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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 21
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
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Doni erzählt

Nun endlich war die Reihe an Francesco Doni.

»Ihr macht je nach Eurem Temperamente besorgte oder erwartungsfrohe Gesichter, weil Ihr meint, ich würde nun meinen Streit mit jenem dort, der sich die Geißel Gottes nannte und nennen ließ, fortsetzen mit dem zweiten Buche der Satiren, deren ich im März des Jahres 1556 sieben ankündigte. Aber ich ließ es bei dem einen und ersten bleiben, denn es ist nicht zu übertreffen. Könige und Päpste haben mit dem Aretiner ihren Frieden geschlossen, und da will Francesco Doni nicht fehlen. Es fiel mir auch zur rechten Zeit ein Wort ein, das der Aretiner seinem Gegner Albicante schrieb: ›Mein Bruder, die Wut der Dichter ist nichts als eine Raserei der Dummheit.‹ Wenn einmal in seinem Leben, so hat er hier die Wahrheit gesprochen. Aber urteilt selber, ob ich nicht allen Grund hatte, über den Pietro aus Arezzo erbost zu sein.

Ich habe einen Ahnen Salvino Doni, der war ein guter Dichter und Genosse des Dante. In meiner Familie gibts zwei Päpste. Und zur Zeit des Farinata degli Uberti war ein Francesco meines Namens als ein Ghibelline lieber bereit, in die Verbannung zu gehen als zuzustimmen, daß seine Vaterstadt zugrunde gerichtet würde. Aus alldem will ich mir keinen Titel machen, und ich erzähle es nur, damit Ihr ermeßt, wie arg es einem aus solcher Familie sein mußte, zu leben wie ich lebte. Als ein ganz junger Mensch gab's keinen andern Weg und Ausweg für mich, als Mönch zu werden. Als Frater Valerio lebte ich im Servitenorden im Kloster der Annunziata und wurde Priester. Lebte also vom Kyrie Eleison und vom Fidelium recht und schlecht und war schon froh, nicht die Glocken läuten zu müssen. Aber ich hatte weiß Gott mehr von einem Narren als von einem Priester. Da hatte man mir die Aufsicht über die jungen Klosterschüler anvertraut. Das war, was meine Person betrifft, ein Irrtum. Denn ich lehrte die Jungen nach Ansicht der Oberen Dinge, die sie durchaus weder zu wissen noch zu üben brauchten. Runzelt nicht die Stirn, Sere Granucci, und erinnert Euch, daß der Maler Bacci stolz seinen Namen Il Sodoma trug und hat doch die Cathetina von Siena so heilig gemalt wie nur ein Fra Angelico. Also tat ich, was man mich hieß, und schlüpfte aus der Kutte, die mir bei aller Weite immer zu eng gewesen war.

