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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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19

Die Jagd

Als Natah-Otann in die Hütte trat, die die Weißen bewohnten – angeblich, um sie aufzufordern, sich für die Jagd fertig zu machen –, hatte sein forschender Blick in wenigen Sekunden jeden Winkel der Wohnung überschaut. Der indianische Häuptling war zu schlau, als daß ihm das gezwungene Wesen und die verlegene Miene des Grafen hätten entgehen sollen; er fühlte aber, daß es unklug sein würde, seinen Verdacht zu äußern. Er stellte sich daher, als bemerke er die Verlegenheit, die sein Eintritt verursachte, nicht, und setzte die Unterhaltung mit jener ausgesuchten Höflichkeit fort, die die Rothäute anzuwenden wissen, sobald sie sich die Mühe geben wollen.

Freikugel und der Graf hatten ihrerseits ihre Fassung bald wiedergewonnen.

»Ich hoffte kaum, meine bleichen Brüder schon munter zu finden«, sagte Natah-Otann lächelnd.

»Warum das?« erwiderte der junge Mann. »In der Wildnis begnügt man sich mit wenig Schlaf.«

»Die bleichen Jäger werden also kommen, mit ihren roten Brüdern zu jagen?«

»Gewiß, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist.«

»Habe ich dem Gläsernen Auge nicht selbst versprochen, ihn einer schönen Jagd beiwohnen zu lassen?«

»Ganz recht«, erwiderte der junge Mann lachend. »Sehen Sie sich aber vor, Häuptling, denn seitdem ich in der Prärie lebe, bin ich verteufelt wählerisch geworden, und es gibt wenig Wild, das ich nicht bereits gejagt habe. Ich bin ja nur aus reiner Liebhaberei für die Jagd in diese unbekannte Gegend gekommen; ich wiederhole Ihnen daher, daß ich ein seltenes Wild verlange.«

Natah-Otann lächelte stolz. »Mein Bruder wird zufrieden sein«, sagte er.

»Welches Tier wollen wir denn hetzen?« fragte der junge Mann verwundert.

»Den StraußEs ist hier von der amerikanischen Straußenart, dem Nandu, die Rede. (Anm. d. Hrsg.)

Der Graf legte sein Erstaunen an den Tag. »Den Strauß? Das kann doch nicht sein, Häuptling.«

»Und warum nicht?«

»Aus dem einfachen Grund, weil es keinen gibt!«

»Der Strauß wird allerdings immer seltener und flieht und entweicht vor den Weißen; er ist aber in der Prärie noch zahlreich genug vertreten, wovon ich meinem Bruder den Beweis liefern werde.«

»Ich bin einverstanden.«

»Gut, es ist alles bereit; ich werde bald kommen, meinen Bruder abzuholen.« Hierauf verneigte sich der Häuptling höflich und entfernte sich.

Kaum fiel der Pelzvorhang hinter dem Häuptling herunter, als es anfing, sich unter den übereinandergehäuften Decken zu regen, und Lianenblüte auf den Grafen zueilte.

»Höre«, sagte sie, indem sie ihm zärtlich die Hand drückte, »ich kann mich jetzt nicht näher erklären, die Zeit drängt; doch vergiß nicht, daß du dir eine Freundin erworben hast.« Ehe sich der Graf von seinem Erstaunen erholt hatte und ihr antworten konnte, war sie mit der Behendigkeit einer Gazelle entschlüpft.

Der junge Mann strich sich mit der Hand wiederholt über die Stirn, während sein Auge nach der Stelle starrte, wo die Indianerin verschwunden war. »Ach«, murmelte er nach einer Weile, »habe ich denn endlich ein wahres Weib gefunden?«

»Sie ist ein Engel!« sagte der Jäger als Antwort auf seine eigenen Gedanken. »Das arme Kind hat schon viel gelitten!«

»Ja, aber jetzt bin ich da und werde sie beschützen!« rief der Graf begeistert aus.

