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Frauen und Männer der Renaissance

Franz Blei: Frauen und Männer der Renaissance - Kapitel 11
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typenarrative
authorFranz Blei
titleFrauen und Männer der Renaissance
publisherAvalun-Verlag Julius Brüll
year1927
firstpub1927
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Machiavelli erzählt

Über seiner Geschichte war das Kreisrunde dicke Gesicht Messer Sabadinos, das sich bei der Erzählung seiner Lebensumstände etwas melancholisch verfallen hatte, wieder voll Behagen eines wohlgenährten Mannes geworden und strahlte im Glänze seiner guten Röte, in drastischem Gegenspiel zu dem blassen, verarbeiteten und verdachten Antlitz jenes, der nun das Wort nahm. Es war dies Messer Niccolo Machiavelli, der Florentiner.

»Nehmt die Bürgerkrone für diese und die vielen andern Geschichten, die Ihr schriebet, Messer Sabadino, denn diese zu Mindest verdient Ihr, wenn Ihr auch Apollo nicht zwanget, Euch den üppigen Kranz aus Lorbeer aufs runde Haupt zu drücken und darüber unsterblich zu werden wie Bojardo, Euer Freund und Zechgenosse. Nicht um Euch Geschichten zu erzählen ging ich mit Eurer Runde, denn ich habe nur eine einzige geschrieben, nicht wert, sich ihrer zu erinnern. Aber um die Euren anzuhören und mich lachend ihrer zu erfreuen. Doch verzeiht, Freunde, warum sprecht Ihr so gering von diesen Geschichten? Am Maß, das sie sich selber aufstellen damit, daß sie sind, könnt Ihr sie nur messen! Aber doch auch an einem größeren Maße, versucht Ihr das Einzelne im Ganzen der Erneuerung unseres Lebens zu sehen. An dieser Erneuerung haben Eure Geschichten ihr Teil, empfangend wie gebend. Da hat ein jeder von uns mitten in der Schwäche und Schwächung der Zeit, die uns fast zu Barbaren machte, die Schriften der Alten aufgeschlagen, darin sich Mut und Beispiel zu holen. Denn nie ist die Erinnerung daran, daß es das ewige Rom gab, ganz verloschen. Denn es folgte auf das Rom der Kaiser das neue Rom der Kaiser von noch höherer Gewalt. Daß sich das alte in diesem erneuere, so wußten wir es, so wollten wir es. Aber es kam menschliche Verwirrung, und darin schien alles verloren, selbst der Boden, auf dem wir wuchsen. Und jene, welche den reinen Geist verwahren sollten, drohten ihn zum unreinen zu machen durch ihre unsauberen raubgierigen Hände. Mit Spott und Stöhnen wehrte sich die Kreatur um das Licht der frohen Botschaft gegen jene, die es ihr verstellten überall, so daß nicht Freiheit war, nicht Frieden, nicht Gerechtigkeit auf Erden. Das gab dem Einen, Ihr wißt, wen ich nenne, das erzene Wort des großen Gesanges. Dem andern das Lied der sehnenden Seele. Dem dritten, dem Mönch aus Calabrien, das brennende Wort der Predigt. Den Vierten rief es auf zum Beispiel heiterer Armut, die er besang wie seine Braut. Dem Fünften gab es das Schwert, er hieß Rienzo, und war ein Römer in großer Bereitschaft, der Papa angelicus zu werden. Rom sollte wiedergeboren werden und ein italienisches Königreich. Aber seine Macht zerbrach am Bösen. Und der Heilige schien nur den Fischen, nicht den Menschen gepredigt zu haben. Aber das Lachen, das einem mit der Sprache unseres Volkes von den Lippen sprang, das hörte nimmer auf. Es war aus dem Volke. Und steckte die Herren an. Und erscholl von Tarent bis an die Alpen.

Jener Nicolo di Rienzo, der Kanzler auf dem Kapitol, der die Senatoren aus Rom verjagte und sich unter dem Titel eines Tribunen zum Haupte des römischen Staates machte und diesen in die antike Form zurückführte mit einem so mächtigen Eindruck von Tugend und Gerechtigkeit, er war durchdrungen vom lebendigem Quell des nun durch die entartete Kirche verunstalteten Christentums, von dem er die Erneuerung und Verjüngung des Alten sich erhoffte mit den Besten seiner Zeit. Er glaubte an die beständige Herabkunft des Heiligen Geistes und die fortwährende Erneuerung der menschlichen Seele durch ihn. Daß Freiheit, Friede und Gerechtigkeit im ganzen Italien wieder hergestellt werden, Solchem dienten auch wir, als wir es versuchten, in einem Traktate das Bild jenes Fürsten zu zeichnen, der Italien wiedergebären sollte und uns die Una Italia schenken. Wie solches Ziel zu erreichen, machten wir auf die Mittel aufmerksam, welche uns die Zeit bot. Daß es, wenn auch in einem Aeon, der weit über unser Erdenleben hinauslag, erreicht wurde, dafür halfen wir eine Bedingung setzen, indem wir eine Gemeinschaft der Sprache unseres Volkes schufen durch das, was wir schrieben und indem wir schrieben, wie das Volk sprach und aus seiner Art. Das ist Euer Verdienst, Ihr Herren, und das Eurer vielen Geschichten. Möget Ihr sie daher nicht gering achten.

