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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 12
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Bandello erzählt

Der nun zu sprechen anhub, trug mit weltmännischer Grazie das Habit der Dominikaner und die Abzeichen eines Bischofs. Aber das von der Luft verbrannte Gesicht hatte nichts Klösterliches weder in Schnitt noch in Farbe, und auch wie er den Kopf wiegte und die Hände bewegte war nicht von einem Mönche.

»Als ein fünfzehnjähriger Alumne des Klosters von Santa Maria delle Grazie in Mailand sah ich dem Meister Lionardo zu, wie er mit seinen Gesellen an die Wand des Refektoriums das heilige Abendmahl malte. Es war Vater und Vaters Bruder Vincenzio, der damals gerade Ordensgeneral der Dominikaner geworden war, die mich in den Zipfel des Altartuches wickelten, und es schien, als ob die göttliche Vorsehung aus mir einen Heiligen zu machen beschlossen hätte. Denn sie gab mir, ich hatte gerade die Gelübde abgelegt, in der plötzlichen Bekehrung eines Freundes, des Giovanni Cattaneo, das Beispiel eines asketischen Lebens, dem ich ganz erlag. Ich studierte damals in Pavia, als mich mein nach dem cisalpinischen Gallien exilierter und gelähmter Vater dahin berief, ihm in seiner Not beizustehen. So sah ich in jungen Jahren die Fremde, was mir wohl gefiel, denn ich reiste gerne. Als ich wieder zurück kam und mein genuesisches Kloster aufsuchte, da traf ich jenen Freund Giovanni als Novizen. Er hatte plötzlich sein ausschweifendes Leben aufgegeben und war dem Rufe gefolgt. Die Familie meines Freundes, reich und von Ansehen, war gar nicht damit einverstanden und belagerte das Kloster Tag und Nacht. Aber er blieb standhaft. Dies machte tiefen Eindruck auf mich. Dieses aber, daß ich Heiliger werde, lag wohl nicht in den Plänen meines Onkels, und so benützte er die Gelegenheit einer Visitationsreise durch die Klöster Italiens, mich mitzunehmen, um mich aus der Nähe meines Freundes zu bringen. Aber er konnte es nicht hindern, daß ich mich, es war in Florenz, an einer andern und nicht weniger mystischen Flamme entzündete. Für Violanta Borromeo schrieb ich meine ersten Gedichte und für ihr Vergnügen meine erste Geschichte. Aber für ihr Gedenken noch viele nach dem einen Jahre, das unserer Liebe nur gegönnt war. Der mich schützte und die mich liebte, sie starben fast im selben Jahre. Das warf mich in Neapel in schwere Krankheit. Aber an meinem Lager saß mich tröstend eine vortreffliche Dame, Beatrice von Arragon, die ihre Witwenschaft nach Mathias Korvinus, dem König von Hungarn, hier verlebte. Von der Stunde meiner Genesung ab fand ich die Richtung meines Lebens geändert. Ich begab mich nach Mantua, wo ich der berühmten Lucretia Gonzaga Unterricht gab in den alten Schriftstellern. Es lebte da auch der vortreffliche Julius Cäsar Scaliger, mit dem mich für das Leben Freundschaft verband. Von Seiten der Eltern Lucretias, Piero Gonzaga und von der Familie Bentivoglio genoß ich alles Wohlwollen, das ich mit manchem Dienste vergalt. So wurde ich mit vielen vornehmen Fürsten und ihren Geschäften vertraut. Von Mailand aus, wohin ich mich zwei Jahre darauf begab, reiste ich durch das mittlere Italien und nach Frankreich. Ich hatte der Liga von Cambrai mit meinem Rate gedient und ward da vortrefflich aufgenommen von vielen ausgezeichneten Personen. Ich war im Zuge des Königs Ludwig XII., als ihn Mailand festlich empfing. Ich lebte in einem Fieber des Glückes. Die Freundschaft vieler bedeutender Männer und Frauen wurde mir zuteil, und auch die Liebe ging nicht an mir vorüber. Soll ich Euch, die Ihr die Genossen meiner Zeit waret, das Lob der Donna Isabella Este singen? Oder den Preis der Signora Ippolyta Sforza? Sie war es, die mich ermunterte, was ich erlebt und gehört in Geschichten aufzuschreiben, denn solches begann die Mode zu werden und der Geschmack des Tages. Ihr erinnert Euch, Messer Molza, der Tage, die wir gemeinsam in Bologna verlebten und verliebten, in jenem Jahre 1523, da Ihr mir, der ich unsicher und zögernd war, von der reichen Ernte sprachet, die bald meine Keller füllen sollte. Denn das Land stand in reicher Frucht. Aber es kam ein anderer Schnitter und war der Krieg, in dem die Spanier gewannen. Ich stand wie mein Vater zu Frankreich, und als Mailand erobert und geplündert wurde, da ging auch das Haus meines Vaters und all mein Gut in den Flammen auf. Wie ein Flüchtling irrte ich, mein Leben zu retten, von Stadt zu Stadt. In Viterbo nahm ich Dienst unter Rinuccio Farnese, dann in Mantua, dann in Lambrate. Darüber verlor ich mein kirchliches Kleid. Es hat mir weiß Gott nie gut gesessen und die Kutte behinderte allzusehr meinen raschen Schritt, zumal jetzt, wo mich das Abenteuer meines Lebens hetzte. Da stand mir das eiserne Kleid des Soldaten besser zu Leib, den ich manchem Feinde bot, im Lager wie im Felde. Samt meinem geringen Verstand, wenn es zu unterhandeln gab, denn man fand mich klug und für solche Geschäfte geeignet.

Nun sollte ich Euch wohl von den Abenteuern unterhalten, welche ich in der Liebe bestanden, die mich nach jener Geliebten meiner Jugend immer wieder versuchte. Aber es wird Messer Molza besser als mir gelingen, Euch darüber zu unterhalten, denn trennte ich auch das kunstvolle Gewebe meiner Reime auf, die ich zum Preise von Frauen fügte, so werdet Ihr doch nichts finden, das ich in den Falten verborgen hätte. Jene Heftigkeit der Sinne, die sich am Fleische berauscht und seinen Durst daran löscht, war mir nicht gegeben. Das verschäumte in währender Sehnsucht, vernichtete sich nicht im Besitze. Vielleicht war es mönchische Angst, die mich nicht weiter gehen ließ, als daß ich Mencia schlafend sah und nicht weckte. Vielleicht war es aber auch dieses, daß ich immer eine Liebe für Lucretia Gonzaga im Herzen trug, deren Lehrer ich war, da sie fünfzehn Jahre zählte. Von früh auf war sie eine Waise und lebte bei ihrem Vetter Ludovico Gonzaga, dem Marchese von Castiglione, der sich vom Krieg ermüdet nach Castelgoffredo zurückgezogen und um sich Gelehrte und Dichter versammelt hatte. Was Ihr mir auch dagegen sagen möchtet, Messer Molza, die Keuschheit einer Liebe mindert nicht ihre Hitze, sondern mehrt sie. Ich habe es erfahren, als ich Lucretia diente, diesem an Grazie, Schönheit und Kenntnissen außerordentlichem Mädchen, von dem ich nur ein schwaches Abbild gab in den elf Gesängen eines Gedichtes zu ihrem Preise. Ein ganz Unwürdiger nahm sie zum Weibe, Paolo Manfroni, ein Feldherr der Venetianer, ein roher Gesell. Als sie von meinem Kummer darüber erfuhr, schrieb sie mir: Ich hab verstanden, daß Ihr Euch sehr erstaunt habt, daß mich meine Freunde einem Manne von so kleinen Fähigkeiten gaben, der mich in eine wenig frohe Landschaft brachte und mich in einem Turme hausen läßt, der meiner Ahnen wenig würdig. Aber ich bin erstaunt, daß ein Mann von Eurer Einsicht und Eurem Geiste sich über solche Dinge beunruhigt, als ob er nicht wüßte, daß eine niedere Hütte zu bewohnen viel näher dem Glücke ist. Wie gering ist doch, wenig oder viel von zeitlichen Gütern zu besitzen! So schrieb sie mir. Als ihr Gatte in die Hände Ercole III. von Ferrara fiel, gegen den er sich verschworen hatte, retteten ihre Bitten und Tränen ihm das Leben, wenn auch nicht die Freiheit. Er starb, närrisch geworden darüber, sich nicht rächen zu können, im Gefängnis. Lucretia nahm keinen zweiten Mann. Petrarchas Nessun mi tocchi war ihre Devise.

Es war am 2. Juli des Jahres 1541, daß mein Freund Cesare Fregose Feldherr der Venetianer, dem ich ganz verbunden war seit meinen Kriegsjahren, die ein Jahrzehnt zuvor bei Mirandola begannen, auf Befehl des Gouverneurs von Mailand umgebracht wurde. Nicht meine Verdienste waren es, sondern Dankbarkeit gegen Fregose, daß mich Heinrich II. nach Navarra kommen ließ und mich nach dem Tode Jean de Lorraines zum Bischof von Agen machte. Papst Julius III. bestätigte es in einer Bulle. So war mir das geistliche Gewand wieder übergezogen, aber wenn es mich alten Mann auch in nichts mehr behinderte, so war doch Janus Fregose ein Würdigerer als ich, es zu tragen, und ich lebte in glücklichen Tagen mein langes Leben bis zu Ende, auf jenem Schlosse Bazens, das von frohen Gästen nie leer war und wo wir uns vergnügten, wie die Jahreszeiten es erlaubten. In diesen Tagen besuchte uns oft Madame Marie von Navarra, die Schwester des Königs Heinrich. Da kam Madame Anna de Polignac und das Fräulein de Vaulx, das Fräulein de Lusignano und der Kardinal von Armagnac und viele noch und forderten, daß ich ihnen Geschichten erzähle. Daran fand man solchen Geschmack, daß auch Margarete von Navarra sich darin versuchte, – Ihr wißt mit welch vortrefflichem Gelingen, als sie im Jahre 1559 ihre Sammlung drucken ließ, welche heißt das Heptameron. Vier Jahre zuvor sind alle meine Geschichten gedruckt worden, – und nun verzeiht, daß ich Euch so lange mit den Umständen eines Lebens unterhalten habe, das durch nichts sonderlich bemerklich war. Ich will meine Geschichte erzählen.

