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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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10

Der große Rat

Natah-Otann hatte sein Werk ungesäumt in Angriff genommen; mit jenem fieberhaften Eifer, der ihm eigen war, schickte er seine Boten nach allen Richtungen aus zu den angesehensten Häuptlingen der Stämme des Westens und berief sie in eine große, im Missourital gelegene Ebene, an einen Ort, der den Namen »Baum des Herrn des Lebens« trug. Der Zeitpunkt war der vierte Tag des gehärteten Schneemondes, Oua-banni-quisis.

Die Indianer vom Missouri verehrten den Ort besonders und kamen stets herbei, um den Baum mit Geschenken zu behängen. Es war eine ungeheure Sandebene ohne alle Vegetation, auf deren Boden weder ein Grashalm noch ein Strauch grünte; in der Mitte jener Wüstenei erhob sich ein gewaltiger Baum – eine Eiche, deren Raum einen Umfang von wenigstens zwanzig Fuß hatte und zwar hohl war, aber die breiten, dichtbelaubten Äste über einen bedeutenden Raum ausbreitete. Der Baum, dessen Höhe mindestens hundertzwanzig Fuß betrug und der durch Zufall dort Wurzel geschlagen hatte, mußte den Indianern in der Tat wie ein wunderbares Gewächs erscheinen; daher hatten sie ihm auch den Namen »Baum des Herrn des Lebens« gegeben.

Zum bestimmten Tag kamen sie von allen Seiten herbei und rückten in guter Ordnung an die Stelle heran, die zur Abhaltung des Rates bestimmt war. Am Fuß des Baumes war ein ungeheurer Scheiterhaufen errichtet worden, und auf ein Zeichen der Tambours und der Chichikoués lagerten sich die Häuptlinge im Kreis. Wenige Schritte hinter den Sachems bildeten die berittenen Schwarzfüße, die Durchbohrten Nasen, die Assiniboins, die Mandaner usw. ein doppeltes Spalier um das Beratungsfeuer, während Späher die Wildnis durchstreiften, um die Zudringlichen fernzuhalten und das Geheimnis der Verhandlung zu sichern.

Im Osten erglänzten die Strahlen der Sonne; die wüste, öde Ebene verschmolz in der Ferne mit dem Horizont; im Süden erhob das Felsengebirge seine mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel, während im Nordwesten eine silberne Linie den Lauf des alten Missouri andeutete. Das war die Landschaft – wenn man die Wüste so bezeichnen darf –, in der sich die Krieger in ihrer wilden Tracht und ihrem seltsamen Schmuck um den bedeutungsvollen Baum versammelt hatten.

Bei diesem erhabenen Schauspiel wurde man unwillkürlich an andere Zeiten, einen anderen Himmelsstrich gemahnt, als die wilden Gefährten Attilas beim Schein der brennenden Ortschaften auszogen, um das Römische Reich zu erobern und zu verjüngen.

Im allgemeinen erkennen die Eingeborenen Amerikas irgendeine Gottheit oder vielmehr einen Geist an, der zuweilen wohltätig, am häufigsten aber feindselig ist. Die Gottesverehrung des Wilden besteht viel mehr in der Furcht als in der Ehrerbietung. Der Herr des Lebens ist viel mehr ein böser als ein guter Geist; deshalb haben die Indianer dem Baum, dem sie dieselbe Gewalt beimessen, seinen Namen gegeben. Die indianischen Religionen erkennen in ihrer ursprünglichen Roheit das geistige Wesen nicht an, sondern halten sich an die Naturerscheinungen, die sie zu Gottheiten erheben. Die verschiedenen Völkerschaften suchen sich die Wüsten zu befreunden, wo die Ermüdung und der Durst den Tod verursachen, und nächst diesen die Ströme, die sie in ihrer Flut vergraben können. Die Häuptlinge kauerten also, wie schon gesagt, am Feuer in regungsloser, beschaulicher Haltung, die annehmen ließ, daß sie sich auf eine wichtige Feier ihres Kultus vorbereiteten. Nach einer Weile setzte Natah-Otann die lange Kriegspfeife an seine Lippen, die aus einem menschlichen Schienbein gefertigt war und an seinem Hals hing, und tat einen langen, durchdringenden Pfiff. Bei diesem Signal – denn ein solches war es – erhoben sich die Häuptlinge, bildeten einen indianischen Zug und umkreisten den Baum zweimal, wobei sie leise ein geheimnisvolles Lied sangen, um den Beistand des Herrn des Lebens für das Gelingen ihrer Pläne zu erflehen.

