Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Blei >

Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/blei/renaissa/renaissa.xml
typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130203
projectid828bde07
Schließen

Navigation:

 

Morlini erzählt

Der nun sprach, war der Doktor beider Rechte, des weltlichen und kirchlichen, Messer Girolamo Morlini aus Neapel.

»Die Ehre, an Eurem Gastmahle teilzunehmen, danke ich dem Umstande, daß mir einmal in meinem gar nicht mit Annehmlichkeiten verzierten Leben sozusagen die Galle überlief und ich mit diesem Stoffe nichts Gescheuteres anzufangen wußte als Tinte anzurühren. Sie war von etwas ätzender Beschaffenheit dank dieser Herkunft. Aber Ihr würdet mir zu viel Ehre antun, wenn Ihr mich nach diesem einzigen Versuche für Euresgleichen ansähet. Es erfuhr mir schon dadurch große Auszeichnung, daß manche meiner Anekdoten von so vortrefflichen Verfassern wie Ser Bandello oder so geschickten wie Ser Straparola zum Anlaß genommen wurden, ihnen ein neues Gewand zu geben.

Der Beruf, den ich unter dem König Ferdinand von Aragon in der Stadt Neapel ausübte, war nicht danach angetan, über zwei menschliche Gattungen ein günstiges Urteil zu gewinnen, – die Frauen und die Mönche. Messer Aretino wird Euch das nicht zu bestätigen brauchen, wenn ich behaupte, daß niemand mehr Übel in die Welt gesetzt hat als die Frauen und Mönche. Und die Advokaten, sagte man wohl am päpstlichen Hofe zu Rom, als man meine mit tausend Fehlern zu Neapel von Joan Pasquet im Jahre 1520 gedruckten Geschichten und Fabeln kurze Zeit darauf vom Henker verbrennen ließ, trotzdem sie durch kaiserliches und päpstliches Privilegium für zehn Jahre geschützt waren. Nun, dieses Privilegium hat der Drucker sich erschwindelt, wie ich wohl bekennen muß. Ich überlegte für eine kurze Zeit einen neuen, verbesserten und um neue Geschichten vermehrten Druck, aber meine gallige Tinte war verbraucht. Und wenn ich auch dem Elende recht benachbart lebte, welches Geständnis mir mehr Kummer als Schande bereitet, so habe ich, wie ich gestehen muß, immer mehr den Ruhm der Armut erstrebt als die Beachtung durch den Reichtum. Wie fern mir lag, an literarischen Ruhm zu denken und Gewinn daraus zu ziehen, möget Ihr, ich bitte Euch, verehrte Meister, auch daraus erkennen, daß ich meine einundachtzig kleinen Geschichten, erlebte und erhörte, lateinisch aufgeschrieben habe. Der Sprache der Alten die saftige Derbheit unseres Volkes zu geben, mochte wohl ein etwas barbarisches Resultat zeitigen, an dem Cicero keine große Freude gehabt hätte, aber es schaffte mir in meiner einsamen Gelbsucht einige Unterhaltung, mein Neapolitanisches lateinisch auszudrücken. Ihr könnt versichert sein, daß ich dabei nicht daran dachte, es den Herren Pogio und Pontano nachzumachen, die für wohlerzogene Leser ihre lateinische Novellen schrieben, weil sie, wie unsere philosophischen Gladiatoren Valla und Filelfo, es für unwürdig erachteten eines gebildeten Mannes, sich der Sprache der Menge zu bedienen, wenn sie in die Arena stiegen und einander mit pseudociceronischen Invektiven bearbeiteten.«

Hier sagte Masuccio: »Als ich mit siebzehn einmal im Petrarca las, erfuhr es mein Lehrer. Es gab Prügel dafür. Denn es war uns Schülern streng verboten, Schriften in der Sprache des Volkes zu lesen.«

Und ein anderer erinnerte: »Als im Jahre 1441 die Medici wieder in Florenz waren, da setzte Alberti, der damals in dieser Stadt lebte, einen Preis, eine silberne Krone, aus für das beste Gedicht über die Freundschaft, gedichtet in der Volkssprache. In Santa Maria del Fiore trugen die Dichter, es waren achte, vor, was sie verfaßt hatten in terza rima, in sapphischem und hexametrischem Versmaß. Das Zeug war so schlecht, daß sich die Richter mit dem Preis zurückzogen. Und war doch eine Zeit einmal gewesen, wo die Schmiede bei der Arbeit Gedichte von dem Dante und von Guido Cavalcanti sangen.«