In meiner Vaterstadt Venedig, neben ihren Schätzen besonders reich an schönen Frauen, wie irgendeine Stadt in Italien, lebten zu der Zeit, da der weise Fürst Francesco Foscari die Herrschaft führte, zwei junge Edelleute, deren einer Girolamo Bembo, der andere Anselmo Barbadigo genannt waren. Zwischen beiden bestand, wie das zu geschehen pflegt, die rötlichste Feindschaft und ein so heftiger bitterer Haß, daß sie nicht müde wurden, einander durch geheime Ränke zu schaden und auf alle nur mögliche Weise Schmach anzutun. Sie ließen Hader und Zwietracht so weit unter sich aufkommen, daß es beinahe unmöglich schien, sie jemals wieder zu vereinigen.

Da geschah es, daß beide sich zu einer und derselben Zeit verheirateten, und der Zufall wollte, daß ihre beiderseitige Wahl zwei sehr schöne und liebliche Jungfrauen aus edlem Hause traf, welche von der gleichen Amme ernährt und aufgezogen waren und sich so schwesterlich liebten, als wären sie aus einer Mutter geboren.

Die Gattin Anselmos, welche Isotta hieß, war die Tochter von Messer Marco Gradenigo, einem Manne von größtem Ansehen in unserer Stadt, der zu den Prokuratoren von San Marco gehörte, wozu nur die weisesten und besten Bürger gewählt wurden und keiner durch Ehrgeiz oder Geld dazu gelangte. Die andere hieß Luzia. Sie hatte zum Gatten den anderen der beiden Edelleute genommen, mit Namen Girolamo Bembo. Sie war die Tochter des Ritters Messer Gian Francesco Valerio, eines gelehrten Mannes, welcher schon mehrere Gesandtschaften im Auftrag seiner Vaterstadt besorgt hatte und in jenen Tagen von Rom zurückgekehrt war, wo er zur hohen Zufriedenheit der ganzen Stadt beim heiligen Vater das Amt eines Botschafters verwaltet hatte.

Als nun die beiden jungen Frauen verheiratet waren und die zwischen ihren Gatten herrschende Feindschaft wahrnahmen, empfanden sie dies mit großer Betrübnis und Verdrossenheit; denn sie erachteten es für einen unerträglichen Zwang, nicht länger ihr freundschaftliches Verhältnis fortsetzen zu dürfen, an das sie seit ihrer zartesten Jugend gewöhnt waren. Klug und verständig aber, wie sie waren, beschlossen sie doch um des Hausfriedens willen auf die gewohnte innige Vertraulichkeit äußerlich zu verzichten und sich nur an gelegenen Orten und zu schicklichen Zeiten den Umgang zu gestatten. Das Glück war ihnen insofern hierin günstig genug, als ihre beiden Paläste dicht nebeneinander lagen und die dazugehörigen kleinen Gärten dahinter nur durch einen dünnen Zaun voneinander geschieden waren, so daß sie sich täglich sehen und sprechen konnten. Überdies unterhielt die Dienerschaft des einen Hauses hinter dem Rücken ihres Herrn ganz freundlichen Verkehr mit der des anderen. Den beiden Freundinnen machte dies das größte Vergnügen; denn sobald ihre Männer ausgingen, konnten sie mit bester Ruhe sich im Garten lange miteinander unterhalten, und sie taten dies oft.

Unter solchen Verhältnissen vergingen etwa drei Jahre, ohne daß eine von ihnen schwanger geworden wäre. Mittlerweile hatte der Anblick der reizenden Schönheit Luzias in Anselmo eine solche Leidenschaft entzündet, daß er sich keinen Tag beruhigen zu können meinte, bevor er nicht eine lange Weile mit ihr geliebäugelt hatte. Ihr scharfer Verstand und ihre Klugheit versahen sich dessen auch alsbald, und da sie ihm weder Liebe, noch auch völlige Unbekümmertheit zeigte, hielt sie ihn in Ungewißheit zwischen Furcht und Hoffen, um besser erspähen zu können, worauf seine verliebten Blicke abzielten. Doch sie tat mehr, als ob sie ihn gern sähe, denn umgekehrt. Auf der anderen Seite hatte das sittsame Wesen, das kluge Betragen und die anmutsvolle Schönheit Madonna Isottas Messer Girolamo so wohlgefallen, wie eine Geliebte nur jemals einem Liebenden. Er wußte nicht ohne ihren holden Anblick zu leben, und es war Isotta, die mit ihren gescheuten Augen sehr klar sah, sehr leicht, diese Liebe zu bemerken. Sie war aber keusch und ehrbar und liebte ihren Gatten im höchsten Grade und machte daher Girolamo ein ebenso freundliches oder nicht freundliches Gesicht, wie im allgemeinen jedem Bürger oder Fremden, der sie ansah, und pflegte sich zu stellen, als kenne sie ihn gar nicht. Seine Leidenschaft entflammte sich aber mehr und mehr und er verlor ganz die Freiheit, wie einer, dem der Pfeil der Liebe das Herz getroffen hat, und konnte auf nichts anderes seine Gedanken richten als auf sie.

Die beiden Freundinnen waren gewöhnt, täglich zur Messe zu gehen und zwar meist in die San Fantino-Kirche, weil diejenigen, die später aufstanden, dort bis Mittag immer eine Messe fanden. Sie hielten sich dann jederzeit in einer kleinen Entfernung voneinander, und ihre beiden Liebhaber fanden sich jedesmal auch ein und gingen der eine da, der andere dort umher, so daß sie beide als eifersüchtige Ehemänner verrufen wurden, da man sie so hinter ihren Frauen herkommen sah, während beide doch nur bemüht waren, einander auf die Festung Hornberg zu bringen.

Es begab sich nun, daß die beiden getreuen Milchschwestern, von denen bis jetzt noch keine das Geheimnis der anderen ahnte, sich vornahmen, einander diese ihre Eroberungen mitzuteilen, damit diese nicht etwa im Verlaufe der Zeit dem zwischen ihnen bestehenden Einvernehmen eine Störung bereiteten. Dieser beiderseitige Beschluß führte sie eines Tages, als ihre Männer beide ausgegangen waren, an der gewohnten Stelle des Gartenzaunes zusammen. Als sie sich trafen, lachten sie einander zu gleicher Zeit ins Gesicht, und nach den gewohnten freundlichen Begrüßungen nahm Madonna Luzia folgendermaßen zuerst das Wort:

›Meine liebe Schwester Isotta, du weißt noch gar nicht, daß ich dir eine allerliebste Geschichte von deinem Herrn Gemahl zu hinterbringen habe.‹

›Und ich,' fiel Madonna Isotta gleich ein, ›habe dir ein Abenteuer von dem deinigen zu erzählen, das dich in nicht geringes Erstaunen, wo nicht gar in gewaltigen Zorn versetzen wird.‹

›Was ist es denn?‹

›Was ist es denn?‹ sprach eine zur anderen. Und am Ende erzählt jede, was ihr Gatte im Schilde führe. Obgleich voll Unwillens gegen ihre Männer, mußten sie doch hierüber sehr lachen. Sie waren freilich der Meinung, und mit vollem Recht, sie seien vollkommen hinreichend und geeignet, die Wünsche ihrer Männer zu befriedigen; daher fingen sie an, diese zu schmähen und behaupteten, diese verdienten es, daß ihnen Hörner wüchsen, wenn sie ebenso unehrbare Frauen wären, als jene unverständige und pflichtvergessene Männer. Nachdem sie nun hierüber viel hin- und hergeredet hatten, beschlossen sie unter sich, es sei das Geratenste, gemeinschaftlich zu warten, wie ihre Männer ihre Absichten weiter verfolgen würden.

Sobald sie sich dann verabredet hatten, wie es wohl am passendsten wäre, sich zu verhalten, auch wie sie sich täglich über alles Vorfallende in Kenntnis setzen wollten, ließen sie es ihre erste Sorge sein, ihre Liebhaber mit schmachtenden und verliebten Blicken enger ins Garn zu locken und mit falschen Hoffnungen auf ihre Gunst zu erfüllen. Sie verließen daher ihre Gärten und wenn sie in San Fantino oder in der Stadt einen der beiden Männer erblickten, so schlugen sie mit lächelnder Miene, lustig und keck ihren Schleier beiseite.

Als nun die beiden Liebenden sahen, welche freundlichen Gesichter ihnen ihre Geliebten machten, meinten sie, da keine Möglichkeit vorhanden sei, mit ihnen zu reden, müßten sie zu Briefen ihre Zuflucht nehmen. Sie benutzten gewisse Botinnen, an denen unsere Stadt immer sehr großen Überfluß hat, und jeder schrieb der Seinigen einen Liebesbrief des Inhalts, daß er aufs Höchste wünsche, zu geheimer Unterredung sich mit der Seinigen zusammenzufinden. Wenige Tage darauf, fast gleichzeitig, schickten sie die Briefe ab.

Die verschlagenen Frauen nahmen die Briefe an, erwiesen sich aber anfangs gegen die Kupplerinnen etwas spröde; nach gegenseitiger Übereinkunft jedoch erteilten sie ihnen eine Antwort, welche mehr Hoffnung als das Gegenteil enthielt. Sie hatten einander die Briefe, sobald sie eingelaufen waren, gezeigt und viel darüber gelacht. Sie dachten, ihr Plan gelinge ihnen vortrefflich; jede behielt den Brief ihres Gatten für sich und sie verabredeten, ohne daß eine der anderen zu nahe trete, durch eine köstliche List ihre Männer hineinzulegen. Sie beschlossen nämlich, sich erst gehörig von ihnen bitten zu lassen und ihnen sodann zu wissen zu tun, sie seien bereit, ihre Wünsche zu befriedigen, so oft die Sache auf geheime Weise geschehen könne, ohne daß es jemand wisse, und so oft sie sich getrauten, um eine Zeit, da ihre Männer ausgegangen seien, in ihr Haus zu kommen, natürlich nur bei Nacht, da bei Tag dies ohne Gefahr der Entdeckung nicht möglich wäre. Dagegen hatten die scharfsichtigen und gescheuten Frauen mit ihren Dienerinnen, welche vollständig ins Vertrauen gezogen waren, die Abrede getroffen, durch den Garten eine in der anderen Haus zu kommen und daselbst, in ihre Schlafkammer eingeschlossen, ohne Licht ihre Gatten zu erwarten, sich aber unter keiner Bedingung sehen zu lassen oder zu erkennen zu geben.

Nachdem die Verabredung getroffen und fortgesetzt war, ließ Madonna Luzia zuerst ihrem Geliebten sagen, er solle in der nächsten Nacht um die vierte Stunde durch die Haustür nach dem Kai, die er offen finden werde, ins Haus treten; dort werde eine Dienerin bereitstehen, um ihn in ihr Zimmer zu führen, da Messer Girolamo am Abend in der Barke nach Padua abfahren werde. Sollte indes diese Reise nicht zustande kommen, so wolle sie ihn davon in Kenntnis setzen. Das gleiche ließ Madonna Isotta Messer Girolamo sagen und bestimmte ihm als Zeit fünf Uhr, weil er alsdann leicht ins Haus kommen könne, indem Messer Anselmo heute abend mit ein paar Freunden speise und in Murano übernachte.

