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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 15
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Firenzuola erzählt

Es war der Benediktinermönch Firenzuola aus dem Kloster von Vallombroso, der, als Messer Molza seine Geschichte geendet hatte, sich mit diesen Worten an ihn wandte:

»Vielleicht waren es die Frauen, teurer Freund, gewiß nicht waren es die Freunde, die Euch, wie Ihr sagtet, verließen. Wie hätten diese das köstliche Gewürz Eurer Rede entbehren können, das Ihr unbekümmert um Not und Krankheit immer verschwendetet! Wann immer wir uns trafen, wir von der Academia der Sdegno, mußtet Ihr den Ehrenplatz einnehmen, Ihr erinnert Euch, denn inmitten einer welkenden und faulenden Zeit bliebt Ihr voll Leidenschaft für die schöne Kunst des Schreibens, und in vielen Sprachen wart Ihr ein Meister. Was waren wir gegen Euch!«

Hier unterbrach Messere Molza den Freund, indem er sagte:

»Agnolo, Eure Bescheidenheit war so groß gewesen, daß Ihr nichts von dem, was Eure Hand schrieb, in Druck gabet. Aber da Ihr mich also lobt, vergeßt Ihr Euch zu sehr, und was Ihr sagt, wird unsinnig. Das süße Buch, das Ihr Unterhaltungen der Liebe nanntet und der Signora Caterina Cibo, der Herzogin von Camerino widmetet, Ihr ließt es leider unvollendet. Aber die zehn Geschichten, die es enthält, hätte nur einer wie Ihr erzählen können, und das ist Messer Boccaccio. Gebt doch gleich ein Beispiel und erzählt die Geschichte von der Verwandlung!«

»Es sei, wie Ihr wünschet, Messer Molza. Laßt mich nur zuvor kurz mein Leben berichten, wie es dem Schicksal gefallen hat, es zu fügen.

Mein Urahn hatte sich im Burgort Firenzuola niedergelassen, der am Fuße des Appenin halbwegs zwischen Florenz und Bologna liegt. Das war unter Cosimo. Mein Großvater erwarb unter der Republik, der er diente, das Stadtrecht des Ortes, woher unser Name. Mein Vater war Richter und öffentlicher Notar in Florenz, in welcher Stadt mich im September des Jahres 1493 ihm sein Weib gebar, welche die Tochter jenes Alessandre Braccesi war, eines Gelehrten von Verdiensten und ersten Staatsschreibers unter Laurenzo und Piero Medici. Er starb als Gesandter von Florenz am Hofe Alexander VI.

Ich lernte in Siena und Perugia die schönen Künste und das Jus Canonicum. Ein Mädchen, das ich in dem Petrarca nachgebildeten Sonetten besang und ein Freund, Ihr wart es, wie Ihr wißt, Messer Pietro aus Arezzo, waren meinem Herzen nah. Ich kam mit dreiundzwanzig Jahren und als Doktor des Rechtes an die Kurie nach Rom. Gewiß weniger meinen Talenten als der Fürsprache Bembos dankte ich die Gunst Clemens des Papstes, der mir wohlwollend zuhörte, als ich ihm den Ersten Tag meiner Verliebten Unterhaltungen vorlas.«

Bemerkte Messer Aretino: »Und Eure Satire gegen den Trissino, der unser Alphabet mit neuen Buchstaben, wie dem Omega, bereichern wollte! Ich war dabei und weiß, wie der Papst darüber lachte.«

