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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 23
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Parabosco erzählt

Laßt mich schweigen von den Jahren, die ich, Musik und Dichtkunst lernend, in meiner Heimatstadt Piacenza verbringen mußte, die mir wohl zu leben gab, aber das mir Teuerste des Lebens nicht: den Verkehr mit Freunden. Ihr könnt Euch also denken, mit welchen Gefühlen ich mich nach Venedig auf den Weg machte, um so mehr, als ich da bei dem berühmten Adriano Villaert von Brügge, dem Kapellmeister von San Marco und dem Haupte der venetianischen Musik, lernen sollte. Man sagte, ich sei sein bester Schüler gewesen, und die Ehre möchte das bestätigen, die mir zuteil wurde, indem ich im Hause des vortrefflichen Patriciers Domenico Veniero, der eine musikalische Akademie leitete, meine eignen Madrigale exekutieren durfte, wobei ich die Sänger auf dem Clavecin begleitete. Ich konnte auch gut auf diesem Instrumente improvisieren. Zur selben Zeit ließ ich auch meine Tragödie Progne in Venedig spielen und nicht wenige Komödien. Und veröffentlichte allerlei Schriften so in Prosa als in Versen, von denen sich meine Liebesbriefe des größten Beifalls erfreuten. Davon, daß ich diese zwei Tätigkeiten eines Poeten und eines Musikanten ausübte, hatte ich mindestens den einen großen Gewinn, daß ich mich, wenig überzeugt von der Bedeutung dieser Ausarbeitungen, immer, wenn man mich wegen meiner Schriften lobte, dahinter verbergen konnte, daß ich ja eigentlich ein Musiker, und lobte man meine Musik, daß ich ja eigentlich ein Poet sei. Solche Ausrede habt Ihr mir oft belustigt vorgeworfen, Meister Pietro aus Arezzo. Ihr könnt mir glauben, weit besser als mit einer Geschichte würdet Ihr meinen großen Genius erkennen, wenn ich Euch auf dem Clavecin vorspielte. Aber im Ernste gesprochen, man liebte mich sicher weit über mein Verdienst in der einen wie in der andern Kunst. Vielleicht um meiner Bescheidenheit willen, die es mich leicht tragen ließ, daß mir Reichtümer nicht zuteil wurden.

Da ich ein Musikant war und sich die Musik überall einer großen Beliebtheit erfreut, so kam ich unter viele Leute und vielerlei Berufe und es blieb mir so der Streit erspart, der immer unter den Literaten zu Hause ist. Mein verehrter Gönner, der Patricier Domenico Veniero, machte ja auch viele Verse, weniger ausgelassen als die seines Bruders Lorenzo, der die Wandernde Hure und die Zaffetta geschrieben hat, aber sein größeres Verdienst war die Gründung der musikalischen Akademie, der er alle seine leidensvollen Jahre gab, denn er war, müßt Ihr wissen, an beiden Beinen gelähmt durch dreiunddreißig Jahre.

Wie es solche Tätigkeiten eines Poeten und eines Musikanten schon mit sich bringen, da sie bei aller Arbeit auch viel Zeit schenken, wo man so nichtstuerischen Gedanken nachgehend leicht die nie schlummernden geilen Sinne aufstöbert, war ich in allerlei derlei Abenteuer verstrickt und viele Anekdoten darüber liefen im Munde der Venetianer um, und gar nicht geartet, mich dessen zu schämen, erzählte ich, wessen ich mich erinnerte von diesen Erlebnissen in meinen Komödien und in den Geschichten, die ich Unterhaltungen nannte und sechs Jahre vor meinem Abschied in Druck gab. Ich ließ darin alle meine Freunde Geschichten erzählen, Ihr erinnert Euch, Aretiner, des Mönches mit den Holzsandalen, den ich Euch in den Mund legte. Ein sehr guter Franzose hat daraus eine Komödie gemacht, die er Tartuffe nannte. Und hat meinen armen Mönch mit dem Reichtum seines großen Ingeniums ausgestattet so sehr, daß er kaum mehr wieder zu erkennen. Aber wir haben ja schon vieles darüber gesprochen, wie wir mit unsern Geschichten jenen den Stoff für ihr Theater gaben, und wie sie uns damit übertrafen. Doch erinnere ich mich, Ser Bandello, daß Ihr in Eurer Geschichte von dem Romeo und der Julia etwas erzählt, das zu meinem Staunen jener große Engländer nicht in seinem Stücke benützte, so sehr es ihn hätte locken müssen. Aber vielleicht war er noch zu jung und traute es sich nicht zu, jene Szene auf sein Theater zu bringen, die Ihr so köstlich beschreibt. Romeo öffnet das Grabgewölbe und weckt Julia aus ihrem Schlummer. In seiner Freude vergißt er, daß er Gift getrunken hat. Für eine Weile sind die Liebenden im Paradiese des Glückes, und erst bei dem ersten Zeichen des nahenden Todes erinnert sich Romeo an das, was er getan. Er stirbt und Julia erdolcht sich. Der Engländer aber läßt Romeo sterben, bevor Julia erwacht ist.