Die beiden Verliebten sahen sich auf diese Nachrichten für die glücklichsten Menschen an: den Helm ihres Feindes mit der Hörnerzier krönen zu können, war für sie so viel, als dürften sie die Sarazenen aus Jerusalem jagen oder dem Großtürken das Kaisertum von Konstantinopel entreißen. Sie wußten sich vor übergroßer Wonne gar nicht zu lassen, und vor Sehnsucht nach der Nacht kam ihnen jede Stunde des Tages wie Ewigkeit vor.

Als der von allen so ersehnte Abend endlich genaht war, machten die vergnügten Ehemänner ihren Frauen weis, oder glaubten wenigstens, ihnen weisgemacht zu haben, wichtige Angelegenheiten verhinderten sie, diese Nacht im Hause zuzubringen. Die schlauen Frauen, welche ihr Schifflein gut im Gange sahen, taten, als glaubten sie alles.

Die jungen Männer nahmen jeder seine Gondel, fuhren, nachdem sie in einem Gasthause zu Nacht gespeist, in den Kanälen der Stadt spazieren und erwarteten die festgesetzte Stunde. Um die dritte Nachtstunde kamen die Frauen im Garten zusammen und begaben sich, nachdem sie viel gescherzt und gelacht hatten, eine jede in der andern Haus, wo sie von den Dienerinnen in das Schlafgemach geführt wurden. Dort nahm jede bei brennendem Lichte das ganze Zimmer, seine Lage und was darin war, genau in Augenschein und prägte sich aufs sorgfältigste alles Bemerkenswerte ins Gedächtnis. Darauf aber löschten sie das Licht aus und sahen mit Zittern und Zagen der Ankunft ihrer Männer entgegen.

Punkt vier Uhr stand Madonna Luzias Dienerin an der Tür und erwartete die Ankunft Messer Anselmos. Er säumte nicht zu kommen und ward von der Dienerin froh ins Haus geführt, zur Schlafkammer geleitet, hineingelassen und bis ans Bett geführt. Hier war alles dunkel, wie in einem Wolfsrachen, und daher war keine Gefahr, daß er seine Gattin erkenne. Die beiden Frauen waren überdies an Sprache und Größe sich so ähnlich, daß man sie in dieser Dunkelheit äußerst schwer unterscheiden konnte. Der gute Anselmo entkleidete sich und wurde von der Frau liebevoll empfangen. Im Wahne, Girolamos Gattin zu umarmen, nahm er sein eigenes Weib in die Arme, küßte sie tausendmal aufs zärtlichste und wurde ebensooft von ihr süß wiedergeküßt. Sodann machte er sich an den Genuß der Liebe, und sie spielten auch mehrere Partien im Minnespiel, wobei die Frau zu Anselmos großem Vergnügen immer verlor.

Ebenso erschien Girolamo um die fünfte Nachtstunde, wurde von der Zofe in die Schlafkammer geführt und schlief bei seiner eigenen Gattin, zu viel größerer Befriedigung seiner selbst, als seiner Frau. Die beiden jungen Männer taten auch, in der Meinung ihre Geliebten im Arme zu haben, um als frische und rüstige Ritter zu erscheinen, viel besser ihre Schuldigkeit als gewöhnlich und wohnten ihren Frauen mit so herzlicher Neigung und Liebe bei, daß nach dem Willen des Höchsten, wie die Geburt später erwies, die Frauen jede ein sehr schönes Knäblein empfingen, worüber sie beide sehr vergnügt und glücklich waren, da sie bisher noch keine Kinder gehabt.

Der geheime Umgang währte eine geraume Zeit, und es verging selten eine Woche, wo sie nicht eine Nacht zusammengekommen wären. Dessenungeachtet erkannten die Betrogenen ihre Täuschung nicht und schöpften nicht den mindesten Verdacht, konnten auch um so weniger Argwohn schöpfen, als nie ein Licht in die Schlafkammer gebracht wurde und die Frauen jede Zusammenkunft bei Tage verweigerten. Ihre Schwangerschaft schritt mittlerweile bedeutend vor, und die Männer empfanden ein ungemeines Vergnügen darüber, indem sie vollkommen überzeugt waren, jeder dem andern den Helmschmuck derer von Hornberg aufs Haupt gepflanzt zu haben. Und doch hatten sie nur ihren eigenen, nicht den fremden Acker gepflügt und ihre rechtmäßige Besitzung begossen.

Als sich nun die treuen schönen Freundinnen in diesem verwirrten Liebeshandel schwanger geworden sahen, was ihnen früher noch nicht begegnet war, fingen sie an, unter sich zu überlegen, auf welche Art und Weise sie sich von dem Unternehmen losmachen könnten; denn sie besorgten, es möchte irgendein Ärgernis entstehen, welches Veranlassung werden könnte, die Feindschaft zwischen ihren Männern noch zu vergrößern. Während sie so dachten, ereignete sich etwas, was ihnen aus der Verlegenheit half und den Verkehr abbrach, wenn auch nicht auf eine Art, wie sie es wünschten.

An demselben Kanal, nicht weit von ihren Häusern, wohnte nämlich eine sehr schöne artige junge Frau, die noch nicht ganz zwanzig Jahre alt, kurz zuvor Witwe geworden war durch den Tod ihres Gatten Messer Niccolo Delfino. Es war Gismonda, die Tochter Messer Giovanni Moros. Dieselbe besaß außer ihrer väterlichen, auf mehr als tausend Zechinen sich belaufenden Mitgift eine schöne Summe Geldes, viel Edelgestein, Silbergerät und andere Kostbarkeiten, die ihr Mann ihr als Morgengabe zum Geschenk gemacht hatte. Aloiso Foscari, der Neffe des Dogen, hatte sich heftig in sie verliebt und gab sich alle Mühe, ihre Hand zu gewinnen. Er liebäugelte ihr daher den ganzen Tag und betrieb das Unternehmen durch fortwährende Botschaften und Werbungen so ernstlich, daß sie sich dazu verstand, in einer Nacht an einem Fenster ihres Hauses, das auf ein kleines Gäßchen ging, ihn anzuhören. Äußerst erfreut über eine so ersehnte Nachricht, ging Aloiso, als die Nacht kam, gegen fünf oder sechs Uhr mit einer Strickleiter, denn das Fenster war sehr hoch, ganz allein dahin. Dort angelangt, gab er das verabredete Zeichen und wartete, bis seine Geliebte den Bindfaden herabließ, mit dem die Leiter heraufgezogen werden sollte, was auch bald geschah. Nachdem er die Leiter an dem Bindfaden befestigt hatte, sah er sie bald darauf emporziehen.

Sobald Gismonda das Ende der Leiter in der Hand hatte, befestigte sie sie und gab sodann dem Liebhaber ein Zeichen, emporzusteigen. Von der Liebe kühn gemacht, stieg er keck die Sprossen hinan und hatte fast schon das Fenster erreicht, als er, aus übermäßigem Verlangen, hineinzuspringen und die Geliebte zu umarmen, oder aus sonst einer Ursache rücklings hinunterfiel. Zwei- oder dreimal versuchte er, sich wieder an der Leiter anzuklammern, aber es gelang ihm nicht. Doch half es ihm viel, daß er die Gewalt des Falles brach und nicht so heftig auf das Backsteinpflaster des Gäßchens stürzte. Wäre dies geschehen, so wäre er ohne Zweifel des Todes gewesen. Nichtsdestoweniger stürzte er mit solcher Heftigkeit herab, daß es ihm fast alle Glieder zerschlug und eine tiefe Wunde beibrachte.

Hielt sich nun gleich der unglückliche Liebhaber infolge dieses bösen Falles für eine Beute des Todes, so blieb doch seine heiße und echte Liebe für die junge Witwe stärker und mächtiger in ihm als der übergroße Schmerz von der heftigen Erschütterung und die Ermattung seines fast ganz lahmen zerschlagenen Körpers. Er raffte sich daher auf, so gut es möglich war, hielt sich den Kopf schnell mit beiden Händen fest, um das Blut nicht hier ausströmen zu lassen, wo es seine Geliebte hätte verdächtigen können, und schleppte sich bis auf den Kai vor den Häusern der früher genannten Feinde Anselmo und Girolamo. Mit Aufbietung aller seiner Kräfte war er soweit gekommen; nun aber vermochte er nicht mehr weiterzugehen; von unsäglichem Schmerz gepackt, konnte er nicht mehr, er sank ohnmächtig wie tot zu Boden, so daß, wer ihn gesehen hätte, ihn ganz und gar für tot hätte halten müssen.

Jacopo da Pontormo
Cosimo II. de Medici

Äußerst betrübt über diesen schweren Unglücksfall und voller Furcht, der arme Liebhaber möchte den Hals gebrochen haben, tröstete sich Madonna Gismonda einigermaßen, als sie ihn davontaumeln sah und zog die Leiter in ihr Zimmer hinauf.

Kaum war der unselige Liebhaber halbtot und ohnmächtig niedergesunken, als einer der bei Nacht wachhabenden Hauptleute mit seinen Häschern herankam, ihn liegen sah, als Aloiso Foscari erkannte und für tot in die nächste Kirche schaffen hieß, was sogleich geschah. In Anbetracht des Ortes aber, wo er ihn gefunden hatte, vermutete er, Girolamo Bembo oder Anselmo Barbadigo, vor deren Häusern der Mord begangen zu sein schien, als Mörder, weil er ein leises Geräusch von Fußtritten an einer von ihren Türen gehört zu haben meinte. Er teilte daher seine Leute, schickte einen Teil rechts, den andern links und bemühte sich, so gut als möglich die Häuser zu umstellen. Der Zufall wollte, daß er wegen der Fahrlässigkeit der Mägde beide Haustüren offen fand. Es waren nämlich die Verliebten wieder jeder in das Haus des anderen gegangen, um bei ihren Frauen zu schlafen.

