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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 26
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Mori erzählt

»Wir kannten uns, als wir uns in Mantua trafen, dem goldenen Rattennest, wie Ihr es nanntet. Daß Ihr meinem großen Freunde Tasso Geld aus der Tasche, der wahrhaft kleinen, stahlt, das war ein Streich und der geringste, der meinen unglücklichen Freund traf, dem so sehr alles und so sehr mit Unrecht gegenläufig war. Eure langen Finger taten ihm weiß Gott viel weniger als daß alle Großmut gegen ihn versagte.

In Medola bei Mantua sah ich das Licht der Welt, aber seinen Glanz in diesem Rattennest, dem goldnen Mantua, wo ich meine Jugend verbrachte. Ist's nötig die Herren zu rühmen, die in Mantua regierten? Würdige Schüler der Este und Medici was ihre Magnifizenz und die Wohltaten betrifft, mit denen sie Dichter und Gelehrte, Baumeister und Maler bedachten, haben viele aus der Familie der Gonzaga sie in literarischen Talenten und im feinen Geschmacke übertroffen. Francesco Gonzaga fand in die Kriege unserer Halbinsel verwickelt dennoch Zeit, die große Tradition festzulegen. Federigo, Mantuas erster Herzog, übertraf seine Vorderen durch die Pracht, die er entfaltete und die Schauspiele, die er anordnete. Giulio Romano entdeckte unter seiner Fürsorge seinen großen Genius. Man sah die Fürsten dieses Namens immer unter den Edelsten und Gebildetsten Italiens leben. Es war Vincenzo Gonzaga, der den Tasso zu einer Zeit mit seiner Freundschaft auszeichnete, als der unglückliche Dichter wahrhaft mehr noch des Trostes als anderer Hilfe bedurfte. Und muß ich die echten und großen Frauen rühmen, die im Corte Reale wohnten?

Hier wuchs ich auf und lernte das Waffenhandwerk. Mit Orazio Gonzaga, dem Marchese von Solferino, zog ich nach Deutschland und nahm am Kriege des Kaisers Maximilian gegen Soliman, den Türkenherren, teil. Wieder in die Heimat zurückgekehrt fand ich keinen Gefallen an dem nichtstuerischen Leben. Die Schlacht und das Feldlager entsprachen mir mehr. So folgte ich wieder meinem Herrn und nahm Dienst bei den Venetianern, als diese einen Zug gegen die Türken rüsteten. So trieb ich mich um, bis mir die ersten Haare an den Schläfen ergrauten. Da hatte sich das Blut ausgetobt und es schien mir Zeit, ein Weib zu nehmen und einen Hausstand zu gründen. Unter der weiter sorgenden Gunst meines Herren Orazio fand ich nun Zeit, früher Versäumtes nachzuholen. Ich las die Bücher und versuchte mich in der Kunst des Schreibens. Ich unternahm es nicht leichtfertig, sondern verwandte viele Sorgfalt darauf, darin so gut zu bestehen wie in meinem früheren Handwerk. Apoll sollte mit mir nicht weniger zufrieden sein als es Bellona gewesen. Ich flocht aus Versen und Prosa einen kleinen Kranz für die Gelegenheit eines Karnevals und man gab meiner Geschicklichkeit Beifall. Fünf Jahre darauf veröffentlichte ich vierzehn Novellen als den ersten Teil, dem andere folgen sollten. Aber es kam nicht dazu. Was ich erzählte, das entnahm ich meinen Erinnerungen und dem Leben meiner Freunde und Herren, indem ich, um nicht deren Mißfallen zu erregen, einen Schleier darüber legte, damit man die Züge nicht zu deutlich erkenne. Es war niemand, der mir nicht wohlwollte und mich mit Bosheit für nie erfahrene Bosheit zu rächen, Solchem meine Feder dienstbar zu machen war kein Anlaß. Und wäre ein solcher gewesen, so hätte der Rache besser das Schwert gedient als die Feder, die zu vergiften mich nichts in der Welt vermocht hätte, so sehr liebte ich sie, da ich an Tasso sah, wie gar Herrliches aus ihr fließen könne. Wie aus diesem Munde die Poesie tönte, das war es wohl, was mich besser schweigen ließ. Und es bei den vierzehn Geschichten bleiben zu lassen, worin ich von tapferen Raufbolden, denen ich begegnet war, erzählte, oder von einem Kurier, der für einen zum Tode Verurteilten die Begnadigung überbringen sollte, aber so gefesselt war von den Vorbereitungen zur Hinrichtung, daß er sich seines Auftrages erst erledigte, als der Kopf des Verurteilten schon im Sande lag. Oder, – nun, ich will Euch die Geschichte von den beiden Freunden aus Ravenna erzählen.

