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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 16
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Aretino erzählt

»Ihr habt es, Freund Agni, beklagte, dass die Krankheit Euch hinderte, das schöne Werk, für das Ihr mit allen Talenten ausgerüstet wart, zu vollenden. Aber dessen war eine andere Krankheit Ursache, bei Euch wie bei Freund Molza. Denn es hatten die Alten wohl recht, die Liebe eine Krankheit zu nennen, und der Liebe zu den Frauen wart Ihr allzu sehr verfallen und viel mehr immer darauf aus, sie zu genießen als ihr aus dem Wege zu gehen und den andern Weg zu nehmen, der zum Schreibpult führt. Ihr hattet Angst, daß sich jener gewisse Aussatz, der die menschlichen Züge jedes Schreibenden so arg verändert, über Euer Antlitz legt und zoget es vor, Euch in diesem Fieber zu verbrauchen, als welches die Liebe zu den Frauen ist. Aber es ist die wahrhafte Schönheit die Vollendung des Menschen in allen seinen Möglichkeiten und in jedem seiner Augenblicke. Es ist die Schönheit nicht die Statue, sondern der in den Gassen und auf den Plätzen schreitende Mensch, der den Tag mit gelungener Geste begrüßt. Ihr lebtet und verbrauchtet Euch in diesem Fieber, welches man die Wiedergeburt nannte, die Rinascia – wahrhaft eine Kurtisane war sie, die Aspasia eines zehnten Papstes Leo und dieser ein anderer Perikles. Wer es anders tat und nie sein hörnenes Faß mit Tinte vergaß, das an der Brust zu tragen ihm wichtiger schien als hier eines Weibes Busen zu fühlen, – nun, von dem gibts viel Frucht seines Fleißes, aber ob er recht im Sinne unserer Zeit gelebt hat, das wird zu bezweifeln sein, nicht wahr, Messer Cinthio, der Ihr Euch den Bart streicht, zufrieden über viele Seiten, die Ihr mit Eurer Feder bekritzeltet –?«

Aber Messer Pietro ließ den so Angesprochenen nicht zu dem Wort kommen, für das der den Mund schon etwas säuerlich spitzte, sondern fuhr fort:

»Gewiß, Ihr könnt mir gar viele Bücher und Schriften an den Kopf werfen, die meine fleißige Feder schrieb, aber ich sage Euch, sie sind leichten Gewichtes und wollten es auch so sein. Nehmt mich um alles nicht für einen Bücherverfasser, so vieles derlei ich auch tat, weil es mir diente. Das Abenteuer meines Lebens ward, daß ich es keinem Herrn verschreiben wollte als seinem eigenen, und der war ich selber, die Geißel der Fürsten.

Aus dem untern Volke geboren hätte ich mich nicht wie Ihr fast alle damit trösten können, von Adel zu sein, und darüber, als ein Lakei einem Herrn zu dienen, wie es selbst eines Tasso Los gewesen. Niemandes Diener wollte ich sein und mußte mir daher Alle zu Dienern machen, vom Kaiser an. Wie ich dies anfing, nehmt das als eine Geschichte, denn anders kann ich Euch keine erzählen.

Da kam einmal zu mir ein gewisser Medoro Nucci aus meiner Heimatstadt Arezzo, der in Venedig, wo ich schon meinen Aufenthalt genommen hatte, sein Glück suchen wollte. Ich empfahl ihn dem Gesandten des Herzogs von Florenz, mußte das aber widerrufen, denn dieser Nucci taugte nichts. Da glaubte er, mich damit unter die Bank bringen zu können, daß er mir einen groben Brief schrieb ›an Pietro Lucha, den Aretiner, Schuster in Venedig‹. Ich gab den Brief weiter an den Herzog Cosimo. Der Kerl von Landsmann glaubte mich mit dem Schuster zu erniedrigen, was ein Titel meines Ruhmes war. Mochten doch alle Fürsten und Edelgebornen Söhne zeugen, mir gleich, der einen armen Schuster in Arezzo zum Vater hatte und eine Frau zur Mutter, die nichts als Tita hieß, weil sie aus dem Volke war, schönen Leibes und guten Verstandes. Daß ich nicht ehelich geboren und meine Mutter viel begehrt und vielen gefällig war, habt Ihr gern verbreitet, Messere Doni, und ich hab es Euch nicht übel genommen, denn Ihr littet viel unter der Gelbsucht. Man erfand mir noch ganz andere Eltern statt des wahrhaften Schusters und der schönen Mutter. Da soll der Teufel in der Gestalt eines Franziskanermönchs eine Nonne beschlafen haben, um mich zu zeugen, den Antichrist! Mein Stolz wuchs an dieser Legende, die der Macht, die ich ausübte, die Natur nahm, so groß war diese Macht, und ihr den Bösen als Ursache gab, so unerklärlich schien sie.

Kann ich mit meiner Herkunft kein großes Atout auf den Tisch schlagen, so ist's auch mit meiner Bildung nichts, womit ich Staat machen könnte. Ich las, was mir in die Hände fiel und verschlang mit Leidenschaft diese Ritterromane, diese Reali di Francia, recht törichtes Zeug, dessen Verbreitung für unser italienisches Schriftwesen von großem, aber sicher nicht gutem Einfluß gewesen ist. Strambotti und Sonetti und Capitoli und Barzellette machte ich schon als ein Jüngling von neunzehn und ist das auch von Nicolo Zopino in Venedig gedruckt worden. Das war im Jahre des Herrn 1511. Es taugte nicht mehr als meine Malkunst. Denn dieses Handwerk betrieb ich in einer Werkstätte zu Perugia. Aber nicht als ein Maler ging ich sechs Jahre später nach Rom, wo ich in die Dienste Leo X. und des Kardinals Giulio Medici trat. Ich wetzte da nicht schlecht meine Zunge gegen die Wahl des Flamen Hadrian zum Papste und verließ Rom mit meinem Kardinal, um mit ihm wieder zurückzukehren, als er unter dem Namen des siebenten Clemens den päpstlichen Stuhl bestieg. Das war im November des Jahres 1523. Ihr erinnert Euch des Skandalums, das ein Jahr darauf jene wolllüstigen Posituren des Giulio Romano verursachten, die Marc Anton gestochen hat. Im Übermute meiner dreißig Jahre dichtete ich sechzehn erklärende Sonette zu diesen Stichen. Ich wollte sie dem mir sehr wohlgesinnten Papste widmen, aber es kam anders. Ich lag mit einem gewissen Datario Giberti in Fehde, und der dang in einem Bolognesen Achille de la Volta meinen Mörder. Ich kam aber mit ein paar Dolchstichen und mit dem Leben davon, das in Sicherheit zu bringen ich mich beeilte. Mit offenen Armen empfing mich Giovanni delle bande nere, aber dieser herrliche Held starb schon ein Jahr darauf. Wie auch der Papst. Genug hatte ich vom Herrendienst. Ein durch die Gnade Gottes freier Mensch, das wollte ich sein, und ging nach Venedig.