Beim dritten Umgang nahm Natah-Otann ein prachtvolles Halsband aus Bärenklauen ab, das er trug, hängte es an einen Zweig des Baumes und sagte: »Herr des Lebens, betrachte mich mit günstigem Auge; ich biete dir dieses Geschenk an!«

Die übrigen Häuptlinge folgten seinem Beispiel nach der Reihe; hierauf nahmen sie ihren Sitz am Beratungsfeuer wieder ein.

Da trat der Pfeifenträger in den Kreis und reichte den Häuptlingen mit den üblichen Feierlichkeiten das Kalumet; als jeder daraus geraucht hatte, forderte der älteste Sachem Natah-Otann auf, das Wort zu ergreifen.

Der Plan des indianischen Häuptlings war vielleicht der verwegenste, der je gegen die Weißen entworfen worden war, und mußte, wie der Weiße Bison scherzend bemerkte, eben dank seiner scheinbaren Unmöglichkeit gelingen, weil er den abergläubischen Begriffen der Indianer Rechnung trug, die wie alle Naturvölker einen großen Wunderglauben haben.

Es ist übrigens eine Eigenschaft aller unterdrückten Völker, denen die Wirklichkeit nur Leiden und Enttäuschungen bietet, daß sie ihre Zuflucht zum Übernatürlichen nehmen, das ihnen allein Trost verspricht.

Natah-Otann hatte die Grundidee zu seinem Unternehmen einem der ältesten bei den Komantschen, seinen Vorfahren, verwurzelten Glauben entnommen. Jener Glaube, den ihm sein Vater so oft als Kind mitgeteilt hatte, schmeichelte seinem abenteuerlichen Sinn, und als die Zeit gekommen war, die Pläne ins Leben treten zu lassen, die er schon lange mit sich herumgetragen hatte, beschwor er diesen herauf und beschloß, sich seiner zu bedienen, um alle an sich heranzuziehen und die indianischen Völkerschaften zu einem Ganzen zu vereinigen.

 

Als Motecuhzoma – den die spanischen Geschichtsschreiber irrtümlich Montezuma nennen, welcher Name keinerlei Bedeutung hat, während die erste Bezeichnung wörtlich »der strenge Herr« heißt – sich in seinem Palast eingeschlossen hatte und als Gefangenen jenes genialen Abenteurers namens Cortez erblickte, der ihm wenige Tage später sein Reich entreißen sollte, warnte eine gewisse geheime Ahnung den Kaiser, der es vorgezogen hatte, sich habgierigen Fremdlingen anzuvertrauen, statt sich zu seinem Volk zu wenden, vor dem Schicksal, das seiner harrte. Er versammelte wenige Tage vor seinem Ende die angesehensten mexikanischen Häuptlinge um sich, die seine Gefangenschaft teilten, und sprach zu ihnen: »Hört! Mein Vater, die Sonne hat mir eröffnet, daß ich bald zu ihm zurückkehren würde; ich weiß noch nicht, wo oder wann ich sterben werde, habe aber das gewisse Vorgefühl, daß meine letzte Stunde nahe ist.«

