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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
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Es war Nacht, und Poldi konnte nicht schlafen. Die Fensterläden nach dem Garten standen halb offen, das Mondlicht stahl sich leise zwischen ihren Sprüsseln hindurch und zeichnete Leitern auf den Fußboden. Aus der Ferne klang das Röcheln der Unken und Frösche.

»Es wird jemand kommen,« dachte Poldi, »und Rechenschaft von dir fordern und dich zur Verantwortung ziehen, und du wirst nicht bestehen ... «

Er setzte sich in seinem Bette auf und lauschte. Er hörte Fred ruhig atmen, der schlief und wußte von nichts. Der wußte nicht, was alles geschehen konnte, und wußte nicht, was alles geschehen war. Der war fort, weit fort und träumte von einem eingebildeten Land. Was in der Nähe und wirklich war, das kümmerte ihn nicht, er glaubte nicht daran.

Ein Gefühl unendlicher Vereinsamung und Verlassenheit bemächtigte sich Poldis. Ihn mochte doch niemand recht leiden, er war kleiner als Fred und nicht so wohlgestaltet. Der Muschir hatte manchmal einen Ausdruck von Bissigkeit gegen ihn, Schinackel schloß Bündnisse mit Fred und gab ihm kaum ein gutes Wort, und doch bemühte er sich so, ihn immer zufrieden zu stellen. Und der alte Beywald trank Bruderschaft mit Fred, und die neue junge Tante küßte Fred. Auf ihn aber vergaßen sie alle, vergaßen auf ihn, alle ...

O, er gab es ja zu, daß Fred liebenswerter war als er selbst! Was hätte man an ihm gern haben sollen? Er war schwerfällig und langweilig – dem Fred hingegen, was fiel dem alles ein, wenn der Tag lang war, was wußte er für Spaß anzugeben! Unerschöpflich war er, pfiffig und auf' geräumt. Manchmal sagte Schinackel, um Poldi zu necken: »Der alte Herr ... «

Freilich! Er empfand es, es war etwas daran. Weil er immer so viel überlegen mußte. Wie sonnig war Fred dagegen! Er anerkannte gern, daß er der Geringere war neben Fred. Nur ein bischen geliebt werden wollte er, neben Fred, nach Fred, besonders aber von Fred selbst, weil auch ihm der Bruder das Liebste war auf der Welt. Liebte auch Fred ihn auf die gleiche Weise? O, er war gut und treu, wenn auch schroff und unwirsch manchmal, o, er liebte ihn wirklich, er liebte ihn brüderlich, nur auf seine Weise eben, härter sozusagen, männlicher fast – und dann ... Und dann war es so eigen an ihm, daß alles Fremde und Ferne ihn zog und beständig zu entführen drohte. Und jetzt schlief er, während Poldi wachte, und wußte von nichts ... Vielleicht war es gut, daß er von nichts wußte.

Eine alte Näherin, die früher ins Haus gekommen war und Bubenik hieß, hatte einmal zu einer Magd gesagt: »Wenn der (und damit meinte sie Fred) nicht auf die Welt gekommen wäre, könnte sie (damit meinte sie Poldis und Freds Mutter) heute noch leben.«

Es ist das Quaken der Frösche und Kröten wie ein Wasser, das immer gleichmäßig rauscht und gießt, und ab und zu taucht ein Fischtopf auf, ein schuppiger, und man steht auf einmal die großen, offenen Augen, die keine Lider haben. So schauen plötzlich die Gedanken einen an, deutlich zum Greifen wie der dicke Kopf eines Karpfen aus dem Wasser ... So ist es, wenn des Nachts die Frösche röcheln.

Die Bubenik war schwerhörig, und wenn man etwas zu ihr sagte, so kniff sie ein Auge zu und lachte, weil sie nichts verstanden hatte, und weil sie meinte, sie müßte so tun, als hätte sie doch verstanden. Und darum kniff sie ein Auge zu, lachte und nickte mit dem Kopf. Also hatte Poldi einmal zu ihr gesagt: »Ist es wahr, daß die Mutter wegen Fred gestorben ist?« Und darauf nickte sie und kniff das rechte Auge zu und lachte und lachte ...

Poldi ahnte, daß es etwas Dunkles und Rätselhaftes gab, und daß eine Mutter um ihr Kind sterben kann.

Unter dem Kinn der Toten, in der Nähe der wächsernen Hände, die über der Brust gekreuzt lagen, war eine schmale himmelblaue Bandschleife befestigt gewesen. Eine Zugluft bewegte die Enden der Schleife – oder weiß der Himmel, wie es sonst geschehen sein mochte, daß sie sich bewegten. Gerade als schritte sie im frischen Winde draußen dahin, die hier stumm und regungslos, von qualmenden Kerzen umgeben, auf einem hohen Bette lag – so wehte das himmelblaue Band für einen Augenblick auf dem wolkenweißen Kleide. So war es, als ob sie noch lebte, als ob sie geatmet hätte. Poldi wußte sonst nichts mehr und erinnerte sich nicht, nur daß ihm das Haupt der Toten sehr groß vorgekommen war, als er hinaufgehoben wurde, sie noch einmal zu küssen ... Denn er war noch klein gewesen damals, es schien ihm lange, lange her, zwei Jahre vielleicht mochte er gezählt haben. Aber so lange es ihm schien, die himmelblaue Schleife auf der Brust der Toten sah er immer, wie sie sich bewegte.

Einmal hatte die Bubenik gesagt: »Wenn keine Mutter mehr da ist, so müssen die älteren Geschwister zu den jüngeren wie eine Mutter sein.« Als er sie einmal allein sprechen konnte, fragte Poldi: »Müssen ältere Geschwister für die jüngeren auch sterben?''« Und darauf hatte die Bubenik das rechte Auge zugekniffen und gelacht und gelacht und mit dem Kopfe dazu genickt.

Wenn Poldi auf der linken Seite lag und nicht schlafen konnte, kam ihm das Pochen seines Herzens manchmal vor wie ein Bär, der trab, trab, näher kommt. Er hatte ihn irgendwo abgebildet gesehen, und seither spukte er gerne durch seine Gedanken, in der Nacht, wenn die Frösche quakten. Aus der dunklen Stelle bei der Tür war es, als wüchse wirklich der riesige Rücken des Tieres hervor. Poldi fuhr auf und war entschlossen, sich dem Ungetüm entgegenzuwerfen, wenn es gegen Fred losgehen sollte.

