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Fräulein Fifi

Guy de Maupassant: Fräulein Fifi - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleFräulein Fifi
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
correctorreuters@abc.de
corrected20120920
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Das Holzscheit

Der Salon war klein, ganz mit dichtem Stoff bespannt und leicht von Parfüm durchzogen. Im breiten Kamin flackerte das Feuer, während eine einzige Lampe auf der Kaminecke milde ihr durch einen Schirm alter Spitzen gedämpftes Licht auf die beiden Menschen warf, die sich unterhielten.

Sie, die Frau des Hauses, war eine alte, weißhaarige Dame. Eine jener liebenswürdigen Alten, deren faltenlose Haut glatt ist, wie feines Papier, wohlriechend ganz gesättigt von den Essenzen, mit denen sie sich so lange schon wäscht. Eine alte Dame, die einen Duft ausströmt, wenn man ihr die Hand küßt, wie jener leichte Wohlgeruch des Florentiner Iris-Puders.

Er war ein alter Freund, der Junggeselle geblieben, einer der jede Woche kam, ein Gefährte auf der Lebensreise. Und nichts mehr.

Seit einer Minute hatten sie aufgehört zu sprechen. Beide blickten ins Feuer, in Gedanken verloren, in jenem freundschaftlichen Schweigen von Menschen, die es nicht nötig haben fortwährend zu schwatzen, um sich bei einander wohl zu fühlen.

Und plötzlich brach ein großes Holzscheit, ein von brennenden Wurzeln umstarrter Stumpf, in sich zusammen, sprang über das Kamingitter, fiel ins Zimmer und kollerte auf den Teppich, indem es überall um sich den glühenden Schein warf.

Die alte Dame richtete sich mit leisem Aufschrei auf, als ob sie flüchten wolle, während er durch einen Fußstoß das mächtige Kohlenstück in den Kamin zurückschleuderte und mit der Sohle die rings verstreuten Funken austrat.

Als der Schaden wieder gut gemacht war, verbreitete sich ein starker Brandgeruch. Der Herr setzte sich seiner Freundin gegenüber und sprach, indem er sie lächelnd ansah und auf das Holzscheit deutete, das wieder auf dem Roste lag:

– Da, das ist schuld daran, daß ich nie geheiratet habe.

Sie blickte ihn erstaunt an mit jenem neugierigen Frauenauge, das erfahren will, jenem Auge der nicht mehr ganz jungen Frau, deren Neugier überlegt, absichtlich ist, und fragte:

– Wieso?

Er gab zurück:

– Ach das ist eine ganze Geschichte, eine ziemlich traurige, häßliche Geschichte!

Meine ehemaligen Kameraden haben sich oft gewundert über die plötzliche Kälte zwischen einem meiner besten Freunde, der Julius mit Vornamen hieß, und mir. Sie begriffen nicht wie es möglich sei, daß zwei so intime, unzertrennliche Freunde wie wir, einander plötzlich so fremd geworden wären. Nun ich will Ihnen das Geheimnis unserer Entfremdung lösen.

Früher wohnten wir beide, er und ich, zusammen. Nie trennten wir uns, und unsere Freundschaft schien so fest, daß nichts sie hätte brechen können.

Als er eines Abends nach Haus kam, sagte er mir, daß er heiraten wolle.

Das gab mir einen Stoß, als ob er mich bestohlen oder mich verraten hätte. Wenn sich ein Freund verheiratet, dann ist es mit der Freundschaft aus, ganz aus. Die eifersüchtige Liebe einer Frau in der immer Mißtrauen, Unruhe, Sinnlichkeit steckt, duldet die kräftige freie Zuneigung von Geist, Herz und Vertrauen nicht, die zwischen zwei Männern besteht.

Sehen Sie, gnädige Frau, Mann und Frau mögen noch so sehr in Liebe verbunden sein, sie sind einander im Innersten der Seele und des Geistes doch fremd. Sie bleiben Feinde. Sie sind von verschiedener Art. Immer muß es Sieger und Überwundene, Herren und Sklaven geben. Bald ist es der eine, bald der andere, aber gleich sind sie nie. Sie pressen sich die Hand in Liebesglut, aber nie mit festem, starkem, ehrlichem Händedruck, jenem Druck unter dem sich die Herzen austhun, ganz entblößen in aufrichtiger, kräftiger Manneszuneigung. Wer weise ist, sollte sich nicht verheiraten und als Trost auf seine alten Tage Kinder zeugen, die ihn doch verlassen, sondern der sollte einen guten, treuen Freund suchen, und alt werden mit ihm in jener Gemeinsamkeit der Anschauungen, wie sie nur zwischen zwei Männern bestehen kann.

