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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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16

Der Spion

Der Schuß des Weißen Bisons hatte nicht ganz den Erfolg gehabt, den er wahrscheinlich erwartet hatte. Der Mann war zwar getroffen worden, doch hatte die Hast, mit der der Häuptling zu Werke gehen mußte, der Sicherheit seiner Hand Einbuße getan, und der Horcher kam mit einer leichten Wunde am Kopf davon, den die Kugel gestreift und dadurch einen ziemlichen Blutverlust herbeigeführt hatte. Der freilich etwas derbe Wink hatte indessen dem Spion begreiflich gemacht, daß er entlarvt sei und unfehlbar untergehen würde, wenn er länger verweilte; er war daher mit der Leichtigkeit einer Gazelle geflüchtet.

Nachdem er eine Zeitlang gelaufen war und sich für sicher hielt, daß er seine etwaigen Verfolger von der Spur abgebracht habe, hielt er inne, um Atem zu schöpfen und seine Wunde zu verbinden, die, obgleich sie nicht gefährlich war, doch stark blutete. Er warf vor allen Dingen einen besorgten Blick um sich. Alles war still und ruhig. Heftiger Schneefall, der bereits seit einer Stunde dauerte, hatte die Indianer gezwungen, sich unter ihre Zelte zu flüchten. Der Pistolenschuß hatte kein Aufsehen erregt, denn die Rothäute waren zu sehr an nächtliche Kämpfe in ihrem Dorf gewöhnt, um sich sehr darum zu kümmern; es hatte sich auch keiner gerührt. Es ließ sich kein anderer Laut vernehmen als das Gebell einiger verspäteter Hunde und die kurzen, heiseren Laute der wilden Tiere, die in der Prärie umherschweiften, um Beute zu suchen.

Der Spion fühlte sich durch die allgemeine Ruhe beruhigt und fing ungesäumt an, seine Wunde zu verbinden, wobei er innerlich den Schnee segnete, der seine Spur verwischte, da er die hinterlassene Blutspur verdeckte. »Es scheint«, murmelte er halblaut, »daß wir heute nacht nichts weiter erfahren sollen. Der Böse Geist muß mit jenen Männern im Bunde sein; ich will also in mein Calli zurückkehren.« Er warf einen letzten Blick um sich und schickte sich an, zu gehen.

In dem Augenblick schwebte in geringer Entfernung von ihm eine weiße Gestalt wie ein Schatten über den Schnee.

»Was ist das?« murmelte der Indianer, den plötzlich eine abergläubische Furcht erfaßte. »Irrt etwa die Jungfrau der schwarzen Stunden im Dorf umher? Welches furchtbare Unglück bedroht uns denn?«

Hierauf neigte sich der Indianer vor, streckte den Hals und folgte mit den Augen der seltsamen Erscheinung, deren Umrisse sich bereits im Dunkel verloren, als habe ihn eine höhere Gewalt an die Stelle gebannt. »Das Wesen schreitet nicht«, murmelte er voll Schrecken; »es hinterläßt keine Spuren auf dem Schnee. Wäre es etwa ein Geist, der den Schwarzfüßen feindlich gesinnt ist? Dahinter steckt ein Geheimnis, das ich ergründen muß.«

Der Instinkt des Spions spornte seine Neugierde noch mehr an, und er vergaß kurze Zeit seine Scheu, um dem Gespenst entschlossen zu folgen.

Nach einiger Zeit blieb die Gestalt oder das Gespenst stehen und blickte sich offenbar unschlüssig um.

Um nicht entdeckt zu werden, sah sich der Indianer gezwungen, rasch hinter die Wand eines Callis zu treten, doch fiel ein matter Mondstrahl, der sich zwischen zwei Wolken Bahn gebrochen hatte, einen Augenblick auf das Gesicht derjenigen, die er verfolgte. »Lianenblüte!« murmelte er und unterdrückte mit Mühe einen Schrei der Überraschung.

Sie war es wirklich, die in der Dunkelheit umherirrte. Nach einigem Zögern hob das junge Mädchen den Kopf und schritt entschlossen zu einem Calli, dessen Türvorhang sie mit fester Hand zurückschlug. Lianenblüte trat ein und ließ das Bisonfell hinter sich heruntersinken.

Der Indianer sprang in wenigen Sätzen zum Calli, umkreiste es, steckte sein Messer bis an das Heft in die Wand, drehte die Klinge einige Male herum, um das Loch zu vergrößern, legte sein Ohr dicht an dieses neue Ohr des Dionys und lauschte. Im Dorf herrschte fortwährend die tiefste Stille.