Ich nannte mich die Geißel der Fürsten, den Göttlichen und Wahrhaften, und das wäre einfältig gewesen, wenn es aus nichts als Eitelkeit geschehen wäre. Aber ich übte auch die Macht dieser Titel aus und führte sie, bestätigt von Freunden, gefürchtet von Feinden, und mein Name war bekannt bis Persien.

Ich nahm die Partei des Königs Franz von Frankreich und respektierte ihn auch dann noch, als ich ein Parteigänger des Kaisers Karl wurde, des Fünften seines Namens. Die Päpste zeichneten mich aus. Julius III. küßte mich auf die Stirn und machte mich zum Ritter des Petrusordens. Es fehlte nicht viel und er hätte mir den Purpur des Kardinals gegeben. Die Predigermönche sagten von mir, Gott und die Natur könnten kein wirkungsvolleres Mittel, die Menschen zu bessern, hervorbringen, als recht viele solche Aretiner. Es liebten mich die Künstler und die Frauen. In einem Palaste am großen Kanal hielt ich offnes Haus, das wie mein Herz immer bereit war, frohe Gäste zu empfangen. Meine Geliebten wählte ich im Adel wie im Volke. Mein Freund Tizian malte mein Bildnis für den Herzog von Mantua. Der spröde Meister Michel Agniolo tat einen Fluch, aber er schenkte mir Zeichnungen, um die ich ihn bat. Ich wußte um die Leidenschaft der Liebe und habe sie zweimal mit allen Qualen erlitten, aber ich fand deswegen die Freuden der Sinne nicht verächtlich und konnte mich an den lasciven Kräften der Ganymeden entzücken ebenso wie an den Geschicklichkeiten der Kurtisanen und den niedergeschlagenen Augen der keuschen Damen. Ich weiß, Freund Molza, es unterschieden sich unsere römischen Kurtisanen durch nichts sonst von den honetten Frauen als durch ihre feineren Manieren. Und jene Veronica Franco hat recht gehabt, als sie sich den nackten Fuß küssen ließ und sagte, die Schönheit ihrer Füße sei die Heiligkeit derer des Papstes wert. Ein frommer Mann nannte unsere Tullia d'Arragona eine Kirchenmutter, und als mit sechsundzwanzig Jahren Imperia starb, da weinten wir um sie wie unsere Väter um den Verlust des Imperiums geweint hatten, und da hatten sie doch nur die Welt verloren, wir aber unsere Herzen und uns selber.

Ich war reich und verschwendete was immer ich besaß und gab das mir Kostbarste hin, wenn dessen Besitz einen Freund glücklich machte. Ja, Ser Doni, Ihr kaut an dem Worte, das Ihr mir gabt, indem Ihr an die Quelle meines Reichtumes dachtet und sie stinkend zu machen versuchtet, und Verkommenheit späterer Jahrhunderte wird sich vielleicht an Euer Wort halten und mich zum Stammvater der Erpressung durch die Feder machen, weil ich der erste war, der auf das aufmerksam wurde, was man die öffentliche Meinung nennt und ihre Bedeutung erkannte. Ihr könnt immer die vielen hunderte von Briefen, die ich drucken ließ, eine Zeitung nennen, in der ich drohte, schmeichelte, bettelte und befahl. Ihr nanntet mich, Ser Doni, einen meisterhaften Erpresser, wo ich nichts sonst tat, als daß ich mir meine sehr gesuchte Arbeit bezahlen ließ. Aber nicht kaufen. Ist einer unter Euch aus meinem Zeitalter, der nicht als ein Parasit leben mußte? Ich aber lebte als großer Herr. Und habe mich nie angepaßt, und sagte meine Meinung mit jeder Kühnheit, die ich vermochte. Erinnert Euch, was ich dem Kaiser sagte, als er ein Bündnis mit den Türken eingehen wollte. Ja, ich schuf mit meinen Briefen das, was man die öffentliche Meinung nennt, kraft meines Talentes, meines guten Verstandes und, ja, auch damit, dank meiner Güte. Ich gewann die Frauen, die ich liebte, Köchin oder Komtessa, tugendhafte Angela Serena oder frivole Perina Riccia. Und gewann die Freunde, die ich dessen für wert hielt und ließ jene bis in alle Zeiten meine Schmäher sein, die mir das Talent, den Reichtum und den Ruhm neideten. Und selbst meinen allerchristlichsten Tod, der mich nach Beichte und Kommunion und Ölung mit einem Schlaganfall erreichte, und nicht, daß ich mit einer Gänseleberpastete, die mir im Halse stecken blieb, und mit einem Fluche vom Bösen geholt wurde unter Gestank und Flamme. Es roch nach nichts als nach dem Weihrauch im Gewande des guten Pfarrers meiner Kirchengemeinde San Luca, des Pietro Paolo Demetrio, der mir mit den Sakramenten beistand. Amen.«

Des alten Sacchetti Stimme ließ sich hier vernehmen:

»Ganz seltsame Sitten muß fürwahr ein Zeitalter gehabt haben, das sich Euch, Messer Pietro, zum obersten Richter darüber bestellte.«

Der Aretiner lachte über sein ganzes Wolf-Fuchs-Gesicht, während er sagte: »Man fand in der Tat keinen Würdigeren, Messere Sacchetti, so viele sich auch um die Stelle mühten, nicht wahr Messer Doni?«

Der verzog etwas säuerlich die dünnen Lippen:

»Ihr seid mit Eurer Lebensgeschichte gar rasch an das erbauliche Amen des Schlusses gekommen und wir hätten alle gern mehr davon gehört. Zumal aus jenen Tagen, da Ihr noch nicht das offne Haus hieltet.«

Der Aretiner verlor nichts von seiner behaglich lachenden Ruhe. Er sagte: »Ich hatte nur einen Gegner, Messer Doni, der mich traf. Ihr wart es weiß Gott nicht, so viel Mühe Ihr Euch auch damit machtet. Es war ein anderer Francesco, der Berni. Er tat es in einem so herrlichen Sonette, das ich darauf nur schweigen konnte.«

»Nur schweigen?« meinte Doni.