»Was ihn nicht hinderte, denn er war launisch, mein Mönchsgelübde zu annullieren unter dem Vorwande, mein Kleid und meine Profeß seien nicht nach den Regeln gewesen. Ihr wißt, man nahm es da nicht streng und das Gelübde der Keuschheit war das letzte, das man als Kleriker hielt. Darum war es ein Vorwand, nichts weiter. Ein Rechtsgelehrter war ich nicht mehr und Mönch sollte ich nicht weiter sein, als zur rechten Zeit für mich der Papst Clemens das Zeitliche segnete. Es war wohl das Erbarmen mit meiner Krankheit, an der ich elf Jahre trug, daß mir die Kurie das leichte Amt eines lebenslänglichen Vorstehers der Abtei San Salvatore von Vaiano übertrug, die zum Orden der Benediktiner gehörte. Das hätte mir alle Muße gegeben, mich des Lächelns und der Anmut der Frauen zu erinnern und in Gedichten und Geschichten und zu ihrem Lobe ein Werk zu vollenden, das ich mir vorgesetzt hatte. Ich brachte es, wie Ihr wißt, nur in Stücken zustande, denn die Qualen meiner bösen Krankheit waren allzugroß und entrissen mir weit mehr Flüche und Lästerungen als Gedichte und Gebete. Aber nun laßt mich Euch die gewünschte Geschichte erzählen.

In Tivoli, der alten Stadt der Latiner, lebte ein Edelmann namens Ceccantonio Fornari, dem der Gedanke kam, eine Frau zu nehmen, und das in einem Alter, wo andere tausendmal bereuen, eine zu haben. Und wie es schon die Art der alten Kerle ist, er wollte keine andere als eine junge und hübsche, und so geschah es. Ein gewisser Giusto Coronato, übrigens eine Persönlichkeit von nicht geringem Ansehen, hatte eine große Zahl Töchter und gab ihm, um die Mitgift zu sparen, die jüngste von ihnen, ein zierliches und einnehmendes Mädchen. Als sie sich nun an einen kindisch gewordenen Alten verheiratet und aller Freuden beraubt sah, um deretwillen sie sich schon lange danach gesehnt hatte, das elterliche Haus zu verlassen, da war sie sehr betrübt. Es endete damit, daß sie vor dem Geifer, dem Husten und den anderen Alterszeichen ihres Gatten einen solchen Ekel bekam, daß sie daran dachte, sich welche Entschädigungen zu verschaffen und wie die Gelegenheit sich biete, einen zu nehmen, der besser für die Bedürfnisse ihrer Jugend zu sorgen verstünde als ihr Vater tat, da er sie dem Alten zum Weibe gab. Das Glück war ihrem heimlichen Begehren günstiger als sie erwarten konnte. Ein junger Römer namens Fulvio Macaro war mit einem Freunde Menico Coscia zu seinem Vergnügen nach Tivoli gekommen und hatte des öfteren schon die junge Frau gesehen, und da er sie hübsch fand – was sie auch wirklich war – sich sehr in sie verliebt. Er vertraute seine Liebe dem Menico an und bat ihn, ihm zu helfen.

Menico war einer, der jede Sache ohne viel Worte zurechtbrachte; so sagte er ihm, er solle nur gute Hoffnung haben, und wenn er seinen Ratschlägen folgte, würde er ihn schon mit der jungen Frau so zusammenbringen, wie er nur wolle. Fulvio drängte, keine Zeit zu verlieren und war zu allem bereit, wenn ihn nur Menico sicher von seinem Leiden heile.

›Ich habe gehört,‹ sagte also Menico, ›daß der Mann deiner Dame ein Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren sucht, um es in Dienst zu nehmen und nach einigen Jahren, wie es in Rom Brauch ist, zu verheiraten. Dabei hab' ich nun an dich gedacht, daß du zu ihm gehst und da bleibst so lang es dir beliebt. Nämlich so: unser Nachbar, der aus Tagliacozzo ist und öfters für kleine Verrichtungen und Geschäfte zu uns kommt, ist, wie du weißt, mir sehr ergeben. Gestern morgen nun erzählte er mir, ich weiß nicht, wie wir darauf kamen, daß Antonio ihn beauftragt hätte, ihm ein Mädel zu verschaffen, und daß er zu dem Behuf in ein paar Tagen zu ihm gehe. Es ist ein armer Teufel, aber unsereinem gern gefällig, und ich zweifle nicht daran, daß er für ein kleines Trinkgeld alles macht, was wir wollen. Er könnte also vorgeben, nach Tagliacozzo gegangen zu sein und in vierzehn Tagen wieder hierher zurückkommen. Dich zieht er an wie eine Bauernmagd, gibt dich für eine Verwandte aus und bringt dich ins Haus deiner Donna. Wenn du da nicht Herz genug hast, das übrige zu besorgen, so darfst du niemanden sonst klagen als dich selber. Was bei dem allen hilft, ist deine weiße Haut und daß du erst in zehn Jahren einen Bart bekommen wirst, was dir ein sehr weibisches Gesicht verschafft – hält man dich doch, wie du weißt, oft genug für ein Weib in Männerkleidern. Zudem war deine Amme aus der Gegend, und du wirst, denke ich, ganz gut wie diese Bäuerinnen reden können.‹

