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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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17

Fort Mackenzie

Fort Mackenzie, das der Major Mitchell, der Hauptagent der Pelzgesellschaft von Nordamerika, im Jahre 1832 gegründet hat, erhebt sich wie ein drohender Posten ungefähr 120 Schritt vom nördlichen Ufer des Missouri und ungefähr 70 Stunden vom Felsengebirge in der Mitte einer Ebene, die durch eine Hügelkette, die sich von Süden nach Norden zieht, geschützt wird. Fort Mackenzie ist in derselben Art erbaut wie die übrigen Vorposten der Zivilisation in den östlichen Prärien der Vereinigten Staaten. Die Festung bildet ein vollkommenes Viereck, dessen Seiten ungefähr 45 Fuß lang sind. Ihre Verteidigungswerke bestehen in einem acht Klafter tiefen und ebenso breiten Graben, zwei soliden Blockhäusern und zwanzig Kanonen. Die im Innern befindlichen Wohnungen sind niedrig und mit engen Fenstern versehen, deren Scheiben durch Pergamentblätter ersetzt sind. Die Dächer sind flach und mit Rasen bewachsen.

Die beiden Tore des Forts sind schwer und mit Eisen beschlagen. In der Mitte des freien Raumes, der sich im Innern der Festung befindet, erhebt sich ein Mast, von dessen Spitze die gesternte Flagge der Vereinigten Staaten weht. Zwei Kanonen sind an dessen Fuß aufgefahren.

Die Ebene, die Fort Mackenzie umgibt, ist mit drei Fuß hohem Gras bewachsen. Sie ist beinahe fortwährend mit den Zelten der indianischen Stämme bedeckt, die mit den Amerikanern Handel treiben, von denen wir die Schwarzfüße, die Assiniboins, die Mandaner, die Flachköpfe, die Dickbäuche, die Raben und die Kutanés namentlich anführen.

Die Indianer hatten sich abgeneigt gezeigt, als sich die Weißen zuerst auf ihrem Gebiet niederlassen wollten, und der erste Agent, den die Pelzgesellschaft abschickte, hätte den schwierigen Auftrag beinahe mit dem Leben gebüßt. Nur durch List und Schlauheit gelang es, eine Art Friedens- und Handelskontrakt mit jenen Stämmen abzuschließen, den diese übrigens unter dem erstbesten Vorwand zu brechen bereit waren. Die Amerikaner waren daher ständig auf ihrer Hut und wie in fortwährendem Belagerungszustand. Es ereignete sich außerdem von Zeit zu Zeit, daß trotz der Freundschaftsversicherungen der Indianer irgendein im Dienst der Kompanie stehender Trapper oder sonstiger Beamter entweder ermordet oder skalpiert in das Fort gebracht wurde, ohne daß es möglich war, solche Verbrechen zu ahnden. Ja man enthielt sich sogar aus Klugheit, jene vereinzelten Morde – die allerdings immer seltener wurden – zu bestrafen. Die Habsucht der Indianer machte ihnen begreiflich, daß es besser wäre, mit den Bleichgesichtern in Frieden zu leben, die sie reichlich mit Lebensmitteln versahen; des Feuerwassers und des Geldes nicht zu gedenken, das sie für ihre Pelzwaren eintauschten.

Im Jahre 1834 befehligte der Major Melville Fort Mackenzie. Er war ein erfahrener Mann, der fast sein ganzes Leben unter den Indianern zugebracht hatte – entweder mit ihnen kämpfend oder Handel mit ihnen treibend –, so daß er mit all ihren Gewohnheiten und Kriegslisten vertraut war. General Jackson, in dessen Armee er als Offizier gedient hatte, legte großen Wert auf seinen Mut, seine Geschicklichkeit und seine Erfahrung. Major Melville besaß nicht nur große Energie, sondern auch außergewöhnliche körperliche Kraft; er war der rechte Mann, der die rohen Völker, mit denen er verkehren mußte, im Zaum zu halten und die Trapper und Jäger, die Menschen ohne Gott und Gebot zu sein pflegen, zu befehligen vermochte. Seine Untergebenen waren größtenteils selbständige Abenteurer, die keine andere Gewalt als die der Büchse und des Bowiemessers anerkannten, und er gründete daher sein Ansehen auf eine unbeugsame Strenge und eine unbestechliche Gerechtigkeit, die viel dazu beigetragen hatten, das gute Einvernehmen zu erhalten, das zwischen den Bewohnern des Forts und ihren arglistigen Feinden bestand.

