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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Auf der Straßenseite vor dem Himmelhaus war ein Flaggenmast aufgestellt worden, Fahnen und Wimpel gehörten zum täglichen Brot in dieser Zeit. Der April ging zu Ende, die Kastanien im Garten standen voll weißer und roter Blütenkerzen, es war ein trüber, lauschiger Morgen, und Petz hatte dem Gärtner Vogel befohlen die Kaiserstandarte zu hissen.

»Es ist Kaisers Geburtstag heute, und überhaupt ein Freudentag,« sagte er zu Bethi, bevor er in die Stadt fuhr. »Die Verfassung soll heute kundgemacht werden. Die Verfassung, höre! Was zwei Generationen vergeblich ersehnten, soll sich jetzt erfüllen! Denk nur! Österreich ein Verfassungsstaat! Das Volk dazu berufen, seine Geschicke selbst zu bestimmen! Mir ist zumute, als finge jetzt erst das wahre Leben an. Die Freiheit, die langersehnte, soll uns geschenkt sein! Friede und Versöhnung nach all der Wirrnis, dem Hader und entsetzlichen Blutvergießen! ... Der Leseverein hat eine Abendserenade mit Fackelzug angeregt, alle Vereine und Korporationen werden sich daran beteiligen, um unserem konstitutionellen Kaiser in unbegrenzter Dankbarkeit zu huldigen. Ich will dabei nicht fehlen, erwartet mich nicht heute Abend.«

»Wir haben dich oft schweren Herzens vermißt,« sagte Bethi, »wenn wir dich in Gefahr glaubten. Wenn du nun aber aus einem so freudigen Anlaß fern bleibst, so werden wir auch mit Freuden im Geiste bei dir sein.«

»Wenn es dunkelt,« sagte Petz noch und nahm seinen Hut, »so geht hinauf auf die Himmelswiese; da seht ihr die Stadt im Glanz der Lichter.«

Im Lauf des Vormittags begab sich Bethi zum Muschir, der still auf seinem Balkon saß. Sie erzählte ihm, was für ein großer Tag heute sei, und daß die Verfassung kund gemacht würde. Er wunderte sich und sah nachdenklich vor sich hin.

»So wird es schon das Richtige sein,« sagte er. »Die Jungen, die das Leben haben, wollen wieder eine andere Zeit.«

»Es soll allen zugute kommen,« sagte sie ermunternd. »Die Geschäfte, heißt es, können jetzt einen großen Aufschwung nehmen, da wirst auch du dich leichter tun.«

»Die jung sind, und das Leben haben, für die ist es gut,« wiederholte er. »Vielleicht bringen die es zustand, daß alle zufrieden sind. Die Arbeiter besonders, bei denen ist es schwer. Man muß schließlich doch schauen, mit ihnen auszukommen. Mir ist es nicht gelungen. Ich habe mich geplagt, aber es ist mir nicht gelungen. Oft sehr geplagt, gemüht, gesorgt hab' ich mich – aber es ist mir nicht gelungen ... Es ist mir auch sonst viel schief gegangen. Wozu habe ich mich gemüht, gesorgt, geplagt?«

Später redete Bethi mit Julie und sagte: »Der Muschir ist traurig. Er spricht, als ob er mit der Welt abgeschlossen hätte.«

»Wir sind auch zu Ende, wir beide,« sagte Julie. »Was können wir noch wollen?«

»Ihr werdet überwinden,« tröstete sie Bethi. »Laßt nur Zeit hingehen, so finden sich neue Ziele.«

Aber davon wollte Julie nichts wissen.