Der arme Verliebte war mit allem einverstanden und kam es ihm wie tausend Jahre vor, bis alles so weit war. Er sah sich schon als Magd der Dame Hausgeschäfte verrichten, und war sein Ehrgeiz so bescheiden, daß er sich damit begnügte, ganz als ob er wirklich Magd wäre.

Unverzüglich gingen sie zu dem Bauern, der mit allen einverstanden war, und brachten alles in die rechte Ordnung.

Um die Geschichte nicht allzulange zu machen – es verging kein Monat, da war Fulvio als Kammermagd im Hause der Dame und bediente sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß bald nicht nur Lavinia – so hieß die junge Frau – sondern das ganze Haus ihn sehr gern hatte.

Während nun Lucia – so ließ sich die neue Dienerin nennen – auf die Gelegenheit wartete, der Dame auch anders zu dienen, als indem sie ihr das Bett machte, geschah es, daß Ceccantonio auf ein paar Tage nach Rom gehen mußte, Lavinia blieb allein zurück und es kam ihr die Laune, Lucia bei sich im Zimmer schlafen zu lassen. Den ersten Abend, nachdem sie beide ins Bett gestiegen waren, wartete die eine sehr zufrieden mit dem unerhofften Abenteuer nur darauf, daß die andere einschliefe, um sich für ihre magdliche Mühe zu entschädigen, während die andere, vielleicht im Gedanken, daß jemand anders besser als ihr Gatte ihr den Staub aus dem Pelzchen klopfen könne, anhub, Lucia zu umarmen und sehr zärtlich zu küssen; und scherzend brachte sie, wie das schon geschehen kann, ihre Hände dorthin, wo man das Männchen vom Weibchen am sichersten unterscheidet. Wie sie da fand, daß sie es nicht mit einer Frau zu tun habe, verwunderte sie sich sehr und zog, als ob sie eine Schlange im Gras entdeckt hätte, erschrocken die Hand zurück, während Lucia, ohne ein Wort und ohne sich zu rühren, den Ausgang der Geschichte abwartete. Lavinia war im Zweifel, ob es wirklich ihre Kammermagd sei und sah sie genau an; aber wie sie sah, daß es doch Lucia war, brachte sie, ohne ein Wort zu wagen, wieder die Hand an den Gegenstand ihrer Überraschung und fand ihn wie das erste Mal. Sie war ganz weg, fragte sich, ob sie träumte oder wachte; dann fiel ihr ein, daß dies Gefühl sie ja täuschen könne und hob die Bettdecke auf, um mit ihren eignen Augen die ganze Sache zu sehen. Und nicht nur sahen ihre Augen, was ihre Hand berührt hatte, sondern sie entdeckte einen schneeweißen und frischrosenroten Männerleib, daß sie von solcher Köstlichkeit ganz benommen war und nicht anders dachte, als daß sie in ihren jungen Jahren die Freuden der Liebe kosten könne. Also wandte sie sich höchlichst vergnügt zu Lucia und sprach:

›Was sehen heute meine Augen! Ich weiß recht wohl, daß du gerade noch ein Mädchen warst und nun bist du ein Mann geworden! Wie ist das zugegangen? Ich habe Angst, ich sehe nicht deutlich oder du bist ein verwunschener männlicher Geist, der für Lucia heute an meine Seite gekommen ist, um mich in böse Versuchung zu führen. Sicher, sicher, ich muß sehen, wie das zugeht.‹

Mit diesen Worten glitt sie unter Lucia, tat wie kleine Mädchen oft frühreifen Jungen tun und sah alsbald, daß das nicht ein verwunschener Geist war und kein Blendwerk des Bösen. Und nahm also aus der Sache die Erquickung, die ihr euch denken könnt. Aber glaubt ja nicht, daß gleich beim erstenmal ihre Zweifel behoben worden seien, auch nicht beim drittenmal, denn ich kann euch versichern, daß, wenn sie nicht gefürchtet hätte, Lucia wirklich in einen Geist zu verwandeln, sie die Sache auch beim sechstenmal nicht aufgeklärt hätte.