Was nun meine Liebesabenteuer betrifft – liebe und verehrte Freunde, Ihr wißt, daß es Mode geworden war, solche zu haben oder mindestens, sich recht vieler zu rühmen, wenn man sich eines guten Rufes erfreuen wollte. Das war eine seltsame Laune unseres Zeitalters, daß der gute Ruf ein schlechter war. Sich ihn zu erhalten bis ins hohe Alter, wagte man nicht selten Leben und Gesundheit. Seht, ich hatte ein Weib genommen, das mir viele Kinder gebar, ich glaube neun oder zehn. Da gab ich nun einer berühmten Kurtisane Unterricht in der Musik und ließ es dabei nicht sein, sondern bemühte mich auf viele Weise um ihre Gunst. Und was geschah? Die Liebhaber der Schönen lauerten mir auf, als ich einmal an ihr Tor klopfte, und schütteten einen großen Krug Nasses auf mich und sandten, wohl damit ich mich nicht davon erkälte, einen Kübel mit glühheißer Asche nach. Ich war gewiß kein Musterbeispiel für die Tugend der Keuschheit und nachgiebig den Verlockungen nur all zu sehr. Aber etwas müßt Ihr davon immer auf die Tyrannei der Mode schreiben, die man selbst von einem Organisten der zweiten Orgel in San Marco, der ich nach dem Rücktritt des Jacobus Buus wurde, mitzumachen verlangte und von einem glücklichen Ehegatten mit einem an Leibe und an Geiste schönen Weibe. Daß sie, bevor ich sie heiratete, zu jenen gehörte, deren Tarif Meister Pietro bekannt gemacht hat, damit die Fremden, die nach Venedig kämen, unterrichtet würden, das hat unser Glück sicher gefördert. Sie war das treueste und bravste Weib.

Ich sagte Euch schon, ich war ein Musikant. Um der Musik willen liebte ich die Freiheit und das Leben. Ich wollte, es wäre eine Orgel da, um Euch darauf eine Geschichte zu spielen. Nehmt was ich mit den Worten erzähle, nicht wichtig. Es ist eine Schnurre.

Da lebte in Treviso ein junger Mensch namens Benedetto, liebenswert und von guten Manieren, kühn und was sein Leben betrifft unbekümmert. Er verliebte sich in das junge und hübsche Weib eines Arztes namens Lucietta.

Der Arzt war betagt und viel beschäftigt in seinem Berufe, und so machte er sein Weib nur wenig glücklich. Jung und frisch wie Lucietta war und wenig besorgt um den häuslichen Gewinn glaubte sie für ihre Wunden einen bessern Arzt suchen zu müssen als der ihre war, trotzdem er sich in Paris seinen Doktorhut geholt hatte.

Da sie an tausend Zeichen und tausend Proben die heftige Liebe des Benedetto für sie erkannt hatte, entschloß sie sich, ihm ihre Verletzung zu zeigen und Heilung zu verlangen.

