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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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11

Die amerikanische Gastfreundschaft

So standen die Dinge zu der Zeit, wo die Erzählung beginnt, die wir unternommen haben zu berichten. Nachdem wir hiermit die unumgänglichen einleitenden Bemerkungen vorausgeschickt haben, nehmen wir den Faden unserer Erzählung wieder an der Stelle auf, wo wir ihn fallen ließen.

John Bright und seine Familie sahen hinter den Verschanzungen ihres Lagers mit einer Mischung von Furcht und Freude die Schar heransprengen, die hinter einer Staubwolke wie ein Sturmwind herangebraust kam. »Achtung, Kinder«, sagte der Amerikaner zu seinen Dienern und seinem Sohn; »haltet eure Flinten schußfertig; ihr kennt ja die teuflische Arglist jener Affen der Prärien. Wir wollen uns nicht zum zweitenmal überrumpeln lassen. Bei der geringsten verdächtigen Bewegung gebt ihr Feuer! Wir wollen ihnen auf solche Weise beweisen, daß wir auf unserer Hut sind.«

Die Frau und die Tochter des Auswanderers richteten ihre Blicke auf die Prärie und verfolgten aufmerksam die Bewegungen der Indianer. »Ich glaube, daß du dich irrst, mein Freund«, sagte Mrs. Bright; »jene Männer kommen in keiner feindseligen Absicht. Die Indianer unternehmen selten ihre Angriffe bei hellem Tag; und wenn es geschieht, so zeigen sie sich nicht so frei vor allen Blicken.«

»Und zwar um so mehr«, fügte das junge Mädchen hinzu, »als ich, wenn ich nicht irre, Europäer erblicke, die an der Spitze der Truppe reiten.«

»Ach«, bemerkte John Bright, »das hat durchaus nichts zu sagen, mein Kind. Es wimmelt in den Prärien von schlechten Subjekten ohne Gott und Gebot, die mit den Teufeln von Rothäuten gemeinschaftliche Sache machen, wenn es sich darum handelt, ehrliche Reisende zu berauben. Wer weiß denn, ob es nicht die Weißen gewesen sind, die den Angriff von heute nacht angestiftet haben?«

»Nein, mein Vater, das kann ich nicht glauben«, erwiderte Diana.

Diana Bright, die wir bisher nur flüchtig erwähnt haben, war ein junges, hoch aufgeschossenes, schlankes Mädchen von siebzehn Jahren. Ihre großen schwarzen, von dunklen Wimpern beschatteten Augen, ihre üppigen dunklen Flechten und ihr niedlicher, mit perlenweißen Zähnen versehener Mund ließen sie äußerst lieblich erscheinen, und sie würde überall bemerkt worden sein; in der Wildnis aber war sie ohne Frage bestimmt, großes Aufsehen zu erregen. Ihre gute, strenggläubige Mutter hatte sie zur Frömmigkeit erzogen, und Diana besaß noch die volle Arglosigkeit der Kindheit, zu der sich die Erfahrung des täglichen Lebens gesellte, die der Aufenthalt in den jungen Ansiedlungen, wo man frühzeitig zum Denken und zum Selbständigsein angehalten wird, notwendig verleiht.

Die Reiter kamen unterdessen rasch näher, ja sie waren bereits in ziemliche Nähe gelangt.

»Es ist wirklich unser Vieh, das dort unten herankommt«, sagte William. »Ich erkenne Sultan, mein gutes Pferd.«

»Und ich die Schwarze, meine arme Milchkuh!« seufzte Mrs.Bright.

»Tröstet euch«, erwiderte Diana; »ich wette, daß uns die Leute unser Vieh zurückbringen. «

Der Auswanderer schüttelte verneinend den Kopf. »Die Indianer geben nie zurück, was sie einmal in Händen haben«, sagte er; »ich werde aber bei Gott der Sache auf den Grund gehen und mich nicht gutwillig berauben lassen.«

»Warte doch, Vater«, antwortete William, indem er ihn zurückhielt, denn der Auswanderer wollte eben über die Verschanzung springen; »wir werden ja bald erfahren, welcher Art ihre Absichten sind.«

»Nun, meiner Ansicht nach sind sie verständlich genug: Die Schurken kommen, um uns irgendeinen schändlichen Handel anzubieten.«

»Vielleicht, mein Vater, vielleicht auch nicht; ich glaube vielmehr, daß du dich täuschst«, erwiderte das junge Mädchen eifrig. »Seht, jetzt machen sie halt und scheinen sich untereinander zu beraten.«

Die Indianer blieben wirklich in Büchsenschußweite stehen und sprachen miteinander.