Bei diesem Resultat ging man dann von Taten zu Gesprächen über, und Lavinia bat mit zärtlichen Worten, ihr doch zu sagen, wie das gekommen wäre. Und Lucia erzählte also von Anfang an bis zur gegenwärtigen Stunde, wie es sich begeben hatte. Lavinia war über die Maßen zufrieden, sich von einem so hübschen Jungen geliebt zu wissen, der keine Mühe und keine Gefahr gescheut hatte aus Liebe zu ihr. Von solchen Gesprächen kam man auf andere und da man wohl auf die siebenmalige Überzeugung kommen wollte, blieben sie so lange im Bett, daß bereits die Sonne durch die Ritzen der Fensterläden schien. Nun schien es ihnen Zeit zum Aufstehen zu sein und sie verließen das Gemach, nachdem sie sich noch darüber verständigt hatten, daß in Gegenwart der Leute Lucia eine Frau bleiben und Mann sein solle nur des Nachts oder wenn sie miteinander allein wären. So ging es einige Monate ohne daß irgend jemand etwas merkte, und es hätte noch Jahre so währen können, wenn nicht Ceccantonio, trotzdem er, wie ich euch sagte, ein alter Kerl war, dessen Esel nur mit großer Mühe einmal im Monat Korn auf die Mühle bringen konnte, wenn also nicht dieser Ceccantonio Lucia hübsch gefunden und sich in den Kopf gesetzt hätte, ein Körbchen voll auf ihrer Kelter abzuladen, womit er sie oftmals belästigte. Lucia fürchtete, daß eines Tages etwas herauskäme und bat Lavinia, sie von der Belästigung zu befreien. Ich werd' euch nicht sagen, ob sie eine Mücke gestochen oder ob sie ein Danklied angestimmt hat, das nächste Mal, da sie mit ihm schlief, aber ich kann euch versichern, daß sie ihm auf die Sprünge half. – ›Schaut einmal,‹ sagte sie, ›diesen kühnen Fußsoldaten an, der da Proben seiner Reitkunst zeigen will! Und was zum Teufel tätest du erst, wenn du jung und saftig wärst, wo du dich jetzt mit nichts sonst zu beschäftigen hast als mit dem Kirchhof und nichts sonst zu erwarten als das Ende? Du willst mich betrügen? Ich sag dir, laß die Sünde in Ruh, wie sie dich in Ruh läßt. Merkst du denn nicht, daß, wenn du auch ganz aus Stahl wärest, du doch kein Loch in eine Damaszenernadel machen könntest? Schöne Ehre würde dir's bringen, dieses arme Mädchen zu verführen, die besser ist als das Brot. Soll das etwa ihre Mitgift sein? Wie werden sich ihre Eltern freuen, wenn sie erfahren, daß sie das Schaf unter den Schutz des Wolfes gestellt haben! Sag mal, schlechter Mensch, wie kam es dir vor, wenn man dir es ebenso machte? Hast du nicht unlängst das ganze Paradies in Aufruhr versetzt wegen einer Serenade, die man mir brachte? Aber hör, was ich dir sage: wenn du dich nicht anders aufführst, so wirst du mich an Dinge denken machen, von denen ich bis zu dieser Stunde nicht einmal geträumt habe; ja, ja, du wirst eines Tages was zu lachen haben, wenn ich dich finden lasse, was du suchst, und wenn ich merke, daß ich mit dem anständigen Leben keine Wirkung habe, so will ich's mit dem schlechten Leben versuchen, ob es mir da besser glückt. Wer da in dieser schlechten Welt gut leben will, der hat nichts weiter zu tun als Schlimmes.‹

Und indem sie bei diesen letzten Worten sich noch gewaltsam vier kleine Tränen herauspreßte, brachte sie den guten Alten dahin, daß er um Verzeihung bat und versprach, ihr nie mehr einen Kummer zu bereiten. Aber arg wenig waren seine Versprechungen wert, denn wenn die Tränen und Bitten nicht echt waren, so war es auch nicht das Mittel, das sie erweckt hatten.