Als die Häuptlinge, die die tiefste Verehrung für ihn hegten, bei diesen Worten in Tränen ausbrachen, tröstete er sie, indem er sagte: »Mein Ende ist auf Erden zwar nahe, doch werde ich nicht sterben, da ich zu meinem Vater, der Sonne, zurückkehre, wo meiner eine Seligkeit harrt, die man hienieden nicht kennt. Weint daher nicht, ihr treuen Freunde, sondern freut euch vielmehr des Glücks, das mir zuteil wird. Die weißen bärtigen Männer haben sich durch Verrat in den Besitz des größten Teils meines Reiches gesetzt und werden bald auch noch das übrige an sich reißen. Wer vermag ihnen zu wehren? Ihre Waffen machen sie unverwundbar, und außerdem verfügen sie nach Gefallen über das Feuer des Himmels. Ihre Macht wird aber einst aufhören; sie werden auch dem Verrat zum Opfer fallen, und das Recht der Wiedervergeltung wird auf das strengste an ihnen geübt werden. Hört jetzt aufmerksam auf das, was ich verlangen will; das Heil des Vaterlands hängt von der Pünktlichkeit ab, mit der ihr meine letzten Befehle vollzieht. Jeder von euch soll ein wenig von dem heiligen Feuer an sich nehmen, das einst von der Sonne selbst entzündet worden ist und das die Weißen noch nicht gewagt haben, mit frevelnder Hand auszulöschen. Jenes Feuer steht hier vor euch – es brennt in dem goldenen Rauchfaß. Nehmt es an euch, ohne daß unsere Tyrannen ahnen können, wo es hingekommen ist, und sich dessen nicht bemächtigen. Ihr sollt das Feuer unter euch verteilen, so daß ein jeder genug davon habe; bewahrt es hoch und heilig und laßt es nie verlöschen. An jedem Morgen, nachdem ihr es angebetet habt, sollt ihr auf das Dach eures Hauses steigen und bei Sonnenaufgang nach Osten blicken. Ihr werdet mich eines Tages an der rechten Hand meines Vaters, der Sonne, erscheinen sehen; dann freut euch, denn der Tag eurer Befreiung ist nahe. Mein Vater und ich werden kommen, euch die Freiheit zurückzugeben und euch für immer von den niederträchtigen Feinden zu erlösen, die eine entartete Welt aus ihrer Mitte ausgestoßen hat.«

Die mexikanischen Häuptlinge gehorchten noch zur selben Stunde – denn die Zeit drängte – dem Befehl ihres vielgeliebten Kaisers.

Einige Tage später stieg Motecuhzoma auf das Dach seines Palastes, um sein empörtes Volk anzureden, als ihn ein Pfeil von unbekannter Hand traf und er in die Arme der spanischen Soldaten sank, die ihn begleiteten. Ehe er den letzten Seufzer ausstieß, richtete sich der Kaiser mit letzter Kraft in die Höhe, streckte die Arme gen Himmel und rief den Freunden, die ihn umstanden, zu: »Das Feuer! Das Feuer! Gedenkt des Feuers!«

Es waren seine letzten Worte. Zehn Minuten später gab er seinen Geist auf.

Die Spanier, deren Neugierde durch jene geheimnisvollen Worte im hohen Grad erregt war, bemühten sich auf jede Weise, die ihnen zu Gebote stand, deren Bedeutung zu ergründen; vergebens – kein einziger Mexikaner, den sie deshalb befragten, stand ihnen Rede. Alle hielten sie ihr Geheimnis heilig, ja etliche ertrugen lieber die Tortur, als daß sie es enthüllten.

 

Die Komantschen und fast alle Völker des Far West haben jenen Glauben rein bewahrt. In jedem indianischen Dorf findet man das Feuer Motecuhzomas, das immer brennt und während vierundzwanzig Stunden ununterbrochen von zwei Kriegern bewacht wird, die auf ihrem Posten weder essen noch trinken dürfen. Diese werden durch andere abgelöst, denen wieder andere folgen, und so fort.