»Warum gehen wir nicht weiter?« fragte der Graf den Jäger.

»Ja, Sie kennen die Yankees noch nicht, Herr Eduard. Ich bin überzeugt, daß man uns mit einem Kugelregen begrüßen würde, wenn wir zehn Schritt weiter täten.«

»Was fällt Ihnen ein!« erwiderte der junge Mann achselzuckend. »Die Leute werden doch keine Narren sein und uns so aufnehmen!«

»Mag sein; es würde aber geschehen, wie ich sage. Wenn Sie recht aufmerksam hinsehen, werden Sie von hier zwischen den Pfählen ihrer Umzäunung die Läufe ihrer Büchsen in der Sonne glänzen sehen.«

»Das ist, bei Gott, wahr! Die Leute wollen also mit Gewalt niedergemetzelt sein?«

»Es wäre bereits geschehen, wenn mein Bruder nicht zu ihren Gunsten gesprochen hätte«, sagte Natah-Otann näher tretend.

»Ich sage Euch aufrichtigen Dank, Häuptling! Die Wildnis ist groß, was können uns im Grunde jene armen Teufel anhaben?«

»Sie allein nichts; ihnen werden aber andere folgen, die sich neben ihnen niederlassen und so fort. Schließlich wird an einer Stelle, wo vor sechs Monaten die Natur noch so frei waltete, wie sie aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen ist, mein Bruder eine Stadt erstehen sehen.«

»Das ist wahr«, sagte Freikugel. »Die Yankees verschonen nichts, und die Wut, Städte zu gründen, macht sie zu gefährlichen Narren.«

»Warum machen wir halt, Häuptling?« wiederholte der Graf seine erste Frage.

»Um zu parlamentieren.«

»Tut mir einen Gefallen – wollt Ihr? Überlaßt diese Sorge mir. Ich bin neugierig, zu sehen, wie jene Leute das Kriegsrecht verstehen und welchen Empfang sie mir bereiten werden.«

»Mein Bruder ist frei.«

»Gut. Erwartet mich hier; unternehmt aber während meiner Abwesenheit keine Bewegung.«

Der junge Mann legte seine Waffen ab, die er seinem Diener überreichte.

»Wie?« bemerkte Ivon. »Wollen der Herr Graf so zu jenen Ungläubigen gehen?«

»Wie sollte ich sonst gehen? Du weißt doch, daß ein Parlamentär nichts zu fürchten hat.«

»Mag sein«, erwiderte der Diener in zweifelndem Ton. »Wenn aber der Herr Graf meinem Rat folgen will, wird er wenigstens seine Pistolen im Gürtel behalten. Man kann nicht wissen, mit welchen Leuten man zusammentrifft, und ein Unglück ist bald geschehen.«

»Du bist von Sinnen«, antwortete der Graf achselzuckend.

»Wohlan; wenn der Herr Graf darauf bestehen, unbewaffnet zu jenen Leuten zu gehen, die weit entfernt sind, mir Vertrauen einzuflößen, so bitte ich ihn, mir zu erlauben, ihn zu begleiten.«

»Du? Was fällt dir ein?« antwortete der junge Mann lachend. »Sind wir denn nicht längst darüber einig, daß du ein unverbesserlicher Feigling bist?«

»Allerdings! Aber wenn es gilt, meinen Herrn zu verteidigen, fühle ich mich zu allem fähig.«

»Eben deswegen. Wenn dich nun die Furcht plötzlich packt, so wärst du vor Schrecken imstande, sie samt und sonders umzubringen. Nein, nein, das geht nicht an; ich habe keineswegs Lust, mich deinetwegen in Verlegenheiten zu stecken.« Bei diesen Worten stieg er vom Pferd und schritt lachend auf die Verschanzungen des Lagers zu.

