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Frauen der Antike

Theodor Birt: Frauen der Antike - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleFrauen der Antike
authorTheodor Birt
year1932
firstpub1932
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleFrauen der Antike
pages299
created20120422
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

Kleopatra und Rom

Der Respekt vor der unablässig sich ausdehnenden römischen Macht, die damals im Zweikampf sogar Karthago niederwarf, war in Alexandrien früh gewaltig; aber man kleidete den Respekt in vornehme freundschaftliche Gesten und demonstrative Verehrung und wußte sich behutsam von Konflikten zurückzuhalten. Aber auch die Freundschaft Roms war gefährlich, das sich den ganzen übrigen Osten mit Waffengewalt eroberte, während ihm in Hinblick auf Ägypten der andere Weg genügte. Der zweite Ptolemäer selbst war es schon, der der barbarischen Westmacht die Alliance anbot, ein Bündnis, das dauernd den Frieden herstellen sollte.Im J. 274; s. Valerius Maxim. IV 3, 9; Livius Epit. 14. Damals war Ägypten eine noch ebenbürtige Macht. Aber dieser dauernde Friedensbund wurde langsam zur Fessel und zur Knechtung, eine liebreich freundschaftliche Umarmung, die mit Erdrosselung endete. Wozu gab es die Testamente? Das Reich Pergamums fiel durch Testament des letzten dortigen Königs an Rom; warum sollte es mit Ägypten nicht ebenso gehen? Geduld, der Prozeß vollzog sich auch hier langsam, aber sicher; Roms Gesandte setzen sich in Alexandrien fest, erteilen den Königen fürsorglich Rat und Warnung und hemmen so ihre Aktionen mehr und mehr.

Im Jahr 201 v. Chr. ist schon ein Römer 143 Lepidus Vormund eines Ptolemäerprinzen. Dann sehen wir, wie ein Ptolemäer um die Hand einer römischen Bürgerin wirbt; es war Cornelia, die Mutter der Gracchen;Plutarch, Tib. Gracchus 1. aber sie lehnte ab. Im Jahre 184 kommt dann zum ersten Male ein König nach Rom; es ist Ptolemäus Philometor; Rom soll ihm, da Familienkonflikte bestehen, sein ägyptisches Kronrecht sichern, und so werden diese Ptolemäer bald zum kriechenden Gesindel. Roms Hand läßt nicht mehr locker; die Hand schiebt sie, wie sie will, hilft aber nur, wenn man sie mit Gold füllt. Als im Jahre 81 v. Chr. Ptolemäus Alexander in gleicher Sache nach Rom kommt, muß er versprechen, für den Fall seines Todes Rom testamentarisch zum Erben seines Reichs zu machen.Vgl. Cicero De leg. agrar. II 16, 41. So weit war es da schon gekommen, und im Jahre 64 berät der hohe Senat wirklich, ob es nicht Zeit sei, mit gelinder Gewalt das schöne Erbe anzutreten. Auf demselben Wege war schon im Jahre 97 die Kyrenaïka durch Testament an Rom gefallen.Vgl. S. Sharpe, »Geschichte Egyptens«, revidiert und berichtigt von A. v. Gutschmid, II S. 8. Übrigens hattc schon Euergetes II. dasselbe geplant; s. W. Schubart »Ein Testament Euergetes' II« (Philol. WS. 1932 S. 694). Warum also zögerte man?

Der Retter war diesmal noch Kleopatras Vater, Ptolemäus XI., ein Vater, dessen sie sich im übrigen nicht rühmen konnte. Wie späterhin der römische Kaiser Nero als Sänger auftrat, so war dieser König Virtuose als Holzbläser und wurde darum Auletes, d. h. der Flötist zubenannt; in allem andern aber der übelste Musikant und Erbe der Liederlichkeit und Schwäche, die diese Dynastie seit dem dritten Ptolemäus (Philopator) heruntergebracht hatte. Dieser Philopator war der König, der zuerst die Halunkenherrschaft der 144 Eunuchen als Hausdiener und Staatsdiener an den Hof gebracht hatte.

Durch Bestechung der hochedlen römischen Senatoren, bei denen er antichambrierte, gelang es dem Auletes, den erwähnten bedrohlichen Senatsbeschluß noch zu hintertreiben, was ihn Unsummen kostete, die er nicht hatte. Es geschah auf Anleihe. Julius Cäsar allein hat ihm damals 17½ Millionen Denare geborgt.s. Sharpe II S. 35.

Als die Römer dann rücksichtslos die schöne Insel Zypern wegnahmen (sie waren so freundlich, den Ptolemäern die fernere Verwaltung dieses ihres alten Besitzes zu ersparen) und als Auletes hiergegen nicht protestierte, wurde er vom Stadtvolk aus Alexandrien vertrieben, kommt so im Jahre 57 nach Rom, logiert vorteilhaft beim großen Pompejus, dessen Wohlmeinen er sich demonstrativ erworben. Um jeden Preis will er wieder auf den verlorenen Thron zurück und nimmt in Rom aufs neue große Summen auf, wirbt damit um Kriegshilfe, und es gelingt ihm durch des Pompejus Vermittlung.

In Ägypten herrschte indessen des Auletes älteste Tochter Berenike (die Schwester Kleopatras) mit ihrem Gatten Archelaos. Auletes aber hat endlich mit schwerem Geld den römischen Feldherrn Gabinius für sich gewonnen, der ihm die Heimkehr erkämpft.Im J. 55. Bei Cicero lesen wir hierüber, in Pisonem 48: Gabinius verkaufte sich, das Heer und das Ansehen des Senats an den Auletes. In diesem Kampf fällt Archelaos. Der König Flötenspieler schaltet wieder als Herr im Land, und sein erstes ist, Berenike, seine Tochter, zu töten.

Dies erlebte Kleopatra, die Schwester, als vierzehnjähriges Mädchen. Aber sie erlebte mehr. 145 Damals hat sie schon mit wachen Sinnen den Mann ihrer Zukunft, den Mark Anton gesehen, mit dem sie ihre Triumphe feiern und sterben sollte. Er hatte als junger Reiteroffizier mit Gabinius den Sieg erfochten und machte, kühn und jung, wie er war, glänzende Figur. Uns wird bezeugt, daß er das wundersame Königskind damals gesehen und bewundert hat. Also sah sie auch ihn.

Von der weiteren heillosen Finanzwirtschaft des Auletes schweige ich. Uns wird gesagt, daß er das ganze Hausvermögen des Königshauses, das für unermeßlich galt, verschleudert hat.Athen. p. 206 D. Er starb im Jahre 51, und zwar als Witwer, und Kleopatra, die elternlose, sollte nun regieren. War sie dazu vorbereitet? Von ihren Eltern hat sie schwerlich lernen können. Die Erziehung der Prinzen und Prinzessinnen lag in den Händen der Eunuchen. Wennschon sie ihre Rolle sehr bald in überraschender Sicherheit spielte, war sie doch in allem, was sie tat, auf ihre Begabung, auf ihre rassigen Instinkte angewiesen.

Ihr junges Leben begann mit einer Leidenszeit. Als ältestes der Kinder – neben ihren zwei Brüdern und der Schwester Arsinoe – ist sie jetzt Königin auf Grund des Testaments ihres Vaters. Die Regierung aber führt Potheinos, der Eunuch, ein Mensch des kalten Gehirns, wie die Kastraten sind. Schlau, herrschsüchtig, boshaft und ränkevoll treibt er zwar antirömische Politik, will aber die Königskinder im Palast nach Laune beherrschen.

Zunächst heiratet Kleopatra ihren Bruder Ptolemäus XII., der zehn Jahre alt; auch dies 146 geschah nach den Bestimmungen des väterlichen Testaments; denn eine Königin ohne König galt nicht als regierungsfähig. An Fortpflanzung der Dynastie ist also vorläufig nicht zu denken. Aber sie kann jetzt schon selbständig handeln, und ein politischer Instinkt sagte ihr schon damals, daß ohne römische Hilfe kein Heil. So war das erste, daß, als zwei vornehme Römer in Ägypten durch Mord umkamen, die Mörder von ihr gutwillig ausgeliefert wurden.