In alten Zeiten mußten jene Wächter nicht vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Stunden aushalten, und es ereignete sich häufig, daß man sie tot fand, wenn man sie ablösen wollte, was man entweder der Stickluft zuschrieb, die das Feuer entwickelte – und die um so mehr Einfluß auf sie hatte, als sie nüchtern waren –, oder irgendeinem anderen Grund. Man nahm die Leichen auf und trug sie in eine Höhle, wo sie, wie die Komantschen meinten, von einer Schlange verzehrt wurden. Deshalb hat man jetzt die Wache auf die Hälfte der Zeit reduziert, und es ist seitdem kein Unglück mehr vorgekommen. Das Feuer befindet sich in einem gewölbten unterirdischen Raum und ist in einem silbernen Rauchfaß enthalten, wo es unter der Asche fortglimmt.

Jener Glaube ist so allgemein verbreitet, daß er sich nicht nur bei den »Indios Bravos« oder freien Indianern, sondern auch bei den »Manzos« oder zivilisierten Indianern vorfindet. Viele Menschen, die für aufgeklärt gelten und eine fast europäische Erziehung genossen haben, bewahren das Feuer Motecuhzomas an irdendeinem geheimen Ort, wo sie es sorgfältig verwahren, es jeden Tag besuchen und nie versäumen, bei Sonnenaufgang auf das Dach ihres Hauses zu steigen und nach Morgen zu blicken, in der Hoffnung, ihren geliebten Kaiser zu sehen, wie er in Begleitung der Sonne erscheint, um ihnen die Freiheit zurückzugeben, nach der sie sich seit Jahrhunderten sehnen, denn die mexikanische Republik ist zu weit entfernt, ihnen diese gebracht zu haben. – Natah-Otann hatte also folgendes beschlossen: Er wollte den Indianern, nachdem er ihnen jene Legende wieder ins Gedächtnis zurückgerufen hatte, verkünden, daß die Zeit um sei und Motecuhzoma bald erscheinen werde, um sie zu leiten und ihr Anführer zu sein. Hierauf wollte er eine gewaltige Kerntruppe von Kriegern bilden, diese an allen amerikanischen Grenzen aufstellen und seine Feinde überfallen, indem er sie von allen Seiten zugleich angriff und ihnen keine Zeit ließ, sich zu besinnen.

So verwegen der Plan auch war – besonders da er zur Ausführung keine anderen Werkzeuge hatte als die Indianer, die von allen Völkern die wenigste Fähigkeit besitzen, sich untereinander zu verbinden, wodurch sie bisher ihre Niederlagen stets selbst herbeigeführt haben –, mangelte es ihm weder an Kühnheit noch an Erhabenheit, und Natah-Otann war in der Tat der einzige Mann, der imstande war, diesen glücklich durchzuführen. Das setzte voraus, daß er unter den Stämmen, die er zum Aufstand reizen wollte, zwei bis drei gehorsame und intelligente Gehilfen fand, die seine Idee begriffen und diese zu ihrer eigenen machten.

Die Komantschen, die Pawnees und die Sioux waren dem Häuptling der Schwarzfüße nebst den Indianern des Far West von wesentlichem Nutzen, denn sie teilten den Glauben, den Natah-Otann seinem Plan zugrunde gelegt hatte, und es war nicht nur überflüssig, sie dazu zu bekehren, sondern ihre Zustimmung konnte dazu dienen, die Rothäute vom Missouri gleichfalls zu überzeugen. Aber wie sollte eine Versammlung, die aus so verschiedenen Völkern bestand, die alle andere Interessen verfolgten und verschiedene Sprachen redeten, ja größtenteils einander feindlich gesinnt waren, durch ein Band vereinigt werden, das stark genug war, sie unauflöslich aneinander zu fesseln? Wie sollten sie überredet werden, gemeinschaftlich vorzudringen, ohne sich gegenseitig zu beneiden? War es überhaupt vernünftig, anzunehmen, daß kein Verräter unter ihnen wäre, der ihr Geheimnis an die Yankees verkaufen könnte, die stets ein wachsames Auge auf die Bewegungen der Indianer hatten, von denen sie sich nicht schnell genug befreien zu können glaubten und die auf jede Weise bemüht waren, sie vollständig auszurotten?