»Berni starb ganz plötzlich. Es gab Gerüchte von einem gewaltsamen Tod. Er war ein bittrer Hasser des Alessandro Medici. Man erzählte sich, des Alessandro's Vetter, der Kardinal Ippolito von Medici, hätte den faulen Berni dingen wollen, den Alessandro zu vergiften. Und da er sich weigerte und der Kardinal ihn nun fürchtete, habe er ihn umbringen lassen. Ja, die Sitten und Gewohnheiten an unsern italienischen Höfen waren etwas lebhaft. Aber auch die Gerüchte, lieber Messer Doni. Doch da Ihr, mein Freund, bevor ich Euch aus meinem Hause warf, mehr von meinen jungen Jahren wissen wollt, sollt Ihr bedient sein. Das gute Geschick bewahrte mich davor, lateinisch und griechisch zu lernen und mir meine Natur von den alten Mustern verderben zu lassen. Ich habe weder in Trauerspielen den Seneca nachgemacht wie alle unsere allzugelehrten Tragödiendichter, die so viel eiskaltes Blut in ihren Stücken vergießen lassen zum endlosen Gerede ihrer Verse, noch den Plautus oder Terenz. Ich lernte mein Handwerk an besserem Orte als auf Schulen. Ja, ich war ein Lakai und lebte mit Lakaien ein paar Jahre lang. Wurde vertrauter Diener und Favorit des Herrn Chigi, dem ich diente. Daß ich es nicht blieb, müßt Ihr wohl meinem Witz zuschreiben, also meinem Verdienste. Ich wußte immer und durchaus, was ich wollte, und kannte und brauchte meine Mittel, meinen Willen zu erreichen. Die blasse Zukunft mit Ruhm und derlei kümmerte mich gar nichts, sondern nur die lebendige Gegenwart, deren ich mich ganz erfreuen wollte. Mein Zeitalter kam mir dabei zu Hilfe. Die Heuchelei eines späteren hätte mich im Stich gelassen oder mir andere Mittel aufgezwungen. In der bronzenen Tür der Sakristei von San Marco könnt Ihr neben dem Kopfe meines Freundes Tizian und dem des Bildners Sansovino selber mein Konterfei sehen, von meisterlicher Hand geschaffen. Ich war nicht weniger guter Christ als irgend einer, und war es nicht mehr, so sehr mich auch die Marquesa Vittoria Colonna in vielen Briefen darum bat, mein Leben ganz dem lieben Gott zu weihen, so sehr erbaut war sie von meinen frommen Büchern, deren ich nicht wenige schrieb, ganz aus meinem Kopfe heraus, wie ich sagen muß. Im Leben der Catherina von Siena, das ich verfaßte, steht kein wahres Wort, außer den lateinischen Zitaten aus der Bibel, die ich mir, weil es so Brauch in derlei Schriften, von ein paar Leuten besorgen ließ, wie dem Spitzbuben Franco, den man hängte, weil er in seinem Dolch keinerlei Verstand hatte. Ich sagte Euch schon, ich besaß keine Gelehrsamkeit. Und geb Euch zu, daß ich auch den modischen feinen Geschmack nicht hatte, wie ihn die beiden Medici in Rom so besonders besaßen und sich darum wohl so wenig aus mir machten. Aber daß keiner begeisterter war von den Künsten, das laßt Euch von meinen Freunden Tizian und Tintoretto, von Sansovio und dem Buonarotti sagen. Und von den Dichtern. Das kam mir aus keinerlei Lernen, sondern aus dem Reichtum der Natur. Poesie, das ist eine Laune der Natur in ihren frohen Augenblicken. Ohne die Natur ist sie ein Kirchturm ohne Glocke, ein Tamburin ohne Schellen. Wenn ich schrieb, tat ich wie der Maler, der auf die lebendige Menge wies, als man ihn fragte, woher er seine Beispiele nehme. Der Natur Sekretär war ich. Sie diktierte, ich schrieb auf. Mußte ich nicht lachen über die Pedanten, die glaubten, es bestünde alles im Latein und daß wer nicht Latein verstünde den Mund nicht öffnen dürfe? So töricht war ich nicht, um nicht zu wissen, daß wir von Boccaccio und Petrarca herkommen, aber auch nicht so dumm, daß ich Zeit auf den Versuch verlor, mich in sie zu verwandeln. Weit besser, aus dem eignen hölzernen Becher zu trinken, als aus eines Andern goldnem Pokal. Und bessere Figur macht ein Mensch in eignen Lumpen als gestohlenem Samt. Ach unsere puristischen Pedanten, diese Esel von anderer Leute Bücher! Erst haben sie die Toten massakriert und dann ließen sie nicht nach, auch die Lebenden umzubringen. Es war Pedanterie, die den Herzog Alessandro umbrachte. Es war Pedanterie, die den Kardinal von Ravenna in den Kerker warf und Häresie heraufbeschwor durch den Mund des Erzpedanten Luther!

Verlangt nicht, daß ich Euch nun eine Geschichte erzähle. Ihr alle trefft das besser. Der vortreffliche und sehr gelehrte Ser Cinthio erzählt Euch gerne zweie und mehr aus seinen vielen, die, wenn sie auch nicht den Saft der Sieneser und die Süße der Florentiner haben, doch voll Mord und Totschlag sind und der Moral am Schlusse nicht entbehren. Erzählte ich Euch aus meinen Komödien, könnte es Ser Cinthio einfallen, uns mit einer seiner Tragödien aufzuwarten. Und da ich keine Tänzer sehe, die wie üblich den Zwischenakt belebten, würden wir alle einschlafen.«

Hier konnte sich Messere Cinthio nicht zurückhalten, eine Bemerkung zu machen:

»Ihr hattet nicht nötig, Divino, uns zu versichern, daß Ihr weder Kenntnisse noch Geschmack besaßet. Keiner hat das je vermutet.«

Darauf sagte der Aretiner:

»Der Kardinal Bibiena, Ariosto und Ihr, Messer Machiavelli, Ihr werdet es wie ich mir selber nicht übel nehmen, wenn ich sage, daß wir, so gut wir es meinten, mit unsern Komödien denen nicht gleich kamen, die sich wie Molière in Frankreich und die Engländer darin hervortaten mit so großem Gelingen. Und gar was unsere Tragödie betrifft, gelehrter Signore Cinthio, – Messer Machiavelli, unser Kopf und unser Herz, hat gewußt, was uns fehlte, auf daß uns die Blüte eines Theaters werden konnte, wie es andere Völker besaßen. Es fehlte uns das Volk. Es fehlte uns die im Kampf errungene Einheit. Vor unserm Theater saßen Gelehrte, Höflinge, die gelehrt waren oder so taten, saßen Mitglieder von Akademien und Snobs. Saßen lauter Köpfe, aber keine Seelen, die wir hätten erschüttern können. In unsern Tragödien floß erschrecklich viel Blut, aber es war niemandes Blut, das da floß. Vielleicht war unsere Geschichte zu dramatisch. Wir haben ja auch keine Ballade. Nur Liebesgedichte und Singsang. Unser Bestes, die Aminta von Tasso, der Pastor fido von Guarini, es trug die Musik im Keime, die unser Theater bildete, als welches die Oper war. Eure Zeit, Messer Sacchetti, hatte ein Gewissen. Die unsere hatte keines. Ganz Italien war verhurt und jeder von uns. Wir konnten uns nur mehr lustig machen. Dazu brachten uns Kriege, Hungersnöte und die Schlechtigkeit der Zeit, wo Bruder und Schwester sich mischten ohne Scham und ohne Gewissen. Wir lachten dazu. Und was in unsern pathetischen Tragödien wie eine Träne glänzte, war aus Muraneser Glas. Genug davon! An Euch ist die Reihe zu erzählen!«

Damit wandte sich der Aretiner an seinen Nachbar.