Kurzum, mein Freund Julius heiratete. Seine Frau war hübsch, reizend, ein rundes, blondgelocktes, kleines Frauchen.

Zuerst ging ich selten zu ihnen. Ich wollte sie in ihrem Honigmond nicht stören und fühlte mich überflüssig. Und doch schien es, als zögen sie mich an sich, als riefen sie mich immerfort, und als hätten sie mich gern.

Allmählich ließ ich mich durch den süßen Reiz dieses gemeinsamen Lebens verführen und aß oft bei ihnen. Und wenn ich Nachts heimkehrte, fand ich nun meine einsame Wohnung traurig und öde, und dachte daran, es wie er zu thun, und eine Frau zu nehmen.

Sie schienen sich anzubeten und verließen einander nie. Da schrieb mir Julius eines Abends, ich sollte zu Tisch kommen. Ich kam und er sagte:

– Alter Kerl, ich muß mich leider sofort nach Tisch empfehlen. Ich habe Geschäfte. Vor elf komme ich nicht wieder, aber Punkt elf bin ich zurück. Du mußt Bertha so lange Gesellschaft leisten!

Die junge Frau fügte lächelnd hinzu:

– Übrigens bin ich auf die Idee gekommen Sie holen zu lassen.

Ich gab ihr die Hand:

– Sie sind zu nett!

Da fühlte ich einen freundschaftlichen, langen Druck. Ich achtete nicht weiter darauf. Wir setzten uns zu Tisch und sobald es acht Uhr war, ging Julius aus.

Als er fort war, entstand eine Art sonderbarer Verlegenheit zwischen seiner Frau und mir. Wir waren noch nie allein mit einander gewesen und dieses Alleinsein erschien uns trotz unserer täglich wachsenden Vertraulichkeit als etwas ungewohnt Neues. Zuerst machte ich allgemeine Redensarten, nichtssagende Dinge, wie man sie redet, um Verlegenheitspausen auszufüllen. Sie antwortete nicht und blieb mir gegenüber auf der andern Seite des Kamins sitzen, mit gesenktem Kopf, unsicheren Blicken, einen Fuß gegen das Feuer ausgestreckt, als sänne sie nach über eine schwere Frage. Als ich keine Redensarten mehr zu machen wußte, schwieg ich. Es ist sonderbar, wie schwer es oft ist, einen Gesprächsstoff zu finden. Und dann lag etwas in der Luft, fühlte ich etwas, das sich nicht ausdrücken läßt, jene wundersame Vorahnung, die einen die verborgene Absicht – sei sie gut oder böse – eines anderen Menschen gegen uns empfinden läßt.

Dieses peinliche Schweigen dauerte einige Zeit. Dann sprach Bertha zu mir:

– Lieber Freund, werfen Sie doch noch ein Scheit Holz auf's Feuer. Sie sehen es geht gleich aus.

Ich öffnete den Vorratskasten für das Holz, der genau so stand wie Ihrer hier, nahm ein Scheit heraus, das größte und baute es als Turm auf den übrigen dreiviertelverkohlten auf.

Und wieder schwiegen wir.

Nach einigen Minuten brannte das Holzscheit lichterloh, sodaß unsere Gesichter glühten. Die junge Frau schlug ihre Augen zu mir auf, in denen ich einen eigenen Ausdruck sah, und sprach:

– Jetzt wird es zu heiß hier. Wir wollen doch drüben auf's Sofa setzen.

Da wechselten wir den Platz. Plötzlich sah sie mich gerade an:

– Was würden Sie thun, wenn eine Frau Ihnen sagte, daß sie Sie liebte?

Ich antwortete etwas verdutzt:

– Weiß Gott, daran habe ich noch nicht gedacht, und dann käme es auf die Frau an.

Da fing sie an zu lachen. Ihr Lachen klang trocken, nervös, zitternd. Ein falsches Lachen, von dem man meint es könne ein dünnes Glas brechen machen. Und sie fügte hinzu:

– Die Männer sind nie dreist und nie schlau!