Dann kommt sie zu Pompejus in nähere Beziehung, der der Vormund ihres ihr anvermählten Bruders war. Zu ihrer Freude gab es im Römerreich wieder einmal zerrüttenden Bürgerkrieg; denn Cäsar brach los gegen den Senat und Pompejus. Es war ein Kampf der Prinzipien, der die Welt jetzt umgestalten sollte; denn während Pompejus die alte Republik verteidigt, will Cäsar die Diktatur im Sinn Alexanders des Großen. Schon steht Pompejus auf der Balkanhalbinsel und schickt seinen Sohn zur Kleopatra; er will von ihr Getreide für seine Truppen. Der Sohn war geblendet von der Erscheinung der jungen Fürstin;Unsere Historiker schieben hier schon gleich eine Liebschaft unter; Plutarch spricht (Ant. 25) nur von Verträgen, συμβόλαια, der Kleopatra sowohl mit Cäsar wie mit Gn. Pompejus, die ihre ὥρα erreicht habe. Das ist dann doch vorsichtiger ausgedrückt. sie aber schickt dem Pompejus wirklich das Getreide auf sechzig Lastschiffen.

Dies schien ihr Pflicht, war aber ein Fehlgriff; denn Cäsar und nicht Pompejus ist der Sieger, und nun erfaßt sie der Sturm des Schicksals, um sie hoch zu tragen, und der erste Akt der zwischen Niederlage, Sieg und Tod auf- und abwogenden Kleopatratragödie beginnt.

Mit städtischen Kabalen fing es an. Kleopatra scheint dem Kastraten Potheinos, dem 147 Hausminister, zu eigenmächtig, und ihr Bruder und Gatte, der jetzt vierzehn Jahre zählt und besser lenkbar ist, soll endlich das Heft in die Hände bekommen. Sie trotzt; da wird sie aus dem Palast, aus der Stadt getrieben, und die blutige Feindschaft ist da. Söldner wirbt sie zum Kampf in Syrien an, und ihr Bruder zieht ihr mit Truppen entgegen. Bei der Grenzfestung Pelusium soll es wirklich zur Schlacht kommen.

Inzwischen aber nähert sich Pompejus der Hauptstadt; auf der Flucht kommt er vom Schlachtfeld bei Pharsalos und will, Rast suchend, im Hafen Alexandriens landen. Potheinos hatte ihm gleißnerisch freundliche Aufnahme zugesagt, aber läßt ihn heimtückisch bei der Landung niederstechen. Der große Römer erlag der Hinterlist des Eunuchen.

Da erscheint auch Cäsar, der Sieger. Kleopatra steht noch fern an der syrischen Grenze; aber ihr Herz schlägt höher. Dieser Römer muß ihr helfen.

Der Herr der Welt hatte beim Einzug in Alexandrien einen üblen Empfang. Er hatte die Streitbarkeit und das leidenschaftliche Nationalgefühl dieser Rom ebenbürtigen Weltstadt unterschätzt und nur etwa 3000 MannEs waren 3200 Mann Fußvolk und 800 Reiter. zur Sicherung seiner Person mitgebracht. Murren, Tumult, Geschrei empfing ihn, als er mit dem ganzen Pomp eines römischen Konsuls zum Königspalast zog: »Hier ist Ägypten! Was will der Römer in unserem Land?« Aber Cäsar war kein Mann der Furcht. Den Herrscher spielend, lud er zunächst den Ptolemäus zu sich, der noch bei Pelusium stand; und Ptolemäus kam.

148 Kleopatra konnte sich in die Hauptstadt nicht wagen; denn Potheinos beherrschte mit seiner Kamarilla die Stadt. Aber sie mußte Cäsar sehen, ihm begegnen – sie war sich ihrer Reize bewußt, die zu gut für ihren Bruder waren – und plötzlich kam auch sie. Heimlich kam sie, wie eine Schlange, verkroch sich in einen Sack oder eine Teppichrolle und ließ sich so auf einer Barke durch den Hafen und in den Palast tragen, ungesehen und gewiß eine schmiegsame und leichte Last. Die Rolle tat sich auf, und sie stand vor Cäsar. Es war ein weltgeschichtliches Ereignis; denn Cäsar war sofort gewonnen, bezaubert, umstrickt. Er zählte jetzt 56 Jahre, war verheiratet (in Rom saß Calpurnia, seine kinderlose Frau), war aber der berüchtigte Weiberfreund. Das wußte sie. Nicht umsonst nannte er Venus die Stammutter seines Geschlechtes.

So stand er vor ihr, der hochgewachsene, mit dem fangenden Blick im schwarzen Auge. War dies der Mann, der alle Menschen durchschaute? Sie tat dasselbe. War er allen Situationen gewachsen? Sie war es auch, ein junges Weib vornehmsten mazedonischen Geblüts, erst 21jährig, lebend in einer Ehe, die keine war, aber reif und fesselnd in ihrer fremdartig reizvollen und schlangenhaft siegreichen Natur: in der Haltung souverän und königlich, aber grenzenlos temperamentvoll, sprühend von Lebenskraft, Willenskraft und Intelligenz. Man kann, was Kleopatra bedeutete, allein schon nach ihrem Sprachtalent ermessen, das dem des Wundermanns Mithridates nahe kam; denn sie sprach oder 149 verstand außer griechisch und mazedonisch auch ägyptisch, äthiopisch, hebräisch,So Plutarch; es ist wohl aramäisch gemeint. syrisch, persisch und nur nicht Latein. Der stolze Römer mußte sich herablassen und im Gespräch sein gutgelerntes Griechisch üben.

Daß sie zum Pompejus gehalten, trug er ihr nicht nach; er beschloß vielmehr, sie zu rehabilitieren, und verlangte im Namen Roms durch öffentlichen Akt die Anerkennung Kleopatras als der rechtmäßigen Königin. Es war ein Wagnis, und er mußte die Folgen tragen; denn sofort brach der Aufstand los; der üble Potheinos, obschon in Cäsars Gewalt, wußte zu hetzen und durch Zuträger alles zu leiten. So kam das ägyptische Heer des Ptolemäus, das noch bei Pelusium stand, herbei, und Kleopatras ehrgeizige Schwester Arsinoe wurde zur Königin ausgerufen.

Und der Krieg ging los, der Straßenkrieg; er wird der alexandrinische Krieg genannt; Arsinoe gegen Kleopatra die Losung. Cäsar in Not; an 40 000 Bewaffnete gegen ihn, darunter sehr viel römische Leute; denn seit langem lebten hier schon Römer, die sich zu Haus unmöglich gemacht und den ägyptischen Untertan spielten. In der Stadt selbst, vor allem am Hafen, zu Land und zu Wasser wird gekämpft. Cäsar ist bedrängt, weiß sich zu wehren, aber eine Niederlage beim Brückenkampf wird ihm nicht erspart; aus dem Schiff muß er ins Meer springen, um sich zu retten. Eine Erlösung, als endlich von auswärts Verstärkung kommt. Den Potheinos hatte Cäsar endlich töten lassen. Ptolemäus aber kam im Gefecht um. Cäsar hatte den jungen König aus 150 dem Gewahrsam, in dem er ihn festhielt, freigelassen unter der Bedingung, daß er Frieden halte. Der junge Mann hatte dies mit Handschlag versprochen, trotzdem aber neuen Kampf eröffnet. Er ertrank im Nil.

Endlich war es in den Straßen still geworden, Arsinoe geflohen. Sie hatte das Königtum sich angemaßt und rettete sich nach Ephesus; erst im Schutz des Heiligtums der ephesischen Diana hoffte sie dauernd sicher zu sein. Einen schweren Verlust aber hatte Alexandrien zu tragen. Cäsar hatte im Hafen ägyptische Kriegsschiffe mit Feuerbrand vernichten lassen; das Feuer hatte sich über die Schiffswerften ausgebreitet; die Fackeln griffen weiter und wurden von der brutalen Mannschaft auch in die naheliegende königliche Bibliothek geworfen. An 70 000 Rollenbücher sind da verbrannt,Vgl. »Alexander der Große«³ S. 477 Anm. 50. eine Schande für Rom und für Cäsar; denn die Bibliothek war der Ruhm der Stadt, war der Schatz gewesen, der von hier aus der ganzen Kulturwelt diente. Wo der Funke sprüht, das Feuer hochschlägt – der ganze Hafen ein Flammenmeer – geht die Zerstörungswut hemmungslos weiter.

