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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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15

Der Weiße Bison

Sobald Natah-Otann das Calli verlassen hatte, in das er den Grafen geführt hatte, begab er sich zu der Hütte, in der der Weiße Bison wohnte. Die Nacht brach bereits herein; die Kenhas saßen an den Feuern, die vor jeder Hütte brannten, und rauchten unter munteren Gesprächen ihre langen Kalumets. Der Häuptling beantwortete die herzlichen Grüße der Krieger, denen er begegnete, entweder mit einem Kopfnicken oder mit einer freundschaftlichen Handbewegung; er redete aber mit keinem, sondern beschleunigte seine Schritte in dem Maße, wie die Dunkelheit zunahm. Er gelangte endlich zu einer Hütte, die fast am Ende des Dorfes am Ufer des Missouri lag. Nachdem er einen forschenden Blick um sich geworfen hatte, blieb er vor jener Hütte stehen und schickte sich an, einzutreten.

Als er aber eben im Begriff war, den Türvorhang aus Bisonfell zurückzuschlagen, zauderte er einige Augenblicke und schien sich zu bedenken. Jene Wohnung zeichnete sich von außen von den übrigen Häusern des Dorfes durch nichts aus. Sie war rund, mit einem bienenkorbförmigen Dach und aus ineinandergeflochtenen Baumzweigen erbaut, die durch Erde miteinander verbunden und mit geflochtenen Matten bekleidet waren.

Indessen schlug Natah-Otann nach kurzem Bedenken den Vorhang zurück, trat auf die Schwelle der Tür und sagte auf französisch: »Guten Abend, mein Vater.«

»Guten Abend, Kind; ich habe dich mit Ungeduld erwartet; komm, setz dich neben mich, wir haben miteinander zu reden.« Er sprach die Worte in sanftem Ton und in derselben Sprache.

Natah-Otann ließ den Vorhang fallen und trat einige Schritte näher.

Wenn sich die Hütte, die der Häuptling betreten hatte, auch äußerlich von den übrigen in nichts unterschied, war das mit dem Inneren keineswegs der Fall. Der Herr jener Wohnung hatte alles, was die menschliche Erfindungsgabe in ihrer ursprünglichsten Gestalt – d. h. ohne die Werkzeuge und das Material, das seine Ideen verkörpern konnte – hervorbringen kann, sozusagen erfunden. Das Innere jener Hütte bot daher einen seltsamen Anblick, da hier die verschiedenartigsten Gegenstände – die auch scheinbar am wenigsten zueinander zu gehören schienen – aufgespeichert waren. Im Gegensatz zu den übrigen Hütten war diese hier mit zwei Fenstern versehen, deren Scheiben durch geöltes Papier ersetzt waren; in einem Winkel stand ein Bett, in der Mitte ein Tisch, hier und da einige Sessel und neben dem Tisch ein großer Lehnstuhl, doch waren alle diese Geräte mit der Axt roh zugehauen. Eine Anzahl meist abgenutzter Bücher stand auf Regalen, ausgestopfte Tiere, Insekten usw. hingen an Stricken herab; kurz, eine Anzahl verschiedener Gegenstände, die aber alle numeriert und geordnet waren, vervollständigten die seltsame Wohnung, die viel eher der Zelle eines Einsiedlers oder dem geheimen Laboratorium eines Alchimisten glich als der Hütte eines indianischen Häuptlings.

Das war der Aufenthalt des Weißen Bisons, eines der ersten Häuptlinge der Kenhas, und der Mann, der auf den Gruß Natah-Otanns geantwortet hatte, war der Weiße Bison selbst. Dieser war aber, wie wir bereits gesagt haben, ein Europäer und hatte einige Erinnerungen an sein vergangenes Leben wie einen Abglanz aus der Vergangenheit in die Wildnis hinübergenommen.

In dem Augenblick, als Natah-Otann eintrat, saß der Weiße Bison in einem Lehnstuhl am Tisch, stützte den Kopf in die Hand und las beim Schein einer tönernen Lampe, deren qualmender Docht einen durchdringenden Geruch verbreitete und nur ein mattes, unsicheres Licht gab, in einem dicken Folianten, dessen Blätter vergilbt und abgenutzt waren.