Nicht mehr mit den Mitteln jenes Rienzo, aber doch in seinem Geiste und so wie es mir aus den Gegebenheiten meiner Zeit möglich schien, suchte ich aus Liebe zu Italien den Mann, der es retten sollte. Ich forderte einen Fürsten, der lieber seine Seele der Hölle verfallen läßt, wenn er damit den Staat rettet, als seine Seele rettet und damit den Staat preisgibt. Solches mußte ich sagen. Das ist zu tun und der Weg zu nehmen, der das Leben des Staates rettet und dessen Freiheit erhält. Ich dachte nicht an des Aristoteles Tyrannen, dem keine Gemeinheit groß genug ist, um sein ganz und nichts als persönliches Ziel zu erreichen. Auch entschuldigte und billigte ich nicht die Umstände, unter denen es das Recht des Fürsten ist, ein Schuft zu sein. Denn dem Tyrannen ist der Staat nichts. Dem Fürsten, wie ich ihn meinem Lande wünschte, mußte er alles sein. Meine Zeit gab mir nicht das Mittel moralischer Lotung. Und die saeva indignatio des Michelangolo war nicht meines Wesens. In das Palestina der Kreuzigung gestellt wäre ich mir nicht ganz sicher gewesen, ob ich in Christus oder in Pilatus den Retter gesehen hätte. Es will mir scheinen, als ob, da ich lebte, die schlechten Mittel die einzig aktiven der Politik gewesen wären. Ich konnte die Männer der Tat nur unter den Banditen sozusagen finden. Ich bin nicht sicher, ob zu andern, spätem Zeiten die großen Staatsmänner wo anders als unter den Banditen zu suchen gewesen waren. Denn es handelt sich in dieser Materie des Politischen mit nichten um die Moral.

Verzeiht es mir, Ihr Herren, daß ich von meinem dürftigen Leben schweigend von der Politik sprach, deren Wesen ich suchte, um meinem geliebten Lande die Einheit und die Freiheit nicht zu geben, denn solches konnte wohl ein Sekretarius nicht, aber den Weg dahin zu zeigen. Er führte durch das blumige Land Eurer Geschichten, glaubt es mir. Nur dieses wollte ich sagen. Und jetzt laßt mich, damit ich rechtfertige, unter Euch zu sitzen, meine Geschichte erzählen.

Von den zahllosen Seelen der armen Sterblichen, die, in göttlicher Ungnade sterbend, zur Hölle fuhren, beklagten sich alle oder doch die meisten, die Ursache ihres unglückseligen Geschickes sei allein, daß sie geheiratet hätten. Minos und Rhadamanthys, sowie die anderen Richter der Unterwelt gerieten darüber in das größte Erstaunen. Da sie diese Verleumdung des schönen Geschlechtes nicht glauben konnten, die Klagen aber täglich lauter wurden, so erstatteten sie Pluto pflichtmäßigen Bericht, und Pluto beschloß, diesen Fall mit allen höllischen Fürsten in reifliche Beratung zu ziehen und dann die Maßregel zu ergreifen, welche man zur Entdeckung der Täuschung oder zur völligen Aufklärung der Wahrheit für die dienlichste erachten würde. Nach Einberufung der Stände der Unterwelt hielt also Pluto folgende Rede an die Versammlung:

›Obgleich Wir, Liebe und Getreue, durch himmlische Fügung und unwiderruflichen Schicksalsschluß diesen Thron besitzen, und deshalb weder einem menschlichen noch göttlichen Richterstuhl Rechenschaft schuldig sind, so halten Wir es doch für um so größere Klugheit, Uns den Gesetzen zu unterwerfen und die öffentliche Meinung zu achten, je mächtiger Wir sind. Wir haben daher beschlossen, euren Rat einzuholen, wie Wir Uns in einem Falle, der Unserem Reiche Unehre zuziehen könnte, benehmen sollen. Alle Seelen der Menschen, die in unser Reich kommen, behaupten, ihre Weiber seien daran schuld und Uns scheint dies unmöglich, Wir fürchten daher, entweder als zu grausam verleumdet zu werden, wenn Wir Unser Urteil auf diese Angaben hin fällen, oder für zu wenig streng und gerechtigkeitsliebend gehalten zu werden, wenn Wir es nicht tun. Da nun das eine der Fehler leichtfertiger, das andere der Fehler ungerechter Menschen ist, und Wir die Vorwürfe vermeiden wollen, die Wir Uns sowohl durch das eine, als durch das andere zuziehen könnten, Wir aber kein Mittel dazu finden, so haben Wir euch versammeln lassen, damit ihr Uns mit eurem Rate unterstützt und Ursache werdet, daß dies Reich, das bis jetzt ohne Schande bestanden hat, auch in Zukunft ohne Schande fortbestehe.‹

Der Fall schien allen Fürsten von größter Bedeutung und sehr beachtenswert. Alle waren einig, man müsse über die Sache ins Reine kommen; nur über das Wie wichen die Meinungen voneinander ab. Der eine wollte, man solle einen, der andere, man solle mehrere auf die Welt schicken, um in menschlicher Gestalt durch eigene Erfahrung die Wahrheit zu erforschen. Viele andere glaubten, man könne dies ohne soviel Mühe erreichen, wenn man mehrere Seelen durch verschiedene Martern zum Geständnis zwänge. Da jedoch die Mehrzahl für die erste Meinung stimmte, so einigte man sich endlich. Allein nun fand sich niemand, der den Auftrag freiwillig übernahm; man beschloß, das Los entscheiden zu lassen. Es fiel auf den Erzteufel Belfagor, der vor seinem Sturze vom Himmel Erzengel gewesen war. Obgleich er ungern diese Mühe übernahm, machte er sich, durch den Befehl Plutos gezwungen, fertig, dem Beschlusse der Versammlung nachzukommen, und unterwarf sich den Bedingungen, die man feierlich beschlossen hatte. Es waren folgende: Der mit diesem Auftrag Abgeordnete sollte sogleich hunderttausend Dukaten angewiesen erhalten. Damit sollte er auf die Welt gehen, unter menschlicher Gestalt ein Weib nehmen und zehn Jahre daselbst bleiben. Dann sollte er sich stellen, als sterbe er, und nach seiner Erfahrung den Obern Zeugnis geben, was für Sorgen und Ungemach die Ehe mit sich bringt. Ferner wurde festgesetzt, daß er während dieser Zeit jeder Bedrängnis und allen Übeln, denen die Menschen ausgesetzt sind, der Armut, der Gefangenschaft, der Krankheit und jenem anderen Unglück, das die Menschen treffen kann, unterworfen sein sollte, wenn er sich nicht durch seine List und Verschlagenheit daraus befreien würde.

Belfagor nahm also die Bedingungen und das Geld. Kam damit auf die Welt und zog, nachdem er sich Pferde und Gefolge angeschafft, auf die ehrenvollste Weise in Florenz ein. Diese Stadt hatte er sich vor allen anderen zu seinem Wohnort ausgewählt, weil er dafür hielt, sie sei gegen die Leute am nachgiebigsten, die durch Wucherkünste ihr Geld arbeiten lassen. Er ließ sich Roderigo von Castilien nennen und mietete ein Haus in der Vorstadt Allerheiligen. Damit man seinen Verhältnissen nicht auf die Spur kommen könne, gab er vor, er sei als Kind aus Spanien abgereist, sei später nach Syrien gegangen und habe in Aleppo sein ganzes Vermögen erworben. Jetzt sei er nach Italien gekommen, um unter einem zivilisierten Volke in einem gebildeteren Lande, wo die Lebensweise mehr seiner Sinnesart entspreche, eine Frau zu nehmen.

Roderigo war ein sehr schöner Mann und seinem Äußeren nach dreißig Jahre alt. In wenigen Tagen hatte er seinen Überfluß an Reichtümern bewiesen, und da er sich gebildet und freigebig zeigte, so erboten sich ihm eine Menge Adlige, die wenig Geld und viele Töchter hatten. Unter diesen wählte Roderigo ein sehr schönes Mädchen, Honesta, die Tochter Amerigo Donatis, der außer ihr noch drei heiratsfähige Töchter und drei Söhne im männlichen Alter hatte. Obgleich aus einer sehr vornehmen Familie und in Florenz in gutem Ansehen, war Donati doch, seine große Familie und seinen Adel in Betracht gezogen, äußerst arm.

