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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 5
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Boccaccio erzählt

Der Alte hatte mit einer kurzen Bewegung der Hand das Ende seiner Geschichte angedeutet, fuhr aber gleich folgendermaßen fort:

»Nun habt Ihr aus dem Geschichtchen gewiß entnommen, daß Ihr mich zu Unrecht, wie mich dünkt, an diese erste Stelle gesetzt und als Euren Ahnherrn im Geschichtenerzählen hierhergebracht habt. Denn solche Ehre, wenn Ihr so weltlichem Zeitvertreib schon dieses auszeichnende Wort geben wollt, kommt viel mehr und allein dem Meister Giovanni zu, wie Ihr alle wißt. Laßt ihn also zu Rechten beginnen.«

Und er legte hier seinen Arm zärtlich um die Schulter seines Nachbarn, der sich dessen nicht wehrte, aber mit der Hand die lauten jubelnden Zurufe abwehrte, die ihm aus der Runde erschollen. Doch alsbald wurde es still, da Messer Boccaccio durch ein Zeichen merken ließ, daß er reden wolle.

»Habt Ihr auch, Meister Francesco, das Treiben dieser Welt mit einem etwas bösen Auge angesehn, so habt Ihr es doch als Erster recht gesehen und gar artig aufgeschrieben. Wie Ihr begännet, so tat ich nur weiter, und hätte es nicht vermocht, jung wie ich war und lebhaften Sinnes von Vater und Mutter her, das Auge von der bunten Welt zu wenden, die sich wie eben geboren vor uns zu entfalten anhub. Wir, Ihr, Meister, und ich und auch der Messere Sacchetti, standen ja erst an der Torschwelle des blumigen Gartens, taten wohl einen Schritt hinein, verlockt vom Zauber der Blüte und des Vogelsangs. Aber wir trugen im Herzen wohl noch das starke Erinnern woher wir kamen. Wir ließen uns in dem neuartigen Garten nicht nieder, verweilten wohl, doch blieben nicht. Unser Alter schlürfte gebückt wieder zurück. Aber man hatte, daß wir da gewesen waren, nicht vergessen, ja, mehr dessen gedacht, als uns vielleicht lieb sein mochte um unseres ewigen Lebens willen. Ich habe mich einmal gegen den Spottnamen, den man mir gab, Giovanni von der Leichtlebigkeit nannte man mich, gewehrt, da ich nicht müßig ging und das Leben eines armen und zufriedenen Studenten führte. Aber recht bedacht traf der Name mich schon richtig, denn Alles in Allem liebte ich das gute Leben, die Bücher und die Lust eines befriedigten Appetites. Das hatte ich von der Mutter her im Blute, die ein Pariser Mädchen heiteren Sinnes war. Wenn auch meine Leidenschaft vor allem Andern den Büchern und dem Wissen galt, so war doch nicht Ziel meines Fleißes und Art meines Tuns darauf gerichtet, als ein Verfasser gelehrter Werke zu glänzen. Ich war auch nicht auf die hohe Schule in Bologna gegangen, sondern mein Vater, ein florentinischer Kaufmann, schickte mich als jungen Menschen in Handelsgeschäften nach Neapel, wo ich eine gute Zeit lebte und Zutritt zum Hofe der Königin Johanna fand, allwo es etwas ausgelassen zuging, wie Ihr wißt. Es geschah dann wieder auf den Wunsch meines Vaters, daß ich die Rechtswissenschaft studierte, aber ich habe darin keinerlei Tätigkeit entfaltet. Alles zu wissen, was man wissen konnte, das war es, was mich immer und so durchaus im Herzen beschäftigte, daß ich blos darin mein Talent übte. Die urteilende Nachwelt verfuhr nicht gnädig mit dem, was mein Denken zu Tage förderte, und gab mir darin mehr Weite als Tiefe, mehr Vielseitigkeit als Einsicht, und ich will solches Urteil als ein gerechtes hinnehmen in Ansehung jener, die es fällten. Und es haben dafür diese selben Richter den ungelehrten Teil meines vielfachen Werkes in das Licht so hohen Lobes gestellt, daß ich geblendet den Tadel kaum merke. Nannten sie doch das Decamerone die menschliche Commedia und brachten mich mit solcher Auszeichnung in eine Nähe zum über alles verehrten Meister der göttlichen Commedia, die mich stolz machen könnte, wüßte ich nicht, daß man solches nur im antithetischen Spiele tat. Denn ich muß gestehen, ich ließ meiner sinnlichen Freude am irdischen Leben alle Zügel schießen so sehr, daß ich jede wirkliche oder mögliche Beziehung dieses Lebens im Fleische zu einer geistlichen Ordnung vergaß oder nicht merken wollte. In der Übung meines Talentes, auf das allein ich bedacht war, ging ich so weit, daß ich was immer die Kirche in den Bann getan und als einen Unwert abgesetzt hatte wieder zurückrief und auf den Thron setzte. Hatte doch dem Talente selber die Kirche das Stigma der Sünde aufgedrückt und unser großer Herr und Meister Dante alle jene verdammt, welche die Vernunft unter das Talent stellen und dadurch das kostbare Gut ihres Intellektes verlieren, wie Ihr aus dem dritten Canto des Inferno wisset. Aber es war ein Rausch über das Zeitalter gekommen, dem man sich um so mehr hingab, je lebendiger man sich fühlte.