Er blickte auf, nahm die Brille ab, legte sie in das Buch, das er zumachte, wandte sich hierauf in seinem Lehnstuhl herum, lächelte dem jungen Mann entgegen, forderte ihn durch einen freundschaftlichen Wink auf, Platz zu nehmen, und sagte: »Komm, Kind, setz dich dorthin.«

Der Häuptling nahm den gebotenen Sessel an, rückte ihn an den Tisch und setzte sich schweigend nieder.

Der Greis betrachtete ihn eine Weile aufmerksam. »Höre«, sagte er, »du kommst mir für einen Mann, der, wie ich vermute, ein großes und unerwartetes Resultat erzielt hat, sehr finster vor. Was macht dich so niedergeschlagen? Zauderst du etwa jetzt, wo du im Begriff stehst zu siegen? Fängst du an einzusehen, daß das Werk, das du gegen meinen Willen unternommen hast, die Kräfte eines einzelnen Menschen, der nur einen Greis zur Stütze hat, übersteigt?«

»Vielleicht«, antwortete der Häuptling in dumpfem Ton. »Ach, mein Vater! Warum haben Sie mich die bitteren Früchte einer Zivilisation kosten lassen, die nicht für mich gemacht war? Warum bin ich durch Ihren Unterricht ein anderer Mensch geworden als diejenigen, die mich umgeben und mit denen ich verdammt bin zu leben und zu sterben?«

»O du Blinder, dem ich die Sonne gezeigt habe; du läßt dich von ihren Strahlen blenden, und deine blöden Augen können das Licht nicht ertragen. Anstatt dich in Unwissenheit und Roheit zu lassen, in denen du dein Leben lang vegetiert hättest, habe ich das einzige Gefühl in dir entwickelt, das den Menschen über das wilde Tier erhebt; ich habe dich denken und selbst urteilen gelehrt, und jetzt dankst du mir so und belohnst mich auf so schnöde Weise für die Mühe, die ich mir gegeben, und für die Aufmerksamkeit, die ich dir fortwährend gewidmet habe.«

»Vater!«

»Suche dich nicht zu entschuldigen, Kind«, unterbrach ihn der Greis mit einiger Bitterkeit. »Ich mußte auf das, was jetzt geschieht, gefaßt sein und war es auch; denn die Vorsehung hat den Undank und die Selbstsucht als Schutz und Schirm in das menschliche Herz gepflanzt. Ohne die Undankbarkeit und die Selbstsucht, jene beiden größten Vorzüge des Menschen, könnte es keine menschliche Gesellschaft geben. Ich zürne dir nicht; ich habe nicht das Recht, es zu tun, denn es hat schon ein Weiser gesagt: ›Du bist Mensch, und nichts Menschliches soll dir fremd bleiben.‹«

»Ich beklage oder beschwere mich nicht, mein Vater«, antwortete der Häuptling. »Ich weiß ja, daß Sie nur in der besten Absicht so gegen mich gehandelt haben. Unglücklicherweise hat Ihr Unterricht andere Früchte getragen, als Sie erwarteten; Sie haben, indem Sie meinen Ideenkreis erweiterten, ohne Ihr oder mein Vorwissen auch meine Bedürfnisse vergrößert. Das Leben, das ich führe, ist mir lästig; die Männer, die mich umgeben, sind mir zuwider, weil sie mich nicht verstehen können und ich sie selbst nicht mehr verstehen kann. Mein Geist eilt unwillkürlich in unbekannte Fernen; ich träume wachend von seltsamen und unmöglichen Dingen; ich leide an einem unheilbaren Übel, das ich nicht nennen kann, und liebe ohne Hoffnung eine Frau, auf die ich eifersüchtig bin und die ich ohne Sünde nie mein nennen kann. Ach, mein Vater, ich fühle mich sehr unglücklich.«

»Kind«, sagte der Greis, mitleidig die Achseln zuckend, »du fühlst dich unglücklich? Dein Schmerz ist mir lächerlich; der Mensch trägt den Keim zum Guten und zum Bösen in sich selbst, und wenn du leidest, so darfst du niemanden anklagen als dich selbst! Du bist jung, verständig und stark, bist der Erste deines Volkes; was fehlt dir, um glücklich zu sein? Nichts! Wenn es dein fester Wille ist, es zu sein, so ersticke die törichten Leiden, die dich verzehren, und folge dem glorreichen Ziel, das du dir selbst gesteckt hast, ohne dich weder rechts noch links umzusehen. Was kann es Schöneres, Edleres, Erhabeneres geben, als ein Volk zu befreien und zu zivilisieren?«