»Getreu zueinander sein, das ist alles, was uns noch bleibt. In den Tagen des Glücks, da konnten wir uns nicht finden. Heute begreife ich nicht, warum es nicht möglich war. So ist es immer. Immer kommt alles zu spät. Dann sagt man sich: Ja, damals –! Warum hast du damals nicht anders sein können, als du warst? Und man findet den Grund nicht und sagt sich: Du hättest es können!«

»Mit dem Muschir war es nie so ganz leicht,« sagte Bethi schonend. »Er hatte stets seine eigene Art, hart gegen sich selbst und manchmal wohl auch gegen andere. Da fügt sich manches nicht so, wie man wohl möchte ... Nun ist er wie gebrochen, das tut mir weh. Wenn er den Arbeitern gegenüber auf seinen Vorteil sah – wer kann es ihm verdenken? Auf ihm lag die Last der Gefahr, er war Geschäftsmann und mußte zusehen, wie die Firma auf ihre Rechnung käme. Und doch empfindet er jetzt etwas wie Reue, ich glaube, er quält sich mit Vorwürfen.«

»Beide hätten wir manches anders machen können,« sagte Julie mit einem Seufzer. »Was ist die Freiheit, von der jetzt so viel geredet wird? Frei von Schuld sein! ... «

Begütigend strich Bethi ihr über den Handrücken.

»Aber wer ist frei von Schuld? ... Das Leben ist wie ein Spiegel, wir durchforschen gewissenhaft unser Antlitz und hoffen es rein zu finden. Und wie wir nur näher zusehen, wirft schon der bloße Hauch unseres Atems einen Schleier über das Glas und trübt das Bild, das uns entgegenblickt.«

Am Abend kamen Schinackel und Poldi heraus, die den ganzen Tag mit Petz Risse für den Neubau der Fabrik entworfen und beurteilt hatten. Das alte Gebäude war fertig gekauft worden, das neue konnte man sich sozusagen auf den Leib passen lassen. Es wollte alles so zweckmäßig wie möglich ausgedacht und dabei doch jedes unnötige Abgehen von den vorhandenen Fundamenten vermieden sein. Mit dem Wegräumen des Schuttes war der Baumeister zurande gekommen, nun fing er mit dem Einrüsten und an einzelnen Stellen bereits mit dem Aufmauern an. Obgleich die Arbeitslosen nach Tausenden zählten, klagte er über Mangel an willigen Handlangern. Die Regierung verderbe die Leute mit ihren Notstandsarbeiten, behauptete er; dabei würden sie nur zum Faulenzen und Lungern angeleitet und entwöhnten sich jeder geregelten Tätigkeit.«

»Überhaupt diese neue Freiheit! Sie wird zu nichts führen, als daß das Proletariat uns über den Kopf wächst. Man müßte jetzt schon bald vor jedem Ziegelschupfer den Hut herunternehmen und ihn fragen, ob er vielleicht gestattet, daß der Baumeister auch eine kleine Entlohnung für seine Arbeit bezieht.«

Das war die Meinung des Baumeisters.

Schinackel und Poldi setzten noch im Himmelhaus ihre Besprechungen über Bau und Einrichtung der Fabrik fort, und über die Art, wie der Betrieb organisiert und der Absatz belebt werden sollte. Es zeigte sich immer mehr, daß Poldi viel vom Muschir geerbt hatte. Seine Umsicht, seine Gewissenhaftigkeit, seinen Fleiß, seinen scharf berechnenden und nüchternen geschäftsmännischen Sinn. Nur von Erwerbssucht war Poldi gänzlich frei, an Gewinn dachte er kaum, seine Triebfeder war das eingeborene Bedürfnis, alles anständig und vernünftig einzurichten, was er anfaßte. Dabei trug er ein gewisses großzügiges Vertrauen in sich, daß eine billige und liberale Ordnung des gesamten Fabrikswesens allen, die sich daran beteiligten und dabei mitarbeiteten, ihren rechtmäßigen Vorteil nach Maßgabe der verschieden zu bewertenden Leistungen zuwenden würde und müsse. Die Quälerei und Sorgenhaftigkeit, die sonst in ihm gewesen, schien einer zwar besonnenen, aber von Grund auf freudigen Zuversicht gewichen zu sein.

