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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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20

Indianische Diplomatie

Natah-Otann stellte sich, als habe er das Lächeln des Grafen nicht bemerkt.

»Jetzt hast du dich erholt«, sagte er in sanfterem Ton zu Lianenblüte; »steige daher aufs Pferd und kehre nach dem Dorf zurück; der Rote Wolf wird dich begleiten. Man kann nicht wissen«, fügte er mit einem indianischen Lächeln hinzu, »ob wir nicht auf noch mehr Kuguare stoßen; und da du dich so sehr vor ihnen fürchtest, glaube ich, dir einen Gefallen zu erweisen, indem ich dich veranlasse, dich zu entfernen.«

Das junge Mädchen verneigte sich zitternd und bestieg sein Pferd.

Dem Roten Wolf war unwillkürlich ein Zeichen der Freude entschlüpft, als er vom Häuptling diesen Befehl erhielt, doch dieser hatte es nicht bemerkt.

»Noch einen Augenblick«, fuhr Natah-Otann fort; »denn wenn du dich auch vor den lebenden Kuguaren fürchtest, weiß ich doch, daß du deren Pelz hochschätzt; ich erlaube mir daher, dir diesen hier zu verehren.«

Die Geschicklichkeit der Rothäute im Abziehen der Tiere ist beispiellos. Die beiden Pumas, über denen bereits die Geier in weiten Kreisen schwebten, waren im Nu ihrer prächtigen Felle beraubt, die auf einen Wink des Häuptlings hinter den Sattel des Roten Wolfes geworfen wurden. Das Tier scheute vor dem durchdringenden Geruch, den die Felle der wilden Tiere ausströmten; es bäumte sich erschrocken auf und hätte beinahe seinen Reiter abgeworfen, der sich nur mit Mühe zu halten vermochte.

»Geht jetzt!« sagte der Häuptling kurz, indem er sie mit einer hochmütigen Handbewegung verabschiedete.

Lianenblüte und der Rote Wolf sprengten davon.

Natah-Otann schaute ihnen geraume Zeit nach, ließ dann den Kopf mit einem erstickten Seufzer auf seine Brust sinken und schien in düstere Gedanken vertieft zu sein.

Nach einer Weile fühlte er, daß sich eine Hand fest auf seine Brust stemmte. Er blickte auf. Der Weiße Bison stand vor ihm. »Was wollt Ihr?« fragte er unmutig.

»Weißt du es nicht?« erwiderte der Greis mit einem durchdringenden Blick.

Natah-Otann erbebte. »Richtig!« sagte er. »Die Stunde ist da, nicht wahr?«

»Ja.«

»Sind alle Maßnahmen getroffen?«

»Alle.«

»So gehen wir – aber wo sind sie?«

»Sieh dort!« Bei diesen Worten deutete der Weiße Bison mit dem Finger auf den Grafen und seine beiden Gefährten, die am Rande eines Gehölzes, das etwa zweihundert Schritt von dem indianischen Lager entfernt war, im Gras lagen.

»Aha, sie sondern sich ab!« bemerkte der Häuptling bitter.

»Ist es wegen der Unterredung, die wir mit ihnen führen wollen, nicht besser so?«

»Ihr habt recht.«

Die beiden schritten hierauf rasch, ohne weiter ein Wort zu reden, auf die Weißen zu.

Letztere hatten sich allerdings abgesondert; nicht, weil sie die Indianer verachteten, sondern weil sie ungestörter sein wollten. Was nach dem Tod der beiden Kuguare geschehen war sowie das rücksichtslose Benehmen des Häuptlings gegen Lianenblüte hatte den Grafen verletzt; es bedurfte seiner ganzen Gewalt über sich sowie der Bitten Freikugels, ihn zu hindern, dem Häuptling heftige Vorwürfe zu machen, dessen Benehmen ihm unverzeihlich roh erschienen war. »Jener Mann hat in der Tat einen boshaften Charakter, und ich fange an, mich zu Ihrer Meinung zu bekennen, Freikugel«, sagte er.