»Wer weiß, ob ich es können werde!«

»Zweifelst du?« rief der Greis aus, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug und ihm fest ins Auge sah. »Dann bist du verloren! Gib deine Pläne auf; sie werden dir nicht gelingen! Wenn man auf einer Bahn gleich der deinigen zaudert oder innehält, so ist der Untergang gewiß!«

»Vater!«

»Schweig!« rief ihm jener mit verdoppelter Energie entgegen. »Als du mir zuerst deine Pläne enthülltest, habe ich versucht, dich durch alle möglichen Gegengründe davon abzubringen. Ich habe dir gezeigt, daß deine Absicht verfrüht ist, daß die Indianer, durch eine lange Knechtschaft erniedrigt, nur noch der Schatten ihres früheren Selbst sind und man nur eine Leiche galvanisiert, wenn man versucht, irgendein edles oder großmütiges Gefühl in ihnen zu erwecken. Du hast auf deiner Idee bestanden, hast nichts hören wollen, sondern dich blindlings in alle möglichen Intrigen und Verschwörungen gestürzt – ist das wahr?«

»Es ist wahr!«

»Wohlan, es ist jetzt zu spät, um zurückzutreten, und du mußt um jeden Preis vorwärts gehen. Du wirst untergehen, aber wenigstens einen ehrenvollen Tod sterben, und dein von allen verehrter Name wird die Zahl jener erhabenen Märtyrer vergrößern, die sich für ihr Vaterland aufgeopfert haben.«

»Mir scheint, daß bis jetzt die Sache noch nicht so weit vorgerückt ist, um ....«

»... nicht mehr zurücktreten zu können, nicht wahr?« unterbrach ihn der Greis.

»Ja.«

»Darin irrst du! Glaubst du denn, daß ich müßig geblieben bin, während du beschäftigt warst, deine Anhänger zu versammeln und die Waffenerhebung vorzubereiten?«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will sagen, daß deine Feinde deine Absicht ahnen, daß sie dich beobachten; und wenn du dich nicht beeilst, ihnen durch einen Donnerschlag zuvorzukommen, werden sie dich überfallen und dir eine Falle legen, in der du dich fangen wirst.«

»Ich?« rief der Häuptling heftig aus. »Das werden wir ja sehen!«

»Verdopple also deinen Eifer; verhindere sie, dir zuvorzukommen, und sei besonders vorsichtig, denn man beobachtet dich genau, ich wiederhole es.«

»Woher wissen Sie? ...«

»Genug! Daß ich es weiß, das ist meines Erachtens hinreichend; verlasse dich auf meine Klugheit – ich wache; laß daher Spione und Verräter sich in trügerischer Sicherheit wiegen, denn wenn wir sie entlarven wollten, so würden andere an ihre Stelle treten; es ist daher besser für uns, diejenigen gewähren zu lassen, die wir einmal kennen. Auf solche Weise entgeht uns keiner ihrer Schritte; wir wissen, was sie tun und wollen, und während sie unsere Pläne zu enthüllen hoffen und einen guten Preis dafür erwarten, sind wir ihre Herren und halten sie durch falsche Nachrichten hin, die dazu dienen, unsere wahren Absichten zu verhüllen. Ihr Vertrauen bürgt für unsere Sicherheit, das kannst du mir glauben.«

»Sie haben immer recht, mein Vater, und ich verlasse mich vollständig auf Sie. Kann ich aber wenigstens die Namen der Verräter erfahren?«

»Wozu – da ich sie kenne? Sobald die Zeit gekommen ist, werde ich alles entdecken.«

»Es sei.«

Es folgte eine ziemlich lange Pause, und die beiden Männer waren so sehr in Gedanken vertieft, daß sie nicht bemerkten, wie ein grinsender Kopf unter dem Türvorhang hereinguckte und ihren Worten bereits lange Zeit lauschte.

