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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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14

Der Empfang

Das Dorf der Kenhas konnte – wie alle Sammelplätze indianischer Bevölkerung, die in der Nähe amerikanischer Ansiedlungen stehen – viel mehr ein Fort als ein Dorf genannt werden. Wir haben bereits erwähnt, daß die Kenhas sich auf den Rat Natah-Otanns erst seit kurzem dort niedergelassen hatten.

Die Örtlichkeit war übrigens sehr günstig gewählt, und der Stamm hatte seine Maßnahmen so gut getroffen, daß er vor einem Handstreich vollkommen gesichert war. Die indianischen Hütten standen unregelmäßig und vereinzelt umher und erhoben sich zu beiden Seiten eines Flusses, der ein namenloser Nebenfluß des Missouri war. Die Befestigungen bestanden in einer Art von Verschanzungen, die in der Eile aufgerichtet zu sein schienen und aus abgestorbenen Baumstämmen bestanden. Jene Verschanzungen bildeten eine Einfriedung und umschlossen einen ziemlich engen Raum, dessen Mündung oder Öffnung an der Stelle angebracht war, wo sich der Nebenfluß in den Missouri ergoß. Eine Umzäunung, die aus übereinandergeschichteten Baumstämmen und starken Ästen bestand und die sich hinter einem tiefen, breiten Graben erhob, vollendete die keineswegs unansehnlichen Verteidigungswerke, die man besonders weit entfernt in der Prärie erwartet hätte.

In der Mitte des Dorfes befand sich ein großer, freier Raum, den die Häuptlinge zu ihren Beratungen benützten, in dessen Zentrum sich eine zuckerhutförmige Hütte erhob. Zu beiden Seiten jener Hütte lagen auf geräumigen Tennen der Mais, das Korn und die übrigen Früchte des Feldes ausgebreitet, die zum Winterbedarf bestimmt waren.

In der Entfernung von etwa 150 Schritt von dem Haus erhoben sich zwei blockhausartige Gebäude, die aus pfeilförmigen Pfählen bestanden, die eine Bedachung von Weidenruten trugen, mit Schießscharten versehen und mit einer Umzäunung umgeben waren. Sie waren bestimmt, zur Verteidigung des Dorfes zu dienen, mit dem sie durch einen bedeckten Gang in Verbindung standen, um den Fluß zu beherrschen.

Im Bereich jener Blockhäuser, ungefähr eine viertel Meile entfernt, sah man im Westnordwesten viele Machottés oder Gerüste, auf die die Indianer vom Blut gleich den übrigen Schwarzfüßen, Sioux und Dakotas ihre Toten legen. Auf dem Weg, der zum Dorf führte, erhoben sich in gemessenen Entfernungen lange, in die Erde geschlagene Pfähle, an denen Tierfelle, Skalps und andere Gegenstände hingen, die die Indianer dem Herrn des Lebens dargebracht oder Noumank-Machana, dem ersten Menschen, verehrt hatten.

Die Indianer zogen unter dem Geschrei der Weiber und Kinder, dem Gebell der Hunde und dem sinnverwirrenden Getöse der Trommeln, Trompeten, Chichikoués und Kriegspfeifen in ihr Dorf ein. Als die Truppe auf dem freien Platz angekommen war, machte sie auf einen Wink Natah-Otanns halt, worauf der Lärm aufhörte.

Ein ungeheurer Scheiterhaufen war errichtet worden. Vor diesem stand ein noch rüstiger, hochgewachsener Häuptling mit einnehmendem Gesicht, das aber den Ausdruck der Trauer trug. Er trauerte, was an den zerrissenen Kleidern und dem kurzgeschnittenen, mit Lehm bedeckten Haar leicht zu erkennen war. Er hielt eine Dakotapfeife mit langem, flachem Rohr, das mit gelbglänzenden Nägeln verziert war, in der Hand. Jener Mann war der Gespaltene Fuß, der erste und berühmteste Sachem der Kenhas.

Sobald die Truppe haltgemacht hatte, trat er zwei Schritte vor und forderte die Häuptlinge mit würdevoller Gebärde auf, von ihren Pferden zu steigen. »Meine Söhne sind zu Hause; sie können sich auf den Bisonmänteln am Beratungsfeuer niederlassen.«

Jedermann gehorchte stillschweigend, nachdem er sich vor dem Sachem ehrerbietig verneigt hatte.