Einige Tage später begab sich Lavinia zu einer Hochzeit, die Verwandte in Ropaldo feierten und da sie Lucia, die sich nicht wohl fühlte, daheim ließ, überraschte sie der unternehmende Alte schlafend irgendwo im Hause und brachte der Ahnungslosen seine Hand unter die Röcke und als er sie aufhob, um da sein Vergnügen zu haben, fand er da das, was er gar nicht suchte. Verblüfft stand er eine Weile starr, und es gingen ihm tausend schlechte Gedanken durch den Kopf, als er sie grob fragte, was das zu bedeuten habe. Wenn nun auch sein Tun und seine Worte die Lucia erst ein bißchen ängstlich machten, so war sie doch nicht unvorbereitet, denn sie hatte sich mit Lavinia für einen solchen oder ähnlichen Fall schon lange verständigt und wußte, daß der Mann eine Dummheit genau so glauben würde wie die Wahrheit und nicht so wild wäre, wie er sich in seinen Worten zeigte. Also war sie gar nicht verwirrt, tat als ob sie weinte und bat ihn, die Augen voll Tränen, sie anzuhören. Nachdem sie ihn mit einigen zärtlichen Worten völlig beruhigt hatte, erzählte sie mit zitternder Stimme und zu Boden geschlagenen Augen das Folgende:

›Ihr müßt wissen, Messer, daß ich, als ich dieses Haus betrat, verflucht sei die Stunde, nicht die war, die ich jetzt bin. Drei Monate ist es her – Gott, wie ist mein Leben traurig – als die Sache da kam; eines Tages, ich besorgte gerade die Wäsche, spürte ich eine große Müdigkeit; und hat damit angefangen, mir da ganz klein zu wachsen, ganz klein, und dann nach und nach ist es größer geworden, bis es so weit war, wie Ihr es nun saht, und hätte ich nicht vor ein paar Tagen euren größten Neffen mit einer ähnlichen Sache gesehen, ich hätte geglaubt, es sei ein schlimmes Geschwür, denn es macht mir manchmal so zu schaffen, daß ich lieber ich weiß nicht was nicht haben wollte. Und ich schäme mich so, daß ich mich nicht traute, jemandem was davon zu sagen. Aber da von meiner Seite weder Fehl noch Sünde dabei ist, bitt ich euch um Gottes und unserer lieben Frau von Olivier willen, Mitleid mit mir zu haben und nichts davon zu sagen, denn ich schwöre, lieber möchte ich sterben als jemanden wissen lassen, daß eine so häßliche Sache einem armen Mädchen wie mir passiert ist.‹

Als der gute Alte, der darin nicht sehr erfahren war, sah, wie Lucia die Tränen flossen und hörte, wie sie hübsch artig die Sache erzählte, wollte er beinahe glauben, daß sie die Wahrheit spräche. Nichtsdestoweniger kam ihm die Geschichte doch ziemlich stark vor und wenn er sich der Belobungen erinnerte, die seine Lavinia der Lucia zu teil werden ließ, kamen ihm Zweifel, ob nicht da doch ein Geheimnis dahinter stecke, und Lavinia die Geschichte bemerkt und ihren Vorteil daraus gezogen hätte. Also begann er Lucia noch genauer auszufragen und insbesondere darüber, ob ihre Herrin etwas um die Sache wisse.