Aber es waren viele an der Tafel, die verlangten, daß Aretino eine Geschichte erzähle, und so gab er nach und begann:

»Da lief, als ich, in Perugia war es, einer am Wege aufgerichteten Magdalena zu Füßen des Kreuzes statt des Totenschädels eine Laute in die haltenden Hände malte, – damals lief also eine Geschichte herum von einem, der zierlich Holz in Holz einlegte, was man Tarsien nennt, und der hieß, nicht weil er fadendünn war, der Fettwanst. Er hatte in Florenz auf dem Platze San Giovanni seine Werkstatt, wo er auch hübsche kleine Tischchen für die Damen mit Geschmack herstellte, war ein heiterer Kumpan von etlichen achtundzwanzig Jahren und gern in lustiger Gesellschaft, wie auch solche ihn immer mit großem Hallo empfing. Eine solche Gesellschaft versammelte regelmäßig zum Sonntagabend ein Edelmann Thomas Pecori in seinem Hause, und an einem solchen Abend, da man nach reichlichem Essen am Kaminfeuer saß, sagte einer der Gäste, warum sich wohl der Dickwanst so sehr geweigert habe, heut zu kommen. Man nannte so allerlei Gründe und riet auf dies und das, bis schließlich einer sagte: ›Wir wollen ihm einen Streich spielen dafür, damit er sich nicht gar in der Laune gefällt, unsere Gesellschaft auch fürderhin zu meiden.‹ ›Ja,‹ sagte ein anderer, ›wir wollen ihn auf irgendeine Weise hereinlegen, etwa daß wir ihn ein großes Essen bezahlen lassen oder so was ähnliches.‹

Unter den Anwesenden war auch Filippo Brunelleschi, den man nach seinen Verdiensten mit Recht kennt und schätzt. Er war mit den Gewohnheiten des Fettwanstes gut vertraut. So sagte er nach einigem Nachdenken: ›Wir wollen ihn glauben machen, daß er sich ganz aus sich selber in einen andern Menschen verwandelt hat und nicht mehr der Fettwanst ist, der er war.‹ ›Das wird doch nicht gut zu machen sein,‹ meinte einer. Aber Brunelleschi zeigte gleich, wie die Sache angestellt werden müsse und was ein jeder zu tun habe, um den Fettwanst glauben zu machen, er sei jetzt ein gewisser Matthias, der einer der Kumpane war.

Am Abend des andern Tages begab sich Filippo zur Stunde, da die Handwerker ihren Laden schließen, zu dem Fettwanst, plauderte mit ihm über dies und das. Darüber kam in Eile ein Bub hergelaufen und rief: ›Ist da nicht der Filippo Brunelleschi?‹ Der trat alsbald vor und sagte, das sei er, und wollte wissen, warum er frage. ›Nun, Ihr sollt gleich nach Haus kommen, denn seit zwei Stunden ist Eure Mutter nicht ganz wohl. Lauft, denn sie ist fast schon tot.‹ Da nahm Filippo ein trauriges Gesicht an, rief ›Gott steh mir bei‹ und nahm Abschied vom Fettwanst. Der sagte zum Troste: ›Ich will mit dir gehn, um dir beizustehen. Es gibt Fälle, wo man Freunde nicht allein lassen darf.‹ Aber Filippo wehrte ab: ›Bleib nur. Es ist keine geeignete Stunde. Ich laß dich rufen, wenn ich dich brauche.‹ Und lief davon.

Aber nicht nach Hause, sondern in das Quartier des Fettwanstes, das gegenüber Santa Reparata lag. Mit einem Messer machte er sich da die Tür auf, ging ins Haus und schob den Riegel innen vor, so daß niemand hereinkommen konnte. Nun hatte der Fettwanst eine Mutter, die war, schon einige Tage her, nach ihrer Meierei in Polverosa gegangen, um zu waschen, und sollte jeden Tag in die Stadt zurückkommen.

Der Fettwanst hatte seine Werkstatt inzwischen geschlossen und spazierte in Gedanken an das Mißgeschick Filippos so ein paar mal um den Platz herum. Aber darüber wurde es spät, und er sagte sich: ›Da er nicht nach mir geschickt hat, scheint mich Filippo nicht zu brauchen‹, und machte sich auf den Heimweg. Vor seiner Haustür angekommen, versuchte er vergeblich, sie zu öffnen und merkte schließlich, daß sie von innen verriegelt war. Nun schlug er heftig mit der Faust an die Tür und rief: ›Wer ist da oben? Mach mir auf!‹ Er glaubte seine Mutter wäre vom Lande zurück und hätte sich da aus Versehen oder einem besonderen Grunde eingeschlossen. Filippo hatte sich die innere Treppe hinauf begeben und rief von da aus: ›Wer ist da?‹ wobei er ganz die Stimme des Fettwanstes annahm. ›Mach auf!‹ schrie der. Da tat Filippo, der den Fettwanst spielte, so, als ob er vor der Haustür den Matthias erkannte, für den den Fettwanst zu halten man übereingekommen war. So rief er: ›Ach du bist es, Matthias! Laß uns in Ruh! Gerade war Brunelleschi in meiner Werkstatt gewesen, meldet man ihm, seine Mutter liege im Sterben. Du verstehst, ich bin nicht aufgelegt.‹ Dann tat er, als ob er sich umwendete und redete gleich weiter: ›Donna Giovanna (so hieß des Fettwanstes Mutter), seht zu, daß ich zu Abend esse. Seit zwei Tagen schon solltet Ihr zurück sein und kommt nun mitten in der Nacht‹, und brummt noch so was weiter, immer mit der Stimme des Fettwanstes. Der hört das und denkt sich: ›Was ist denn da? Mir kommt vor, der da oben, das bin ich selber. Erzählt von Filippo, der aber bei mir in der Werkstatt war, wie man ihm von seiner Mutter berichtet, und schnauzt meine Alte an, – ich glaube, ich habe nicht meinen Kopf auf‹. Darüber tritt er die zwei Stufen zurück, die zu seiner Haustür führen, stellt sich auf die Gasse. Und wie er gerade zu den Fenstern hinaufschreien will, kommt, wie verabredet war, ein gewisser Donatello vorbei, ein Bildwerker in Marmor und großer Freund des Fettwanstes. Kommt also so beiläufig vorbei und sagt: ›Wenn es der Fettwanst ist, den du suchst, Matthias, er ist vor einer kleinen halben Stunde da in sein Quartier gegangen‹. Und verduftet.