»Bah«, antwortete dieser achselzuckend, »das ist noch gar nichts; und wenn wir nur acht Tage bei jenen Schuften bleiben, werden wir noch ganz andere Dinge erleben.« Während des Gesprächs hatte der Kanadier seine Büchse und seine Pistolen frisch geladen. »Macht es wie ich«, sagte er, »denn man weiß nicht, was geschehen kann.«

»Wozu die Vorsicht? Stehen wir denn nicht unter dem Schutz der Indianer, deren Gäste wir sind?«

»Mag sein. Glauben Sie mir aber nur, und befolgen Sie meinen Rat: Mit den Indianern kann man nie für die kommende Stunde stehen.«

Der Graf schickte sich sofort an, seine Waffen frisch zu laden; Ivons Flinte und die Pistolen waren bereits in bestem Stand.

Die beiden indianischen Häuptlinge kamen in dem Augenblick zu dem Grafen, wo er eben mit dem Laden seiner letzten Pistole beschäftigt war. »Oho!« sagte Natah-Otann auf französisch, indem er den jungen Mann mit ausgesuchter Höflichkeit grüßte. »Haben Sie irgendein wildes Tier in der Nähe gewittert, Herr Graf?«

»Vielleicht«, erwiderte jener, indem er die Pistole, nachdem er sie mit dem Zündhütchen versehen hatte, wieder in den Gürtel steckte.

»Was wollen Sie damit sagen, mein Herr?«

»Nichts, als was ich gesagt habe, mein Herr.«

»Ich muß bedauern, daß mir das zu hoch gegeben ist, da ich es nicht verstehe.«

»Das bedauere ich ebenfalls, mein Herr; ich kann Ihnen aber nur mit einem alten lateinischen Spruch antworten.«

»Wie lautet der?«

»Was hilft es mir, Ihnen diesen zu sagen, da Sie nicht Lateinisch verstehen?«

»Gesetzt, ich verstünde es?«

»Nun, wenn Sie darauf bestehen, will ich den Spruch anführen; er lautet: Si vis pacem, para bellum.«

»Was wörtlich heißt?« antwortete der Häuptling mit unerschütterlicher Ruhe, während sich der Weiße Bison in die Lippen biß.

»Was wörtlich heißt...«, begann der Graf.

»Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor«, fiel ihm der Weiße Bison rasch ins Wort.

»Sie haben es gesagt, mein Herr«, sagte der Graf mit einer spöttischen Verbeugung.

Die drei Männer standen einander Aug' in Auge gegenüber wie ausgelernte Duellanten, die ihre Klinge prüfen, ehe sie diese schwingen, und, nachdem sie auf den ersten Blick erkannt haben, daß sie einander an Kräften vollkommen gleich sind, mit verdoppelter Vorsicht ihren Anlauf nehmen, ehe sie einen entscheidenden Ausfall wagen.

Obwohl Freikugel von dem Wortgefecht nicht viel verstanden hatte, veranlaßte ihn doch das Mißtrauen, das den Grundzug seines Charakters bildete, mit Ivon einen Blick des Einverständnisses auszutauschen, den letzterer verstand und in dessen Folge sich beide unter dem Anschein der größten Gleichgültigkeit auf alle Fälle bereithielten.

Nach den letzten Worten des Grafen herrschte eine Zeitlang tiefes Schweigen. Natah- Otann brach es zuerst. »Meinen Sie, daß Sie von Feinden umgeben sind, Herr Graf?« fragte er im Ton verletzter Würde.

»Das habe ich nicht gesagt, mein Herr«, antwortete dieser, »und denke es auch nicht; ich muß aber bekennen, daß alles, was ich seit einigen Tagen beobachte, mir so seltsam erscheint, daß es mir trotz meiner Bemühungen unmöglich ist, mir sowohl von den Menschen als den Gegenständen eine richtige Idee zu machen, und das gibt mir Stoff zum Nachdenken.«

»So?« entgegnete der Indianer kalt. »Und was haben Sie denn so Seltsames bemerkt, Herr Graf? Würden Sie die Gefälligkeit haben, es mir zu sagen?«

»Ich wüßte nicht, weshalb das nicht geschehen könnte, sobald Sie es wünschen.«

»Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich deutlicher erklären wollten.«

