdegeschirr auszubessern, setzte sie sich auf einen Feldstuhl, griff nach einer Handarbeit und winkte ihrer Tochter, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Diana gehorchte mit einer geheimen Angst, denn ihre Mutter hatte sich bisher noch nie so geheimnisvoll gezeigt, und sie konnte nicht begreifen, was dahinterstecke.

Die Frauen saßen bereits eine Weile mit ihrer Arbeit einander gegenüber da. Endlich ließ Mrs. Bright ihre Nadel ruhen und blickte ihre Tochter an. Diese fuhr fort zu nähen und schien es nicht zu bemerken. »Diana«, hob sie an, »hast du mir nichts zu sagen?«

»Ich, Mutter?« antwortete das junge Mädchen und blickte verwundert auf.

»Ja, du, mein Kind.«

»Verzeih mir, Mutter«, erwiderte sie mit leise bebender Stimme, »aber ich verstehe dich nicht.«

Mrs. Bright seufzte. »Ja«, murmelte sie, »so muß es kommen; es gibt unfehlbar eine Zeit, wo die jungen Mädchen unwillkürlich, ja unbewußt ein Geheimnis vor ihrer Mutter haben.« Bei diesen Worten wischte sich die Frau eine Träne aus dem Auge.

Diana stand lebhaft auf, umarmte ihre Mutter zärtlich und sagte: »Ein Geheimnis? Ich habe ein Geheimnis vor dir, Mutter? Mein Gott, kannst du das glauben?«

»Kind«, antwortete Mrs.Bright mit unbeschreiblich gütigem Lächeln, »das Auge einer Mutter läßt sich nicht täuschen!« Hierauf deutete sie mit dem Finger auf das heftig klopfende Herz des jungen Mädchens und sagte: »Dein Geheimnis steckt hier.« Diana errötete und trat beschämt zurück.

»Glaube nicht, mein liebes Kind, daß ich dir einen Vorwurf machen will. Du unterliegst, ohne es zu wissen, dem Naturgesetz; auch ich habe es in deinem Alter so gemacht, und als mir meine Mutter mein Geheimnis abfragte, habe ich auch behauptet, ich hätte keins, weil ich mir dessen nicht bewußt war.«

Das junge Mädchen barg sein tränennasses Gesicht am Hals der Mutter. Diese strich sanft die blonden Locken aus der Stirn ihrer Tochter, küßte sie und sagte mit der Innigkeit, die nur einer Mutter eigen ist: »Trockne deine Tränen, Diana, mein Herz; rege dich nicht so sehr auf, sondern sage mir nur, was dich seit einiger Zeit quält.«

»Ach, meine gute Mutter«, antwortete das Kind und lächelte durch seine Tränen, »ich begreife es selbst nicht. Ich leide, ohne zu wissen warum; ich empfinde Unruhe und Langeweile, es ist mir alles zuwider und ermüdet mich – und doch scheint mir, als habe sich in meinem Leben nichts geändert.«

»Darin irrst du, Kind«, antwortete Mrs. Bright ernst. »Dein Herz ist ohne dein Vorwissen erwacht; du bist vom jungen, sorglosen und heiteren Mädchen zum Weib geworden; die Sorgen haben dich bedrückt; dein Gesicht ist blaß geworden, und du leidest.« »Ach ja!« murmelte Diana.

»Laß hören, seit wie langer Zeit du so traurig bist.« »Ich weiß nicht, Mutter.«

»Besinne dich!«

»Ich glaube, daß ...«

Mrs. Bright verstand das Zögern ihrer Tochter, fiel ihr daher in die Rede und sagte: »Vom zweiten Tag unserer Ankunft hier, nicht wahr?«

Diana blickte ihre Mutter verwundert an und flüsterte: »In der Tat!« »Deine Traurigkeit hat von dem Augenblick an begonnen, wo die Fremden, die uns so großmütig beistanden, sich verabschiedet haben.«

»Ja«, sagte das junge Mädchen mit kaum hörbarer Stimme, indem es errötend die Augen niederschlug.