»Denken wir vor allen Dingen an uns selbst, Herr Graf, und sehen wir zu, wie wir mit heiler Haut davonkommen; es wird schwer genug fallen, das kann ich versichern.«

»Was wollen Sie damit sagen, mein Freund?«

»Genug; ich weiß, was ich weiß!« antwortete der alte Jäger kopfschüttelnd. »Denken wir vorläufig nur an unsere Vorbereitung zur Jagd, denn unsere Freunde, die Rothäute, werden bald erscheinen«, fügte er mit spöttischem Lächeln hinzu, was dem Grafen nicht unbedenklich erschien.

Bald aber verlor sich der Eindruck, den die zweideutigen Worte des Jägers hervorgebracht hatten, denn die Liebe war plötzlich in das Herz des jungen Mannes gedrungen, und er hatte nur noch das Verlangen, diejenige wiederzusehen, die er aus allen Kräften seiner Seele liebte. Bei einem so feurig empfindenden Mann wie dem Grafen Beaulieu mußte jedes Gefühl notwendig leidenschaftlich auftreten; das geschah auch jetzt.

Ich weiß nicht, wer behauptet hat, daß die Liebe nichts sei als ein periodischer Wahnsinn; jene vielleicht etwas rücksichtslose Bezeichnung eines Gefühls, das man übereinstimmend für die edelste menschliche Regung hält, ist indessen vollkommen wahr. Die Liebe läßt sich weder gebieten noch vermeiden; niemand weiß, wie und warum sie kommt, noch wie und warum sie geht. Sobald sie sich des menschlichen Herzens bemächtigt, herrscht sie unumschränkt darin, beugt die kräftigsten Naturen unter ihr Joch und treibt sie – je nach den Umständen – an, entweder große Verbrechen oder große Heldentaten zu begehen. Die Liebe entsteht infolge eines Wortes, einer Gebärde, eines Blicks; und kaum geboren, wächst sie zu riesenhafter Größe. Der Graf sollte es auf seine Unkosten erfahren.

Kaum eine halbe Stunde nachdem sich Natah-Otann entfernt hatte, erscholl der Hufschlag mehrerer Pferde, und eine Truppe von Reitern hielt vor dem Calli. Der Graf, Freikugel und Ivon traten heraus.

Natah-Otann erwartete sie an der Spitze von sechzig auserwählten Kriegern, die ihre Festkleider trugen und vollständig bewaffnet waren. »Fort!« sagte er.

»Sobald Sie wollen«, antwortete der Graf.

Der Häuptling winkte. Drei prachtvolle, auf indianische Weise aufgezäumte Pferde wurden von einem Kind herbeigeführt. Die Weißen schwangen sich in den Sattel, und die ganze Truppe setzte sich in Bewegung.

Es war ungefähr sechs Uhr morgens. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte den Himmel vollkommen reingefegt, und er war von einem sanften Blau. Die Sonne stand bereits hoch genug am Himmel, um ihre warmen Strahlen nach allen Richtungen auszusenden, während die würzigen, kräftigen Dünste, die vom Boden aufstiegen, die zu große Hitze milderten. Die Luft war von einer unglaublichen Klarheit; ein leiser Wind erfrischte die Atmosphäre, und Scharen buntschillernder Vögel flatterten unter fröhlichem Gezwitscher hin und her.

Die Truppe zog heiter durch das hohe Gras der Ebene, trieb die Staubwolken vor sich her und schlängelte sich wie eine ungeheure Schlange durch die zahllosen Biegungen des Weges. Der Ort der Jagd war ungefähr drei Stunden vom Dorf entfernt.

In der Wildnis gleicht eine Ebene der anderen vollkommen; überall sieht man hohes Gras, hinter dem die Reiter vollständig verschwinden, verkümmertes Gebüsch und hie und da hohe Waldbäume, die ihre Wipfel hoch in die Wolken erheben. So war auch der Weg, den die Indianer bis zu der Stelle, wo die Jagd stattfinden sollte, zurückzulegen hatten.