Die Frauen aber, als sie das Trappen und den Lärm der Schergen im Hause hörten, sprangen plötzlich aus dem Bette, nahmen ihre Kleider an sich und schlichen durch den Garten, von niemand gesehen, in ihre Häuser; wo sie zitternd abwarteten, was hieraus werden sollte. Girolamo und Anselmo wußten nicht, was der Lärm bedeute, und während sie in der Dunkelheit sich beeilten, sich anzukleiden, wurden sie von den Häschern der Nachtwache verhaftet, und so fielen Girolamo in Anselmos, Anselmo in Girolamos Schlafzimmer in die Hände der Gerechtigkeit. Der Hauptmann und die Häscher verwunderten sich darüber nicht wenig, da alle die zwischen beiden herrschende Feindschaft wohl kannten. Als man aber viele Lichter anzündete und die beiden Edelleute aus dem Hause führte, war ihr eigenes Erstaunen noch viel größer, als sie sahen, wie einer in des anderen Hause fast nackt festgenommen war. Bei diesem Erstaunen wuchs auch ihr Unwille gar sehr, wie jeder sich ohne weiteres vorstellen kann. Über alle Begriffe aber waren sie erbittert über ihre so unschuldigen Frauen und einander selbst warfen sie die grimmigsten Blicke zu. Sie wurden nun weggeführt und stießen bereits den Kopf an die Kerkerwand, noch ehe sie die Ursache ihrer Gefangenschaft erfuhren.

Als sie hernach vernahmen, daß sie als Mörder Aloiso Foscaris festgesetzt seien, waren sie, obgleich weder Mörder noch Diebe, darüber sehr betrübt, sahen sie doch, daß nun ganz Venedig erfahren werde, daß sie, deren Todfeindschaft so ziemlich allbekannt war, in einem Punkte Genossen geworden waren, wo eine Genossenschaft unter keinen Umständen hätte eintreten dürfen. Und obgleich sie es nicht über sich gewannen, miteinander zu sprechen, da sie sich aufs tödlichste haßten, so waren doch beider Gedanken auf denselben Punkt gerichtet. Am Ende aber siegte die Fülle des bittersten Grolls gegen ihre Weiber, auch nahm ihnen die Dunkelheit des Ortes, wo kein Lichtstrahl eindringen konnte, zum guten Teil ihre Verlegenheit und sie kamen in ein Gespräch miteinander und gaben sich mit schrecklichen Eiden das Wort, sich die Wahrheit zu offenbaren, wie es komme, daß sie beide einer in des anderen Schlafkammer gefangengenommen worden seien, worauf denn jeder freimütig erzählte, wie er es angefangen habe, um in den Besitz der Gattin seines Nachbars zu gelangen. Sie offenbarten sich in dieser Beziehung alles mit den kleinsten Umständen. Sonach mußten sie ihre Frauen für zwei der schamlosesten Buhlerinnen von Venedig halten, und im Gefühl der Verachtung für sie vergaßen sie ihre alte eingewurzelte Feindschaft, söhnten sich miteinander aus und wurden Freunde. Sie meinten die Blicke der Menschen nicht mehr ertragen zu können und mit verhüllter Stirn durch die Stadt gehen zu müssen. Das verstimmte sie dermaßen, daß sie den Tod dem Leben weit vorgezogen hätten. Da ihren empfindlichen Kummer auch nicht der mindeste Trostgrund linderte, und sie gar kein Gegengewicht dafür wußten, ergaben sie sich beide einer unbegrenzten Verzweiflung, bis sie endlich den einzigen Weg gefunden zu haben glaubten, auf einen Schlag von allem Kummer, aller Schmach und dem Leben selbst befreit zu werden.

Sie beschlossen nämlich durch eine Fabel, die sie ersannen, sich als Aloiso Foscaris Mörder anzugeben. Nach verschiedenem Hin- und Herreden bestärkten sie sich immer mehr in einem so grausamen sträflichen Vorsatz, sie billigten ihn jeden Augenblick mehr und erwarteten sehnlich von dem Gerichte verhört zu werden.

Wie gesagt, war der Foscari alsbald in eine Kirche gebracht und dort dem Kaplan angelegentlich empfohlen worden. Der geistliche Herr ließ ihn mitten in der Kirche niederlegen, zündete zu seinen beiden Seiten zwei kleine Wachskerzen an und gedachte, als die Scharwache sich wieder entfernt hatte, um es weniger unbequem zu haben, selbst noch einmal sein wohl noch nicht kalt gewordenes Bett zu besteigen und vollends auszuschlafen. Da es ihm aber schien, daß die schon ziemlich weit heruntergebrannten Lichter nicht mehr über zwei oder drei Stunden brennen würden, nahm er zwei große und stellte sie statt der halbverbrannten auf, damit, wenn ein Verwandter des Toten oder sonst jemand käme, ihm keine Vernachlässigung zum Vorwurf gemacht werden könnte. Indem er nun weggehen wollte, nahm er wahr, daß der Leichnam sich zu bewegen anfing; ja, wenn er ihm fest ins Gesicht schaute, war es ihm, als öffne er ein wenig die Augen. Der Priester entsetzte sich darob nicht wenig und hätte beinahe laut aufschreiend die Flucht ergriffen. Indessen faßte er doch Mut, trat zu dem Körper heran, legte ihm die Hand auf die Brust und fühlte das Klopfen des Herzens, was ihn zu der Überzeugung brachte, daß noch Leben in ihm sei, wiewohl der übergroße Blutverlust ihn aufs äußerste geschwächt haben müsse. Er rief seinen Amtsbruder, der schon zu Bett gegangen war, zurück, trug mit dessen und eines Chorknaben Hilfe, so schonend er konnte, den Foscari in sein eigenes, an die Kirche stoßendes Wohnzimmer und ließ sodann einen in der Nähe wohnenden Wundarzt kommen, damit dieser die Kopfwunde sorgfältig untersuche. Der Chirurg prüfte den Schaden geschickt und sorgsam, reinigte ihn, so gut es ging, von dem geronnenen Blute und erkannte bald, daß er nicht tödlich war. Er wandte darauf Öle und andere kostbare Salbmittel mit solchem Erfolg an, daß Aloiso fast ganz wieder zur Besinnung kam. Sodann rieb er den ganzen übel zugerichteten Körper mit einem stärkenden Balsam ein und überließ ihn danach der Ruhe.

Der geistliche Herr schlief nun noch ein wenig, bis der Tag anbrach und eilte dann mit der guten Nachricht, daß Foscari lebe, zu dem Hauptmann, der ihn seiner Obhut anvertraut hatte, hörte aber, er sei in den Palast bei San Marco gegangen, um mit dem Fürsten zu reden. Er ging deshalb auch dorthin, wurde vorgelassen und erfreute den Dogen durch die Gewißheit von dem Leben seines Neffen sehr, nachdem kaum eben der Hauptmann ihn durch die Nachricht von dessen Tode sehr betrübt hatte. Der Fürst befahl einem der Palastherrn mit zwei berühmten Wundärzten in Begleitung dessen, der die Behandlung seines Neffen schon begonnen hatte, zur schicklichen Stunde zu dem Kranken zu gehen und seinen Zustand genau zu untersuchen, worauf dann die drei Ärzte alles zur Wiederherstellung des Kranken Dienliche besorgen sollten.

Sobald es ihnen daher Zeit schien, ging der Palastherr mit den Ärzten an Ort und Stelle, sie ließen den Mann, der den Kranken zuerst gepflegt hatte, in das Haus des Priesters rufen, und nachdem sie von ihm vernommen hatten, daß die Wunde, wenn auch gefährlich, doch nicht tödlich sei, traten sie in die Schlafkammer, wo der Jüngling ruhte. Da sie ihn wach fanden, begannen sie ihn, obgleich er noch etwas betäubt war, eindringlich zu fragen, wie die Sache gekommen sei und forderten ihn auf, nur alles frei zu gestehen, da sie schon der erste Arzt versichert habe, daß die Wunde nicht von einem Degen herrühre, daß er vielmehr von einer Höhe herabgefallen oder von einem Stockschlage getroffen worden sei; nach allem aber, was man habe erfahren können, müsse man annehmen, er sei hoch herabgefallen und habe sich den Kopf aufgeschlagen. Durch diese Fragen der Ärzte war Aloiso überrascht, und ohne viel zu überlegen gab er die Höhe des Fensters und die Besitzerin des Hauses an. Kaum aber hatte er es gesagt, so reute es ihn sehr. Ja, der peinigende Schmerz, den er darüber empfand, regte seine schlummernden Lebensgeister mit einem Male dermaßen auf, daß er lieber zu sterben, als etwas zur Unehre von Madonna Gismonda zu bekennen beschloß. Der Palastherr fragte ihn weiter, was er um diese Stunde im Hause und an einem so hochgelegenen Fenster von Madonna Gismonda gewollt habe. Da er bei der Amtseigenschaft des Fragenden hierauf nicht schweigen konnte und doch nicht wußte, was er sagen sollte, faßte er plötzlich bei sich den Beschluß, wenn die Zunge durch unüberlegte Worte gefehlt habe, so sollte der Körper die Strafe dafür leiden. Ehe daher irgendwie die Ehre derjenigen befleckt würde, die er mehr als sein Leben liebte, entschloß er sich, sein Leben und seine Ehre in die Hände der Gerechtigkeit zu legen und sprach: ›Ich habe schon gesagt und bin nicht gewillt, es zu widerrufen, daß ich von den Fenstern des Hauses Madonna Gismondas herabgefallen bin. Und was ich um diese Stunde dort suchte, will ich Euch gleichfalls sagen, da ich doch jedenfalls des Todes bin. Ich dachte, daß Madonna Gismonda als junge Witwe keine Männer im Hause habe, um sich zu verteidigen, und ich sie deshalb berauben könne; denn es heißt, sie sei sehr reich an Juwelen und Geld. Ich ging also hin, um ihr alles zu stehlen; ich hatte durch besondere Werkzeuge eine Leiter am Fenster zu befestigen gewußt und stieg daran mit dem festen Vorsatz empor, jeden zu töten, der mir Widerstand leisten würde. Mein Unglück aber wollte freilich, daß die nicht gut angebrachte Leiter, unter meiner Last abreißend, mit mir zu Boden fiel. Ich meinte mit der Leiter noch mein Haus erreichen zu können und schleppte mich hinweg, wurde aber unterwegs, wo, weiß ich nicht, ohnmächtig.‹

Der Nachtpolizeimeister, Messer Domenico Mariepietro, erstaunte nicht wenig über dieses Bekenntnis und betrübte sich darüber um so mehr, als alle in den Zimmer Anwesenden es vernommen hatten und das waren, wie dies in solchen Fällen zu sein pflegt, nicht wenige. Er wußte sich aber nicht anders zu helfen und sagte: ›Aloiso, du bist doch ein gar zu großer Tor gewesen. Du dauerst mich sehr; aber ich bin dem Vaterlande und meiner Ehre mehr Rücksicht schuldig, als irgend jemand. Du bleibst deshalb hier unter der Aufsicht, die ich dir lassen werde. Wärest du nicht in dem Zustande, in welchem ich dich finde, so würde ich dich augenblicklich in den Kerker abführen lassen, wie du es verdienst.‹

Er gab dem Jüngling eine starke Wache bei und begab sich unverweilt in den Rat der Zehn, und da er die Herren des Rates gerade versammelt fand, erstattete er ihnen über das Ganze ausführlichen Bericht. Die Häupter des Rates, bei denen schon seit langem unzählige Klagen über viele freche Diebstähle, die in der Stadt nächtlicherweile verübt wurden, einliefen, befahlen einem ihrer Hauptleute, Aloiso Foscari im Hause des Priesters unter sorgfältiger Bewachung zu halten, bis er imstande sei, gerichtlich vernommen und durch Anwendung der Folter zum Bekenntnis der Wahrheit genötigt zu werden, da sie es für sicher hielten, daß er Urheber oder mindestens Hehler vieler anderer begangener Räubereien sei.