Da hörte er leise Schritte und sah den Schimmer eines weißen Gewandes. Bethi Leodolter war es, die sich an den Rand seines Bettes setzte und sich zu ihm niederbeugte. Es tat ihm unsagbar wohl, daß sie zu ihm gekommen war.

»Was hast du, Kind? Geh! Warum kannst du nicht schlafen?«

Aber er wäre nicht imstande gewesen, ihr etwas zu sagen oder zu erklären. Er lehnte nur seinen Kopf an sie, und es tat ihm wohl, daß sie gekommen war.

Sie küßte ihn und streichelte ihm übers Haar und redete ihm zu. Und als sie endlich glaubte ihn beruhigt zu haben, entfernte sie sich wieder. Da fühlte er sich doppelt einsam. Das Röcheln der Frösche klang noch immer aus der Ferne, er hätte am liebsten geweint, aber er fand keine Tränen. Noch lange lag er wach auf dem Rücken und starrte mit großen, offenen Augen auf die Decke des Zimmers ...

Bald darauf war Poldis Geburtstag. Auf dem Gabentische lag, unter anderen Geschenken vergraben, ein unscheinbares schlankes Heftchen aus Schreibpapierblättern, in grüne moirierte Seide gebunden. Der Inhalt war von Tante Bethis Hand geschrieben, und das erste Blatt trug unter einer Dedikation an Poldi ihren Namen. Errötend, mit einer gewissen Scheu, legte Poldi das Büchlein wieder aus der Hand.

Erst Nachmittag, als er sich selbst überlassen war, steckte er es zu sich und schlich sich in sein Wigwam. Dort schlug er das Heft auf und las, geborgen im grünen Blätterdickicht, was darin aufgeschrieben stand.

»Gnade.

Auf einem Gartengesträuch saß eine Raupe, grasgrün und dick wie der kleine Finger eines Mädchens. Hinten hatte sie ein Horn, das ragte drohend empor wie eine Waffe, war aber nichts weiter als eine Verzierung, ebenso wie die weißen und violetten Striemen, die sich in regelmäßigen Abständen den walzenförmigen Körper entlang zogen gleich Schlitzen in einem Kleide, durch die das Untergewand hervorlugt. Am vorderen Ende befanden sich ein paar scharfe Freßzangen; die hieb die Raupe in den Rand eines Blattes und fraß emsig von oben nach unten einen Streifen weg, bis hinab an den Blattstiel. Hierauf streckte sie sich wieder aus in ihrer ganzen Länge und fing abermals von oben an und säbelte einen zweiten Streifen herunter und so fort, bis das Blatt verschwunden war. Dann machte sie sich an das nächste.

Eine Gartenschnecke, die auf einem Zweige kroch und einen schlitzigen Silberfaden hinter sich herzog, sagte: »Es ist merkwürdig, man sieht ordentlich, wie du von Tag zu Tag größer wirst. Wohin soll das noch kommen?«

»Wirst du nicht auch alle Tage größer?« fragte die Raupe.

»Nein,« sagte die Schnecke, »ich bin fertig, ich wachse nicht mehr. Es wäre auch ein Unglück, denn mein Haus ist hart und spröde, und wenn ich größer würde, hätte ich keinen Platz mehr darin.«

Die Raupe sagte nichts mehr, sondern fraß ruhig weiter. Es dauerte nicht lange, so war sie so dick wie der Goldfinger eines Knaben, und nachdem wieder einige Zeit verstrichen war, wurde sie gar wie der Mittelfinger eines Mannes.

Die Schnecke, die wieder einmal vorüber kam, verwunderte sich immer mehr.

»Nein, wie du es treibst, das ist eigentlich nicht mehr schön! Man sollte doch auch höhere Interessen haben! Sieh, wie ich in der Welt herumkomme! Ich bin inzwischen auf drei, vier Sträuchern gewesen, während du noch immer auf demselben Flecke sitzest.«

»Ich bleibe jetzt auch nicht länger hier,« sagte die Raupe; »ich weiß nicht – es zieht mich hinunter nach der Erde.«

Sie kroch von dem kahlgefressenen Gesträuch nieder und lag ein paar Tage regungslos am Boden. Allmählich verfärbte sie sich und nahm einen bräunlichen Ton an, auch fing sie an, sich ein wenig in die Erde einzuwühlen. Und als die Nächte kühler wurden, wühlte sie sich tiefer und tiefer. Nach und nach überzog sie sich mit einer harten Kruste, wurde dunkelbraun und glänzend und lag schließlich da wie eine Mumie im Grab.

Eines Tages kam der Sohn des Gärtners und stieß seinen Spaten in die Erde, weil er ein Beet anlegen wollte. Knapp neben der kleinen Mumie fuhr das scharfe Eisen in die Tiefe – um ein Haar, so hätte er sie mitten entzwei geschnitten; aber ein Stein lenkte die Richtung ab.

»Sieh mal, was ist das?« fragte der Gärtnerjunge.

»Das ist eine Puppe,« sagte der Gärtner und drückte sie leise zwischen seinen harten Fingern. Heftig schnellte sie ein paarmal hin und her mit dem spitz auslaufenden Ende. Dann blieb sie wieder unbeweglich, gleich als wäre sie tot.

»Soll ich sie zertreten?«

»Warum nicht gar! Was Schlimmes ist's nicht, kein Engerling oder dergleichen. Wir wollen sie wieder hineinlegen und Erde darauf schütten.«

Da lag sie wieder im Grabe und hatte ihren Frieden.

Es kam der Winter und deckte Schnee darüber.

Dann kam der Frühling, da drang Feuchtigkeit und eine Ahnung von Wärme in die Tiefe.

Eines Tages saß zwischen dem feuchten Gras, unter dem die kleine Mumie geschlummert hatte, ein großer Schmetterling mit weichen, schlappen Flügeln. Die Flügel sahen grau und unscheinbar aus, aber eigentlich waren sie wunderbar zart gezeichnet und kunstvoll marmoriert. Und unter diesen Flügeln befanden sich noch ein paar kleinere, die man für gewöhnlich nicht sehen konnte, weil sie von den andern verdeckt wurden, und die waren sogar bunt und von prächtiger, sonnenheller Farbe.