Für wen hatte Cäsar gekämpft? Nicht nur für sich und seine Rettung; er hatte für Kleopatra gekämpft. Freilich stand er nun herrisch neben ihr als Eroberer im Land und beendet geschäftsmäßig den Regierungsstreit, indem er sie veranlaßt, nunmehr ihren zweiten Bruder, Ptolemäus XIII., zu heiraten, der, da der ältere Bruder gestorben, schon hiernach und durch Sukzession König Ägyptens war. Solches geschah im Jahre 151 47. Ägypten bleibt damit zwar ein Königreich, aber ist wie das Judäa des Königs Herodes ein Vasallenstaat und an Rom gebunden. Kleopatra aber konnte das ruhig hinnehmen; denn in Wirklichkeit herrschte sie über den Gewaltigen, den alle fürchteten. Sie fühlte sich stolz als Kronenträgerin, er war nur der Mensch ohne Krone; sie die Erbin alter kultureller Traditionen, er doch nur der Emporkömmling. Sie war mehr als er; das fühlte er, das fühlte sie. Sollte auch er zur Krone greifen?

Die Waffen ruhten. In Unterägypten aber lebt es sich schön, um so schöner mit einer jungen Königin. Geraume Zeit noch blieb Cäsar bei ihr, die Muße auskostend, als stünden seine altrepublikanisch gesinnten Gegner nicht in Syrien, in Tunis kampfbereit. Nicht als ihr Herr blieb er, sondern als ihr Gast. Der Verkehr mit ihr war der intimste.Daß Cäsar im Palast wohnte, scheint außer Zweifel, wenn schon im Bell. Civ. III 111 auch sein eigenes Haus, domus eius, erwähnt wird. Daß sie Tag und Nacht auf demselben Wohnschiff fuhren, sagt Sueton, Div. Jul. 52. Ihre Convivien erstreckten sich die Nacht durch bis zum Morgen.s. Sueton Div. Jul. 52. Auch dem alexandrinischen Dionysoskultus muß sich Cäsar da ergeben haben, und damit hängt zusammen, daß er den bisher verpönten Bacchuskultus in Rom in Aufnahme gebracht hat (primus Romam transtulit sacra Liberi patris, Serv. zu Ecl. 5, 29; vgl. »Horaz' Lieder« Heft 2 S. 134). Freilich wußte er diese Zeit der goldenen Muße auch anderen Interessen dienstbar zu machen und unternahm mit ihr eine Nilfahrt über Memphis und Theben hinaus. Eine Kriegsflotte fuhr zur Sicherheit mit stromaufwärts; denn die Frage nach den unerforschten Nilquellen beschäftigte ihn. Aber er genoß mit dem Weibe zugleich – wer kann es bezweifeln? – die Lichtwunder der Sonnenuntergänge, den Zauber der ägyptischen Nächte, die man auch heute bei der Nilfahrt erlebt. Es waren für Cäsar Liebesnächte – bis er endlich sich seiner Pflichten erinnerte.

Er wußte jetzt, was er wollte. Die letzten 152 Widerstände im Reich galt es niederzuwerfen, aber nicht, um erster Bürger unter Bürgern, sondern um König zu sein, wie Alexander der Große es gewesen war. Ein König ohne Krone? Würde Rom ihm die Krone geben, die die Ptolemäerin an ihm vermißte?

Vier seiner Legionen ließ er ihr zum Schutz zurück, aber nicht nur das, auch einen Sohn, den sie gebären sollte. Noch im selben Jahr 47 v. Chr. genas Kleopatra eines Knaben, den sie Cäsarion, den jungen Cäsar, nannte. Damit endlich hatte der Kinderlose einen Erben, der eine Cäsardynastie sichern konnte. Cäsar erkannte ihn ausdrücklich als seinen Sohn und Erben an.Dies versicherte Cäsars Anhänger und treuester Mitkämpfer Mark Anton. Griechen fanden den Knaben in Gang und Gestalt dem Cäsar ähnlich. Andere Anhänger Cäsars bestritten, daß es Cäsars Sohn war (Sueton Div. Jul.). Aber Cäsar hätte die Namengebung Caesarion, wäre letzteres wahr, nicht geduldet, auch Mark Anton den Knaben nicht als König Ägyptens feierlich anerkannt. Es war Kleopatras erster großer Triumph; sie hatte den künftigen König Roms geboren, und sogleich ließ sie Geld prägen, auf dem sie selbst als Aphrodite, jedoch in der Gestalt der Isis, der Knabe aber mit Flügeln als Eros gebildet war.Die Isis wurde mit der Aphrodite gleichgesetzt; daher heißt bei Herondas I 26 Ägypten das Haus Aphroditens (vgl. ebda. I 62 f.). So versteht auch Horaz c. III 26 unter der Venus von Memphis die Isis (vgl. Reitzenstein in Neue Jahrbb. 21 S. 93; »Horaz' Lieder« Heft 2 S. 63 und 95). Der Isis Sohn war Horos; dieser wird auf der Münze als Eros wiedergegeben. Darüber, daß man junge Kinder gern mit Flügeln darstellte, wird bald hernach zu reden sein. So ist es hier dem Caesarion geschehen.

*

Cäsar aber konnte Kleopatra nicht entbehren, und zwei Jahre, nachdem er sie verlassen, kommt sie selbst nach Rom in aller Pracht der Fürstinnen des Morgenlandes, eine Königin in der freien Bürgerstadt. Es war provozierend kühn. War es doch dies Rom, das einst den Tarquinius Superbus vertrieben, wo das Wort rex verhaßt, verfemt war. Übrigens heißt sie ausdrücklich wie in den alten großen Zeiten die Bundesgenossin Roms. Ihren Gemahl Ptolemäus XIII. hatte sie geziemend mitgebracht, aber auch das Kind und residierte als Gast nicht in der Stadt selbst, 153 sondern vor der Stadtmauer, in Trastevere, in Cäsars Gärten, dort, wo heute die Farnesinische Villa liegt.Über das Haus, das Cäsar dort für sie erbaute und dessen Dekorationen uns vielleicht erhalten sind, vgl. W. Helbig, »Führer« 3. Aufl. II S. 117 f. Einer der Dekorateure nannte sich Seleukos. Dort besuchte sie Cäsar, aber sicher auch andere Herren wie Cicero. Cicero bekennt seinem intimen Freund Atticus, daß er die Königin hasse und seine Gründe dafür habe.Cicero ad Att. XV 15, 2 : reginam odi; me iure facere scis. Wenn er dies hervorheben zu müssen glaubt, gab es also damals doch auch Männer von Bedeutung, die ihr wohlwollender gegenüberstanden. Ob sie Roms winklige Gassen selbst betreten hat, wissen wir nicht; aber das Republikanervolk bekam gewiß von ihrer exotischen Aufmachung genug zu sehen: Eunuchen, Lakaien und Zofen aller Trachten und Menschenrassen.

Ihren Übermut konnte es nur steigern, daß Cäsar ihr vergoldetes Bildnis als Statue im Tempel der Venus Genetrix aufstellte. Auch diesen Venustempel hatte Cäsar soeben erbaut auf dem neuen julischen Forum. Er war ja der Abkömmling dieser sexuell freisinnigen Göttin und dachte tatsächlich daran, für das Eheleben die Zulassung der Polygamie im Reich gesetzlich zu machen. Lebte er doch in Rom jetzt mit zwei Frauen, also als bigamus. Die eine Ehe schien ihm so gültig wie die andere. Aber es kam nicht dazu; der Gedanke blieb unausgeführt.

Was wollte Kleopatra in Rom? Sie hoffte, dieser Stadt zum Trotz, Cäsars Königtum in Rom zu erleben, und in der Tat geschah es, daß Mark Anton, Cäsars Parteigänger und bester Vorkämpfer im Kriege, ihm auf dem Forum feierlich die Königsbinde antrug. Cäsar merkte bei diesem Akt voll Ärger die Mißstimmung des 154 Publikums und winkte ab. Die Sache war in Rom schlecht zu inszenieren. Er hätte Alexandrien zu seiner Hauptstadt machen müssen, um wie Alexander als König des Weltreichs dazustehen, und man fürchtete jetzt in Rom in der Tat, daß er dies tun würde. Man fürchtete ihn, man haßte sie; die Verschwörung entstand, und Cäsar wurde ermordet.

Kleopatra war noch zugegen; der Mordschrei scholl gleichsam zu ihr über den Tiber. Ihr großer Zukunftstraum war jählings zertrümmert, und sie war schuld, daß dieser genialste der Männer, die Rom hervorgebracht, den Dolchstößen seiner früheren Verehrer erlag.

