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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 22
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Fortini erzählt

»Eure Geschichte vom Schneekind hat mir ein Schweizer Landsknecht, der unter Frundsberg diente, als in seinem Heimatsdorf passiert, erzählt,« sagte jemand. Und Messer Doni darauf: »Wohl möglich, Messere Malespini. Unter den zweihundert Geschichten, die Ihr unter Eurem Namen in Druck gabt, werden nur wenige sein, die Ihr nicht schon bei andern kanntet. Und Ihr werdet Euch schon recht anstrengen müssen, eine zu finden, die uns neu vorkommt, und uns glauben läßt, daß Sie auf Eurem Beet gewachsen. Aber wir wollen Messer Pietro Fortini sprechen lassen.«

Und der Sienese begann alsbald:

»Es war auf dem Landhause eines Freundes in der Umgebung der Stadt, wo wir, mein Freund und ich, nach der Mahlzeit so arg unter der Hitze litten, daß wir das Haus verließen, um einen erfrischenden kühlen Ort aufzusuchen. Es gab da in der Nähe eine Grotte mit einem köstlichen Quell und in deren dämmerigen Schatten versuchten wir plaudernd die garstige Hitze zu vergessen. Während wir so taten, halb im frischen Grase liegend, halb an die kühlenden Felsen der Grotte gelehnt, vernahmen wir aus der Ferne von den verdorrten Stoppeln der Felder her das zwitschernde Gelärme von Wachteln. Da wir ausgeruht waren und unsere Diener bei uns hatten, kam uns der Gedanke, auf die Wachteln Jagd zu machen.

Wir ließen alsbald ein Pferd satteln, das wir zu zweit bestiegen, die Diener ergriffen die Fangnetze und pfiffen dem Hunde. Wir kamen den Hügel herab in ein weites ebenes Feld. Auf dem Wege fiel meinem Freunde die Erledigung einer wichtigen, aber ich weiß nicht mehr welchen Angelegenheit ein, und er schickte dazu seinen Diener nach Hause. So blieben wir nur mit dem meinen, der den Hund führte. Auf dem Felde angekommen sahen wir, daß die guten und arbeitsfrohen Bauern, um das Wasser für ihre Felder zu nützen, durch diese einen Kanal gegraben hatten. Wir stiegen vom Pferde, um zu jagen. Wir ließen den Hund los, nahmen die Netze und begannen durch das Feld zu streifen. In kurzer Zeit hatten wir eine Menge Wachteln gefangen und waren dabei von Feld zu Feld ziehend weitab gekommen, so daß wir uns plötzlich vor einem Dorfe befanden und auf einem von den Vögeln so stark bevölkerten Felde, daß wir in viermaligem Wurf unserer Netze ein Dutzend fetter Wachteln fingen. Der vortrefflich dressierte Hund jagte weiter, stürmte über das Feld bis an eine hier beginnende Wiese, und hier, unter einer hohen weit ausladenden Ulme am Rande eines von eilendem Wasser durchströmten tiefen dunklen Grabens, hielt er plötzlich im hohen Grase an, so als ob er einen Hasen oder sonst ein Tier gestellt hätte. Ich hatte das Netz in der Hand. Es war da wenig Raum für unser Jagdgerät, aber wir zogen doch, mein Freund das andere Ende des Netzes haltend, durch das dichte Gestrüpp. Aber nichts regte sich und nichts sahen wir, so daß wir dachten, eine Schlange sei es gewesen. Aber da wir weiter gingen und suchten, entdeckten wir einen jungen Geistlichen aus dem Dorfe, der sich verliebtem Vergnügen hingab und dessen schönere Beute als unsere wir sofort wahrnahmen, denn der junge Kleriker hielt in seinen Armen eine noch jüngere Bauerndirne, frisch wie eine Lilie. Sie hatte das Kind einer Nachbarin übers Taufbecken gehalten und bei dieser Gelegenheit den Geistlichen gewonnen und er sie, und so waren sie miteinander vertraut geworden. Wir lachten aus vollem Herzen, als wir unsere Netze über solch zwei ausgewachsene Wachteln warfen.