Sie rief also nach ihrer Magd, einem jungen und so gerissenen Ding, das der Doctor Aergutia getauft hatte, und trug ihr auf, den jungen Mann zu finden und ihm zu sagen, daß er in Hinsicht auf seine Liebe so vortrefflich zu Werk gegangen und so viele Proben gegeben habe, daß ihre Herrin ihm ganz zu Diensten sei. Die Schelmin verlor keinen Augenblick, den Benedetto zu unterrichten, der sich für den glücklichsten aller Männer hielt. Und er begab sich, wie ihm von der Magd angegeben, andern Tages gegen die zweiundzwanzigste Stunde zum Hause der Lucietta, wo er an der Hintertüre, die von den Nachbarn nicht gesehen werden konnte, freudevoll empfangen wurde. Was darauf zwischen ihnen erfolgte, ist zu erzählen nicht nötig.

Diese Weise setzten sie nun durch einige Monate hindurch fort, ohne daß jemand es merkte und in der größten Sicherheit, denn um die Zeit, wo sie sich trafen, war der Arzt immer unterwegs bei seinen Patienten. Aber da wollte es das Geschick, daß eines Tages, da Lucietta ihrem Freunde das Stelldichein gewährte, der Arzt von einem Edelmann der Stadt gebeten wurde, sich rasch nach Venedig zu begeben, um dort seinen schwerverletzten Sohn in Behandlung zu nehmen. Dadurch war der Arzt gezwungen, alle andern Kranken im Stich zu lassen, und er beeilte sich also nach Hause zu gehen, um seine Abreise nach Venedig vorzubereiten. Er fand die Haustür offen und ging hinter Benedetto die Treppe hinauf. Als Lucietta die Schritte ihres Mannes vernahm, erschrak sie in den Armen ihres Liebhabers auf den Tod. Sie bat in ihrer Angst den Benedetto, sich in einer Truhe zu verstecken, die mit feinen Hemden ihres Mannes gefüllt war und auch einige ganz kostbare Salben enthielt, deren sich der Arzt in schwierigen Fällen zu bedienen pflegte. Benedetto tat wie ihm geheißen. Kaum war er in der Truhe und kaum hatte Lucietta den Schlüssel abgezogen, als der Doktor ins Zimmer trat, gefolgt von einem Lastträger, den er mitgebracht hatte.

›Liebes Weib, und wenn es Pfeile vom Himmel regnete, ich muß mich augenblicks nach Venedig begeben, um dem Sohne eines meiner Freunde ärztlich beizustehen. Hilf dem Träger da die Truhe schultern, in der meine feinen Hemden und andere Dinge sind, die ich brauche.‹

Verzweifelt war bei diesen Worten ihres Gatten Lucietta, denn sie kannte ihn als einen grausamen und harten Mann, zumal sie nichts dagegen vorbringen konnte in der Angst, dem Arzt könnte einfallen, in ihrer Gegenwart die Truhe zu öffnen. Also half sie dem Träger, daß er sie auf seine Schultern packe und nachdem sie ihrem Manne noch den Schlüssel gegeben hatte, empfahl sie ihren Geliebten Gottes Fürsorge.

Der Packträger schleppte seine Last bis hinunter zum Fluß, an die Stelle, wo der Edelmann ein Fahrzeug hingeschickt hatte, das den Arzt nach Venedig bringen sollte. Es hatte vier Ruder und flog nach Venedig, wo man um drei Uhr in der Nacht ankam. Da ließ er sich von den Ruderern zum Hause eines andern Arztes bringen, der sein Freund war, und hier ließ er seine Truhe zurück, in der vor seinem Tode schon Benedetto bestattet war. Die besagte Truhe wurde unten bei dem Tor in einem ungedeckten kleinen Hofe aufgestellt, und der Arzt begab sich in das Haus jenes Edelmannes, um dessentwillen er aus Treviso hergekommen war.