Bei dem ersten Schritt, den Lianenblüte in die Hütte tat, richtete sich plötzlich eine Gestalt vor ihr auf, und eine Hand faßte sie an der Schulter. Sie bebte unwillkürlich zurück.

»Was wollt Ihr?« fragte eine drohende Stimme.

Die Frage wurde auf französisch gestellt, wodurch sie der jungen Indianerin unverständlich blieb.

»Antwortet oder ich zerschmettere Euch den Schädel«, fuhr dieselbe drohende Stimme fort. Hierauf hörte man das Schnappen des Drückers einer Pistole, die man abfeuern zu wollen schien.

»Uah«, antwortete aufs Geratewohl das junge Mädchen mit seiner sanften, wohlklingenden Stimme.

»Es ist offenbar eine Frau«, brummte die erste Stimme. »Gleichviel – Vorsicht ist immer gut. Was zum Teufel sucht sie hier?«

»Heda!« rief plötzlich Freikugel, den der kurze Wortwechsel geweckt hatte. »Was geht hier vor? Mit wem streiten Sie sich, Ivon?«

»Ich weiß es wahrhaftig nicht, glaube aber, daß es eine Frau ist.«

»Haha!« lachte der Jäger. »Wir wollen doch sehen; lassen Sie sie nicht fort!«

»Seien Sie unbesorgt«, erwiderte der Diener, »ich halte sie.«

Lianenblüte stand unbeweglich und machte keinen Versuch, sich der Hand zu entziehen, die sie hielt.

Freikugel stand auf und tappte nach dem Feuerherd, vor dem er sich hinkauerte und das Feuer durch Blasen wieder anzufachen suchte. Es war die Sache weniger Minuten; das Feuer glimmte unter der Asche, und einige Händevoll trockenen Holzes genügten, um es wieder zu entzünden. Die helle Flamme schlug empor und erleuchtete das Innere der Hütte. »Schau, schau!« rief der Jäger verwundert aus. »Seid willkommen, Mädchen! Was sucht Ihr hier?«

Die Indianerin errötete und schlug die Augen nieder. »Lianenblüte kommt, ihre Freunde, die Bleichgesichter, zu besuchen.«

»Ihr habt dazu eine seltsame Zeit gewählt, mein Kind«, erwiderte der Jäger ironisch. »Gleichviel«, fuhr er fort, indem er sich zu dem Diener wandte; »lassen Sie das Mädchen los, Ivon; dieser Feind ist – wenn es ein solcher wäre – nicht sehr gefährlich.«

Letzterer gehorchte widerstrebend.

»Tretet an das Feuer, Mädchen«, sagte der Jäger; »Eure Glieder sind erstarrt. Wenn Ihr Euch ein wenig erwärmt habt, sollt Ihr mir sagen, warum Ihr zu dieser späten Stunde hier seid.«

Lianenblüte lächelte traurig und kauerte sich am Feuer nieder. Freikugel setzte sich neben sie. Die Indianerin hatte das Innere der Hütte mit einem schnellen Blick überflogen und den Grafen gesehen, der auf seiner Pelzdecke friedlich schlief.

Freikugel hatte sein ganzes Leben in der Wildnis zugebracht und kannte den Charakter der Rothäute genau, bei denen Vorsicht und Behutsamkeit vorherrschende Eigenschaften sind. Er wußte, daß ein Indianer nie etwas tat, ohne vorher die möglichen Folgen reiflich erwogen zu haben, und nur aus sehr wichtigen Gründen dazu gebracht werden konnte, einen Schritt zu tun, der der indianischen Sitte zuwiderläuft. Der Jäger vermutete daher, daß der Besuch des jungen Mädchens einen wichtigen Zweck habe, konnte aber unter der gleichmütigen Miene, die dieses annahm, nicht erraten, aus welchem Antrieb es handelte. Die Rothäute lassen sich nicht so leicht ausfragen wie andere Menschen, denn Hinterlist und Schlauheit richten bei so mißtrauischen Naturen, die stets in sich gekehrt und verschlossen sind, nichts aus. Der gewandteste Untersuchungsrichter unseres Landes würde nichts aus ihnen herausbringen und müßte sich, nachdem er die Indianer dem dringendsten Verhör unterworfen hat, für besiegt erkennen. Man muß sogar denjenigen gegenüber, die den Willen haben, zu reden, die größte Vorsicht anwenden, denn sobald man mit Fragen in sie dringt, erwacht ihr Mißtrauen, ihre scheue Natur gewinnt die Oberhand, ihr Mund verschließt sich, um sich trotz aller Beschwörungen und wieviel für sie selbst auch davon abhängen mag, wenn sie reden, nicht wieder zu öffnen.