Er war allerdings aus der Welt geschafft; aber Cäsar ist trotzdem und über seinen Tod hinaus der Begründer des königlichen Cäsarentums geworden, durch das Rom erst die ewige Stadt geworden ist.

Anderthalb Jahre hat Kleopatra damals in Rom gelebt. Auch jetzt entfernt sie sich nicht gleich. Man verschonte sie. In Cäsars Gärten war sie sicher. Sie will beobachten, was weiter werden wird, und vernimmt die Rufe des Soldatenvolks auf dem Forum! Rache für Cäsars Tod! Mark Anton tritt als der Rächer auf; die Verschwörer fliehen, und Roms Macht droht wieder auseinanderzufallen im Bürgerkrieg des Antonius gegen die Cäsarmörder Brutus und Cassius.

Cicero aber blieb in Rom. An ihn wendet sich Kleopatra: er soll bewirken, daß der Senat den Sohn Cäsarion als König Ägyptens anerkennt. Cicero bat sie bei dieser Gelegenheit für seinen Privatgebrauch um Zuwendung von Büchern und 155 Kunstgegenständen aus Ägypten. Ihren Wunsch aber lehnte er ab.Cicero ad Att. XV; es waren φιλόλογα und anderes. Erst danach reiste Kleopatra überstürzt und fluchtartig aus Rom ab.Cic. ad Att. XIV 8. Sie war nicht entmutigt; vielleicht konnte sie aus den neuen Wirren Nutzen ziehen.

Was wäre geworden – die Frage drängt sich auf –, wenn der Mordanschlag mißlungen wäre (an Warnungen fehlte es nicht) und Cäsar in seiner Machtstellung ein höheres Alter erreicht hätte? Es ist nicht zu kühn, wenn wir sagen: eine griechisch-römische Weltmonarchie mit Rom oder Alexandrien als Hauptstadt; der Senat dauernd außer Kraft gesetzt; ein absolutistisches Regiment im Stil der Ptolemäer; Cäsar der Erneuerer des Weltreichs Alexanders; der junge Cäsar, damals Cäsarion genannt, der legitime Nachfolger des jetzt Ermordeten, der die Dynastie fortzusetzen bestimmt war; endlich Kleopatra, die Ptolemäerin, Königin der Welt. Es ist dasselbe, was hernach Mark Anton, der Gedankenerbe Cäsars, zu realisieren versucht hat.

Octavian, der Neffe Cäsars, kommt für den, der diese Möglichkeiten erwägt, nicht in Betracht; denn diesen Neffen hat Cäsar in seinem Testament nur für den Fall seines Todes zum Sohn adoptiert. Cäsar hätte noch zwanzig Jahre weiter leben können, und solange er lebte, lag das Testament uneröffnet, hatte er also auch keinen Sohn außer Cäsarion.

*

Kleopatra fand in Ägypten die vier Legionen noch vor, die ihr Cäsar dort zum Schutz 156 zurückgelassen hatte. Ihr Selbstgefühl war hoch gesteigert, ihr Gewissen weit. Sie fühlte sich im Anblick des Sohnes als Cäsars Witwe, und ihr Brudergemahl Ptolemäus XIII., diese Puppe, war ihr lästig. Man darf nicht sagen, daß sie ihn ermordete; es heißt nur, durch ihre Ränke kam es noch im Jahre 44 dahin, daß er Gift erhielt; und nun machte sie selbst ihren Sohn römischen Blutes Cäsarion, das damals dreijährige Bürschchen, offiziell zum König Ägyptens, für den sie als Königin-Mutter die Regierung führte.

So hat sie in seinem Namen die Herrschaft geführt. Während jetzt Rom ohne einheitliche Führung war und die Parteien sich wieder im Reiche rauften, existierte ein Sohn Cäsars und war König. Cäsars Dynastie, so dachte sie, war an Ägypten gebunden.

Die berufenen Heerführer der Senatspartei oder der Partei der Cäsarmörder Brutus und Cassius waren nach Kleinasien ausgewichen und rüsteten dort in gewaltigem Ausmaß Heer und Flotte, um gegen die Rächer Cäsars für die Freiheit, d. h. für das Recht des Senats und der Republik zu kämpfen. In Italien aber hatte sich das diktatorisch herrschende Triumvirat Antonius, Octavian und Lepidus gebildet und mit ungeheuren Blutopfern sich durchgesetzt. Für den bevorstehenden Kampf kam von diesen dreien Lepidus nicht in Betracht, um so mehr Octavian. Dieser Octavian nannte sich nun aber auch, wie Cäsarion, Sohn Cäsars; denn Cäsars Testament war eröffnet worden, und das klang bedrohlich.

Während Antonius und Octavian ihre 157 Legionen, um die Gegner aufzusuchen, auf die Balkanhalbinsel führten, war Kleopatra nicht müßig. Sie hatte ihre Kriegsflotte verstärkt, war aber klug genug, sich zunächst zurückzuhalten. Als Cassius von ihr Kriegsschiffe haben wollte, verweigerte sie ihm ihre Hilfe. Dann aber unternahm sie es sogar, auf See gegen Cassius vorzustoßen; denn ihre Sympathie galt naturgemäß dem Mark Anton. Es war das erstemal, daß sie selbst als Stratege auftrat, und sie ist jetzt ihr eigener Feldherr. Man möchte wissen, wie sie die Schlacht geführt hätte, eine zweite Artemisia auf den Wellen. Aber es kam anders. Ein Sturm warf sie an die Küste Afrikas zurück; sie erkrankte und war gezwungen abzuwarten.Appian b. c. IV 82; V 8.

Schon aber ist im Schicksalsjahr 42 bei Philippi in Mazedonien die Entscheidung gefallen. Antonius besiegte die Cäsarmörder in einer Doppelschlacht. Es war die vielbewunderte und eines Julius Cäsar würdige strategische Großtat dieses Führers. Nur er, nicht Octavian war bei Philippi der Sieger, also der Rächer Cäsars, und so ist Antonius jetzt auch Herr der Lage. Mit wachen Augen verfolgte Kleopatra den Hergang; denn sie kannte ihn ja persönlich; kein Zweifel, daß er sie auch in Rom in Cäsars Gärten als Günstling Cäsars besucht hatte.

Vom Lepidus ist im weiteren kaum noch zu reden, um so mehr von Octavian, der nun laut der Erbe Cäsars zu sein beanspruchte. Man verlachte ihn, weil er sich in der Kriegsführung auffallend schwächlich und langsam erwies; aber er 158 war klug und tückisch, an Blut gewöhnt und als Gegner gefährlich.

Mit ihm mußte sich Antonius jetzt in die Weltmacht teilen, und er überließ ihm die Verwaltung und Sanierung Italiens und des Westreichs, während er sich selbst den üppig reichen Orient vorbehielt. Der Orient machte keine Sorgen; er brauchte Italien nicht, um zu florieren; ganz anders lag es umgekehrt. Octavian würde in Italien viel zu kämpfen haben und mit sozialer Arbeit überlastet sein. Antonius gönnte ihm die Mühe. Wie viel bequemer war es im Morgenland zu herrschen, das ein absolutes Regiment seit langem gewohnt war! Es galt nur breite Ellenbogen zu machen. Gleichwohl wollte Antonius aber auch in Italien seinen Einfluß gewahrt wissen und blieb noch in engen Beziehungen zu seinen Freunden im Senat Roms.

Durch Kleinasien zieht er als seelenvergnügter Despot mit seinen Truppen, um überall hohe Kriegssteuern zu erheben. Denn wozu sonst sind hier die Städte so reich? Trotzdem wird ihm vielerorts der lustigste Empfang, als gäbe es Karneval. In Ephesus wird er als der »Neue Gott Dionys« begrüßt (er spielte in der Tat jetzt gern diese Rolle), und Frauen und Männer der Stadt umschwärmen ihn huldigend als Mänaden, Silene und Satyrn ausstaffiert, weinlaubbekränzt und den Thyrsusstab schwingend. Es war der lustige Auftakt zu dem großen Abenteuer, das ihm bevorstand.

Als er endlich in Tarsus, der Hafenstadt Kilikiens, ist, erinnert er sich Ägyptens und fordert 159 durch Gesandtschaft die Königin auf, sich bei ihm einzustellen. Sie war eben Roms Vasallin, und es schien so, daß er von ihr über ihre Beziehungen zu Cassius Rechenschaft wollte.Es handelte sich um die vier Legionen, die Alexandrien verlassend des Cassius Heer verstärkt hatten. Für Kleopatra aber war es frohe Botschaft. Sie sah in ihm nicht nur Cäsars Rächer, sondern auch Cäsars rechten Erben, dem die Weltmacht zukam; denn er verachtete wie jener alle Demokratie.

