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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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13

Ankunft im Dorf der Kenhas • Indianer vom Blut

Da uns der Fortgang unserer Erzählung nötigt, mit den Indianern, die die Prärien am Missouri innehaben, in genauere Verbindung zu treten, wollen wir dem Leser ein Bild der Naturvölker jenes Landstrichs entwerfen, die im allgemeinen mit dem Namen Schwarzfußindianer bezeichnet werden.

Zu der Zeit, wo unsere Erzählung spielt, bildeten die Schwarzfüße ein mächtiges Volk, das sich in drei Stämme trennte, die aber alle dieselbe Sprache führten. Zuerst in den Stamm der Siksekai oder Schwarzfüße im eigentlichen Sinn, wie es der Name angibt; dann in den Stamm der Kenhas oder Indianer vom Blut sowie in den Stamm der Piekanns. Die Nordamerikaner bezeichnen jene Indianer mit etwas anderen als den eben angeführten Namen, doch mit Unrecht; wir haben die genaue Benennung beibehalten, wie wir sie während unseres Aufenthalts in den Prärien häufig aus dem Mund der Schwarzfüße selbst gehört haben.

Wenn die drei Stämme vereinigt waren, konnte jenes Volk gegen 8000 Krieger stellen, aus welcher Zahl man schließen kann, daß sich die Bevölkerung auf 25000 Köpfe belief. Gegenwärtig haben aber die Pocken große Verwüstungen unter jenen Indianern angerichtet und sie auf eine weit geringere Zahl als die oben angegebene zusammengeschmolzen.

Die Schwarzfüße durchstreifen die Prärien, die an das Felsengebirge grenzen, das sie zuweilen an der Stelle betreten, wo sich der Missouri in drei Arme teilt, die die Namen Gallatin River, Beaverhead River und Madison River führen. Sie kommen sogar bis zum Maria's River, um mit der amerikanischen Pelzgesellschaft zu verkehren; auch stehen sie mit der Gesellschaft von der Hudsonbai und selbst mit den Mexikanern von Santa Fe in Handelsverbindung.

Jenes Volk, das in ständigem Streit mit den Weißen lebt, die es, sooft sich Gelegenheit dazu bietet, angreift, ist übrigens nur wenig bekannt, doch wegen seiner Geschicklichkeit im Stehlen der Pferde und seiner Grausamkeit und offenkundigen Falschheit sehr gefürchtet.

Unsere Erzählung führt uns hauptsächlich mit den Kenhas zusammen; wir werden daher auf jenen Stamm besonders eingehen.

Der Ursprung des Namens »Indianer vom Blut«, den man den Kenhas beilegt, ist der folgende:

Ehe sich die Schwarzfüße verstreut hatten, befanden sie sich zufällig in der Nähe von sieben bis acht Zelten, die den Saki-Indianern gehörten. Es entstand ein Streit zwischen den Kenhas und den Sakis, weil letztere trotz des Widerstands der Piekanns eine Frau entführt hatten. Die Kenhas beschlossen, ihre Nachbarn umzubringen, und führten ihren Plan mit außerordentlicher Grausamkeit und Roheit aus. Sie überfielen die Zelte der Sakis während der Nacht, metzelten die Unglücklichen nieder, während sie schliefen – wobei selbst Frauen, Kinder und Greise nicht verschont wurden –, und nachdem sie ihre Opfer skalpiert hatten, besudelten sie ihr Gesicht und ihre Hände mit Blut und kehrten zu ihren Hütten zurück.

Die Piekanns tadelten sie wegen dieses Aktes der Barbarei; es entspann sich ein Streit, der bald in einen Kampf überging, in dessen Folge sich die drei Stämme der Schwarzfüße trennten. Man gab hierauf den Kenhas den Beinamen »Indianer vom Blut«, der ihnen geblieben ist und auf den sie stolz sind, indem sie sich rühmen, daß sie niemand ungestraft beleidigen dürfe.