Da lebte in Ravenna ein junger Mann von guter Familie, aber von sehr verdorbenen Sitten. Er hatte als Kind den Vater verloren und war von einer Mutter aufgezogen worden, die wenig klug sich kaum um ihn kümmerte. Und später vermochte es niemand mehr, diesen Menschen auf einen anständigen Weg zu bringen.

Er hieß Remigio, und seine Missetaten waren schließlich derart, daß man ihn aus Ravenna und den Kirchenstaaten abschob und er sich nach Ferrara begab. Man muß nicht glauben, daß ihn da die Reue packte oder daß er die Schulen oder den Hof besuchte, wie er wohl gekonnt hätte, denn er war reich und von edler Geburt. Er fand Freunde nach seinem Geschmacke und liebte es, mit ihnen seine Zeit in den Tavernen und Hurenhäusern zu verbringen.

So waren einige Monate vergangen, als ihn die Lust ankam, seine Heimat aufzusuchen und bei dieser Gelegenheit seiner Mutter einige Taler herauszuziehen. Er machte mit dieser Absicht einen seiner Freunde bekannt, einen modenesischen Studenten namens Pompillo de Bellinzini, der ganz wie er war, und der versprach ihm, mit von der Partie zu sein. So machten sie sich alsbald ohne jeden Diener auf den Weg und kamen am zweiten Tage heimlich in Ravenna an. Hier steigen sie zunächst im Hause eines befreundeten armen Ravennaten ab und Remigio ließ durch einen vorsichtigen Boten seine Mutter wissen, daß er in Ravenna sei und daß er sie mit einem Reisegenossen besuchen wolle. Aber er ließe sie bitten, aus vielerlei Gründen nicht zu sagen, daß sie seine Mutter sei, denn er wolle den Genossen nicht in seine Lage einweihen. Die Mutter ließ ihm sagen, daß sie ihn und seinen Genossen erwarte.

Ob sich nun Remigio seinem Genossen nicht anvertrauen oder ob er nach seiner Gewohnheit alles anders machen wollte oder bloß um des Vergnügens willen, nicht die Wahrheit zu sagen, – ich weiß den wahren Grund nicht, der ihn veranlaßte, den Modenesen glauben zu machen, er führe ihn in das Haus einer Freundin, als er mit ihm in das Haus seiner Mutter ging, wo sie die Dame an der Schwelle mit ihrer gewohnten Höflichkeit empfing. Sie war von großer Aufmerksamkeit und behandelte sie so vortrefflich, daß sie heimlich drei Tage bei ihr blieben.

Die Mutter hatte eine junge Magd im Hause, die weder hübsch noch klug war, sondern mit ihrem häßlichen groben Bauernkopf ganz wie eine Baroncia aussah, wie man, wie Ihr wißt, in Florenz, wo sie in einem Quartier zusammenlebten, die Mißgestalten und Krüppel nannte. Zudem war sie fett und rund und wurde Vigoncia gerufen. Ohne sich um seine oder seiner Mutter Ehre zu kümmern, zögerte Remigio nicht, dieser häßlichen Person Augen zu machen, und in kurzer Zeit war er ihr Herr geworden. Vigoncia leistete übrigens keinerlei Widerstand, da sie nicht das Geringste auf ihre Tugendhaftigkeit hielt. Die Witwe wußte um diese Sache, aber kümmerte sich nicht darum, denn auch ihrerseits sah sie nichts daran, sich mit dem einen oder andern Manne Freuden zu geben, wenn schon aus keinem andern Grunde, als um sich die Zeit zu vertreiben.