Der Jäger kannte alle Eigenschaften des mißtrauischen Charakters der Rothäute. Er hütete sich daher wohl, sich dem jungen Mädchen gegenüber den Anschein zu geben, als ob ihm etwas daran läge, daß es rede. Er befahl Ivon durch einen Wink, sich wieder schlafen zu legen, was dieser, nachdem ihn der Jäger durch ein Augenzwinkern beruhigt hatte, sofort tat.

Das junge Mädchen saß am Feuer und wärmte sich mit zerstreuter Miene, wobei es aber nicht unterließ, dem Jäger von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. Letzterer aber hatte seine Pfeife angezündet und schien sich, soviel sich hinter den dichten Rauchwolken, die ihn umhüllten, erkennen ließ, diesem süßen Geschäft mit ungeteiltem Behagen hinzugeben.

Die beiden blieben ungefähr eine halbe Stunde einander gegenüber sitzen, ohne ein Wort zu reden. Endlich leerte Freikugel seinen Pfeifenkopf auf dem Nagel seines linken Daumens, steckte die Pfeife in den Gürtel und stand auf.

Lianenblüte folgte mit geheuchelter Gleichgültigkeit den Bewegungen des Jägers, dessen geringste Gebärde sie beobachtete. Sie sah, wie er mehrere Pelzdecken nahm, sie in einen dunklen Winkel der Hütte trug und dort ein Lager daraus bereitete. Als ihm dieses hinreichend weich erschien, warf er eine Decke darauf und setzte sich dann wieder sorglos ans Feuer.

»Mein bleicher Bruder hat eben ein Lager bereitet«, sagte Lianenblüte, indem sie ihre Hand auf seinen Arm stützte, als er eben wieder nach der Pfeife greifen wollte.

»Ja«, antwortete er.

»Warum vier Betten für drei Personen?«

Freikugel blickte sie mit Verwunderung an. »Sind wir nicht vier?« fragte er.

»Ich sehe niemanden als die beiden bleichen Jäger und meinen Bruder; für wen ist denn das letzte Bett bestimmt?«

»Für wen sonst als meine Schwester Lianenblüte? Ich vermute, daß sie gekommen ist, bei ihren bleichen Freunden ein Obdach zu suchen.«

Das junge Mädchen schüttelte verneinend den Kopf. »Die Frauen meines Stammes«, sagte es mit verletzter Würde, »haben ihre besonderen Callis, um zu schlafen, und bringen nicht die Nacht in den Hütten der Krieger zu.«

Freikugel verneigte sich mit überzeugter Miene. »Ich habe mich geirrt«, sagte er achtungsvoll. »Vergeßt, was ich gesagt habe, denn es ist keineswegs meine Absicht, meine Schwester zu kränken. Als ich sie so spät in meine Hütte treten sah, habe ich gemeint, daß sie mich um meine Gastfreundschaft bitten wolle.«

Das Mädchen lächelte schlau. »Mein Bruder ist ein großer Krieger der Bleichgesichter; sein Kopf ist grau, seine List ist groß. Warum stellt er sich, als ob er nicht wisse, weshalb Lianenblüte in seine Hütte kommt?«

»Weil ich es in der Tat nicht weiß«, antwortete er. »Woher sollte ich es denn auch wissen?«

Die Indianerin wandte sich halb nach der Seite, wo der Graf ruhte, auf den sie mit lieblicher Gebärde deutete. »Das Gläserne Auge weiß alles«, sagte sie. »Er wird es meinem Bruder, dem Jäger, mitgeteilt haben.«

»Ich kann zwar nicht leugnen«, sagte der Jäger zuversichtlich, »daß das Gläserne Auge vieles weiß, doch ist er über den Gegenstand stumm geblieben.«

»Wirklich?« fragte sie rasch.

»Warum sollte ich es leugnen? Lianenblüte ist keine Feindin für uns.«

»Nein, im Gegenteil – ich bin eine Freundin; mein Bruder öffne die Ohren.«

»Redet!«

»Ist das Gläserne Auge mächtig?«

»Man sagt es«, antwortete der Jäger ausweichend, denn er wollte nicht lügen.

