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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 18
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Grazzini erzählt

Francisco Doni hätte, wie er merken ließ, nun gerne gesprochen, aber sei es, daß die Gesellschaft ihn erst seinen Ärger über des Aretiners Bemerkungen sich wollte etwas abkühlen lassen, sei es, daß sie nach so vielem venetianischem Säuseln und Singen wieder den vollen Klang des Toskanischen hören wollte, es bekam Messer Antonio Francesco Grazzini das Wort oder Il lasca, wie er sich, sein lebhaftes geschmeidiges Wesen damit ausdrückend, als ein schnellendes Fischlein nannte nach dem Brauche der Akademien. Grazzini war unter denen gewesen, welche die erste Akademie in Florenz, die ›Feuchten‹ gründete. Er schnitt mit seinem ernsten Gesicht eine Grimasse, als ob er eine lustige burla erzählte und begann:

Sandro Boticelli
Giuliano de Medici

»Wohin immer auch mein Auge in der Florentiner Landschaft fiel, konnte es die Wappen meiner Familie in Stein gehauen sehen oder in Farben, das der Mutter, die eine de Santi war, das des Vaters aus dem alten Stamme der Grazzini von Staggia, das in der Valdelsa liegt auf der Straße nach Rom. Ja, das konnte ich sehen und drei Geschwister noch, aber an Reichtümern nichts mehr. Um die Zeit, da die Franzosen Rom plünderten, freute ich mich in Florenz, wenn meine Landsleute sich an Feigen, Pfirsichen und solchen Früchten überaßen, denn da konnte ich ihnen in meiner Apotheke zum Mohren allerlei Tränklein und Pulver verkaufen. Ich war ein Apotheker. Was sonst konnten meine ersten Verse sein als ein Loblied auf die Melonen? Nun, es blieb nicht bei so harmlosen Gegenständen. Ich hatte in meinem Berufe ja auch mit allerlei Giften zu tun, nicht nur mit guten Kräutern. Und man schaut in mancherlei Eingeweide. Es gibt nicht immer Gutes da zu sehen. Mehr Schlimmes. Ich blieb unbeweibt mein Leben lang, und so war keine Frau da, die meinen Übermut hätte dämpfen können. Keine Zunge, die spitzer als die meine diese bedächtig gemacht hätte. Ich blieb darum gesund ein langes Leben lang, und der Nachruf Wohlgesinnter bedauerte bei meinen Hingang einen Verlust, den der Witz, die Gelehrtheit und die Sprache erlitten hätten. Nun will ich zu gunsten meiner Schriften keinerlei Privilegien aufstellen und sie auch in nichts weder zum Bessern noch zum Schlechten unterscheiden von all dem, was bis zu meinen Tagen geschrieben wurde. Mag alles so gut sein wie es will. Aber zu einem andern möchte ich, nachdem man von unseren geglückten Kurtisanen und von unserem nicht geglückten Theater gesprochen hat, ein Wort sagen, und unser göttlicher Pietro wird mich nicht für einen der ganz zu recht verhaßten Pedanten halten, trotzdem ich von unsern Akademien sprechen will. Ich gründete mit Freunden die Umidi und war ihr Kanzler und dreimal nachher ihr Proveditore, als sie sich der Gunst des Großherzogs von Toscana erfreute und den Titel Florentinische Akademie annahm. Da gab's viel Zulauf von allerlei Schwätzern und Schöngeistern und Halbgelehrten, und das wollte sich zeigen und wichtig tun mit Vorlesen zweimal die Woche und Zensur vor jeder Drucklegung einer Schrift. Da wollte ich nicht mittun, und so schloß mich diese Akademie aus. Zu meinem Ruhme muß ich wohl sagen. Abermals machte ich mit einigen Gleichgesinnten den Versuch und wir gründeten die Akademia della Crusca. Ihr wißt, die alten Akademien, jene des Cosimo, des Pontano, des Aldo, hatten ihr Werk, die Förderung der klassischen Studien, getan. Die neueren sollten sich um unsere italienische Literatur kümmern. Denkt daran, wie jung noch unsere Sprache war und wie noch gar sehr unbestimmt. Es fehlte uns ein Zentrum, das seine Regel als die Regel diktiert hätte. Da hatte Signore Baldassare Castiglione seinen ganz vortrefflichen Traktat, den Cortegiano, geschrieben, aber was er höchst Kluges und Richtiges darin gesagt hatte, das war vergeblich gesagt worden. Er