Mehrere Tage und Nächte saß der Schmetterling unbeweglich, bis die Flügel stark und steif geworden waren. Und dann unversehens, mitten in einer klaren Frühlingsmondnacht, da schwirrte er plötzlich auf und flog wie ein Pfeil durch die Luft. Schneller als eine Fledermaus, ja, was sag' ich, schneller als eine Schwalbe schoß er dahin, hinauf, hinab, und tummelte sich und schwenkte sich und hatte seine Lust. Und dann auf einmal stand er still, über demselben Busch, auf dem er einst als Raupe gesessen hatte, und der jetzt voll duftender Blüten hing. Wie ein Licht, gegen den Windzug geschützt, so ruhig und stet, so hing er mit leise vibrierenden Flügeln in der lauen Frühlingsnachtluft über den Blüten, die erstaunt ihre Augen aufschlugen. Und er entrollte einen langen, schlanken Saugrüssel und versenkte ihn vorsichtig in die Tiefe eines Kelches.

Gerade eben kam die alte Gartenschnecke ihres Weges gekrochen. Fast hätte sie ihn nicht wiedererkannt, aber er grüßte freundlich zu ihr hinüber.

»Ei, steh, was bist du herrlich geworden!« rief sie entzückt. »Fliegst durch die Lüfte im Mondenschein und saugst Honig aus Frühlingsblüten? Sag, wie hast du dies angestellt? Wie macht man es nur?«

»Wüßte wirklich nicht,« sagte der Schwärmer. »Gemacht hab' ich eigentlich gar nichts, will mir scheinen. Es ist von selbst so geworden, gerade als könnt' es nicht anders sein. Wie im Schlaf ist es mir gekommen.«

»Das ist gar nicht möglich,« sagte die Schnecke. »Ich bin doch auch eingekapselt gewesen und habe geschlafen den ganzen Winter. Aber als ich wieder aufwachte, kroch ich hin wie zuvor.«

»Es sind eben nicht alle gleich ... « sagte der Schwärmer.

Und surr! war er fort, in die Nacht hinaus ...«

*

So stand es in dem Heft geschrieben. Und unter dem letzten Worte war zum Abschluß und zur Verzierung eine kunstvoll verschnörkelte Ranke mit Tinte gezogen und darin krabbelten und turnten zwei winzige nackte Kerlchen, wovon jedes eine großmächtige bärtige Maske sich vors Gesicht hielt, eins eine ernst und finster blickende, das andere eine spaßhafte, die grinste wie der Gärtner Vogel, wenn er den Goldkäfern die Köpfe abbiß. Tante Bethi verstand sich darauf, solche zierliche Figuren mit der Rabenfeder aufs Papier zu zeichnen.

Noch sann Poldi darüber nach, was das Aufgeschriebene zu bedeuten hätte, als er »Hugh!« hörte und nach einer Weile ganz nahe abermals »Hugh!« Fred brach ins Wigwam.

»Eine Botschaft, die gut ihre zwei Skalpe wert ist!«

»Die große Schlange der Mohikans wandelt heute nicht auf dem Kriegspfad.«

»Will die große Schlange ihr Ohr verschließen, oder will sie hören?«

»Sie will hören, aber sie wird kaltblütig bleiben.«

»Es wird ihr nicht gelingen, kaltblütig zu bleiben. Wieder ist eines von den bleichen Mädchen Braut geworden.«

»Welches? Nenne ihren Namen!«

»Die große Schlange kennt sie. Sie ist hell wie die Sommernacht und ihr Haar leuchtet gleich den Strahlen des Mondes.«

»Tante Susann?« fragte Poldi, indem er vor Überraschung aus der Rolle fiel.

»Schwapp!«

»Wen wird sie heiraten?«

»Rate!«

»Schinackel?«

»Nein.«

»Karl Patruban?«

»Nein.«

»Mießrigel?«

»Schwapp!«

»Hugh!«

Fred setzte sich auf die Bank, die Poldi sich in seinem Wigwam aus zwei Pflöcken und einem halbverschimmelten Brett zurechtgemacht hatte, und indem er einen pfeifenförmig zugeschnittenen Zweig vom wilden Weichselbaum aus der Tasche zog und in den Mund steckte, sagte er würdevoll: »Zahlreich wie die wilden Früchte der Eiche auf ihren Zweigen wachsen in diesem Sommer die neuen Onkeln und Tanten ...«

*

Susann Leodolter hatte sich wirklich mit Mießrigel verlobt. In der Familie herrschte Bestürzung und Niedergeschlagenheit, nur schwer fand man sich in die unwillkommene Tatsache. Aber wie die Dinge einmal lagen, ließ sich nichts dagegen machen, die Vorgeschichte war in Dunkel gehüllt, man kannte Susanns Beweggründe nicht und stand vor einem Rätsel. Ein wunderliches Geschöpf war sie immer gewesen. Wie ein Igel konnte sie sich zusammenrollen, daß niemand wußte, was in ihr vorging, und die liebevolle Hand, die sich nach ihr ausstreckte, ringsum nur stumme, starre Stacheln berührte. Die Brüder gingen mit düsteren Mienen umher und die Schwestern mit verweinten Augen. Aber Susann beharrte auf ihrem Entschluß. Und vor ihrer schweigsamen Entschlossenheit erlahmte schließlich aller Widerstand.

Niemand hatte etwas geahnt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel war es gekommen. Her Muschir saß in seinem Kontor und wunderte sich, wie ihm Mießrigel gemeldet wurde. Womit er dienen könne? fragte er mißtrauisch; denn die feierliche Miene, die der junge Mann aufgesetzt hatte, und die schäbige Eleganz, mit der er gekleidet war, versprachen nichts Gutes. Und als Mießrigel ohne viel Umschweife um Susannens Hand anhielt, verschlug es dem Muschir fast die Rede, er mußte ein paarmal nach Luft schnappen, eh' er eine Antwort fand.