Nun ließ der Gespaltene Fuß jeden einige Züge aus der Pfeife tun, wobei er sie in der Hand behielt und sie links herumgehen ließ. Als die Pfeife zu dem Sachem zurückkam, schüttete er die glühende Asche ins Feuer und wandte sich gütig lächelnd zu den Fremden, indem er sagte: »Die Bleichgesichter sind unsere Gäste; hier sind Feuer und Wasser.«

Nach diesen Worten, die die Feierlichkeit beschlossen, erhoben sich die Anwesenden und entfernten sich nach indianischer Sitte, ohne weiter ein Wort zu sagen.

Natah-Otann trat zu dem Grafen. »Will mein Bruder folgen?« fragte er.

»Wohin?« sagte der junge Mann.

»In das Calli, das ich für ihn habe bereiten lassen.«

»Und meine Gefährten?«

»Andere Hütten harren ihrer.«

Freikugel machte eine Bewegung, der ein Wink des Grafen sofort Einhalt tat. »Verzeihung, Häuptling«, sagte Eduard, »aber meine Gefährten werden – mit Eurer Erlaubnis – bei mir wohnen.«

Der Jäger lächelte, während eine Wolke des Unmuts die Stirn des Indianers verdüsterte.

»Der junge weiße Häuptling, der an die großen Hütten der Weißen gewöhnt ist, wird sich sehr unbehaglich fühlen«, sagte er.

»Das mag sein; ich werde mich aber noch unbehaglicher fühlen, wenn ich meine Gefährten nicht zur Gesellschaft bei mir habe.«

»Die Gastfreundschaft der Kenhas ist groß; sie sind reich und würden – wäre auch die Zahl ihrer Gäste noch größer – imstande sein, jedem ein besonderes Calli zu geben.«

»Davon bin ich überzeugt, und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, die ich mir aber erlauben werde, nicht anzunehmen. Die Einsamkeit schreckt mich, und ich müßte vor Langeweile umkommen, wenn ich nicht einen Freund bei mir hätte, mit dem ich reden könnte.«

»Es geschehe nach dem Wunsch des jungen bleichen Häuptlings. Die Gäste haben das Recht zu befehlen, ihre Wünsche sind Vorschriften.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit und bin bereit, Ihnen zu folgen.«

»Kommt.« Natah-Otann verschloß den Unmut, den er empfand, in seinem Herzen, und seine gleichmütige Miene verriet nicht die leiseste Bewegung.

Die drei Männer folgten ihm, nachdem sie einen Blick des Einverständnisses gewechselt hatten.

Auf dem Platz selbst erhob sich neben der Arche des ersten Menschen, einem zylinderförmigen Pfahl, der in die Erde gegraben und mit Schlinggewächsen umrankt war, ein Calli von ganz stattlichem Ansehen. Dorthin führte der Häuptling seine Gäste.

Eine Frau stand stumm vor dessen Tür und betrachtete die Ankömmlinge mit Blicken, in denen sich Erstaunen und Verwunderung kundgaben. War das engelhafte Wesen wirklich eine Frau? Zart und ätherisch stand sie da, während ihr reizendes Gesicht vor unschuldiger Neugierde und holder Scham erglühte, und sie wandte sich mit ängstlicher Schüchternheit zu dem Grafen.

Der Graf war geneigt, innerlich an ein Wunder zu glauben, als er das liebliche Wesen erblickte, das den Jungfrauen der alten slawischen Götterlehre täuschend glich.

Natah-Otann runzelte die Brauen, als er sie erblickte. »Was tut meine Schwester hier?« fragte er barsch.

Das junge Mädchen wurde durch diese Anrede aus seinem stummen Anschauen gerissen und schlug bebend die Augen nieder. »Lianenblüte wollte ihren Pflegevater willkommen heißen«, antwortete sie leise mit lieblicher, melodischer Stimme.