forderte Freiheit von allem falschen Getue und mißbilligte durchaus den Gebrauch jener veralteten toskanischen Worte, welche die Puristen, wie sie sich nannten, in Wort und Schrift so liebten. Denn Schreiben ist nur eine Form des Sprechens, das weiter besteht, wenn einer gesprochen hat. Wohl muß man solcher Dauer achten, denn sie ist das Leben des gesprochenen Wortes. Aber dies meint, daß man gut unter den gesprochnen Worten wähle, nicht aber im Schreiben Worte gebrauche, die keiner im Sprechen braucht. Über diesen Satz nun kamen die Pedanten und Puristen und suchten, der Schwierigkeit zu entgehen, zwischen Sprachbrauch in Toscana und dem in Bergamo zu wählen, ein Muster aufzustellen. Sie trennten den Gedanken vom Wort, als ob sich Leib und Seele trennen ließe! Sie stellten Petrarca für das Gedicht als Muster auf, und für die Prosa Boccaccio. Aber hätten diese beiden großen Männer in unserer Zeit gelebt, sie würden sicher viele ihrer Worte nicht mehr gebraucht haben, weil das, was sie ausdrückten, damals zu ihrer Zeit, in der unsern verschwunden war. Sie wären gewiß nicht die Puristen ihrer selbst gewesen, wie alle die Dilettanten und Snobs, die unsere Akademien füllten, gar nichts zu sagen hatten und das in entlehnten fremdartigen Worten sagten, die kein Mensch mehr sprach, weder ein Bürger noch ein Bauer, weder im Lombardischen noch im Toscanischen. Da lag ein Weg vor uns, der aller Sprachen Weg ist: Gedanken klar und kraftvoll ausdrücken. Aber diese Deklamatoren gingen einen Seitenpfad ins gewollte Dunkle und wollten darin die Regel sehen. Darüber stritten sich die Akademien, deren jedes Städtchen eine hatte. Ich glaube, die vielen Kriege unserer Städte entstanden aus dem Streit ihrer Grammatiker und Rhetoriker. Aber kein Gedicht; so viele Verse über nichts diese Akademiker auch machten und dann darüber stritten, ob es richtig nach dem Petrarca gemacht sei. Tief zu denken, lebhaft zu fühlen, deutlich vorzustellen, neu zu erfinden, das war in den Akademien gefährlich. Gewiß, das glänzte alles sehr elegant, was diese Herren und Plebejer, Geistliche und Weltliche, vornehme Damen und Kurtisanen, Fürsten der Kirche und arme Pfennigschlucker da verfaßten. Aber dieser Gewinn war Verlust des richtigen Gefühles für die Poesie, eine falsche Auffassung ihres Wesens und ihres Sinnes. Nichts war in diesem Walde als Laub, doch keine Frucht. Ja, wären diese Puristen jenem Petrarca gefolgt, der seine Oden an Rienzo und die italischen Fürsten dichtete! Hätten sie seinem Schrei ›Italia mia‹ ein Echo gegeben mit ihrer Rednerkunst, sie hätten da vielleicht gelernt, eine Threnodie auf Rom oder Florenz zu schreiben. Vielleicht hätte ihnen der Ernst des Gegenstandes, der Jammer unseres Landes, eine Materie gegeben, welche ihrem reinen Stil die Unsterblichkeit verliehen hätte. Aber sie nahmen sich die Rime in Vita e Morte de Madonna Laura zum Muster und besangen Gefühle, die sie nie gefühlt hatten inmitten eines sterbenden Italien. Da mußte es dann geschehen, daß sich die also platonisch gequälte Natur in den lasciven Versen der Capitoli Luft machte und waren die Priapeen nicht natürlicher als jene entsinnlichten dichterischen Übungen.

Da hatte der schöne Kardinal Bembo, Ihr erinnert Euch, gesagt: ›Unsere Sprache für eine andere aufgeben, ist so wie der eignen Mutter den Lebensunterhalt entziehen und ihn einem fremden Weibe geben‹. Ganz ähnlich hatte zwei Jahrhunderte zuvor Dante, wenn auch von einem andern Standpunkte aus, gesprochen. Er wollte, weil er sich dazu berufen fühlte, seiner Nation eine Sprache geben. Aber ganz voller Gelehrtheit und zu mäklerisch, einen neuen Schöpfungsakt zu wagen, war das, was sich unsere puristischen Dichter und Akademiker nannte, zufrieden damit, den Ruhm eines Nachahmers zu affektieren, wie es Bembo schrieb in seinem Traktate De Imitatione. Der Akademiker war voll generösem Mitleid gegenüber seiner Muttersprache, aber die Art, wie er sie rehabilitierte, war servil.