Ihr, die Ihr Euch mit Euren Geschichten auf mich beruft, dürft mir damit nicht eine bewußte Rolle und eine erkannte Absicht zuweisen, als wäre ich darauf ausgewesen, die ritterlichen und kirchlichen Ideale zu bekämpfen oder gar lächerlich zu machen. Aber es fanden diese hohen Ideale zu meiner Zeit keine Nahrung mehr, und zumal jene, an die ich dachte, wenn ich schrieb, alle diese kleinen Bürger und Handwerker meiner Stadt waren ganz von diesen Idealen abgekommen. Und bei denen, die behaupteten, daß sie nach ihnen lebten, war viel Heuchelei und Lüge. Dem Blute und der Neigung nach gehörte ich zum Volke, und nichts weiter war ich als dessen Mundstück. Es dünkte mich, als würde man die Welt wie sie wirklich war um uns, vergessen, wenn man sich nur dem Göttlichen hingegeben hätte oder, wie mein großer Freund Petrarca es tat, dem Mikrokosmus der Seele. Das Volk, das ich zumal kannte und dem ich zugehörte, hatte lebhaftere Neigungen zu der Welt, in der es lebte, als zu der Welt jenseits des Grabes und zu der innern Welt des Gefühles. Das Volk, die Welt, wie ich sie fand, war sinnlich, niedrig, lächerlich und gemein; aber auch zärtlich, leidenschaftlich und grausam. Davon zu erzählen war mir der Mund gegeben, und ich konnte es nicht in den erhabenen Allegorien tun, nicht in den Terzinen Dantes, nicht in den Canzonen Petrarcas. Es mußte mir also wohl die Größe wie die Tiefe fehlen, daß ich mich bereit fand, Geschichten für mein Volk zu erzählen, die Handwerker. Und nichts Anderm möchte ich auch mit meiner großen Liebe zu meinem Gewerbe des Schreibens verglichen werden als einem Handwerker, der sein bestes tun will. Das was ich unternahm zu schönem Gelingen zu bringen schien mir, wie dem Schuster der Stiefel, wichtig und verdienstvoll genug als daß ich mein Tun noch mit weiser Lehre begleitete. Daß ein Himmel mit Sternen über uns ist, die am Finger Gottes laufen, habe ich darüber nicht vergessen. Aber das zu künden war mir nicht gegeben.

Laßt dieses nun Bericht von mir genug sein, Ihr Lieben, und vernehmt meine Geschichte.

Ich will Euch einen Streich erzählen, der von einer schönen Frau einem braven Mönch gespielt ward, und jedem Laien um so mehr gefallen muß, je mehr jene größtenteils törichten und auf eine so wunderliche Art gesitteten und gewitzten Leute glauben, in allen Dingen viel mehr zu verstehen und zu wissen, als jeder andere, da sie es doch um wer weiß wie viel geringer sind, weil sie ihres niedrigen Gemütes wegen nicht Witz und Verstand genug besitzen, um wie andere Leute sich den Lebensunterhalt selbst zu erwerben, sondern wie das Schwein überall hinlaufen, wo es etwas zu fressen gibt. Diesen Streich will ich Euch erzählen, nicht allein um die aufgegebene Ordnung zu befolgen, sondern auch, um Euch zu zeigen, wie die Pfaffen, denen wir, die wir so leichtgläubig sind, in so hohem Grade vertrauen, hintergangen werden können, und auch zuweilen nicht nur von Männern, sondern von einer Frau auf eine schlaue Weise wirklich hintergangen werden.