»Die Ältesten des Stammes betrachten ihn wie ein höheres Wesen, das die Ereignisse willkürlich leitet und den Lauf der Zukunft wenden kann, wenn es will.«

»Wer sagt das?«

»Alle.«

Der Jäger schüttelte den Kopf, nahm die zierliche Hand des Mädchens zwischen seine Hände und sagte gutmütig: »Man hat Euch getäuscht, Kind; das Gläserne Auge ist ein Mensch wie jeder andere, und die Gewalt, von der man Euch gesagt hat, ist nicht vorhanden. Ich weiß nicht, in welcher Absicht die Häuptlinge Eures Volkes ein so lächerliches Gerücht verbreitet haben, doch halte ich es für meine Pflicht, der Verbreitung einer solchen Lüge Einhalt zu tun.«

»Nein; der Weiße Bison ist der klügste Sachem der Schwarzfüße, er besitzt alle Kenntnisse seiner Väter jenseits des Großen Salzsees; er kann sich nicht irren! Hat er nicht schon vor langer Zeit die Ankunft des Gläsernen Auges in unserer Mitte verkündet?«

»Wohl möglich; obwohl ich nicht begreife, wie er es wissen konnte, da wir vor drei Tagen selbst noch keine Ahnung hatten, daß wir den Fuß in dieses Dorf setzen würden.«

Das junge Mädchen lächelte überlegen. »Der Weiße Bison weiß alles!« entgegnete es. »Schon vor tausend Monden und noch länger haben die Zauberer des Volkes die Ankunft eines Mannes verkündet, der dem Gläsernen Auge in allem gleicht; ja er war so treu geschildert, daß seine Ankunft niemanden überrascht hat, weil ihn alle erwarteten.«

Der Jäger sah ein, wie fruchtlos es war, eine Überzeugung zu bekämpfen, die im Herzen des jungen Mädchens tiefe Wurzeln geschlagen hatte. »Gut«, erwiderte er, »der Weiße Bison ist ein sehr kluger Sachem; was wäre ihm verborgen?«

»Nichts! Ist er es doch gewesen, der vorausgesagt hat, daß sich das Gläserne Auge an die Spitze der roten Krieger stellen und sie von den Bleichgesichtern des Westens befreien würde!«

»Ganz recht!« sagte der Jäger, der zwar nichts von dem wußte, was ihm das junge Mädchen entdeckte, aber anfing, das Vorhandensein einer weitverzweigten Verschwörung zu ahnen, die mit jener geheimnisvollen Geschicklichkeit entworfen war, die die Indianer in hohem Grad besitzen, und dessen Neugierde durch die Andeutungen so weit geweckt war, daß er wünschte, mehr zu erfahren.

Lianenblüte blickte ihn mit unbefangener Freude an. »Mein Bruder sieht, daß ich alles weiß«, sagte sie.

»Das ist wahr«, erwiderte er. »Meine Schwester ist besser unterrichtet, als ich glaubte, und kann mir jetzt ohne Scheu entdecken, welchen Dienst sie vom Gläsernen Auge erwartet.«

Die Indianerin warf einen langen Blick auf den schlafenden Grafen. »Lianenblüte leidet«, sagte sie mit leise bebender Stimme. »Eine Wolke hat sich über ihren Geist gelagert und ihn getrübt.«

»Lianenblüte ist sechzehn Jahre alt«, antwortete der alte Jäger lächelnd; »in ihr erwacht ein neues Gefühl; ein kleiner Vogel singt in ihrem Herzen, und unwillkürlich lauscht sie dem Lied, das sie noch nicht versteht.«

»Das ist wahr«, flüsterte das junge Mädchen nachdenklich; »mein Herz ist traurig. Ist denn die Liebe ein Schmerz?«

»Kind«, antwortete der Jäger schwermütig, »der Herr des Lebens hat seine Geschöpfe so geschaffen, daß jedes Gefühl ein Schmerz ist; selbst übergroße Freude spricht sich durch Leiden aus. Du liebst, ohne es zu wissen, und Lieben ist Leiden.«

»Nein«, erwiderte sie mit erschrockener Miene, »ich liebe nicht; wenigstens nicht so, wie Sie sagen. Ich bin im Gegenteil gekommen, um bei Ihnen Schutz zu suchen gegen einen Mann, der mich liebt, dessen Liebe mich aber erschreckt und für den ich nichts empfinden kann als Dankbarkeit.«

»Bist du gewiß, liebes Kind, daß das Gefühl, das du gegen jenen Mann empfindest, wirklich kein anderes ist?«

Sie senkte den Kopf, nickte aber bejahend.