Es kam sodann die Angelegenheit des Girolamo Bembo zur Sprache, welcher im Schlafzimmer Anselmo Barbadigos, und die Anselmos, der im Schlafzimmer Girolamos um Mitternacht halb nackt aufgegriffen und gefangen gesetzt worden waren. Da man aber über ungleich wichtigere Dinge, z. B. über den Krieg zu verhandeln hatte, den man mit Filippo Maria Visconto, Herzog von Mailand, führte, so ward beschlossen, sich auf ein andermal zu vertagen und die Gefangenen inzwischen vernehmen zu lassen.

Der Fürst war während der ganzen Sitzung im Rate gegenwärtig gewesen und einer von denen, die am strengsten gegen den Neffen gesprochen hatten. Nichtsdestoweniger fiel es ihm schwer, zu glauben, daß sein Neffe als ein so reicher und feingebildeter Mann, wie er war, sich zu dem verächtlichen und gemeinen Laster des Diebstahls erniedrigt haben sollte. Er bewegte daher in seinem Sinn mancherlei Zweifel und brachte zuletzt die Wahrheit von seinem Neffen heraus, da er Gelegenheit fand, im tiefsten Geheimnis mit ihm sprechen zu lassen.

Auf der anderen Seite bekannten Anselmo und Girolamo, als sie von den dazu abgeordneten Beamten der Signorie befragt wurden, was sie jeder in des anderen Hause um solche Stunde zu suchen gehabt, sie hätten, nachdem sie Aloiso Foscari oftmals zu ungewöhnlicher Stunde von ihren Häusern hätten vorübergehen sehen, in dieser Nacht zufällig und unabhängig voneinander bemerkt, wie er vor denselben stehenblieb. Sie seien beide der Überzeugung gewesen, dies geschehe um ihrer Weiber willen, seien herausgebrochen, hätten ihn in die Mitte genommen und umgebracht. Sie legten dieses Bekenntnis, wie sie es miteinander verabredet, einzeln für sich ab. In betreff des Umstandes, daß sie sich einer in des anderen Hause befunden, sagten sie ein nicht eben wohlerfundenes Märchen aus, worin sie sich widersprachen.

Als der Doge all diese Dinge vernommen hatte, war er im höchsten Grade verwundert und wußte gar nicht, wie er die Wahrheit ausfindig machen sollte. In der folgenden ordentlichen Ratsversammlung der Zehn und ihrer Beisitzer, als alle übrigen Geschäfte abgetan waren und man auseinandergehen wollte, sprach daher der erleuchtete Fürst, ein Mann von hohem Geiste, der durch alle Grade des Staatsdienstes bis zur höchsten Würde emporgestiegen war, folgendermaßen: ›Meine Herren, wir haben noch eine Sache zu besprechen, die vielleicht bis jetzt noch nie erhört worden ist. Es liegen uns zwei Rechtshändel vor, die nach meinem Dafürhalten einen ganz anderen Ausgang nehmen werden, als zu erwarten steht. Anselmo Barbadigo und Girolamo Bembo, zwischen denen von jeher eine bittere, ihnen von ihren Vätern vererbte Feindschaft bestand, sind einer in des anderen Hause halb nackt von unseren Häschern festgenommen worden und haben ohne Folter, ja ohne Androhung derselben auf die einfache Erkundigung unserer Beamten aus freien Stücken bekannt, vor ihren Häusern Unsern Neffen Aloiso ermordet zu haben. Unser Neffe aber ist am Leben und hat weder von ihnen, noch von sonst jemand eine Wunde erhalten; dennoch bekennen sie sich als seine Mörder. Wer vermag uns diese Widersprüche zu lösen? Ferner hat Unser Neffe seinerseits ausgesagt, daß er, um in Madonna Gismonda Moros Hause zu rauben und bei etwaigem Widerstande auch zu morden, ausgegangen und von ihrem Fenster auf die Erde gefallen sei, was bei den vielen jetzt in unserer Stadt zur Klage gekommenen Diebstählen auch anderweitigen Verdacht auf ihn zieht, als könne er der Missetäter sein. So müßte man also mit Foltern die Wahrheit von ihm herausbringen und, wenn er schuldig befunden würde, ihm die verdiente strenge Strafe angedeihen lassen. Als er nun gefunden wurde, hatte er weder eine Leiter, noch Waffen irgendeiner Art bei sich. Hieraus läßt sich schon vermuten, daß die Sache sich anders verhalte. Dieweil nun unter den sittlichen Vorzügen die Mäßigung immer das größte Lob von allen geerntet hat, auch die Gerechtigkeit, wenn sie nicht gerecht geübt wird, zur Ungerechtigkeit wird, scheint es uns gerecht in diesem mit so seltsamen Umständen verwickelten Falle eher Mäßigung als strenge Gerechtigkeit zu üben. Und damit ich nicht ohne Grund so zu sprechen scheine, so hört, was ich Euch sage! Die beiden Todfeinde bekennen sich zu etwas, was schlechthin unmöglich ist, weil Unser Neffe, wie gesagt, noch lebt; und die Wunde, die er erhalten hat, nicht von einer Waffe herrührt, wie er auch selbst angibt. Könnte es nicht sein, daß Scham, einer in des anderen Schlafzimmer gefunden worden zu sein, und ihre Weiber für unehrbar erkennen zu müssen, sie veranlaßt haben, aus Überdruß am Leben sich in die Arme des Todes zu werfen? Wenn wir unsere Nachforschungen hierin mit Fleiß anstellen, so werden wir die Verhältnisse sich anders gestalten sehen, als der gemeine Mann glaubt. Man muß also den Fall sorgfältig prüfen, und um so mehr, als aus ihrem Geständnisse erhellt, daß sie gar nichts aussagen, was den Schein der Wahrheit für sich hätte. Andererseits klagt sich Unser Neffe selbst als Dieb an und bekennt überdies, er habe in das Haus von Madonna Gismonda Moro mit dem festen Vorsatze eindringen wollen und umzubringen, wer ihm Widerstand leiste. Unter diesem Grase steckt Unseren Bedünkens eine andere Schlange, die sich selbst nicht achtet. Er stand niemals im Rufe solcher Ausschweifungen, nicht der geringste Verdacht dieser Art fiel ihm je zur Last. Ihr wißt alle, daß er Gott sei Dank ehrlich erworbene Reichtümer besitzt und anderer Leute Eigentums nicht bedarf. Seine Diebereien werden wohl anderer Art sein, als er eingesteht. Es will Uns also dünken, Ihr Herren, wenn anders Ihr mit mir einverstanden seid, daß Ihr Uns diese Untersuchung am besten ganz allein überlaßt. Wir geben Euch Unser fürstliches Wort, Uns der ganzen Sache mit der äußersten Gewissenhaftigkeit anzunehmen, und wir hoffen, sie so zu Ende zu führen, daß Uns kein gerechter Vorwurf treffen wird, und das Endurteil wollen wir überdies Euch vorbehalten haben.‹

Den Räten gefiel die weise Rede des Dogen über alles wohl, und es erwies sich bei der Abstimmung, daß sie insgesamt der Meinung waren, nicht allein die Untersuchung dieser Rechtssachen, sondern auch die Entscheidung in seine Macht stellen. Der bedachtsame Fürst, der über die Angelegenheit seines Neffen bereits vollständig unterrichtet war, richtete nunmehr sein ganzes Augenmerk darauf, jetzt auch zu erfahren, warum Bembo und Barbadigo sich so törichterweise dessen anklagten, was sie nicht begangen hatten, und nach reiflicher Überlegung und vielen Nachfragen und Verhören, als seines Neffen Wiedergenesung fast ganz vollendet war, so daß er hätte umhergehen können, wenn er frei gewesen wäre, glaubte er zuletzt über den Fall der beiden Gefangenen genug in Erfahrung gebracht zu haben und legte die Ergebnisse seiner Nachforschungen dem Rat der Zehn vor. Er ließ sodann auf eine unverdächtige Art in Venedig die Nachricht verbreiten, Anselmo und Girolamo würden zwischen den beiden Säulen enthauptet, Aloiso aber aufgehangen werden und wartete nun ab, was für einen Eindruck dies auf ihre Frauen machen werde. Sobald die Neuigkeit ihren Weg durch Venedig gefunden hatte, wurde sie in der Stadt auf verschiedene Weise besprochen, ja in öffentlichen und Privatkreisen war sonst von gar nichts die Rede. Da nun alle drei Verbrecher den edelsten Geschlechtern angehörten, fingen ihre Verwandten und Freunde an, sich auf das Angelegentlichste um ihre Rettung zu bemühen. Sobald jedoch ihre Bekenntnisse stadtkundig wurden, und, wie es zu gehen pflegt, das Gerücht das Schlimme immer schlimmer machte, hieß es, Foscari habe viele freche Diebstähle eingestanden, und so wagte kein Freund oder Verwandter ein Wort für ihn einzulegen.

Madonna Gismonda, welche die Krankheit ihres Geliebten aufs bitterste beweint hatte, fühlte, als sie das von ihm abgelegte Bekenntnis vernahm, und deutlich erkannte, daß er, um ihre Ehre nicht zu beflecken, lieber Leben und Ehre opfern wolle, ihr Herz von so glühender Liebe für ihn sich entzünden, daß sie beinahe daran starb. Es gelang ihr, ihn in seinem Kerker wissen zu lassen, er möge guten Muts sein und sich beruhigen, denn sie sei bereit, um ihn vor dem Tode zu schützen, alles, was zwischen ihnen vorgefallen, öffentlich der Wahrheit getreu zu bekennen und zum Zeugnis derselben sowohl seine ihr geschriebenen Liebesbriefe, als auch die in ihrem Zimmer aufbewahrte Strickleiter zu zeigen.