Schinackel wunderte sich im Stillen darüber. Jetzt mußte doch rein von vorne angefangen und alles neu aufgebaut werden, nicht bloß das Fabriksgebäude, auch die Fabrikation selbst, die ganze Firma, der Kundenkreis, der Ruf der Leodolterischen Ware. Die wichtigsten Dispositionen, die gesamte Arbeitslast und die volle Verantwortung – das lag alles fast ausschließlich auf Poldis Schultern, wie viel konnte er ihm helfen dabei, der Seifensieder? Blutwenig eigentlich, von dem bißchen kommerziellen Rates und dem Zuschuß zum Grundkapital abgesehen. Im übrigen hatte der Jüngling die Bürde fast allein zu tragen und trug sie auch. Und die Sorgen, die er sonst, da es noch geringfügige waren, so schwer genommen und eher vergrößert hatte, die waren jetzt nicht imstande, ihn niederzudrücken unter ihrer Riesenlast, im Gegenteil, stark und froh machten sie ihn.

»Hör Poldi,« sagte er, ihm liebend auf die Hand klopfend, »du machst es tüchtig, das muß ich gestehen! Als Kind und auch später noch, dünkt mich, bist du fast ein wenig ein Haarspalter gewesen. Es ist seither viel Unfreies von dir abgefallen. Wie hast du es eigentlich angestellt?«

»Das wüßt' ich wohl kaum zu sagen,« versetzte Poldi erstaunt. »Dazu getan hab' ich eigentlich nichts, so viel ich weiß, es ist nur so gekommen. Aber ein wahres Herzensglück ist es schon, wenn man sich so durchringen muß durch widrige Umstände ... So freudig bin ich nie in mir gewesen, so frei hab' ich mich nie gefühlt.«

»Es war sehr richtig, was dein Vater einmal sagte: Daß jeder eine andere und wieder seine eigene Freiheit in sich trägt ...«

Nach dem Abendessen schlug Bethi vor, auf die Himmelswiese zu gehen. Es hielten alle gern mit, nur der Muschir und Julie blieben im Hause zurück. Als sie vors Gatter traten, stieß Fred zu ihnen, der zu Fuß aus der Stadt kam.

»Tust denn du bei den Festlichkeiten nicht mit?« wunderte sich Schinackel.

»Die Aula beteiligt sich nicht,« sagte er verstimmt. »Eine solche Verfassung ist keiner Fackeln und keiner Lieder wert.«

»Ihr seid auch wie Mann und Frau im Essigkrug! Erst ein Bauerngut, dann eine Ritterburg, hierauf ein Fürstensitz und schließlich ein Königsschloß. Die Freiheit macht Appetit. Wollt ihr auch noch Herrgott werden? Gebt acht, daß kein Donnerwetter dreinfährt – sonst sitzt ihr am Ende wieder im Essigkrug!«

Über der Stadt lag ein heller Dunstkreis, ein Regen von Tausenden und Abertausenden funkelnder Sterne schien vom Himmel auf sie niedergefallen zu sein. In viele Straßen sah man der Länge nach hinein, da glitzerte es wie von Demanten auf Schnüre gereiht. Wo die Fackelträger zogen, leuchtete Feuerschein auf, daß man meinen konnte, ganze Häuserzeilen ständen in Flammen.

»Was hat die Aula an der Verfassung auszusetzen?« fragte Schinackel.

»Vor allem, daß sie oktroyiert ist. Schon darin liegt ein Wortbruch. Am fünfzehnten März wurde verheißen, daß sie aus einer Beratung von Landständen hervorgehen sollte. So schnell vergißt man bei uns Versprechungen! Wer kennt besser die Bedürfnisse des Volkes als die Vertreter des Volkes? Nein! Bureaukratenarbeit mußte es wieder sein! Ist auch danach ausgefallen: Ein Senat aus Prinzen, Hofleuten und Feudalen! Nichts als ein neuer Name für die Kamarilla! Das soll eine Konstitution sein?«

Schinackel suchte ihm nachzuweisen, daß in anderen konstitutionellen Ländern ähnliche Einrichtungen bestünden. Aber das galt ihm nichts; an Österreich sei es jetzt, sich an die Spitze von ganz Deutschland zu stellen, indem es mit dem Beispiel einer großen, wahrhaft freiheitlichen Auffassung vorausgehe.