Natah-Otann ließ sich indessen nicht abschrecken; er verhehlte sich nicht, welche Schwierigkeiten er zu überwinden haben würde, doch wuchs sein Mut mit den Hindernissen, und sein Entschluß wurde durch die Unmöglichkeiten, auf die er bei jedem Schritt stoßen mußte, gewissermaßen noch fester in ihm bestärkt. Als ihm der Sachem, nachdem die vorbereitenden Feierlichkeiten vorüber waren, winkte, sich zu erheben, war sich Natah-Otann bewußt, daß der Augenblick gekommen sei, das gewagte Spiel zu beginnen, das er ausführen wollte. Er ergriff das Wort mit Entschlossenheit, in der Überzeugung, daß bei solchen Menschen wie denjenigen, die ihn umgaben, viel auf die Art und Weise ankomme, wie die Sache hingestellt würde, und der Erfolg so gut wie gesichert sei, wenn man sich des ersten Eindrucks bemächtigt hätte.

»Ihr Häuptlinge der Komantschen, Osagen, Sioux, Pawnees, Mandaner, Assiniboins, Missouris und alle, die ihr mich hört – Rothäute, meine Brüder«, sagte er in festem, nachdrücklichem Ton; »mein Geist ist seit vielen Monden traurig; mit Schmerz sehe ich, wie die Weißen unser Jagdgebiet schmälern und uns täglich mehr und mehr verdrängen. Wir, deren zahlreiche Volksstämme vor kaum vierhundert Jahren die weite Landstrecke innehatten, die zwischen beiden Meeren liegt, sind gegenwärtig zu einer kleinen Zahl von Kriegern zusammengeschmolzen, die scheu wie Antilopen vor ihren Bedrückern fliehen. Unsere geheiligten Städte – der letzte Zufluchtsort der Zivilisation, die wir unseren Vätern, den Inkas, verdanken – werden bald die Beute jener Ungeheuer in Menschengestalt werden, die keinen anderen Gott kennen als das Gold. Vielleicht wird unser zerstreutes Volk bald von dem Weltteil verschwinden, den es so lange Zeit ungeteilt besessen und beherrscht hat. Man hetzt uns wie widerwärtige Tiere, erniedrigt uns durch das Feuerwasser – jenes unheilvolle Gift, das die Weißen zu unserem Verderben erfunden haben –, das Schwert und die Krankheiten der Weißen lichten unsere Reihen, und unsere umherirrenden Scharen sind kaum noch der Schatten eines Volkes. Unsere Besieger verachten unseren Glauben und wollen uns unter das Joch des Gekreuzigten beugen. Sie beleidigen unsere Frauen, töten unsere Kinder, verbrennen unsere Dörfer und möchten uns, wo sie nur immer können, zu Lasttieren erniedrigen, unter dem Vorwand, uns zu zivilisieren. Sagt, ihr Indianer – alle, die ihr mich hört –, ob sich das Blut eurer Väter in euren Adern verwandelt hat und ihr der Unabhängigkeit entsagt? Antwortet mir: Wollt ihr als Sklaven sterben oder als freie Männer leben?«

Bei diesen mit tönender Stimme und entschlossener Gebärde gesprochenen Worten durchlief ein Schauer die Reihen der Versammelten; sie erhoben alle stolz ihr Haupt, und ihre Augen funkelten.

»Redet, redet weiter, Sachem der Schwarzfüße«, riefen die begeisterten Häuptlinge einstimmig aus.

