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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Als Fred die Krankenstube im Himmelhaus betrat, die nur durch ein schwaches Nachtlicht erhellt war, machte Poldi ihm Zeichen, sachte aufzutreten. Der Vater schlummerte. Fred beugte sich über ihn und hörte ihn ruhig atmen. Das erleichterte sein Herz.

Poldi erzählte ihm flüsternd, daß er ihn bewußtlos auf der Himmelswiese gefunden; auf der Brust habe er es wieder wie schon einmal vor Jahren, aber schlimmer diesmal, auch Herzschwäche dazu. Fred hatte ungefähr dasselbe schon von Ohm Schinackel erfahren. Was der Patzenhauer gesagt habe? wollte er wissen.

»Triët und Apferlkompott! ... Morgen will ich den Patzenhauer zu einem Konsilium veranlassen.«

Ob denn ernste Gefahr bestehe?

Der Patzenhauer mache nicht viel daraus, aber der sei kein Diagnostiker und überhaupt schon veraltet. Er gebe nicht viel auf ihn, sagte Poldi.

Auf leisen Sohlen ging er im Zimmer umher und schaltete wie eine Krankenschwester. Die Nacht bei dem Vater zu wachen, hatte er sich nicht nehmen lassen. Er beobachtete scharf und wußte jedes Symptom zu beurteilen und Schlüsse daraus zu ziehen.

»Leg dich zu Bett!« sagte er; »wenn es nötig sein sollte, werd' ich dich schon wecken.«

Aber auch Fred wollte bei seinem Vater wachen, etwas für ihn tun, wenn es möglich war, irgendwie nützen oder helfen. Indessen wußte er nicht recht, wo er angreifen sollte, Poldi kannte sich schon aus und verrichtete alles allein. So setzte er sich auf den Diwan und wartete. Es konnten doch Augenblicke kommen, wo Poldi ihn brauchte und ihm eine Aufgabe zuwies. Und wachen wollte er auf alle Fälle, ebenso wie Poldi wachte. Aber so stark auch sein guter Wille war, die Übermüdung der letzen Tage machte sich geltend, und die Natur forderte ihr Recht. Es war heller Tag als er erwachte; ohne sich zu rühren, hatte er geschlafen wie ein Stein, an der Seite des schwerkranken Vaters, den er vielleicht nur mehr für Tage oder Wochen noch besaß! Es kam ihm fast roh vor, daß er geschlafen hatte, um so mehr als er von Poldi erfuhr, daß der Vater einmal aufgewacht war und nach Wasser verlangt hatte. Tiefbeschämt dachte er an Gethsemane, wo Christus in seiner Todesangst traurig zu Petrus gesprochen hatte: »Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?«

Später wachte auch der Vater wieder auf, Poldi fragte ihn, ob er frühstücken wolle? Und Fred durfte über Poldis Auftrag etwas laue Milch aus der Küche holen. Er lief, was er laufen konnte, froh, nun auch etwas zu leisten. Poldi flößte dem Kranken etwas von der Milch ein, er weigerte sich aber schon nach wenigen Schlückchen, mehr zu sich zu nehmen. Mit einem seltsam gebrochenen Blick sah er seine Söhne und schien sich nicht zu wundern, daß sie um ihn waren. Es geschah nichts von dem, was in Büchern und auf der Bühne vorzukommen pflegt, wo Schwerkranke, wenn sie die letzte Stunde nahen fühlen, noch Wünsche oder Mahnungen aussprechen, oder von ihren Lieben Abschied nehmen. Nur einmal, als sein Auge Fred streifte, der die Legionärsuniform trug, sagte er: »In Waffen?«