Roderigo feierte seine Hochzeit auf das Prachtvollste und Glänzendste und versäumte nichts, was man bei solchen Festlichkeiten wünschen kann; denn er war durch die Gesetze, die ihm bei seinem Austritt aus der Hölle auferlegt worden, allen menschlichen Leidenschaften unterworfen. Sogleich begann er, an der Ehre und dem Glanz der Welt Gefallen zu finden und sein Lob gern im Munde der Menschen zu hören; was ihn nicht wenig kostete. Überdies lebte er nicht lange mit seiner Dame Honesta, als er sich sterblich in sie verliebte und nicht leben konnte, wenn er sie betrübt sah, oder wenn sie Mißvergnügen zeigte. Dame Honesta brachte mit ihrem Adel und ihrer Schönheit ihrem Manne einen so großen Stolz ins Haus, wie ihn Luzifer nicht hatte; Roderigo, der aus Erfahrung sprechen konnte, hielt den seiner Frau für noch größer. Kaum aber bemerkte sie die Liebe ihres Mannes, so wuchs dieser Stolz noch viel mehr. Da sie ihn jetzt in allen Stücken beherrschen zu können glaubte, so tyrannisierte sie ihn ohne Erbarmen und Mitleid und scheute sich nicht, ihn mit beißenden und beleidigenden Schimpfwörtern zu überhäufen, wenn er sich einfallen ließ, ihr das geringste abzuschlagen. Das war für Roderigo die Quelle unglaublichen Kummers. Dennoch waren der Schwiegervater, die Schwäger, die Verwandtschaft, das Band der Ehe, und vor allem seine große Liebe zu ihr, Ursache, daß er Geduld faßte.

Gar nicht von den großen Ausgaben zu reden, die er hatte, sie alle neuen Moden mitmachen zu lassen, die unsere Stadt infolge einer angeborenen Gewohnheit beständig wechselte, so war er auch genötigt, wenn er Frieden haben wollte, dem Schwiegervater bei der Verheiratung seiner anderen Töchter beizustehen, was ihn eine große Summe Geldes kostete. Dann mußte er, wenn er eine vergnügte Stunde haben wollte, einen ihrer Brüder mit Seide in die Levante, den anderen mit Tuch nach Frankreich schicken, dem dritten mußte er einen Goldschlägerladen in Florenz eröffnen, wobei er den größten Teil seines Vermögens ausgab. Zur Zeit des Karnevals und an Johanni, wo sich die ganze Stadt nach alter Sitte belustigt und viele vornehme und reiche Bürger durch die glänzendsten Gastmähler Ehre einzulegen suchen, wollte Dame Honesta keiner anderen Dame nachstehen, und Roderigo mußte durch seine Feste alle übrigen übertreffen.

Alles dies ertrug er aus den obengenannten Ursachen. Obgleich es arg genug war, hätte er es sich doch gerne gefallen lassen, wenn er nur dadurch den Hausfrieden erkauft und ruhig seinen Ruin hätte abwarten können. Allein daran war nicht zu denken. Außer den unerschwinglichen Ausgaben zog ihm die hochmütige Sinnesart seiner Frau eine Menge Ungemach zu. Weder Knecht noch Magd konnten es in seinem Hause nur wenige Tage aushalten, geschweige denn längere Zeit. Die größten Ungelegenheiten waren die Folge davon; denn Roderigo konnte keinen vertrauten Diener behalten, der auf seine Angelegenheiten acht gehabt hätte, und sogar die Teufel, die er in Gestalt von Bedienten mitgebracht, wollten lieber wieder in die Hölle zurück und sich in ihr Feuer setzen, als auf der Erde unter der Herrschaft der Dame Honesta leben.

Roderigo führte all dieses stürmische, unruhige Leben, und bald war durch die ungeregelten Ausgaben alles bewegliche Vermögen, das er in Reserve behalten, verzehrt. Er fing jetzt an, in der Hoffnung auf die in der Levante und Frankreich gelösten Gelder zu leben, und lieh, da er noch guten Kredit hatte, auf Wechsel, um seinen Aufwand zu bestreiten. Bald kamen viele Anweisungen auf ihn in Umlauf, und die in solchen Geschäften arbeiten, machten ihre Bemerkungen. Seine Lage war schon kritisch, als auf einmal aus der Levante und aus Frankreich Nachrichten einliefen, der eine Bruder der Dame Honesta habe alles Geld Roderigos verspielt, und der andere habe bei seiner Rückkehr auf einem unassekurierten Schiffe mit allen seinen Waren Schiffbruch gelitten und sei zugrunde gegangen. Kaum wurde dies bekannt, so traten die Gläubiger Roderigos zusammen, und da sie ihn für ruiniert hielten, aber noch nicht offen gegen ihn auftreten konnten, weil ihre Wechsel noch nicht fällig waren, so beschlossen sie, ihn so geschickt zu beobachten, daß er sich nicht in der Geschwindigkeit davonmachen könnte.