»Ich bin gern dazu bereit; und zwar um so mehr, als ich stets die Gewohnheit hatte, meine Meinung offen herauszusagen, und keinen Grund habe, heute zurückhaltender zu sein.«

Die beiden Häuptlinge verbeugten sich, ohne zu antworten, und der Graf stemmte beide Hände auf den Lauf seiner Flinte, deren Kolben auf der Erde ruhte; er blickte sie scharf an und fuhr fort: »Wohlan, meine Herren, ich will Ihnen meine Meinung unumwunden sagen, da Sie diese durchaus wissen wollen: Wir befinden uns hier inmitten der amerikanischen Prärien, das heißt in der wildesten Gegend des Festlandes der Neuen Welt; Ihre Beziehungen zu den Weißen sind stets feindlicher Art gewesen; ihr Schwarzfüße steht in dem Ruf, die unbeugsamsten Indianer, die grausamsten unter den Volksstämmen oder – mit anderen Worten – die unzivilisiertesten aller eingeborenen Bewohner zu sein.«

»Nun«, erwiderte Natah-Otann, »was finden Sie denn Besonderes dabei? Ist es unsere Schuld, wenn uns unsere Bedrücker seit der Entdeckung der Neuen Welt gehetzt haben, wie wilde Tiere in die Wildnis gedrängt und als Wesen betrachtet haben, deren Instinkt sie kaum über das unvernünftige Vieh erhebt? Sie müssen sich deshalb bei ihnen beschweren, nicht bei uns. Mit welchem Recht wollen Sie uns eine Entwürdigung und eine Roheit vorwerfen, die das Werk unserer Verfolger ist und nicht das unsrige?«

»Sie haben mich nicht verstanden, mein Herr. Wenn Sie, statt mich zu unterbrechen, mir einige Minuten länger Gehör geschenkt hätten, würden Sie bald erfahren haben, daß ich Ihnen nicht nur keinen Vorwurf aus Ihrer Erniedrigung mache, sondern mit Ihnen darüber trauere, denn obwohl ich mich erst seit wenigen Monaten in der Prärie aufhalte, habe ich doch mehrfach Gelegenheit gefunden, mir ein Urteil über die unglückliche Menschenrasse zu bilden, der Sie angehören, und die guten Eigenschaften schätzen zu lernen, die sie noch besitzt und die ihr die schändliche Tyrannei der Weißen noch nicht zu rauben vermocht hat, obwohl sie sich deshalb genug Mühe gegeben haben.«

Die beiden Häuptlinge wechselten einen Blick der Befriedigung, denn die großherzigen Worte des jungen Mannes versprachen ihnen den besten Erfolg für ihre Unterhandlung.

»Verzeihen Sie mir, mein Herr, und fahren Sie fort«, sagte Natah-Otann mit einer Verbeugung.

»Das soll geschehen, mein Herr«, antwortete der Graf. »Ich wiederhole, daß ich mich nicht über eine Roheit gewundert habe, die ich mir größer vorgestellt hatte, als sie wirklich ist. Was mir aber sonderbar vorkommt, ist, in dieser Wildnis unter grausamen Indianern zwei ihrer Häuptlinge zu finden, die nicht nur zivilisiert – das wäre zuwenig gesagt–, sondern mit allen Geheimnissen einer weit vorgerückten und raffinierten Zivilisation vertraut sind; ebenso zu hören, wie sie meine Muttersprache mit der größten Reinheit sprechen – mit einem Wort, zu sehen, daß sie mit den Indianern nichts gemein haben als die Kleidung, die sie tragen. Es ist mir ferner sonderbar vorgekommen, daß jene beiden Männer aus einem Grund, den ich nicht kenne, ihr Benehmen je nach den Umständen verändern und in Sprache, Sitten und Wesen bald rohe Indianer, bald vollendete Weltmänner sind, die, statt zu versuchen, ihre Landsleute aus der Versunkenheit zu reißen, in der sie schmachten, diese mit ihnen teilen und sich den Anschein geben, ebenso unwissend und grausam zu sein wie sie. Dadurch vereinigen sie die entgegengesetzten Grundsätze, und alle Stufen der menschlichen Gesellschaft sind gewissermaßen in ihnen vertreten; und ich muß gestehen, meine Herren, daß ich mich nicht nur gewundert, sondern sogar entsetzt habe.«

»Entsetzt?« riefen die beiden Häuptlinge einstimmig aus.