Als Aloiso hörte, welch liebevolle Beweise seine Angebetete zu seiner Errettung beizubringen sich anschickte, war er der glücklichste Mensch von der Welt. Er ließ ihr unendlich danken und ihr versprechen, sobald er aus dem Kerker befreit sei, sie als seine rechtmäßige Gattin heimzuführen. Die Frau empfand hierüber die größte Freude, da sie ihren treuen Liebhaber mehr als ihr Leben liebte.

Madonna Luzia und Madonna Isotta hatten zu gleicher Zeit die Nachricht von dem beschlossenen Tode ihrer Männer erhalten und von Madonna Gismondas Geschichte gehört, und so ahnten sie nun auch den wahren Zusammenhang der Sache. Sie berieten sich beide darüber, was zu tun sei, um ihre Männer zu retten, bestiegen eine Gondel und suchten Madonna Gismonda auf. Die drei Frauen teilten sich nun alles Vorgefallene mit und kamen überein, das Leben ihrer Männer zu retten.

Die beiden verheirateten Frauen waren nach der Einkerkerung ihrer Männer den beiderseitigen Freunden und Verwandten ihrer Häuser verhaßt geworden, weil jedermann sie für die unkeuschesten Geschöpfe hielt und es hatte sie auch aus diesem Grunde niemand besucht, um sie in ihrem Unglück zu trösten. Als sich nun das Gerücht verbreitet hatte, die Gefangenen sollten durch die Justiz vom Leben zum Tode gebracht werden, ließen sie ihren Verwandten sagen, sie sollten unbesorgt sein und nicht weiter forschen, aber sich überzeugt halten, daß sie vollkommen ehrbar seien und ihren Männern kein Haar gekrümmt und weder Schaden noch Schande bereitet werden solle. Sie baten sie indes, dafür zu sorgen, daß einer der Herren Schirmvögte den Fall zur Verhandlung bringe; im übrigen sollten sie alles ihnen überlassen, da sie keiner Sachwalter und Rechtsbeistände bedürften. Den Verwandten kam zwar dieses Ansinnen wunderlich genug vor und sie wußten nicht, was sie davon denken sollten, da sie die ganze Angelegenheit als eine schmachvolle und entehrende ansahen. Indessen taten sie doch, was in ihren Kräften stand, zur Befriedigung der an sie gerichteten Bitte und reichten, da sie vernahmen, der Rat der Zehn habe dem Dogen die ganze Untersuchung übertragen, bei diesem selbst ein Gesuch ein, worin diese nichts weiter als ein Gehör begehrten.

Der Doge sah nun alles sich zum Besten wenden, wie er es sich gedacht hatte und bezeichnete einen bestimmten Tag, an dem sie vor ihm und dem Rate der Zehn, sowie den Räten des Kollegiums erscheinen sollten. Der Tag kam, die hohen Richter versammelten sich, begierig zu erfahren, welchen Ausgang die Sache nehmen werde. Am Morgen kamen die drei Frauen mit ansehnlichem Gefolge in den Palast, und als sie über den Sankt Marcusplatz gingen, hörten sie viele, welche übel von ihnen redeten. Einige schrien, wie die gemeinen Leute aus dem Volke das wohl tun, unverständig genug: ›Seht da die feinen, sittsamen Damen! Zieht den Hut ab vor ihnen! Die haben ihre Männer, ohne sie aus Venedig herauszulassen, nach der Festung Hornberg geschickt und schämen sich jetzt nicht einmal, sich öffentlich zu zeigen, die schamlosen Huren! Es ist gar, als hätten sie ein preisliches Werk vollbracht.‹ Andere schalten auf andere Weise auf sie ein, und Keiner wollte hinter dem Anderen zurückbleiben. Wieder andere waren, als sie Madonna Gismonda unter ihnen sahen, der Meinung, sie gehe vor die Signorie um wider Aloiso Foscari zu klagen, und so traf keiner die Wahrheit.

Die Frauen kamen im Palast an, stiegen jene hohen marmornen Treppen empor und wurden in den Saal des Kollegiums geführt, wohin der Doge sie zum Gehör beschieden hatte. Dorthin kamen mit den nächsten Verwandten die drei Frauen, und der Fürst befahl, ehe noch jemand das Wort ergreife, auch die drei Gefangenen herbeizubringen. Es waren überdies noch viele andere Edelleute gegenwärtig, welche mit größtem Verlangen den Ausgang so seltener Begebnisse zu sehen erwarteten.

Als es still geworden war, redete der Fürst die Frauen also an: ›Ihr habt uns ersuchen lassen, edle Frauen, Euch ein öffentliches Gehör zu bewilligen; und so sind wir denn bereit, hier geruhig zu vernehmen, was Ihr uns zu sagen wünscht.‹

Die beiden gefangenen Ehemänner waren aufs äußerste gegen ihre Frauen erzürnt und um so mehr von Wut und Groll erfüllt, als sie dieselben mit kühnem Mut und freier Stirn gleich wie die schuldlosesten und getreuesten Gattinnen vor dem schreckenerweckenden und ehrfurchtgebietenden Gerichtshofe stehen sahen. Die beiden getreuen Freundinnen versahen sich jedoch des Zornes ihrer Männer sehr wohl und ließen sich durch sie nicht im mindesten irremachen, sondern lächelten heimlich für sich und warfen sogar nach Frauenart den Kopf ein wenig wie zum Hohn in die Höhe. Anselmo, welcher etwas mehr noch als Girolamo jähzornig und ungeduldig war, erhitzte sich darüber so sehr, daß durch weit geringeren Zorn schon manche gestorben sind. Er vergaß völlig die Majestät des Ortes, an dem sie weilten, und fing an, seiner Frau die empfindlichsten Dinge zu sagen; ja, er wollte ihr fast nach den Augen fahren und hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, ihr übel mitgespielt. Ungeachtet sich Madonna Isotta von ihrem Gatten in Gegenwart so vieler Herren so schimpflich anschreien hörte, verlor sie doch die Fassung nicht, ergriff vielmehr die vom Fürsten bereits erteilte Erlaubnis zu reden und begann mit heiterem Gesicht und fester Stimme also: ›Durchlauchtigster Fürst und Ihr, erhabne Herren, angesehen, daß mein vielgeliebter Ehegatte so ehrenrührige Beschwerden wider mich erhebt, steht zu erwarten, daß Messer Girolamo Bembo die nämliche Gesinnung gegen seine Gemahlin hegen mag. Wollten wir sie nun hierauf ohne alle Erwiderung lassen, so könnte es wohl scheinen, als wäre das Recht ganz auf ihrer Seite und als geständen wir, ein großes Verbrechen an ihnen begangen zu haben. Mit Euer Herrlichkeiten Vergunst fühle ich mich daher gegenwärtig gedrungen, in Madonna Luzias und meinem Namen zur Verteidigung von uns und unserer Ehre zu sprechen, was mir jetzt einfällt, und zwar sehe ich mich genötigt, meinen Plan über das, was ich sagen wollte, zu ändern. Denn hätte er geschwiegen und nicht so rasch sich vom Zorn zu Beleidigungen hinreißen lassen, so hätte ich auf andere Weise für ihrer beider Befreiung und unsere Entschuldigung gesprochen. Dennoch aber will ich, soweit meine schwachen Kräfte reichen, beides zu bewerkstelligen versuchen. Ich behaupte demnach, daß unsere Männer gegen Pflicht und Vernunft sich über uns beschweren, wie ich Euch auf der Stelle handgreiflich zeigen werde. Ich hege die feste Überzeugung, daß ihr Verdruß und hoher Kummer nur aus zweierlei und keinen anderen Ursachen entspringen kann, nämlich aus dem Mord, welchen sie fälschlicherweise bekannten begangen zu haben, oder aus der Eifersucht, die ihnen am Herzen nagt, daß wir unkeusche Weiber seien, da jeder in des anderen Schlafzimmer, ja fast in des anderen Bett ergriffen wurde. Hätten sie aber ihre Hände mit eines anderen Menschen Blut befleckt, was sie allerdings peinigen und betrüben müßte, was könnte es denn um Gottes willen uns angehen, wenn sie ohne Rat, Beihilfe und Mitwissen von unserer Seite eine so gräßliche Missetat begangen hätten? Ich kann in der Tat nicht einsehen, wie uns für dieses Vergehen irgendein Vorwurf treffen könnte, und noch weniger, wie sie sich über uns beklagen können, denn man weiß ja, daß, wer das Böse tut oder Anlaß gibt, es zu tun, notwendigerweise die verdiente Strafe und strenge Züchtigung nach der Vorschrift der heiligen Gesetze dulden muß, um Anderen ein Beispiel zu geben, das sie von ähnlichen bösen Handlungen abhält. Doch wer wird uns hier noch widersprechen, wo die Blinden sehen müssen, daß das Recht auf unserer Seite ist, zumal da wir hier, Gott sei Dank, Messer Aloiso lebendig vor uns sehen, welcher ganz das Gegenteil von dem versichert, was hier diese unsre uns so wenig liebenden Männer törichterweise eingestanden haben? Hätten sie sich verleiten lassen, Hand an Leib und Leben irgendeines Menschen zu legen, so wäre es vernünftigerweise an uns, uns über sie zu beschweren und gar sehr über sie zu beklagen. Denn sie, die vom edelsten Blute geboren sind und als Herren gelten in dieser hochedlen Stadt, die ihre Freiheit immer jungfräulich und rein erhalten hat, wären Schächer, Mörder, Menschen der verworfensten Gattung geworden, indem sie einen so schmählichen Makel auf ihr reines Blut brachten und uns in unserer Jugend in den Witwenstand versetzten. Es erübrigt nur noch, daß sie sich über uns deshalb beschweren, daß sie um Mitternacht einer in des andren Schlafzimmer gesehen und festgenommen worden sind, und das ist, wie mir scheint, der Hauptknoten, Grund, Ausgang ihres ganzen Zornes und Ärgers. Das kann ich Euch sagen, denn ich weiß es gewiß, das ist der Nagel, der ihnen das Herz durchbohrt und der einzige Anlaß ihres Mißmutes. Wie Menschen also, die das Ganze nicht gehörig geprüft und wenig genau in Berechnung gezogen haben, sind sie in Verzweiflung verfallen und haben sich in dieser Verzweiflung angeklagt, das begangen zu haben, was sie nie getan, ja nie entfernt zu tun im Sinne gehabt hatten. Um aber nicht unnötige Worte zu machen und damit das, was ich zu sagen beabsichtige, auf einmal gesagt werde und Ihr, gnädige Herren, nicht Eure Zeit über unnötigem Hin- und Herreden verliert, während ihr Staatsgeschäfte zu besorgen habt, wäre es mir äußerst lieb und ich bitte Euch, durchlauchtigster Fürst, sie zu veranlassen, daß sie aussprechen, worüber sie denn sich so bitter gegen uns beschweren.‹

Im Auftrage des Dogen von einem der Beisitzer befragt, erwiderten beide, sie hätten ihre Frauen als Buhlerinnen erkannt, die sie doch für durchaus ehrbar hielten und die es hätten sein sollen und das sei der ganze Zorn und Grimm, der ihnen am Herzen nage; und da sie solche Schmach nicht ertragen noch es auf sich nehmen könnten, im Angesichte der Menschen zu leben, hätten sie sich aus Verlangen nach dem Tode zu dem Geständnis bewogen gefunden, etwas getan zu haben, was doch nie der Fall gewesen sei.