Francesco Cossa
Triumph der Venus I.

Erst war der Fettwanst ganz verblüfft, sich Matthias genannt zu hören, aber dann brachte ihn das ganz auseinander. Er verzog sich also auf den Platz San Giovanni und sagte zu sich: ›Da bleib ich solange, bis mich einer erkennt und mir sagt, wer ich bin‹. Und wie er da so stand in seiner Verlegenheit, kamen, wie verabredet war, vier Schergen und ein Gerichtsschreiber daher und mit ihnen ein Gläubiger dieses selben Matthias, in dessen Person sich verwandelt zu glauben der Fettwanst anfing. Der Gläubiger schritt auf den Fettwanst zu, wandte sich an Schergen und Schreiber und rief: ›Den da nehmt mit! Es ist Matthias, mein Schuldner. Endlich erwisch ich ihn‹.

Wie gesagt, so geschehen. Die Schergen packen den Fettwanst und stoßen ihn vor sich her. Der wendet sich an den, der ihn hatte verhaften lassen und sagt: ›Was gehe ich dich an, daß du mir Schergen auf die Fersen setzt? Sag ihnen, sie sollen mich loslassen. Du irrst dich. Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Ich bin der Fettwanst, der Tischler, und nicht der Matthias und weiß gar nichts von dem Matthias, von dem du redest‹.

Und da er ein großer starker Kerl war, warf er sich auf die Leute. Die aber packten ihn gleich fest, und der Gläubiger trat ganz nah und sah ihm ins Weiße der Augen. ›Was denn‹, sagte er, ›ich erkenne in dir wirklich nicht meinen Schuldner Matthias, ich kenne aber auch nicht den Tischler Fettwanst, von dem du sprichst. Aber deine Schrift hab ich gut und richtig in meinen Büchern und hab ein Urteil gegen dich seit einem Jahr. Du bist ein schlechter Zahler und gibst dich für einen andern aus als den Matthias. Solltest aber lieber deine Schulden bezahlen als dich verstellen. Nehmt ihn mit, wir werden schon sehen, wer er ist‹. Und sie schleppten den schimpfenden Fettwanst ins Gefängnis der Kaufleute. Es war gerade die Zeit des Abendessens und so traf man niemanden auf den Gassen.

Da angekommen, wurde er vom Schreiber als Matthias ins Register eingetragen und hinter Schloß und Riegel gesetzt. Die anderen Gefangenen hatten den Lärm gehört und auch wie man den neu Eingebrachten immerzu Matthias nannte, und so riefen sie, da sie ja wirklich nicht wußten, wer er war, ihm zu: ›N Abend, Matthias! Mach dirs bequem, Matthias!‹

Da hörten im Fettwanst allmählich die Zweifel auf, daß er Matthias sei und indem er grüßte erzählte er: ›Ich bin da einem Geld schuldig, er ließ mich einsperren, aber morgen früh bezahl ich meine Schuld‹. Er war völlig verwirrt.

›Wir sind, wie du siehst, gerade beim Essen, Matthias,‹ sagten die Gefangenen, ›iß von dem unsern und morgen zahlst du uns dafür. Aber du mußt wissen, man sitzt hier immer länger als man glaubt‹.

Nach dem Essen, bot dem Fettwanst einer die Halbscheid seines Bettes: ›Los, Matthias, richte dirs ein so gut es geht. Wenn du morgen raus kommst, um so besser. Wenn nicht, schickst du in dein Quartier nach Bettzeug‹. Der Fettwanst dankte und richtete sich zum Schlafen zurecht. Aber es gingen ihm viele Gedanken im Kopf herum. ›Was tun, wenn ich aus dem Fettwanst der Matthias geworden bin? Und ich kann doch bei den vielen Zeichen gar nicht mehr daran zweifeln. Wenn ich nach Haus zu meiner Mutter schicke und der Fettwanst gerade da ist, so machen sie sich über mich lustig und sagen, ich sei närrisch geworden. Andererseits kommt es mir so vor, als sei ich immer noch der Fettwanst‹.

Solche Gedanken ließen ihn mit offenen Augen daliegen bis in den Morgen. Einmal glaubte er, er sei der Fettwanst, dann wieder der Matthias. Als es Tag war, stellte er sich hinter dem Schiebefenster an der Gefängnistür auf, in der sicheren Hoffnung, daß da einer vorbeikommen würde, der ihn kenne. Wie er da so stand, einmal auf dem Bein, dann auf dem andern, müde und erschöpft wie er war, trat ein junger Mann ein. Es war Giovanni, Sohn des Messire Francesco Rucellai, ein Genosse jener lustigen Gesellschaft, der am vergangenen Abend da gewesen und seine Rolle in dem Possen übernommen hatte. Er stand zu dem Fettwanst in guten und vielen Beziehungen, hatte gerade einen Untersatz für eine Madonna bei ihm bestellt und war am vorigen Tage bei ihm gewesen, um ihn zur Fertigstellung der Arbeit zu drängen. Dieser Rucellai trat also ein und wie ihn der Fettwanst durch das Gitterfenster erblickte, machte er ihm Zeichen. Der aber tat, als ob er ihn nie in seinem Leben gesehen hätte und fragte so leichthin: ›Warum lachst du, Bursche?‹

›Nichts, nichts‹, antwortete der Gefangene. ›Wollt nur wissen, kennt Ihr vielleicht einen gewissen Fettwanst, der seine Bude hinter dem Platz San Giovanni hat und der in Tarsien arbeitet?‹

›Natürlich kenn ich ihn‹, sagte Rucellai, ›ist ein guter Freund von mir und ich geh von hier aus zu ihm für eine kleine Arbeit, die er mir macht‹.

›Schön‹, sagte der Fettwanst. ›Da Ihr obendrein zu ihm geht, sagt ihm bitte, einer seiner Freunde sitze hier im Loch und daß er ihm einen Dienst erwiese, wenn er auf ein Wort herkäme‹.

Rucellai nahm sich sehr zusammen, nicht laut aufzulachen und sagte: ›Ich will es gern ausrichten‹. Worauf er wegging.