»Die Susann wollen Sie heiraten? Mir scheint. Sie sind aus dem runden TurmDie Irren wurden in einem runden, turmartigen Gebäude untergebracht. ausgekommen?«

»Das gerade nicht,« versetzte Mießrigel, »aber beinahe so viel.«

»Beinahe so viel? Was soll das heißen?«

»Verliebt habe ich mich.«

»Unterstehen Sie sich!« fuhr der Muschir auf.

»Ich unterstehe mich ohnedies,« sagte Mießrigel.

»Lassen Sie sich nicht auslachen! Was sind Sie denn? Können Sie überhaupt eine Frau ernähren?«

»Ich? Ernähren? Keine Spur! Zu was denn auch? Fräulein Susann wird doch hoffentlich schon abgespentAbspenen, entwöhnen; von Spen (auch Spinn, Span), Milch sein?«

»Im Carltheater brauchen sie immer Akteurs,« sagte der Muschir; »wenn Sie witzig sein wollen – vielleicht können Sie sich dort Ihr Brot verdienen.«

»Ums Brot ist mir's nicht,« meinte Mießrigel: »ich bin schon mit dem Fleisch allein auch zufrieden.«

Jetzt lief aber dem Muschir die Galle über.

»Sakrawalt noch einmal, müssen Sie alleweil das letzte Wort haben?«

»Von mir aus können schon Sie es haben! Brauchen nur ja zu sagen, so red' ich überhaupt nichts mehr.«

»Ja sagen? Darauf können Sie lang' warten. Früher beiß' ich mir die Zunge ab.«

»Tun Sie das lieber nicht, Herr von Leodolter, es könnt' weh tun. Was haben Sie denn eigentlich gegen mich?«

»Aber erlauben Sie mir, lieber Freund,« sagte der Muschir einlenkend; »bevor man ans Heiraten denkt, muß man doch etwas sein! Was sind denn aber Sie? Wie es mit dem Geschäft Ihres Herrn Vaters steht, ist mir nur zu gut bekannt. Er wird nächstens zusperren, nachher können Sie am Freitag als Evangelimann in die Höf' geh'n.«

»Wir stehen alle in Gottes Hand,« sagte Mießrigel. »In diesen unsicheren Zeiten kann es jedem Geschäftsmann passieren, daß er einmal umwirft, sogar Ihnen, Herr von Leodolter!«

»Haben Sie keinen Kummer, Herr von Mießrigel! Mir wird so etwas nicht passieren, dafür werd' ich schon selber sorgen.«

»Mir noch viel weniger, denn ich bin überhaupt kein Geschäftsmann mehr.«

»Was sind Sie denn also nachher?«

»Meine Produkte werden nicht auf dem Markte gehandelt, und mein Kapital kann mir nicht gestohlen werden.«

»Liegt es vielleicht in der Bank von England?«

»Nein, hier!« sagte Mießrigel und tippte sich mit dem Finger an die Stirn.

»Wenn es nur auch groß genug ist, gute Zinsen abzuwerfen?« bemerkte der Muschir beißend.

»Man mißt sein Erträgnis mit dem Maßstab der Ideale.«

»Ojegerl, tun Sie vielleicht dichten? Damit können Sie sich gerade das Salz zur Suppe verdienen, wenn Sie eine Suppe haben.«

»Unsereins tanzt nicht ums goldene Kalb. Übrigens habe ich mich der Journalistik zugewendet. Hauptsächlich korrespondiere ich fürs Ausland.«

»Da wird aber das Ausland eine Freud' haben!«

»Die Regierung zittert vor meiner Chiffre.«

»Wirklich? Hat der Metternich gar schon den Tatterich?«

»Mit ein bissel Glück kann ichs noch zum k. k. Hofrat bei der Zensurhofstelle bringen. Nachher müssen Sie mich fragen, wenn Sie etwas lesen wollen, ob's erlaubt ist oder nicht.«

»Lächerlich! Wenn ich nichts Gescheiteres zu tun hätt' als lesen, so könnt' ich mich ganz einfach auf den Zirkel verbotener Journale abonnieren. Aber wieviel das wert ist, was da drin steht, weiß ich eh'; die Korrespondenzen aus Österreich werden von lauter solchen Leuten gedichtet, wie Sie einer sind. Und die im Reich glauben nachher daran und bilden sich ein, wir hätten die Höll' da im Kaiserstaat. Ja, wenn man jede Höll' so geschwind in ein Paradeis verwandeln könnte! Denn man braucht nur einem jeden von diesen Zeitungsdichtern, die beständig nach der sogenannten Freiheit raunzen, ein kleines Amterl zu geben, so singen sie Hallelujah und beweisen Ihnen haarscharf, daß ganz Europa und Amerika zusammengenommen ein SpielbergStaatsgefängnis in Brünn. ist im Vergleich mit unserm guten alten Österreich.«

»Haben Sie,« sagte Mießrigel, »noch nie etwas von einer sogenannten Ueberzeugung gehört?«

»Das schon. Aber nach meiner Ueberzeugung kann sich nur eine Ueberzeugung leisten, wer nicht von seiner Ueberzeugung leben muß. Mit der Ihrigen zum Beispiel scheint es windig genug zu stehen, wenn Sie fürs Ausland gegen die Regierung schreiben und zugleich auf eine Anstellung bei der Zensurhofstelle spitzen. Wie machen Sie das eigentlich? Haben Sie überhaupt eine Ueberzeugung?«

»Freilich!« versicherte Mießrigel. »Nicht bloß eine! Ich hab' sogar zwei, eine fürs Inland und eine fürs Ausland, Was wollen Sie mehr?«

Der Muschir lachte.

»Also liegt ja die öffentliche Meinung in den besten Händen ... Wenn Sie sich bedienen wollten?« sagte er, ihm eine Zigarre anbietend. »Hier in meinem Kontor wird freilich nicht geraucht, aber auf den Weg vielleicht?«

»Das soll auf deutsch vermutlich heißen, daß ich mich jetzt wieder verziehen kann?«

»Bitte – wenn Sie vielleicht etwas anderes zu tun haben, ich möchte Ihre kostbare Zeit nicht übermäßig in Anspruch nehmen.«

»Ich gehe schon,« sagte Mießrigel sich erhebend. »Im Notfall werden wir halt so lang warten müssen, bis Fräulein Susann großjährig wird.«

Der Muschir erschrak.