Roderigo aber, der seine Lage verzweifelt sah, und wußte, wozu ihn die höllischen Gesetze zwangen, sann nur auf Flucht. Er bestieg also eines Morgens sein Pferd und ritt zum Tore von Prato, in dessen Nähe er wohnte, hinaus. Kaum hatte man ihn fortreiten sehen, als der Lärm unter seinen Gläubigern anging, die sich an die Obrigkeit wandten und ihm nicht nur Gerichtsdiener nachschickten, sondern ihn selbst scharenweise verfolgten. Roderigo war noch keine Meile von der Stadt entfernt, als er das Getöse hinter sich hörte. In dieser fatalen Lage beschloß er, um heimlicher zu fliehen, von der Straße abzureiten und querfeldein sein Heil zu versuchen. Allein die vielen Gräben, womit das Land durchschnitten ist, hinderten ihn daran, und er konnte nicht weit reiten. Er ließ daher sein Pferd am Wege, eilte von Feld zu Feld und kam durch die Reben und das dort häufig wachsende Schilf verborgen, oberhalb Peretola an das Haus Gio Matteos del Bricca, eines Pächters Giovannis del Bene. Zufällig traf er Gio Matteo an, der soeben heimkam, um seine Ochsen zu füttern und bat ihn um Schutz. Er versprach für die Rettung aus den Händen seiner Feinde, die ihn verfolgten, um ihn im Gefängnis sterben zu lassen, Matteo reich zu machen und er werde ihm vor seiner weiteren Flucht einen Beweis geben, daß er sich darauf verlassen könne; wo nicht, so möge Matteo selbst ihn seinen Gegnern ausliefern. Matteo, obgleich ein Bauer, war ein beherzter Mann. Da er nichts verlieren zu können glaubte, wenn er Roderigo rettete, so willigte er ein, steckte ihn in einen vor seinem Hause liegenden Düngerhaufen und deckte ihn mit Röhricht und anderem Unrat zu, der zum Verbrennen zusammengetragen war.

Kaum war Roderigo gehörig verborgen, als seine Verfolger ankamen. Aber durch alle ihre Drohungen konnten sie aus Matteo nichts herausbringen, daß er Roderigo gesehen habe. Sie gingen also weiter und kehrten, nachdem sie ihn diesen und den folgenden Tag umsonst gesucht, ermüdet nach Florenz zurück.

Nachdem der Lärm vorbei war, zog Matteo Roderigo aus dem Verstecke hervor und erinnerte ihn an sein Versprechen. ›Brüderchen,‹ sagte Roderigo, ›ich bin dir großen Dank schuldig, und du sollst gewiß belohnt werden. Damit du aber glaubst, daß ich es zu tun imstande bin, will ich dir sagen, wer ich bin.‹ Nun erzählte er, wer er sei, welche Gesetze man ihm bei seiner Abreise aus der Hölle vorgeschrieben, und daß er eine Frau genommen habe. Dann erklärte er, auf welche Weise er Matteo reich machen wolle; es war kurz diese: Wenn man hören werde, ein Frauenzimmer sei vom Teufel besessen, so sei er es, der hineingefahren und er werde nicht eher wieder ausfahren, bis Matteo herbeikomme und ihn rufe, wodurch Matteo dann Gelegenheit habe, sich nach Belieben von den Eltern bezahlen zu lassen. Nachdem sie hierüber einig geworden, verschwand Roderigo.

Wenige Tage vergingen, als sich in ganz Florenz verbreitete, die Tochter Messer Ambrogio Amedis, die mit Buonajuta Tebalducci verlobt war, sei besessen. Die Eltern ermangelten nicht, alle in solchen Fällen üblichen Mittel zu brauchen, indem sie ihr das Haupt des heiligen Zanobi und den Mantel des heiligen Gio Gualberto auf den Kopf legten. Roderigo aber spottete aller dieser Dinge. Um jedermann zu überzeugen, das Übel des Mädchens sei ein Dämon und nicht nur Einbildung, sprach er Lateinisch, disputierte über philosophische Gegenstände und entdeckte die Sünden vieler Leute, worunter auch die eines Bruders, der sich eine Dirne über vier Jahren lang in Mönchskleidern in seiner Zelle gehalten hatte. Diese Dinge setzten jedermann in Erstaunen.