Seit einigen Jahren schien der Friede – das Mißtrauen abgerechnet, das dessen Grundlage bildete – zwischen den Bleichgesichtern und den Rothäuten ziemlich fest gegründet zu sein. Die Indianer schlugen alljährlich ihr Lager vor der Feste auf und tauschten ihre Pelzwaren friedlich gegen Branntwein, Kleider, Pulver usw. ein. Die aus siebzig Mann bestehende Garnison vernachlässigte allmählich die gewohnten Vorsichtsmaßnahmen für ihre Sicherheit, so überzeugt hielt man sich, daß man durch Nachgiebigkeit und gute Behandlung die Indianer von ihren raubsüchtigen Gewohnheiten geheilt habe.

An dem Tag, wo uns der fernere Verlauf unserer Erzählung nötigt, uns nach Fort Mackenzie zu begeben, war die Stellung, die die Weißen und die Rothäute gegenseitig einnahmen, folgende:

Die Umgebung des Forts ist reizend und reich an Abwechslung. Am Tag nach den im Dorf der Kenhas eingetretenen Ereignissen steuerte eine aus Leder gefertigte Piroge, in der sich ein einziger Ruderer befand, den Elkhorn River entlang, auf den amerikanischen Vorposten zu. Nachdem das Fahrzeug die unzähligen Biegungen des Flusses umschifft hatte, lief es endlich in den Missouri ein, drehte sich plötzlich nach Nordosten und fuhr am nördlichen Ufer entlang, an dem sich prächtige, wenigstens zwanzig Stunden breite Prärien erstreckten, auf denen zahlreiche Herden Bisons, Antilopen und Bighorns weideten, die das geräuschlos vorübergleitende Fahrzeug mit gespitzten Ohren und entsetzten Blicken betrachteten.

Aber der Ruderer – ob Mann, ob Weib – schien zu große Eile zu haben, ans Ziel zu kommen, um die Zeit damit zu verlieren, eins der Tiere zu erlegen, was leicht genug gewesen wäre. Der geheimnisvolle Steuermann hielt den Blick starr vor sich hin gerichtet, bückte sich emsig über die Ruder, und je näher er dem ersehnten Ziel kam, um so mehr verdoppelte er seine Anstrengungen und stieß von Zeit zu Zeit dumpfe Ausrufe des Zorns oder der Ungeduld aus, ohne jedoch seine Fahrt zu mäßigen.

Endlich entschlüpfte ein »Ah!« der Befriedigung seinen zusammengepreßten Lippen, als das Fahrzeug um eine der zahllosen Biegungen des rechten Flußufers bog und sich plötzlich eine prachtvolle Landschaft öffnete. Sanfte Abhänge, deren Gipfel verschiedenartig gestaltet – bald abgerundet, bald flach – und von einem freundlichen Grün waren, bildeten den Hintergrund des Bildes. Im Vordergrund grünten hohe Pappelwälder und Weiden, die am geschlängelten Ufer des Flusses standen, der sich durch die Prärie wand, die im Abenddunkel eine bläuliche Färbung angenommen hatte. Ein wenig weiter hin erhob sich Fort Mackenzie auf der Höhe eines grünbewachsenen Hügels, von dessen Mast die schöne gesternte Flagge der Vereinigten Staaten flatterte und in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne erglänzte, während von der einen Seite das indianische Lager sichtbar wurde, indessen eine Herde Pferde auf der anderen Seite friedlich graste und die erhabene, majestätische Ruhe des Bildes belebte.

