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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Vorwort

Das hier vor dem geneigten Leser aufgerollte bunte Stück Welt der italienischen Renaissance macht nur in den Mitteln Anspruch auf Eigenheit, nicht in der letztlichen Wirkung selber, wenn man damit meinen sollte, daß es sich in dem hier vorgelegten Werke um historisch-kulturelle Ergebnisse handelte, gänzlich verschieden von allem was die Historiker gefunden, aufgestellt und erläutert haben. Dieses ist nicht der Fall und kann es auch gar nicht sein. Unsere Einsichten in die Kultur der Renaissance können wesentliche Änderungen nicht mehr gut erfahren, wenn auch unsere Ansichten als Werturteile zustimmend oder ablehnend sein können, je nachdem der eine in dieser Kultur den Verfall der mittelalterlichen von ihm verehrten Ideale bedauert, oder der andere sie als den Anbruch der neuen Zeit begrüßt, als welche dem Individuum gehört und der Freiheit. Aber über den Fakten dieser Zeit, ihrem Werden und ihrem Verlauf, ihren Tendenzen, Leistungen und Personen liegt alles Licht der historischen Kenntnis und kaum ein Detail gibt es mehr, das noch im Schatten auf seine Entdeckung wartete oder gar für die Einsicht in das Ganze dieser Kultur von ändernder Bedeutung sein könnte.

Nicht klein ist die Zahl bedeutender und ausführlicher Darstellungen, die das Gesamte der Renaissance zum Gegenstand haben und die Zahl der Schriften über das Einzelne ist Legion. Das Bildwerk der Zeit, neben der Plastik und Architektur ihr vornehmster Titel, ist jedermann vertrautes Gut aus immer wieder gebrachten Reproduktionen. Das Bedeutendste aus ihrem Schriftwerk ist in Übertragungen allen europäischen Kulturvölkern bekannt. Figuren der Zeit, wie Boccaccio oder Machiavelli, sind, wenn auch oft nur als Namen für vage Inhalte, von der Popularität mythologischer Gebilde. Nicht also im Neuen, sondern im etwas Neuartigen einer Darstellung dieser Kultur konnte die Verlockung liegen und darin auch ihr Reiz für den Leser, der einigen Hintergrund von Wissen um diese Zeit mitbringt. Doch ist auch solche vom Leser mitgebrachte bescheidene Kenntnis nicht Bedingung, diesem Buche den Geschmack abzugewinnen. Denn er kann sich ihm als einem Geschichtenbuche ganz naiv hingeben. Ja, einem Geschichtenbuche, aus dem ihm geschichtliche Kenntnis werden mag, wenn er solches will.

Die neue Gesellschaft, die sich seit dem 14. Jahrhundert in den italienischen Städten gebildet hatte und unter den Tyrannen, aus Kaufleuten und Handwerkern –, sie schenkt sich eine besondere Literatur: die novella. In Stadtgemeinden wie der florentinischen gab die höhere bürgerliche Mittelklasse, die sich schon mit dem Adel mischte, den Ausschlag in der Gesellschaft, wurde ihr konstituierendes Element. Und gleichzeitig vollzog sich in der so geformten Stadtgemeinde die Trennung durch die humanistische Bildung, an der das niedere Volk keinen Anteil hatte. Die Literatur, die sich über dieser sozialen Struktur bildete, folgte einerseits dem Geschmack der Mittelklasse, amüsierte aber auch gleichzeitig den Adel, und diese Literatur war die Novelle. Dante sprach noch zur ganzen Nation, die ihm die gesamte Menschheit darstellte. Er hatte noch nicht das, was man ein Publikum nennt, ein Faktum, das erst eintritt, wenn sich eine Nation in Ordnungen und Klassen gliedert, deren jede ihre besonderen Vorzüge und Fehler hat. Das untere Volk wird von seiner Literatur Derbheit und Natürlichkeit verlangen, ein Adel das Raffinement seiner subtileren Gefühle. Die mittlere Klasse des Stadtbürgertumes erfreute sich an Darstellungen des Alltagslebens, dort mit satirischen Spitzen, wo sie nach ihren Erfahrungen leidet und sich wenigstens durch Bosheiten rächen will. Die Appetite dieser heraufgekommenen Klasse haben noch keine Idealisierung erhalten: ihre Literatur wird daher realistisch, positiv und sinnlich sein. Ich habe an einer anderen Stelle die ästhetische Theorie vom formbildenden Faktor der Umgebung entwickelt und möchte hier nur als Beispiel auf drei Typen hinweisen. Die karolingischen Zyklengedichte oder das anonyme Nibelungenlied, Gedichte jedes Ausmaßes in Tiefe und Breite, waren für jeden Volksgenossen. Ganz fern von dieser Unmittelbarkeit und Einfachheit steht dann die dem späteren Mittelalter gehörige Dichtung der Artuslegenden, eine aus dem Rittertum erwachsene und nur ihm zugehörige Dichtung. Und das dritte deutliche Beispiel bietet diese italienische Prosageschichte des Cinquecento, von Männern der bürgerlichen Klasse geschrieben zu deren und des Stadtadels Unterhaltung: zynisch, satirisch, höchst erfinderisch in geschicktem Appell an die sinnlichen Appetite, oft für unsern heutigen Geschmack schmutzig.

