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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 24
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Granucci erzählt

»Euer Spott trifft mich wie ein gelindes Streicheln, Signore Parabosco, nach all den Schlägen, die mir zuteil geworden sind. Als ob mich zu spät gebornen und widerläufigen Niccolo Granucci die Zeit zu dem Zeitalter, in das sie mich gestellt, hätte zwingen wollen, ließ sie mich darin achtzig Jahre verbringen. Ja, mich zu spät gebornen, denn ich gehörte viel besser zu den Genossen unseres verehrten Francesco da Barberino, der sich in seinem Reggimento so um die Ehre der Frauen bemüht zeigte und sich in vielen hunderten Beispielen so sehr anstrengte, von ihnen alle vorausgesehenen und überraschenden Gefahren fernzuhalten. So aber machte es mich zum Zeitgenossen von Bischöfen und Päpsten, die mit den Laien darin rivalisierten, das sündhafte Leben als das einzig schöne und rechte zu preisen und in den verlockendsten Farben zu malen. Nun stellt Euch vor, daß ich mich zu einer Zeit, wo ein Papst der Mandragola lachend Beifall klatschte, ganz in den Dienst der Tugend und der Keuschheit gestellt hatte, stellt Euch vor, wie es mir dabei nur ergehen konnte und daß darum mein Lebenslauf niemand verlocken konnte, den gleichen Weg einzuschlagen.

Das was ich schrieb hat nicht die Auszeichnung erfahren, im genauen Gerichte der Crusca unter die Sprachzeugen aufgenommen zu werden, aber es schenkten ihm doch einige gelehrte Männer genügend Beachtung, zumal ich mich an so erlauchten Mustern wie Ser Giovanni Boccaccio gebildet hatte, indem ich des Verehrten Theseida in Prosa übertrug. Ich bin in Lucca zur Welt gekommen, wo meine Voreltern, die zu der Partei der Guelfen gehörten, mit neunhundert Gleichgesinnten zur Zeit des berühmten Castruccio Antelminelli aus der Stadt verbannt wurden und sie sich in Marlia, das im Lucchesischen liegt, niederließen.

Ich war dreiundzwanzig Jahre alt, als ich zum ersten Male erfuhr, was die Liebe ist. Ismenia hieß die, der ich zwölf Jahre meine Dienste weihte, und dann verließ sie mich um eines andern willen. Von da ab verfolgte mich alles Unglück. Als ich einmal in meinem großen Schmerze vor dem Hause der Ungetreuen stand, überfiel mich einer und richtete mich so zu, daß mir das eine Bein nur mehr durch Fetzen Haut am Knie hing. Und als ob solches nicht schon genug gewesen wäre, strengte man noch eine Klage gegen mich an und ich wurde vor das Tribunal gerufen. Aber ich lag mit meinem zerfetzten Bein im Bett und konnte mich nicht bewegen. So wurde ich zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, die ich nicht zahlen konnte. Des Nachts machte ich mich heimlich und unter vielen Schmerzen auf und floh vom Fieber geschüttelt nach Florenz. Und ein Jahr später, da ich mich vom Heimweh getrieben als Gefangener stellen wollte, kam der Bescheid, daß man mich freigesprochen habe. So kehrte ich heim. Aber andere Ehrung als die meines Freispruchs hat mir meine Vaterstadt nicht erwiesen. Vergeblich bot ich meine Dienste an, selbst für das geringste Werk. Schlecht und recht wehrte ich dem Hunger mit dem bescheidenen Erträgnis meiner Feder. Da schrieb ich ein Buch, das nannte ich: Der Tugendspiegel. Darin beschrieb ich die gute Freundschaft, die Größe und die Gründe der Ehe und von welchem großen Nutzen für die Frau die Keuschheit ist. Ihr könnt Euch denken, daß man es nicht las, da die wiedergeborne Venus durch alle Gassen lief. Aber solches verdroß mich nicht und brachte mich nicht ab von meinem recht erkannten Wege. Ich ließ ein anderes Buch bei Busdraghi in Lucca drucken, das hieß: Der Einsiedler, das Gefängnis und der Zeitvertreib. Darin gab es Geschichten und andere moralische Sachen, mit einem kurzen Bericht über die Taten der Türken bis zum Jahre 1566, das Leben des Tamerlan, den Ursprung der Hospitaliter in Jerusalem und eine Beschreibung der Insel Malta. Ich hatte den Inhalt so mannigfaltig als möglich gemacht, aber man las lieber die Hurengespräche des Aretiners als meine ernsthaften und erbaulichen Niederschriften. Mit meiner Schrift: Die lustvolle Nacht und der glückliche Tag, die elf Geschichten enthielt, ging ich zu einem venetianischen Drucker recht in die Höhle des Löwen. Aber es wurde zu rasch bekannt, daß darin keine Zoten vorkommen, und so kauften es nur wenige. Laßt mich nur eine ganz kurze Geschichte erzählen. Denn von einer längeren fürchtete ich, Ihr würdet sie nicht zu Ende hören wollen.