Sie schwieg, dann begann sie von neuem:

– Sind Sie oft verliebt gewesen, Herr Paul.?

Ich gab es zu: ja verliebt war ich schon gewesen.

– Ach bitte erzählen Sie mir das! – bat sie. Ich erzählte irgend eine Geschichte. Sie hörte aufmerksam zu, indem sie dabei häufig ihre Mißbilligung oder ihre Geringschätzung zeigte. Plötzlich brach sie los:

– Nein davon verstehen Sie rein gar nichts. Ich finde die Liebe müßte, um zu schmecken, das Herz durchwühlen, die Nerven anspannen und ganz verrückt machen. Sie müßte – ja wie soll ich das ausdrücken – gefährlich sein, selbst fürchterlich, fast ein Verbrechen, eine Schändung eine Art von Verrat. Ich meine damit, daß Sie heilige Bande, Gesetz und Freundschaft, sprengen muß. Eine ruhige Liebe, ordnungsmäßig, ohne jede Gefahr, ist das überhaupt Liebe?

Ich wußte wirklich nicht, was ich darauf antworten sollte, und dachte mir als Philosoph: da haben wir das echte Weib!

Während sie sprach, hatte sie eine gleichgültige, scheinheilige Miene angenommen, und in den Kissen versunken sich ausgestreckt und ihr Köpfchen an meine Schulter gelehnt. Ihr Kleid hatte sich ein wenig verschoben und ließ einen roten Seidenstrumpf sehen, auf dem ab und zu der Widerschein vom Feuer spielte.

Nach einer Minute sagte sie:

– Sie haben wohl Angst?

Ich widersprach. Ohne mich anzusehen, lehnte sie sich ganz an meine Brust:

– Was würden Sie thun, wenn ich Ihnen sagte, daß ich Sie liebe?

Und ehe ich antworten konnte, hatte sie die Arme um meinen Hals geschlungen, heftig meinen Kopf an sich gezogen und ihre Lippen fanden die meinen.

O liebe Freundin, Sie können mir glauben, daß mir das nicht paßte! Julius hintergehen? Der Liebhaber dieser verdorbenen, gerissenen kleinen Verrückten sein, die sicher unglaublich sinnlicher Natur war und der ihr Mann schon nicht mehr genügte. Immer betrügen, immer verraten, verliebt thun, nur um des Reizes der verbotenen Frucht, der zu bestehenden Gefahr, der verratenen Freundschaft halber! Nein das paßte mir nicht im geringsten. Was sollte ich aber anfangen? Den keuschen Joseph spielen? Diese lächerliche Rolle, die noch dazu sehr schwierig gewesen wäre? Denn das Frauenzimmer war verrückt in ihrer Treulosigkeit, hätte alles riskiert und war leidenschaftlich und aufgeregt dazu. Mag nur der den ersten Stein auf mich werfen, der nie auf seinen Lippen den Kuß eines Weibes gefühlt hat, das ihm gehören will ....

Kurzum noch eine Minute ... nicht wahr Sie verstehen mich ... noch eine Minute und ich war ... nein sie war ... pardon ... er war oder vielmehr er wäre gewesen... da schreckte uns ein fürchterlicher Lärm auf.

Das Holzscheit, gnädige Frau, ja das Holzscheit, sprang in den Salon, warf die Kohlenschaufel um, das Kamingitter, wälzte sich wie ein Flammenmeer daher, verbrannte den Teppich, und blieb unter einem Stuhle liegen, den es unfehlbar in Brand setzen mußte.

Ich sprang wie ein Rasender auf und während ich den rettenden Feuerbrand in den Kamin zurückstieß, öffnete sich jäh die Thür. Julius kam mit fröhlichem Gesichte zurück indem er rief:

– Ich bin frei. Die Geschichte ist zwei Stunden früher zu Ende gewesen!

Ja, liebe Freundin, ohne das Holzscheit wäre ich auf frischer That ertappt worden! Und die Folgen hätten Sie sich denken können!

Nun, ich sorgte schon dafür, nie wieder in eine solche Lage zu kommen, nie wieder. Darauf merkte ich, daß Julius anfing kälter gegen mich zu werden. Seine Frau untergrub offenbar unsere Freundschaft. Allmählich hielt er mich fern von seinem Hause und wir haben aufgehört uns zu sehen.

Ich habe mich nicht verheiratet. Das wird Sie nicht mehr wunder nehmen!

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