Diese kurze, fast immer nur skizzierte Novella, was Anekdote, Geschichte, Abenteuer, Erlebnis, Situation bedeutet, nicht Novelle in unserm heutigen Sinn, wurde herrschender literarischer Ausdruck der Zeit so sehr, daß sogar Heiligenlegenden ihren Charakter adoptierten und die Dichter sie als Episoden einführten. Berühmte Gerichtsfälle wie der Prozeß der Cenci, der Vittoria Accoramboni wurden in der Form der Novella mitgeteilt. Gozzoli, Carpaccio, Sodoma, Lippi malten im Geiste der Novellieri Geschichten, die von der Wand der Kirche oder des Palastes herunterzulesen sind.

Seit ihrem Vorbilde Boccaccio lieben es die Novellieri die Fiktion aufrecht zu erhalten, daß ihre Geschichten zuerst erzählt, dann erst niedergeschrieben wurden, und wie man der Technik anmerkt, dürfte es auch häufig so gewesen sein, daß man die Geschichte in einer Gesellschaft erzählte. Denn ihre Methode ist immer, bei allem Wechsel von Anlaß, Zeit und Persönlichkeit des Novellisten, die eines, der die Aufmerksamkeit von Zuhörern fesseln will: deutlicher, unkomplizierter Gang der Handlung, keine psychologische Analyse der kurz und oberflächlich skizziert auftretenden Personen, Erregung der Neugier, der Spannung, des Lachens oder der Rührung, starkes Herausarbeiten des Hauptmotivs, kein Langweilen durch Moralisieren, wenn auch zuweilen moralisch getan wird, ja I l Lasca sogar zu Beginn einer recht skabrösen Geschichte den lieben Gott anruft: prima che al novellare di questa sera si dia principio, mi rivolgo a te, Dio ottimo e grandissimo...

Die Geschichten der Novellieri sind moralisch oder unmoralisch, aber weder das eine noch das andere in der Absicht ihrer Verfasser, die keinerlei ethische Intention haben, da sie nichts als unterhalten wollen. Die Vorurteilslosigkeit der Zuhörer, unter denen immer junge Damen waren, ist erstaunlich. Ob man genau so lebte, wie die Novellieri erzählen, das ist nicht vollkommen sicher. Wohl aber, daß man nichts dabei fand, zu denken und sich vorzustellen, daß man so wohl leben könnte. Es ist nicht fest zu beweisen, ob die Novellieri ganz zuverlässig über die Moral der Gesellschaft informieren, wohl aber geben sie genauesten Aufschluß über deren moralische Anschauungen. Denn von der Natur dieser Menschen erfahren wir selten aus diesen Geschichten, die psychologisch meist ganz auf der Oberfläche bleiben. Gerade das dürfte sie den englischen Dramatikern so anziehend gemacht haben, denn hier gab es eine Fülle von Geschehnissen ohne jeden intellektuellen Inhalt und ohne irgendwelche menschlich tiefere Motivierung, und das reizte diese Engländer, ihre analytischen Kräfte zu üben, Charaktere zu schaffen, Geschehnisse zu motivieren.

Ich habe in diesem Buche versucht, die Renaissance sich selber sprechen zu lassen durch ihr geübtestes, wortreichstes Mundstück: die Novelle. Ich habe, dem Brauch der Novellieri folgend, die Geschichten in den Rahmen einer lieta brigata gestellt. An einem frohmütigen Ort des Parnasses vereinen sich zur Feier des letzten ihrer Genossen, der bei ihnen eintrifft, die Novellieri zu einer cena, einem heiteren Gastmahl, und ein jeder von ihnen erzählt seine beste Geschichte. Und jeder beginnt sie damit, daß er von seinem irdischen Leben berichtet, dem was er tat und dem was er wollte, von seinen Fährnissen und Schicksalen, seinen Taten und Untaten, seinem Lieben und Leiden und was er gesehen und gehört hat. Es müßte, so dachte ich, als mich der Plan beschäftigte, ein recht lebhaftes Bild vom Leben während der Rinascia zustande kommen, in dem kein Strich von der Phantasie geführt wird, sondern das Ganze völlig in der gelebten Wirklichkeit bleibt. Denn daß die Selbstbildnisse, welche die Novellieri geben, von mir aufs genaueste nach den Quellen gearbeitet sind, das braucht wohl nicht erst betont zu werden. Der Literaturnachweis am Schlusse kann das Vertrauen der Unkundigen verstärken und den Zweifel der Kundigen auf den Weg weisen, wo sie finden, was nötig, um ihn los zu werden. Es braucht mir nicht kritisch vermerkt zu werden, daß Francesco da Barberino und Giovanni Boccaccio, beide an der Schwelle der Renaissance nur stehend, nicht ganz in dieses Buch gehören. Aber diese beiden, und zumal den großen Florentiner als den Begründer der Novella, in dieser Cena nicht zu sehen, diese Unterlassung wäre größer und ärger gewesen.

Natürlich konnten nicht alle Novellieri zum Wort ihrer Geschichte kommen, sondern nur die eigentümlichsten. Kein Kenner dieser Literatur wird andere Vertreter wählen als ich gewählt habe, nämlich: Barberino, Boccaccio, Sacchetti, Fiorentino, Masuccio, Cornazzano, Arienti, Brevio, Bandello, Aretino, Molza, Firenzuola, Morlini, Grazzini, Giraldi Cinthio, Doni, Fortini, Parabosco, Granucci, Malespini, Mori, Bargagli und Straparola.

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