Das Mädel bekam erschreckt und verschämt einen ganz roten Kopf, konnte kein Wort sprechen und wagte nicht aufzublicken. Was den jungen Priester anlangt, so glaubte er, jung wie er war, es nicht nötig zu haben, darüber zu erröten, daß er mit diesem jungen Ding beisammen war. Er drehte die Sache ins Heitere des Scherzes und sagte lustig:

›Wir geistlichen Leute sind Männer wie Ihr und uns sind wie Euch die hübschen Frauen angenehm. Da wir uns nun so im Schatten trafen, die Hitze groß ist und Ihr von der Jagd draußen auf den heißen Feldern ermüdet sein dürft, müßt Ihr recht Durst haben. Ich will also, während Ihr hier bei dem jungen Mädchen bleibt, ins Dorf gehen, einen Krug Wein holen und dann wollen wir zu viert einen guten Schluck trinken.‹

Der Vorschlag war uns recht angenehm, und lächelnd sprach mein Freund zu mir: ›Ich bitte Euch, Pietro, geht mit dem Priester und ich rate Euch, bringt auch zu essen mit, denn bloß zu trinken könnte uns schlecht bekommen, heiß und verschwitzt wie wir sind.‹

Der gute Tonsurierte begriff, so dumm er war, daß mein Freund nicht so sprach, weil ihm am Essen viel gelegen, sondern weil er ganz einfach mit dem Mädchen allein sein wollte, das immer noch ganz verschämt schwieg.

Ich ging also mit dem geistlichen Manne aufs nahe Dorf zu, zogen einem Fasse eine gute Flasche Wein ab, wir suchten uns Milch, weißes Brot und ein paar gute Käse, und kamen damit beladen nach einer guten Stunde zu jenem Bache in der Schlucht, wo wir die junge Dirne voller Freuden fanden, lachend und ausgelassen mit meinem Freunde plaudernd.

Ich verstand, als ich das sah, daß die Sache vortrefflich abgelaufen, und wir aßen und tranken, gelagert an dem kühlen Bach, was wir mitgebracht hatten. Nachdem wir uns so reichlich erfrischt und ausgeruht hatten und mir auch die Zeit angemessen schien, wandte ich mich an den Geistlichen und sagte:

›Nehmt ein bißchen die Netze, Messer.‹

Und als er sie hielt, sprach ich zu meinem Freunde:

›Geht ein wenig da gegen die Ulme hinauf zu und über das anliegende Feld hin jagen, während ich hier mit dem Mädchen bleibe. Es ist nur, damit man sie nicht mit uns sehe und sie nicht verlacht wird.‹

Der Rat gefiel dem Messere und er zog zusammen mit meinem Freunde auf die Jagd den Hang hinauf über das Feld hin. Ich blieb mit dem schönen und liebreizenden Mädchen.

Während ich mit ihr plauderte, brauchte ich nicht lange, zu merken, daß das Ding klug und erfahren wie eine wahrhafte Dame war und auch mit so vielen Kenntnissen ausgestattet, daß es mir groß Unrecht schien von ihr, auf dem Lande unter den groben Bauern zu wohnen. Sie hatte eine außerordentlich schöne weiße Haut und ihr Gesicht war von einer solchen Schönheit, daß Phidias oder Praxiteles sie nicht anders gezeichnet hätten als wie sie war. Sie hatte Augen voller Leben, einen schlank gereckten Hals, einen Leib aufs zierlichste geziert von zwei runden und festen Brüsten, und ihre Glieder waren wie frischer und unschuldiger Marmor.

Allein mit diesem schönen und köstlichen Geschöpf begann ich verliebt zu scherzen. Und sie, obzwar eine Bauernmagd, wollte sich höflich zeigen, wohl auch so schöne Gelegenheit ihre Reize zu genießen nicht versäumen. Und so und ohne daß sie abwehrte, unterhielten wir uns zweimal höchst angenehm. Nach dem zweiten Male unseres Gespräches fragte ich sie, ob sie nicht damit einverstanden wäre, mit mir zu kommen, und sie antwortete auf meine Frage mit so reizendem Geschick, daß ich ganz verwirrt wurde. Als sie merkte, daß ich so sehr darauf bestand, oder sei es, daß es nach ihrem Geschmack war und sie nicht mehr das Verlangen trug, länger auf dem Lande zu bleiben, kurz, sie erklärte, daß sie gern ihren Bauernkerl von Vater verlasse und ebenso auch den Dummkopf von Priester und mit nach Siena kommen wolle. Wir bestimmten Zeit und Ort unter vielen Küssen und Umarmungen, unter heißen Seufzern und feierlichen Schwüren, daß ich sie von ihrem Vater fortnehme. Nach unserer dritten Unterhaltung blieben wir eine ganze Weile Mund an Mund. Dann küßte ich ihre herrliche Brust und nahm Abschied, so wenig leicht das auch war. Wir trennten uns zufrieden und das Herz voller Hoffnung.