»Ja, entsetzt!« fuhr der Graf lebhaft fort. » Weil eine so fortwährende Vorstellung, wie ihr sie ausübt, irgendwelche düsteren Umtriebe oder bösen Absichten verstecken muß. Mit einem Wort, ich habe mich entsetzt, weil euer Benehmen gegen mich, die Hartnäckigkeit, mit der ihr darauf bestanden habt, mich in eure Mitte zu locken, unwillkürlich Mißtrauen in mir erweckt hat, weil ich einen geheimen Zweck voraussetzen muß.«

»Worin besteht Ihr Verdacht, mein Herr?« fragte Natah-Otann fortfahrend.

»Ich fürchte, als Einsatz für ein schändliches Spiel benützt zu werden.«

Jene in heftigem Ton gesprochenen Worte trafen die bestürzten Häuptlinge wie ein Donnerschlag. Sie entsetzten sich unwillkürlich vor dem Scharfblick des jungen Mannes und wußten nicht, was sie zu ihrer Entschuldigung sagen sollten.

»Mein Herr!« rief endlich Natah-Otann heftig aus.

Der Weiße Bison gebot ihm mit würdevoller Gebärde Schweigen. »Es kommt mir zu, die Worte unseres Gastes zu beantworten«, sagte er. »Und nach der offenherzigen Erklärung, die er uns gegeben hat, ist er berechtigt, eine ebenso offene Erwiderung von uns zu erwarten.«

»Ich höre, mein Herr!« sagte der junge Mann gleichmütig.

»Mein Herr, von den beiden Männern, die vor Ihnen stehen, ist der eine Ihr Landsmann!«

»So?« erwiderte der Graf.

»Und jener Landsmann bin ich.«

Der junge Mann verneigte sich kalt. »Ich habe es geahnt«, entgegnete er, »doch ist das nur geeignet, mein Mißtrauen zu erhöhen.«

Natah-Otann machte eine Bewegung.

»Laß den Herrn ausreden!« sagte der Weiße Bison, indem er ihn zurückhielt.

»Ich habe nicht viel zu sagen, mein Herr. Meine Meinung ist, daß, wenn sich ein Mann entschließt, die Wohltaten der europäischen Zivilisation gegen das unsichere Leben in den Prärien umzutauschen, wenn er alle Bande der Familie und der Freundschaft, die ihn an die Heimat fesseln, zerreißt, um die Lebensweise eines Indianers zu führen, er sich viele ehrlose Handlungen, ja wohl gar Verbrechen vorzuwerfen haben muß und es die Stimme seines Gewissens ist, die ihm gebietet, sich eine solche Buße aufzuerlegen.«

Der Greis runzelte die Brauen und wurde totenblaß. »Sie sind noch sehr jung, mein Herr«, sagte er, »um sich das Recht anzumaßen, einen Greis auf solche Weise anzuklagen, dessen Taten Ihnen ebenso unbekannt sind als sein vergangenes Leben und sein Name.«

»Sie haben recht, mein Herr«, lautete die biedere Antwort des Grafen, »und ich bitte, mir zu verzeihen, was meine Worte Verletzendes enthalten haben.«

»Weshalb sollte ich Ihnen zürnen?« erwiderte der Weiße Bison in traurigem Ton. »Gleichen Sie doch einem Kind, das unter Liedern und Festen zum Bewußtsein erwacht ist und dessen kurzes Dasein sanft und ruhig inmitten des Friedens und des Wohlstandes unseres teuren Frankreich verflossen ist, dessen ich noch täglich mit Tränen gedenke.«

»Hier muß ich Ihnen widersprechen, denn der Friede, den Sie rühmen, hat aufgehört, in Frankreich zu herrschen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß das empörte Volk die Bourbonen zum zweitenmal genötigt hat, in die Verbannung zu wandern.«

Das Auge des Verbannten blitzte auf, seine Glieder erbebten fieberhaft, und er sagte, indem er den Arm des Grafen erfaßte, in einem unbeschreiblich aufgeregten Ton: »Und welche Regierungsform herrscht jetzt in Frankreich?«

»Das Königtum.«

»Das Königtum? Das ist ja unmöglich, da die Bourbonen, wie Sie sagen, wieder verbannt sind.«

»Die Verbannung hat wohl die ältere Linie betroffen, aber die jüngere...«

»Es ist also dem Herzog von Orleans endlich gelungen«, rief der Greis mit zunehmender Aufregung aus, »sich der Krone zu bemächtigen?«

»Ja«, antwortete der Graf mit leiser Stimme.