»Das,« sagte nun Ser Bandello, »taten sie immer noch und durch alle Zeit. Aber es war bei gelehrten Männern und ihren Nachahmern besonders Mode geworden, ihre Rede, wenn sie in der Muttersprache lief, mit lateinischen Wendungen zu spicken, und es gab dann bald Narren, wie den Verfasser der Hypnerotomachia, welche sich für dieses Laster einer latinisierten Schreibweise die Ewigkeit durch die Druckerpresse erhofften. Aber die spinnenden Mägde und die Handwerksgesellen sangen weiter Dantes Tanzlied von Ghirlandetta oder Messer Boccaccios Ballata ›Il fior che' 'l valor perde‹ und mußten sich nur ganz wenige Änderungen, kaum merkbar, gefallen lassen, wie eben eine Münze ihre scharfe Prägung nicht behält, wenn sie umläuft. So lief auch Euer liebliches Lied, Ser Sacchetti, O vaghe montanine pasturelle, durch die vielen Lippen, bis es so wurde, daß man es für ein Gedicht des Signore Poliziano hielt, der aus diesen frischen Quellen schöpfte. Aber erzählt nun Eure Geschichte, Messere Morlini!«

»In der Asche meiner verbrannten Erinnerung kratzend,« begann dieser, »hoffe ich eine Anekdote zu finden, – denn mehr als das ist nicht was ich schrieb, – welche diesen Ort hier verträgt und den heiligen Quell, an dem wir sitzen, nicht zur Kloake macht.«

»Laßt es Euch nicht kümmern, Doktor,« meinte Bandello, »sagten sie doch auch von meinen Geschichten, sie seien nicht anständig. Und ich bin durchaus dieser Meinung, Anständigkeit richtig verstanden. Ich leugne nicht, daß viele meiner Geschichten nicht nur nicht anständig, sondern höchst unanständig waren. Denn wenn ich erzählte, daß ein Mädchen ihrem Geliebten der Liebe Gunst erwies, so kann ich nicht behaupten, daß dies nicht höchst unsittlich ist. Und so von vielem, das ich erzählte. Kein gesunder Mensch wird Blutschande, Diebstahl, Vatermord und andere lasterhafte Taten in Schutz nehmen, und in meinen Geschichten kommt vieles solches vor. Aber ich gebe nicht zu, daß ich dafür tadelnswert bin. Die Welt möge jene tadeln, welche solche Verbrechen begingen und nicht jene, welche davon schreiben. Verbrechen zu begehen scheint mir lasterhaft, nicht aber von ihnen zu wissen. Unwissenheit taugt nie nichts, und es ist besser, über die Schlechtigkeit der Welt unterrichtet zu sein als durch fehlende Kenntnis in Irrtum zu fallen.«

Nach diesem apologetischen Versuche des Bischofs begann Morlini seine Geschichte:

»Da lebte in Capua ein junges durch Schönheit ausgezeichnetes Weib und war an einen tüchtigen jungen Mann verheiratet. Einfach und bescheiden wie sie war, verstand sie nicht, wie sie schuldige Begierden hervorrufen könnte. Und dennoch waren drei Kleriker in sie verliebt und wußten einer nichts von des andern Leidenschaft.

Diese drei verfolgten das junge Weib unausgesetzt, so daß sie sich entschied, alles ihrem Mann zu erzählen. Dieser, höchst erfreut über die Liebe und Keuschheit seines Weibes, riet ihr, um die drei Kerle nach ihrem Verdienste zu strafen, ihnen die Gunst ihres Lagers zu versprechen. Was auch geschah. Sie sagte ihnen, ihr Mann sei abwesend und gab jedem eine verschiedene Stunde an, sie zu treffen und das von ihr zu erhalten, was er begehre. Zur angegebenen Zeit machte der erste seine Anwesenheit durch ein Pfeifen bemerklich. Und alsbald öffnete die Verschlagene die Pforte.

›Ich fürchte, mein Liebling, daß du heute Nacht vergeblich gekommen bist, denn es ist dringend nötig, daß ich mit meiner Nachbarin den Brotteig ansetze. Und so werden wir kaum Zeit finden, uns einander zu erfreuen.‹

Aber der vor Begierde ganz tolle Pfarrer bestand darauf, zu bleiben.

So sagte die Frau:

›Könnt Ihr das Mehl beuteln? Wenn Ihr das könnt, so zieht Eure Kutte aus und ich gebe Euch ein Kleid von mir und Ihr ersetzt mir die Nachbarin. Und wenn wir die Arbeit getan haben, dann bin ich Euer‹.