Der Mann aber – wer immer es auch sein mochte, der auf solche Weise den Horcher spielte – gab von Zeit zu Zeit unverkennbare Zeichen des Unmuts und der Enttäuschung. Er hatte allerdings, als er ging, die Häuptlinge zu belauschen, nicht bedacht, daß er kein Wort von dem würde verstehen können, was sie miteinander sprächen. Natah-Otann und der Weiße Bison sprachen in der Tat französisch, welche Sprache dem Lauscher gänzlich unverständlich war, was für einen Spion freilich ein Strich durch die Rechnung sein mußte. Er ließ sich indessen nicht abschrecken, sondern fuhr trotzdem fort zu horchen; vielleicht in der Hoffnung, daß sie sich bald einer anderen Sprache bedienen würden.

»Und nun«, sagte der Greis, »statte mir Bericht ab von deinem Unternehmen. Du zogst ganz vergnügt fort und sagtest, daß du den Mann mitzubringen hofftest, dessen du bedarfst, um bei deiner Verschwörung die Hauptrolle zu spielen.«

»Sie haben ihn heute gesehen, mein Vater, er ist hier; heute abend ist er an meiner Seite in das Dorf geritten.«

»Oho! Erkläre mir das, mein Kind!« sagte der Greis mit einem milden Lächeln, indem er sich behaglich in seinem Lehnstuhl zurechtrückte, um ihm zuzuhören. Während er Natah-Otann scheinbar die größte Aufmerksamkeit schenkte, legte er mit einer raschen Bewegung die großen Pistolen in seine Nähe, die auf dem Tisch lagen. »Fahre fort«, sagte er, »ich höre.«

»Vor ungefähr sechs Monaten gelang es mir – wie ich Ihnen vielleicht bereits erzählt habe –, mich eines kanadischen Jägers zu bemächtigen, gegen den ich einen alten Groll hegte.«

»Ja, ich habe eine dunkle Erinnerung von jenem Abenteuer; ein gewisser Freikugel, nicht wahr?«

»Ganz recht. Ich war wütend gegen jenen Mann, der uns schon lange narrte und mir meine Krieger mit unglaublicher Geschicklichkeit tötete. Sobald ich ihn in Händen hatte, beschloß ich, ihn eines martervollen Todes sterben zu lassen.«

»Obgleich ich, wie du weißt, jene barbarische Sitte nicht billige, war es dein Recht, und ich habe nichts dagegen einzuwenden.«

»Auch er wandte nichts ein; im Gegenteil – er verhöhnte uns; kurz, er reizte unseren Zorn in so hohem Grad, daß ich Befehl erteilte, die Marter beginnen zu lassen. In dem Augenblick, wo er sterben sollte, erschien ein Mann oder vielmehr ein Teufel, der sich plötzlich in unsere Mitte warf und unbekümmert um die Gefahr, die ihn umringte, auf den Pfahl zueilte und den Gefangenen losband.«

»Sieh einmal – das war ein beherzter Mann!«

»Ja, aber seine verwegene Tat wäre ihn beinahe teuer zu stehen gekommen, wenn nicht auf einen Wink von mir meine Krieger und ich selbst vor ihm auf die Knie gefallen wären und die größte Ehrerbietung an den Tag gelegt hätten.«

»Wie? Was erzählst du mir da?«

»Die strengste Wahrheit. Als ich den Mann recht ins Auge faßte, bemerkte ich zwei wunderbare Merkmale.«

»Welche?«

»Eine Narbe unter der rechten Augenbraue und einen schwarzen Punkt unter dem Auge auf derselben Seite.«

»Das ist seltsam«, murmelte der Greis nachdenklich.

»Was aber noch wunderbarer ist: Jener Mann gleicht dem Bild, das Sie mir entworfen haben und das hier enthalten ist, genau«, sagte er, indem er die Stelle mit dem Finger bezeichnete.

»Was tatest du da?«

»Sie kennen meine Kaltblütigkeit und wie schnell ich meine Entschlüsse fasse. Ich ließ den Mann mit meinem Gefangenen abziehen.«

»Gut; weiter?«

»Hierauf stellte ich mich, als ob mir nichts daran läge, ihn wiederzusehen.«

»Immer besser«, sagte der Greis mit beifälligem Kopfnicken, während er mit einer blitzschnellen Bewegung die Pistole lud, die er in der Hand hielt, und abfeuerte.