»Hier ist nicht der Platz für Lianenblüte, ich werde später mit ihr reden; sie mag zu den jungen Mädchen ihres Stammes, ihren Gespielinnen, zurückkehren.«

Lianenblüte errötete noch tiefer, ihre rosigen Lippen verzogen sich; sie nahm eine reizende, schmollende Miene an, und nachdem sie wiederholt mutwillig den Kopf geschüttelt hatte, entschwebte sie leicht wie ein Vogel, wobei sie im Davoneilen dem Grafen einen letzten Blick zuwarf, der ihn wunderbar bewegte.

Der junge Mann legte schnell die Hand auf sein Herz, um dessen ungestümen Schlägen zu gebieten, und folgte dem leichtfüßigen Mädchen mit den Blicken, bis es hinter dem Calli verschwunden war.

»Sollte sie etwa«, murmelte der Häuptling in sich hinein, »plötzlich einen Menschen jener verwünschten Rasse erkannt haben, der sie selbst angehört, obgleich sie noch nie einen solchen gesehen hat?« Hierauf wandte er sich zu den Weißen, denn er fühlte, daß ihre Blicke auf ihn gerichtet waren, und sagte, indem er das Bisonfell zurückschlug, das dem Calli als Türvorhang diente: »Treten wir ein.«

Die Hütte war durch die Fürsorge Natah-Otanns gereinigt, und alle Bequemlichkeiten waren darin vereinigt worden, die man sich möglicherweise hatte verschaffen können, nämlich aufgehäufte Pelzdecken, die die Stelle des Bettes vertraten, ein lahmer Tisch, einige Bänke mit roh zugehauenen Beinen und eine Art aus Rohr geflochtener Lehnstuhl, der eine breite Rückenlehne hatte. »Der bleiche Häuptling wird es armen Indianern verzeihen, wenn sie ihn nicht besser und nach Maßgabe seines Verdienstes empfangen«, sagte er mit einer Mischung von Demut und Ironie.

»Das ist ja alles vortrefflich«, antwortete der junge Mann lächelnd, »und ich war keineswegs auf so viele Bequemlichkeiten gefaßt. Ich durchstreife übrigens auch die Prärien bereits lange genug, um gelernt zu haben, Kleinigkeiten zu entbehren und mich mit dem Notwendigen zu begnügen.«

»Ich bitte jetzt den bleichen Häuptling um Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen.«

»Tun Sie das, lieber Wirt, tun Sie es ohne Umstände; besorgen Sie Ihre Geschäfte, während ich mir eine kurze Ruhe gönne, deren ich dringend bedarf.«

Natah-Otann verbeugte sich stumm und ging.

Sobald er fort war, bat Freikugel seine Gefährten durch einen Wink, sich ruhig zu verhalten, und begann die genaue Musterung ihrer Wohnung, indem er überall herumstöberte und suchte. Als er seine Nachforschungen beendet hatte, die kein anderes Resultat herbeiführten, als ihm zu beweisen, daß sie wirklich allein wären und sie kein Spion belausche, trat er wieder in die Mitte des Calli, winkte Ivon und dem Grafen, näher zu treten, und sagte leise: »Hört, wir sind hier im Rachen des Wolfes, und zwar durch eigene Schuld. Seid vorsichtig; in der Prärie haben die Blätter Augen und die Bäume Ohren; Natah-Otann ist ein Satan, der auf irgendeinen Verrat sinnt, der uns verderben soll.«

»Bah!« erwiderte der Graf sorglos. »Woher wissen Sie das, Freikugel?«

»Obschon ich es nicht weiß, bin ich doch davon überzeugt; meine Ahnung täuscht mich nicht, Herr Eduard, ich kenne die Kenhas seit langer Zeit, und wir müssen sehen, wie wir den Kopf wieder geschickt aus der Schlinge ziehen können.«

»Wozu das Mißtrauen, lieber Freund? Die armen Teufel sinnen sicherlich nur darüber nach, wie sie uns am besten ehren können; mir kommt hier alles sehr angenehm vor.«

Der Kanadier schüttelte den Kopf. »Ich muß wissen, aus welchem Grund Ihnen die Indianer mit so großer Achtung begegnen; ich wiederhole Ihnen, daß dahinter etwas steckt.«

»Bah! Sie fürchten sich vor mir, das ist alles.«

»Nun, Natah-Otann fürchtet sich wenigstens nicht vor vielen Dingen in der Welt.«

»Aber – Gott verzeih' mir's – Freikugel, so bedenklich habe ich Sie noch nie gesehen; ich wäre fast versucht zu glauben, daß Sie sich fürchten, wenn ich Sie nicht so gut kennte.«