Der Fettwanst sagte sich: ›Jetzt ist es sicher, daß ich nicht mehr der Fettwanst bin und der Matthias wurde. Verfluchtes Schicksal! Sag ich, was mir passiert ist, hält man mich für einen Narren und Gassenbuben laufen hinter mir her. Und wenn ich das Maul halte, so gibts Irrtümer über Irrtümer wie der, welcher mich hierher ins Gefängnis gebracht hat. Auf jede Weise sitze ich also im Schlimmen. Ich bin jetzt nur neugierig, ob der Fettwanst kommen wird. Wenn er kommt, erzähl ich ihm die Geschichte und man wird sehen, was das alles bedeutet‹.

Aber er konnte warten und sich den Kopf zerbrechen, kein Mensch kam, und der arme Kerl, der einem Andern am Fensterchen Platz machen mußte, setzte sich auf die Pritsche, beguckte die Wand und zählte die Dachbalken.

Unter den Häftlingen befand sich damals ein Richter, ein sonst verdienter Mann. Der fand den ihm unbekannten Fettwanst melancholisch und da er meinte, seine Schuld mache ihn so niedergeschlagen, versuchte er ihn auf jede Weise aufzurichten.

›Ihr seit so traurig, mein lieber Matthias, und braucht nicht mehr viel, daß ihr daran sterbet. Und wie Ihr selber sagtet, ist die Schuld doch nicht groß. Man muß sich von einem kleinen Mißgeschick nicht so unterkriegen lassen. Warum bestellt Ihr Euch nicht einen Verwandten oder Freund her? Warum tut Ihr nichts, da heraus zu kommen und laßt nur den Kopf hängen?‹

Diese tröstlichen Worte gaben dem Fettwanst Mut, sein Abenteuer zu erzählen. Er nahm also den Richter in eine Ecke und sagte:

›Messire, wenn Ihr auch nicht wißt, wer ich bin, kenne ich Euch doch und weiß, Ihr seid ein Ehrenmann‹. Und dann erzählte er ihm von Anbeginn an, was ihm passiert war, nicht ohne dabei Tränen zu vergießen, und bat ihn zum Schlusse um zweierlei: einmal daß er nie Andern auch nur ein Wort weiter erzähle. Und dann, daß er ihm einen guten Rat gebe, wie er aus dieser Geschichte herauskomme. ›Ich weiß, Ihr habt lange studiert und viele Bücher und alte Historien gelesen, worin so viele Abenteuer aufgeschrieben sind. Habt Ihr je von einem gelesen, das meinem ähnlich?‹

Der Richter sagte sich, daß hier nur zwei Dinge möglich seien: entweder daß der Mann ein Narr sei oder daß man ihm einen Streich gespielt habe. Er sagte dem Fettwanst, daß er Ähnliches wie seinen Fall schon in den Büchern gelesen habe. Worauf der Fettwanst sagte:

›Sagt mir nur, was ist denn, wenn ich Matthias geworden bin, aus dem Matthias geworden?‹

›Der Fettwanst natürlich.‹

›Schön. Ich möcht ihn wohl gern ein bißchen sehen, damit mein Kopf zur Ruh kommt‹.

Darüber war es Vesper geworden. Da kamen die beiden Brüder des Matthias ins Gefängnis und fragten den Wärter, ob nicht einer ihrer Brüder namens Matthias sich unter den Häftlingen befinde und für welchen Schuldbetrag man ihn eingesperrt habe, denn ihre Absicht sei, für ihn zu bezahlen und ihn aus der Haft zu lösen. Der Wärter, ein guter Freund des Peconi und genau eingeweiht, antwortet, es sei so. Und indem er tat, als ob er in seinem Register suchte, nannte er eine Summe, für welche der Bruder sitze.

›Gut‹, sagten die Brüder, ›wir wollen auf ein Wort mit ihm sprechen und dann für ihn bezahlen.‹ Hierauf wandten sie sich an den Häftling, der am Fensterchen klebte und sagten:

›Geh, lieber Freund, und sag dem Matthias, seine Brüder seien da, und wollten ihn herausholen und sehen‹.

Der Fettwanst trat ans Fenster und begrüßte seine Brüder. Der eine sprach: ›Du weißt, Matthias, daß wir mit unsern Vorwürfen nie gespart und dir immer wiederholt haben: gib Acht, Matthias, du machst Schulden bei dem und bei dem und bezahlst keinen. Du wirfst das Geld im Spiel und sonst hinaus und legst dir nichts zurück. Jetzt bist du im Gefängnis. Du weißt, wir sind nicht reich. Wäre es nicht um unserer Ehre willen, wir würden dich Verschwender hier eine gute Weile hocken lassen, damit du dich daran gewöhnst. Doch diesmal wollen wir noch was für dich tun und zahlen. Aber beim nächsten Mal bleibst du, daß schwören wir dir, sitzen. Laß dirs gesagt sein. Daß man uns nicht sieht, kommen wir heut abend ums Ave Maria wieder, dich holen. Man muß sich ja vor den Leuten schämen‹. Der Fettwanst versprach demütig sich zu bessern und daß er alle seine Torheiten aufgeben und seinem Namen keine Schande machen werde und bat sie, ihn um Gotteswillen nicht zu vergessen und zur genannten Stunde zu kommen. Was ihm die beiden Brüder versprachen.

Als der Fettwanst wieder in den Gefängnisraum zurücktrat, sagte er zu dem Richter:

›Die Geschichte wird immer schlimmer. Jetzt haben mich zwei Brüder dieses Matthias aufgesucht und gesprochen und haben mit mir geredet, als ob ich der Matthias, ihr Bruder, wäre. Die müssen ihn doch wahrhaftig kennen. Zum Ave Maria versprachen sie, würden sie mich holen‹.

Und nach einer düsteren Weile fuhr er fort:

›Und wenn ich draußen bin, was dann? Ich kann doch unmöglich zu mir heimgehen. Denn wenn da der Fettwanst sitzt, was soll ich ihm denn sagen, daß er mich nicht für einen Narren hält? Und daß er der Fettwanst ist, das ist ja so gut wie sicher. Denn war er es nicht, so würde mich meine Mutter schon gesucht haben. So aber sitzt sie neben ihm und merkt ihren Irrtum nicht.‹

Der Richter hielt sich die Seiten vor Lachen.

›Geh ja nicht heim‹, warnte er ihn, ›sondern geh lieber mit denen, die sich deine Brüder nennen und schau, wo sie dich hinbringen und was sie mit dir anfangen‹.

Darüber wurde es Abend, und die Brüder erschienen. Nachdem sie getan als ob sie Schuld und Kosten bezahlt hätten, nahm der Wärter seinen Schlüsselbund und rief: ›Matthias!‹

›Da bin ich‹, sagte der Fettwanst.