Aus der Gegend der Tür ertönte ein Schrei des Schmerzes, und der Kopf unter dem Vorhang verschwand. Die beiden Männer standen auf und eilten zum Eingang der Hütte; es war aber niemand zu sehen, und nur eine ziemlich bedeutende Blutlache bewies, daß die Kugel getroffen hatte.

»Was haben Sie getan, Vater?« rief Natah-Otann verwundert aus.

»Ich habe nur einem jener Verräter, von denen ich vorhin sprach, eine vielleicht etwas derbe Lehre gegeben.« Bei diesen Worten setzte er sich wieder gelassen in seinen Stuhl. Natah-Otann wollte der Blutspur folgen, die der Verwundete hinterlassen hatte.

»Hüte dich, es zu tun!« entgegnete der Greis. »Was ich getan habe, genügt; fahre in deiner Erzählung fort, die außerordentlich interessant ist. Merke dir nur, daß du keine Zeit verlieren darfst, wenn du siegen willst!«

»Das will ich auch nicht, Vater, seien Sie unbesorgt!« rief der junge Häuptling zornig aus. »Aber ich schwöre Ihnen, daß ich erfahren werde, wer jener Elende gewesen ist!«

»Du würdest unrecht haben, wenn du ihm nachforschen wolltest; erzähle jetzt weiter!«

Natah-Otann erzählte nun sein Zusammentreffen mit dem Grafen auf das ausführlichste; ebenso, auf welche Weise er ihn veranlaßt habe, ihm ins Dorf zu folgen. Diesmal wurde seine Erzählung durch nichts gestört; es schien, als ob die Lehre, die der Weiße Bison den Horchern gegeben hatte, wenigstens momentan gefruchtet hätte.

Über das Experiment mit dem Streichhölzchen lachte der Greis herzlich, wie auch über die Verwunderung des Grafen, als er erkannte, daß derjenige, den er bisher für einen rohen, halb blödsinnigen Wilden betrachtet hatte, im Gegenteil ein gebildeter Mann sei, dessen Verstand mit dem seinigen mindestens auf gleicher Stufe stand.

»Was soll ich jetzt tun?« fügte Natah-Otann schließlich hinzu. »Er ist zwar jetzt da, hat aber Freikugel, den kanadischen Jäger, bei sich, zu dem er das größte Vertrauen hegt.«

»Ja«, erwiderte der Greis, »das will alles reiflich erwogen sein. Zuerst, mein Kind, hast du einen Fehler begangen, indem du dich jenem Mann in deiner wahren Gestalt zeigtest, denn solange er dich für einen unwissenden Wilden hielt, hattest du einen großen Vorteil ihm gegenüber. Deine Eitelkeit hat dich dazu verleitet, weil du wünschtest, vor den Augen eines Europäers zu glänzen und ihn in Erstaunen zu setzen. Es ist ein um so größerer Fehler, weil er dir nun mißtraut und vor dir auf seiner Hut ist.«

Der junge Häuptling senkte den Kopf, ohne zu antworten.

»Indessen«, fuhr der Alte fort, »werde ich alles wiedergutzumachen suchen; vor allen Dingen muß ich aber jenen Freikugel sehen und sprechen.«

»Von ihm werden Sie nichts erlangen, mein Vater, er ist dem Grafen treu ergeben.«

»Um so mehr muß es geschehen, Kind. In welcher Hütte hast du sie einquartiert?«

»In der früheren Beratungshütte.«

»Gut; sie werden dort bequem wohnen, und man kann leicht alles hören, was sie miteinander reden.«

»Das dachte ich auch.«

»Nun noch eine Bemerkung.«

»Welche?«

»Warum hast du die Wölfin der Prärien nicht getötet?«

»Weil ich sie nicht gesehen habe, da ich nicht im Lager war; übrigens würde ich es auch nicht getan haben.«

Der Greis legte die Hand auf seine Schulter. »Natah-Otann, mein Kind«, sagte er in strengem Ton, »wenn man wie du die Zukunft eines ganzen Volkes zu verantworten hat, darf man vor nichts zurückbeben, und ein toter Feind läßt die Lebenden ruhig schlafen. Die Wölfin der Prärien ist deine Feindin, du weißt es; ihr Einfluß auf die abergläubischen Rothäute ist bedeutend, und ich rufe dir den Ausspruch eines erfahrenen Mannes ins Gedächtnis, der gesagt hat: ›Weil du sie nicht hast töten wollen, wird sie dich töten!‹«