In unserer Stadt Florenz, voller von Betrug, als von Lieb' und Treue, war eine Edelfrau, geziert mit Schönheit, und von der Natur mit feinen Sitten, hohem Geist und feinem Verstand, wie nur irgend eine andere, ausgestattet. Diese Dame also, welche sich von vornehmer Abkunft wußte und sich an einen Wollarbeiter verheiratet sah, konnte, da er nur ein Handwerker war, den Unwillen ihres Herzens darüber nicht ablegen, weil sie glaubte, daß kein Mann gemeineren Standes, wenn auch noch so reich, einer adligen Frau wert wäre. Da sie auch überdies noch sah, daß er mit allen seinen Reichtümern nicht weiter gekommen war, als über die Mischung der Wolle zu sprechen, oder ein Gewirk anzubäumen, oder mit einer Spinnerin über das Gespinst zu zanken, so nahm sie sich vor, seine Umarmungen auf keine andere Weise anzunehmen, als insofern sie ihm dieselben nicht versagen könnte, aber sich nach ihrem eigenen Geschmacke einen zu suchen, der ihr alles dessen würdiger wäre, als es der Wollweber ihr zu sein schien; und so verliebte sie sich in einen Edelmann von mittlerem Alter in einem solchen Grade, daß, wenn sie ihn an einem Tage nicht sah, sie die folgende Nacht nicht ohne Verdruß schlafen konnte.

Der Edelmann aber, der hiervon nichts merkte, kümmerte sich um nichts, und sie, die sehr vorsichtig war, wagte auch nicht, es weder durch eine weibliche Gesandtschaft, noch durch einen Brief ihn wissen zu lassen, da sie die daraus erfolgenden möglichen Gefahren fürchtete. Dagegen bemerkte sie, daß er viel mit einem Pfaffen umging, der, ob er gleich ein ungeschlachter und plumper Mensch war, dennoch aber, da er ein sehr heiliges Leben führte, fast bei allen den Ruf eines ganz vorzüglichen Bruders hatte; sie meinte daher, dieser würde die beste Mittelsperson zwischen ihr und ihrem Geliebten sein können. Nachdem sie bei sich die Art und Weise überdacht hatte, wie sie sich zu benehmen hätte, ging sie zu einer schicklichen Zeit nach der Kirche, wo er war, ließ ihn zu sich rufen und sagte, sie wolle, wenn es ihm gefiele, bei ihm beichten.

Der Frater, der, als er sie gesehen hatte, sie für eine Edelfrau hielt, hörte sie gern an, und sie sagte nach beendigter Beichte alsdann zu ihm:

›Mein Vater, ich muß zu euch meine Zuflucht nehmen, um von euch Hilfe und Rat über das zu erhalten, was ihr jetzt hören werdet. Ich weiß, daß ihr nach dem, was ich euch gesagt habe, meine Eltern und meinen Mann kennt, der mich mehr als sein Leben liebt, so daß ich keinen Wunsch hege, den er als ein so reicher Mann, der es auch allenfalls wohl tun kann, mir nicht sogleich erfüllte; deshalb liebe ich ihn auch wieder mehr als mich selbst; aber eben darum behüte mich auch der Himmel, daß ich das mindeste täte oder auch nur dächte, was gegen seine Ehre oder sein Vermögen wäre, denn alsdann wäre keine Missetäterin jemals des Feuers würdiger als ich. Indessen aber einer, dessen Namen ich in der Tat nicht einmal weiß, der mir jedoch ein Edelmann zu sein scheint und wenn ich nicht irre, viel mit euch umgeht, dabei auch ein schöner, wohlgewachsener Mann ist und in sehr anständiger brauner Kleidung geht, der vielleicht nicht weiß, welche Gesinnungen ich habe, dieser eine scheint mich förmlich zu belagern, denn ich kann mich nicht an der Türe oder am Fenster sehen lassen, ohne daß er mir nicht sogleich vor Augen tritt; und ich wundere mich, daß er jetzt nicht hier ist. Das tut mir sehr weh, denn dergleichen zieht ehrlichen Frauen ohne ihre Schuld oftmals üblen Ruf zu. Ich hatte mir einmal vorgenommen, ihm dies durch meine Brüder sagen zu lassen, aber dann habe ich wieder bedacht, die Männer führen dergleichen Gesandtschaften zuweilen auf solche Art aus, daß die Antworten schlecht ausfallen, wodurch es dann zu Worten und von Worten zu Tätlichkeiten kommt; damit also nichts Böses und kein Ärgernis daraus entstehen möge, habe ich geschwiegen und beschlossen, es lieber euch als einem andern zu sagen, teils, weil es mir so vorkommt, als wäret ihr sein Freund, teils auch, weil es sich besser für euch schickt, nicht bloß Freunde, sondern auch Fremde zu strafen. Daher ersuche ich euch um Gottes Willen, stellt ihn darüber zur Rede und bittet ihn, daß er davon abstehe. Es gibt andre Weiber genug, die zu dergleichen Dingen ganz bereit sind, sich gern von ihm werden begucken und beliebäugeln lassen, da es mir, als einer Frau, die für so etwas gar keinen Sinn hat, sehr zuwider ist.‹

Nachdem sie so gesprochen, senkte sie den Kopf, so, als wenn sie weinen wollte. Der heilige Mann merkte sogleich, daß sie den wirklich meinte, von dem sie sprach; und da er sie sehr über diese ihre gute Gesinnung gelobt hatte, indem er fest davon überzeugt war, daß das, was sie sagte, vollkommen wahr wäre, so versprach er ihr, alles nur Mögliche zu tun, daß sie nicht mehr von diesem Menschen belästigt werden sollte. Da er ferner wußte, daß sie reich wäre, empfahl er ihr Werk der christlichen Liebe und Wohltätigkeit und legte ihr seine eigenen Wünsche ans Herz.

Die Dame gab ihm hierauf zur Antwort: ›Ich bitte euch um Gottes Willen, sagt ihm, wenn er es etwa leugnen wollte, nur ganz dreist, daß ich selbst es euch gesagt und mich sehr gegen euch über ihn beklagt hätte.‹ Und wie sie nun so gebeichtet hatte und ihr die Buße aufgelegt war, erinnerte sie sich der Lobeserhebungen, die ihr der Frater über die Mildtätigkeit gegen Arme gemacht hatte und füllte ihm daher heimlich die Hand mit einigen Goldstücken, wofür sie ihn bat, eine Messe für die Seelen ihrer Verstorbenen zu lesen; dann stand sie von seinen Füßen auf und kehrte nach Hause zurück.

Nicht lange darauf kam, wie er es gewohnt war, der Edelmann zu dem frommen Bruder. Nachdem sie eins über das andere zusammen gesprochen hatten, zog der heilige Mann ihn beiseite und verwies ihm auf freundschaftliche Art sein Betragen und sein Liebäugeln mit dieser Dame, wie er es nach dem, was sie ihm darüber zu verstehen gegeben hatte, für wirklich glaubte.

Der Edelmann verwunderte sich sehr, da er sie nimmermehr angesehen hatte und äußerst selten vor ihrem Hause vorbeizugehen pflegte; er wollte sich daher entschuldigen, aber der Bruder ließ ihn nicht ausreden, sondern sagte zu ihm: ›Tue nur nicht, als wenn du dich wundertest, und verliere weiter kein Wort, es zu leugnen, weil du es doch nicht leugnen kannst. Ich habe alles dieses nicht etwa nur von Nachbarinnen gehört, nein, sie selbst, die sich sehr über dich beklagt, hat es mir gesagt. Und wenn auch schon alle dergleichen Narrenpossen sich gar nicht für dich schicken, so sage ich dir noch ihrerseits: habe ich je eine Frau getroffen, die solche läppische Dinge haßt, so ist es diese; daher bitte ich dich sowohl um deiner eignen Ehre willen, als auch zu ihrer Beruhigung, bleib damit zu Hause und laß sie in Ruhe.‹