Mrs. Bright setzte ihr sonderbares Verhör lächelnd fort. »Als du sie fortreiten sahst, zog sich dein Herz krampfhaft zusammen, deine Wangen erbleichten, du erbebtest unwillkürlich, und wenn ich, die ich dich sorgfältig beobachtete, dich armes Kind nicht gehalten hätte, wärst du zu Boden gefallen. Ist das nicht wahr?«

»Es ist wahr«, antwortete das junge Mädchen in festerem Ton.

»Gut. Und der Mann, von dem dir die Trennung so schwer wurde und um dessentwillen du jetzt traurig bist und leidest – kurz, der Mann ist...?«

»Mutter!« rief sie aus, indem sie sich beschämt in ihre Arme warf und ihr Gesicht am Hals der Mutter verbarg.

»Es ist....?« fuhr jene fort.

»Eduard!« sagte das junge Mädchen kaum hörbar, mit ausbrechenden Tränen.

Mrs. Bright warf ihrer Tochter einen Blick himmlischen Erbarmens zu, küßte sie innig und wiederholt und sagte in sanftem Ton: »Siehst du wohl, mein Kind, daß du ein Geheimnis hattest? Du liebst ihn ja.«

»Ach, Mutter«, flüsterte sie in unschuldigem Ton, »ich weiß es nicht!«

Die gute Frau nickte befriedigt, führte ihre Tochter sanft nach ihrem Sessel zurück, setzte sich wieder nieder und sagte: »Jetzt haben wir uns gegenseitig ausgesprochen; es gibt keine Geheimnisse mehr zwischen uns. Wir wollen daher jetzt ein wenig plaudern, Diana, wenn es dir recht ist.«

»Ich bin gern dabei, Mutter.«

»Höre mich an! Mein Alter und meine Erfahrung versetzen mich in Ermangelung sonstiger Befähigung in die Lage, dir raten zu können. Willst du meinen Rat annehmen?«

»Mutter, du weißt ja, wie sehr ich dich liebe und achte!«

»Ich weiß es, liebes Kind; ebenso, wie ich weiß, wie edel und aufopferungsfähig dein Herz ist. Ich muß dir leider einen großen Schmerz bereiten, doch ist es besser, wenn die Wunde jetzt, wo sie noch nicht sehr tief geht, blutet, als wenn wir warten, bis das Übel unheilbar geworden ist.

»Gewiß!«

»Die Liebe, die in deinem Herzen Wurzeln gefaßt hat, ohne daß du dir dessen bewußt bist, kann noch nicht sehr tief gehen, sondern wird vielmehr nur das Erwachen jener sanften und edlen Regungen sein, die das Leben verschönern und das Erbteil der Frauen sind. Deine Liebe ist viel mehr eine vorübergehende Schwärmerei und ein Werk deiner Phantasie als eine wahre Neigung. Du strebst wie alle jungen Mädchen nach einem unbekannten Ideal, das in Wahrheit nicht existiert, und du schweifst mit dem Übermut der Jugend in den blumenreichen Gefilden der Zukunft umher, wozu du durch das Bedürfnis oder den Durst nach Aufregung getrieben wirst, der in deinem Alter die Gebilde der Phantasie nur zu oft mit den Regungen des Herzens verwechselt; aber du liebst in Wahrheit nicht – ja noch mehr: Du kannst unmöglich lieben! Das, was du jetzt empfindest, hat seinen Sitz in deinem Kopf, während das Herz dabei ganz unbeteiligt ist!«

»Liebe Mutter ...«, fiel ihr das junge Mädchen ins Wort.