Als er in geringer Entfernung davor angekommen war, nahm er ein weißes Tuch in die Hand und ließ es in der Luft flattern.

John Bright stand noch immer schußfertig da und folgte aufmerksam den Bewegungen des Grafen; als er das friedliche Zeichen sah, stand er auf und winkte ihm, näher zu kommen. Der junge Mann steckte gelassen das Tuch in die Tasche, zündete eine Zigarre an, klemmte sein Lorgnon ein und kam, nachdem er seine Handschuhe sorgfältig angezogen hatte, entschlossen heran.

Als er die Verschanzungen erreicht hatte, stand John Bright vor ihm, der ihn, auf seine Büchse gestützt, erwartet hatte. »Was wollt Ihr von mir?« fragte der Amerikaner barsch. »Faßt Euch kurz, denn ich habe nicht viel Zeit zur Unterhaltung.«

Der Graf maß ihn mit hochmütiger Miene, nahm die verächtlichste Stellung an, die er ersinnen konnte, und blies ihm sogar den Rauch seiner Zigarre ins Gesicht. »Ihr seid nicht sehr höflich, Bester«, antwortete er kurz.

»Seid Ihr etwa hergekommen, um mich zu beleidigen?« erwiderte jener.

»Ich komme, um Euch einen Dienst zu erweisen; wenn Ihr aber in dem Ton fortfahrt, fürchte ich sehr, genötigt zu sein, es zu unterlassen.«

»Seht, seht! Mir einen Dienst zu erweisen! Und welchen Dienst könnt Ihr mir denn erweisen?« fragte der Amerikaner hohnlachend.

»Hört«, versetzte der Graf, »Ihr seid ein grober Flegel, mit dem zu reden höchst langweilig ist; ich werde mich daher entfernen.«

»Euch entfernen? Wirklich? Ihr seid aber eine viel zu wertvolle Geisel, als daß ich es zugeben könnte; ich werde Euch im Gegenteil behalten, Gentleman, und Euch nur gegen ein gutes Lösegeld freigeben.«

»So versteht Ihr also das Menschenrecht? Das ist köstlich!« antwortete der Graf, noch immer spottend.

»Mit Räubern hat man kein Menschenrecht zu beachten.«

»Sehr verbunden für die freundliche Meinung, Freund. Und wie wollt Ihr es denn anfangen, mich gegen meinen Willen hierzubehalten?«

»So!« entgegnete der Amerikaner, indem er ihn unsanft bei der Schulter packte.

»Unsinn!« antwortete der Graf, indem er sich durch eine rasche Bewegung befreite. »Ich glaube, bei Gott, wahrlich, daß Ihr Euch untersteht, Hand an mich zu legen!« Ehe es der Auswanderer verhindern konnte, packte er ihn fest um die Lenden und warf ihn aus Leibeskräften über die Verschanzung in das Lager.

Der Goliath flog auf die Erde und stand leicht zerschunden und verblüfft wieder auf. Anstatt sich nun, wie es jeder andere getan haben würde, zu entfernen, rauchte der junge Mann ruhig weiter und wartete mit gekreuzten Armen. Der Auswanderer, der noch ganz betäubt von dem plötzlichen Fall war, schüttelte sich wie ein nasser Hund und befühlte sich die Rippen, um sich zu überzeugen, daß er nichts gebrochen habe.

Die Frauen stießen einen Schrei des Entsetzens aus, als sie ihn auf so eigentümliche Weise wiederkommen sahen. Sein Sohn und seine Diener sahen ihn fragend an und hielten sich bereit, auf den ersten Wink zu schießen.

»Die Waffen gestreckt!« rief er ihnen zu; hierauf sprang er wieder über die Umzäunung und trat zu dem Grafen.