Ich ging und fand nicht weit meinen Freund und den kleinen Priester inmitten des Jagens. Ich wollte mich nicht undankbar zeigen und dankte also dem Messere für die angenehme Gesellschaft, die er uns geboten, und nachdem wir ihm beide noch ein Geschenk gemacht hatten, nahmen wir Abschied von ihm. Der Geistliche gab noch seinem Bedauern entschuldigend Ausdruck und bat uns, der Ehre des Mädchens wegen, kein Wort von dem Abenteuer zu erzählen, und bot uns an, daß wir uns mit ihm und ihr immer, wann es uns gefalle an demselben Orte treffen könnten. Darauf ging er.

Ich glaubte, nun die Jagd schließen zu müssen. Auf dem Heimwege wünschten wir uns Glück, ich und mein Freund, zu der ganz unerwarteten Beute. Nach einer Weile trafen wir an dem verabredeten Ort meinen Diener, gaben ihm das Fangnetz und bestiegen unsern Gaul. Langsam ritten wir auf Siena zu, während der Abend dämmerte. Dabei erzählte ich meinem Freunde, wie ich mit dem Mädchen abgemacht hätte, sie zu entführen. Aber er wollte, daß ich sie ihm überlasse. So tat ich es, da ihm soviel daran lag.

Ein paar Tage darauf kam er heimlich nach jenem Dorf, holte das Mädchen und ließ den Vater ohne Tochter, den Pfarrer ohne Trösterin. Er richtete sie in Siena in einem Hause ein, wohlversorgt mit allem, dessen sie bedurfte. Reich und städtisch gekleidet war aus der Bauerndirne ganz eine Dame geworden. Sie war die Freude meines Freundes, während der gute Dorfpfarrer, der nicht wußte, was aus ihr geworden, sie überall suchte wie ein Narr.

Solche und andere frivole Geschichten, erlebte, erinnerte und gehörte, aufzuschreiben vergnügte ich mich auf meiner Villa Monaciano, die einige Miglien vor Siena in der Nähe der alten Kartause von Pontignano lag. In der Stadt war ich in mannigfaltigen Ämtern tätig gewesen, in der Tradition meiner alten Familie. Aber es waren das schlimme Zeiten, die dem Sturze der Republik vorausgingen, und trösten darüber konnte mich nur wenig die brillante Figur, die ich als ein Mitglied der Akademie der Rozzi spielte mit burlesken Versen, über die man gern lachte.

Auf meinem bescheidenen Landsitz waren es die Frauen, die Freunde und die Jagd, wenn es Winter war, die Bücher und das krachende Holz im Kamin, denen ich die Freuden meines Lebens dankte. Wie ein fernes Gewitter kam zuweilen der Lärm der sich ändernden Zeiten in meine Kartause. In den Pausen eines leichthin geführten Lebens schrieb ich dann, nicht an Ruhm und nicht an Nutzen denkend, diese Geschichten nieder, diese Tage und Nächte der Novizen wie ich das Ganze nannte, das auch drei kleine Komödien enthält. Ihr erinnert Euch: es war in Siena, der Stadt der verfeinertsten Sinnlichkeit, wo die von dem Dante zur Hölle verdammte Godereccia brigata ihr Wesen in heiterm Leben spendete. Folgore da San Gemignanos freudensuchende Gesellschaft war sienesisch. Beccadelli nannte unsere Stadt molles Senae, und Aeneas Sylvius weihte die Haine und Paläste Sienas der Venus, jener Venus, die in unsern Träumen lebendig wurde und nicht nur in ihnen. Unsere schlimmen Nachbarn, die Florentiner, die uns Wehrlosen so viel zu schaffen machten, liebten ihrer Art entsprechend, die ihnen auch ihre Geschichte machte, das Harte, Strenge, Grausame, Blutbefleckte. Eure Geschichten, verehrte Novellieri aus Florenz, sind voll davon. Die unsern nicht. Wir lächelten lieber, wir liebten lächelnd, gaben uns heiterem Genusse hin und milderten die Brutalität unseres Appetits durch einen fein schmeckenden Gaumen. Wenig ausgerüstet, große Figur auf dem Welttheater zu spielen, hat man unsere abseitige fröhliche Stadt vergessen. Verzeiht, daß ich darum einiges zu ihrem Lobe sagen mußte.«

Die heiter gesprochenen Worte Signore Fortinis fanden heitern Beifall und als dieser geendet hatte, nahm, weil man ihn aufforderte, Signor Girolamo Parabosco aus Piacenza das Wort und sprach:

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