Die Piroge näherte sich dem Ufer mehr und mehr und strandete sanft im Sand, sobald sie sich unter dem Schutz der Kanonen des Forts befand. Der einsame Ruderer sprang mit einem Satz ans Ufer, und jetzt konnte man deutlich sehen, daß es eine Frau war. Jene Frau war, wie wir sofort vorausschicken wollen, keine andere als das geheimnisvolle Wesen, dem die Indianer den Beinamen Wölfin der Prärien gegeben hatten und das in unserer Erzählung bereits zweimal aufgetreten ist.

Die Frau hatte ihre Kleidung geändert; diese näherte sich wegen des Stoffes, aus dem sie bestand, zwar immer noch der indianischen Tracht – sie war nämlich aus zusammengenähten Elch- und Bisonfellen gefertigt –, wich aber im Schnitt von letzterer ab, und wenn es auf den ersten Blick auch schwer war zu entscheiden, ob der Träger ein Mann oder ein Weib sei, war es hingegen leicht, diesen wegen der Einfachheit, der Sauberkeit und besonders der Weite des Gewandes, das das seltsame Geschöpf umhüllte, das sich darunter verbarg, für einen Weißen zu erkennen.

Nachdem die Wölfin aus ihrem Kahn gestiegen war, befestigte sie diesen mittels eines großen Steines, und ohne sich weiter darum zu kümmern, schritt sie eilig zum Wald.

Es war ungefähr sechs Uhr abends, und der Tauschhandel mit den Indianern war beendet; diese kehrten singend und lachend zu ihren Zelten aus Bisonfellen zurück, während die im Dienst des Forts stehenden Rothäute ihre Pferde sammelten und langsam damit heimkehrten. Die Sonne ging hinter den schneebedeckten Spitzen des Felsengebirges unter und färbte den Himmel mit purpurnen Streiflichtern. In dem Maße, wie das Gestirn am fernen Rand des Horizonts verschwand, breitete sich die Dunkelheit gleichmäßig über die Erde. Der Gesang der Indianer, das Geschrei der Pferdehirten, das Gewieher der Pferde und das Gebell der Hunde bildeten eines jener seltsamen Konzerte, die inmitten jener erhabenen Natur die Seele zu stiller, schwermütiger Einkehr stimmen.

Die Wölfin gelangte vor die Tür des Forts, als eben der letzte Dienstknecht eintrat, nachdem er die Nachzügler seiner Herde hatte vorausgehen lassen.

An den Grenzposten, wo man wegen des überall lauernden Verrats zu der größten Wachsamkeit gezwungen ist, sind Tag und Nacht Schildwachen aufgestellt, die die besondere Pflicht haben, die öden, einsamen Prärien mit den Augen zu durchforschen, die sich rings um die Festung in unabsehbare Fernen erstrecken und jeden Augenblick bereit sind, die geringste ungewohnte Bewegung zu verkünden, die entweder Tiere oder Menschen in jenen ungeheuren Einöden vornehmen. Die lederne Piroge der Wölfin war bereits seit sechs Stunden entdeckt, alle ihre Bewegungen waren sorgsam beobachtet worden, und als die Wölfin, nachdem sie ihr Fahrzeug am Ufer befestigt hatte, am Tor des Forts erschien, fand sie dieses fest verriegelt; nicht weil ihre Person der Garnison irgendwelche Befürchtungen einflößte, sondern weil die Hausordnung verlangte, daß niemand – außer wegen sehr triftiger Gründe – die Festung nach Sonnenuntergang betreten sollte.