Ich sehe Euch gelangweilt, werte Herren. Verzeiht einem Apotheker, der nur über seinen Laden, nie über seine Stadt hinausgekommen ist, daß er Geliebtes traktierte, wozu ihm der Mangel jeder anderen Zerstreuung eben Zeit ließ. Es war auch ein wenig Eitelkeit, die mich verführte. Ich wollte mit dieser Erinnerung an unsere Sprache den tausenden Geschichten, die wir erzählten, und so gering sie sein mögen neben den dichterischen Werken unserer Tasso, Ariosto und Bojardo, noch eine andere Rechtfertigung geben als diese, daß wir darin, immer auf das Neue, das Aufregende und Unterhaltende bedacht, nichts sonst gegeben hätten als Spiegel unserer Sitten und Bräuche. Wir waren da gewiß nicht sehr wählerisch, und der immer danach hungrige Geschmack der an Zahl zunehmenden Leser machte uns oft leichtfertig. Dennoch gab jeder von uns nach seinen Fähigkeiten seiner Mutter Nahrung und nicht diese einem fremden Weibe. Und nun will ich eine Geschichte erzählen.

Da lebte in Florenz in der Ghibellinen-Gasse eine Witwe, Monna Margherita, aus der Familie der Chiaramontesi. Sie hatte noch im hohen Alter eine junge Bäuerin zu sich genommen und war die Verpflichtung eingegangen, sie, wenn die Zeit gekommen war, zu verheiraten und ihr eine Mitgift von hundertfünfzig Pfunden zu geben. Als das junge Kind nun erwachsen genug war, um einen Mann zu nehmen, holte sie ihre Mutter und brachte sie zurück nach Mugello, wo sie herstammten. Monna Margherita war damit einverstanden und erklärte ihnen, die Mitgift stünde zu ihrer Verfügung, vorausgesetzt, daß sie einen passenden Gatten fänden. Monna Mea, die Mutter der jungen Magd, ließ nun das ganze Dorf wissen, daß sie ihre Tochter verheiraten wolle. Da diese nun hübsch und lustig war und dazu noch eine gute Mitgift bekam, sah sie sich bald von einer Menge Freiern umgeben. Aber die Mutter gab ihre Tochter und die gesamte Mitgift einem Mann mit Namen Beco aus Poggia. Am Abend, an dem Beco dem Mädchen den Ring reichte, wollte er auch gleich mit ihr im Bett liegen und einige Tage darauf zu der Witwe nach Florenz gehen, um die Mitgift zu holen. Zunächst aber packte ihn die Lust, auf den Jahrmarkt von Dicomano zu gehen, um für sich und seine Frau Kleider zu kaufen. Er gab also seiner Schwiegermutter und seiner Frau den Auftrag, Monna Margherita in Florenz aufzusuchen, um sich die Mitgift auszahlen zu lassen und sie heimzubringen, denn er würde wohl drei oder vier Tage unterwegs bleiben; dann ging er fort und auf den Jahrmarkt.

Am folgenden Morgen machten sich Monna Mea und ihre Tochter auf den Weg und kamen gegen neun Uhr in ein Dorf, wo ein Priester, der ihr Pfarrer gewesen war, ein liebenswerter und ausgezeichneter Mensch, die Pfarre inne hatte. Wie alle Landleute, die dort durchkommen, besuchten auch sie diesen Priester, wurden von ihm auf das Herzlichste empfangen und blieben bei ihm zu Tisch. Am selben Tage war zufällig ein Nachbar von ihnen angekommen, der von Florenz nach Hause zurückkehrte. Er hieß Nencio dell' Ulivello. Als das Essen beendet war, man aber noch am Tisch saß, fragte der Priester Monna Mea, warum sie nach Florenz gingen. Sie erwiderte, sie wolle die Mitgift ihrer Tochter holen, die sich gerade mit dem und dem verheiratet hätte.