Der Edelmann, welcher witziger war als der heilige Bruder, verstand unverzüglich die Verschlagenheit der Dame; er tat daher, als schäme er sich ein wenig, und sagte, er wollte sich ins Künftige nicht mehr darauf einlassen. Hierauf ging er sogleich von dem Frater fort und hin nach dem Hause der Dame, welche beständig an einem kleinen Fensterchen stand und aufpaßte, um zu sehen, ob er wohl vorbeiginge. Da sie ihn kommen sah, zeigte sie sich ihm so vergnügt und so freundlich, daß er vollkommen merken konnte, er habe die Worte des Fraters verstanden. Und von diesem Tage ging er ununterbrochen mit vieler Vorsicht zu seiner Freude und zum größten Vergnügen und Trost der Dame, indem er tat, als ob andere Geschäfte der Grund waren, durch diese Straße.

Indessen, da die Dame nach weniger Zeit schon merkte, daß sie ihm ebenso gefiele, als er ihr, und sie begierig war, ihn noch mehr anzufeuern und ihn über die Liebe, die sie für ihn hegte, immer mehr zu vergewissern, wählte sie Zeit und Gelegenheit, um zu dem heiligen Bruder wieder zurückzukehren, setzte sich dann in der Kirche ihm zu Füßen nieder und fing wieder an zu weinen.

Sobald der Frater dies sah, fragte er sie teilnehmend, was sie denn wieder Neues hätte.

Die Dame antwortete: ›Was ich Neues habe, betrifft nichts anderes, als euren von Gott verdammten Freund, über den ich mich neulich einmal so bitter bei euch beklagte, weil ich nicht anders glauben kann, als daß er zu meiner größten Plage geboren ist und mich zu etwas bringen will, worüber ich zeitlebens unzufrieden sein und es nie mehr wagen würde, mich euch zu Füßen zu setzen.‹

›Wie,‹ sagte der Frater, ›hat er es noch immer nicht unterlassen, dir Verdruß zu machen?‹

›Ach nein,‹ sagte die Dame; ›im Gegenteil, seitdem ich mich über ihn bei euch beschwert habe, geht er, glaube ich, aus Trotz, weil er es vielleicht übel aufgenommen hat, daß ich Klage geführt, für jedes einmal, das er sonst vorbeiging, wohl siebenmal vorbei. Und wollte Gott, das Vorbeigehen und mich ansehen wäre ihm genug gewesen, aber er ist so dreist und unverschämt geworden, daß er sogar gestern eine Frau mit Nachrichten und Faseleien von sich mir zuschickte, und mir, als wenn ich nicht Beutel und Gürtel genug hätte, einen Beutel und Gürtel schickte. Das nahm ich und nehme ich auch jetzt noch so übel, daß ich glaube, hätte ich nicht an die Sünde und an eure Güte gedacht, ich hätte ihn allen Teufeln empfohlen. Allein ich habe mich gemäßigt und habe nichts eher tun und sagen wollen, ehe ich es euch nicht zu wissen getan hätte. Ich gab zwar den Gürtel und den Beutel der Frau, die beides gebracht hatte, zurück, um es ihm wieder mitzunehmen, und gab ihr noch einen schönen Abschied obenein; indessen, da ich fürchtete, daß sie es für sich behalten und zu ihm sagen möchte, ich hätte es angenommen, wie ich glaube, daß sie es wohl zu machen pflegen, rief ich sie wiederum, nahm ihr beides zornig aus der Hand und bringe es euch, damit ihr es ihm wiedergeben und sagen möchtet, ich bedürfe seiner Sachen nicht, denn ich hätte, Gott sei Dank, von meinem Manne so viel Beutel und Gürtel, daß ich ihn darunter ersticken könnte. Und nun muß ich mich vor euch entschuldigen, denn ihr seid mir wie ein Vater, daß, wenn er damit nicht zu Hause bleibt, ich es meinem Manne und meinen Brüdern sagen werde, und mag auch daraus herkommen, was da wolle, so will ich doch lieber, daß er einen tüchtigen Wischer darüber erhält, und den muß er auch darüber erhalten, als daß ich durch ihn ins Gerede komme. Damit gut, ehrwürdiger Herr.‹