Die Wölfin unterdrückte sorgfältig ihren Mißmut, als sie sich so der Gefahr ausgesetzt sah, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen; nicht wegen der Notwendigkeit, sich in der Ebene ein Lager zu suchen, sondern aus Gründen, die ihren sofortigen Einlaß erheischten und deren Wichtigkeit sie erkannte. Sie ließ sich indessen nicht abschrecken, sondern bückte sich, las einen Stein auf und schlug damit zweimal gegen das Tor.

Ein Schiebefenster öffnete sich sofort, und ein Paar Augen funkelten durch die Öffnung.

»Wer da?« fragte eine Stimme barsch.

»Gut Freund!« antwortete die Wölfin.

»Das klingt zu der Stunde der Nacht sehr unbestimmt«, erwiderte die Stimme mit einem Hohngelächter, das den Wünschen der Wölfin wenig Erfolg versprach. »Wer seid Ihr?«

»Eine Frau, und zwar eine Weiße, wie Sie es leicht an meiner Sprache und an der Kleidung sehen können.«

»Wohl möglich; aber die Nacht ist finster, und es ist mir nicht möglich, Euch zu erkennen! Wenn Ihr mir daher keine triftigeren Gründe anführen könnt, so wünsche ich eine gute Nacht; geht Eures Weges weiter, morgen bei Sonnenaufgang sehen wir uns wieder.«

Bei diesen Worten schien der Sprecher die Lücke wieder zuschieben zu wollen, doch hielt ihn die Wölfin entschlossen zurück. »Einen Augenblick!« sagte sie.

»Was gibt es noch?« fragte jener von innen in mißmutigem Ton. »Faßt Euch kurz; ich kann nicht die ganze Nacht hier stehen, um Euch anzuhören.«

»Ich will nur eine Frage stellen und um eine Gefälligkeit bitten«, erwiderte sie.

»Teufel!« rief der Mann aus. »Das ist viel in einem Atem; als ob das alles eine Kleinigkeit wäre! Nun, redet nur, das verpflichtet mich ja noch zu nichts.«

»Ist Major Melville gegenwärtig im Fort?«

»Vielleicht.«

»Sagt ja oder nein.«

»Nun ja; was weiter?«

Die Wölfin stieß einen Seufzer der Befriedigung aus, zog rasch einen Ring, den sie am Finger trug, ab, steckte diesen durch die Luke dem Mann im Innern zu und sagte: »Tragt dem Major den Ring hin; ich warte hier auf Antwort.«

»Hütet Euch! Der Kommandant liebt es nicht, wegen einer Kleinigkeit gestört zu werden.«

»Tut, wie ich gesagt habe; ich stehe für alles.«

»Eine traurige Bürgschaft!« brummte jener. »Gleichviel – ich will es darauf ankommen lassen. Wartet!«

Das Schiebefenster wurde zugemacht. Die Wölfin setzte sich auf den Rand eines Grabens, stützte ihre Ellbogen auf die Knie und barg den Kopf in den Händen.

Die Nacht war unterdessen vollständig hereingebrochen; die Feuer der Indianer leuchteten wie Leuchtfeuer in der Ferne; in den schwankenden Gipfeln der hohen Bäume heulte der Abendwind, und zuweilen vermischte sich das Gebrüll der wilden Tiere mit dem gellenden Gelächter der Rothäute. Am schwarzen Himmel leuchtete kein Stern; vom Fluß aus erhob sich ein deutliches Gemurmel; die Natur schien mit einem Leichentuch bedeckt zu sein – kurz, alles verkündete ein nahendes Gewitter. Die Wölfin saß unbeweglich wie eine Sphinx.

Nach Verlauf einer Viertelstunde rasselte es am Tor der Festung, worauf es halb geöffnet wurde. Die Wölfin sprang wie emporgeschnellt auf.

»Kommt!« sagte eine Stimme.

Sie trat ein. Die Tür wurde hinter ihr augenblicklich wieder geschlossen und verriegelt. Der Torposten stand vor ihr mit einer Fackel in der Hand. »Folgt mir!« sagte er.