Letzterer erwartete ihn ruhig. »Schau! Da seid Ihr ja wieder! Nun, wie hat Euch das Ding gefallen?«

»Schon gut, ich sehe ein, daß ich unrecht hatte«, sagte der Amerikaner, indem er ihm die Hand reichte. »Ich bin ein Grobian und ein Dummkopf; verzeiht mir!«

»Das läßt sich hören, so gefallt Ihr mir besser. Es handelt sich nur darum, sich zu verständigen; jetzt seid Ihr geneigt, mich anzuhören, nicht wahr?«

»Vollkommen!«

Gewissen Menschen gegenüber muß man, wie es der Graf mit John Bright getan hatte, zu Gewaltmitteln greifen, um ihnen durch Überlegenheit zu imponieren; man kann mit solchen Leuten nicht verhandeln, sondern muß mit Faustschlägen dozieren. Fast immer werden dann die Menschen, die erst so hartnäckig waren, sanft wie Lämmer und tun alles, was man verlangt. Der Amerikaner war sich seiner körperlichen Kraft bewußt und pochte auf diese; er zeigte sich daher dem mageren, zarten Mann gegenüber unverschämt. Sobald ihm aber der scheinbar so gebrechliche Mann auf unwiderlegliche Weise bewiesen hatte, daß er stärker sei als er, zog der Stier die Hörner ein und wich ebenso schnell zurück, als er vorgedrungen war.

»Ihr seid heute nacht von den Schwarzfüßen angegriffen worden«, fuhr der Graf fort.

»Ich hätte zu eurer Hilfe herbeikommen mögen, doch war es mir unmöglich; ich wäre übrigens auch zu spät gekommen. Da aber die Leute, die euch überfallen haben, aus dem oder jenem Grund eine gewisse Achtung vor mir haben, habe ich mich meines Einflusses bedient, um euch das Vieh zurückzuerstatten, das man euch geraubt hat.«

»Tausend Dank! Seien Sie versichert, daß ich das, was zwischen uns vorgefallen ist, aufrichtig beklage; der erlittene Verlust hatte mich aber so sehr gereizt –«

»Das kann ich begreifen, und ich verzeihe Euch von ganzem Herzen; und zwar um so mehr, als ich Euch eben vorhin auch etwas unsanft geschüttelt habe.«

»Reden wir nicht mehr davon, bitte.«

»Mir ist es recht; wie Ihr wollt.«

»Und mein Vieh?«

»Es steht zu Eurer Verfügung. Wollt Ihr es gleich haben?«

»Ich gestehe, daß man –«

»Schon gut«, fiel ihm der Graf ins Wort. »Wartet ein wenig, ich werde bestellen, daß man es herführe.«

»Glauben Sie, daß ich von den Indianern nichts zu fürchten habe?«

»Wenn Ihr sie zu behandeln wißt, nicht.«

»Ich erwarte Sie also?«

»In wenigen Minuten sind wir da.« Der Graf stieg den Abhang ebenso gelassen hinunter, als er ihn hinaufgestiegen war.

Als er wieder bei den Indianern angekommen war, umringten ihn seine Freunde. Sie hatten alles, was geschehen war, vollkommen gesehen und waren alle entzückt von der Art und Weise, wie er dem Wortwechsel ein Ende gemacht hatte.

»Lieber Gott, wie grob sind doch die Amerikaner!« sagte der junge Mann. »Gebt ihm seine Tiere; ich bitte darum, Häuptling, damit ein Ende gemacht werde. Der Flegel hätte mich fast in Zorn versetzt.«

»Da kommt er ja«, antwortete Natah-Otann mit bedeutsamem Lächeln.

John Bright kam wirklich herbei. Der würdige Auswanderer hatte von seiner Frau und seiner Tochter eine geziemende Zurechtweisung erhalten, in deren Folge er seine Torheit einsah und diese gern wiedergutmachen wollte.

»Bei Gott, meine Herren«, sagte er, zu ihnen tretend, »wir können uns nicht so trennen. Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, und es liegt mir daran, Ihnen zu beweisen, daß ich nicht ganz so unverständig bin, als ich wahrscheinlich aussehe. Erweisen Sie mir daher den Gefallen, sich bei mir ein wenig auszuruhen – wäre es auch nur eine Stunde –, damit ich versichert sein kann, daß Sie mir nicht mehr zürnen.«

Die Einladung wurde in so biederem, herzlichem Ton vorgebracht; es war so unverkennbar, daß der wackere Mann sein Unrecht bereue und es gern gutmachen wolle, daß der Graf nicht den Mut hatte, sie abzulehnen. Die Indianer lagerten sich an der Stelle, wo sie standen. Der Häuptling und die drei Jäger hingegen folgten dem Amerikaner nach seinem Lager, wo das Vieh bereits wieder aufgestellt war.

