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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 3
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Der Parnaß

Längst schon war der Parnaß nicht mehr das steile Felsgebirg und nur dem geflügelten Rosse zugänglich. Die Künste von Jahrhunderten hatten sich um seine Wohnlichkeit gemüht und es bedurfte des Hippogryphen nur mehr, um auf den höchsten Gipfel zu gelangen. Denn der ragte immer noch unzugänglich dem schwindelbehafteten Fuß. Aber an den Hängen des Berges gab es Wege die Menge, die zu breiten Terrassen führten oder zu lauschigen Grotten, zu kühlen Hainen oder in zierliche Hallen oder es lenkten, launig angelegt, die Wege in Irrgärten zu sich selber zurück und wieder an den Fuß des Berges. Um den immer ein mächtiges Gedränge war.

Auch an diesem Sommernachmittag des Jahres 1640, welcher sorgenlos seine klare hellblaue Glocke über den Berg des Ruhmes gestellt hatte, der an einem gemachen Wege seiner Flanke etliche zwanzig oder mehr Männer in lässigem Gehen und Warten sah, denn einer, ein Zuletztgekommener, wollte zu ihnen stoßen und war zu spät aufgebrochen, und zweie waren, Säumige zu holen gegangen etwas bergaufwärts. Nun aber war der Letzte, den die Gesellschaft erwartete, eingetroffen, Messer Bargagli aus Siena, und auch die beiden Säumigen hatten dem Drängen der Abgesandten, wenn auch etwas widerwillig nachgegeben, und es machten die Zweie etwas komisch-verdutzte Gesichter, als sie im Eintreten das Kunterbunte der Wartenden erblickten. Die Zweie aber waren Messer Francesco da Barbarino aus dem Valdelsa und Ser Giovanni Boccaccio aus Certaldo. In Schnitt des Antlitzes und Blick des Auges etwas streng und hart gegen die andern über und auch im Schwarz ihres bis an die Füße reichenden Gewandes abstechend genug gegen die mannigfaltige Buntheit dieser Schaar, in der es Notare gab und Staatsschreiber, geistliche Würdenträger und Mönche, aber auch etliche, denen man gleich anmerkte, daß sie nichts sonst waren als reiche Nichtstuer oder arme Vagabunden.

Aber alle diese Männer hatten durch zwei Jahrhunderte hindurch ihre Landsleute mit erzählten Geschichten erfreut, und nun wollten sie die Ankunft des Letzten aus ihrer Gilde festlich begehen. Schon hatten sie inzwischen den Platz ihres heiteren Gelages, das sie sich vorgenommen hatten, erreicht. Da war im angenehmen Schatten eines gegen die Ferne hin offnen Haines die festliche Tafel aufgestellt und gab es ein Gehen und Kommen von Dienenden. Der den ehrwürdigsten Eindruck machte, eben jenen Greis aus dem Valdelsa, den nötigte man auf den etwas erhöhten Sitz an der Spitze der Tafel, weil ihm und gerade ihm dieser Platz zukomme, und es setzte sich zu seiner Rechten Boccaccio, zu seiner Linken ebenfalls ein Florentiner, nämlich Francesco Giovanni der Florentiner, auf seinen Sitz, und weiter herum saßen im Kreise die anderen: Sacchetti aus Florenz, Masuccio aus Salerno, Antonio Cornazzano aus Piacenza, Giovanni Brevio, ein Geistlicher aus Venedig, Matteo Bandello aus Castelnuovo, auch er ein Kleriker; Francesco Molza aus Modena hatte den Benediktiner Agnolo Firenzuola aus Bologna zur Rechten, und weiter saß da Girolamo Morlini, ein Advokat aus Neapel, Antonio Francesco Grazzini aus Florenz, Giovanbattista Giraldi Cinthio aus Ferrara, Antonio Francesco Doni aus Florenz, ein echter armer Schlucker. Dann kam Pietro Fortini aus Siena, Girolamo Parabosco aus Piacenza, dem es nicht ganz behagte neben dem Niccolo Granucci aus Lucca zu sitzen, woraus sich weniger dessen Nachbar Celio Malespini aus Verona machte. Straparolla aus Venedig kam nun und Pietro Aretino und Ascanio de Mori aus Mantua, Scipione Bargagli aus Siena und Nicolo Machiavelli aus Florenz.

Die Gesellschaft war übereingekommen, daß jeder der Reihe um sein Leben und seine beste Geschichte erzähle und alle riefen den Alten an, daß er anfangen müsse. Denn er sei der erste gewesen, der mit eignem Munde in der guten Sprache Toscanas Geschichten erzählt habe. Was vor ihm durch die Gassen lief, das zähle nicht und hätte kein Gesicht. Da sich nun der Alte übers Kinn strich wurde alles still. Und Barberino begann.

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