Ob er selbst sein Ziel erkannte? und wenn: ob sie ihn fangen, ob sie mit ihm das erringen konnte, was ihr mit Julius Cäsar halb gelungen war? Sie wußte, wie leicht entzündlich, wie schrankenlos sich einsetzend seine starke Natur war.

Sanguiniker war er, ein Mensch, der immer ganz sich gab und nicht mißtraute und nicht rechnete, ein ganzer Kriegsmann voll Wucht und Ausdauer, ließ sich aber gerade darum in der Muße burschikos und sorglos gehen als lustiger Kumpan und toller Landsknecht, zechend und liebend, verschwenderisch ins Grenzenlose, wo es zu schenken galt, auch kein Spaßverderber; er foppte gern und lachte vor Vergnügen, wenn man ihn selber foppte. Jetzt zählte er 40 Jahre; er war beleibt geworden, und sein nobles Äußere hatte gelitten. Ein kantiges Profil, Geiernase und spitzes Kinn: so tritt uns sein Bild entgegen.

Kleopatra aber stand in der Hochblüte des Frauenalters, jetzt 28jährig, verlockend genug für einen genußsüchtigen Menschen, der schon vielerlei Liebe gekostet. Aber, anders als er, war sie in allem planvoll und berechnend, mit der Kunst, in aller Anmut zu verbergen, was sie 160 dachte, von geschärftem Verstande und in allen politischen Dingen versiert.

Lachend empfing sie den Brief des Mark Anton, in dem er sie eigenhändig zu sich lud – Dellius war der Antoniusfreund, der ihr ermutigend den Brief brachte –, lud Wertgeschenke, Geldtribut, Frauenschmuck in Fülle, aber angeblich auch Liebestränke und Zaubermittel, die die abergläubische Frauenwelt damals im Notfall zur Hilfe rief, auf ihr Prunkschiff und schmückte sich selbst als Göttin der Liebe.

Sie war keine weiche Idealschönheit im Stil der Phryne des Praxiteles, weit entfernt. Die Ideallinie hört auf, wo das Charakteristische einsetzt, desto mehr, je komplizierter der Charakter. Die Erlebnisse formen das Gesicht der reifen Menschen, und sie hatte schon viel erlebt.

Ihr MünzbildVgl. »Röm. Charakterköpfe« Beiblatt zu S. 80. zeigt den Kopf im Profil: das Haar effektlos heruntergekämmt, mit dem Knoten im Nacken, die Züge straff zusammengenommen, der Umriß in schlichter, edler, aber strenger Führung. In der Geschlossenheit zeigt sich die Entschlossenheit; stille Energie das Ganze. Interessanter ihr groß im Relief hingesetztes, ägyptisch stilisiertes Brustbild an dem von ihr erbauten Tempel von Denderah.s. V. Gardthausen »Augustus und seine Zeit« II S. 227 und 234; übrigens daselbst I S. 431 ff. Mit wenig Sicherheit hat man den Porträtkopf einer Königin (Jahresber. d. österr. Instituts 1911 Abb. 119; vgl. Helbig »Führer«³ Nr. 1037) auf Kleopatra gedeutet. Zum Tempel von Denderah vgl. Sharpe a. a. O. II S. 22. Da wird das Profil beredt, und man möchte es erleben, mit solcher Frau zu sprechen: die Nase energisch geschwungen, die Stirn ganz niedrig, die Braue lang gezogen, das Kinn voll und weich, weich auch die Lippen des Mundes, der sich öffnet, als spräche er: »Willst du es mit mir wagen?« Wie nun gar, wenn in solchem Gesicht der Affekt zu 161 spielen beginnt, es sich elektrisch entzündet, die Augen glühen und flackern voll Begehren und Falschheit! Auch der Wohllaut ihrer Sprechstimme half dieser Frau; es war ein Organ, das schön angab in allen Lagen. Daß sie endlich durch Toilettenkünste ihre Wirkung noch zu steigern wußte,s. Fronto p. 154 ed. Naber. versteht sich von selbst. Welche Frau der höheren Gesellschaft tut dies nicht? Daß sie sich etwa schminkte, sagt uns indes niemand; wohl aber verlautet, daß Kleopatra eine Lehrschrift über Kosmetik schrieb.Die uns überlieferten Auszüge aus dieser Schrift metrologischen Inhalts scheinen zu beweisen, daß die Schrift Kleopatras Namen mit Unrecht trug. Hat sie sich dazu wirklich herbeigelassen, so tat sie es gewiß zur Verfeinerung des Geschmacks der noch allzu rückständigen Römerinnen.

Kleopatra fuhr zum Mark Anton nach Tarsus. Die ganze Stadt war in Erwartung und schon vorher viel Volkes am Hafenmolo. Der Hafen lag eingebogen in einer Flußmündung.Es war der Fluß Kythnos. Von weitem schon hörte man die Flötenmusik, die an Deck des Schiffs, als es in den Fluß einbog, den Rhythmus der Ruderer begleitete. Man spürte die Wohlgerüche von verbrannten Spezereien, die der Wind herüber ans Ufer trug. In griechischer Gewandung als der »Neue Gott Dionys« stand Mark Anton, um sie zu empfangen, bereit, als das Schiff, das sein purpurnes Segel zeigte, den Anker senkte; und da sah man sie selbst als Venus phantastisch und anmutig gelagert,Natürlich erschien Kleopatra ohne jede Entblößung. Die nackte Aphrodite gehörte nur der Kunst; sie wurde von den Künstlern als badende Venus vorgestellt. Kleopatra erschien in Tarsus etwa so gekleidet, wie sich die Venus auf dem pompejanischen Bild vom Tod des Adonis zeigt. Plutarch selbst braucht daher (Ant. c. 26) von ihrer Erscheinung das Wort γραφικῶς. von Amoretten umgeben, auf hoher Planke und unter golddurchwirktem Baldachin. Am Steuer sah man ihre Zofen als Nereiden. Der hochgeschwungene Bug des Schiffs blinkte in Vergoldung, die Ruder zeigten Silberbeschlag. Dionys und Aphrodite! Es 162 war das übliche Spiel und der wollüstige Traumgedanke: sind wir nicht wie Götter auf Erden?

Die Aufmachung selbst aber war für jene Zeiten nichts so Außerordentliches. Sich mit Wohlgerüchen (εὐωδία) zu umgeben, gehörte zum asiatischen Königtum.s. »Alexander der Große« S. 472 Anm. 16. Was das Schiff selbst anbetrifft, so führten auch die Galeeren der übermütigen Piraten, die dort in Kilikien ansässig waren, den goldenen Bug und die silberbeschlagenen Ruder,Vgl. »Röm. Charakterköpfe«9 S. 122. und überhaupt ist der Luxus, den Kleopatra trieb, bescheiden zu nennen gegen das, womit ihre Vorfahren, wie z. B. Ptolemäus II., an Prachtentfaltung in Bauten und Festprozessionen die Welt in Erstaunen setzten.s. Athen. p. 196–203. Ihr Vater, Ptolemäus XI., hatte den altererbten Reichtum des Hauses, der einst so unermeßlich schien, an die Römer verschleudert, und Kleopatra war auf die Einnahmen angewiesen, die die immerhin ergiebige Steuerschraube und die königlichen Monopole ihr jährlich zuführten.Für die Zeit ihres Vaters hat man diese Einnahme immerhin noch auf 45 Millionen RM. berechnet; s. Sharpe a. a. O. II S. 28. Das erwähnte purpurne Segel, das die königliche Standarte ersetzte, war als solches gewiß altes Requisit und ärgerte die Republikaner nur, weil Purpur die Monarchie bedeutete.

Auch daran sei erinnert, daß es längst üblich war, kleine Kinder ballettartig als Amoretten zu verkleiden. Vornehme Frauen kauften sich damals gern solche Putten (in Ägypten waren sie geradezu Marktware geworden), um mit ihnen zu tändeln und sich zu zerstreuen. Man ließ sie nackt herumlaufen oder verkleidete sie irgendwie nach Wunsch und Laune.Ausführliches hierüber »Aus dem Leben der Antike«4 S. 134 ff. und »De Amorum in arte antiqua simulacris et de pueris minutis in deliciis habitis«, Marburg 1882. Daß Kleopatra bei ihrer Einfahrt in Tarsus Venus bedeutete, war 163 schwerlich an ihrer Kleidung, sondern nur an den Amoretten zu erkennen.