Nachdem sie diese Worte gesprochen, zog sie, heftig weinend, unter ihrem Überkleide einen schönen und reichen Beutel mit einem niedlichen und kostbaren Gürtel hervor und warf sie dem Frater auf den Schoß, der das, was die Frau gesagt hatte, vollkommen glaubte. Über alle Maßen zornig, nahm er die Sachen und sagte:

›Liebe Tochter, wenn du dich über diese Dinge ärgerst, so wundere ich mich nicht darüber, auch kann ich dir deshalb keinen Vorwurf machen; vielmehr lobe ich dich, daß du hierin meinem Rate gefolgt bist. Ich habe ihn erst ehegestern vorgehabt, aber er hat schlecht gehalten, was er mir versprach; ich werde ihm dafür und auch für das, was er neuerdings wieder getan hat, ein bißchen den Kopf waschen, damit er dir kein Ärgernis mehr gibt. Aber du laß dich unter Gottes Beistand nicht vom Zorne hinreißen, daß du es irgend einem der Deinigen sagtest, denn daraus könnte nichts Gutes erfolgen. Sei unbesorgt, hieraus soll für dich kein Vorwurf je erwachsen, denn ich werde dir immer vor Gott und vor allen Menschen der kräftigste Zeuge deiner Unschuld sein.‹

Die Frau tat, als wenn sie sich ein wenig zufrieden gäbe, sie schwieg also hiervon, da sie aber seinen und der andern Geiz kannte, sagte sie: ›Herr, in diesen Nächten sind mir mehrere meiner Anverwandten erschienen, und es kam mir so vor, als litten sie große Qualen, und als bäten sie um nichts als um Almosen; ganz besonders aber meine Mutter, die mir so bekümmert und so unglücklich zu sein schien, daß es ein Jammer war, mit anzusehen. Ich glaube, sie war darüber so betrübt, daß sie mich von solchem Feinde Gottes gequält sah, und deshalb wünschte ich, daß ihr mir für ihre arme Seele die vierzig Messen des heiligen Gregorius läset, und für sie beten möchtet, damit sie Gott aus dieser Feuerqual herauszöge.‹ Und nachdem sie so gesprochen, drückte sie ihm einen Goldgulden in die Hand.

Der heilige Frater nahm ihn freudig an und bestärkte sie mit guten Worten und vielen Beispielen in ihrer Frömmigkeit, und nachdem er ihr seinen Segen gegeben hatte, entließ er sie.

Nachdem die Frau fort war, schickte er, da er keineswegs merkte, daß ihm eine Nase gedreht worden, zu seinem Freunde. Sobald dieser gekommen war und jenen in solchem Zorn sah, merkte er sogleich, daß er Nachrichten von der Frau hätte, und war in voller Erwartung, was der Frater sagen würde.

Dieser wiederholte die Worte, die er ihm schon oft gesagt hatte, sprach dann von neuem sehr zornig und höchst aufgebracht zu ihm, und gab ihm über das, was die Frau ihm gesagt hatte, das er getan haben sollte, einen scharfen Verweis.

Der Edelmann, der noch nicht absehen konnte, wo der Frater hinaus wollte, leugnete ziemlich lau, daß er den Beutel mit dem Gürtel gesandt habe, damit er dem Frater nicht etwa den Glauben daran nähme, wenn vielleicht die Frau ihm denselben wirklich gegeben hätte.

Allein der Frater, der ganz warm ward, sagte: ›Wie kannst du, schlechter Mensch, das leugnen? Sieh, mit Tränen hat sie selbst die Sachen mir gegeben, erkennst du sie nicht?‹

Der Edelmann tat, als wenn er sich sehr schämte und sagte: »Ja, freilich erkenne ich sie wohl, und gestehe euch, daß ich nicht recht getan habe; aber ich schwöre es euch, da ich sehe, wie sie gesonnen ist, so sollt ihr hierüber nimmermehr ein Wort wieder hören.«

Hierauf erfolgten noch viele Worte mehr; bis endlich Bruder Schaf seinem Freunde den Beutel mit dem Gürtel gab und ihn nach vielen guten Lehren bat, er möchte doch davon abstehen; jener versprachs, und er ward entlassen.