Die Kenhas sind übrigens die zügellosesten und rastlosesten unter den Schwarzfüßen und haben stets und zu allen Zeiten blutdürstigere und raubsüchtigere Neigungen verraten als der übrige Teil des Volkes; und besonders die Piekanns stehen mit vollem Recht in dem Ruf, sehr sanft und menschlich zu sein. –

Gewöhnlich leben die drei Stämme der Schwarzfüße getrennt, und Natah-Otann hatte großer Schlauheit bedurft und besonders eine unüberwindliche Geduld üben müssen, um sie zu veranlassen, sich zu vereinigen, und sie dahin zu bringen, sich unter eine gemeinsame Fahne zu scharen. Er war fortwährend gezwungen, alle Hilfsmittel aufzubieten, die ihm sein erfinderischer Geist eingab, und er mußte große diplomatische Gewandtheit entwickeln, um eine Trennung zu verhüten, die unter jenen Männern, die kein engeres Band verband und deren empfindlicher Stolz sich beim geringsten Schein einer Demütigung empörte, fortwährend zu befürchten stand. Natah-Otann hatte beschlossen, den Grafen de Beaulieu und seine Gefährten zum großen Sommerdorf der Kenhas zu führen, das unfern des Forts Mackenzie liegt, das der Amerikanischen Pelzgesellschaft als Hauptstapelplatz dient.

Die Kenhas hatten erst vor einem Jahr ein Dorf in der Nähe des Forts errichtet. Jene Nachbarschaft war den Amerikanern anfangs bedenklich, doch zeigten sich die Schwarzfüße in ihrem Verkehr mit den Weißen scheinbar so offen und ehrlich, daß sich letztere schließlich nicht mehr um ihre Nachbarn kümmerten und sich begnügten, den Rothäuten ihre Pelzwaren abzukaufen, Branntwein an sie zu verkaufen und ihr Dorf zu besuchen, wenn sie sich vergnügen wollten.

Nachdem Natah-Otann, wie wir bereits früher berichtet haben, John Bright und seiner Familie eine ungeheure Landstrecke für einen Dollar überlassen hatte, erinnerte er den Grafen an das Versprechen, ihn zu seinem Stamm begleiten zu wollen. Obgleich der junge Mann innerlich unzufrieden war, sich gezwungen zu sehen, die Einladung anzunehmen, die fast wie ein Befehl klang, fügte er sich scheinbar doch gutwillig darein, und nachdem er sich bei der Auswandererfamilie verabschiedet hatte, gab er dem Häuptling durch einen Wink zu verstehen, daß er bereit sei, ihm zu folgen.

John Bright stand da, auf den Lauf seiner Büchse gelehnt, und folgte der Reiterschar der Kenhas, die ihrer Gewohnheit gemäß im Galopp durch die Prärie sprengte, mit den Blicken, als sich einer der Reiter plötzlich umwandte und mit verhängtem Zügel zum amerikanischen Lager zurückkehrte. Der Auswanderer erkannte mit Erstaunen Freikugel, den alten kanadischen Jäger.

Freikugel machte vor ihm halt.

»Haben Sie etwas vergessen?« fragte der Auswanderer.

»Ja«, antwortete der Jäger.

»Was denn?«

»Ihnen ein Wort zu sagen.«

»So?« erwiderte jener verwundert. »Reden Sie.«

»Ich habe keine Zeit, viele Worte zu machen; antworten Sie mir daher so bündig, wie ich frage.«

»Gut, ich höre.«

»Sind Sie dem Grafen de Beaulieu dankbar für das, was er an Ihnen getan hat?«

»Mehr, als ich sagen kann.«

»Würden Sie notfalls etwas für ihn tun?«

»Alles!«

»Das ist viel gesagt.«

»Es drückt noch nicht aus, was ich empfinde; meine Familie, meine Diener, kurz alles, was ich besitze, steht zu seiner Verfügung.«

»Sie sind ihm also ergeben?«

»Auf Tod und Leben.«

»Gut!«

»Bei welcher Gelegenheit es auch sei – am Tag oder während der Nacht – und was auch geschehen möge, werde ich auf ein Wort, einen Wink von ihm bereit sein.«

»Wollen Sie es beschwören?«

»Ich schwöre es.«

»Ich habe Ihr Versprechen!«

»Ich werde es halten.«

»Ich verlasse mich darauf. Leben Sie wohl!«

»Schon?«

»Ich muß zu meinen Gefährten zurückkehren.«

»Ihr roter Gast flößt Ihnen wohl Mißtrauen ein?«

»Mit den Indianern muß man immer auf der Hut sein«, antwortete der Jäger bündig.

»Es ist also nur eine Vorsichtsmaßnahme?«

»Vielleicht.«

»Auf jeden Fall können Sie auf mich rechnen.«

»Nehmen Sie meinen Dank, und leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl!«

Die Männer trennten sich; sie hatten sich verstanden.