»Liebe Diana«, fügte diese hinzu, indem sie die Hand ihrer Tochter erfaßte und drückte, »laß es dir gefallen, wenn ich dich ein wenig quäle; ich erspare dir dadurch furchtbare Leiden, die dein ganzes Lebensglück untergraben würden. Du wirst wahrscheinlich den Mann, den du zu lieben meinst, nie wiedersehen; übrigens weiß er nichts von deiner Liebe und teilt diese nicht. Der kalte, unerbittliche Verstand redet jetzt durch meinen Mund mit dir; sein Urteil ist aber richtig und erspart uns manchen Kummer, während die Schlüsse der Leidenschaft uns, weil sie befangen sind, nur Leiden bereiten. Gesetzt aber, der junge Mann liebte dich auch, so könntest du dennoch nie die Seine werden!«

»Wenn er mich aber liebte, Mutter?« fragte sie schüchtern.

»Du arme Betörte!« erwiderte die Mutter mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids. »Du weißt ja nicht einmal, ob er frei ist. Wer sagt dir, ob er nicht verheiratet ist, und wie willst du es erfahren? Ich will aber gern deine Voraussetzung als möglich annehmen; so hast du noch nicht bedacht, daß der junge Mann von Adel und der Sohn einer der ältesten Familien in Europa ist, daß er ein unermeßliches Vermögen besitzt. Glaubst du denn, daß er sich je entschließen würde, allen geselligen Vorzügen zu entsagen, die ihm seine Stellung bieten? Glaubst du, daß er seinen Familienstolz so sehr verleugnen würde, daß er der Tochter eines geringen amerikanischen Squatters seine Hand reichen möchte?«

»Das ist wahr!« murmelte Diana und barg den Kopf in ihren Händen.

»Und wenn das Unmögliche wahr würde und er es jemals täte – würdest du dich entschließen können, jenem Mann zu folgen und deinen Vater und deine Mutter, die nur dich haben und die dein Verlust zur Verzweiflung bringen würde, hier in der Wildnis zu verlassen? Antworte mir, Diana! Würdest du dich dazu entschließen?«

»Nein, nimmermehr!« rief sie trostlos aus. »Denn euch liebe ich über alles.«

»Recht so, mein Kind; so höre ich dich gern und freue mich, daß meine Worte den Weg zu deinem Herzen gefunden haben. Jener Mann ist gut; er hat uns wichtige Dienste geleistet, wir sind ihm dafür Dankbarkeit schuldig – doch weiter nichts.«

»Ja ... gewiß ... Mutter!« murmelte die Tochter schluchzend.

»Du darfst in ihm nur einen Freund und Bruder sehen!« fuhr diese mit Festigkeit fort.

»Ich will mir Mühe geben ... Mutter.«

»Versprichst du es mir?«

Das junge Mädchen zauderte ein wenig; plötzlich aber richtete es sich auf und sagte mit klangvoller Stimme: »Ich danke dir, Mutter, und schwöre dir – nicht daß ich ihn vergessen werde, denn das ist mir nicht möglich –, aber meine Liebe so gut zu verbergen, daß sie außer dir niemand erraten soll.«

»Komm in meine Arme, Kind! Du verstehst deine Pflicht, bist edel und großherzig.«

In dem Augenblick trat James herein. »Mistress«, sagte er, »der Herr kehrt zurück, aber in Begleitung von mehreren anderen Personen.«

»Trockne deine Augen und begleite mich, mein Kind; wir wollen sehen, wer zu uns kommt.« Dann fügte sie flüsternd hinzu: »Wenn wir wieder allein sind, wollen wir wieder von ihm sprechen.«

»Ach, Mutter«, rief Diana entzückt aus, »wie gut du bist und wie sehr ich dich liebe!«

Sie gingen hinaus und blickten in die Ebene. In ziemlicher Entfernung konnte man in der Tat eine Truppe von vier bis fünf Personen, an deren Spitze John Bright und sein Sohn William ritten, nahen sehen.

»Was bedeutet das?« sagte Mrs. Bright besorgt.

»Wir werden es bald erfahren, Mutter. Beruhige dich; sie scheinen zu ruhig heranzukommen, als daß wir etwas zu fürchten hätten.«

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