Natah-Otann lächelte selbstzufrieden; es wurde ihm endlich klar, welche Gewalt er über die Massen besaß. Er fuhr fort: »Nach der langen Erniedrigung ist endlich die Stunde gekommen, wo wir das schmachvolle Joch abwerfen sollen, das auf uns lastet. Wenn ihr es wollt, können wir von heute an in wenigen Tagen die Weißen weit von unseren Grenzen verjagen und ihnen alles Böse vergelten, das sie uns zugefügt haben. Schon lange beobachte ich die Amerikaner und die Spanier, und ich kenne nicht nur ihre Kriegskunst, sondern auch ihre Hilfsmittel; was brauchen wir, Indianer, meine geliebten Brüder, um sie zu vernichten? Nur zweierlei: Gewandtheit und Mut!«

Die Indianer unterbrachen ihn durch Freudengeschrei.

»Ihr sollt frei sein!« fuhr Natah-Otann fort. »Ich will euch die fruchtbaren Täler eurer Vorfahren und die Felder zurückgeben, in denen ihre Gebeine ruhen, die jetzt durch den frevelhaften Fluch täglich nach allen Richtungen verstreut werden. Seitdem ich zum Mann herangereift bin, trage ich den Plan mit mir herum; er hat in meinem Herzen Wurzel geschlagen und ist das Ziel meines Strebens geworden. Fern von mir und von euch ist der Gedanke, mich zu eurem Führer aufwerfen zu wollen; besonders seitdem ich Zeuge eines Wunders – der Erscheinung des großen Kaisers – gewesen bin. Nein, nächst jenem erhabenen Führer, der euch allein zum Sieg verhelfen soll, müßt ihr denjenigen, der seine Befehle ausführen und euch diese verkündigen wird, nach freier Wahl bestimmen. Sobald eure Wahl getroffen ist, werdet ihr ihm gehorchen, ihm überallhin folgen und mit ihm die unüberwindlichsten Hindernisse bekämpfen, denn er ist der Auserwählte der Sonne und der Leutnant Motecuhzomas. Laßt euch nicht irren, ihr Krieger, denn unsere Feinde sind stark, zahlreich, gut eingeübt, abgehärtet und haben gegenüber uns den ungeheuren Vorteil, daß sie uns stets besiegt haben. Ernennt also jenen Führer, wählt ihn aus freiem Antrieb, wählt den Würdigsten, so will ich mich mit Freuden seinem Befehl unterwerfen!« Hierauf grüßte Natah-Otann die Sachems und mischte sich mit heiterer Miene, aber ängstlich klopfendem Herzen unter die Krieger.

Seine Beredsamkeit war den Indianern neu, lockte sie an, riß sie hin und versetzte sie in eine Art von Taumel. Es fehlte wenig, daß sie den kecken Häuptling der Schwarzfüße für ein höheres Wesen ansahen und anbetend vor ihm niederknieten, so richtig hatte er gezielt und die Saite ihres Herzens getroffen, die die empfänglichste war.

Lange Zeit befand sich der Rat in einer Stimmung, die an Wahnwitz grenzte. Alle redeten zu gleicher Zeit, und erst nachdem sich der Taumel etwas gelegt hatte, besprachen die klügsten unter den Sachems die Möglichkeit einer Waffenerhebung und die etwaigen Hoffnungen auf Erfolg. In dem Augenblick erwiesen sich die Stämme des Far West, die dem alten Glauben huldigten, als besonders nützlich. Endlich, nach einer ziemlich langen Beratung, entschied man sich fast einstimmig für eine massenhafte Schilderhebung. Die Schlachtordnung, die eine kurze Unterbrechung erlitten hatte, wurde wiederhergestellt, und der Weiße Bison, den die Häuptlinge aufforderten, den Beschluß des Rates zu verkünden, ergriff das Wort: »Hört mich, ihr Häuptlinge der Komantschen, der Pawnees, der Sioux, der Mandaner, der Assiniboins und der Missouri-Indianer!« sagte er. »Heute, am vierten Tag des Mondes Oua-banni-quisis, ist von allen Häuptlingen, deren Namen hier folgen - wie dem Kleinen Jaguar, dem Weißen Bison, Natah-Otann, dem Roten Wolf, der Weißen Kuh, dem Falben Geier, dem Breitschultrigen Hund, der Buntschillernden Schlange, der Schönen Frau und anderen, von denen jeder ein Volk oder einen Stamm vertritt, die am Feuer des großen Rates versammelt sind, das unter dem heiligen Baum des Herrn des Lebens brennt, und nachdem alle religiösen Bräuche andächtig beachtet worden sind, die uns die Gunst des Bösen Geistes erwerben sollen –, beschlossen worden, den Weißen, unseren Bedrückern, den Krieg zu erklären. Es wird ein heiliger Krieg um die Erlangung der Freiheit sein, und es sollen daher alle – sowohl Männer als Frauen und Kinder, jeder nach Maßgabe seiner Kräfte – daran teilnehmen. Noch heute werden Wampums von den Häuptlingen an alle indianischen Völker, die trotz ihres guten Willens wegen der großen Entfernung nicht am Rat teilnehmen konnten, abgeschickt werden. Ich habe gesprochen.«