Der Edelmann, höchst erfreut über die Gewißheit, welche er nun über die Liebe der Frau zu ihm zu haben meinte, wie über das schöne Geschenk, ging, sobald er den Frater verlassen hatte, dahin, wo er seine Dame auf eine vorsichtige Art konnte sehen lassen, daß er das eine, wie das andere erhalten habe; worüber die Frau sehr zufrieden war und besonders darüber, daß ihr Plänchen immer besser von statten ginge. Sie wartete daher auf nichts sehnlicher, als daß ihr Mann einmal irgend wohin verreisen möchte, um dem Werke die Krone aufzusetzen; und wirklich traf es sich, daß nicht lange darauf der Mann einmal nach Genua reisen mußte.

Sobald dieser am Morgen zu Pferde gestiegen und abgereist war, ging die Frau sogleich zu dem heiligen Manne, und nach vielen bittern Klagen sagte sie mit Tränen zu ihm: »Mein Vater, jetzt muß ich es euch nun sagen, ich kann es nicht mehr aushalten; aber weil ich euch neulich versprochen habe, nichts zu tun, ehe ich es euch nicht gesagt hätte, so komme ich, mich bei euch zu entschuldigen. Und damit ihr um so eher glauben mögt, daß ich Recht habe, zu weinen und mich zu beklagen, so will ich euch sagen, was euer Freund, oder vielmehr der Teufel aus der Hölle, mir diesen Morgen kurz vor Tagesanbruch getan hat. Ich weiß gar nicht, durch welchen unglücklichen Zufall er erfahren hat, daß mein Mann gestern früh nach Genua gereist ist; denn schon diesen Morgen kam er um die Stunde, wie ich euch sagte, in meinen Garten und stieg auf einem Baume bis vor das Fenster meiner Schlafkammer, die nach dem Garten hinaus liegt. Schon hatte er das Fenster geöffnet und wollte in meine Kammer hineinkommen, als ich erwachte und schnell aus dem Bette sprang. Ich wollte schreien, und ich hätte geschrien, wenn er selbst, der noch nicht hereingekommen war, mich nicht um Gottes und euretwillen gebeten hätte, indem er mir sagte, wer er wäre. Sobald ich dies hörte, schwieg ich euretwegen still und lief, so unbekleidet, wie mich Gott erschaffen hat, um ihm das Fenster vor der Nase zuzuschlagen. Hierauf glaube ich, ging er zum Teufel, denn ich sah und hörte nichts mehr von ihm. Ihr werdet nun selbst wohl einsehen, ob das anständig und auszustehen ist; ich aber bin gar nicht gesonnen, es länger noch zu ertragen, denn ich habe ihm schon, aus Liebe zu euch, zu viel nachgesehen.«

Sobald der Frater dies hörte, geriet er in den äußersten Zorn von der Welt und wußte gar nicht, was er sagen sollte, sondern fragte sie mehreremal, ob sie ihn auch gewiß erkannt hätte, daß es nicht ein anderer gewesen wäre.

Hierauf antwortete die Dame: »Gottlob, für einen andern habe ich ihn nicht verkannt. Ich sage euch, er war's, und wenn er es etwa leugnen wollte, so glaubt es ihm nur nicht.«

Da sagte der Frater: »Tochter, hierauf ist nichts anderes zu sagen, als daß das zu dreist und eine zu schlechte Handlung ist; aber du hast getan, was du tun mußtest, nämlich ihm die Wege weisen, wie du getan hast. Doch aber will ich dich bitten, weil Gott dich vor der Schande bewahrt hat, daß, wie du meinem Rate schon zweimal gefolgt bist, du es auch diesmal tun möchtest, nämlich, ohne dich bei irgend einem deiner Verwandten darüber zu beklagen, es mir zu überlassen, der ich schon zusehen will, wie ich diesem Teufel, der von allen Banden los ist und den ich für einen wahren Heiligen hielt, einen Zaum anlege; und wenn ich es dahin bringen kann, ihm diese wilde Lust zu benehmen, so ist es gut; kann ich es nicht, so gebe ich dir meinen Segen, mein Wort, daß du alsdann tun kannst, was du nach deinem Sinne fürs beste hältst.«

»Gut,« sagte die Dame, »für diesmal will ich euch nicht weiter beunruhigen und gegen euch ungehorsam sein; aber tut auch euer Möglichstes, daß er sich ins Künftige hütet, mich noch länger zu belästigen, und ich verspreche es euch, aus diesem Grunde nie wieder zu euch zu kommen.« Hierauf ging sie, ohne noch weiter ein Wort zu sagen, wie im höchsten Zorn von dem Frater fort.