»By God«, sagte der Auswanderer, indem er seine Büchse über die Schulter warf und ins Lager zurückkehrte; »wehe dem, der ein Haar des Mannes krümmen wollte, dem ich soviel verdanke.«

Die Indianer standen am Rand eines kleinen Baches und schickten sich an, diesen zu überschreiten, als sie der Jäger einholte. Natah-Otann, der eben mit dem Grafen sprach, warf dem Jäger einen Seitenblick zu, doch ohne ihn anzureden.

Ja, dachte jener mit spöttischem Lächeln, meine Abwesenheit hat dich neugierig gemacht, mein wackerer Freund, und du möchtest gern wissen, warum ich so plötzlich umgekehrt bin; unglücklicherweise bin ich keineswegs geneigt, deinem Verlangen zu entsprechen.

Als sie den Bach überschritten hatten, gesellte sich der Kanadier unbefangen zu dem jungen Franzosen und verhinderte dadurch den indianischen Häuptling, die Unterhaltung wieder anzuknüpfen, die er mit dem Grafen angefangen hatte.

Es verstrich eine Stunde, ohne daß zwischen den dreien ein Wort gewechselt worden wäre. Natah-Otann war durch die Hartnäckigkeit des Jägers verstimmt und wußte nicht, wie er ihn entfernen sollte; er beschloß daher, ihm das Feld zu räumen, und indem er seinem Pferd die Sporen gab, ließ er die beiden Weißen allein.

Der Jäger blickte ihm mit jenem satirischen Lächeln nach, das ihm besonders eigen war.

»Das arme Pferd«, sagte er; »es muß unter der üblen Laune seines Herrn leiden.«

»Welche üble Laune meinen Sie?« fragte der Graf zerstreut.

»Welche andere, als die des Häuptlings, der dort hinter der Staubwolke davonjagt.«

»Ihr scheint euch gegenseitig nicht sehr zueinander hingezogen zu fühlen.«

»Wir lieben uns ungefähr wie der Graue Bär und der Jaguar.«

»Was soviel heißt...?«

»Daß wir ganz einfach unsere Krallen gegeneinander gemessen haben; und da wir fanden, daß diese gegenwärtig so ziemlich von gleicher Länge und Stärke sind, sind wir auf unserer Hut.«

»Grollen Sie ihm etwa noch?«

»Ich? Nicht im geringsten! Ich fürchte ihn ebensowenig wie er mich; aber weil wir uns kennen, mißtrauen wir einander.«

»Oho!« sagte der junge Mann lachend. »Darunter steckt, wie ich sehe, etwas Ernstes.«

Freikugel runzelte die Brauen und warf einen forschenden Blick um sich. Die Indianer ritten plaudernd und lachend ungefähr zwanzig Schritt hinter ihnen, und nur Ivon, der in geringer Entfernung folgte, konnte die Unterhaltung der beiden Männer hören. Freikugel neigte sich zum Grafen, stützte sich auf dessen Sattelknopf und flüsterte ihm zu: »Ich liebe nicht den Jaguar, der sich in die Haut des Fuchses steckt; es soll jeder seiner angeborenen Neigung folgen, sich aber keine falsche andichten.«

»Ich muß gestehen, mein Freund«, antwortete der junge Mann, »daß Sie in Rätseln sprechen und ich Sie nicht verstehe.«

»Nur Geduld«, entgegnete der Jäger kopfnickend, »bald werde ich deutlicher sein.«

»Das soll mich aufrichtig freuen, Freikugel«, sagte der junge Mann lächelnd, »denn seitdem wir wieder mit dem indianischen Häuptling zusammengetroffen sind, haben Sie eine so geheimnisvolle Miene angenommen, daß sich meine Neugierde bedeutend regt und ich gern ein für allemal wissen möchte, was ich davon denken soll.«

»Nun, was halten Sie von Natah-Otann?« fragte Freikugel unumwunden. »Ist das immer noch der Ort, wo Sie der Schuh drückt?«

»Ja.«

»Nun, so werde ich Ihnen sagen, daß mir der Mann merkwürdig ist und etwas Seltsames in seinem Wesen hat, das ich mir nicht erklären kann. Sagen Sie mir doch vor allen Dingen, ob er wirklich ein Indianer ist.«

»Ja.«

»Aber er ist gereist, hat mit den Weißen verkehrt und war sogar im Inneren der Vereinigten Staaten?«

Der Jäger schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er; »er hat sein Volk nie verlassen.«