Der Empfang war so, wie er sich in der Wildnis ziemt. Die beiden Damen hatten für Erfrischungen gesorgt, die unter einem Zelt bereitstanden, während William mit Hilfe der beiden Diener eine Öffnung in die Umzäunung machte, um den Gästen seines Vaters den Eintritt zu gestatten.

Lucy Bright und Diana erwarteten die Ankömmlinge am Eingang des Lagers. »Seien Sie uns willkommen hier, meine Herren!« sagte die Frau des Amerikaners, indem sie ihre Gäste anmutig grüßte. »Wir sind Ihnen zuviel Dank schuldig, um uns nicht glücklich zu schätzen, Sie bei uns zu sehen.«

Der Häuptiing und Herr von Beaulieu verbeugten sich höflich vor der würdigen Frau, die nach Kräften bemüht war, das Versehen ihres Mannes gutzumachen. Beim Anblick des jungen Mädchens empfand der Graf eine Bewegung, die er sich anfänglich nicht erklären konnte. Sein Herz blutete, wenn er das reizende Wesen betrachtete, das durch die Lebensweise, zu der es verdammt war, so unzähligen Gefahren entgegenging.

Diana schlug, unter dem Blick des Grafen errötend, die Augen nieder und schmiegte sich, von jener angeborenen Scheu getrieben, die das Mädchen stets in den Armen derjenigen Schutz suchen läßt, der sie ihr Dasein verdankt, schüchtern an ihre Mutter an.

Nach den ersten Begrüßungen traten Natah-Otann, der Graf und Freikugel unter das Zelt, wo sie John Bright und sein Sohn erwarteten. Sobald das Eis gebrochen war – was unter Leuten, die an das Leben in der Prärie gewöhnt waren, nicht lange dauert –, wurde die Unterhaltung lebhafter und offener.

»Sie haben also die Ansiedlungen verlassen«, fragte der Graf, »um nicht wieder dahin zurückzukehren ?«

»Allerdings«, antwortete der Auswanderer. »Für jemand, der Familie hat, wird das Leben an der Grenze so teuer, daß einem nichts übrigbleibt, als in die Wildnis zu flüchten.«

»Für Euch finde ich das begreiflich, Ihr seid ein Mann und könnt Euch leicht überall durchhelfen; aber Eure Frau und Eure Tochter werden dadurch genötigt, ein sehr trauriges und unglückliches Dasein zu führen.«

»Die Pflicht der Frau gebietet ihr, dem Mann zu folgen«, antwortete Mrs. Bright mit einem leisen Anflug von Tadel. »Ich fühle mich überall, wo er ist, glücklich, wenn ich nur bei ihm sein kann.«

»Ich bewundere Ihre Denkungsweise, bitte aber, mir eine Bemerkung zu erlauben.«

»Reden Sie, mein Herr.«

»War es nötig, so weit herzukommen, um einen passenden Ort für eine Niederlassung zu finden?«

»Allerdings nicht; wir würden aber stets der Gefahr ausgesetzt geblieben sein, früher oder später von unserer Niederlassung vertrieben zu werden, wenn die rechtmäßigen Eigentümer des Bodens kommen, und wären dann gezwungen, unsere Arbeiten von neuem zu beginnen«, erwiderte sie.

»In der Gegend, wo wir uns jetzt befinden«, fuhr John Bright fort, »haben wir es weniger zu befürchten, da der Boden niemandem gehört.«

»Darin irrt mein Bruder«, antwortete der Häuptling, der bisher kein Wort geredet hatte. »Der Boden gehört zehn Tagesreisen im Umkreis mir und meinem Stamm; das Bleichgesicht befindet sich hier auf dem Jagdgebiet der Kenhas.«

John Bright blickte den Häuptling betroffen an. »Wenn dem so ist«, fügte er nach einer Weile hinzu, »so ziehen wir ein Stück weiter, um Land zu finden, das niemandem gehört«, antwortete der Amerikaner im Ton eines Mannes, der sich widerstrebend in eine Unannehmlichkeit fügt.

»Wohin will das Bleichgesicht gehen, um Land zu finden, das niemandem gehört?« fragte der Häuptling streng.