Ich besaß keinen Groschen. Aber allerlei Talente, die, geschickt und bei guter Gelegenheit angewandt, ihren Besitzer ernähren konnten. Ich verstand mich auf die Musik, hatte eine helle Stimme, konnte die Gamba spielen und wenns verlangt wurde einen Kanon setzen oder ein artiges Madrigal. Nun, damit allein war ich nicht weit gekommen, auch nicht im Lande, und durch unsere Städte zu streifen, dem Glücke nach, stand mir sehr der Sinn. Da mir auch darin das Talent nicht versagt war, setzte ich Tinte und Federkiel noch an andres als ans Notenschreiben. Ich machte mich mit allerlei satirischen Versen beliebt und unbeliebt, je nachdem wer mich dafür bezahlte. Ich stand ja in Niemandes Dienst und in dem gelegentlichen, den ich nahm, suchte ich nichts als mein Brot. Ich fand es, denn ich konnte eine Zunge führen scharf wie ein Dolch. Das wissen die in Genua, in Pavia, in Mailand, wohin und an viele andre Städte noch mich mein Weg führte, bis ich nach Piacenza kam, um da länger zu verweilen. Denn der Graf Geronimo Angostino schenkte mir und meinen Begabungen seine Gunst. Ich konnte Atem holen. Ich konnte, nun hatte ich ein bißchen Zeit dafür, auch an meine persönlichen Feinde denken und mit ihnen abrechnen. Was wollt Ihr, Galle will verspritzt sein, aber ich konnte es auch mit Gelächter. Ich verdiente mit den Widmungen meiner Schriften ein schönes Stück Geld und es fehlte auch nicht an Zuschuß und Präsenten von meinen Gönnern, und trotzdem bracht ich es weiß Gott zu keinem Reichtum. Da wohnten andere in Palästen, ich hockte in einem Loche, das ich mit einem Blick ganz überschaute. Das war in Einem mein Salone, mein Cabineto, mein Porticus, die Küche sowohl wie auch das Hinterzimmer, das war Herd und Kamin, Anrichte und Bett. Da schlief man, wie ein Hundsfott, da aß man, da tanzte man. Die Nachbarn und die Vorübergehenden machten immerzu Lärm, und Flöhe und anderes unbequemes Geschmeiß plagte einen, daß es schon nicht mehr schön war. Wahrhaft, das war der Vorversuch von Fegefeuer und Hölle, und da hätten es Hilarion und Paphnutius nicht nötig gehabt, Gras zu fressen und sich die Finger zu verbrennen, um den Versuchungen des Fleisches zuvorzukommen. Inmitten dieses Elends gedachte ich der Stadt, von der ich wußte, daß sie zu unsereinem gnädig ist und daß sich da gut leben läßt. Ich machte mich auf nach Venedig, und da blieb ich die siebenundzwanzig Jahre, die mir noch fehlten, um sagen zu können, ich habe gelebt. Hier lernte ich, was mir in der Kunst sich Geld zu erschreiben noch fehlte bei meinem Freunde aus Arezzo, ohne ihn, wie ich gleich sage, auch nur halbwegs zu erreichen. Keine Zeile schrieb ich in den Zufall oder ins Leere, und ließ wie Meister Pietro meine Briefe gleich drucken, in meiner eignen Werkstatt, die ich mir errichtet und auf deren Presse ich nicht wenig Bücher druckte, eigene und die Anderer. Nie schrieb ich der Kunst zuliebe. Das Wenige, das ich an Kunst besaß, mußte ganz meinem Leben dienen. Das gab wohl viel unsinnige Bücher, die ich um solches willen schrieb, denn ich mußte darin, offen oder versteckt, nur immer von mir selber reden, anders hätte man mich ja nicht beachtet, zumal es die Genossen an Lärm ihrerseits nicht fehlen ließen. Kein Wort darüber. Gut zwanzig Jahre in der Stadt eingesessen war der Aretiner, als ich in Venedig ankam. Es war ihm zuvor an den Höfen nicht viel besser gegangen als mir. Wie oft erzählten wir uns unsere Abenteuer, die bitteren! Und er hatte eine offne Hand für jeden armen Teufel – er warf das Geld hinaus, wie es ihm hineinflog. Wir waren da keine kleine Bande von Zigeunern. Da war Niccolo Franco, der im Jahr 1569 gehängt wurde, wie er es verdiente. Da war Giovanalberto Albicante, ein arger Dichterling aus Mailand, da war Lorenzo Veniero, größerer Kenner in der Hurerei als Meister Pietro selber, da war Lodovico Dolce, nicht besser als Franco, der, vom Aretiner aus Venedig vertrieben, in der Lombardei den Galgen dafür bekam, wofür man in Venedig ein großer Herr war. Aber daß Ihr mir die siebenhundert Goldgulden unterschluget, Pietro, die mir der Herzog von Urbino schickte, das war nicht nett gegen den Bruder, und ich gab's Euch zu spüren.«

Messer Doni ließ den zum Sprechen ansetzenden Aretiner nicht zu Wort kommen, indem er gleich weiter redete:

»Laßt, laßt! Es ist schon so der Lauf der Welt. Steht schon im neuen Testament, vom Manne, der nur ein Lamm hat. Die Satire, die ich gegen Euch schrieb, war mir das verlorne Geld wert.

Ja. Geschichten schrieb ich, wie alle Welt es tat. Der Kürbis nannte ich das Buch, das ich mit Sprichwörtern, Scherzworten, Schwänken, Geschichten und Sonetten anfüllte. Man mußte solche lächerliche Titel wählen, um aufzufallen. Es war ein guter Erfolg, und da ließ ich gleich eine ganze Reihe so ähnlicher Bücher drucken, wie die Blüten, die Blätter, die Früchte, den Samen des Kürbis. Da war große Eile nötig. Aber meine geringe Kunst hatte darunter nicht weiter zu leiden. Nur manchmal dachte ich mir, ich könnte mehr. Aber da tröstete ich mich über das vertane Gut, indem ich mir auf der Geige spielte. Hört eine Geschichte.