»Wird nicht auch die Nationalversammlung in Frankfurt, die ganz allein, ohne jede Mitwirkung der Regierungen, über die künftige Verfassung Deutschlands entscheiden soll, aus dem Volke gewählt? Auf 50000 Seelen entfällt ein Abgeordneter. Gibt es einen einfacheren Weg, die wahre Volkesstimme zu hören, die nun wirklich Gottes Stimme geworden ist? Was soll daneben ein Senat von Geborenen und Ernannten? Seine Aufgabe kann nur darin bestehen, die wahre Volksmeinung zu fälschen!«

Poldi nahm ihn am Arm und zog ihn zu sich, wo sich der beste Ausblick in die Ferne bot.

»Sieh Fred, wie die ganze große Stadt im Festesglanze strahlt! Das ist doch das Volk selbst, das dort jubelt und seinem Kaiser huldigt? Warum kannst du nicht teilhaben an der allgemeinen Freude, hast du sie nicht selbst mit erkämpfen helfen?«

Aber Fred blieb düster und verbittert. Das Gift der Reden und Artikel war ihm bis in den innersten Lebensnerv eingesickert – so hätte Patzenhauer seinen Zustand diagnostiziert – und lähmte den Mesmerismus seiner Begeisterungsfähigkeit.

»Ich weiß nur allzugut, was von diesem Festesglanz zu halten ist! Der Kaiser sieht gerne Lichter und Fahnen, darum gaukelt ihm der Pillersdorf die Komödie vor und macht ihn glauben, der Jubel gelte der Verfassung. Er gilt aber nur dem Geburtsfeste und der geheiligten Person des Monarchen selbst, der wahrhaft freiheitlich gesinnt ist und seine Minister zum Teufel jagen würde, könnte er ahnen, wie die Bevölkerung über sie denkt!«

Sein politischer Unmut wurde durch die Sorge um Anna noch gesteigert. Er hatte von der Aula den Auftrag übernommen, ihre Angelegenheit im Auge zu behalten. Und die stille, schmerzerfüllte Neigung zu ihr, die noch immer in ihm lebte, veranlaßte ihn dazu, diesen Auftrag ernster zu nehmen, als es seine Pflicht gewesen wäre. Er war entschlossen, den Versuch zu wagen, ob es ihm nicht gelingen könnte, das Schicksal des Mädchens in eine glücklichere Bahn zurückzuleiten. Dies konnte nur mit Hilfe des Freiherrn von Auenwald geschehen, den er als liberal und edeldenkenden Mann kannte. Glückte es, die Zustimmung des Freiherrn zu einer Vermählung Annas mit dem Leutnant zu erlangen, so würde wohl auch der Rentmeister seinen schwer erklärbaren Widerstand aufzugeben sich genötigt sehen.

Daß der Rentmeister dem Freiherrn Annas Liebesabenteuer durchaus verheimlicht wissen wollte, mochte wohl auf einer übertriebenen Ängstlichkeit des Mannes beruhen. Vielleicht hatte er den Freiherrn in geschäftlicher und amtlicher Hinsicht geärgert und wollte nicht neuen Unmut gegen sich erregen. Oder es steckte der Egoismus des Alters dahinter, daß er das einzige Kind nicht in seinem Hause missen wollte, vielleicht war es auch bloß die Grille eines offenbar eigenwilligen und etwas wunderlichen Menschen. Auf alle Fälle schien es Fred überflüssig, in das Verhalten Ensbrunners allzuviel hineinzugeheimnissen, wozu er anfangs geneigt gewesen war. Und das Wort, das der Gärtner Vogel einmal geäußert hatte, bedeutete harmlos besehen auch nichts anderes, als daß Anna eben ein nettes und feines Mädchen sei und dies dem Rentmeister zugute komme, weil der Freiherr ihr deswegen wohlwollte und ihr manches zuwenden mochte.