Messer Ambrogio fühlte sich also sehr unglücklich; er hatte umsonst alle Mittel versucht und schon alle Hoffnung aufgegeben, als Matteo zu ihm kam und die Heilung seiner Tochter versprach, wenn er ihm fünfhundert Gulden geben wollte, wofür sich Matteo ein Gütchen zu Peretola zu kaufen dachte. Messer Ambrogio nahm den Vorschlag an. Matteo ließ nun einige Messen lesen und nahm die gehörigen Formalitäten vor, um die Sache zu verschönern. Hierauf legte er seinen Mund an das Ohr des Mädchens und sagte: ›Roderigo, ich bin gekommen, dich an dein Versprechen zu erinnern.‹ ›Ich will es halten,‹ antwortete Roderigo, ›dies ist aber noch nicht genug, dich reich zu machen. Wenn ich daher von hier weg bin, will ich in die Tochter des Königs Karl von Neapel fahren, und niemand soll mich ohne dich herausbringen. Dort kannst du deinen Schnitt machen und dann läßt du mich ungeschoren.‹ Nach diesen Worten fuhr er aus ihr heraus zur Freude und Verwunderung von ganz Florenz.

Nicht lange Zeit verfloß, so verbreitete sich in ganz Italien die Nachricht vom Unfall der Tochter des Königs Karl. Kein Mittel der Mönche zeigte sich wirksam, und der König, der von Matteo hörte, schickte zu ihm nach Florenz. Matteo ging nach Neapel, nahm zum Schein einige Zeremonien vor und heilte die Prinzessin. Ehe aber Roderigo herausfuhr, sprach er noch folgende Worte: ›Du siehst, Matteo, ich habe dir mein Versprechen, dich reich zu machen, gehalten. Meine Verbindlichkeit ist abgetragen, und ich bin dir jetzt nichts mehr schuldig. Komme mir daher nicht mehr in den Weg; denn, wenn ich dir bis jetzt Gutes erzeigt habe, will ich dir in Zukunft Leid zufügen.‹

Matteo kehrte reich nach Florenz zurück. Er hatte vom König mehr als fünfzigtausend Dukaten erhalten und dachte seine Reichtümer ruhig zu genießen, ohne zu glauben, daß Roderigo seine Drohung ausführen würde. Schnell aber wurden seine Pläne durch die Neuigkeit gestört, eine Tochter Ludwigs VII. von Frankreich sei besessen. Diese Nachricht setzte Matteo in die größte Angst, wenn er die Macht des Königs und Roderigos Worte bedachte.

Wirklich fand auch der König kein Mittel für seine Tochter und schickte, als er von der Kraft Matteos hörte, zuerst einen Kurier ab, ihn zu sich rufen zu lassen. Da Matteo aber Unpäßlichkeit vorschützte, so war der König genötigt, die Signoria zu gebrauchen, die Matteo zu gehorchen zwang. Matteo reiste also in größter Verzweiflung nach Paris und sagte vor allem dem König: ›Es sei zwar gewiß, daß er früher einige Besessene geheilt habe, deshalb könne er aber nicht alle heilen; denn es gebe Teufel von so boshafter Natur, daß sie weder Drohungen; noch Zauber, noch religiöse Gebräuche fürchteten. Jedenfalls werde er seine Pflicht tun; gelinge es ihm aber nicht, so bitte er um Entschuldigung und Gnade.‹ Der König antwortete voll Zorn: ›Wenn du meine Tochter nicht heilst, so laß ich dich hängen.‹ Matteo war darüber in großer Bekümmernis, doch faßte er Mut und bat, die besessene Prinzessin rufen zu lassen. Seinen Mund an ihr Ohr legend, empfahl er sich demütiglich Roderigo, indem er ihn an die erzeigte Wohltat erinnerte und wie große Undankbarkeit es sein würde, wenn er ihn in dieser Not verließe. ›Was, schlechter Verräter,‹ antwortete Roderigo, ›du wagst es mir vor die Augen zu kommen? Glaubst du dich rühmen zu können, durch mich reich geworden zu sein? Ich will dir und jedermann zeigen, daß ich nach Belieben geben und nehmen kann; eh du von hier fortkommst, will ich dich ohne Erbarmen hängen lassen.‹