Zu der Zeit, wo unsere Erzählung spielt, fand man in den Prärien von Arkansas und denen des Missouri noch Strauße in großer Zahl, und die Jagd auf diese war ein Hauptvergnügen der Rothäute und der Waldläufer. Es ist wahrscheinlich, daß das allmähliche Vordringen der Weißen sowie die ungeheuren Lichtungen, die das Feuer und die Axt hervorbrachten, sie gezwungen haben, jenes Gebiet zu verlassen, um sich in die unnahbaren Einöden des Felsengebirges oder in die Sandebenen des Far West zurückzuziehen. –

Wir flechten hier, ohne uns ein Gelehrtenurteil anmaßen zu wollen, einige Bemerkungen über das seltsame Tier ein, das in Europa noch sehr wenig bekannt ist.

Im allgemeinen leben die Strauße familienweise beisammen in einer Anzahl von acht bis zehn Stück und verstreuen sich an den Ufern der Moräste, Teiche und Flüsse. Sie nähren sich von frischen Kräutern. Ihre Anhänglichkeit an ihren Geburtsort ist so groß, daß sie die Ufer der Gewässer nur selten verlassen, und nur im November kommen sie in die Ebene, um ihre Eier, deren sie fünfzig bis sechzig haben, an irgendeiner der einsamsten Stellen niederzulegen. Nur des Nachts werden diese vom Männchen und vom Weibchen abwechselnd mit beispielloser Zärtlichkeit ausgebrütet. Sobald die Brütezeit beendet ist, zerhackt der Vogel mit seinem Schnabel die befruchteten Eier, die sich sofort mit Fliegen und Insekten bedecken, die den Jungen als Nahrung dienen.

Der Strauß der westlichen Prärien unterscheidet sich nur wenig vom Nandu der Pampas von Patagonien und vom afrikanischen Strauß. Seine Höhe beträgt ungefähr fünf Fuß, während er von der Magengegend bis zur Spitze des Schwanzes viereinhalb Fuß mißt. Sein Schnabel ist lang, spitz und etwas über fünf Zoll lang.

Ein herausragender Zug in der Gemütsart der Strauße ist ihre große Neugierde. Nicht selten drängen sie sich in den indianischen Dörfern, wo man sie wie Haustiere hält, zwischen die Leute, die miteinander reden, und sehen sie unverwandt und aufmerksam an. In der Ebene müssen sie ihre Neugierde häufig hart büßen, denn diese treibt sie dazu, alles aus der Nähe zu betrachten, was ihnen absonderlich vorkommt. Wir führen zum Beleg dafür eine recht unterhaltende indianische Geschichte an, deren Wahrheit wir indessen nicht verbürgen wollen.

Die Jaguare sind große Liebhaber des schmackhaften Straußenfleisches; unglücklicherweise ist es ihnen trotz ihrer Behendigkeit unmöglich, diese einholen zu können. Da aber die Jaguare sehr schlaue Tiere sind, so pflegen sie durch List zu erlangen, was sie mit Gewalt nicht haben können. Sie bedienen sich bei passender Gelegenheit folgender List: Sie legen sich wie tot auf die Erde, strecken ihren Schwanz in die Luft und bewegen diesen nach allen Richtungen, bis die arglosen Strauße, von dem sonderbaren Anblick angezogen, näher kommen; das übrige läßt sich leicht erraten, und sie werden die Beute der listigen Jaguare.

Nach einem raschen, dreistündigen Ritt erreichten die Jäger eine ungeheure öde Sandebene. Natah-Otann und seine weißen Gäste hatten unterwegs nur wenige Worte gewechselt, denn ersterer war fast während der ganzen Dauer der Reise mit dem Weißen Bison vorangeritten. Die Indianer stiegen in der Nähe eines Baches vom Pferd und tauschten ihre Tiere gegen Renner um, die der Häuptling während der Nacht an die Stelle vorausgeschickt hatte und die genug geruht hatten, um einen anstrengenden Ritt aushalten zu können. Natah-Otann teilte die Jäger in zwei Truppen von gleicher Stärke, behielt sich den Befehl über die erste vor und bot dem Grafen de Beaulieu höflich an, die Leitung der zweiten zu übernehmen.

Der junge Franzose hatte einer solchen Jagd niemals beigewohnt; die Art, wie sie geführt wurde, war ihm völlig unbekannt; er lehnte daher die ihm zugedachte Ehre ab, für die er aber seinen verbindlichen Dank aussprach.