Sie verbeugte sich, ohne zu antworten, und schritt hinter ihrem Führer her.

Dieser ging durch die ganze Länge des Hofes, wandte sich dann zu der Wölfin und sagte: »Hier ist es; der Major wartet.«

»Klopft an!« antwortete sie.

»Klopft selber an. Ihr braucht mich nicht mehr, und ich kehre auf meinen Posten zurück.« Hierauf grüßte er sie flüchtig und entfernte sich mit der Fackel.

Die Wölfin blieb in der Dunkelheit allein. Sie strich sich mit der Hand über ihre schweißbedeckte Stirn, schien eine gewaltige Anstrengung zu machen und klopfte hastig an die Tür, indem sie murmelte: »Es muß sein.«

»Herein!« rief eine Stimme von innen.

Sie drehte den Schlüssel um, drückte an der Tür; sie gab nach, und die Wölfin stand vor einem Mann in mittleren Jahren, der militärische Kleidung trug und an einem Tisch saß, auf den er den Ellenbogen gestützt hatte. Er blickte sie scharf an. Der Mann konnte sie dank seiner Stellung und der Art, wie das Licht stand, vollkommen gut sehen, während sie seine im Schatten verborgenen Züge nicht erkennen konnte.

Die Wölfin trat mit entschlossenem Schritt in das Zimmer. »Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich empfangen haben«, sagte sie. »Ich fürchtete schon, daß Sie die Erinnerung ganz verloren hätten.«

»Wenn es ein Vorwurf sein soll, den Sie mir machen, verstehe ich Sie nicht«, antwortete der Offizier langsam; »und ich würde es dankbar erkennen, wenn Sie deutlicher reden wollten.«

»Sind Sie nicht Major Melville?«

»Ich bin derjenige, den man so nennt.«

»Die Art, wie ich in die Feste eingelassen worden bin, beweist mir, daß Sie den Ring erkannt haben.«

»Das habe ich, denn er erinnert mich an eine Person, die mir sehr teuer war«, antwortete er mit einem unterdrückten Seufzer. »Wie kommt er aber in Ihre Hände?«

Die Wölfin betrachtete den Major einen Augenblick mit trauriger Miene, trat dann zu ihm, erfaßte seine Hand, drückte sie herzlich zwischen ihren Händen und antwortete mit tränenerstickter Stimme: »Harry, der Kummer hat mich wohl sehr verändert, weil dir nicht einmal der Klang meiner Stimme bekannt vorkommt.«

Bei diesen Worten bedeckte sich das Gesicht des Offiziers mit einer Totenblässe; er stand blitzschnell auf, seine Glieder bebten krampfhaft, er erfaßte gleichfalls beide Hände der Frau und rief, während er sie mit den Augen verschlang: »Margarete, Margarete, meine Schwester! Stehen die Toten aus ihren Gräbern auf, da ich dich wiederfinde?«

»Ach«, rief sie, indem sie sich mit unaussprechlichem Entzücken in seine Arme stürzte, »ich wußte wohl, daß er mich erkennen würde!« Aber die Erschütterung war für die arme Frau zu heftig, deren Kräfte durch den Kummer bereits untergraben waren. Sie war so sehr gewöhnt zu leiden, daß sie das Glück nicht zu ertragen vermochte und in den Armen ihres Bruders das Bewußtsein verlor.

Der Major stützte seine Schwester in seinen Armen und legte sie auf eine Art Ruhebank, die die eine Seite des Zimmers einnahm, und widmete ihr, ohne fremde Hilfe herbeizurufen, die aufmerksamste Pflege.

Die Wölfin lag lange Zeit bewußtlos da, während ein heftiger Nervenkrampf ihre Glieder schüttelte. Allmählich kam sie wieder zu sich und brach, nachdem sie einige abgerissene Worte ausgestoßen hatte, in Tränen aus.