»Nun, ich leugne es wahrhaftig nicht«, antwortete der Jäger rasch. »Ich fürchte mich allerdings, und zwar bedeutend.«

»Sie?«

»Ja, aber nicht für mich! Sie können sich leicht vorstellen, daß mich die Rothäute, seitdem ich die Prärien durchschweife, längst umgebracht hätten, wenn es ihnen möglich gewesen wäre; meinetwegen bin ich daher sehr unbesorgt, das kann ich versichern. Aber bin ich denn allein?«

»Für wen sorgen Sie sich denn?«

»Für Sie!«

»Für mich?« rief der Graf aus, indem er sich sorglos in den Lehnstuhl streckte. »Da erweisen Sie jenen Wichten wirklich eine große Ehre, denn ich mache mich verbindlich, die scheußlichen Geschöpfe mit meiner Reitgerte auseinanderzujagen.«

Der Jäger schüttelte den Kopf. »Sie wollen das eine nicht einsehen, Herr Eduard –«

»Was denn?«

»Daß die Indianer andere Menschen sind als die Europäer, mit denen Sie bisher allein verkehrt haben.«

»Ja, wenn man auf euch Waldläufer hören wollte, so würde man wähnen, jeden Augenblick am Rand des Grabes zu schweben, und man könnte nur kriechend wie die wilden Tiere durch die Prärie schleichen. Das ist alles Geschwätz, lieber Freund, und ich glaube Ihnen schon mehrfach bewiesen zu haben, daß so große Vorsicht überflüssig ist und ein beherzter Mann, der der Gefahr keck die Stirn bietet, mit Euren kriegerischen Indianern stets fertig wird.«

»Das ist eben der Grund, den ich entdecken möchte: warum sie sich gegen Sie so zeigen.«

»Sie würden besser tun, einer anderen Entdeckung nachzugehen.«

»Welcher denn?«

»Suchen Sie zu erfahren, wer das hübsche Kind ist, das ich nur auf einen Blick gesehen habe und das der Häuptling so unfreundlich fortschickte.«

»Jetzt werden Sie sich wohl gar verlieben? Das fehlte uns eben noch.«

»Und warum nicht? Das Kind ist hübsch genug.«

»Freilich ist es hübsch, Herr Graf; aber glauben Sie mir, es ist besser, wenn Sie sich nicht darum kümmern.«

»Und warum das, wenn ich fragen darf?«

»Weil das junge Mädchen nicht ist, was es scheint.«

»Unsere Reise gleicht wahrhaftig einem Roman von Ann Radcliffe; wir sind von Geheimnissen umgeben, und seit einigen Tagen stoßen wir auf lauter Rätsel.«

»Ja, gewiß, aber je weiter wir kommen, desto dunkler wird es werden.«

»Unsinn! Ich glaube kein Wort davon. Ivon, meinen Schlafrock!«

Der Diener gehorchte. Der wackere Bursche war, seitdem er das Dorf betreten hatte, in einem Zustand fortwährender Angst und zitterte an allen Gliedern. Alles, was er sah, kam ihm so seltsam und entsetzlich vor, daß er jeden Augenblick fürchtete, abgeschlachtet zu werden.

»Nun«, fragte ihn der Graf, »was sagst du zu dem allen, Ivon?«

»Ich? Der Herr Graf wissen, daß ich furchtsam bin«, stotterte der Diener.

»Ja, ja, darüber sind wir einig. Weiter!«

»Ich habe eine entsetzliche Furcht.«

»Natürlich.«

»Und wenn es der gnädige Herr erlaubt, werde ich sämtliche Pelzdecken dort hinübertragen und mich quer vor die Tür legen.«

»Warum das?«

»Weil ich wahrscheinlich wegen meiner Angst nicht schlafen werde; und wenn daher heute nacht irgend jemand in schlechten Absichten kommen sollte, wird er genötigt sein, über mich wegzusteigen, was ich natürlich hören muß und daher imstande sein werde, den gnädigen Herrn zu warnen, damit er sich zur Wehr setzen kann.«