Sonst redete er nichts und legte sich bald auf die Seite, um wieder zu schlummern. Die Schwestern fanden sich einzeln im Laufe des Morgens ein, auch Schinackel, Julie und sogar der Muschir kamen herunter, um nach ihm zu sehen. Alle traten leise auf und machten besorgte Gesichter, der Muschir bemühte sich, seine krachenden Stiefel zu bändigen, aber das Geschirr auf dem Waschtisch schepperte bei jedem noch so vorsichtigen Schritt, den der schwere Mann machte. Nach kurzem Verweilen entfernte sich dann eins nach dem andern wieder, den Söhnen zunickend, die zu beiden Seiten des Bettes saßen und jeder eine Hand des Vaters zwischen den ihrigen hielten. Sie erwarteten sehnsüchtig das Erscheinen Patzenhauers und sahen unzählige Male nach dem Regulator, der an der Wand hing. Gegen zehn Uhr bemerkte Poldi plötzlich, daß der Atem aussetzte, und schickte Fred um warme Tücher in die Küche. Der lief wie von Sinnen und brachte sie, man rieb Hände und Arme des Sterbenden. Noch eine halbe Minute lang hob sich die Brust ein paarmal mit Unterbrechungen, dann hörte Petz ganz zu atmen auf.

Nun erfüllte das behutsame Trippeln von allen, die hereinkamen, die Stube, und das unterdrückte Schluchzen der Knieenden. Die alte Sabin kletterte umständlich auf einen Stuhl und brachte das Pendel des Regulators zum Stillstehen. Der Muschir begann auf einmal zu wimmern wie ein Kind, schlug sich mit den Fäusten vor die Stirn und riß sich an den Haaren. Man sah es erst, wie gern er den Bruder gehabt hatte; er äußerte es in seiner Weise und hätte am liebsten die Möbel zertrümmert. Poldi dagegen ging still ab und zu, gab mit gedämpfter Stimme Anordnungen und sandte Boten aus. Es war schon alles in Gang gebracht, was in solchem Falle fürs erste nötig ist.

Am Nachmittag ging Fred allein durch den Garten. Poldi war in die Stadt gefahren, um vorzukehren, was sein persönliches Eingreifen forderte, insbesondere hinsichtlich der Aufbahrung und Bestattung. Fred saß in der Eschenlaube und wunderte sich, daß so ein stiller, blauer Frühsommertag über dem Garten lag, der von nichts wußte. Es fiel ihm plötzlich ein, wie er einst Poldi gequält hatte mit dem Lernen, weil er es nicht zugeben wollte, daß Nachtigallen auch am frühen Morgen singen konnten ... Er ging dann zum Mühlbach hinunter, stand am Geländer und sah das Wasser leise ziehen, über den Sonnenlichtern, die auf dem Grunde spielten. Dort drüben hatte das Mädchen ohne Hände einst gestanden – das war wunderlicher Weise dieselbe, mit der er gestern Abend noch am Fuß des Turmes von St. Stephan hinter der Barrikade gesessen hatte! ... Und die alten getigerten Gründlinge versteckten sich noch immer im Bachschlamm ... Und dann war auf einmal das Unfaßbare wieder da: Daß er nie mehr »Petz!« zu ihm sagen würde und nie mehr »Fred!« aus seinem Munde hören! Wo waren nun all seine Ziele hingekommen? Wenn er ihm keine Freude mehr machen konnte! Wenn an allem, was er tat und leistete, Petz keinen Anteil mehr hatte! Die Freiheit war doch im Grunde auch seine Sehnsucht gewesen; wenn auch in letzter Zeit ihre Wege auseinandergingen: Ihm hatte er wollen die Siegespalme zu Füßen legen!

Mosch-Eskeles kam den Garten herunter und äugte nach ihm aus mit dem viereckigen goldenen Einglas, dessen er sich gern bediente. An seiner Brust fand Fred jetzt Tränen.

»Es ist niemand,« sagte Mosch einfach, »der so befähigt war, ein Freund zu sein!«

»Auch meiner!« schluchzte Fred ... »Er war nicht bloß Vater, nicht bloß mein Vater! ... «

Am Abend stiegen Poldi und Fred zur Himmelswiese hinauf.