»Aber ...«

»Aber«, fiel ihm Freikugel ins Wort, »er spricht das Französische, das Englische und das Spanische so geläufig wie Sie und wahrscheinlich besser als ich, nicht wahr? Vor seinen Kriegern heuchelt er die tiefste Unwissenheit und zittert mit ihnen über die tausend Erzeugnisse unserer Zivilisation, als da sind: eine Uhr, eine Spieluhr oder auch ein Streichhölzchen, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Wenn er dann mit gewissen Leuten allein ist, wie zum Beispiel mit Ihnen, Herr Graf, verschwindet der Indianer plötzlich, der Wilde verleugnet sich, und man steht einem Mann gegenüber, dessen Kenntnisse mindestens den unsrigen gleich sind und der uns durch vielseitige Erfahrung in Erstaunen setzt.«

»Das ist wahr.«

»Aha! Nun, wenn Ihnen das ebenso aufgefallen ist wie mir, werden Sie sich vorsehen, Herr Eduard.«

»Weshalb sollte ich ihn fürchten?«

»Jetzt weiß ich es noch nicht, aber seien Sie versichert, daß ich es bald erfahren werde. Er ist zwar schlau, doch bin ich nicht so dumm, wie er meint, sondern beobachte ihn. Der Mann spielt schon seit langer Zeit eine Komödie, um die ich mich aber bisher wenig gekümmert habe. Da er uns aber in sein Spiel verwickelt, mag er sich vorsehen.«

»Aber woher hat er die Kenntnisse, die er besitzt?«

»Ja, das ist eine lange Geschichte, die ich jetzt nicht erzählen kann, die Sie aber einst erfahren sollen. Für jetzt mag es genügen, wenn ich sage, daß sich bei seinem Volk ein alter Häuptling befindet, den man den Weißen Bison nennt. Jener Mann ist ein Europäer und hat den Grauen Bären erzogen.«

»So?«

»Ist es nicht merkwürdig, daß ein Europäer, der die ausgebreitetsten Kenntnisse besitzt und in seinem Land eine angesehene Stellung einnahm, sich freiwillig entschließt, ein Häuptling der Wilden zu werden?«

»Das ist in der Tat sehr merkwürdig. Kennen Sie den Mann?«

»Ich habe ihn oft gesehen; er ist jetzt sehr alt; sein Bart und sein Haar sind weiß, seine Gestalt ist hoch und majestätisch, seine Haltung würdevoll, seine Züge sind schön, und sein Blick ist durchdringend. In seinem Wesen liegt eine strenge Hoheit, die Ehrfurcht gebietet und wodurch man sich unwillkürlich angezogen fühlt. Der Graue Bär hegt die größte Verehrung für ihn und ist ihm mit Leib und Seele ergeben; er gehorcht ihm wie ein Sohn.«

»Wer mag jener Mann sein?«

»Das weiß niemand; und ich bin überzeugt, daß der Graue Bär selbst in der Hinsicht ebenso unwissend ist wie sein Stamm.«

»Wie ist er aber zu dem Volk gekommen?«

»Auch das weiß man nicht.«

»Ist er schon lange dort?«

»Er hat, wie ich Ihnen schon sagte, den Grauen Bären erzogen und statt eines Indianers einen Bären aus ihm gemacht.«

»Das ist alles sonderbar«, murmelte der Graf, der plötzlich nachdenklich wurde.

»Nicht wahr? Das ist aber noch nicht alles. Sie werden eine Welt betreten, die Sie noch nicht kennen; der Zufall mischt Sie in Interessen, die Ihnen fremd sind. Sehen Sie sich vor, und erwägen und berechnen Sie jedes Wort, ja jede Bewegung, Herr Eduard, denn die Indianer sind sehr schlau, und der Mann, mit dem Sie zu tun haben, ist noch schlauer als die übrigen, da er die Arglist des Indianers mit der europäischen Verderbtheit verbindet, die ihm sein Lehrer beigebracht hat. Natah-Otann ist ein unergründlicher Mann; sein Geist ist ein Abgrund, und ich bin überzeugt, daß er über düsteren Plänen brütet. Seien Sie wachsam, denn sein Verlangen, Sie in sein Dorf mitzunehmen; seine Freigebigkeit gegen den amerikanischen Squatter; der geheime Schutz, den er Ihnen gewährt, indem er sich zuerst das Ansehen gibt, ein übernatürliches Wesen in Ihnen zu sehen; seine scheinbare Gutmütigkeit – kurz, alles erweckt den Verdacht in mir, daß er Sie ohne Ihr Vorwissen in irgendein düsteres Unternehmen verwickeln will, durch das Sie in Ihr Verderben gestürzt werden. Glauben Sie mir, Herr Eduard, seien Sie auf der Hut.«

»Vielen Dank, mein Freund, ich werde wachsam sein«, sagte der Graf, indem er dem wackeren Kanadier die biedere Hand drückte.