Freikugel stand auf, ohne weiter etwas zu sagen.

»Wohin gehen Sie?« fragte sie, hastig aufblickend.

Der Jäger wandte sich nach ihr um. »In allem, was du mir gesagt hast, Kind«, antwortete er, »ist so viel Wichtiges enthalten, daß ich meinen Freund ungesäumt wecken muß, damit auch er dich höre und dir womöglich helfe.«

»Ja, tun Sie es«, sagte sie niedergeschlagen und ließ neuerlich den Kopf auf die Brust sinken.

Der Jäger trat zu dem Schläfer, neigte sich über ihn und berührte ihn leise an der Achsel. Der Graf erwachte sofort. »Was wollen Sie?« fragte er, indem er aufstand und mit jener Hast nach den Waffen griff, die dem Bewohner der Wildnis, der stets auf seiner Hut sein muß, eigen ist.

»Nichts, was Sie erschrecken darf, Herr Eduard. Das junge Mädchen hier wünscht Sie zu sprechen.«

Der Graf blickte nach der Richtung, die ihm der Jäger andeutete, und seine Augen begegneten denen Lianenblütes. Der Blick wirkte wie ein elektrischer Schlag; sie wankte, griff nach dem Herzen und schlug errötend die Augen nieder.

Der Franzose eilte auf sie zu. »Was ist Ihnen? Womit kann ich dienen?« fragte er. In dem Augenblick, wo sie antworten wollte, öffnete sich der Türvorhang schnell, und ein Mann sprang mit einem Satz in die Mitte der Hütte. Der Mann war der Spion.

Der Diener schreckte aus dem Schlaf empor und stürzte auf ihn zu, doch hielt ihn der Mann am Arm zurück. »Achtung!« rief er.

»Der Rote Wolf!« sagte das junge Mädchen erfreut, indem es sich vor ihn stellte. »Legt die Waffen weg, er ist ein Freund!«

»Redet!« sagte der Graf, indem er die Pistole wieder in den Gürtel steckte.

Der Indianer hatte keinen Augenblick versucht, sich zur Wehr zu setzen, sondern gleichmütig gewartet, bis er sich aussprechen konnte. »Natah-Otann kommt«, sagte er, zu dem jungen Mädchen gewandt.

»Ach, ich bin verloren, wenn er mich hier findet!« sagte sie.

»Was kümmert mich jener Mann?« bemerkte der Graf hochmütig.

»Vorsicht!« sagte Freikugel, dazwischentretend. »Seid Ihr ein Freund, Rothaut?«

»Fragt Lianenblüte!« antwortete jener verächtlich.

»Gut; Ihr kommt also, sie zu retten?«

»Ja.«

»Ihr wißt, auf welche Weise?«

»Ich weiß es.«

»Ich kann heute nacht nichts begreifen«, sagte Ivon für sich, denn er war über alles, was er sah, ganz bestürzt.

»Beeilt Euch!« sagte der Graf.

»Weder Lianenblüte noch ich dürfen hier getroffen werden«, erwiderte der Rote Wolf. »Natah-Otann ist mein Feind; wir hassen uns auf Tod und Leben. Werft sämtliche Pelzdecken über das junge Mädchen.«

Lianenblüte kauerte sich in einen Winkel und verschwand bald unter den Pelzen, die man über ihr aufhäufte.

»Der Einfall ist gut!« murmelte Freikugel. »Was wollt Ihr aber jetzt anfangen?«

»Seht!« Der Rote Wolf stellte sich gegen die Bisondecke, die als Türvorhang diente, und schmiegte sich in deren Falten.

»Das ist auf Ehre wahr«, sagte Ivon. »Laßt sehen, wie er da herauskommen wird.«

Kaum waren jene Vorbereitungen beendet, als Natah-Otann auf der Schwelle der Tür erschien. »Schon auf?« fragte er verwundert, indem er einen mißtrauischen Blick um sich warf. Bei diesen Worten näherte er sich rasch dem Grafen, der unbeweglich in der Mitte der Hütte stand und ihn erwartete.

Der Rote Wolf nahm die Gelegenheit wahr, um unbemerkt hinauszuhuschen.

»Ich komme, Ihre Befehle wegen der Jagd entgegenzunehmen«, fuhr Natah-Otann fort.

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