Als Matteo sah, daß für jetzt nicht zu helfen war, dachte er auf eine andere Art sein Glück zu versuchen und sprach nach der Entfernung der Besessenen zum König: ›Sire, wie ich gesagt, gibt es viele Geister, die so boshaft sind, daß man durch gute Worte nicht mit ihnen fertig wird, und dies ist einer davon. Ich will daher noch den letzten Versuch machen. Wenn er gelingt, so werden Eure Majestät und ich unseren Zweck erreicht haben; wenn er aber nicht gelingt, so bin ich in Eurer Gewalt, und Ihr werdet so viel Mitleid mit mir haben, als meine Unschuld verdient. Laßt auf dem Platze von Notre Dame einen großen Balkon errichten, der alle Barone und die ganze Geistlichkeit der Stadt faßt. Den Balkon laßt mit Seide und Gold behängen und mitten darauf einen Altar errichten. Den nächsten Sonntagmorgen geruht dann, mit der Geistlichkeit und allen Fürsten und Herren mit königlicher Pracht und glänzenden reichen Gewändern darauf zu erscheinen. Dann werde eine feierliche Messe gelesen, und sodann soll die besessene Prinzessin gebracht werden. Ferner sollen auf der einen Seite des Platzes wenigstens fünfzig Personen mit Posaunen, Hörnern, Trommeln, Dudelsäcken, Zimbeln und Pauken und jener anderen Art von lärmenden Instrumenten bereitstehen, und auf das Zeichen mit meinem Hute blasend und trommelnd gegen den Balkon heranziehen. Dies und gewisse geheime Mittel werden, wie ich glaube, den Geist zum Ausfahren bewegen.‹

Der König ließ sogleich alles ordnen, und als der Sonntagmorgen gekommen, war der Balkon mit Großen und der Platz mit Volk angefüllt. Nachdem die Messe gefeiert war, kam die besessene Prinzessin, von zwei Bischöfen an der Hand geführt und von vielen Herren umgeben, auf den Balkon. Als Roderigo soviel Volk versammelt und so große Zurüstungen sah, geriet er in Erstaunen und sagte bei sich: Was denkt dieser prahlerische Schuft zu tun? Glaubt er mich durch diesen Pomp zu erschrecken? Weiß er nicht, daß ich die Pracht des Himmels und die Furien der Hölle zu sehen gewöhnt bin? Er soll mir gezüchtet werden. Als sich hierauf Matteo näherte und ihn bat, sich zu entfernen, entgegnete Roderigo: ›Oh, du hast was Schönes ausgedacht! Was hast du mit diesen Zurüstungen im Sinn? Glaubst du, dadurch meiner Macht und meinem Zorn zu entgehen? Schlechter Schuft, du sollst mir ohne Barmherzigkeit hängen.‹ Da nun Matteo auf diese Weise bat und der andere schimpfte, glaubte Matteo keine Zeit mehr zu verlieren. Nachdem er das Zeichen mit dem Hut gegeben, stießen alle, die zum Lärmmachen bereitstanden, in die Hörner und zogen mit einem Getöse, das bis zum Himmel schallte, gegen den Balkon heran. Bei diesem schrecklichen Lärm spitzte Roderigo die Ohren. Nicht wissend, was es bedeuten sollte, war er ganz verwundert und fragte verblüfft Matteo, was das sei. Ängstlich erwiderte Matteo: ›Oh weh! teurer Roderigo, es ist deine Frau, die dich aufsucht.‹ Es war wunderbar zu sehen, welche Seelenangst Roderigo ergriff, als er den Namen seiner Frau hörte. Ohne nur zu überlegen, ob sie es möglicher- oder vernünftigerweise auch wirklich sein konnte, ergriff er, ohne ein Wort zu erwidern, im größten Schrecken die Flucht, ließ die Prinzessin frei und wollte lieber in die Hölle zurückkehren und Rechenschaft von seinen Handlungen ablegen, als sich von neuem mit so viel Ungemach, Qual und Gefahr dem ehelichen Joch unterwerfen.

So bezeugte Belfagor, in die Unterwelt zurückgekehrt, das Unheil, das eine Frau ins Haus bringt, und Matteo, der klüger war als der Teufel, begab sich fröhlich auf den Heimweg.«

 

Als Messer Machiavelli seine Geschichte erzählt hatte, gab es welche, die darauf bestanden, daß er nur von sich selber Einiges berichte, und wollten sich diese mit dem, was der Florentiner bereits gesagt hatte, nicht zufrieden geben. So gab er nach und sagte:

»Ich habe in einer kleinen Schrift versucht, das Wesen des Politischen zu bestimmen aus sich selber, also weder als ein Sittliches noch als ein Schönes. Das hat mir eine spätere Zeit arg verübelt, und fand meinem Namen kein besseres Synonym als eines Heuchlers. Nun war ich sicher alles andere eher als ein Heuchler. Anders wäre es mir durchaus Ungeschicktem wohl gelungen, verlorene Gunst wieder zu finden, ja, ich hätte sie kaum verloren. Dieses aber geschah und jenes geschah nicht. Eines Einzellebens Geschichte oder die Geschichte einer Zeit, liebe Freunde, das sind nur Unterschiede in den Trachten der Bärte. Habt Ihr den Herodotus gelesen, so habt Ihr alles gelesen und nichts kann Euch weiter erstaunen. Nur eines ändert sich, und das ist, die Dinge zu suchen und zu begreifen. Und anders würde uns ja die Welt so flach erscheinen, daß sie von sich aus und aus Scham über ihre ständigen Wiederholungen schon ins Nichts eingegangen wäre. So aber haben wir den Widerspruch erfunden, und dies macht uns das Leben zuweilen erträglich. Ich bin ein Mensch gewesen, also ein mit Widersprüchen erfülltes Geschöpf, die aufzuhalten ich mich nicht einmal bemühte. Ich ließ mir mein Urteil von der Beobachtung des Lebens diktieren, und war weder ein Verschwörer noch ein Reformator, sondern nur ein leidlich anständiger Beamter und Schreiber. Zu einer Tätigkeit im Staate war ich von der Umgebung und der Erziehung bestimmt. Florenz, das alle möglichen Herrschaften gekannt hat, darin den griechischen Städten ähnlich, stand unter der Herrschaft der Mönche. Savonarola und seine Fratri waren die allmächtigen Herren. Das hat mich nicht zu einem Gegner der Religion gemacht, aber der religiösen Demokratie der Kirche. Wenn die Schatzkammer leer ist, so läßt der Mönch fasten und Prozessionen veranstalten, um sie zu füllen. Die Fratri sollen nicht politisieren. Daß sie es taten, hat uns in Florenz viel Geld gekostet und Tüchtigen das Leben. Als der Mönch verbrannt war, trat ich als Sekretarius in den Dienst der Signoria und der Zehn, denen das Kriegswesen und die auswärtigen Angelegenheiten unterstellt waren. So kam ich in die Politik, die zur Restauration der Medici und zu meiner eignen Ungnade führte. Im Gefängnis überdachte ich jene Schrift den Fürsten betreffend und schrieb sie dann inmitten ländlicher Beschäftigung nieder. Diese hatte meine lebhafte Teilnahme nicht minder als die Staatsaffairen oder das Hahnreitum, dem ich meine Komödie Mandragora zu Liebe schrieb. Arm war ich und blieb ich. Aber das täuschte mich nicht über das, was ich als wahr erkannte, denn dieses Wahre stand mir über allem Sittlichen. Da war der Papst Alexander aus dem Hause Borgia. Nie war ein Mann betrügerischer als er, nie versprach einer nichts mit größeren Worten oder hielt einer weniger sein Wort, und doch gelangen ihm alle seine Betrügereien. Daraus zog ich die Lehre, nicht den Rat. Ich sagte nicht, daß es gut sei, sein Wort nicht zu halten. Ich sagte nur, es sei nützlich und von Vorteil. Das lehrte mich meine Zeit. So mußte ich das politische Wesen erkennen für alle Zeiten. Es war ganz richtig gehandelt, daß mich die Medici, denen ich meine Schrift widmete, nicht in ihren Dienst stellten. Einmal weil sie andere Mittel anwandten, ihre Macht zu stützen, das Geld nämlich, und dann, weil sie mich aufmerksam gelesen hatten, was sie lehrte, so hypokrit zu sein, einen, der die Hypokrisie als ein politisches Mittel erkannt hatte, nicht in Dienst zu nehmen. Nun aber, liebe Freunde, laßt dieses genug gesprochen sein vom Politischen. Ich hatte keine Artung, eine Menschheit zu lieben, welche Menschliches verachtet und lieber Schläge hinnimmt als daran denkt, sie zu rächen. Ich mochte auch jene Haudegen nicht leiden, die vom Papste vollen Nachlaß ihrer Sünden erbaten, wenns ans Sterben ging. Ich nahm vom Frater Matteo, der da war, den Trost der Kirche, wie ich die Pillen schluckte, die mir die Ärzte verordneten, meinem schlechten Magen einige Erleichterung zu verschaffen. Das Heil gab mir der Arzt nicht und nicht der Mönch. Ich habe gesprochen.«

Wäre es nun nach Messer Pietro's aus Arezzo Vorschlag gegangen, wäre man aufgebrochen, um sich die Mandragola vorspielen zu lassen. Aber die größte Zahl war dafür, daß weiter Geschichten erzählt würden, und es kam nun das Wort an Matteo Bandello.

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