»Für so ein Tschaperl halte ich meine Schwester doch nicht, daß sie sich in einen Herrn Mießrigel verguckt haben sollte?«

»Glauben Sie, ich wär' hergekommen, wenn wir nicht einig miteinander wären, Fräulein Susann und ich? Reden Sie nur mit ihr, ich sage gar nichts mehr, sie wird es Ihnen schon selbst sagen, was sie Ihnen zu sagen hat. Und wenn Sie dann nicht ja und amen sagen, so wird sie Ihnen sagen, daß sie Ihnen nichts mehr zu sagen hat. Und dann müssen wir halt so lange warten, bis Sie ihr nichts mehr zu sagen haben. Empfehle mich bestens! Gehorsamer Knecht!«

»Kasperl!« brummte der Muschir wütend hinter ihm drein.

Wenn er abends aufs Land hinausfuhr, war er gewohnt, die Sorgen in der Stadt zurückzulassen. An diesem Abend aber hätten die Pferde seiner Equipage schwer zu ziehen gehabt, wäre der große Bünkel peinlicher Vermutungen, Ahnungen und Befürchtungen, den er mit sich führte, in realem Gewicht auszudrücken gewesen.

Im Himmelhaus angelangt, nahm er sogleich Susann vor, unter vier Augen zunächst. Was es mit Mießrigel gegeben hätte?

Der Ton, den er anschlug, war nicht glücklich gewählt. Das Gesicht zur Erde geneigt, saß sie vor ihm und antwortete nicht. Ob sie davon wisse, daß Mießrigel um sie angehalten? Da neigte sie kaum merklich den Kopf. Ja, sie wußte davon. Also war es mit ihrer Einwilligung geschehen? Nicht möglich! Sie werde doch nicht im Ernst daran denken, Mießrigel zu nehmen? Allerdings denke sie im Ernst daran, erklärte sie mit der Festigkeit einer Bekennerin. Und darauf verschloß sie sich wieder und kehrte ihre Stacheln nach außen.

Dem Muschir konnte man jedes beliebige Gewebe vorlegen, er durchschaute es sofort und wußte zu sagen, wie die Fäden liefen und der Grund beschaffen sei, ob atlas-, taffet- oder köperartig. Aber was auf dem Grund dieser Seele vorging, begriff er nicht, und das Gewirr von Fäden, die hier durcheinanderlaufen mochten, war er nicht imstande zu enträtseln. Er wußte sich keinen Rat und zog die andern Geschwister ins Vertrauen. Alle standen auf seiner Seite und hielten die Partie für eine Unmöglichkeit. Eins nach dem andern versuchten sie ihr Glück und drangen mit Vorstellungen in Susann, jedes auf seine Weise und jedes mit den Gründen, die ihm am wirksamsten schienen. Und immer war der Erfolg der gleiche: Mit der Miene einer stillen Dulderin ließ Susann die Flut der Worte über sich ergehen und erklärte schließlich, wenn dem andern der Atem auszugehen drohte, ihr Entschluß stehe fest, sie wisse genau, was sie tue, und könne nicht anders, es sei ihr vom Schicksal bestimmt, Frau Mießrigel zu heißen.

Eine unerquickliche Spannung entstand in der Familie, wie Gewitterwolken lastete es über dem freundlichen, rosenumblühten Sommerhause. Zum erstenmale war das gute Einvernehmen unter den Geschwistern gestört. Denn das rätselhafte Schweigen und zähe Beharren Susanns rief nach und nach Parteiungen hervor. Es blieben auf die Dauer nicht alle gleich fest. Petz, der Gefühlsmensch war, und den die Schwester dauerte, machte zuerst Miene, zu ihr abzuschwenken. Sie müsse sich die Sache schließlich doch überlegt haben, nachdem nichts ihren Entschluß ins Wanken bringen könne. Vielleicht sei mehr an Mießrigel, als man vermute, eigentlich kenne man ihn gar nicht näher.

Gerade gut genug kenne er ihn, sagte der Muschir.

Von ein paarmal sehen? Und länger brauche man nicht, einen Menschen wirklich kennen zu lernen?

»Du, bei deinem Kattegat – vielleicht. Ich nicht.«

Petz war es schon gewohnt, etwas einzustecken. In der Regel liefen solche Worte an ihm ab wie Wassertropfen von der Ente. Diesmal aber machte die Sorge um Susann ihn empfindlich. Er schlug mit der flachen Hand leicht auf den Tisch, stand auf und fing an, im Zimmer auf- und abzugehen.

Das Gespräch wurde an einem Sonntagmorgen im großen Salon des Landhauses geführt. Auch Sephine Leodolter nahm daran teil, die sich noch am ersten dem ältesten Bruder etwas zu sagen getraute.

»Wenn du gar so scharfe Augen hast, Muschir, kannst du uns vielleicht darüber aufklären, was eigentlich in Susann vorgeht?«

»Ein Frauenzimmer ist sie, das ist alles! Viel Haare, aber noch viel mehr verrückte Einfälle!«

Bethi sogar, sonst die Güte und Nachsicht selbst, war heute leicht verwundbar. Sie führte ihr Schnupftuch an die Augen.

»Warum du deinen Grant gerade an uns auslassen mußt! Meinst du, das mit Susann ging' uns nicht ebenso nahe wie dir?«

Petz war an der Tür zum Balkon stehen geblieben und sprach, um den Muschir nicht ansehen zu müssen, zu den Rosen und Bergen hinaus.

»Die Frage ist nicht, ob wir Mießriegel heiraten wollen, sondern um Susann handelt sichs. Und wenn die ihn nun einmal gern hat – mit welchem Recht kann man es gerade ihr verwehren, nach ihrem Herzen zu wählen?«

»Mit dem Recht des Gescheiteren,« sagte der Muschir.