Übrigens mochte der Rentmeister welche Gründe immer haben, dem Freiherrn das Verhältnis des Leutnants mit Anna zu verbergen – für Fred bestanden solche Gründe nicht; im Gegenteil, er hielt sich im Interesse Annas für verpflichtet, ein offenes Wort für sie einzulegen und eindringlich an jene Rechte zu mahnen, die man einem entführten Mädchen gegenüber ihrem Entführer in der Regel zubilligt. Also machte er sich mit der jugendlichen Sieghaftigkeit, die der März in der Brust eines jeden akademischen Bürgers geweckt hatte, auf den Weg nach dem Braunhirschenschloß, das er seit jenem nächtlichen Proletarieraufruhr nicht wieder betreten.

Der Freiherr empfing ihn mit der glatten und etwas zurückhaltenden Liebenswürdigkeit, die ihm eigen war.

»Gestatten Sie, Baron, daß ich sogleich die Ursache meines Kommens aufkläre. Sie werden sich vielleicht eines Mädchens erinnern, das in Ihrem Hause, in Schloß Auenwald, aufgewachsen ist, der Tochter Ihres Rentmeisters Ensbrunner.«

Der Freiherr nickte.

»Sie meinen Anna? Gewiß erinnere ich mich ihrer. Ich hoffe. Sie bringen mir keine üble Nachricht von dem Mädchen?«

»Auf alle Fälle ist die Sorge um ihr Wohl die Veranlassung meines Besuches. Sie ist von einem jungen Manne aus dem Hause ihres Vaters entführt worden.«

Die Brauen des Freiherr« zogen sich zusammen. Er stand auf und ging im Saale auf und nieder.

»Das ist mir in der Tat peinlich zu hören. Ich habe das Mädchen heranwachsen sehen, sie ist mein Mündel, ich hatte die Absicht, ihr eine anständige Mitgift auszusetzen. Wer ist der junge Mann, der sie entführt hat? Warum hat er nicht offen um sie geworben? Oder sollten wir es mit einem Wüstling zu tun haben, der seine Verführungskunst an dem leidenschaftlichen Blut erprobte, das in den Adern des Mädchens rollt?«

»Ich habe keinen Anlaß, dies anzunehmen. Zufällig bin ich davon unterrichtet, daß es sich um eine Liebesaffäre handelt, die schon seit längerer Zeit spielt. Das Paar liebt einander; den jungen Mann für das Gegenteil eines Ehrenmannes zu halten, habe ich keine Ursache.«

»Umso besser. Als Ehrenmann wird er die Verpflichtung anerkennen, auch die Ehre des Mädchens wieder herzustellen. Noch besser freilich wäre es gewesen, er hätte sie ihr nie geraubt ... Warum überhaupt diese Gewaltsamkeit?«

»Vielleicht befürchtete man Hindernisse, die sich einer legalen Verbindung in den Weg stellen könnten. Ich halte die Beseitigung dieser Hindernisse für nicht allzu schwierig und sehe keine andere Möglichkeit, Annas Ehre wiederherzustellen, als eine eheliche Verbindung.«

»Wenn diese Hindernisse pekuniärer Natur sind, so werde ich dafür Sorge tragen, sie zu beseitigen. Das Mädchen ist, wie ich bereits erwähnte, mein Mündel, und es würde mir Freude gewähren, könnte ich ihr Glück begründen helfen. Ich muß gestehen, es kränkt mich sogar, daß sie sich nicht selbst vertrauensvoll an mich wendete. Denn ich habe ihr stets ein fast väterliches Wohlwollen zugewendet, obgleich sie nur die Tochter eines meiner Angestellten ist. Sie kennen meine liberalen Grundsätze.«

»Die Hindernisse dürften nicht bloß pekuniärer Natur sein. Der junge Mann gehört einer adligen Familie an – ich halte mich vorderhand nicht für berechtigt, den Namen zu nennen. Vielleicht fürchtete er den Widerstand seiner Familie.«

»Damit steigern sich freilich die Schwierigkeiten,« sagte der Freiherr sichtlich unangenehm berührt.