Der Geistliche fragte lachend:

›Und wo ist denn Beco?‹

›Der ist auf den Jahrmarkt von Dicomano gegangen,‹ sagte die Frau, ›aber was will das schon heißen, ob er da ist oder nicht?‹

›Nun, das will im Gegenteil sehr viel heißen,‹ sagte der Pfarrer Agostino, ›Ihr lauft Gefahr, Euch vergebliche Mühe zu machen, denn wenn Eure Herrin den Gatten nicht sieht, wird sie so gut wie sicher kein Geld geben.‹

›Da haben wir ja eine hübsche Dummheit gemacht,‹ sagte die junge Frau, die Pippa hieß, ›nun müssen wir warten, bis Beco zurück ist und ihn mitnehmen. Wie dumm von uns, so unbesonnen gewesen zu sein!‹

›Nun,‹ nahm der Priester wieder das Wort, ›ich werde Euch einen Rat geben, damit Ihr nicht umsonst gekommen seid, nehmt doch den Nencio mit, er wird Euch gern begleiten. Ihr sagt dann, daß dies der Gatte sei und das Geld ist Euch sicher.‹

Dieser Rat fand den vollen Beifall Monna Meas. Um dem Priester und den beiden Frauen einen Gefallen zu tun, willigte Nencio ein, ohne zu ahnen, was geschehen sollte. Ohne zu zögern nahm man nun den Weg nach Florenz auf und kam zu der Witwe, die sie alle drei mit Freuden empfing. Kurz und bündig erklärte Monna Mea ihr, daß Nencio Pippas Gatte sei und sie gekommen wären, um die Mitgift zu holen. Monna Margherita nahm liebreich die Hände des jungen Paares, erklärte ihre volle Zufriedenheit und ließ gleich den Mann holen, der ihre Sachen regelte, um das Geld zu bringen, damit die drei sobald als möglich wieder heimkehren könnten. Um die Wartezeit zu kürzen, reichte sie ihnen zu essen und richtete einige Komplimente an Pippa und Nencio, den sie doch als Gatten ansah, sagte ihm, er hätte da eine gute und wohlerzogene Frau bekommen und ermahnte ihn, sie glücklich zu machen. Nencio strengte sich heftig an, über diese Worte beglückt zu scheinen.

Nach langem Warten kam endlich der Sachverwalter der Witwe an. Diese sagte ihm, daß er Pippa hundertfünfzig Livres auszuzahlen habe und sie hier dem Gatten übergeben solle als Mitgift seiner Frau. Der Mann ging sofort zur Bank, um das Geld zu holen, kam aber bald wieder und berichtete, daß der Kassierer nicht mehr da wäre; wenn man aber Geduld bis zum nächsten Morgen hätte, würde er das Geld bekommen. Monna Margherita meinte darauf:

›Es ist schon so spät, daß Ihr nicht vor Mitternacht zu Hause sein könntet und so ist's besser, wenn Ihr den Abend bei mir verbringt. Mein Haus ist groß genug für alle. Ihr werdet wohl auch sehr müde sein, des bin ich sicher, und nichts kommt mir gelegener, als mich noch ein wenig meiner lieben Pippa zu erfreuen, die ich wohl so bald nicht wieder sehen werde, das weiß Gott! Da ich sie doch so gut wie selber erzogen habe, bin ich ihr zugeneigt, als ob sie meine eigne Tochter wäre.‹

Ohne mehr viel zu überlegen, nahmen Monna Mea und ihre Tochter die Einladung an. Als der Abend gekommen war, setzte man sich zu einem von der Witwe vorbereiteten Abendessen. Aber als dann der Augenblick des Schlafengehens gekommen war, waren Mutter und Tochter ganz sprachlos, als sie erfuhren, daß ihre Gastgeberin in einem Zimmer unten ein Bett für die beiden Jungvermählten hatte herrichten lassen und daß Monna Mea oben mit der Dienerin schlafen sollte. Nencio war ebenso erfreut über die Zusammenstellung wie die beiden Frauen bestürzt und entsetzt. Frau Mea wiederholte immer wieder, daß sie mit ihrer Tochter zusammen schlafen wollte, aber die Witwe war durchaus dagegen und setzte ihnen auseinander, daß es so etwas nicht gäbe und daß Nencio zu seinem Weibe gehöre, in Florenz ebenso wie auf dem Lande. Monna Mea wurde nun ängstlich, die Witwe könnte merken, daß Nencio nicht der Gatte ihrer Tochter sei, und um nicht als Lügnerin dazustehen, mußte sie in alles einwilligen. Sie begleitete Nencio und Pippa in deren Zimmer und flehte Nencio auf den Knien an, mit ihrer Tochter während der Nacht nichts zu sprechen, was ihr Nencio aufs Wort versprach. Froh darüber ging Monna Mea in den Saal zurück und legte sich zu der Magd; auch Monna Margherita ging zu Bett.