»Es handelt sich um das Glück eines ganzen Lebens. Da muß man, denk' ich, letzten Endes doch einem jeden seine Freiheit lassen!«

»Die Freiheit eine Dummheit zu machen? Schöne Freiheit das!«

»Mein Gott, beim Heiraten ist das so,« ergriff Edi Leodolter jetzt das Wort: »Die, die es nichts angeht, wissen immer eine Menge auszusetzen und glauben, daß sie selber es viel gescheiter machen würden. Und gerade diese Ganzgescheiten, wenn sie einmal selbst daran kommen, machen dann oft die allergrößten Pluzer.«

Der Muschir bildete sich ein, der Bruder wolle auf seine späte Verlobung mit Julie Patruban hinzielen, wurde rot und ärgerte sich. Michella bemerkte es und bemühte sich, Oel auf die Wogen zu gießen. Man möge die Entscheidung hinausschieben, schlug sie vor. Susann sei überhaupt noch zu jung und unerfahren, um an Verlobung zu denken. Bisher habe sie sich so gut wie garnicht um die Hauswirtschaft bekümmert, vom Kochen hätte sie keinen Dunst, Kleidermachen sei ihr ein spanisches Dorf und ins Weißnähen zu gehen verschiebe sie von einem Winter auf den andern. Kaum einen Knopf annähen könne sie – also! Unter solchen Umständen sich verloben, wäre eine Unverantwortlichkeit. Darum müsse sie erst einmal dazu verhalten werden, sich wenigstens das Notwendigste anzueignen, was zu einer Hausfrau gehöre, dann erst sei der Zeitpunkt gekommen, zu entscheiden, ob und mit wem sie sich verloben wolle.

Sephine Leodolter hatte ihre Hand an die Augen gebracht und lächelte ihre Ringe an. Der besonnene Vorschlag des Zuwartens gefiel ihr, aber das Junktim zwischen Sichverloben und Weißnähen, das Michella hergestellt wissen wollte, kam ihr unendlich spaßig vor. Darum betrachtete sie angelegentlich die Smaragden an ihren Fingern. Sie schrak förmlich zusammen, als plötzlich ein von Schluchzen unterbrochenes Gezeter sich erhob. Cajetana war es, die sich auch aus irgend einem rätselhaften Grunde gekränkt fühlte. Was gabs? Wer hatte ihr etwas angetan? Mit einer von Tränen halb erstickten Stimme legte sie los, Michella mit einer Flut von Anklagen und Vorwürfen überschüttend.

Immer müsse die Schwester gegen sie sticheln, die reine Zielscheibe sei sie für ihre Pfeile: Als ob nicht jeder Mensch seine Schwächen hätte – warum werde gerade an ihr fortwährend gebessert und getadelt? O, sie habe es schon gespürt, ein Dickhäuter sei sie nicht, und wenn auch Michella jetzt unschuldig tue, als hätte sie nichts gemeint, sie wisse es ganz genau, daß alles nur auf sie und ihre Verlobung gemünzt gewesen sei. Nun habe sie sich freilich ums Hauswirtschaftliche bisher wenig gekümmert, das gebe sie zu, aber mehr doch als Susann, viel mehr, und wenn sie es nicht noch zehnmal mehr getan, wer sei Schuld daran? Niemand sonst als Michella selbst, weil die alles so gut mache, daß man den Mut verliere und sich nichts anzugreifen traue, und weil überhaupt, wenn Michella nur einmal durchs Haus gegangen, nichts mehr zu tun übrig bleibe. Darum könne also niemand aufkommen neben ihr und mit dem besten Willen von der Welt bleibe man ein Schaf und lerne nichts. Daß einem aber dann schließlich Michella das noch vorwerfe und durchblicken lasse, man hätte sich deswegen nicht verloben dürfen, weil man ein Schaf sei, das sei eine Unbilligkeit, die sie der Schwester nicht zugetraut hätte.

Ganz bestürzt horchte Michella auf. Jetzt war die Reihe an ihr, gekränkt zu sein und sich zu erhitzen. Wie kam sie dazu, derartige Ausfälle über sich ergehen zu lassen? Hatte sie Cajetanas häusliche Tugenden bemängelt, oder Susannen ihre? War von Cajetanas oder von Susanns Verlobung die Rede gewesen? Nun also! Aber Cajetana bringe es rein so heraus, als getraue sie sich nicht offen zu sprechen – warum nicht? Eine ältere Schwester werde der jüngeren doch wohl noch etwas sagen dürfen, wenn sie es für nötig halte, in einen Hinterhalt brauche sie sich deswegen nicht zu verstecken. Ueberhaupt sei es ihre Art nicht, durch die Blume zu sticheln und den Sack zu schlagen, wenn sie den Esel meine!

Da fuhr aber Cajetana erst recht in die Höhe: Susann sei kein Sack und sie noch viel weniger ein Esel! Aber allerdings müßte sie einer sein, hätte sie nicht spannen sollen, daß Michella an ihr und ihrer Verlobung mit Beywald habe nörgeln wollen. Übrigens werde sie gottlob in den Verhältnissen sein, sich eine ordentliche Köchin halten zu können, und mißrate einmal was – nun, so habe ihr Franzl ihrs schon im voraus versprochen, es werde ihm nicht sonderlich darauf ankommen, was er esse, wenn nur sie es ihm vorsetze. Also um sie möge die Schwester sich keine Sorge machen! Die Hauptsache für eine Hausfrau sei schließlich doch, daß sie einen Mann habe, und es gebe manche, die trotz allem Kochen und Weißnähen keinen bekommen könne.

»Ei, da muß ich bitten!« sagte die Wirtschaftliche tief gekränkt. »Meinst du, ich hätt' keinen Mann bekommen können, wenn es mir darum zu tun gewesen wäre? Nun, so erfahre, daß ich eine ganze Anzahl guter Partien ausgeschlagen habe, nur um bei euch zu bleiben und für euch zu sorgen. Das hat man davon, wenn man der gute Patsch ist! Das ist jetzt der Dank dafür, daß ichs nicht über mich brachte, euch einer fremden Person zu überlassen!«