Diesmal verstummte der Amerikaner.

Das junge Mädchen, das bisher noch nie einen Indianer aus nächster Nähe gesehen hatte, betrachtete den Häuptling mit einer Mischung von Neugierde und Furcht.

Der Graf lächelte.

»Der Häuptling hat recht«, bemerkte Freikugel; »die Prärien gehören den Rothäuten.«

John Bright ließ mutlos den Kopf auf die Brust sinken. »Was ist zu tun?« murmelte er.

Der Häuptling legte die Hand auf seine Schulter und sagte: »Mein Bruder öffne seine Ohren, denn ein Häuptling wird reden.«

Der Amerikaner blickte ihn fragend an.

»Das Land gefällt also meinem Bruder?« fuhr der Indianer fort.

»Warum sollte ich es verhehlen? Es ist das schönste Land, das ich je gesehen habe; der Fluß befindet sich wenige Schritt entfernt, während sich hinter uns unabsehbare Urwälder ausdehnen; ja, gewiß, es ist eine schöne Gegend, und ich würde, bei meinem Leben, eine herrliche Pflanzung hier angelegt haben.«

»Ich habe meinem Bruder, dem Bleichgesicht, gesagt, daß der Landstrich mein ist«, entgegnete der Häuptling.

»Gewiß habt Ihr das gesagt, Häuptling, und ich werde die Wahrheit nicht leugnen.«

»Nun, wenn das Bleichgesicht es wünscht, kann es soviel Land erwerben, als es verlangt«, sagte Natah-Otann unumwunden.

Bei dem Vorschlag, auf den er keineswegs gefaßt war, spitzte der Amerikaner die Ohren, und die Natur des Squatters regte sich in ihm. »Wie kann ich, der ich nichts besitze, Boden kaufen?« fragte er.

»Gleichviel«, antwortete der Häuptling.

Man war allgemein verwundert; jedermann maß den Indianer mit neugierigen Blicken, und der Gegenstand der Unterhaltung übte plötzlich eine Anziehungskraft aus, auf die man keineswegs vorbereitet gewesen war.

John Bright ließ sich durch die scheinbare Bereitwilligkeit nicht täuschen. »Wahrscheinlich hat mich der Häuptling nicht verstanden«, sagte er.

Der Indianer schüttelte den Kopf. »Das Bleichgesicht kann nur deshalb keinen Boden kaufen, weil ihm die Mittel fehlen, ihn zu bezahlen«, antwortete er. »So lauteten seine Worte.«

»In der Tat, und der Häuptling hat mir darauf geantwortet: Gleichviel.«

»Das habe ich allerdings gesagt.«

Die Neugierde war im Steigen; es herrschte also kein Mißverständnis, denn die beiden Männer hatten sich deutlich erklärt.

»Darunter steckt irgendeine Teufelei«, murmelte Freikugel in seinen Bart, »denn ein Indianer tauscht nie einen Ochsen gegen ein Ei ein.«

»Was wollt Ihr denn eigentlich sagen, Häuptling?« sagte der Graf unumwunden zu Natah-Otann.

»Ich werde es sogleich erklären«, erwiderte jener. »Mein Bruder nimmt Anteil an dieser Familie, nicht wahr?«

»Allerdings«, sagte der junge Mann verwundert. »Das wißt Ihr ja übrigens schon.«

»Gut, wenn sich mein Bruder verpflichtet, mich während zweier Monde zu begleiten, ohne Rechenschaft von meinen Handlungen zu fordern, und bereit ist, mir seine Hilfe zu gewähren, sooft ich ihn darum angehe, werde ich dem Mann soviel Boden geben, als er verlangt, um eine Ansiedlung zu gründen, ohne daß er zu fürchten braucht, je von den Rothäuten beunruhigt oder von den Weißen vertrieben zu werden, da ich der alleinige Eigentümer des Landes bin und niemand weiter Ansprüche darauf erheben darf.«

»Einen Augenblick«, wandte Freikugel ein, indem er aufstand. »In meiner Gegenwart darf Herr Eduard keinen solchen Vertrag eingehen. Niemand kauft die Katze im Sack, und es wäre eine unverzeihliche Torheit, seinen freien Willen den Launen eines anderen unterzuordnen.«