Natah-Otann bedachte sich eine Zeitlang, dann wandte er sich zu Freikugel und fragte ihn: »Kennt mein Bruder die Strauße?«

»Nun«, antwortete der Kanadier lächelnd, »ich habe diese in der Prärie zu einer Zeit gejagt, wo mein Bruder noch nicht geboren war.«

»Gut«, erwiderte der Häuptling, »dann wird mein Bruder den Befehl über die zweite Truppe übernehmen.«

»Gewiß«, sagte der Jäger, sich verbeugend; »das nehme ich mit Vergnügen an.«

Nachdem man sich darüber geeinigt hatte, begann die Jagd. Auf ein gegebenes Zeichen begab sich die erste Truppe, die Natah-Otann anführte, tiefer in die Ebene, wobei sie einen Halbkreis bildete, in der Absicht, das Wild nach einer Schlucht zu treiben, die sich zwischen zwei aus Flugsand gebildeten Hügeln befand. Die zweite Truppe, an deren Spitze sich Freikugel nebst dem Grafen und Ivon befand, bildete eine lange Front, die den Halbkreis schloß, den ihre Kameraden beschrieben hatten. Durch die Bewegung der Reiter zog sich der Kreis mehr und mehr zusammen, bis ungefähr zehn Strauße hinter einer Erderhöhung sichtbar wurden; aber das Männchen, das als Schildwache aufgestellt war, warnte die Seinigen durch einen gellenden Pfiff, gleich dem des Hochbootsmanns, vor der drohenden Gefahr.

Die Strauße ergriffen sofort in gerader Linie die Flucht, ohne sich umzusehen. Sämtliche Jäger sprengten ihnen mit verhängten Zügeln nach. Die bis dahin tote, stille Ebene belebte sich plötzlich und bot ein seltsames Schauspiel. Die Reiter verfolgten die unglücklichen Tiere mit der ganzen Schnelligkeit ihrer Pferde, wobei sie ganze Wolken feinen Staubes in die Höhe jagten.

Schon hatten die Indianer das Wild bis auf zwölf oder fünfzehn Schritte erreicht und schwenkten, ihre Pferde anspornend und über deren Hals gebogen, ihre furchtbaren Streitäxte durch die Luft und schleuderten sie mit aller Gewalt nach den Tieren. Verfehlten sie ihr Ziel, so neigten sie sich, ohne den Lauf ihres Pferdes zu mäßigen, auf die Seite, hoben ihre Waffe wieder auf und schleuderten sie von neuem fort.

Mehrere Straußenfamilien waren aufgescheucht worden. Die Jagd artete nun in einen wahren Freudentaumel aus. Das Hurrageschrei erschütterte die Luft. Die Streitäxte pfiffen durch die Luft und trafen Hals, Flügel und Beine der Strauße, die bestürzt und sinnlos vor Schrecken durch tausend Finten und Kreuzundquersprünge ihren unbarmherzigen Feinden zu entwischen versuchten und rechts und links mit den Flügeln um sich schlugen, um die Pferde mit der Art von Stachel zu verwunden, mit dem die Spitzen ihrer Flügel versehen sind. Etliche der Renner bäumten sich, strauchelten über fünf bis sechs Strauße, die sich unter ihren Beinen befanden, und stürzten mit ihren Reitern zu Boden. Die Vögel nützten die augenblickliche Verwirrung, um fortzustürzen, schlugen aber, ohne es zu wissen, die Richtung ein, wo die anderen Jäger standen, die sie mit einer Ladung von Streitäxten empfingen.

Jeder Jäger stieg nun vom Pferd, tötete das von ihm getroffene Wild, schnitt ihm zum Zeichen seines Sieges die Flügel ab und setzte dann die Verfolgung mit doppeltem Eifer fort. Strauße und Jäger wälzten sich mit der Gewalt des Cordonazo, jenes furchtbaren Windes der mexikanischen Wüsten, über die Ebene. Es lagen bereits gegen vierzig Strauße auf dem Boden.