Der junge Mann lehnte sich zurück und schlug ein so homerisches Gelächter auf, daß Freikugel trotz seiner Besorgnis einstimmte. »Man muß auf Ehre gestehen«, rief der Graf aus, indem er seinen Diener anblickte, der über eine Heiterkeit, die ihm bei einer so ernsten Veranlassung höchst unangemessen vorkam, ganz verblüfft war, »daß du der merkwürdigste Feigling bist, der mir je vorgekommen ist.«

»Ach Gott, lieber Herr«, antwortete Ivon reumütig, »es ist nicht meine Schuld, das kann ich versichern, denn ich gebe mir die größte Mühe, mir Mut zu machen; es will mir aber nicht gelingen.«

»Schon gut«, erwiderte der junge Mann noch immer lachend, »ich bin dir deshalb nicht böse, mein armer Junge; da es aber nicht zu ändern ist, müssen wir uns eben darein schicken.«

»Leider!« entgegnete Ivon mit einem tiefen Seufzer.

»Doch genug davon; lege dich, wohin und wie du willst, Ivon, ich überlasse es dir.«

Ohne zu antworten, schickte sich der Diener sofort an, die Pelzdecken nach der Stelle zu tragen, die er gewählt hatte, während der Graf sein Gespräch mit dem Jäger fortsetzte.

»Was Sie betrifft, Freikugel«, sagte er, »so gebe ich Ihnen gleichfalls freie Hand, über unsere Sicherheit zu wachen, wie Sie es für angemessen halten, und ich gebe Ihnen das Versprechen, Ihre Pläne nicht zu durchkreuzen, ja diese erforderlichenfalls zu unterstützen – aber unter einer Bedingung.«

»Welcher?«

»Daß Sie Sorge tragen, mich die niedliche Elfe wiederfinden zu lassen, die ich vorhin schon erwähnte.«

»Sehen Sie sich vor, Herr Eduard!«

»Ich will sie wiedersehen, sage ich, und wenn ich selbst gehen sollte, sie zu suchen.«

»Das werden Sie bleiben lassen, Herr Eduard.«

»Dennoch schwöre ich bei meinem Leben, daß ich es tun werde; und zwar sogleich, wenn Sie in dem Ton fortfahren.«

»Sie werden sich anders bedenken.«

»Ich bedenke mich nie und habe mich stets wohl dabei befunden.«

»Wissen Sie denn auch, wer jene Frau ist?«

»Sie haben es eben selbst gesagt: Sie ist eine Frau, und zwar eine sehr reizende.«

»Einverstanden; sie wird aber, ich wiederhole es Ihnen, von Natah-Otann geliebt.«

»Das gilt mir gleich.«

»Seien Sie auf der Hut.«

»Keineswegs; ich will sie wiedersehen.«

»Um jeden Preis?«

»Um jeden Preis.«

»Gut, so hören Sie mich an.«

»Ja, aber fassen Sie sich kurz.«

»Ich will Ihnen die Geschichte jener Frau erzählen.«

»Sie kennen sie also?«

»Ich kenne sie.«

»Gut, fangen Sie an, ich bin ganz Ohr.«

Freikugel ging zu einer Bank, setzte sich mißmutig nieder und hob nach kurzem Bedenken an: »Vor ungefähr fünfzehn Jahren verließ Natah-Otann, der damals kaum zwanzig Jahre zählte, aber schon ein berühmter Krieger war, seinen Stamm an der Spitze von fünfzig auserwählten Kriegern, um einen Handstreich gegen die Weißen zu wagen. Zu jener Zeit hatten die Kenhas ihren Wohnort nicht an der Stelle, wo er sich jetzt befindet; die Pelzgesellschaft war noch nicht so weit an den Missouri vorgedrungen, und das Fort Mackenzie stand noch nicht. Die Indianer vom Blut jagten ungehindert auf einem weiten Gebiet, dessen sich die Amerikaner gegenwärtig bemächtigt und sie vertrieben haben. Das Dorf der Kenhas lag südlich von jenem Gebiet, ungefähr achtzig Meilen von hier entfernt. Natah-Otann hatte bis dahin noch keinen Streifzug selbständig geleitet, und eine solche Auszeichnung erfüllte ihn, wie es bei jungen Leuten seines Alters zu gehen pflegt, mit Stolz; sein Gesicht strahlte, und er brannte vor Verlangen, sich auszuzeichnen und dem Sachem seines Volkes zu beweisen, daß er würdig sei, tapfere Krieger zu befehligen. Sobald er den Kriegspfad betreten hatte, entsandte er Späher nach allen Richtungen und verbot seiner Mannschaft zu rauchen, aus Furcht, daß das Glimmen der Pfeifen ihre Nähe verraten könne. Kurz, er traf mit seltener Umsicht alle Vorsichtsmaßnahmen.