›Deine Brüder haben die Schuld bezahlt und du bist frei, Matthias‹.

Darüber öffnete er das Gefängnistor.

Es war bereits recht dunkel, als Fettwanst hinter seinen Brüdern herschritt, die im Viertel Santa Felicità wohnten. Dahin nahmen sie ihn mit und hießen ihn in einem niedren Saal warten bis zum Abendessen, so als ob sie ihn, um ihr keinen Kummer zu machen, vor der Mutter verbergen wollten. Ein Tischchen war da beim Kamin gerichtet und einer der Brüder leistete dem Fettwanst eine Weile Gesellschaft, während der andere zum Pfarrer von Santa Felicità ging, einem braven Mann wenn irgend einer, und zu ihm sagte:

›Messire, ich komme vertrauensvoll zu Euch, wie ein Nachbar. Wir sind drei Brüder und einer von uns ist gestern wegen Schulden ins Kaufmannsgefängnis gesperrt worden. Es scheint ihn dies Mißgeschick nun arg im Kopf verwirrt zu haben, und merkwürdigerweise nur in einem Punkte. Stellt Euch vor, er bildet sich ein, wer ganz anderer zu sein als unser Bruder Matthias. Habt Ihr so was Seltsames gehört? Er behauptet, er sei ein gewisser Fettwanst, ein ihm bekannter Tischler, der seine Werkstatt hinter San Giovanni hat und sein Quartier in der Gegend von Santa Maria del Fiore. Nichts vermag ihn, davon abzulassen. Darum haben wir ihn aus dem Gefängnis gezogen und zu uns in ein Zimmer gebracht, damit die Leute draußen nicht seinen Unsinn vernehmen. Denn Ihr wißt ja, hat man einmal öffentlich so Zeichen von Narrheit gegeben, so kann man wieder der vernünftigste Mensch werden, es bleibt an einem hängen und man wird es sein Lebelang nicht los. Wir bitten Euch nun um der Barmherzigkeit willen, kommt mit zu uns, sprecht mit ihm und versucht, ihm diesen Unsinn aus dem Kopf zu treiben. Ihr würdet uns damit einen großen Dienst erweisen‹.

Gern war der immer hilfsbereite Priester dabei und sagte, er würde mit dem Kranken plaudern und ihm diesen Irrsinn schon aus dem Kopfe bringen.

Man ging also und trat in den Raum, wo der Fettwanst nachdenklich saß.

Als der Pfarrer eintrat, erhob er sich.

›Guten Abend, Matthias‹, sagte der Pfarrer.

›Guten Abend, gutes Jahr‹, sagte der Fettwanst, ›was steht zu Euren Diensten?‹

›Ich will nur ein bißchen mit Euch plaudern, Matthias‹, und darüber setzten sie sich.

›Warum du mich hier siehst, Matthias, ist eine Neuigkeit, die ich gehört habe und die mir recht argen Kummer bereitet. Du ließest dich dieser Tage wegen einer Schuld einsperren und das hat dir solche Aufregung verursacht und tut es noch, daß du darüber fast deinen Verstand verlierst. Unter anderm sagt man mir, daß du nicht mehr der Matthias sein willst und dich für einen gewissen Fettwanst, einen Schreintischler ausgibst. Wegen einer so geringen Sache gleich so den Kopf verlieren, macht dir wenig Ehre, Matthias. Du mußt dich durch solch Narrenspielen nicht ins Gespött bringen. Es ist Zeit, Matthias, daß du das aufgibst, ich bitt Dich darum. Tu es mir zur Liebe. Sei wieder gescheit, geh wieder deiner Arbeit nach und fang zu leben an wie alle Welt. Das wäre für deine Brüder eine große Tröstung. Sieh, wenn du das noch lange treibst, kannst du gut wieder richtig werden, man wird doch immer und zu allem was du tust sagen: Matthias ist ein Narr. Du würdest ein verlorener Mensch. Also kurz und gut, nimm dich zusammen und werd wieder gescheit und laß die Possen. Fettwanst oder nicht, folg deinem Pfarrer, der dir gut rät‹.

Während er solches sprach, sah er ihn voll Güte an. Der Fettwanst ganz gerührt von der Freundlichkeit, mit welcher der Priester sich ausgedrückt hatte und von den so vortrefflichen Worten, hatte nun nicht mehr den Schatten eines Zweifels daran, daß er der Matthias sei, und so antwortete er: ›Ich werde alles tun, Eurem Rat zu folgen. Ich weiß, Ihr spracht nur zu meinem Wohle. Ich versprech Euch, künftig nicht mehr zu glauben, ich sei ein anderer, als der Matthias, der ich ja in der Tat und wirklich bin. Ich bitte Euch nur um eines: laßt mich mit dem Fettwanst sprechen, dann werd ich ganz gesund sein‹.

›Das hat damit gar nichts zu tun‹, sagte der Pfarrer. ›Ich sehe, daß du noch immer diese Narrheit im Kopfe hast. Wozu den Fettwanst sprechen? Was geht er dich an? Je mehr du darauf bestehst und die Leute darum angehst, um so unrechter tust du dir‹.

Und er sagte noch vieles derart, so daß Fettwanst verzichtete, Fettwanst zu sehen. Darauf ging der Pfarrer und sagte den Brüdern, was für ein Versprechen er erreicht habe.

Darüber war heimlich Filippo Brunelleschi ins Haus gekommen und einer der Brüder hatte ihn in einen andern Raum treten lassen, wo er ihm alles vom Gefängnis ab erzählte. Brunelleschi gab ihm darauf ein Fläschchen, dessen Inhalt der Fettwanst während des Abendessens trinken sollte im Weine oder sonst auf eine Weise, aber so, daß er es nicht merke.

›Das ist,‹ erklärte er, ›ein Opiumtrank. Fettwanst wird für viele Stunden einschlafen und auf der Stelle. Gegen fünf Uhr bin ich wieder da und wir besorgen was noch bleibt‹.

Es hatte schon drei geschlagen, als die Brüder sich wieder in den Saal zu dem Fettwanst begaben und sich mit ihm zu Tisch setzten. Dabei gossen sie ihm heimlich den Trank in den Wein und alsbald hatte er alle Mühe, gegen den Schlaf zu kämpfen. Er konnte kaum mehr die Augen aufhalten. Da sagten die zwei: ›Matthias, du fällst ja vor Schlaf um. Du scheinst die letzte Nacht wenig geschlafen zu haben‹.

›Seit ich auf der Welt bin, war ich nicht so schläfrig‹, sagte der Fettwanst. ›Hätt ich einen Monat lang nicht geschlafen, könnt es nicht ärger sein. Ich geh zu Bett‹.