»In unseren Tagen sollt' ich meinen, müßten der Verbindung eines Adligen mit einem Mädchen aus dem Volke, wenn ihr Bund auf gegenseitige Achtung und Neigung gegründet ist, keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr im Wege stehen.«

»Sie sprechen als Bürgerssohn, als Jüngling und als Legionär. Die demokratische Gesinnung nimmt jetzt mächtig überhand. Aber Gleichheit vor dem Gesetze bedeutet noch lange nicht Gleichheit der verschiedenen Gesellschaftskreise, ihrer Anschauungen, ihrer Lebensgewohnheiten und, wenn Sie wollen, ihrer Vorurteile.«

»Jedenfalls kann ich auch einen Aristokraten,« sagte Fred von Märzluft angeweht, »nicht von der Verpflichtung lossprechen, einem ehrbaren Mädchen, das er zu Fall gebracht, die einzig mögliche Genugtuung zu gewähren.«

»Als Anwalt Annas nehmen Sie sicher den richtigen Standpunkt ein,« versetzte der Freiherr mit Maß. »Schließlich wird sich eine allgemeine Regel nicht aufstellen lassen. Der einzelne Fall muß entscheiden, und es kommt alles darauf an, ob die Neigung des Liebhabers zu dem Mädchen tief genug wurzelt, um ihn zu bestimmen, den Kampf mit den gesellschaftlichen Vorurteilen aufzunehmen. Hierüber Klarheit zu schaffen, liegt zweifellos in Annas Interesse, und da Sie mich als Vermittler anzurufen scheinen, so erkläre ich mich gerne bereit, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Zu diesem Ende wird es aber unerläßlich sein, daß Sie mir den Namen des jungen Mannes nennen.«

»Es ist Ihr Sohn, Leutnant Baron Auenwald.«

Der Freiherr schrak zusammen, als hätt' er einen magnetischen Pol berührt; sein Gesicht verfärbte sich. Aber in wenigen Augenblicken nahmen seine Züge ihr gewöhnliches Aussehen an. Es wäre schwer zu erraten gewesen, was in ihm vorging.

»Junger Mann, Ihre Mission ist zu Ende,« sagte er vor Fred stehen bleibend. »Die Angelegenheit geht nunmehr mich selbst weitaus mehr an als Sie.«

Fred erhob sich.

»Da Sie, Herr Baron, die Verpflichtung des Verführers, dem Mädchen seine Ehre wieder zu schenken, im allgemeinen anerkannt haben, so darf ich hoffen, daß auch der besondere Fall keine Änderung in Ihren Anschauungen mit sich bringen kann.«

»Die Entscheidung hierüber steht bei mir,« sagte der Freiherr und verneigte sich leicht.

Seine Absicht, das Gespräch abzubrechen, war deutlich genug. Fred machte eine stumme Verbeugung und ging. Er nahm den bestimmten Eindruck mit sich fort, daß der Freiherr niemals in eine Heirat willigen würde. Der Vorfall trug dazu bei, ihn dem demokratischen Lager noch mehr anzunähern, als es bis dahin der Fall gewesen war. Die Liberalen, wie Auenwald einer war, bedienten sich des Freiheitsgedankens doch nur, ihre eigene Machtfülle zu stärken und blieben ihren Vorurteilen treu wie im Vormärz. Das Volk sollte ihnen die Kastanien aus dem Feuer holen, der Muschir hatte es immer gefügt; sonst wollten sie mit ihm nichts gemein haben, nach wie vor.

Das waren neben seinem Leid um Anna die Gedanken, die ihn jetzt beschäftigten.

*

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