Es lebte einmal in der hochberühmten Stadt Paris – wo es, wie ihr alle wißt, die berühmteste Schule der ganzen Welt gibt – eine sehr vornehme, sehr tugendsame und sehr liebwerte Dame, deren Schönheit ganz vollendet war. Nun hatte sich ein junger Mann in sie verliebt und das so heftig, daß er sie Tag und Nacht verfolgte und nichts versäumte, sie ihm wohlgeneigt und zu seiner geliebten Freundin zu machen. Das gelang ihm so weit, daß die junge Frau, die aus Fleisch und nicht aus Eis gemacht war, von der Ausdauer des jungen Mannes besiegt, sich das Vergnügen machte, ihm ein heimliches Stelldichein zu bewilligen, aber nicht ohne zwischen sich und ihm einigen Abstand und Hindernisse einzurichten.

Kaum war der unglückselige Liebhaber zu der Dame gekommen, als diese ihn nach seiner Beschäftigung fragte, und er schlecht unterrichtet antwortete, daß er nichts sonst in der Welt treibe als der Liebe zu folgen.

Die junge Dame, der eben ein Gedanke gekommen war, antwortete darauf, daß es keineswegs die Aufgabe eines Edelmannes sei, von der Tugend abzugehen und den eitlen Gelüsten zu folgen, und erklärte, daß sie, wenn er sein verliebtes Unternehmen weiterführen wolle, nur dann dazu entschlossen sei, wenn er die Philosophie studiere, die auf dieser Erde heilig mache; und wenn er dieser Berufung gefolgt sei, wolle sie sehen, welcher Art seine Liebe für sie sei.

Nachdem der junge Mann das vernommen hatte, entschloß er sich, seine Liebe so lange ruhen zu lassen, bis er eines Tages so geworden sei, wie ihn seine Dame verlange; und ohne Vorzug ergab er sich den philosophischen Studien mit solchem Eifer, daß er in weniger als fünf Jahren einer der ersten Philosophen der ganzen Schule von Paris wurde. Es schien ihm, daß er nun erreicht hatte, was seine Dame von ihm verlangt hatte, und so ließ er ihr, da seine Liebe wieder aufgewacht war, sagen, daß es ihn danach verlange, sich mit ihr zu unterhalten.

Die junge Frau sah eine Schande darin, ihr Versprechen nicht zu halten und den Tod, wenn sie nachgab, und suchte also nach einem neuen Mittel. Sie hatte den jungen Mann in ihren Garten führen lassen und legte sich an die Fenster ihres Gemaches, das hoch und vergittert war, und also fragte der Philosoph, ob er sein Wort gehalten und ihm nun das würde, was er mit so viel Mühe und Fleiß gewonnen habe.

Darauf antwortete ihm die Dame:

›Mein sehr lieber Jüngling, es ist eines jeden Pflicht, sich Belehrung zu suchen, um der Natur gute Gewohnheiten zu geben, die uns gewöhnlich nur zum Schlimmen reizt. Da Ihr nun mein Verlangen erfüllt habt und seid, wie ich Euch wollte, so werdet Ihr ohne Mühe dieser meiner Frage Antwort wissen. Ich bitt Euch also und hoffe, daß es Euch nicht peinlich sei, mir dieses Rätsel zu lösen: Was macht die Nachtigall, wenn sie sich mit ihrem Weibchen zum Liebesakt vereinigt? Von neuem versprech ich Euch, daß ich in allem zu Eurem Willen bin, wenn Ihr mir darauf gute Antwort gegeben habt.‹

Da es spät am Tage war und da er weder im Aristoteles noch im Platon noch in den andern finden konnte, was davon handelte, wußte er, von tausend Gedanken überfallen, nichts zu antworten. Er bat also so gut er konnte, sich zurückziehen zu dürfen. Bei sich zu Hause schlug er in allen Autoren nach, die sich mit dem Wesen der verschiedenen Tiere beschäftigt hatten, aber er fand nichts, was er mit Nutzen brauchen konnte. Das machte ihn so verzweifelt, daß er sich am liebsten getötet hätte, bedenkend, daß er hier von einer Frau auf dem eigenen Felde seines Berufes geschlagen worden.