»Andere sind reife Männer und haben noch Vater und Mutter,« sagte Poldi ... »Jetzt heißt es auf einmal alleinstehen.«

»Ich habe wenigstens dich noch,« sagte Fred. »Aber du –?«

»Ich möchte dich so gern vor allem Schlimmen behüten, Fred! Weil du jetzt noch mehr als früher mein bist! Es ist auch eine Verantwortung, die ich trage, vor Vater und Mutter, weil ich der Ältere bin. Willst du mir etwas versprechen, Fred?«

»Alles!«

»Ich möchte, daß du jetzt über Sommer an eine andere technische Schule gehst – irgendwohin, gleichviel, in die Provinz vielleicht. Erst im Herbst sollst du zurückkehren, wenn in Wien wieder geordnete Zustände herrschen. Willst du mir zulieb darein willigen?«

»Gern, Poldi! Da hast du meine Hand darauf!«

Sie pflückten gemeinsam einen erlesenen Strauß Wiesenblumen und brachten sie hinunter, um sie dem Vater in den Sarg zu legen ...

Das Leichenbegängnis fand vom Himmelhaus nach dem Schmelzer Friedhof statt. Als die Leidtragenden vom Friedhofseingang bis zum Grab hinter der Bahre einherzogen, wurde es so recht anschaulich, daß es in der jungen Generation nicht mehr als zwei Leodolter gab, eben die Söhne des Verstorbenen, die unmittelbar hinter dem Sarg gingen. Dagegen wallte eine ganze Herde kleiner Beywalde im Zug, Cajetanas Kinder, die Knaben in langen, schwarzen, um die Mitte gegürteten Feiertagskitteln, die Mädchen in ganz kurzen Trauerröckchen, mit schneeweißen Kräuselhöschen, die bis an die Knöchel reichten.

Edi fiel das schwer auf die Seele, er hatte es nie recht bedacht, daß die Beywalde die Leodolterischen so sehr überwuchern sollten. Und er äußerte sich zu Susann, die weinend neben ihm ging, das sei auch so eine rückständige Einrichtung im Staatswesen, daß es nur verheirateten Familien erlaubt sei, legitime Kinder zu haben, und alle anderen nicht zählten. Diesen Zopf würde er energisch abschneiden, wenn er Minister wäre! Denn wie komme die eine Familie dazu, eine ganze Menge Stammhalter zu besitzen, nur weil sie zufällig verheiratet sei, während andere Familien, wo zufällig weniger Heiratslust herrsche, gerade nur auf ein paar Augen stünden?

»Du solltest halt auch einmal heiraten, Edi,« sagte die kleine Frau Scheichenstuhl, einen Augenblick benützend, wo ihr zwischen dem vielen Schluchzen ein paar Worte möglich wurden.

»Ich meine es doch nicht wegen mir!« sagte er ungehalten. »Nur um die Familie ist mir ... Ein jeder paßt halt nicht fürs Heiraten. Aber man müßte ein Gesetz machen – es hätte eine unendliche soziale Bedeutung! Wenn wir einmal den Reichstag haben, so will ich mich hinter einen Deputierten stecken und ihm die Idee schenken.« –

In der stillen Woche der ersten Trauer bekam Michella gleich alle Hände voll zu tun. Nicht bloß mit den Trauertoiletten für sich und die Schwestern – auch Fred mußte ausstaffiert werden, der ehestens nach Grätz in Steiermark abgehen sollte, um an dem von Erzherzog Johann begründeten »Joanneum« seinen technologischen Lehrkurs friedlicher fortzusetzen, als es voraussichtlich in der Kaiserstadt möglich gewesen wäre. Michella war der Meinung, daß man für eine Reise mit ganz neuer Leibwäsche versehen sein müsse, die nicht plötzlich anfangen konnte mürbe zu werden. Und daß es in Grätz auch Schneider gab, schien sie zu bezweifeln, denn alle Knöpfe an Freds Anzügen nähte sie eigenhändig nach, um ganz sicher zu sein, daß keiner absprang, ehe er nicht wieder heimkäme.