Indessen war die Dame kaum aus der Kirche, als der junge Mann auch hinzu kam, von dem Frater aber schnell gerufen und beiseite genommen ward. Dieser gab ihm die schärfsten Verweise, die je einem Menschen gegeben worden sind, und nannte ihn einen Treulosen, einen Meineidigen, einen Verräter über den andern.

Jener, der nun schon zweimal erfahren hatte, wo die Verweise dieses Fraters hinaus wollten, hörte aufmerksam zu und dachte ihn durch unklares Antworten zum reden zu bringen und sprach: »Herr, wozu diese Vorwürfe? Hab' ich den Christum ans Kreuz geschlagen?«

Hierauf antwortete der Frater: »Seh' einer den Ausverschämten! Da höre man, was er sagt, spricht er doch gerade so, als wenn ein oder wohl gar zwei Jahre darüber hingegangen wären, daß er seine dummen Streiche und Unanständigkeiten in der Länge der Zeit ganz und gar vergessen hätte. Ist es denn dir von heute ganz früh bis jetzt völlig aus dem Sinn gekommen, daß du Jemanden gekränkt hast? Wo warst du heute früh kurz vor Tage?«

Der junge Mann antwortete: »Das weiß ich nicht mehr, wo ich gewesen bin; ihr müßt sehr schnelle Botschaft darüber bekommen haben.«

»Ja, das habe ich,« sagte der Frater, »ich habe Botschaft darüber bekommen, ich glaube gar, du denkst, weil der Mann nicht zu Hause war, soll die brave Frau dich sogleich in den Arm nehmen? Das Herrchen! Sieh doch! Aus dem Tugendspiegel ist ein Nachtschwärmer geworden, ein Gartenöffner, ein Bäumekletterer. Glaubst du durch Unverschämtheit die Unbescholtenheit dieser Dame zu überwinden, wenn du Nachts auf den Bäumen in ihr Fenster kletterst? Nichts in der Welt ist ihr mehr verhaßt, als gerade das, was du tust, und doch tust du es immer wieder! Wahrhaftig, ich will nicht ein Wort darüber sagen, daß sie es dir schon so oftmals gezeigt hat, aber auf meine Züchtigungen hast du dich schön gebessert. Indessen, das will ich dir doch nur sagen, sie hat bis jetzt, nicht etwa aus Liebe, die sie für dich hegt, sondern auf meine dringenden Bitten von dem geschwiegen, was du getan hast; aber länger wird sie nicht mehr schweigen, ich habe ihr die Erlaubnis zugestanden, daß, wenn du nur im geringsten ihr noch mißfällig bist, sie ganz nach ihrem Gefallen verfahren kann. Was wirst du denn tun, wenn sie es ihren Brüdern sagt?«

Der Edelmann hatte hinreichend verstanden, was er nötig hatte, und beruhigte den Frater, so gut er nur wußte und konnte, mit den größten Versprechungen. Dann ging er fort von ihm. Sobald aber der Morgen des folgenden Tages nur anbrach, ging er in den Garten, kletterte auf den Baum hinauf, und da er das Fenster offen fand, stieg er in die Kammer hinein und begab sich, so schnell er nur konnte, in die Arme seiner schönen Dame. Diese, die ihn schon mit der größten Sehnsucht erwartet hatte, empfing ihn freudig und sagte:

»Großen Dank dem Herrn Frater, der dir so schön den Weg hierher zu kommen gelehrt hat.«

Sie erfreuten sich hierauf Einer des Andern, sprachen und lachten herzlich über die Einfalt des dummen Fraters, spotteten über die Werkbutzen, über die Kämme, die Karden und ergötzten sich zusammen mit großem Vergnügen. Hierauf richteten sie es miteinander so ein, wie sie, ohne erst zu dem Herrn Frater immer wieder ihre Zuflucht nehmen zu müssen, sich auch in anderen Nächten mit eben so vielem Vergnügen zusammenfinden konnten.«

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