Drei Tage war es also diesen Weg gegangen, und waren am dritten Tage die drei plaudernd und scherzend zusammengesessen, als Remigio sagte, er habe noch etwas zu tun, zu der Magd ging und seinen Genossen mit seiner Mutter allein ließ. All die Tage über hatte sich die lebhafte Dame an dem jungen Studenten erhitzt, dessen Art und Wesen sehr nach ihrem Geschmacke waren. Und wie sie nun plötzlich die Krebse in ihren Korbe sich rühren fühlte, zögerte sie nicht länger, der Sache näher zu treten, denn es fehlte ihr nicht an Kühnheit. Während sie so, als sich Remigio mit der Vogoncia vergaß, von dem und jenem sprach, sagte sie zu dem Studenten:

›Ihr wißt sicher nicht, wo sich im Augenblick Euer Kamerad befindet.‹

›Gewiß nicht, Signora,‹ sagte der.

›Ich will's Euch sagen,‹ meinte die Dame und lachte.

Sie beugte sich näher zu dem jungen Mann und sagte leise:

›Er ist zu meiner Magd gegangen, in die er seit er hier ist sich wie ein Narr verliebt hat, und treibt seine Dummheiten mit ihr. Seit er hier ist, tut er das.‹

Bei dieser Mitteilung wurde Pompilio lebendig. Er sah bei der Dame offnen Weg, nahm die Einladung an und sagte lachend:

›Was soll er besseres tun als sich Vergnügen bereiten, so gut er kann?‹

Und so sprechend legte er der Dame die Hand auf die Brust. Da er auf keinen Widerstand stieß, küßte er sie, und Küsse gingen zwischen den beiden hin und her und sie genossen alles Vergnügen, das die Liebe gewährt. Zeit dazu ließ ihnen genügend der mit der Magd beschäftigte Remigio.

Die Dame hatte ein mitfühlendes Herz. Sie konnte in ihrer Umgebung keine Tränen sehen und kein Geseufze hören. Es gefiel ihr gar nicht, wenn man zu ihren Füßen aus Liebe starb. Sie ließ sich rasch überzeugen und gewährte. Nach vollendetem Tanze kam es ihr vor, als ob Pompilio sich gar nicht wie ein Studentlein, ein schwächliches, sondern wie ein gut geübter Ritter betragen habe, und so weihte sie ihm eine Liebe, stark für viele Jahre hinaus.

Remigio kehrte endlich in das Zimmer zurück, wo er das Stroh beim Feuer gelassen hatte, und wo von seiner freundlichen Mutter bereits ein leckeres Mahl bereitet wurde, dem der beste Wein nicht fehlte. Sie hatte sich die Stärkung gut verdient, tat aber so, als ob sie mit dem Mahle nur einer Pflicht der Gastfreundschaft genügte. Remigio haute ordentlich ein, wie auch der Modenese alles tat, seine Kräfte wieder herzustellen, die er auf die gleiche Art wie jener verausgabt hatte.

Nachdem sie ordentlich gegessen und getrunken hatten, nahmen sie Abschied von der Dame, die sie lebhaft für ein anderes Mal einlud, indem sie sich ihrer Erinnerung empfahl.

Da es spät geworden war, zogen sie aus Ravenna hinaus und nahmen nach drei Miglien Weges eine Barke, denn sie wollten Ferrara durch die Kanäle erreichen. Remigio brannte darauf, seinem Kameraden von seiner Liebschaft mit der Magd zu erzählen, und während sie so fürbaß schritten, begann er:

›Ich muß dir was erzählen, Bruderherz, denn anders platze ich. Wo glaubst du, wo ich war, als ich dich mit der freundlichen Dame ließ? Bei der Magd, und ich kann dir sagen, die stellt ihren Mann.‹

Pompilio lachte und sagte:

›Wohl bekomm es dir. Und was glaubst du hab ich mit deiner Geliebten gemacht? Genau dasselbe?‹

›Was sagst du da? Du hast das gleiche gemacht mit der Geliebten?‹ rief Remigio, als ob er nicht recht gehört hätte.