Von den Kommilitonen Abschied zu nehmen, fand Fred keine Gelegenheit mehr. Die Hochschulen der Residenz waren, wie er jetzt erfuhr, mit Zustimmung der Aula bis zum Herbst geschlossen worden, das Semester wurde den Studenten angerechnet, die Regierung ließ gern die Zunahme an politischem Selbstbewußtsein für Zunahme an Wissen gelten und war nur froh, die jugendlichen Feuerköpfe los zu werden. Die meisten von Freds näheren Bekannten hatten sich in ihre Heimat begeben, Sturz nach Nordböhmen, Tauß nach Mähren, andere in andere Kronländer. Ladurner war nach Tirol abgegangen, um die südliche Grenze gegen die Welschen verteidigen zu helfen. Mießrigel freute sich, als er hörte, daß Fred verreisen wollte.

»Für den Schweinestall, den wir jetzt da haben werden, bist du mir zu gut, Bruderherz!«

»Warum Schweinestall?«

»Denk einmal! Wenn die Studenten fort sind und die Schmierfinken von Proletariern allein das Heft in die Hand kriegen – pfui Tausend!«

Wo inzwischen die hundert Barrikaden in den Straßen hingekommen wären? wollte Fred wissen.

»Die Schmierfinken haben sie gegen gute Bezahlung wieder abgetragen. Überhaupt haben die jetzt das schönste Leben! So eine Art Rentiers sind sie geworden und streichen gemächlich ihr gesichertes Einkommen dafür ein, daß sie da draußen herumfaulenzen, auf den sogenannten Arbeitsplätzen – lucus a non lucendo.«

»Der erste Reichstag wird doch wohl um den Juli herum zusammentreten, der kann dann Ordnung machen.«

»Ja Schnecken! Ein mit dem gleichen, direkten, zensusfreien Wahlrecht gewählter Reichstag wird Ordnung machen! Wenn die Schafe aus ihrer Mitte den Schäfer wählen dürfen – glaubst du, daß der Ordnung unter ihnen macht?«

»Wir haben es doch so gewollt?« rief Fred enttäuscht.

»Freilich, freilich! Da siehst du einmal, wohin man kommt, wenn man eine sogenannte Überzeugung hat!«

»Ich vertraue noch immer auf die Sache der Freiheit!« flammte Fred auf. »Nur die Schlacken müssen noch weggeputzt werden.«

»Inzwischen putze dir in Grätz mit steirischem Krätzer die Gurgel ordentlich aus!« sagte Mießrigel, ihm die Hand zum Abschied schüttelnd. »Damit das neugeborene Vaterland im Herbst wieder kräftiglich nach der Freiheit schreien kann, wenn ihm inzwischen der konstitutionelle Schnuller aus dem Maul fallen sollte!«

Und so fuhr Fred also eines Morgens vom Gloggnitzer Bahnhof ab, hinein in den prangenden Sommertag. Weit hinter sich ließ er Hader und Kampf, gerechten Zorn und die Nöten enttäuschter Liebe. Nur das Bild des verewigten Vaters nahm er in seinem Herzen mit sich nach dem Bergland, dem er entgegen eilte. Lange hatte er sich nicht so frei und leicht gefühlt, und je weiter er sich entfernte von der unseligen Stadt, deren Pflaster mit Blut bespritzt und mit den Ausschreitungen des gemeinen Volles besudelt war, umsomehr fiel alles Quälende von ihm ab, das ihn während dieser letzten Monate nicht hatte zur Ruhe kommen lassen. War das nicht jetzt erst die wahre, seelenstärkende Freiheit?