»Ach!« seufzte der Verbannte, indem er den Kopf in seinen Händen verbarg. »Haben wir so lange gekämpft, damit es dahin kommen mußte?«

Der junge Mann war unwillkürlich über den trostlosen Schmerz des Mannes gerührt, der ihm ein Rätsel blieb. »Wer sind Sie, mein Herr?« fragte er ihn.

»Wer ich bin?« antwortete der Greis in Bitterkeit. »Ich bin einer jener gestürzten Titanen, die im Jahre 1793 im Konvent saßen.«

Der Graf bebte zurück und ließ die Hand, die er ergriffen hatte, fallen. »Ach!« stöhnte er.

Der Verbannte warf ihm einen bedeutsamen Blick zu. »Genug davon«, sagte er, indem er den Kopf aufrichtete und einen strengen, entschlossenen Ton annahm. »Sie sind in unseren Händen, mein Herr; jeder Widerstand wäre vergebens; hören Sie daher, was wir vorzuschlagen haben.«

Der Graf zuckte die Achseln. »Sie werfen die Maske weg«, antwortete er; »das ist auch mir lieber. Aber ehe ich Sie anhöre, habe ich noch eine Bemerkung zu machen: »Ich bin von Adel, wie Sie wissen – mithin Ihr geborener Feind –, und wo immer wir uns auch begegnen mögen, können wir uns nur als Gegner gegenüberstehen.«

»Ja, es sind noch immer die alten«, murmelte der alte Häuptling. »Man kann das hochmütige Geschlecht zerschmettern, aber nimmermehr beugen.«

Der Graf verneigte sich spöttisch, klemmte sein Lorgnon ins Auge, kreuzte die Arme über der Brust und sagte: »Ich warte.«

»Die Zeit drängt«, fuhr das ehemalige Mitglied des Konvents fort, »und alle ferneren Worte würden überflüssig sein, denn wir können uns nicht verstehen.«

»Das ist wenigstens deutlich«, antwortete der Graf lächelnd. »Lassen Sie weiter hören.«

»Das Weitere ist folgendes: Nach Verlauf von zwei Tagen werden sämtliche indianischen Völker auf ein verabredetes Zeichen zu den Waffen greifen und sich erheben wie ein Mann, um das mexikanische Joch abzuschütteln.«

»Was kümmert es mich? Bin ich etwa so weit hergekommen, um mich in politische Händel zu mischen?«

Der Verbannte unterdrückte mit Mühe eine Äußerung des Zorns. »Unglücklicherweise sind Sie nicht im Besitz ihres freien Willens, sondern müssen unsere Bedingungen annehmen, statt uns Vorschriften zu machen. Wenn Sie es nicht tun, müssen Sie sterben.«

»Oho! Sie bedienen sich, wie ich sehe, noch immer der früheren Mittel; doch will ich Geduld üben und erst hören, was Sie von mir erwarten.«

» Wir fordern«, fuhr der Weiße Bison mit nachdrücklicher Betonung fort, »daß Sie den Befehl über sämtliche Krieger übernehmen und den Feldzug in Person leiten, weil Sie allein die Rolle spielen können, die wir Ihnen zuweisen.«

»Was fällt Ihnen ein? Sie sind von Sinnen!«

»Das möchte ich vielmehr von Ihnen behaupten, wenn Sie, seitdem Sie unter den Indianern leben, noch nicht zu der Einsicht gekommen sind, daß Sie längst umgekommen wären, wenn wir nicht mit Bedacht Gerüchte ausgesprengt hätten, die Sie trotz Ihrer Verwegenheit und törichten Selbstgenügsamkeit mit der allgemeinen Achtung umgeben haben.«