»Sie wollen wachsam sein? Wissen Sie denn aber, wie Sie es anzufangen haben?«

»Ich gestehe, daß ...«

»Hören Sie«, fiel ihm der Jäger rasch ins Wort, »erst müssen Sie ...«

»Da kommt der Häuptling!« rief der junge Mann aus.

»Zum Teufel!« brummte Freikugel. »Konnte er nicht noch einige Augenblicke wegbleiben? Ich bin überzeugt, daß der rote Satan einen dienstbaren Geist hat, der ihn warnt; aber gleichviel, Sie wissen jetzt genug, um sich nicht durch falsche Freundlichkeit täuschen zu lassen. Ich werde übrigens in der Nähe sein, um Sie zu unterstützen.«

»Für den Fall sage ich im voraus Dank.«

»Ich werde Sie warnen. Für Sie ist es indessen notwendig, eine sorglose Miene anzunehmen und sich so zu stellen, als wüßten Sie von nichts.«

»Gut, abgemacht. Hier kommt der Betreffende – still!«

»Im Gegenteil, wir müssen reden; das Schweigen erregt in den meisten Fällen Mißtrauen. Bemühen Sie sich, mir in dem Sinn zu antworten, wie ich fragen werde.«

»Ich werde es versuchen.«

»Hier kommt der Häuptling; es gilt den Betrüger zu betrügen.« Nachdem er dem Häuptling, der jetzt ziemlich nahe war, einen verstohlenen Blick zugeworfen hatte, fuhr der Jäger in verändertem Ton laut fort: »Nichts ist leichter, als was Sie da verlangen, Herr Eduard, und ich bin überzeugt, daß sich der Häuptling glücklich schätzen wird, Ihnen ein solches Vergnügen verschaffen zu können.«

»Glauben Sie das wirklich?« fragte der junge Mann, der nicht wußte, was der Jäger sagen wollte.

Freikugel wandte sich hierauf zu Natah-Otann, der eben herankam und sich schweigend zu ihnen gesellte, obwohl er die letzten Worte der beiden Männer gehört hatte. »Mein Begleiter«, sagte er zu dem Häuptling, »hat viel von der Jagd auf das kanadische Rentier reden hören und brennt vor Verlangen, diese kennenzulernen. Ich habe ihm in Eurem Namen, Häuptling, angeboten, einer jener köstlichen Treibjagden beizuwohnen, deren Geheimnis die Wilden zu besitzen scheinen.«

»Natah-Otann wird sich freuen, seinem Gast gefällig zu sein«, antwortete der Häuptling, indem er sich mit indianischer Gelassenheit verbeugte.

Der Graf dankte ihm.

»Wir sind bald im Dorf meines Stammes; in einer Stunde werden wir angekommen sein, und das Bleichgesicht soll sehen, wie ich meine Freunde zu empfangen weiß.«

Die Schwarzfüße, die bisher keine besondere Ordnung beachtet hatten, kamen allmählich heran und umgaben ihren Häuptling in dicht geschlossenen Reihen. Die kleine Truppe kam im Weiterreiten den Ufern des Missouri immer näher, dessen angeschwollene Fluten bis an die hohen, mit Röhricht bewachsenen Ufer reichten, aus denen sich, je näher die Reiter kamen, rosenfarbige Flamingos mit lautem Geräusch erhoben. Als sie eine gewisse Stelle erreicht hatten, wo der Pfad eine Biegung bildete, hielten die Indianer inne und bereiteten ihre Waffen wie zum Kampf vor. Die einen zogen ihre Flinten aus den hirschledernen, mit Federn verzierten Futteralen und luden sie, während andere ihre Bogen und Pfeile zurechtlegten.

»Fürchten jene Leute einen Angriff?« fragte der Graf den Jäger.