Als Madonna Isotta dies vernahm, fuhr sie in ihrer Rede fort und sagte zu ihrem Gatten und zu Bembo gewandt: ›So nennt uns doch den Anlaß zu Eurer Beschwerde! Ich meine, es ist an uns, über Euch uns zu beklagen. Was suchtet denn Ihr, mein Gemahl, in dem Schlafgemach meiner teuren Freundin um diese Stunde? Was fand sich denn dort Besseres, als in dem Eurigen? Und Ihr, Messer Girolamo, wer zwang Euch, das Bett Eurer Gattin zu verlassen und bei Nacht das meines Gatten aufzusuchen? Waren die Leintücher des einen nicht so weiß und fein, so sauber, so wohlduftend, wie die des anderen? Ich meinesteils, durchlauchter Fürst, beklage mich aufs Ernstlichste über meinen Gatten und werde mich unaufhörlich über ihn beklagen, daß er, um eine andere zu genießen als mich, von mir hinweg und anders wohin gegangen ist, ungeachtet ich noch keineswegs zum Krüppel geworden bin und wohl unter den schönen Frauen dieser unserer Vaterstadt mich sehen lassen kann. Ebenso ist es mit Madonna Luzia, die, wie Ihr seht, gleichfalls den Schönen beigezählt werden kann. In der Tat, ein jeder von Euch hätte mit seiner Gattin zufrieden sein und nicht, wie Ihr schnöderweise getan habt, sie verlassen sollen, um besseres Brot zu suchen als Hausbrot. Wie rühmlich ist es, passende, schöne und brave Frauen zu verlassen, um zu denen Anderer zu gehen! Ihr beschwert Euch über Eure Frauen und hättet doch über Euch selbst und über sonst niemand Klage zu führen, neben dieser Klage und Reue aber die größte Geduld üben sollen; denn obgleich Ihr zu Hause Euer gutes Auskommen hattet, suchtet Ihr Euch gegenseitig mit Eurer Liebe Schmach anzutun, weil Euch das Hausbrot verleidet und zum Überdruß geworden war. Aber gelobt sei Gott und unsere weise Vorsicht; denn wenn hier irgendwo Schaden und Schande ist, so muß sie ganz auf Eurer beider Seite sein. Beim Kreuze Gottes, ich sehe nicht ein, wie Ihr Männer eher Erlaubnis haben sollt, zu sündigen als wir, wiewohl Ihr aus Geringschätzung unseres Geschlechts tun wollt, was Euch am meisten behagt. Nein, so wenig Ihr die unbeschränkten Herren seid, so wenig sind wir Sklavinnen, vielmehr wollen wir Eure Genossinnen sein, denn die heiligen Gesetze der Ehe, des ersten Sakramentes, das Gott nach der Erschaffung der Welt den Sterblichen gegeben hat, diese Gesetze wollen, daß die Treue eine gleichmäßige sei, und der Gatte ist ebenso gut erhalten, der Frau treu zu sein, als sie ihm. Warum wollt Ihr Euch also beklagen? Wie man in den Wald schreit, so hallt es heraus. Wußtet Ihr nicht, daß die Wage der Gerechtigkeit gerade stehen muß? Daß sie sich weder auf die eine noch auf die andere neigen darf? Lassen wir aber jetzt den Streit darüber und gehen zu dem Anlaß über, weshalb wir uns an dieser Stelle eingefunden haben. Zwei Dinge gerechtester Fürst, haben uns hierher vor Eurer und dieser erlauchten Herren erhabenes Angesicht geführt, da wir sonst nicht gewagt hätten, uns öffentlich zu zeigen; und noch weniger hätte ich die Dreistigkeit gehabt, vor dieser hochansehnlichen Versammlung zu reden, was nur geübten und sehr beredten Männern vergönnt ist, nicht aber uns, die wir kaum für Nadel und Spindel genügen. Einmal haben wir unser Haus verlassen, um zu zeigen, daß unsere Männer keine Mörder sind, weder des Messer Aloiso, der hier steht, noch irgendeines anderen; und dafür hatten wir hinreichendes und glaubwürdiges Zeugnis. Hierbei brauche ich mich aber nicht aufzuhalten; denn alle Mühe, die mich dieser Punkt hätte kosten können, erspart mir die Anwesenheit Messer Aloisos, und von der Ermordung eines anderen war ja gar nicht die Rede. Es bleibt uns nur noch eines übrig, nämlich daß meine Madonna Luzia und ich den durchlauchtesten Fürsten ehrerbietig bitten, zu geruhen, mit seiner und dieser erlauchten Herren Gunst und Ansehen uns mit unseren Männern auszusöhnen, und zu bewirken, daß wir die Beleidigten, sie die Beleidiger sind, und daß unser Fehler, wenn man es so nennen kann, so groß war, als sie es haben wollten. Und um nun zum Schluß zu kommen, sage ich, daß ich schon von Kindesbeinen an von meiner Mutter seligen Andenkens, welche oftmals meine Schwestern und Madonna Luzia unsere Milchschwester, mit uns in verschiedentlichsten Dingen unterrichtete, sagen hörte, alle Ehre, die eine Frau ihrem Mann antun könne, bestehe darin, daß sie sittsam lebe, da ohne Keuschheit eine Frau gar nicht am Leben bleiben dürfe, zumal da bekanntlich die Frau eines Edelmannes oder eines anderen, wenn sie sich einem Fremden hingibt ein gemeines Weib wird, auf das man allenthalben mit Fingern zeigt, und auch ihr Mann wird verhöhnt und verschmäht von allen; denn es scheint, dies sei die größte Beleidigung und Verhöhnung, die ein Mann von einer Frau empfangen kann, und der schmachvollste Tadel, der einem Hause zugefügt wird. Das wußten wir und wollten nicht, daß die ungeregelten und zügellosen Lüste unserer Männer sie zu einem unschicklichen Ziele führten und trafen daher durch einen frommen und löblichen Betrug die Vorsorge, die uns als das geringere Übel erschien. Ich weiß, daß es überflüssig sein würde, hier der Feindschaft zu gedenken, welche seit vielen Jahren zwischen den Eltern unserer Gatten und danach leider zwischen ihnen selbst besteht; denn es ist hier in der ganzen Stadt bekannt. Wir sind von der Wiege an miteinander aufgewachsen, und da wir die Feindschaft unserer Männer bemerkten, machten wir aus der Not eine Tugend und wollten lieber unseren so trauten Umgang meiden, als Anlaß zu häuslichem Zwiste geben. Die Nachbarschaft unserer Häuser bot uns jedoch ein Mittel dar, das Bedürfnis zu befriedigen, das uns die widernatürliche Feindschaft versagte und verbot. Wenn sie ausgegangen waren, fanden wir uns gar oft in unseren Gärten ein, die durch einen einfachen Zaun von einander getrennt sind und pflegten dort geselligen Gesprächs. Wir benutzten aber diese Bequemlichkeit mit Vorsicht, und da wir bemerkten, daß Ihr, unsere Männer, Euch einer in des anderen Frau verliebt hattet, oder vielleicht Euch verliebt stelltet, teilten wir einander diese Eure Liebe mit und lasen immer miteinander die Liebesbriefe, die Ihr uns zuschicktet. Eine andere Schmach, größer als die Unbill, die Ihr uns, Euren Weibern antatet, wollten wir Euch nicht antun, wiewohl Ihr es verdient hättet. Euch zu warnen lag nicht in unserer Absicht; denn wir wollten nichts, als Euch zu Freunden machen; wäre Euch aber etwas gesagt worden von diesem gegenseitigen Verlieben, so hätte das Eure Feindschaft nur vermehrt und Euch die Waffen in die Hand gegeben. Wir berieten uns also miteinander und kamen einträchtig überein in dem gleichen Entschluß; denn wir urteilten, daß unsere Pläne ausgeführt werden könnten, ohne einem Beteiligten Schaden oder Schande zu bereiten, ja sie müßten zur Freude und Genugtuung aller ausschlagen. In allen den Nächten also, wo Ihr bald da, bald dorthin zu gehen vorgabt, kam Madonna Luzia mit Hilfe meiner Dienerin Cassandra durch den Garten in mein Schlafzimmer und ich begab mich, geführt von ihrer Magd Giovanna auf demselben Wege in ihr Schlafgemach. Ihr wurdet durch diese Dienerinnen in die Zimmer geführt und läget jeder bei seinem Weibe; so habt Ihr also Euer eigenes und nicht, wie Ihr meintet, fremdes Feld gepflügt. Es waren aber Umarmungen nicht von Ehemännern sondern von Liebhabern, und so verbandet Ihr Euch mit uns immer mit heftigerer Lust als gewöhnlich, so daß wir uns beide bald schwanger fühlten. Dies muß Euch im höchsten Grade angenehm sein, wenn es wahr ist, daß Ihr so großes Verlangen habt, Kinder zu bekommen, wie Ihr vorgebt. Wenn Euch daher kein anderes Vergehen drückt, wenn Euer Gewissen Euch nichts weiter vorwirft, und wenn Ihr über sonst nichts Schmerz fühlt, so heitert Euch auf und dankt unserer List und dem lustigen Possen, den wir Euch gespielt haben. Und wenn Ihr bis jetzt Feinde gewesen seid, so legt nunmehr den alten Haß ab, versöhnt Euch miteinander und lebt fortab als befreundete Edelleute, Euren Groll dem Vaterlande zum Opfer bringend, das wie eine zärtliche liebreiche Mutter alle seine Söhne in Eintracht sehen möchte. Damit Ihr nun aber nicht etwa glaubt, ich habe alle meine Behauptungen aus der Luft gegriffen und sowohl zu Eurer Errettung als zu unserer Entschuldigung fälschlich vorgebracht, so seht hier alle Eure Briefe, die Ihr uns gesandt habt.‹

Es gaben nunmehr beide Frauen ihren Männern so viele Beweise und entscheidende Zeichen an, und sie wußten ihre Gründe dem Fürsten und den Signoren so einleuchtend zu machen, daß ihre Männer sich für zufriedengestellt erklärten und die Signoren alle gleichfalls ganz befriedigt waren und auch alle einstimmig die beiden Männer freisprachen. So wurden denn beide mit Genehmigung des Fürsten und der Signoren völlig freigegeben.