Ein weithin schallendes Jubelgeschrei unterbrach den Weißen Bison, der bald darauf fortfuhr: »Nach reiflicher Beratung haben die Häuptlinge dem Verlangen Natah-Otanns, des ersten Sachem der Schwarzfüße, entsprochen, indem sie dem Kaiser Motecuhzoma, dem obersten Führer der indianischen Krieger, einen selbständigen Leutnant, der nur unter dem Befehl des genannten Kaisers steht, ernannt haben. Dieser soll alle Völker mit unbegrenzter und selbständiger Gewalt führen und ist der klügste, vorsichtigste und würdigste Befehlshaber über uns. Es ist der Sachem der Schwarzfußindianer vom uralten Stamm der Kenhas: Natah-Otann, der Vetter der Sonne, des glänzenden Gestirns, das uns beleuchtet.«

Donnernder Beifall nahm diese Worte auf.

Natah-Otann grüßte die Sachems, trat in die Mitte des Kreises und sagte mit überlegener Miene: »Ich nehme eure Wahl an, meine Brüder; in einem Jahr bin ich entweder tot, oder ihr seid frei!«

»Es lebe Natah-Otann, der Graue Bär der Schwarzfüße, für immer!« rief die Menge.

»Krieg den Weißen«, fuhr Natah-Otann fort. »Und zwar ein Krieg ohne Gnade und Barmherzigkeit, eine wahre Treibjagd oder Tierhetze, wie sie sie gegen uns geübt haben! Gedenkt des Gesetzes der Prärie: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Jeder Häuptling sende seinem Volk das Kriegswampum, denn gegen Ende des Mondes werden wir unsere Feinde durch einen Donnerschlag aufschrecken. Wir werden uns heute zur siebenten Stunde der Nacht von neuem versammeln, um die zweiten Führer zu wählen, unsere Krieger zu zählen und Tag und Stunde des Angriffs zu bestimmen.«

Die Häuptlinge verneigten sich stumm, kehrten zu ihrem Gefolge zurück und waren bald hinter einer Staubwolke verschwunden.

Natah-Otann und der Weiße Bison blieben allein. Eine Abteilung Schwarzfußkrieger hielt sich unbeweglich in geringer Entfernung auf und bewachte sie. Natah-Otann hatte die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf zu Boden gesenkt und saß mit gerunzelten Brauen da; wie es schien, in tiefe Gedanken verloren.