Natah-Otann warf einen Blick um sich und gab dann das Zeichen des Rückzugs. Der Teil der Vögel, der bei dem heißen Kampf nicht erlegen war, suchte mit Flügeln und Beinen eine sichere Zufluchtsstätte zu erreichen. Die Toten sammelte man sorgfältig, denn das Fleisch des Straußes ist sehr geschätzt, und besonders aus dem Brustfleisch bereiten die Indianer eine berühmte Speise, die sich durch Schmackhaftigkeit auszeichnet. Die Krieger gingen nun, um die Eier zu suchen, die gleichfalls ein Leckerbissen sind und deren sie ebenfalls eine große Menge erbeuteten.

Obwohl die Jagd im ganzen kaum zwei Stunden gedauert hatte, waren die Pferde so atemlos und von Schweiß triefend, daß sie der Ruhe bedurften, ehe man nach dem Dorf zurückkehren konnte. Natah-Otann befahl, ein Lager aufzuschlagen.

Der Graf de Beaulieu hatte noch nie ein solches Vergnügen genossen, noch nie einer so seltsamen Jagd beigewohnt, obwohl er während seines Aufenthalts in der Prärie nach der Reihe alle Tiere gejagt hatte, die diese bewohnen. Er überließ sich daher der Freude der Jagd mit jugendlichem Feuer, hetzte die Strauße in gestrecktem Lauf und erschlug sie mit kindischem Vergnügen.

Als der Häuptling das Zeichen des Rückzugs gab, unterbrach der Graf die Verfolgung nur mit Widerstreben und verließ langsamen Schrittes einen Kampf, der soviel Reiz für ihn hatte.

Plötzlich stießen die Indianer einen durchdringenden Schrei aus, und alle griffen nach den Waffen.

Der Graf blickte sich verwundert um und konnte sich eines leisen Schauders nicht erwehren. Die Straußenjagd war zwar beendet, aber nun sollte, wie es in jenen Gegenden sehr häufig geschieht, eine weit gefährlichere beginnen: die Jagd auf KuguareDer Kuguar (Felis discolor Linn.) oder Puma ist der amerikanische Berg- oder Silberlöwe. (Anm. d. Hrsg.). Es hatten sich plötzlich zwei jener Tiere gezeigt.

Der Graf fand augenblicklich seine Fassung wieder, lud seine Büchse und schickte sich an, diesem neuen Wild entgegenzutreten.

Auch Natah-Otann hatte die wilden Bestien bemerkt. Er befahl durch einen Wink zehn seiner Krieger, sich um Lianenblüte zu scharen, die er genötigt hatte, ihn zu begleiten, oder die – richtiger gesagt – darauf bestanden hatte, der Jagd beizuwohnen. Als er sich überzeugt hatte, daß das junge Mädchen wenigstens für den Augenblick in Sicherheit war, wandte er sich zu einem neben ihm stehenden Krieger und sagte: »Koppelt die Hunde los.«

Man ließ ein Dutzend Hunde los, die einstimmig zu heulen anfingen, als die wilden Tiere näher kamen.

Die Indianer sind so sehr daran gewöhnt, auf der Straußenjagd solche Störungen zu erleben, daß sie sich jenem Lieblingsvergnügen niemals überlassen, ohne Hunde mitzunehmen, die auf Pumas dressiert sind.

In einer Entfernung von ungefähr vierhundert Schritt von der Stelle, wo sich die Indianer befanden, lagen zwei Kuguare auf der Lauer und starrten die Rothäute unverwandt an. Die Tiere waren noch jung und ungefähr von der Größe eines Kalbes; ihr Kopf hatte viel Ähnlichkeit mit dem einer Katze, und ihr glattes, weiches, graugelbes Fell war schwarz gefleckt.

»Vorwärts!« rief Natah-Otann aus. »Macht Jagd!«

»Jagd gemacht!« riefen alle Anwesenden.