Die Verwandten und Freunde der Ehemänner und ihrer Frauen hatten mit größter Verwunderung die lange Geschichte angehört, sie lobten die geschehene Freisprechung im hohen Grade und hielten beide Frauen für keusche Madonnen. Isotta aber erkannten sie auch für eine große Rednerin, da sie ihre eigenen Angelegenheiten, wie die ihrer Männer und ihrer Freundin so gewandt verteidigt hatte. Anselmo und Girolamo umarmten und küßten öffentlich mit großer Freude ihre Frauen, dann gaben sie sich selbst die Hand, küßten sich und schlossen Brüderschaft zusammen, lebten auch fortan in vollkommener Freundschaft und vertauschten die wollüstige Liebe, die sie einer zu des anderen Frau gehabt hatten, mit brüderlichem Wohlwollen, was in der ganzen Stadt große Freude erregte. Sobald die allgemeine Aufregung der Versammlung über diesen Vorfall nun etwas nachgelassen hatte, wendete sich der Fürst mit erheitertem Angesicht zu Madonna Gismonda und sagte zu ihr: ›Und was begehrt Ihr von uns, schöne Frau? Sagt uns Eurer Anliegen freimütig! Wir hören Euch mit Vergnügen zu.‹

Madonna Gismonda wurde über und über rot und erschien noch liebenswürdiger als gewöhnlich durch die natürliche Schamhaftigkeit, die sich über ihre Wangen ergoß; sie hielt eine kleine Weile ihre Augen auf den Boden gerichtet, schlug sie dann schüchtern empor und sprach, nachdem sie ein wenig Zuversicht gewonnen hatte: ›Wenn ich, durchlauchtigster Fürst, in Gegenwart von Personen sprechen sollte, welche nie geliebt haben oder nicht wissen, was Liebe ist, so wäre ich verzweifelt darüber, was ich zu sagen hätte, und würde mich vielleicht gar nicht getrauen den Mund zu öffnen. Da ich aber von meinem Vater gottseligen Angedenkens erzählen gehört habe, daß Ihr, durchlauchtigster Fürst in Eurer Jugend auch nicht verschmäht habt, den Liebesflammen Eure Brust zu öffnen, vielmehr ein zärtlicher Liebhaber wart, und da ich überzeugt bin, daß niemand hier ist, der wenig oder gar nicht geliebt hat, hoffe ich für das, was ich jetzt zu sagen habe, bei Euch allen Mitleid, jedenfalls Verzeihung zu finden. Um also zur Sache zu kommen, so verhüte Gott, daß ich eine der scheinheiligen Frauen werden möchte, die, den ganzen Tag mit den Heiligen redend, Vaterunser verschlingen und Teufel hervorbringen, da ich wohl weiß, daß die Undankbarkeit ein Wind ist, der die Quelle der himmlischen Barmherzigkeit austrocknet und zum Versiegen bringt. Ich liebe das Leben, wie natürlich alle Menschen, und die Ehre zunächst, die ihm vielleicht noch vorangestellt sein sollte, weil es keinem Zweifel unterliegt, daß das Leben ohne Ehre nicht der Mühe lohnt; ein solches Leben ist ein lebendiger Tod, wo man mit gebrandmarkter Stirn lebt. Aber die Liebe, welche ich für meinen von mir einzig geliebten Messer Aloiso Foscari hege, welche hier gegenwärtig ist, geht mir über alles, und folglich halte ich sie höher als mein Leben. Und dies in Wahrheit im vollstem Recht; denn wenn ich auch nicht früher von ihm so sehr geliebt worden wäre, da er mich doch geliebt hat, so sehr man nur lieben kann, und wenn ich ihn auch nicht geschätzt hätte, während er mir doch der Teuerste und weit mehr als meine Augen von mir geliebt war, so macht doch der innige Liebesbeweis, den er mir in der letzten Zeit gegeben hat, wo er sich freigebig, ja verschwenderisch mit seinem eigenen Leben gezeigt hat, damit auch nicht der mindeste Verdacht von Unkeuschheit auf mich falle, daß ich ihn unvergleichlich höher achten muß, als mein Leben und meine Seele selbst. Und wo findet sich, daß je eine solche Freigebigkeit von einem Liebhaber so unbedingt geübt wurde? Wer hat je freiwillig den Tod gewählt, um nicht fremden Ruf zu beflecken? Gewiß niemand, glaube ich, oder so wenige, daß diese Gattung so selten und seltener ist als Raben. O einzige und unerhörte Aufopferung! Das ist ein Liebesbeweis, der nie genug gepriesen werden kann! Das ist eine Liebe, die echte Liebe ist, und bei der sich keine Erdichtung denken läßt. Ehe er das geringste Teilchen meines Rufes bemakeln oder eine Spur von Verdacht bei irgend jemand, wo solche mich anschwärzen konnte, auf mich fallen lassen wollte, hatte Messer Aloiso sich freiwillig als Dieb angegeben und mich und meine Ehre weit mehr berücksichtigt, als die seine und sein Leben. Und wiewohl er sich auf tausend Arten befreien konnte, nachdem er einmal in den vom Falle nach halbbetäubten Zustande gesagt hatte, er sei von meinem Fenster herabgestürzt, und nun bemerkte, wie sehr dieses Geständnis meine Ehre beeinträchtigen und ihre Reinheit schwärzen könne, zog er freiwillig lieber den Tod vor, ehe er ein Wort sagte, daß irgendwie eine schlimme Meinung über mich oder so viel Schimpf als das kleinste Muttermal hervorbringen konnte. Da er einmal nicht mehr zurück konnte mit dem was er schon über den Fall gesagt hatte, auch das einmal Geäußerte nicht so zu drehen war, daß die Sache gut stand, so entschloß er sich, den Ruf des Nächsten mit seinem eigenen Schaden zu retten. Wenn er daher so bereitwillig sein Leben zu meinem Nutz und Frommen offenbar auf das Spiel gesetzt und noch weiter mehr für die Erhaltung meiner Ehre gesorgt hat, als für seine eigene, sollte ich nicht zu seiner Errettung meine Ehre beiseitesetzen? Unbedenklich! Ja, Ehre und Leben, und wenn ich tausend Leben hätte, alle zusammen würde ich zu seiner Erhaltung hingeben, und wenn ich es von neuem tausendmal zurückerhielte, so würde ich es eben so oft wieder aufs Spiel setzen, wenn ich ihm damit nur im Geringsten zu helfen wüßte. Ja, ich beklage mich und werde mich immer beklagen, daß mir nicht vergönnt ist, mehr zu tun, als meine geringe Möglichkeit zuläßt. Wenn er stürbe, könnte ich fürwahr nicht am Leben bleiben; wenn er nicht da wäre, was sollte ich im Leben tun. Ich glaube darum nicht, gerechtester Fürst, ein Quentchen Ehre zu verlieren; denn da ich, wie man sieht, jung und Witwe bin und mich wieder zu verheiraten suche, was mir erlaubt, ein Liebesverhältnis anzuknüpfen, freilich zu keinem anderen Zwecke, als um einen meinem Stande angemessenen Gatten zu bekommen. Wenn ich aber auch die Ehre verlöre, warum sollte ich sie nicht verlieren für den, der, um die meinige zu retten, wie schon so oft gesagt wurde, die seinige hat verlieren wollen? Um nun aber zur Sache zu kommen, so sage ich mit aller schuldigen Ehrerbietung, daß es nicht wahr ist, daß Messer Aloiso je als Dieb und wider meinen Willen in mein Haus gekommen ist. Er kam vielmehr dahin ganz im Einverständnis mit mir und als teurer und inniger Liebhaber. Hätte ich ihm nicht die Erlaubnis gegeben, zu kommen, wie wäre es ihm gelungen, eine Strickleiter so hoch empor zu ziehen und sie oben so fest zu machen, daß sie immer festgehalten hätte? Wenn dieses Fenster zu meinem Schlafzimmer gehört, wie konnte es um diese Stunde offen stehen ohne meine Einwilligung? Ich ließ den Bindfaden herab, an dem er die Strickleiter befestigte; mit Hilfe meiner Magd zog ich sie empor und nachdem ich sie festgemacht hatte, so daß sie nicht losgehen konnte, gab ich Messer Aloiso ein Zeichen, heraufzusteigen. Aber sein und mein Mißgeschick wollte, daß er, ohne nur eine Hand berühren zu können, zu meinem unsäglichen Schmerze auf die Straße stürzte. Er möge daher das frühere Geständnis zurücknehmen, daß er ein Dieb sei, und nur die Tatsache bekennen, wie sie ist, da ich mich nicht schäme, das Geständnis abzulegen. Hier sind die vielen Briefe, die er mir schrieb, um eine Unterredung mit mir zu erflehen und um meine Hand zu bitten. Hier ist die Leiter, welche bisher immer in meinem Schlafzimmer geblieben ist. Hier ist meine Dienerin, welche an allen vermittelnd und unterstützend teilnahm.‹

Messer Aloiso gestand auf die Frage der Ratsherren, wie die Sache gegangen war. Er wurde nun ebenso von diesen Herren freigesprochen und wollte seine teure Geliebte als rechtmäßige Gemahlin heimführen. Der Fürst lobte seinen Entschluß sehr. Es begaben sich daher alle Verwandten beider Teile nach dem Hause Madonna Gismondas, wo er sie zu aller Freude feierlich heiratete. Es wurde eine kostbare und äußerst prächtige Hochzeit veranstaltet und Messer Aloiso lebte mit seiner Gattin lange Zeit in ungetrübtem Frieden. Madonna Luzia und Madonna Isotta gebaren mit der Zeit zwei schöne Söhne, was die Zufriedenheit ihrer Väter nicht wenig erhöhte. Sie lebten mit deren Müttern ruhig zusammen und belachten unter sich in brüderlichem Einvernehmen oft den ihnen von ihren Gattinnen gespielten Streich.«

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