Als Monna Mea gegangen war, schloß Nencio sorgfältig die Tür und zog sich aus, seinen Blick nicht von Pippa wendend, die mit ernstem Gesicht da saß, sich aber heimlich ins Fäustchen lachte und Miene machte, sich lieber angezogen als anders hinzulegen und sich nicht aufschnüren lassen wollte. Nencio versicherte ihr, daß er sie schon nicht fressen werde und wußte sie schließlich so gut zu beschwatzen, daß sie sich in aller Eile entkleidete und noch vor ihm im Bette lag. Der glückliche Nencio löschte dann das Licht und legte sich zu ihr. Einige Augenblicke blieben sie stumm, dann streckte Nencio den Fuß und berührte Pippa an der Seite. Pippa, ebenfalls ohne ein Wort zu sprechen, riß ihm eine leichte Schramme. Nun kitzelte Nencio sie, sie tat ein Gleiches und so spielend und immer noch schweigend warf sich der junge Mann auf das Mädchen und sie gaben sich gegenseitig die Wonnen, die Mann und Frau gemeinsam genießen.

Als das vorbei war und Nencio wieder neben Pippa lag, fing sie als erste an zu reden und sagte lächelnd:

›Ach, Nencio, so achtest du den Eid, den du meiner Mutter geschworen hast und so hältst du dein Wort? Ich hätte das niemals geglaubt und bin nur so ruhig geblieben, um zu sehen, ob du schuldig werden würdest, aber ich bin sehr froh, dich nun zu kennen, das wird mir ein andermal dienlich sein.‹

Nencio erwiderte ihr lachend:

›Ich habe meinen Schwur nicht gebrochen, und bin gegen keine Seele wortbrüchig geworden. Es ist wahr, ich habe deiner Mutter versprochen, kein Wort zu sprechen und habe auch mein Versprechen gehalten. Was habe ich dir denn gesagt?‹

So sprechend näherte er sich ihr wieder, weil das Spiel ihm gefallen hatte und immer stumm entlud er seine Armbrust von neuem, und dann schlief er ein.

Am nächsten Morgen früh erwacht, machten sich die beiden jungen Leute noch zweimal ihr Vergnügen. Als Monna Mea aufgestanden war, nahm sie zwei Paar frische Eier, die ihr Monna Margherita für das junge Paar gegeben hatte und brachte sie ihnen, natürlich in dem Glauben, daß sie gänzlich überflüssig seien. Sie trat in das Zimmer und fand ihre Tochter fast fertig angezogen, während Nencio noch im Bett lag. Sie sprach lachend zu ihnen:

›Sehet, was Madonna Margherita für eine gute Frau ist. Sie schickt Euch da frische Eier mit der Vermutung, daß Ihr eine Stärkung nötig habt. Aber erzählt mir ein wenig, mein Kind, wie hat Nencio sich während der Nacht gegen dich betragen?‹

›Vortrefflich,‹ antwortete Pippa, ›er hat sein Versprechen ganz genau eingehalten. Man kann sich ihm ruhig anvertrauen, und ich werde ihm ewig dankbar bleiben.‹

›Gott vergelte es ihm,‹ sagte Monna Mea, ›und halte es seiner Seele zu gute. Aber was mache ich nur mit den Eiern?‹

›Gebt sie nur her,‹ sagte Nencio, ›ich werde sie austrinken, damit das Abenteuer wahrer aussieht.‹

Und er ließ sich ein Paar geben und trank sie auf einen Zug leer. Er wollte auch noch die beiden andern schlucken, aber Pippa nahm sie ihrer Mutter aus der Hand und sprach:

›Du Fressack, die beiden sind für mich,‹ und schlürfte sie aus.

Die beiden Frauen ließen dann Nencio sich ankleiden und begaben sich in den Saal. Sie waren noch nicht lange da, als der Mann kam, der gerade das Geld geholt hatte.