Sie schwieg empört, und auch die andern schwiegen, jedes auf seine Weise erregt. So hatte der Kummer, den die Geschwister um Susann trugen, eine seltsame Überempfindlichkeit in den Gemütern erzeugt, eine merkwürdige Gereiztheit, die keiner wirklichen, sondern bloß einer eingebildeten Ursache bedurfte, um zu reagieren und sich aufzubäumen. Indessen erwies sich wieder einmal, daß Mißverständnisse starke Lenden haben und eine ausgesprochene Neigung, neue Mißverständnisse zu erzeugen. Und weil die ohne ernsten Grund Gekränkten sich an ihren vermeintlichen Kränkern wieder rächen wollten, worauf die Kränker sich wieder gekränkt fühlten und nach Worten zum Gegenkränken suchten, so kam die mit den besten Absichten eingeleitete Unterredung in Gefahr, schließlich kein anderes Ergebnis zu liefern, als eine einzige große Familienkränke. Es war, als schwebte mit verhaltenem Gekicher der Geist Mießrigels durch das Zimmer und flößte jenes brennende Gift der reizbaren Überspanntheit und Zerrissenheit, das gerade damals unvermerkt und in aller Stille anfing, die bürgerliche Gesellschaft zu revolutionieren, in die sonst so friedfertigen und ausgeglichenen Seelen, daß sie sich unbesonnen auflehnten und in einer Art von vorübergehender Verrücktheit ein Vergnügen daran fanden, sich selbst und einander gegenseitig zu zerfleischen.

Bethi wenigstens, die unter dem allen am schwersten litt, empfand etwas dergleichen, wie ein Fremdes, das in ihren Kreis getreten war, und dem gegenüber es nottat, sich auf sich selbst zu besinnen. Das Gespräch auf Susann und deren Verlobung zurücklenkend, warf sie die Frage auf, ob denn wirklich Liebe dabei im Spiele sei? Nein, darin waren sie alle einig: Wie eine glücklich Liebende sah Susann nicht aus! Aber wie sollte man sichs dann erklären, daß Mießrigel auf einmal Gewalt über sie bekommen hatte, derselbe Mießrigel, den sie nur immer ihren Karnickel genannt hatte? Über Sephine kam es auf einmal wie eine Offenbarung.

»Am Ende hat Mießrigel sie magnetisiert?«

Das leuchtete ein! Magnetisiert konnte er sie haben! Man hörte so oft von Magnetiseuren, die ihre Kunst an empfindsamen Frauen übten. Alle Zeitungen waren voll davon.

Wie gerufen trat in diesem Augenblick Doktor Patzenhauer ein, der alte Hausarzt der Familie. Er kam regelmäßig ins Himmelhaus, um nach Bethi zu sehen, und blickte fast ein wenig verdutzt, als er wie ein rettender Engel begrüßt wurde. Man trug ihm den Fall vor.

»Sie haben doch auch tierischen Magnetismus in sich, bester Doktor?« fragte Sephine eifrig.

»Selbstverständlich! Warum nicht?« Er strich sich den schneeweißen Bartkranz, der seine behäbigen Wangen und das fette Doppelkinn umrahmte, und blickte etwas unsicher über die Brille. »Jeder Mensch hat tierischen Magnetismus in sich. Das ist eine wissenschaftliche Tatsache. Beim Arzt gehört es überdies zum Beruf.«

»Somit wären Sie also imstande, Susannen den Mießrigelschen Mesmerismus auszutreiben und ihr Ihren eigenen einzuflößen?«

»Versuchen will ich es gern,« meinte er etwas bedenklich, »Ob aber der Mießrigelsche Mesmerismus nicht schon gewissermaßen in den Lebensnerv eingesickert ist und dort feste Wurzeln geschlagen hat, das ist freilich wieder eine andere Frage. Wäre es wirklich schon so weit gekommen, so könnt' ich Ihnen nur raten, geben Sie Ihre Zustimmung und lassen Sie sie den Mann ihrer Wahl heiraten.«

»Aber sie liebt ihn nicht einmal,« seufzte Bethi; »das ist eben das Rätsel!«

»Ich bitte Sie,« sagte der Doktor, »die Liebe – das ist ein Wort für Laien. Gibt es gar nicht! Ist alles Magnetismus!«

»Gerade dann müßte ihr also beim Hellsehen gewissermaßen ein Licht aufgehen?« meinte Michella.

»Gewiß! Vorausgesetzt nämlich, daß der Mießrigelsche Mesmerismus bloß adhärent ist. Wenn er aber bereits imanent geworden sein sollte ... «

Er hob die Schultern hoch und zog eine hilflose Grimasse.

»Wenn auch das Hellsehen sie nicht zur Besinnung bringt,« erklärte der Muschir, »dann – in Gottes Namen! Dann soll sie ihn halt nehmen, fix noch einmal! Schließlich ist jeder seines Glückes Schmied.«

»Da wollen wir uns gleich an die Arbeit machen,« sagte Patzenhauer und erhob sich.

Bethi begleitete ihn. Die Zurückbleibenden saßen in stiller Erwartung, flüsterten miteinander, gingen schweigend auf und nieder, traten auf den Balkon hinaus, kehrten ins Zimmer zurück – eine seltsame Spannung lag in der Luft. Sogar Finettl, der Familienhund, spürte es und schlich trübselig von einem zum andern. Er hätte gern gewußt, was eigentlich vorging, und suchte Anschluß. Mit gesenkter Rute stand er manchmal still und war aufmerksam auf Mienen und Gesten. Fast schien es, als mache auch er sich Gedanken und grüble.

»Er sollte noch einmal geschoren werden vor Herbst, sagte Michella, die auch in dieser bewegten Stunde nicht lassen konnte, an Ordnung und hausfrauliche Obliegenheiten zu denken. Finettl hatte es gehört und blickte verlegen zur Seite. Er mochte ahnen, was sie meinte, da sie prüfend sein Fell gekraut hatte. So lange die Familie auf dem Land lebte, wurde er die Angst vor dem Pudelscherer nicht los, und die Nähe des Baches, wo jeden Sommer zweimal die ihm verhaßte Prozedur vorgenommen wurde, mied er ängstlich.

Die Geduld der Wartenden wurde auf eine harte Probe gestellt. Edi, der gern müßige Projekte spann, erzählte, daß er in einem Zeiselwagen herausgefahren sei, und daß es von Sonntagsausflüglern wimmle.