Natah-Otann runzelte die Brauen, seine Augen blitzten zornig auf, und er erhob sich. »Hund von einem Bleichgesicht«, rief er aus, »hüte deine Zunge, denn ich habe bereits einmal dein Leben verschont!«

»Deine Drohungen schrecken mich nicht, Rothaut der Hölle«, erwiderte der Kanadier fest. »Du lügst, wenn du sagst, daß du Herr meines Lebens gewesen bist! Dieses steht nur in Gottes Hand, und ohne seinen Willen kannst du mir kein Haar krümmen.«

Natah-Otann griff rasch nach seinem Messer, welcher Bewegung der Jäger augenblicklich folgte, und beide standen sich gegenüber, maßen sich mit zornigen Blicken und waren im Begriff, handgemein zu werden. Die Frauen stießen einen Schrei des Schreckens aus. William und sein Vater stellten sich vor diese und hielten sich bereit, nötigenfalls dem Streit zu wehren.

Aber schon hatte sich der Graf blitzschnell zwischen beide Männer geworfen und rief ihnen gebieterisch zu: »Haltet ein! Ich will es!«

Unwillkürlich gehorchten der Schwarzfuß und der Kanadier der erhaltenen Weisung, indem sie einen Schritt zurücktraten und ihre Messer wieder in den Gürtel steckten.

Der Graf betrachtete beide eine Weile, dann reichte er Freikugel die Hand und sagte mit Wärme: »Ich danke Ihnen, mein Freund; für jetzt aber ist Ihre Hilfe noch nicht notwendig.«

»Schon gut, schon gut! Sie wissen ja, Herr Eduard, daß ich der Ihre bin mit Leib und Seele, und aufgeschoben ist nicht aufgehoben.« Hierauf setzte sich der wackere Kanadier gelassen wieder nieder.

»Was Euch betrifft, Häuptling«, fuhr der junge Mann fort, »so ist Euer Vorschlag nicht annehmbar, und ich müßte von Sinnen sein, wenn ich darauf einginge. Ich hoffe wenigstens vorläufig noch nicht in dem Zustand zu sein und lasse mich herbei, Euch zu sagen, daß ich die Prärie in keiner anderen Absicht betreten habe, als um eine Zeitlang darin zu jagen. Der Zeitraum, den ich mir gesetzt hatte, ist abgelaufen; wichtige Geschäfte fordern meine Gegenwart in den Vereinigten Staaten, und trotz meines Wunsches, mich jenen wackeren Leuten nützlich zu machen, sehe ich mich dennoch gezwungen, mich von Euch zu verabschieden, sobald ich Euch meinem Versprechen gemäß nach Eurem Dorf begleitet haben werde, und wahrscheinlich sehen wir uns nicht wieder.«

»Was mir indessen außerordentlich angenehm sein würde«, bekräftigte Freikugel.

Der Indianer blieb unbeweglich.

»Indessen«, fuhr der Graf fort, »gibt es vielleicht doch noch ein Mittel, die Sache beizulegen und zur allgemeinen Zufriedenheit zu beenden. Der Boden kann hier nicht sehr teuer sein; sagt mir, was Ihr dafür verlangt, so will ich Euch den Kaufpreis auf der Stelle entweder in Dollar oder in Anweisungen auf meinen Bankier in New York oder Boston entrichten.«

»Ganz recht«, bemerkte der Jäger; »dieser Ausweg bleibt uns ja noch offen.«

»Ach, wie danke ich Ihnen, mein Herr!« rief Mrs. Bright aus. »Mein Mann darf und kann aber ein solches Anerbieten nicht annehmen.«

»Und warum das, liebe Dame? Wenn ich einverstanden bin und der Häuptling meinen Vorschlag annimmt?«

Wir müssen John Bright die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er sich durch Zeichen einverstanden erklärte, sich aber als echter Amerikaner wohl hütete, ein Wort zu reden.

Diana hingegen war von der Uneigennützigkeit und der Großmut des Grafen so entzückt, daß sie ihn mit dankbar leuchtenden Augen betrachtete, aber nicht wagte, laut auszusprechen, was sie im stillen von dem jungen, schönen und edlen Kavalier dachte.