Kleopatra war da; aber vornehm und souverän war ihr Benehmen. Der Römer lud sie schlankweg zum Mahle; sie nahm es nicht an; er mußte vielmehr bei ihr speisen, und er gehorchte. Dann folgten in Tarsus Feste auf Feste, die sie ihm gab, in Opulenz. Sie hatte den Apparat dazu mitgebracht, und was sie wollte, schien erreicht. Antonius schien ihrem Zauber wie einst Julius Cäsar schon gleich verfallen. Es war, heißt es, eine Liebe »auf den ersten Blick«,s. Appian b. c. V 1. wie in unserer modernen Opernromantik; natürlich dann nur von seiner Seite. Sie wollte nur geliebt sein; das brauchte sie für ihre hochgegriffenen Ziele, einerlei, ob er ihr zusagte oder nicht. Nur für solche Zwecke war sie bereit, sich hinzugeben. Den Sturm heißer Leidenschaft kannte freilich auch sie; aber es war ein politischer: Ägypten an Rom zu rächen. Rom selbst sollte ihr dazu helfen. Aber des Antonius Herz war nicht frei, und er wahrte in seiner Hingabe an die Sirene, die ihn lockte, oder in der Art, an ihren Vorzügen sich zu freuen, gewisse Grenzen; denn er war Familienvater, war mit Fulvia, der ausgezeichneten Frau, vermählt und ihr, der er so viel zu danken hatte, unbedingt verehrungsvoll ergeben. Auch der Mann einer Fulvia konnte sich gleichwohl zeitweilig etwas gehen lassen. Von Liebesszenen, die sich in Tarsus zugetragen hätten, hören wir jedenfalls kein Wort, nur von dem eigenartig durchdachten Luxus, den Kleopatra als Gastgeberin dort entfaltet hat. Vielleicht hat sie ein besonderes Lastschiff nötig 164 gehabt, um den Apparat, der diesen Zwecken diente, mit herbeizuschaffen.

Mit Purpurtapeten schmückte sie die Wände des Speisesaals. Das Mahl mit anschließendem gemeinsamem Trunk nahm sie nur zu Anfang mit Antonius allein; dann wurden stets dessen Freunde, wohl oft zu vielen Personen, hinzugeladen. Speise und Trank aber genügten nicht. Antonius hatte überdies den Tisch, von dem er speiste, mit allen vergoldeten Gefäßen, die auf ihm aufgestellt waren, als sein Eigentum zu betrachten; denn kein anderer sollte sie wieder nach ihm benutzen. Ebenso erhielten auch die anderen Gäste das benutzte kostbare Trinkgefäß als Gastgeschenk. Gingen abends die Gäste, so stellte sie ihnen zur Heimkehr Sänften oder auch Reitpferde in Silbergeschirr zur Verfügung und gab ihnen überdies junge Neger als Pagen mit.s. Sokrates v. Rhodos bei Athen. p. 147 E. Sie wollte dem neuen römischen Freund durch solchen Aufwand zeigen, daß sie immerhin geldkräftig genug war, um ihm einmal nützlich zu werden.

Was aber war der erste Dienst, den ihr Antonius tat? Daß er Kleopatras Schwester Arsinoe, die sich in den Dianatempel in Ephesus geflüchtet hatte, greifen ließ und hinrichtete; denn diese Arsinoe wagte es, sich auch jetzt noch als Königin Ägyptens anreden zu lassen.Josephus, Ant. jud. 15, 89. Nun durfte Kleopatra glauben, daß ihr Fang gelungen; sie brauchte nur zu winken, und er würde gehorchen.

Sie reist von Tarsus ab; da ist er schon bei ihr in Alexandrien, noch im selben Jahr 41 v. Chr., ja, er verbrachte den ganzen Winter dort als ihr 165 Gast, seine Fulvia scheinbar ganz vergessend. Er erfuhr nicht, daß Fulvia, die tapfere Frau, indessen in Italien im Kampf mit Octavian für ihn das Schwerste erlitt. Die Schiffsverbindungen waren im Winter so schlecht, daß Antonius hiervon nichts hörte.Vgl. W. Riepl, »Das Nachrichtenwesen des Altertums«, Leipzig 1913, S. 284; s. auch »Aus dem Leben der Antike« S. 80 f.

Im Winter ruhte nicht nur die Schiffahrt, sondern auch die Kriege, und also gönnte er sich die lange Mußezeit. Wie köstlich klimatisch die Winter in Ägypten sind, wissen wir auch heute; in Assuan holt sich der moderne Europäer die Genesung. Auch dies also diente zu seinem Wohlbefinden, und Kleopatra verstand es, ihn zu unterhalten.

Sie wohnten ohne Frage getrennt auf der ausgedehnten Königsburg, Antonius abgesondert mit seinem eigenen, starken Gefolge, und daß sie sich etwa damals schon ehelich beiwohnten, ist durch nichts angezeigtNichts deutet in den detaillierten Berichten hierauf hin. Die Kinder Alexander und Selene wurden also erst i. J. 36 geboren. und der Sache nach ausgeschlossen; denn Fulvia lebte noch, der er Rechenschaft schuldete. Jetzt erst lernte der Römer nun diese Königsburg, jetzt überhaupt erst die Herrlichkeit Alexandriens kennen, diese am blauen Meer grandios weit hingelagerte Weltstadt, die nur edlen Steinbau, von der subtropischen Sonne vergoldet, zeigte, und deren Straßen, alle wie Avenuen mit Raumverschwendung zum Fahren und Reiten breit hingezogen, sich rechtwinklig schnitten, als wäre die Stadt auf ein Schachbrett gestellt. Alles menschendurchströmt; so auch im Hafen das wirbelnde, bunte südländische Treiben. Über die weite Hafenbucht streute bei Nacht das Weltwunder, der Leuchtturm Pharus, der erste seiner Art 166 und das berühmte Vorbild für alle seinesgleichen, sein meilenweit sichtbares Licht über die dunklen Fluten.

Die königliche Residenz aber, die längs des befestigten Hafens lag, konnte man viele Tage lang beschauen, und sie bot immer Abwechslung; denn sie nahm reichlich allein ein Viertel der Stadt ein, mit Palästen, Höfen, Säulengängen, Galerien, Gärten, Palästren, Theater und Raumflächen für Jagd und Tierhetze. Dagegen fielen die Göttertempel der Stadt weniger in die Augen. Ein Ziel der Neugierde aber war der Grabhallenbau Alexanders des Großen, des Erbauers dieser Stadt, dessen mumisierter Leichnam, früher im Goldsarg, jetzt im Glassarg dort noch immer zu sehen war.

Freilich zeigten sich auch empfindliche Spuren des Rückgangs. Das Universitätsleben war schon unter König Ptolemäus VII. schmählich eingegangen,Athen. p. 549 D. und die besten Gelehrten verzogen sich nach Rom. Nun war aber auch die Bibliothek leergebrannt, Schiffswerften demoliert; seit längerer Zeit schon die Nilkanäle verschwemmt. Der Königin fehlten vorläufig die Gelder, um dem Verfall zu wehren; aber auch ihr Gast mußte fürlieb nehmen.

Von Tierhetzen und kostspieligen Vorführungen im Theater hören wir nichts; aber man verstand auch ohne das lustig zu leben. Dabei war es offenbar Mark Anton, der als reicher Herr und Despot jetzt den Ton angab; Kleopatra tat nur mit. Er gründete mit seinen Freunden einen Männerklub der »Genossen vom unnachahmlichen 167 Leben«; da lud man sich wechselweise zu Schmausereien einDaß dies ein Männerklub war, geht aus dem Wortlaut bei Plut. Ant. 28 unzweifelhaft hervor und wird bestätigt durch das, was wir ebda. c. 71 lesen. Auf diesen Klub wird auch auf einer Inschrift angespielt bei Dittenberger Or.2 195. im Kreise von etwa zwölf Personen und überbot und überraschte sich mit Delikatessen; daß da auch die Königin beteiligt war, leidet keinen Zweifel. Wenn er auf Jagd ging, ritt sie mit hinaus, und ein Mann wie Mark Anton wird da nicht nur auf Hasen Jagd gemacht haben. Wozu gab es die Raubtiere und Elefanten? Hielt er seine Fechtübungen, so geschah es unter den Augen der Königin. Am Strand aber wurde gefischt; die Mittelmeerfauna ist immer interessant, und da foppte sie ihn, ließ durch Taucher etwa ein Stück Schinken an seinen Angelhaken hängen, und man hatte zu lachen, als er hochzog; er selbst lachte am lautesten; gewiß ein bescheidenes Vergnügen. Beim Würfelspiel und beim geselligen Trunk vergingen die Abendstunden; der Wein kostete nichts; das Land lieferte ihn gratis an das Königshaus. Trieb sich Antonius endlich, immer zu tollen Späßen aufgelegt, nachts auf den Straßen herum, um zu poltern und Leute im Schlaf zu stören, so mußte sie auch da mittun, als Dienerin verkleidet; er verlangte es.