Über den Semmering ging es mit Extrapost, drüben kam er gleich mitten ins Grüne hinein, das nicht pittoresk war, aber unendlich reizvoll mit seinen ineinander geschobenen Waldbergen. Wo die Mürz anfing, fing auch die Eisenbahn wieder an, und nun fuhr sichs fröhlich bergab bis die Festung über der steilgegiebelten Stadt sichtbar wurde. Weit draußen auf der anderen Seite, zu Füßen eines sonnig leuchtenden Höhenzuges, welcher nach den Gänseblumen hieß, die im Steirischen »Ruckerl« genannt werden, mietete Fred sich in einer kleinen Wirtschaft ein und bezog ein trauliches Zimmer, in dessen Fenster dunkelschattende Kastanien hereinschauten.

Es begann jetzt eine Zeit des Friedens für ihn und der Arbeit. Weit fort, wie durch ein Weltmeer von ihm getrennt, lag das Brausen politischen Lebens der Residenz, der Lärm der menschenerfüllten, leidenschaftlich erregten Straßen. Er liebte jetzt die Einsamkeit, die ihm eine wahre Erholung dünkte nach all den endlosen Reden und geschäftigen Sitzungen, nach dem hohlen Getue und dem müßigen Bombast, in dem er bis über die Ohren gesteckt hatte. Gerne strich er weit hinaus in die waldige Umgebung seines freundlichen Sommerasyls, meist allein, dem Schlag des Kuckucks lauschend, oder dem Rauschen der Tannenwipfel. Nur selten gesellte er sich einen harmlosen Genossen zu und mied jeden, der von öffentlichen Dingen zu reden anheben wollte.

Aber ein Brief aus der Heimat oder ein zugesendetes Zeitungsblatt brachte ihm doch manchmal eine Vorstellung davon bei, wie die Dinge an der Donau draußen sich weiter entwickelten. Ohm Schinackel schrieb ihm einmal, er kanditiere jetzt für den konstituierenden Reichstag, und schilderte launig den Strom von Phrasen, gegen den er zu schwimmen habe.

»Ihr goldenen Jungen habt uns eine dicke Suppe eingebrockt, die wir jetzt auslöffeln müssen. Ein bißchen Dummheit und Gemeinheit laß' ich mir gern gefallen, die Stiefel sind keine Handschuhe, man putzt sie wieder, wenn sie schmutzig werden. Aber bis über die Knie im Dreck waten, das ist ein allzu unreinliches Vergnügen, es könnt' einen manchmal davor grausen. Indessen sag' ich mir wieder: Das ist alles nun einmal da, es soll nur ans Licht! Durch die lügenhafte Vertuschung der Bureaukratie würde es nur verborgen, nicht beseitigt. Also fröhlich mitten hinein in den Dreck mit Schaufel und Schiebkarrel Ich presse mir Ziegel aus dem Letten, lasse sie sachte an der Sonne trocknen und schichte sie aufeinander, daß sie ein ansehnliches Postament geben, auf das ich meinen Fuß setzen kann. Auf diese Weise kommt auch ein demokratischer Abgeordneter über den Schmutz der Straße hinaus. Und es bleibt ja schließlich das Grundgesetz des politischen Lebens und des Lebens überhaupt, daß der Mob zum Postament wird, auf das die vernünftigen Leute hinaufsteigen können ...«

Aus einem Brief Poldis, den er im Hochsommer bekam, erfuhr Fred, daß der Bau der Fabrik auf dem Braunhirschengrund wacker fortschritt, wenn auch so schnell nicht, als der Bruder es gewünscht hätte. Das Gleichenfest hatte verschoben werden müssen, weil es an brauchbaren Arbeitskräften mangelte. Das Proletariat drängte sich zu den öffentlichen Arbeitsplätzen und zwang die Regierung zu immer höheren Löhnen. Und als die Regierung mit Rücksicht auf die Staatsfinanzen einmal Einschränkungen hatte vornehmen wollen, da waren Arbeiterkrawalle ausgebrochen, und im Prater Ströme Blutes geflossen.