Ihr Bruder verließ sie keinen Augenblick, sondern beobachtete die Zeichen des wiederkehrenden Lebens mit ängstlicher Spannung. Als er erkannte, daß der Kampf im Abnehmen war, rückte er einen Stuhl heran, setzte sich neben seine Schwester und suchte ihr mit sanften Worten wenn auch nicht Hoffnung – da er nicht wußte, was sie gelitten hatte –, doch Mut einzuflößen.

Endlich richtete sich die arme Frau in die Höhe, wischte mit entschlossener Gebärde die Tränen aus ihren brennenden Augen, wandte sich zu ihrem Bruder, der ihre geringsten Bewegungen aufmerksam beobachtete, und sagte mit gebrochener Stimme: »Es sind bereits sechzehn Jahre verflossen, mein Bruder, seitdem ich die tägliche, stündliche entsetzliche Qual erdulde.«

Bei diesen furchtbaren Worten erbebte der Major. »Arme Schwester!« murmelte er. »Was kann ich für dich tun?«

»Alles, wenn du willst.«

»Du zweifelst doch nicht an mir, Margarete?« rief er aus, indem er mit der Faust heftig auf die hölzerne Lehne der Ruhebank schlug.

»Nein, sonst wäre ich nicht gekommen«, sagte sie, durch ihre Tränen lächelnd.

»Du willst dich rächen, nicht wahr?«

»Gewiß!«

»Wer sind deine Feinde?«

»Die Rothäute.«

»Aha!« erwiderte er bitter. »Das ist mir um so lieber, als ich mit jenen Schurken auch eine Rechnung abzuschließen habe. Welchem Stamm gehören deine Feinde an?«

»Dem Stamm der Schwarzfüße; es sind Kenhas.«

»Ach«, erwiderte der Major, »meine alten Freunde, die Indianer vom Blut also. Ich sinne schon lange auf einen Vorwand, um ihnen eine Züchtigung angedeihen zu lassen.«

»Einen solchen Vorwand liefere ich dir, Harry!« rief sie feurig aus. »Und glaube ja nicht, daß es ein leerer, nur vom Haß eingegebener Vorwand ist. Nein, ich will dir eine furchtbare Verschwörung entdecken, die sämtliche Indianer vom Missouri gegen die Weißen im Schilde führen – eine Verschwörung, die in wenigen Tagen, ja vielleicht schon morgen ausbrechen wird.«

»Wirklich?« sagte der Major nachdenklich. »Ich habe bereits seit einigen Tagen – ohne eigentlich zu wissen warum – Verdacht geschöpft! So hat mich meine Ahnung doch nicht betrogen. Rede, Schwester, rede schnell, ich beschwöre dich! Und da du, um deine Rache zu befriedigen, deine Zuflucht zu mir genommen hast, so gelobe ich bei Gott, dich an den roten Teufeln in einer Weise zu rächen, an die ihre Kinder und Kindeskinder noch in hundert Jahren mit Schrecken zurückdenken sollen!«

»Ich danke dir für dieses Versprechen, Bruder, und nehme dich beim Wort.«

»Enthält die Erzählung deines Unglücks Beziehungen zu der Verschwörung, die du mir entdecken willst?«

»Sehr enge.«

»Gut; es ist kaum zehn Uhr, wir haben die Nacht noch vor uns; erzähle mir daher, was du erlebt hast, seitdem wir uns trennten.«

»Höre mich an, Bruder, und habe Nachsicht mit mir, denn bald wirst du sehen, wieviel ich gelitten habe.«

Der Major drückte ihr die Hand, zog, ohne zu antworten, einen Stuhl heran, und nachdem er, um nicht gestört zu werden, die Tür verriegelt hatte, nahm er Platz an ihrer Seite. »Rede, Margarete«, sagte er, »und entdecke mir alles; ich will keine der Qualen übergangen wissen, die du in der langen Zeit unserer Trennung erduldet hast.«

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