Nun hatten ein paar Diebe zufällig gesehen, wie man die Truhe in den Hof transportierte und da sie glaubten, daß sie Gegenstände von großem Werte enthielte, kamen sie unter sich überein, die Truhe zu stehlen, was ihnen angesichts der wenigen Bewohner des Hauses keine schwierige Sache schien. Im rechten Augenblick, als ihnen die Zeit günstig vorkam, brachen sie also mit Stemmeisen und anderm Werkzeug das Tor auf, gingen dabei natürlich ganz leise zu Werk, und trugen die Truhe fort. Der unglückliche Benedetto, der nicht wußte, wer seine Träger waren und auch kein Wort vernahm, glaubte, man führe ihn zum Tode. Also empfahl er seine Seele Gott und wartete ab, was weiter mit ihm geschehen würde. Die Diebe hatten die Truhe schon ein gutes Stück Weges geschleppt, als sie in ein Gäßchen kamen, wo sie die Beute zu teilen beschlossen hatten. Sie setzten die Truhe auf die Erde.

Einer der Diebe sagte dabei:

›Wollen also dem da den Hals umdrehen.‹

Was in ihrem Rotwelsch bedeutete, eine Kiste aufbrechen.

›Ja, bei der Madonna, man muß das Eingeweide herausholen,‹ sagte ein anderer.

Der arme Benedetto tat einen tiefen Seufzer. Er war nun völlig überzeugt, daß der Arzt alles gewußt hatte und daß er ihn von seinen Leuten umbringen lassen wolle.

›Auf was warten wir noch?‹ fragte einer der Diebe.

›Holen wir ihm das Herz heraus, er braucht nicht länger zu leben,‹ sagte ein zweiter.

Und mit diesen Worten schlug er mit einem schweren Beile auf die Truhe, so gut, daß er nicht nur in sie ein Loch brach, sondern nicht viel fehlte, daß ein solches auch in den Kopf des Benedetto geraten wäre. Der tat in höchstem Schrecken einen lauten Schrei.

›Erbarmen! Laßt mich am Leben!‹

Die Diebe wußten nicht, woher dieser Schrei kam. Es packte sie das Grausen und sie stürzten davon, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

Benedetto kroch halb aus der Truhe, sah die Kerle davonlaufen und es wurde ihm klar, was sich zugetragen hatte. Glücklich wand er sich vollends aus der zerbrochenen Truhe und dankte Gott, daß sein Unglück ein so abenteuerliches Ende gefunden. Es war arg dunkel in dem Gäßchen, wo sich Benedetto zurecht zu tappen suchte. Er kam an ein Haus und klopfte. Er erzählte von seinem Mißgeschick und es wurde ihm geöffnet.

Nun war dieses das schöne Haus einer sehr schönen Kurtisane, welche sich durch die Tätigkeit des Mondes in jener Krankheit befand, die sie allmonatlich befiel. Aus diesem Grunde hatte sie ihr Geliebter diese Nacht allein schlafen lassen. Dieser Kurtisane erzählte nun Benedetto sein Abenteuer zu ihrem Erstaunen ebenso sehr wie zu ihrem Vergnügen. Und da sie in ihm einen hübschen und aufgeweckten jungen Mann sah, sagte sie ihm auch den Grund, weshalb ihr Liebhaber sie verlassen, worauf Benedetto antwortete:

›Mit Männern, die so einen delikaten Magen haben, sollten sich Frauen nicht abgeben.‹

Und unter diesen und ähnlichen Worten legte er sich als kluger Mann ohne weiteres neben das junge Weib.

Andern Morgen schenkte er ihr den Koffer samt dem Inhalt und begab sich ohne weiteren Aufhalt heim nach Treviso, wo er heil und gesund und in guter Laune ankam.

Er erzählte, was ihm widerfahren war seiner Lucietta, die bereits seinen Tod beweint hatte und ihre Vereinigung mit ihm durch die Hand ihres tölpelhaften Mannes erwartete. Was aber den betrifft, so mußte er sich sowohl neue Hemden machen lassen als sich auch neue Salben bereiten, denn er hörte nie etwas von seiner Truhe.«

Nachdem der Musiker seine Geschichte geendet hatte, wandte er sich an seinen Nachbar, der mißbilligend sein greises Haupt schüttelte, und sagte zu ihm: »Seht zu, Signore Granucci, ob Ihr aus der Geschichte eine Moral zieht, mir ist es bei allem Drehen und Wenden des Abenteuers nicht gelungen. Aber vielleicht habt Ihr eine geschicktere Hand für derlei.«

Der Angesprochene antwortete darauf:

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