»Keineswegs«, antwortete dieser; »wir sind nur noch wenige Schritte von ihrem Dorf entfernt, in das sie Ihnen zu Ehren im Triumph einziehen wollen.«

»Wahrhaftig!« antwortete der junge Mann. »Das verspricht ja sehr unterhaltend zu werden, und ich habe allerdings, als ich in die Prärien kam, nicht geglaubt, daß ich so seltsamen Auftritten beiwohnen würde.«

»Noch haben Sie nichts gesehen«, antwortete der Jäger ironisch. »Warten Sie, denn bis jetzt ist nur der Anfang gemacht.«

»Desto besser!« rief der junge Mann munter aus.

Auf einen Wink Natah-Otanns traten die Krieger wieder in Reih und Glied. Im selben Augenblick ließ sich, obwohl man niemanden sah, das Lärmen der Trompeten, Trommeln und Chichikoués in geringer Entfernung geräuschvoll vernehmen. Die Krieger stießen ihr Kriegsgeschrei aus und antworteten, indem sie ihre Ikkochetas oder Kriegspfeifen bliesen, die aus menschlichen Schienbeinen gefertigt sind und die sie am Hals tragen.

Natah-Otann stellte sich nun an die Spitze des Zuges, während der Graf zu seiner Rechten und der Jäger mit Ivon zu seiner Linken ritten; hierauf wandte er sich zu seinen Kriegern und schwenkte zu wiederholten Malen die Flinte über seinem Kopf, wobei er zwei- oder dreimal durchdringend pfiff. Bei diesem Zeichen eilte die Truppe plötzlich vorwärts und flog wie ein Sturmwind um die Biegung des Weges.

Der Franzose wohnte jetzt einem seltsamen Schauspiel bei, das aber ein gewisses Gepräge wilder Großartigkeit trug: Ein Trupp von Kriegern kam den Ankömmlingen vom Dorf her mit Geschrei, Geheul, Flintenschüssen und geschwungenen Waffen entgegen. Die beiden Truppen stürmten mit unglaublicher Wut aufeinander los und suchten sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit zu ereilen. Als sie auf zehn Schritte Entfernung einander gegenüberstanden, schienen die Pferde von selbst stillzustehen und fingen an zu tanzen, sich zu tummeln und die schwierigsten Kunststücke auszuführen.

Nachdem diese Übungen einige Zeit gedauert hatten, stellten sich beide Truppen in einem Halbkreis einander gegenüber, während sich die Häuptlinge auf dem freigelassenen Raum versammelten. Nun begannen die Vorstellungen.

Natah-Otann hielt den Häuptlingen eine lange Rede, in der er Bericht erstattete über den Erfolg seines Unternehmens und was er vollbracht hatte. Die Sachems hörten ihn mit indianischem Ernst an. Als er seine Begegnung mit den Weißen erwähnte und erzählte, was geschehen war, verbeugten sie sich, ohne zu antworten; nur als Natah-Otann den Grafen erwähnte, heftete ein Sachem, der älter war als die anderen und bei den übrigen in hohem Ansehen zu stehen schien, einen forschenden, durchdringenden Blick auf diesen.

Der junge Mann geriet unwillkürlich über den scharfen Blick in Verlegenheit und neigte sich zu Freikugel, den er leise fragte, wer jener Mann sei.

»Es ist der Weiße Bison«, entgegnete dieser; »der Europäer, von dem ich Ihnen erzählt habe.«

»So?« sagte der Graf und betrachtete ihn seinerseits mit großer Aufmerksamkeit. »Ich weiß nicht warum – es ist mir aber, als ob ich später mit jenem Mann in Konflikt geraten würde.«

Der Weiße Bison ergriff jetzt das Wort. »Meine Brüder sind willkommen«, sagte er. »Ihre Rückkehr ist ein Fest für unseren Stamm; sie sind unerschrockene Krieger, und wir freuen uns, zu erfahren, auf welche Weise sie den erhaltenen Auftrag vollzogen haben.« Hierauf wandte er sich zu den Weißen und fuhr, nachdem er sich vor ihnen verbeugt hatte, folgendermaßen fort: »Die Kenhas sind zwar arm, nehmen aber die Fremden stets gut auf; die Bleichgesichter sind unsere Gäste, und alles, was wir besitzen, gehört ihnen.«

Der Graf und seine Begleiter dankten dem Häuptling, der sie im Namen des Stammes so freundlich willkommen hieß, worauf sich die beiden Truppen verschmolzen und vereint nach dem Dorf eilten, das kaum fünfhundert Schritt von der Stelle entfernt war, wo sie sich befanden, und vor dessen Eingang man eine Schar Weiber und Kinder versammelt sah.

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