›Gott soll mich schützen,‹ antwortete sie ganz frech, als sie sah, daß die Geschichte ganz gut ausging. ›Ich hab mich immer davon in acht genommen, wie vor dem bösen Blick; ich wiederhol's euch: lieber sterben, als daß jemand darum wüßte. Befreit mich Gott von diesem Übel, so seid ihr der einzige lebende Mensch, der davon weiß.‹

›Na, Kleine,‹ sagte der Alte gerührt, ›red davon zu keinem Menschen; vielleicht gibt es eine Medizin dagegen: verlaß dich nur auf mich, und sag vor allem kein Wort der gnädigen Frau.‹

Ohne ein Wort weiter und den Kopf voll konfuser Gedanken suchte er alsbald den Landarzt auf, um sich über den Fall zu informieren. Mittlerweile kam Lavinia heim und ich lasse euch selber beurteilen, wie sie die Neuigkeit aufnahm. Was mich betrifft, glaub' ich, war diese Neuigkeit weit unangenehmer als jene, da sie erfuhr, sie habe einen alten Mann.

Ceccantonio ging zu einem Arzt und ging zum anderen, hörte von einem das, vom andern das und kam heim, dümmer als zuvor. Ohne jemandem was zu sagen, beschloß er, nächsten Morgen sich nach Rom aufzumachen, um da einen zu finden, der was Gescheiteres sagen könnte. Also bestieg er nächsten Morgen sein Pferd und ritt gegen Rom. Hier stieg er bei einem Freunde ab und begab sich nach einem kleinen Frühstück nach der Universität, da er meinte, hier besser als anderswo einen zu finden, der ihm einen solchen Floh aus dem Ohr ziehen könnte. Durch einen glücklichen Zufall begegnete er da dem Freunde, der Lucia in sein Haus gebracht hatte und von Zeit zu Zeit aufs Land hinausging. Als er ihn wohlgekleidet und von vielen Leuten begrüßt sah, dachte der Alte, daß er ein höchst angesehener Mann sein müsse, nahm ihn also beiseite und vertraute ihm unter dem Siegel des Geheimnisses die Sache an. Menico, der den Alten gut kannte und gleich wußte, worum es ging, dachte bei sich: ›da bist du in einer richtigen Herberge abgestiegen, mein Lieber‹ und erklärte nach langem Reden, daß der Fall schon vorkommen könne und daß er schon ganz andere Sachen gesehen habe. Um seinen Worten noch mehr Glaubhaftigkeit zu geben, führte er ihn in den Laden eines Buchhändlers namens Emilio Cerco und ließ sich da einen italienischen Plinius geben, in dem er dem Alten im vierten Kapitel des siebenten Buches eine Stelle zeigte, in der dieser Autor von einem gleichen Fall erzählte; er zeigte ihm zudem, was Battista Fulgaso in seinem Kapitel ›De Miraculis‹ darüber geschrieben hat und beruhigte das Gewissen des ängstlichen Alten so völlig, daß, ob sich auch die ganze Welt dagegen gesetzt hätte, sie ihn doch nicht hätte glauben machen können, es sei anders.

Nachdem Menico sich noch versichert hatte, daß die Sache dem Alten ganz in den Kopf gegangen sei und nicht mehr so bald wieder herauskäme, nahm er sie auch noch von einem anderen Gesichtspunkt vor und begann ihn zu überzeugen, daß er sich hüten müsse, Lucia wegzuschicken. Denn, fügte er hinzu, so was im Hause bedeutet Glück; man bekommt dann ganz sicher Jungen und eine Menge andere Vorteile hätte man noch davon. Und er bat ihn schließlich, falls er wirklich die Lucia weggeben wolle, sie zu ihm zu schicken, denn er nähme sie mit Freuden. Das alles wußte er dem Alten so vortrefflich vorzutragen, daß der die Lucia nicht um viel Geld hergegeben hätte.

Also bedankte sich Ceccantonio bei dem großen Manne, bot ihm all sein Gut an, und nahm Abschied. Tausend Jahre schien ihm der Weg nach Tivoli zu dauern, so sehr wollte er sehen, ob er seiner Frau einen Jungen machen könne. Und kaum angekommen, noch am gleichen Abend, gab er sich unendliche Mühe, das ›gute Glück im Hause‹ nicht Lügen zu strafen, und Lavinia half ihm herzlich dabei. Sie wurde schwanger und von einem Knaben entbunden, was Anlaß war, daß Lucia im Hause bleiben konnte, solange es ihr gefiel, ohne daß der gute Alte etwas merkte oder merken wollte.«

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