Ganz beherrschte ihn dieser Gedanke, als er, noch am gleichen Tage, einer kleinen Alten begegnete, die so klug und kühn war als man nur sein kann. Sie ward aufmerksam auf den jungen Mann, und als sie ihn so in Gedanken und ganz verstört sah, fragte sie ihn nach der Ursache. Er antwortete daß er wünschte, lieber nicht geboren zu sein. Die Alte erfaßte Mitleid und bat ihn, ihr sein heimliches Leid nicht zu verschweigen, und also sagte er ihr die Frage, die ihm jene gestellt hatte, die er liebte. Die Alte hatte alles lächelnd angehört und sagte nun:

›Siehst du, man tut immer gut, sich seinen Freunden anzuvertrauen. Also gräme dich nicht, denn durch Unwissenheit wirst du den verdienten Lohn schon nicht verlieren. Hör mir zu. Ich war einmal in Diensten bei dem ersten Naturforscher einer Stadt und da hörte ich einmal nach dem Abendessen über diese Sache etwas, das ich nicht vergessen habe, wie du gleich sehen wirst. Es ist die Gewohnheit der Nachtigall, sich nicht anders mit seinem Weibchen fleischlich zu verbinden als auf einem grünen Aste, vor dem sich ein dürrer befindet; denn sobald es sich von seinem Weibchen gelöst hat, springt das Männchen auf den dürren Ast: da macht es sich sauber, richtet seine Federn zurecht und fliegt dann zum Bach, um sich zu waschen.‹

Kaum hatte der junge Mann diese Erklärung vernommen und sich bei der kleinen Alten dafür bedankt, als er schon bei der Dame anfragen ließ, ob sie ihn empfangen möchte, um ihr Antwort auf ihre Frage zu geben.

Man verabredete eine Zeit und begab sich an den gewohnten Platz, und nachdem sie ihre Liebesgrüße getauscht hatten, teilte der junge Mann der Dame die Erklärung mit und erinnerte sie an das Versprechen, das sie ihm gegeben hatte.

Da sie nicht gut anders konnte, sagte ihm die Dame viel des Lobes über seine Kenntnisse und fügte alsdann hinzu:

›Mein viellieber Jüngling, ich kann Eure Liebe nicht höher und gehöriger als also belohnen, was, wenn Ihr es recht betrachtet, Euch fühlbaren Nutzen zu tugendhaftem Leben bringen und Euch vielleicht vermögen wird, daß Ihr im größten Teile aufgebt, was Euch jetzt so beschäftigt. Alle die sich mit der geliebten Frau im Fleische zu vereinen suchen, sind auf dem grünen Ast, der die sinnliche Liebe ist. Sowie ihre eitle Lust gestillt ist, hüpfen sie von dem grünen auf den dürren Ast, das heißt in das Vergessen der wahren Liebe, und haben so viel Leiden davon, daß sie ans Wasser laufen, um das Brandmal zu kühlen und das Bedauern über die genossene Liebe. Ihr müßt auch bedenken, daß Ihr durch Eure platonische Liebe ein berühmter und angesehener Mann geworden seid und es noch mehr sein werdet, wenn Ihr darin verbleibt. Und anders: habt ihr Eurem heftigen Verlangen nachgegeben, so werde ich, außer daß Ihr Euren tugendhaften Lebenswandel aufgegeben und Gottes Gesetze verletzt habt, Euch weniger teuer werden. Damit dies nicht geschieht, will ich, daß Ihr in der wahren Liebesentzückung lebet, und diese ist, daß Ihr, wenn Ihr mich so stark liebet wie bisher, wißt, daß ich Euch liebe und daß ich Euch von meiner Liebe mit den Worten und mit den Augen ein Zeugnis gebe, allerorts wo es die Anständigkeit erlaubt.‹

Und nachdem sie also gesprochen hatte, verabschiedete sie sich von dem jungen Mann, der, so sehr er auch Philosoph war, mit einer solchen Philosophie nur schlecht zurechtkam.«

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