Wie fern rollender Donner klangen solche Berichte in den klaren blauen Sommertag seiner steirischen Idylle herein.

Noch immer hing sein Herz an Anna, er wollte ihr ein Freund bleiben und sie vor der äußersten Verbitterung bewahren. Das schlimmste wußte sie nicht, ahnte es nicht einmal, und wenn sie ihr unseliges Leben der Liebe entgegenreifen ließ und nicht dem Hasse, dem sie es verschreiben wollte, so konnte sie, wenn auch nicht das Glück, so doch den Frieden wiederfinden. Die Adresse benützend, die Pluderer ihm damals verschafft hatte, schrieb er an sie und bat sie mit herzlichen und treuen Worten, ihm Nachricht zu geben, wie es mit ihr stehe. Aber er wartete vergebens auf Antwort.

Er wollte sich jetzt recht tüchtig ausbilden in seinem Fach, um Poldi ein brauchbarer Helfer zu werden. Er nahm seine Studien ernst, trieb Mathematik und Mechanik und bastelte an dem Modell eines Kraftstuhls für Seide, der sozusagen in der Luft schwebte, aber noch immer seine vollbefriedigende Gestalt nicht gefunden hatte. Auch die Kraftstühle des Muschirs, die in der Nacht vom dreizehnten zum vierzehnten März von den Arbeitern zertrümmert worden waren, stellten nicht die endgültige Lösung des Problems dar, wie er jetzt erkannte. Denn er hatte sich mit Seyfried ins Einvernehmen gesetzt und sich die Formzeichnungen senden lassen, die zur Grundlage gedient hatten.

Manchmal wandelte ihn jetzt doch wieder die Luft an, zur Zerstreuung ein Zeitungsblatt in die Hand zu nehmen, er sah, daß in Wien ein Sicherheitsausschuß an die Stelle der früheren Komitees getreten war, der neben der eigentlichen Regierung die Zügel der Regierung in der Hand hielt. Eine scharfe demokratische Tonart herrschte darin, der der Gemeindeausschuß vergebens die Wage zu halten sich bemühte. Die Kluft zwischen »Gutgesinnten« und »Umstürzlern« oder »Revolutionären« und »Schwarz-gelben«, wie sie sich gegenseitig benannten, erweiterte sich immer mehr. Der Hader schien kein Ende nehmen, im Gegenteil sich zu tötlicher Feindschaft steigern zu wollen. Die Ausschreitungen und Orgien des Radikalismus nahmen in entsetzenerregender Weise überhand und erregten seinen Ekel. Das war wirklich der Schweinestall, den Mießrigel prophezeit hatte, auch das neue Ministerium, das im Juli ernannt worden war, und dem brave und tüchtige Männer angehörten, schien nichts dagegen ausrichten zu können. Die Studenten fehlten, die einen idealen Zug in die Bewegung hineingetragen, sie durch ihre selbstlose Begeisterung über den Schmutz der Straße erhoben hatten. Und er kam zu der Ueberzeugung, daß im Herbst, wenn die gesamte akademische Jugend des Vaterlandes in der Aula wieder zusammenströmen würde, auch er nicht fehlen und sich nicht selbstsüchtig verstecken durfte. Denn es wäre feig und unmännlich gewesen, das erst halbvollendete Werk, an dem sie mitgebaut, und das sie mit Blut gekittet hatten, im Sumpfe versinken zu lassen.