Auch wissenschaftliche Unterhaltungen regte Kleopatra an, um das Niveau zu heben; denn trotz gewiß recht verwahrloster Kindererziehung hatte sie auch für mancherlei geistige Materien InteresseVgl. Gardthausen I S. 439. Cicero besprach sich über φιλόλογα mit ihr (s. oben). Erwähnt sei auch das Gedicht Anthol. Pal. IX 752, wo der mit der Μέϑη skulpierte Becher der Kleopatra besungen wird. und holte philologisch gebildete Männer dazu heran; aber Antonius scheint da bald refüsiert zu haben.

Alles dies, und nicht viel mehr, wird uns glaubhaft erzählt.Unglaublich dagegen, was Plutarch in der Synkrisis Demetrii et Antonii c. 3 erzählt, daß Antonius mit Kleopatra in dem berüchtigten Kanobus sich gehen ließ, tändelte und tanzte (ἀλύειν καὶ παίζειν μετ᾽ αὐτῆς). In dem historischen Bericht der Antoniusvita, die sehr ausführlich sein Zusammenleben mit ihr schildert, steht nichts davon; die Vita bezeugt uns sogar das Gegenteil: denn Kleopatra redet dort im c. 29 den Antonius als den Mann an, der zu den Königen, die sich in Kanobus zu tun machten, den Κανωβίταις βασιλεῦσιν, in Gegensatz steht und über sie erhaben ist. Dazu kommt, daß sie ihrerseits sich bei solchem Treiben in ihrer Hauptstadt als Königin unmöglich gemacht hätte; denn ihre Stellung war, wie wir wiederholt bemerken, der ständigen Kritik des erregbaren Stadtvolkes ausgesetzt. Somit ist klar, daß Plutarch in der Synkrisis, die er, ohne neue Quellen heranzuziehen, geschrieben hat, um die Parallele zwischen Demetrius und Antonius durchzuführen, da, wo er von den Leichtfertigkeiten des Ersteren redet, etwas Entsprechendes auf Rechnung des Antonius brauchte und unbedenklich improvisiert hat, was er nicht überliefert fand. Übrigens ist klar, daß die 168 Berichte, die wir hierüber und über alles, was folgt, besitzen, gehässig gemeint sind und aus den Kreisen der Kleopatra-Feinde stammen. Es wäre also töricht, sich hiernach ein Urteil über Kleopatra zu bilden. Wenn an ihrem Hof der Luxus damals oft ins Tolle ging, so ist allein der römische Parvenu der Urheber gewesen, der ohne das nicht leben mochte. Die kostbare Perle, die Kleopatra in Essig verschlungen haben soll, ist die einzige Extravaganz, die man ihr persönlich nachzusagen wußte. Es betraf eine Wette; Antonius wollte nicht glauben, daß derartiges möglich, und wird, da er die Wette verlor, der angebeteten Freundin den Verlust reichlich ersetzt haben.Nur Plinius erzählt n. h. IX 119 ff. diese Anekdote, wo er über die Kraft des Essigs handelt. Kleopatra pariert, einen großen Geldwert in einem Augenblick verschlucken zu können. Antonius will es nicht glauben. Der erste Gang der Mahlzeit ist abgetragen; die altera mensa für die Gäste kommt; sie verzichtet auf die Speisen, läßt sich statt dessen Essig kommen, wirft die Perle, die sie aus dem Ohr nimmt, hinein; die löst sich sogleich auf und wird von ihr getrunken. Daß Perlen sich unschwer in Essig auflösen, wird mir von chemisch fachmännischer Seite für durchaus möglich erklärt (Zweifel hiergegen habe ich früher bei Besprechung des Hergangs erwähnt). Übrigens stand Kleopatra damals mit diesem Trick keineswegs allein; Plinius fügt eine zweite Geschichte hinzu, die eben zu Kleopatras Lebzeiten in Rom spielt; ein Römer, der noch üppiger als sie, trinkt nicht nur selbst, sondern läßt auch seine Gäste solche Perlen in Essig trinken. Eine dritte Anekdote über die Metella bringt Horaz Sat. II, 3, 239. Daß Kleopatra Ohrringe trug, wird durch ihr Porträt nicht bestätigt. Sie müßte aber, was sonderbar, nachdem sie die eine Perle vertilgt, hinfort mit nur einer Perle, sei es im rechten oder im linken Ohr, einhergegangen sein (ganz ebenso auch die Metella des Horaz); denn der Bericht sagt ausdrücklich, daß sie die zweite bis an ihr Lebensende trug. Diese soll ihr, als Kleopatra Gefangene des Oktavian war, aus dem Ohr genommen und an einem der Ohren der Venusstatue im Pantheon Roms befestigt worden sein. Dies scheint nicht viel glaubwürdiger, als andere ähnliche Geschichten, wie wenn es vom Gemälde der Schlacht bei Issos heißt, das es 300 Jahre später in Vespasians Tempel der Pax gelangte (vgl. J. Overbeck, »Pompeji« II2 S. 228). Übrigens trank man nach demselben Bericht damals auch in Rom Perlen in Essig. Antonius schmiß sinnlos mit dem Gelde; die Steuern, mit denen er die Städte Kleinasiens geschröpft hatte, erlaubten das. Noch hundert Jahre später hören wir darüber den Klatsch des Küchenpersonals; vom Großvater her wußte man noch, wie ungeheuerlich es damals in den Küchen- und Servierräumen zugegangen sei; an einem Tag habe Antonius für das Diner am Spieß acht Wildschweine braten lassen, weil es nie sicher war, wann er kam und ging. Wildschwein war nichts besonders Erlesenes, und ein Römer wie Lukull hätte den Bissen vielleicht abgelehnt. Auf einem Anrichttisch, so erzählte man weiter, standen die wertvollsten goldenen Becher in großer Zahl; der erste Kammerdiener des Antonius disponierte darüber, als wäre es sein eigen, und schenkte eines Tages den 169 Tisch mit all den Gefäßen einem lustigen Bekannten, der eben kam und einen guten Witz machte. Als der erschrickt und nichts nehmen will, sagt jener lachend: »Keine Angst! Ich geb's dir ja, der Diener des Antonius!« Es war dasselbe Schenkverfahren, das, wie wir sahen, Kleopatra dem Antonius gegenüber befolgt hatte.

Vielleicht hätte der Sorglose dies Wohlleben noch länger fortgesetzt, hätte ihn nicht die Nachricht aufgeschreckt von dem, was in Italien inzwischen geschehen war. Zugleich meldete man, daß die ewig kriegerischen Parther überraschend von Osten her in Syrien und Kleinasien eingefallen waren. Die Abwehr der Parther seinem Feldherrn Labienus überlassend, der in Kleinasien stand, eilte Antonius jetzt flugs nach Rom, um seine Differenzen mit Octavian auszugleichen.

Er war also der Kleopatra noch nicht erlegen; er war noch frei, und sie hatte das Nachsehen. Er fühlte sich denn doch als der Lenker der großen Welthändel, der er bisher gewesen, und durchaus imstande, den Liebesrausch oder die charmanten Zerstreuungen abzuschütteln, ganz so, als zählte Kleopatra zu den Hetären, deren Reize man genießt, solange nichts Wichtiges vorliegt. Wie Kleopatra die Enttäuschung ertrug, erfahren wir nicht. Ein Briefwechsel entstand nicht; auch keine Liebesboten gingen hin und her.

Wie anders war es damals, als Cäsar sie liebte! Dem durfte sie nach Rom folgen. Antonius dagegen rief sie nicht nach Rom; denn dazwischen stand jetzt ein dritter, der unheimliche Mann, den sie nicht kannte, den sie fürchtete, Octavian, 170 der sich Sohn Cäsars nannte und der der Herr des Westens war. Auch Kleopatras Sohn war Cäsars Sohn. Würde es zwischen den beiden Söhnen zum Kampfe kommen? Alles kam darauf an, daß dieser Octavian nicht zu Kräften kam.