Natah-Otann richtete den Kopf in die Höhe. »Ich werde meinem Bruder beweisen«, sagte er, indem er sich höflich verneigte, »daß die Rothäute ebenso großmütig sind als die Bleichgesichter. Ich verkaufe ihm hundert Acker Landes, die er am Fluß entlang wählen kann, wo es ihm gefällt, für den Preis von einem Dollar.«

»Einem Dollar?« rief der junge Mann verwundert aus.

»Ja«, erwiderte der Häuptling lächelnd. »Auf solche Weise bin ich bezahlt, mein Bruder ist mir nichts schuldig, und wenn er dareinwilligt, eine Zeitlang bei mir zu verweilen, so ist es nur sein freier Wille und weil es ihm gefällt, bei einem aufrichtigen Freund zu bleiben.«

Der unerwartete Ausgang eines Auftrittes, der anfangs sogar gedroht hatte, ein blutiges Ende zu nehmen, erfüllte die Anwesenden mit Erstaunen.

Freikugel allein ließ sich durch die Bereitwilligkeit des Häuptlings nicht täuschen. »Dahinter steckt etwas«, murmelte er in sich hinein. »Ich werde aber darüber wachen, und der Satan müßte sehr schlau sein, wenn er mich überlisten wollte.«

Herr de Beaulieu war von dieser Uneigennützigkeit, die er nicht erwartet hatte, ganz bezaubert. »Hier«, sagte er, »Häuptling, ist der ausbedungene Dollar, und jetzt sind wir quitt; doch kann ich Euch versichern, daß ich Euch nichts schuldig bleiben werde.«

Natah-Otann verbeugte sich höflich.

»Jetzt«, fuhr der Graf fort, »bitte ich um eine letzte Gefälligkeit.«

»Mein Bruder kann reden; er hat das Recht, alles von mir zu fordern.«

»Schließt Frieden mit meinem alten Freikugel!«

»Das kann gern geschehen«, antwortete der Häuptling; »und da es mein Bruder wünscht, bin ich von Herzen dazu bereit, und zum Zeichen unserer Versöhnung bitte ich ihn, den Dollar anzunehmen, den Sie mir gegeben haben.«

Im ersten Augenblick war der Jäger im Begriff, das Geschenk zurückzuweisen; er bedachte sich aber, nahm den Dollar und steckte ihn sorgfältig in seinen Gürtel.

John Bright konnte keine Worte finden, um dem Grafen seinen Dank auszusprechen, denn dank seiner Großmut war er jetzt rechtmäßiger Grundbesitzer. Am selben Tag wählte der Amerikaner das Land aus, wo seine künftige Pflanzung angelegt werden sollte. Der Graf de Beaulieu entwarf auf einem Blatt aus seiner Brieftasche einen regelrechten Kaufbrief, den er von Ivon und Freikugel als Zeugen unterschreiben ließ und in dem John Bright als Käufer und Natah-Otann – der statt der Unterschrift das Totem seines Stammes und ein Geschöpf hinmalte, das für einen Bären angesehen sein wollte und seinen Namen ebenso treffend wie sinnig bezeichnete – als Verkäufer genannt waren. Der Häuptling hätte ebenso unterzeichnen können wie die anderen, wenn er gewollt hätte; es lag ihm aber daran, die Kenntnisse geheimzuhalten, die ihm der Weiße Bison beigebracht hatte.

John Bright legte den Kaufbrief sorgfältig zwischen die Blätter seiner Familienbibel und sagte, indem er dem Grafen die Hand so derb drückte, daß er sie ihm beinahe zerquetschte: »Vergessen Sie nicht, Herr Graf, daß in der Haut John Brights ein Mann steckt, der durch das Feuer für Sie gehen wird, sobald es Ihnen gefällt, es zu verlangen.« Diana sagte kein Wort, warf aber dem jungen Mann einen Blick zu, der ihn für das, was er an ihrer Familie getan hatte, reichlich belohnte.

»Achtung!« sagte Freikugel leise, sobald er sich mit Ivon allein sah. »Wachen Sie von Stunde an sorgfältig über Ihren Herrn, denn es droht ihm eine große Gefahr!«

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