Aber er konnte nur mehr seine Schuhe ausziehen, da lag er schon und schnarchte wie ein Schwein.

Zur verabredeten Stunde erschien Filippo Brunelleschi mit sechsen von seinen Kumpanen, begaben sich ins Zimmer, wo der Fettwanst schnarchte, hoben ihn samt den Laken auf eine Tragbahre und brachten ihn in sein Quartier, wo kein Mensch war, denn auch die Mutter war immer noch auf dem Lande. Sie legten ihn ins Bett und richteten alles wie er es zu tun gewohnt war, bis auf eines: dorthin, wo er gewöhnlich die Füße hatte, legten sie ihn mit dem Kopfe. Darauf nahmen sie den Schlüssel zu der Werkstatt, der im Zimmer an einem Nagel hing, und begaben sich dahin. Hier gaben sie allem Werkzeug einen andern Platz, zogen die Eisen aus den Hobeln, die Hämmer von ihren Stielen, drehten die Bohrer falsch ein und machten alles so durcheinander, als ob die Teufel da gehaust hätten. Darauf schlossen sie die Bude wieder zu und brachten den Schlüssel wieder an seinen Nagel, verriegelten das Haus und jeder ging heim schlafen.

Der Fettwanst erwachte am andern Morgen, als man das Ave läutete. Er erkannte den Ton der Glocke von Santa Maria del Fiore, schlug die Augen auf und sah bei dem Licht, das sich durch die Fensterläden stahl, daß er in seinem Quartier war. Er erinnerte sich an alles, was geschehen war und begann sich groß zu wundern. Hier war er doch gestern gar nicht eingeschlafen, und er zwickte sich, um zu sehen ob er nicht träume. Er kannte sich nicht aus. Er wußte nicht, habe er zuvor geträumt oder träume er jetzt. Tiefe Seufzer und Gottstehmirbei kamen ihm aus der Brust, als er sich erhob und ankleidete, den Werkstattschlüssel griff und sich dahin begab. Er war nicht wenig erstaunt über die Unordnung, die er vorfand. Er begann, alles wieder an seinen Platz zu bringen, worüber die beiden Brüder des Matthias eintraten. Einer von ihnen sagte: ›Guten Morgen, Meister‹.

Der Fettwanst dreht sich um, erkannte sie und wechselte ein bißchen die Gesichtsfarbe.

›Guten Morgen, gutes Jahr, was steht zu Euren Diensten‹, sagte er.

›Wollten Euch nur zu wissen tun, daß wir einen Bruder namens Matthias haben. Der hat infolge einer Schuldhaft etwas den Kopf verloren. Er hält sich für den Meister dieser Werkstatt, der, wie es scheint, sich Fettwanst nennt. Wir haben ihm da gestern den Pfarrer unserer Gemeinde geholt, eine ehrenwerte Person, und der hat uns versprochen, unserm Bruder das schon aus dem Kopf zu treiben. Darauf hat Matthias mit uns gegessen und ging dann in bester Laune schlafen. Aber heut morgen ist er ganz heimlich und ohne wem was zu sagen weggegangen und wir wissen nicht wohin. Darum sind wir hier; wollten schauen, ob er nicht vielleicht da vorbeigekommen ist und Ihr uns darüber was sagen könnt‹.

Der Fettwanst wurde währenddem immer verwirrter.

›Ich weiß nicht, was Ihr redet‹, schrie er nun. ›Was für ein dummes nichtswürdiges Geschwätz! Euer Matthias ist hier nicht vorbeigekommen und wenn er sagt, er sei der Fettwanst, so ist er ein ganz gemeiner Kerl und treff ich ihn, dann will ichs herausstellen, zu wissen, ob ich der Matthias bin oder der Matthias der Fettwanst ist. Herrgottnocheinmal! Was ist denn da seit zwei Tagen los?‹ Darauf packte er seinen Mantel, läßt die zwei stehen, und begibt sich nach Santa del Fiore. Hier in der Kirche läuft er mit weiten Schritten auf und ab wie ein eingesperrter Löwe. Darüber kommt ein alter Bekannter in die Kirche, mit dem zusammen er bei Meister Pellegrino das Handwerk gelernt hatte. Vor vielen Jahren hatte der schon Florenz verlassen gehabt und war nach Hungarn gegangen, wo er dank unserm Landsmanne Filippo Scolari, genannt der Spanier und dort Generalkapitän der Armee des Königs Sigismund, weit gebracht hatte. Dieser Mann und Freund des Fettwanstes war nun nach Florenz gekommen, um sich da einen geschickten Meister mit nach Hungarn zu holen, wo er viel Arbeit im Auftrage hatte. Oft schon hatte er mit dem Fettwanst darüber gesprochen und ihn nach Hungarn eingeladen, indem er ihm ausrechnete, wie reich sie alle beide in wenigen Jahren sein würden. Als ihn nun der Fettwanst erblickte, war er entschlossen. Er ging auf ihn zu und sagte:

›Ich hab mich bisher immer geweigert, mit dir nach dem Hungarn zu gehen, aber jetzt sind mir da so ein paar Sachen dazwischen gekommen und mit meiner Mutter hab ich mich verzankt, so daß ich mich, wenns dir noch paßt, entschlossen habe, mit dir zu gehen. Aber es muß rasch sein. Morgen, wenn dich hier, wie ich hoffe, nichts mehr aufhält‹.

Darauf sagte der andere:

›Mit Freuden nehm ich den Vorschlag an, mein Lieber. Ich hab da noch zwei drei Tage in Florenz zu tun, aber du kannst immerzu reisen. Du erwartest mich in Bologna, wo ich in ein paar Tagen eintreffe‹.

Nachdem das abgemacht war, begab sich der Fettwanst in seine Werkstatt, packte sein bestes Werkzeug zusammen und in seinen Gürtel das wenige Geld, das er besaß. In der Vorstadt San Lorenzo mietete er einen Klepper bis Bologna und machte sich dahin auf den Weg. Seiner Mutter hinterließ er einen Brief, in dem er ihr mitteilte, daß er sich nach Hungarn aufgemacht habe.

Er war ein geschickter Mann und hatte viel Arbeit. Der Scolari, den man den Spanier nannte, schenkte ihm sein Wohlwollen. Man nannte ihn da Meister Manetto, den Florentiner. Er ist ein reicher Mann geworden und kam öfter auf Besuch nach Florenz. Da fragte ihn eines Tages Brunelleschi, weshalb er damals so von heut auf morgen die Stadt verlassen habe, worauf ihm der Fettwanst die ganze Geschichte erzählte. So kam sie herum.«

Der Aretiner hatte geschlossen.

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