Anfangs August brachte ihm ein Brief Tante Susanns Erheiterung. Sie berichtete, daß Schinackel jetzt Abgeordneter von Gumpendorf sei, und daß sie die Eröffnung des konstituierenden Reichstages mitangesehen habe. Es sei zum Kranklachen gewesen, wie die ruthenischen Bauernabgeordneten in ihren roten Röcken den Türsteher mit der goldbeborteten Kappe am Eingang zum Sitzungssaale für den Kaiser gehalten und ihm demütig die Hand geküßt hätten. Schinackel natürlich habe daraus, obzwar er doch selbst zu den Demokraten gehöre, sofort eine Spitze gegen das direkte, gleiche, zensusfreie Wahlrecht drehen wollen, aber sie werde es ihm schon zeigen, und wenn er nicht voll und ganz mit dem Volk gehe, so laufe sie ihm eines Tages davon. Mit dem kleinen Schinäcklein selbstredend; denn dieses lasse sie nicht durch einen halb und halb Gutgesinnten erziehen, es sei als Revolutionsmann auf die Welt gekommen und besitze sogar ein Revolutionsabzeichen am Körper, ein winziges brennrotes Muttermälchen, daß man freilich erst recht deutlich sehen werde, wenn es mit ihm größer gewachsen wäre ...

Auch daß der Kaiser, den Bitten der Bevölkerung nachgebend nach Wien zurückgekehrt und seinen Aufenthalt in Schönbrunn genommen hatte, erfuhr er aus dem Brief. Nun konnte ja, so Gott wollte, alles wieder in geregelte Bahnen kommen!

In seine mechanischen Probleme verbissen, dachte er bis tief in den September hinein nicht daran, die freundlichen Ketten seines Exils zu sprengen. Die Laubkronen der Kastanien vor seinen Fenstern schmückten sich mit leuchtend topasfarbigen Blättern, die blauen Berge schienen näher zu rücken und gewannen stellenweise einen leichten Stich in kupferfarbiges Rot. Ueber den Höhenrücken des Ruckerlberges wanderte er oft stundenlang hinaus ins reichbewegte Hügelland, hinter dem der Himmel sich weitete, bis in den fernen Osten hinein.

»Dort drüben,« fügte man ihm, »fängt Ungarn an«.

Da dachte er an das edle Volk der Magyaren, das die Freiheit so glühend liebte, und das als eine kühn entschlossene und ritterliche, rossebändigende Nation in seiner Einbildung lebte.

Gerade in dieser Zeit fiel ihm ein Zeitungsblatt in die Hand, das die Nachricht enthielt, Jellachich, der Kroaten-Ban, sei mit einem großen kaiserlichen Heer in Ungarn eingefallen, um die magyarische Freiheit zu vernichten.

Von diesem Tag an brannte in seiner Brust ein heißer Schmerz.

Er ließ sein Webstuhlmodell im Stich und kaufte sich Zeitungen. In den Spalten eines radikalen Blattes fand er Andeutungen über eine große politische Gährung, die sich in Wien vorbereite. Der österreichische Kriegsminister Graf Latour, ein bezahlter Knecht der Kamarilla, unterstütze insgeheim mit österreichischem Gelde die Operationen des Ban Jellachich gegen die Magyaren, um ihre altverbriefte Freiheit zu Fall zu bringen und dadurch auch der schwarz-gelben Reaktion in Österreich Tür und Tor zu öffnen.

Er lief durch die Stadt, um zu hören was gesprochen würde. Die Leute gingen fröhlich und unbekümmert, mit provinzlerischer Gemächlichkeit ihren Geschäften nach. Niemand schien sich aufzuregen, niemandes Gedanken über die friedlichen Mauern des lieben stillen Grätzerstädtchens hinauszuschweifen. Es war überflüssig sich zu erhitzen – was stand er auf einmal in Flammen?

Er trat in den stillen, tiefgelegenen botanischen Garten am »Joanneum«, wo seltene Bäume standen, aus fernen südlichen Ländern, und allerhand merkwürdige Gewächse gezogen wurden. Die Luft war warm und feucht wie in einem Treibhaus, kein frischer Windhauch drang hier ein, mit exotischer Schläfrigkeit entfalteten die Pflanzen ihre fast unnatürliche Formenpracht – zwecklos und weichlich.

Es litt ihn nicht länger in diesem Garten. Er atmete auf, als er hinaustrat. Und wie in plötzlicher Befreiung eilte er nach Hause, seinen Koffer zu packen.

*

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