»Ich weiß nicht, warum alle Menschen denselben Sonntag haben müssen? Das führt nur dazu, daß man sich Sonntags in Wäldern und Wirtschaften geradeso drängt wie unter der Woche in der Stadt. So kommt niemand zu einer rechten Erholung. Wäre ich Staatsminister, ich richtete es anders ein.«

Michella tat ihm den Gefallen und fragte, wie er es dann einrichten würde?

»Ganz einfach: die verschiedenen Menschengattungen sollten auch ihren verschiedenen Sonntag haben. Die Schneider zum Beispiel am Montag, die Schuster am Dienstag, die Weber am Mittwoch, und so fort. Da gäb' es nirgends ein Gedräng, die Wirtschaften, die Fuhrleute und alle, die Volksbelustigungen veranstalten, brauchten sich nicht bloß für den einzigen Tag einzurichten, könnten es wohlfeiler geben und kämen doch leichter auf einen grünen Zweig. Und das Publikum hätte es um billigeres Geld bedeutend gemütlicher. Es ist merkwürdig, daß auf so naheliegende Ideen niemand kommt!«

»Die Geistlichen hätten viel zu tun,« meinte Michella, »die müßten jeden Tag predigen und Messe lesen.«

»Wenn man im Zeiselwagen fährt,« sagte Petz, »so wüßte man wenigstens gleich, mit wem man zusammensitzt und liefe nie Gefahr, einen Hofrat für einen Schuster zu halten, oder umgekehrt.«

Er lachte, aber Edi war es nicht recht, daß sein Vorschlag von der heiteren Seite genommen wurde. Er konnte sich in derartige Projekte förmlich verbeißen, gab sich alle Mühe, den volkswirtschaftlichen Nutzen nachzuweisen, der aus einer solchen Einrichtung resultieren würde, und behauptete, daß sogar eine Erholung der Staatsfinanzen davon zu erwarten wäre. Sie debattierten noch darüber, als Bethi endlich mit dem Doktor zurückkehrte. Aus Bethis abgespannten Zügen ließ sich leicht ablesen, daß der Erfolg der magnetischen Behandlung kein besonders glänzender gewesen sein mochte.

»Susann ist gar nicht eingeschlafen,« sagte sie enttäuscht.

»Sie irren, Demoiselle Leodolter, das weiß ich als Arzt besser zu beurteilen,« eiferte Doktor Patzenhauer. »Anfangs sträubte Fräulein Susann sich allerdings und wollte sich durchaus nicht streichen und magnetisieren lassen. Aber meine Nähe wirkte allmählich beruhigend auf sie ein, und als ich ihr vorstellte, daß es zu ihrem Besten wäre, und daß ich eine magnetische Kur mit ihr vorzunehmen hätte ... «

»Da hat sie,« unterbrach ihn Bethi, »um Ruhe von uns zu haben, sich schließlich gestellt, als hätte Ihr Handauflegen und Streichen sie wirklich in Schlafzustand versetzt. Lehren Sie mich meine Schwester kennen!«

»Pardon! Bitte! Entschuldigen Sie! Bloße Simulation weiß ich von einem richtigen magnetischen Schlaf gut zu unterscheiden. Demoiselle Susann war nach ein paar Minuten Handauflegens nicht bloß vollständig somnambül, sie hat sich sogar im Zustand veritablen Hochschlafes befunden!«

»Aber sie zwinkerte doch fortwährend mit den Augen!« rief Bethi.

»Eine Reaktionserscheinung, die vom Lebensnerv ausgeht, und die wir Ärzte gut kennen. Ich bitte Sie! Ich fühle mich doch auch erschöpft und gewissermaßen wie entladen? Wo sollte mein tierischer Magnetismus in der Geschwindigkeit hingekommen sein? In die Luft verduftet doch so etwas nicht?«

Ob Susann schließlich ihrem Mießrigel abgeschworen habe? wollte der Muschir wissen. Alles andere schien ihm verteufelt gleichgültig.

»Es war, wie ich befürchtet hatte, zu spät,« sagte Patzenhauer. »Der Mießrigelsche Mesmerismus ist bis in den Lebensnerv eingesickert und hat sich bereits durch alle Adern ergossen.«

»Also inkurabel?« fragte der Muschir aufgebracht.

»Inkurabel!«

Als der Arzt sich entfernt hatte, kam Bethi auf ihre Behauptung von früher zurück.

»Ich wollte den Doktor nicht kränken, aber ich kenne doch meine Susann! Sie hat sich verstellt und den guten Patzenhauer zum besten gehabt!«

Der Muschir war grimmig, ging mit wuchtigen Schritten im Zimmer auf und nieder und hätte am liebsten alles krumm und klein geschlagen.

»Jetzt, das bitt' ich mir aus! Ein Metier bleibt ein Metier! Das meinige ist das Seidenweben, und dem Patzenhauer seines ist das Doktern. Wenn er sagt Hochschlaf, so ist es Hochschlaf, und wenn er sagt inkurabel, so ist es inkurabel! Kruzitürken noch einmal, wär nicht aus! Fertig!«

In solchen Augenblicken fühlte er sich recht als »Pascha von drei Roßschweifen.«

»Sie wird den Mießrigel heiraten,« entschied er. »Warum hat sie sich von so einem Halunken magnetisieren lassen? Jeder liegt, wie er sich bettet. Und kurz und gut, sie wird ihn heiraten! So hat die ganze Metten wenigstens ein End'!«

Als Vormund und Chef der Familie hatte er das letzte Wort zu sprechen. Und wenn er einmal so wütete, verfingen Einwendungen nichts. Wenige Tage später erging, freilich nur im engsten Kreis der Verwandten, die Mitteilung, Susann Leodolter habe sich mit Herrn Josef Mießrigel, Schriftsteller, verlobt. So hatte Fred recht behalten: Zahlreich wie die wilden Früchte der Eiche auf ihren Zweigen wuchsen in diesem Sommer die neuen Onkeln und Tanten.

Verlobungsfest wurde diesmal keines gefeiert. Zum Festefeiern war niemand aufgelegt, am allerwenigsten Susann selbst. Denn merkwürdig genug, seit die Verlobung vollzogen war, ließ sie erst recht den Kopf hängen und ging umher wie eine geknickte Lilie. Es sah nicht aus, als ob sie Mießrigel liebte, und warum sie ihn eigentlich genommen hatte, blieb ein Rätsel.

*

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