Inzwischen war auch Nencio heraufgekommen und zählte sich hundertfünfzig Pfund in gutem Gelde ab als Mitgift von Pippa, Monna Margheritas ehemaliger Magd, ganz so, als ob er der echte Gatte wäre; und unterschrieb auf seinen Namen. Monna Mea tat das Geld in einen Sack, den sie hierfür mitgebracht hatte, und man trank noch einen Schluck. Dann verabschiedeten sich die drei von ihrer Gastgeberin und machten sich, alle sehr zufrieden, auf den Heimweg. Sie kehrten gemeinsam nach Mugello zurück, konnten aber den Pfarrer nicht mehr sprechen, weil er nicht zu Hause war, und so ging jeder in sein Heim, nicht ohne daß Monna Mea und Pippa sich noch für den großen Dienst, den er ihnen erwiesen, bei Nencio bedankt hätten.

Beco, der zwei Tage später vom Jahrmarkt heimkehrte, suchte sogleich seine Schwiegermutter auf, die ihm die Mitgift übergab. Er war sehr zufrieden damit, und ohne weiter an Anderes zu denken, ging er seiner Arbeit nach und seinem Vergnügen mit Pippa.

Johannestag war gekommen und Beco begab sich nach Florenz, um seinem Herrn zwei Gänse zu bringen. Der war aber zufällig seit dem Abend zuvor nach dem Elsa-Tal verreist, wo er einige Tage bei seinem Bruder verbringen wollte, der ein Amt in Certaldo hatte. Die ganze Familie war abwesend und das Haus geschlossen.

Von seinen Gänsen arg behindert, hatte Beco den Gedanken, sie Monna Margherita zu bringen, deren Namen und Adresse er kannte; und er erinnerte sich, wie gütig sie sich gezeigt hatte, seiner Frau die Mitgift auszuzahlen, trotzdem er nicht dabei war.

›Das ist eine Gelegenheit, sie kennen zu lernen und ihr meine Erkenntlichkeit zu beweisen,‹ überlegte er sich.

Er machte sich also auf den Weg und bei dem Hause angekommen, klopfte er an die Tür. Die Dienerin, die ihn mir seinen Gänsen hatte kommen sehen, sagte zu ihrer Herrin:

›Das ist ein Bauer‹, und zog das Türseil.

Beco trat in den Saal, machte eine tiefe Verbeugung und sprach:

›Ich bin der Mann von Eurer ehemaligen Magd und komme, um Euch diese Gänse zu bringen, die Ihr uns zuliebe essen sollt‹.

Die Dame schaute ihn genau an und erwiderte:

›Guter Mann, gib acht, daß du dich nicht im Namen und im Haus irrst. Wer schickt dich und wo hat man dich hingehen heißen?‹

Beco darauf:

›Seid Ihr nicht Madonna Margherita Chiaramontesi, welche die Pippa aufgezogen hat und ihr vor noch nicht zehn Monaten hundertfünfzig Pfund als Mitgift gegeben habt?‹

›Ja, das bin ich‹.

›Nun, ich bin Pippas Mann‹, sagte Beco.

›Wie?‹, sagte die Dame. ›Nein, wahrhaftig, du bist nicht ihr Gatte‹.

›Warum bin ich es nicht?‹ rief Beco. ›Ich weiß es doch, habe ich doch heute Nacht noch bei ihr geschlafen und sie heute in der Früh daheim gelassen, grade als sie sich das Gesicht wusch, um schön zu sein zu Ehren des Johannistages!‹

›Großer Gott, du bist ihr Mann?‹ sagte Monna Margherita, fast zornig. ›Ich weiß aber doch, daß, als sie ihre Mitgift abholte, ein anderer als Du sie begleitet hat. Ich habe ihn gut gesehen, habe ich doch für ihn und Pippa das Bett gerichtet, und am Morgen hat er dann das Geld genommen und ist mit den beiden Frauen fortgegangen‹.

Beco schrie:

›Ich Unglücklicher! Man hat mich betrogen!‹

Er sprach noch vieles weiter mit der Dame und als Beco sich jeder Kleinigkeit versichert hatte, war er bald sicher, daß nach den Auskünften über die Zeit, die Person und das Gesicht, daß der falsche Gatte Pippas der Nencio dell' Ulivello gewesen war. Aber das kümmerte ihn wenig; das, was ernst in seinen Augen war, war der Umstand, daß Nencio eine Nacht mit ihr geschlafen hatte, ganz allein mit ihr, und das schien ihm und der Witwe das Seltsamste von der Welt.