»Die Geschichte ist, wie ich sehe, seit langer Zeit vorbereitet.«

»Seit Jahrhunderten!«

»Was Teufel!« antwortete der Graf. »Und was habe ich mit der ganzen Sache gemein?«

»Wenig genug, lieber Herr«, antwortete der Verbannte spöttisch, »und jeder andere würde uns ebenso angestanden haben wie Sie; aber zu Ihrem Unglück haben Sie eine täuschende Ähnlichkeit mit dem Mann, der sich allein an unsere Spitze stellen darf. Und da dieser schon lange tot ist und schwerlich auferstehen dürfte, um uns zur Schlacht zu führen, werden Sie an seine Stelle treten.«

»Recht schön. Und darf ich, ohne unbescheiden zu sein, fragen, wie der Mann heißt, dem ähnlich zu sehen ich die Ehre habe?«

»Gewiß«, antwortete der Greis kalt. »Und zwar um so mehr, als Sie seinen Namen schon gehört haben werden – er hieß Motecuhzoma.«

Der Graf schlug ein lautes Gelächter auf. »Der Spaß ist, auf Ehre, köstlich«, sagte er; »nur ein wenig zu weit ausgesponnen. Jetzt möchte ich meinerseits ein Wort hinzufügen: Was Sie auch tun mögen und welche Mittel Sie auch anwenden, werde ich mich nie dazu verstehen, Ihnen in irgendeiner Weise zu dienen. Da ich gegenwärtig Ihr Gast bin und unter dem Schutz Ihrer Ehre stehe, fordere ich Sie auf, mich frei ziehen zu lassen!«

»Ist das Ihr fester Entschluß?«

»Ja.«

»Das werden wir sehen«, sagte der Greis kalt.

Der Graf warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Platz da!« rief er entschlossen aus.

Die beiden Häuptlinge zuckten die Achseln.

»Wir sind Wilde!« sagte Natah-Otann in spöttischem Ton.

»Platz gemacht, sage ich!« wiederholte der Graf, indem er seine Flinte lud.

Natah-Otann pfiff. In demselben Augenblick traten ungefähr fünfzehn Indianer aus dem Gehölz und stürmten wütend auf die drei Weißen ein. Diese waren zwar überrascht, erwiderten aber den Angriff tapfer. Sie stellten sich mit dem Rücken gegeneinander, stützten sich kräftig mit den Schultern und bildeten plötzlich ein furchtbares Dreieck, vor dem die Rothäute gezwungen waren standzuhalten.

»Oho!« sagte Freikugel. »Wie es scheint, werden wir einen Tanz haben.«

»Ja«, murmelte Ivon, indem er sich fromm bekreuzigte; »doch werden wir dabei umkommen.«

»Wahrscheinlich«, erwiderte der Kanadier.

»Zurück!« kommandierte der Graf.

Die drei Männer fingen nun an, sich langsam nach dem Gehölz zurückzuziehen, das der einzige Schutz war, der sich ihnen bot, und ohne ihre Stellung zu verändern, fuhren sie fort, die Indianer mit vorgestrecktem Gewehr in Schach zu halten.

Die Rothäute sind tapfer, ja sogar verwegen – darüber kann weder gestritten noch ein Zweifel erhoben werden –, doch ist ihr Mut stets berechnet; sie kämpfen nur, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und wagen ihr Leben nur um einen guten Preis.

Sie zauderten.

»Ich glaube, daß wir wohl getan haben«, sagte der Graf spöttisch, »unsere Waffen wieder zu laden.«

»Das wollt' ich meinen!« hohnlachte Freikugel.

»Trotzdem habe ich große Furcht«, bemerkte Ivon mit blitzenden Augen und bebenden Lippen.

»Bah, ihr Söhne des Blutes!« rief Natah-Otann aus, indem er seine Büchse lud. »Schrecken euch drei Bleichgesichter? Vorwärts! Vorwärts, sage ich!«

Die Indianer stießen ihr Kriegsgeschrei aus und fielen über die Jäger her. Die übrigen Indianer eilten auf das Geschrei ihrer Gefährten herbei, um an dem Kampf teilzunehmen.

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