»Nun«, sagte der alte Volkstribun mit einem leisen Anflug von Ironie, »du hast gesiegt, mein Sohn, und bist glücklich, denn deine Pläne sollen endlich verwirklicht werden.«

»Ja«, antwortete er, ohne den spöttischen Ton seines Pflegevaters zu bemerken, »der Krieg ist erklärt, mein Wunsch erfüllt; aber jetzt, mein Freund, zittere ich vor einer so schweren Aufgabe. Werden mich jene rohen Menschen richtig begreifen? Werden sie ermessen, wieviel Liebe und unbegrenzte Hingebung ihnen mein Herz widmet? Sind sie reif für die Freiheit, oder haben sie vielleicht noch nicht genug gelitten? Vater! Vater! Ihr, dessen Herz so mächtig, dessen Seele so erhaben ist und der Ihr Euer Leben unter so gewaltigen Kämpfen abgenutzt habt – ratet, helft mir! Ich bin jung, bin schwach und besitze nichts als einen aufrichtigen Willen und eine grenzenlose Hingebung!«

Der Greis lächelte traurig und murmelte, indem er viel mehr seine eigenen Gedanken als die Worte seines Freundes beantwortete: »Ja, mein Leben hat sich unter so verzweifelten Kämpfen abgenutzt; das Werk, das ich gründen half, ist zerstört, aber nicht vernichtet; aus den Trümmern einer entarteten Gesellschaft hat sich eine neue Gesellschaft erhoben, und dank unseren Bemühungen ist die Furche zu tief eingegraben, als daß es möglich wäre, sie je wieder zu verschütten. Der Fortschritt bricht sich Bahn, nichts kann ihn aufhalten oder hindern! Geh, mein Sohn, betritt gleichfalls die Arena, denn die Freiheit fordert Blut. Dasjenige, das hier in diesem verborgenen Winkel der Erde vergossen wird, fließt nicht vergebens; ein Tag wird kommen – und zwar bald, wie ich hoffe –, wo das Licht über alle leuchten wird. Fasse Mut, Kind! Die Neue Welt ist berufen, die Wiedergeburt der Alten zu vollbringen! Gleichviel, ob du im unternommenen Kampf fällst – die Schar der Märtyrer wird nur einen Namen mehr zählen; und solltest du auch fallen, wird doch deine Idee dich überleben, denn diese verschwindet nicht, sondern wächst nur mit der Zeit. Geh, zaudere nicht auf der gewählten Bahn, denn es ist die schönste und erhabenste, die ein großes Herz verfolgen kann.«

Der alte Verfechter des Gedankens hatte sich, während er so sprach, durch seine Begeisterung fortreißen lassen. Er trug den Kopf hoch aufgerichtet, sein Gesicht strahlte, und die untergehende Sonne verlieh seinen Zügen einen Ausdruck, den Natah-Otann nie bemerkt hatte und der ihn mit Ehrfurcht erfüllte. Aber bald verlosch das Feuer in den Blicken des Greises, er schüttelte traurig den Kopf und fuhr fort: »Kind, wie willst du deine Verheißung erfüllen, und wo denkst du Motecuhzoma zu finden?«

Natah-Otann lächelte. »Bald sollst du ihn sehen, mein Vater«, sagte er.

Im selben Augenblick sprengte ein Indianer, dessen schweißbedecktes Pferd Feuer aus den Nüstern zu schnauben schien, an die beiden Häuptlinge heran und blieb durch ein Wunder der Reitkunst wie in den Boden gewurzelt vor ihnen halten. Er neigte sich, ohne abzusteigen, zu Natah-Otann und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Schon?« rief dieser aus. »Der Himmel ist mir entschieden günstig! Es ist kein Augenblick zu verlieren! Schnell, mein Pferd!«

»Was geht denn vor?« fragte der Weiße Bison.

»Nichts, was Euch jetzt interessieren könnte, mein Vater; bald sollt Ihr alles wissen.«

»Gehst du allein?«

»Ich muß. Auf baldiges Wiedersehen, und seid getrost!«

Das Pferd Natah-Otanns wieherte vor Schmerz unter dem Druck seiner Knie und sprengte pfeilgeschwind von dannen. Zehn Minuten darauf waren sämtliche Indianer verschwunden, und unter dem Baum des Herrn des Lebens herrschte die frühere Stille.

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