Sein Unternehmen hatte einen glänzenden Erfolg; er überfiel mehrere Karawanen und plünderte und zerstörte mehrere Ansiedlungen; seine Leute kamen reich mit Beute beladen und mit zahlreichen Skalps, die am Gebiß ihrer Pferde hingen, zurück, während Natah-Otann nur ein schwaches, kleines Geschöpf von kaum drei Jahren mitbrachte, das er entweder sorgsam in seinen Armen trug oder quer vor sich über den Sattel legte. Das schlanke, schöne junge Mädchen, das Sie heute gesehen haben, ist jenes Kind.«

»Wirklich?«

»Niemand weiß, niemand wird je erfahren, ob sie weiß oder rot, eine Amerikanerin oder eine Spanierin ist. Viele Indianer kommen – wie Ihnen bekannt sein wird – mit einer weißen Haut zur Welt; die Farbe gibt daher kein Merkmal ab, das zur Auffindung der Eltern des jungen Mädchens dienen könnte. Kurz, der Häuptling nahm sie an Kindes Statt an, aber seltsamerweise gewann das Kind, je mehr es heranwuchs, eine Gewalt über Natah-Otann, der er sich nie zu entziehen vermochte und die ihn bald so sehr bedrückte, daß die Häuptlinge seines Stammes deshalb in Sorge waren. Übrigens war das Leben, das Lianenblüte – das ist ihr Name...«

»Ich weiß es«, unterbrach ihn der Graf.

»Gut«, fuhr der Jäger fort. »Das Leben, das Lianenblüte führte, war seltsam. Weit entfernt, munter, leichtfüßig und lachlustig zu sein, wie junge Mädchen ihres Alters sonst sind, ist sie finster, in sich gekehrt, scheu, irrt stets allein in der Prärie umher und hüpft entweder wie eine Gazelle durch das betaute Gras oder sitzt des Nachts im Mondenschein träumend da und murmelt Worte, die niemand hört. Zuweilen sieht man von weitem – denn niemand wagt es, sich ihr zu nahen – eine andere Gestalt gesenkten Kopfes stundenlang neben ihr herwandeln, worauf sie allein in das Dorf zurückkehrt; und wenn man sie fragt, zuckt sie entweder stumm die Achseln oder bricht in Tränen aus.«

»Das ist in der Tat seltsam.«

»Nicht wahr? Es kam so weit, daß sich die Häuptlinge am Beratungsfeuer versammelten und den Ausspruch taten, daß Lianenblüte ihren Pflegevater bezaubert habe.«

»Die Dummköpfe«, murmelte der Graf.

»Wer weiß?« entgegnete der Jäger. »Kurz, wie dem auch sein mag, steht es doch fest, daß man beschloß, sie in der Wildnis allein auszusetzen, um sie dem Tod preiszugeben.«

»Das arme Kind! Was geschah denn weiter?«

»Als Natah-Otann und der Weiße Bison, die dem Rat nicht beigewohnt hatten, das Urteil vernahmen, eilten sie zu den versammelten Häuptlingen und wußten diese durch ihre glatten Reden so zu gewinnen, daß man es nicht nur aufgab, das junge Mädchen auszusetzen, sondern es sogar von Stund an als den Schutzgeist des Stammes betrachtete.«

»Und Natah-Otann?«

»Sein Zustand ist noch immer derselbe.«

»Ist das alles?«

»Es ist alles.«

»Nun, Freikugel, mein Freund, dann will ich binnen zwei Tagen ergründen, ob das junge Mädchen wirklich eine so große Hexenmeisterin ist, wie man sagt.«

Die Antwort des Jägers bestand nur in einem unverständlichen Grunzen; dann streckte er sich, ohne ein Wort weiter zu reden, auf seine Pelzdecken.

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