Hierauf stürmten Reiter und Hunde um die Wette mit Geschrei, Geheul und Gebell auf die Tiere ein, welcher Lärm wohl geeignet war, unerfahrene Pumas zu schrecken. Die edlen Tiere blieben verwundert unbeweglich stehen, schlugen sich die Seiten mit dem gewaltigen Schweif und atmeten die Luft aus vollem Hals ein. Nur einen Augenblick blieben sie unbeweglich, dann sprangen sie plötzlich auf und flohen in weiten Sätzen.

Ein Teil der Jäger war in gerader Richtung davongeeilt, um den Pumas den Rückweg zu versperren, während andere, über den Hals ihrer Pferde gebeugt, die sie mit einem Druck ihrer Knie regierten, Pfeile oder Kugeln abfeuerten, ohne die Tiere aufhalten zu können, die sich wütend gegen die Hunde wandten und sie, vor Schmerz heulend, weit wegschleuderten.

Indessen nahmen die an solche Jagden schon lange gewöhnten Hunde die günstige Gelegenheit wahr, um sich auf den Rücken eines der Pumas zu schwingen und die Krallen in sein Fleisch zu bohren, aber mit einem mörderischen Hieb seiner Tatze schüttelte sie der Puma wie Fliegen ab und setzte seine eilige Flucht fort.

Endlich rollte einer der Kuguare, von mehreren Pfeilen durchbohrt und von den Hunden umringt, zu Boden, wühlte die Erde mit seinen Tatzen auf und stieß ein entsetzliches Geheul aus. Der Kanadier tötete ihn vollends mit einer Kugel, die er ihm ins Ohr schoß.

Nun blieb aber noch der zweite Kuguar übrig, der noch nicht verwundet war und durch seine gewaltigen Sätze der Geschicklichkeit der Jäger spottete. Die ermüdeten Hunde wagten nicht, sich ihm zu nahen. Im Laufe seiner Flucht gelangte er in geringe Entfernung von der Stelle, wo sich Lianenblüte befand; er tat plötzlich einen Seitensprung auf die rechte Seite, setzte über die Indianer, deren zwei verletzt zu Boden stürzten, und fiel sprungfertig zu den Füßen des jungen Mädchens nieder.

Lianenblüte wurde totenblaß, faltete unwillkürlich mit gebrochenen Blicken die Hände und stürzte mit einem erstickten Schrei bewußtlos zu Boden.

Ihr Schrei wurde zweifach erwidert, und in dem Augenblick, wo der Puma auf das junge Mädchen springen wollte, trafen ihn zwei Kugeln in die Brust. Mit einer raschen Wendung drehte er sich nach seinem neuen Feind um. Es war der Graf de Beaulieu. »Niemand rühre sich!« rief er Natah-Otann und Freikugel entgegen, die herbeigeeilt kamen, indem er ihnen winkte, zu halten. »Jenes Wild gehört mir, und kein anderer als ich soll es töten!«

Der Graf war vom Pferd gestiegen und stand, mit dem Lorgnon im Auge, auseinandergespreizten und fest auf den Boden gestemmten Beinen und der Büchse auf der Schulter, unbeweglich wie eine steinerne Bildsäule, da und starrte den Puma an.

Eine tödliche Angst erfaßte die Herzen der Anwesenden, und niemand wagte sich zu rühren.

Der Löwe stand unschlüssig, warf einen Blick nach der Beute, die vor ihm auf dem Boden lag, und sprang dann heulend auf den jungen Mann los. Dieser feuerte wieder sein Gewehr ab. Das Tier stürzte und wand sich am Boden, worauf der Graf mit seinem Jagdmesser in der Hand darauf zueilte.

Mensch und Löwe fielen übereinander her, aber nur einer der Kämpfer stand wieder auf– es war der Mensch.

Lianenblüte war gerettet.

Als das junge Mädchen die Augen wieder öffnete, warf es einen scheuen Blick um sich, reichte dann dem Franzosen die Hand und sagte mit ausbrechenden Tränen: »Dank – tausend Dank!«

Natah-Otann trat zu ihr. »Schweig!« sagte er barsch. »Was das Bleichgesicht getan hat, hätte Natah-Otann auch vollbringen können!«

Der Graf lächelte verächtlich, antwortete aber nicht, denn es wurde ihm klar, daß er einen Nebenbuhler vor sich hatte.

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