Der Priester beeilte sich, seine Kleidungsstücke abzutun und in einen kurzen Rock der Frau zu schlüpfen, und fing dann an, das Mehl zu beuteln wie eine Frau. Da kam der zweite, klopfte und rief. Die Frau machte die Tür ein bißchen auf und sagte ihm, sie sei mit einer Nachbarin beschäftigt, Brot zu backen, entschuldigte sich über das Mißgeschick und versprach ihm, mit Gottes Hilfe ein anderes mal zu Willen zu sein. Aber der Priester kam ins Weinen und Schöntun und Streicheln und erklärte, sie zu stark zu lieben, als das er jetzt weggehen könnte.

›Ich habe da ein großes Faß,‹ sagte die Frau, ›wenn Ihr wollt, verberge ich Euch darin solange ich meine Arbeit tue. Dann laß ich Euch heraus und löse mein Versprechen ein.‹

Der Priester zog hierauf seine kostbaren Kleider aus, um sie nicht zu beschmutzen, und setzte sich ganz nackend ins Faß.

Kaum hatte sie den Deckel über das Faß gesetzt, kam der dritte. Auch ihn versuchte sie loszuwerden, aber er beschwor sie auf solche Weise, ihr Wort zu halten, wenn sie ihn nicht unter ihren Augen vor Liebe sterben sehen wolle, daß sie tat als ob sie nachgebe.

›Ich hab keinen Ort, wo ich Euch verstecken könnte, aber ich hab im Hausgang ein Kruzifix von natürlicher Größe, daß auf einem Fußgestell steht. Auf das will ich Euch nackt befestigen, bis ich mit meinem Brotbacken fertig bin, und wir können uns dann unserer Liebe hingeben.‹

Wie alle Verliebte, denen nichts zu schwer ist, wenn es sie nur an ihr Ziel bringt, versicherte er der Frau, er würde für sie noch ganz anderes auf sich nehmen. Er entkleidete sich also und ließ sich an das Kreuz binden, wo er ganz unbeweglich hängen blieb.

Nachdem sie all das ganz heimlich getan, sagte die Schlaue zu dem ersten, der das Mehl beutelte:

›Haltet die Tür gut geschlossen, ich geh nur rasch zur Nachbarin, ihr sagen, daß ich eine Hilfe habe und die ihre nicht brauche‹.

Draußen traf sie ihren Mann:

›Ich tat was du mir rietest,‹ sagte sie, ›die drei Liebhaber sind im Haus eingeschlossen. Der erste beutelt Mehl, der zweite steckt im Faß, der dritte hängt am Kreuz. Nun ists an dir, Acht zu geben, daß sie sich nicht ohne Schaden aus der Sache ziehen‹.

Der Gatte griff einen Stock, schlug an die Pforte und warf mit lauter Stimme seinem Weibe die Langsamkeit vor, ihm zu öffnen. Bei dem Lärm wußte der, der das Mehl beutelte, vor Schreck nicht, sollte er antworten oder still sein. Ihr könnt Euch denken, wie den beiden andern zu Mute war. Der Gatte schaut durch einen Türspalt und tut so, als ob er sein Weib erkennte.

›Mach mir auf, du Hure!‹ schreit er, ›hörst du mich nicht? Hast du verstopfte Ohren? Erkennst du mich nicht? Gib Antwort!‹

Plötzlich warf er sich mit Macht gegen die Tür, so daß sie aus den Angeln sprang. Er geriet allsogleich über den als Frau Gekleideten und richtete ihn auf eine Weise her, daß er sich kaum aufrecht halten konnte und halbtot aus dem Hause taumelte. Dann zündete er eine neben dem Kreuze befindliche Lampe an, als ob er eine fromme Handlung beginge, packte ein stachliches Rutenbündel und, indem er tat, als ob er den Staub damit abkehren wollte, haute und zerfetzte er damit den Hängenden auf eine Weise, daß ihm vom Kopf zu den Füßen das Blut floß. Damit nicht zufrieden, wollte ihn der grausame Gatte noch mehr erschrecken und indem er tat, als riefe er seinem Weibe zu, sagte er:

›Da hängt einer, der sündigt noch durch eines. Bring mir eine Leiter und ein Messer, damit ich ihn davon befreie‹. Bei dieser Drohung machte der Gekreuzigte einen Sprung, daß seine Bande rissen, und stürzte wie er war davon.

Blieb noch der dritte. Der Gatte kam über das Faß und rollte es zum Hause hinaus. Es ging gerade die Sonne auf. Auf einer üblen steinigen Straße rollte er es sechs Meilen weit vor sich her bis zu einem Markte, wo er es, Faß samt Inhalt, für einen niedrigen Preis verkaufte...

Nun, dies ist meine Geschichte,« schloß Signore Morlini, »und laßt, um sie rasch zu vergessen, den gelehrten Herrn Giraldi sprechen.«

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.