Natah-Otann lächelte verächtlich. »Ach«, sagte er, »eine erbärmliche, halb verrückte Frau!«

»Weißt du nicht«, entgegnete der Weiße Bison achselzuckend, »daß hinter jedem bedeutenden Ereignis eine Frau steckt und daß durch sie die Männer von Geist umgebracht werden und die schönsten und kühnsten Pläne wegen kleinlicher Leidenschaften scheitern?«

»Ja, Sie haben vielleicht recht«, sagte Natah-Otann. »Dennoch fühle ich, daß ich nie imstande sein werde, meine Hände in das Blut jener Frau zu tauchen.«

Der Weiße Bison lächelte verächtlich. »Hast du Bedenken, armes Kind?« sagte er in geringschätzigem Ton. »Gut, so dringe ich nicht weiter in dich, sondern gebe dir nur zu bedenken, daß dich dein Zartgefühl ins Verderben stürzen wird. Der Mann, der über andere herrschen will, darf von den Menschen nur die Außenseite haben und muß im Inneren kalt und hart wie Marmor sein, sonst werden seine Pläne im Keim erstickt, und er wird von den Menschen geschmäht werden. Die größten Männer sind ihrem Untergang entgegengegangen, weil sie das nicht einsehen wollten. Sie arbeiteten für ihre Nachfolger und nicht für sich selbst; doch ist der Mensch trotz all seines Verstandes kurzsichtig, und die grenzenlose Selbstsucht, die ihn beherrscht, legt eine so dichte Binde über seine Augen, daß er nichts mehr von seiner Umgebung sieht.«

»Statt mir durch Ihren Rat beizustehen, mein Vater, scheinen Sie sich nur darin zu gefallen, mich ganz mutlos zu machen, denn Sie stellen trostlose Grundsätze auf.«

»Habe ich sie denn gemacht? Nein, die Welt ist einmal so, und niemand wird es ändern. Es hat eine Zeit gegeben, wo auch ich so sprach, wie du es gegenwärtig tust, mein armes Kind; aber ich und meine Anhänger kämpften gegen eine ganze Gesellschaft, die wir stürzen wollten, um eine andere zu gründen! Ein Volk kann nur durch Blut verjüngt und wiedergeboren werden! Das ungeheure Werk, das wir als Titanen der Zukunft unternommen hatten, wurde glücklich beendet; und wenn man uns auch heute flucht, werden wir morgen als Märtyrer betrachtet werden und unseren Enkeln als Wohltäter der Menschheit erscheinen. Geh, armer Jüngling, verfolge deine Bahn; dein Werk ist nur Kinderspiel gegen das, was meine Gefährten und ich getan haben, als wir von unserem Richterstuhl herab ganz Europa, das sich gegen uns erhoben hatte, unsere fruchtbarsten Fluren als willkommene Beute an sich riß und einen Preis auf unsere Köpfe setzte, mit Todesverachtung den Fehdehandschuh hingeworfen haben.«

Bei diesen Worten hatte sich der alte Volkstribun unwillkürlich von der glühenden Begeisterung hinreißen lassen, die in seinem Herzen gärte. Sein Auge leuchtete, seine Stirn strahlte, sein Wesen zeigte eine unwiderstehliche Hoheit, denn er war in Gedanken zu den früheren Zeiten, zu seinen Kämpfen und Siegen zurückgekehrt.

Natah-Otann lauschte seinen Worten seltsam bewegt und erlag unwillkürlich dem Einfluß jenes gestürzten Riesen, der selbst nach seinem Fall noch so groß dastand.

»Aber was sage ich, Tor, der ich bin? Verzeih mir, Kind«, fügte der Greis hinzu, indem er mutlos in seinen Lehnstuhl sank. »Geh jetzt, laß mich allein; vielleicht habe ich schon morgen bei Sonnenaufgang Neuigkeiten für dich!«

Hierauf entließ er den Häuptling mit einer Handbewegung, und letzterer, der an solche Auftritte gewöhnt war, verneigte sich stumm und ging.

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