Er ließ seine Gänse dort, wollte nichts essen und trinken, sondern ging fort, wütend und eifersüchtig. Er ging so schnell, daß er schon abends zu Hause war. Monna Mea traf er als erste und schleuderte ihr eine heftige Beleidigung entgegen und auch seiner Frau, als sie erschien. Die guten Frauen entschuldigten sich und sagten, daß es der Rat des Priesters gewesen wäre und daß Nencio nichts getan hätte, als mit Pippa geschlafen. Aber Beco konnte sich nicht beruhigen; er sagte, sie hätten ihn entehrt und geriet in eine solche Wut, daß er einen Stock nahm, um sie zu erschlagen. Doch er hielt sich aus Furcht vor dem Gericht zurück, warf sie aber hinaus und sagte ihnen, sie mögen zurückkehren, woher sie gekommen seien, denn er will nicht so viel Schande bei sich im Hause haben. Dann schloß er sorgsam die Tür und ging ohne Abendessen schlafen.

Die beiden unglücklichen Frauen begaben sich zu einem Bruder von Monna Mea. Beco konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, immerfort mußte er an seine Pippa denken, und schwor sich, sie nie wieder zu sehen; aber zum Bischof wolle er gehen und den Nencio des Ehebruches zeihen. Kaum war der Morgen gekommen, als er aus dem Bett sprang; blind vor Wut und ohne Überlegung machte er sich auf den Weg nach Florenz und beschwerte sich bei allen, die ihm begegneten über sein Weib. Dann kam er zum Bischof und erhob seine Anklage.

Noch am selben Tage wurden Nencio dell' Ulivello und Pippa vorgeladen und am nächsten Morgen vor neun Uhr waren sie in Florenz, um sich zu verteidigen, nachdem sie untereinander beschlossen hatten, alles zu leugnen und dem Vikar zu sagen, daß Nencio nichts anderes getan hätte, als in seiner Ecke gelegen und geschlafen.

Sie wollten gerade bei dem Bischof eintreten, als Pater Agostino hinzukam. Ganz erstaunt, Nencio und Pippa hier zu treffen, fragte er sie nach dem Grunde ihres Hierseins. Nencio berichtete ihm nun Punkt für Punkt die ganze Begebenheit. Der Priester konnte sich eines Lachens nicht enthalten. Als er dann aber Beco traf, nahm er ihn beiseite und tadelte ihn lebhaft, sich so dumm benommen zu haben, eines blinden Zornes wegen. Er erklärte ihm, daß Nencio nur in seinem Interesse gehandelt habe und um den Frauen einen Gefallen zu tun; daß er nichts mit Pippa gemacht habe, er könne es ruhig glauben, denn Nencio habe ihm beim letzten Fasten gebeichtet. Er bewies ihm mit tausend Gründen, daß er toll gehandelt hätte und wie sich die Sache auch würde wenden, sie nur ihm zum Schaden gereichen könne. Endlich brachte er ihn soweit, daß er ihn zu Pipa führte, um sich zu entschuldigen und mit Nencio Frieden zu schließen. Darauf begab er sich zu dem Vikar, mit dem ihn verwandtschaftliche Beziehungen verknüpften, und erledigte alles so gut, daß Alle in vollster Eintracht entlassen wurden und sich in seinen Pfarrhof begaben, wo sie bis zum Abend verblieben.

Doch Beco konnte den Gedanken an die Nacht, die seine Frau mit dem andern verbracht hatte, nicht los werden und grollte immer noch ein bißchen. Um nun doch alles zu einem guten Abschluß zu bringen, nahm er Nencio unter Eid das Versprechen ab, daß, falls er heiratete, er Beco erlauben müßte, auch eine Nacht mit seiner Frau zu schlafen unter der Bedingung, daß Beco nicht zu ihr sprechen dürfe, nur um den Leuten antworten zu können:

›Hat Nencio mit meiner Frau geschlafen, so doch auch ich mit seiner!‹

Zwischen ihnen war dadurch nun alles im gleichen. Nachdem nun voller Friede geschlossen war und man dem Priester ein gesegnetes Jahr gewünscht hatte, gingen sie am Morgen fort, ein jeder in sein Haus. Nur daß Nencio, solange Beco lebte, auf eine Heirat verzichtete. Denn er hielt es für wahrscheinlich, daß die Frau, die er nehmen würde, auch nicht viel tugendhafter sein würde als Pippa.«

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