Der andere schrieb das Erstaunen seines Kameraden dem zu, daß dieser ihn nicht für dessen fähig hielte, was er getan, und er antwortete:

›Ja, dasselbe mit deiner Geliebten. Und warum nicht? Hab ich nicht Kraft und Leben wie du?‹

Der Ravennate, der ein bißchen spät auf seine Dummheit kam, verstummte und war wie halbtot. Er wußte nicht, sollte er das Maul halten oder seine Schande aufdecken, und auch Pompilio wurde verlegen.

Da begann von der Wut gepackt Remigio in sich und gegen sich zu schimpfen und verfluchte das Schicksal, als ob es nicht sein, sondern irgendweß andern Fehler gewesen wäre, daß geschah, was geschehen war. Denn er zweifelte nun nicht mehr an der Wahrheit dessen, was der Modenese ihm gesagt hatte. Von der Wut besiegt, die in ihm arbeitete, rief er:

›Ists möglich, daß du es wagtest, bei dieser Frau zu liegen?‹

›Ich hab es getan, so wahr ich da neben dir hergehe.‹

›Was hast du angerichtet, du verfluchter Teufel!‹ schrie Remigio ganz verzweifelt.

›Was denn? Ich verstehe nicht, was du damit sagen willst,‹ gab der Modenese zurück.

›Ich will damit sagen, daß du dich niederträchtig aufgeführt hast, ohne Achtung vor dieser Dame, die niemand anderer ist als meine Mutter.‹

›Schweig,‹ sagte Pompilio, ›und sag nicht solche Dummheiten, es ist doch nicht wahr, was du da sagst!‹

›Ja, es ist nur allzu wahr,‹ sagte Remigio, ›die Dame ist meine Mutter.‹

Wütend erwiderte darauf der Modenese:

›Wäre ich sicher, daß du die Wahrheit sprichst, ich würde es dir mein Leben lang nicht verzeihen, daß du mich auf diese Weise getäuscht hast, aber ich will es nicht glauben.‹

›Will was du willst und tu was dir gefällt, aber es ist so, zu meinem Unglück!‹ sagte Remigio, ganz erfüllt von Scham und Zorn.

Ohne weiter auf seinen Genossen zu hören, der endlich von der Wahrheit überzeugt, sich entschuldigen und die Sache einrenken wollte, zog sich der Narr von Remigio seinen Hut über die Augen, der schon mehr als einmal seine Schande verdeckt hatte, und beschleunigte gesenkten Hauptes seine Schritte. Er erkannte, daß er an dem was geschehen war, die Schuld trug und schritt ohne ein Wort zu sprechen vor sich hin, biß sich abwechselnd in die Lippe oder in den Finger und hoffte, er würde auch diese Sache wie so viele andere mit der Zeit verdauen.

Als ihn der nicht weniger beschämte Pampilio in dem Zustand sah, verlangsamte er seine Schritte, um dem andern, der ihn weder anhören noch verstehen wollte, Zeit zu lassen, allein seinen Weg zu machen.

Wieder in Ferrara, vermied Remigio es durchaus, mit Leuten aus Modena und mit Studenten Freundschaft zu schließen, denn sie seien, wie er sagte, zu unternehmend. Auch mit dem Pompilio zusammenzutreffen vermied er. Als sich dieser des Sohnes beraubt sah, hielt er sich mit häufigen Besuchen in Ravenna an die Mutter, die ihn lieber bei sich sah als sonst wen in der Welt.

Das ist meine Geschichte,« schloß Herr de Mori, »und Ihr werdet mir recht geben, daß ich mich damit begnügte, nicht viel mehr als ein Dutzend davon aufzuschreiben. Auf Euer Wohl, Ihr Herren!«

Nachdem er getrunken hatte, stellte er den Becher vor seinen Nachbar und sagte:

»An Euch ist die Reihe, Messer Bargagli!«

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