Vor nicht allzulanger Zeit lebte in der Lombardei ein alter Idiot, der ein junges und hübsches Mädchen zur Frau nahm; und als er sie nach der Hochzeitsfeier im Triumph ins Brautgemach geführt hatte, stieg er nach den verschiedensten Einreibungen und Latwergentränklein zu Bette. Aber so viel er auch die Karten mischte, es gelang ihm trotz aller Mühe nicht, seiner Frau einen Stich abzugewinnen. Er mischte nach einer Seite und mischte nach der anderen, aber ob nun er es war, der das Spiel führte oder seine Frau, er konnte die richtige Karte nicht ins Spiel bekommen: immer nur Pique und wieder Pique. Als er endlich sah, daß nichts zu gewinnen sei, stand er auf, trat im Hemd ans offene Fenster und stimmte aus vollem Halse – das Absingen der Vesper gelang ihm besser, als die Musik auf der Querpfeife – ein Magnificat an und sang es in einem Atem herunter. Die junge Frau war ganz bestürzt, und auf diese Musik hin sprangen alle die Hausbewohner von den Betten und liefen ins Brautgemach. Als sie den Gatten mit so stolz gehobener Brust singen sahen, glaubten sie, daß Messer Mazza im Triumph ins hohle Tal eingezogen sei und fragten: ›Nun, mein lieber Herr, was bedeutet diese Narretei? Warum stimmt ihr denn ein Magnificat an?‹ ›Das Leben ist schwer,‹ sagte er, ohne ihrer Frage zu achten, ›die Nacht ist bald um, und ich habe noch nichts zuwege gebracht.‹ ›Was wollt Ihr denn aber mit Eurem Magnificat?‹ ›Wißt Ihr,‹ sagte der Alte, ›ich habe alles Erdenkliche getan, damit dieser da das Köpfchen hebe, die Kopfbedeckung abnehme und mir und meiner Frau die schuldige Ehrenbezeigung leiste; es war alles umsonst. Da fiel mir ein, bei der letzten Vesper gesehen zu haben, daß, als die Orgel einsetzte und man das Magnificat zu singen begann, alles den Kopf hob, und ich wollte auch dieses Mittel nicht unversucht lassen, nachdem alle anderen nichts geholfen hatten, und probierte, ob diesen da auch das nicht zum Aufstehen bringen werde.«

»Aber da gibts noch eine andere Geschichte,« fuhr Messer Doni fort, als sich das laute Lachen gelegt hatte, »hört auch diese:

In einem Dorfe der Landschaft Canta Lupo, heißt Vallona, lebte ein reicher schlechter Kerl. Unter anderm besaß er eine große Herde fetter Rinder, und die trieb er zu gewissen Zeiten auf die Weide, wo er durch ein paar Monate hindurch verweilte. Sein Weib, das zu Hause blieb, war eine hübsche runde Kugel, fest im Fleisch und das Gesicht voll Fürwitz. So geschah es, daß ein gewisser Magister der Gegend ihr den Hof machte und sie während der Ferien zu seiner Geliebten machte. Dabei bewährte sich das Weibchen so vortrefflich, daß sie ein hübsches Kind zur Welt brachte, das sie nach auswärts zu einer Amme schaffte, und dort wuchs das Kind heran.

Später dann nahm sie das Kind zu sich. Als es da der Mann bei seiner Heimkehr bemerkte, fragte er, woher das Kind sei.

›Was?‹ staunte das Weib, ›du weißt nicht, daß ich das Kind bekommen habe? Und redete gleich weiter: ›Erinnerst du dich nicht, wie vor drei Jahren der viele Schnee fiel? Herrgott, wie kalt es damals war! Die Fische starben in allen Gewässern und die Raben hüpften auf den Straßen. Brrr, war das eine Kälte! Und ich wurde schwanger, es ist die reine Wahrheit, wie ich mit dem Schnee spielte, immer und immer wieder rührte ich die Schneebälle an, bis ich gut und richtig schwanger ins Haus ging. Ich bin ganz sicher, es war der Schnee, denn das Kind ist blond und fein wie der Schnee. Darum hab ich es auch Bianchino genannt. Aber weil ich weiß, wie ihr Männer seid und wie ihr wegen nichts alles mögliche Schlechte über uns Frauen denkt, hab ich, damit du dir nicht einen Nagel in den Kopf schlägst, das Kind außer Haus zu einer Amme geschickt, indem ich mir sagte, daß mit der Zeit du dein Weib besser kennen würdest und daß ich es dann hole und dir sage, wie ich es getan habe, mein guter, süßer Täuberich.‹

Wenn das nun auch ein etwas starkes Stück war, so sagte unser Mann doch kein Wort und tat, als glaubte er die Geschichte. Aber da er sie sehr liebte, und sie ja auch sehr niedlich und er recht grob und gewöhnlich war und er das Gefühl hatte, sie eigentlich nicht zu verdienen, vielleicht auch weil er den fürchtete, der in seinem Acker gepflügt hatte, schwieg er still. Da er aber andererseits nicht den Unterhalt des Kindes eines andern bezahlen wollte, nahm er eines schönen Tages den kleinen Bianchino mit sich und nie mehr wieder ward das Kind gesehen.

Das Weib wartete und wartete, daß nach dem Manne das Kind hereinkomme. Und fragte schließlich, wo das Kind sei.

Der Mann, der auf eigene Kosten etwas verschlagen geworden war, sagte ihr: ›Mein süßes liebes Weib, ohne an was zu denken nahm ich den Bianchino mit mir spazieren. Du weißt, wie heiß es die letzten Wochen war und wie unerträglich heute. Da hab ich erkannt, daß du mir die Wahrheit gesagt hast, denn in der Hitze ist der arme kleine Kerl ganz weggeschmolzen und zu Wasser geworden. Ich hab recht geweint und mich geärgert, daß ich das nicht vorausgesehen.‹

Da stand von Widerwillen gegen den Mann ergriffen die Frau auf und ging fort. Er hat sie nie mehr wiedergesehen.«

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