*

Fulvia, die fanatische Römerin, des Antonius Gattin, hatte sich in jenem Winter im offenen Krieg oder bewaffneten Aufstand gegen Octavian erhoben; sie war besiegt und aus Italien geflohen, erkrankte und starb. Antonius hat wohl ehrlich um sie getrauert, mißbilligte jedoch ihr Verhalten. Octavian aber hätte die martialische Frau schwerlich besiegt, hätte er nicht in Agrippa den Feldherrn gefunden, der ihn hinfort von Sieg zu Sieg führen sollte. Antonius überlegte; er wollte seine ebenbürtige Geltung in Rom nicht preisgeben, und es kam zu einem Ausgleich, zum erneuerten Bündnis der Männer, die doch zur Freundschaft nicht taugten.

Eben damals geschah es in Rom auch, daß Antonius dem Octavian das Leben rettete. Eine schwere Hungersnot brachte ganz Italien in Verzweiflung. Die Schuld daran trug eine Größe, mit der niemand gerechnet hatte, Sextus Pompejus, des großen Pompejus zweiter Sohn, der sich zum Herrn Siziliens gemacht, das neue Regime tödlich haßte und mit seinen Flotten alle Zufuhr hermetisch abschnitt. In den Straßen Roms brach gegen Octavian der wilde Aufruhr los: wir wollen nicht hungern! fort mit diesem! Pompejus soll herrschen! Da warf sich Antonius 171 mit eigener Lebensgefahr in die Menge und entriß Octavian den Fäusten des Janhagels.s. Appian b. c. V 68. Warum tat er das? so mochte Kleopatra denken; er hätte uns ohne dies viele Sorge erspart! Aber so war des Antonius Sinnesart; er zeigte sich in allen Fällen »schlicht, großzügig und ohne Falsch«.Appian b. c. V 136 heißt Antonius ἀεὶ τὸ φρόνημα ἁπλοῦς καὶ μέγας καὶ ἄκακος.

Das Bündnis der Männer wurde aber durch Heirat, durch Verschwägerung besiegelt. Kleopatra hörte, daß der Mann, der so lange ihr Gast und Freund gewesen, jetzt mit Octavia, der Schwester Octavians, die Ehe einging und vollzog, daß er in Athen mit ihr Residenz nahm und herrlich und auch geistig angeregt (so rühmte man) in der Stadt der Philosophen mit ihr lebte. Diese Octavia zählte nicht etwa zu den vielen anrüchigen Römerinnen jener Zeiten; ihr Charakter war vielmehr edel gerichtet und makellos aufopfernder Liebe fähig. Sie liebte den Antonius ehrlich, so wie er war, und auch er dankte es ihr ehrlich. Ein Jahr um das andere verging. Zwei Töchter gab sie ihm, und er schien für die Ägypterin verloren.

Aber Rom kann nicht ohne Krieg leben; auch Antonius kann es nicht. Im Jahre 37 steht er mit Octavia wieder in Italien, und es wird dort der große Partherkrieg beschlossen, der Vergeltungskrieg, den schon Julius Cäsar geplant hatte. Im Namen Roms sollte Antonius ihn führen, das schwierigste Unternehmen, das einem Römer je auferlegt war. Langwierige Vorbereitung war nötig; denn das Land Persien jenseits Babylons war und ist das verschlossene Land, durch Gebirge verriegelt und in seine Natur gepanzert. Auch 172 unseren modernen Eisenbahnen, Automobilen und Flugzeugen fällt es schwer, es seinen raubsüchtigen Feinden auszuliefern.

Antonius begibt sich nach Syrien, um die Rüstungen zu beginnen, und läßt Octavia in Italien zurück. Er braucht aber auch dringend Ägyptens Hilfe; denn es waren Rüstungen, wie Rom sie kaum je erlebt. Kleopatra weiß es, und sein Schicksal erfaßt ihn. Sie kommt zu ihm nach Antiochien. Ein Blick, ein Hauch von ihr, und er ist ihr jetzt ganz verfallen. Sie brauchte nicht wieder Theater zu machen und als Frau Venus, die die freie Liebe ist, ihn zu betören.

Nicht freie Liebe, jetzt wurde es Bindung. Man muß annehmen, daß sie dies forderte, und der Gedanke an Fulvia hinderte ihn jetzt nicht mehr. Fulvia hätte diese Ehe gewiß verhindert. Octavia war zu sanft, um über ihn wirklich Macht zu gewinnen. Er brauchte Gängelung durch Liebe, das heißt ein willensstarkes Weib, das seiner triebhaft schwanken Seele wie Stahl den festen Halt gab. So hatte es Fulvia getan; Kleopatra versprach dasselbe. Die Heirat mit ihr tritt ein, und so verlebt er den Winter mit ihr in derselben Hauptstadt Syriens (im Jahre 37/36); denn erst nach dem Winter konnte der Feldzug beginnen.

Er lebt zwar jetzt in Doppelehe, noch ausgesprochener als dies einst Julius Cäsar getan; aber die Ehe mit der Nichtrömerin war für Rom ungültig, und Octavia veränderte ihre freundliche Gesinnung nicht.

Anders ihr Bruder Octavian. Man vermerkt 173 in Rom jetzt übel, daß Antonius als römischer Staatsmann Geld mit Kleopatras Münzbild prägt, und sie tut umgekehrt das nämliche. Man tadelt, daß er griechische Städte ihres Statuenschmuckes beraubt, um Alexandrien damit zu schmücken, als ob er damit nicht täte, was Rom stets getan; in Rom gab es kaum eine Statue, die nicht gestohlen war. Als Ungebühr gilt, daß er auch die namhafte Bibliothek Pergamums nach Alexandrien schaffen will; aber ein Römer war es doch gewesen, der die alexandrinische Bibliothek verbrannt hatte, und es war Ehrensache Roms, sie zu ersetzen. Schlimmer als dies alles war, daß Antonius, ohne den Senat zu fragen, als Despot Ägypten vergrößerte, Teile römischer Provinzländer, darunter Zypern, Küstenstriche von Phönizien, in Judäa das Gebiet um Jericho seiner Königin zuwendete.

Im Sommer wird Kleopatra Mutter; sie gebiert Zwillinge, Sohn und Tochter.Ich folge in diesem Ansatz Mommsen und Klebs; weshalb ich einem früheren Ansatz der Geburt (s. R. E. XI 1 S. 760) nicht beistimmen kann, ist oben S. 163 u. 165 gesagt; vgl. auch S. 241. Es war der Sommer des Jahres 36, in dem der geplante Feldzug, die letzte heroische Leistung dieses Berufssoldaten im Dienst Roms, vor sich ging. Der Kleopatra war diese Affäre gewiß zuwider; denn was hatte Ägypten davon, wenn der Römer jenseits des Tigris als Sieger stand und an dem Parthervolk für Rom Rache nahm? Ihr Ehrgeiz blickte nach Westen und nicht nach Osten, und nur dem Octavian und der Octavia galt ihre Feindschaft. Ganz anders er; Antonius wollte immer noch das Schwert Roms sein, und Rom sah nun gespannt auf den Ausgang.

Sie zog mit ins Feld; daran mußte er sich 174 gewöhnen; jedoch nur bis zum Euphrat. Dort trennten sie sich, und sie reiste über Damaskus und Jerusalem heim. Herodes, der König Judäas, mußte ihr huldigen und ihr persönlich bis zur ägyptischen Grenze das Geleit geben; er tat es ungern, und es sollte mit ihm noch zu Konflikten kommen. Antonius aber – würde er als Triumphator heimkehren oder in Wüsten umkommen? Kleopatra schnitt sich nicht, wie jene Berenike, das Haar als Weihegabe für die Götter ab mit dem Gebet für den geliebten Mann. Wir hören überhaupt aus ihrem Leben nichts von persönlichem Gottesdienst und frommen Opferhandlungen, die doch sonst alle riskanteren Unternehmungen der Menschen zu begleiten pflegten.

Aber die Götter schienen ihr gleichwohl gnädig; denn sie war ja Mutter, und der Sohn mußte Alexander heißen; der Name, übrigens auch sonst bei den Ptolemäern üblich, sollte ein gutes Omen sein; denn er bedeutete die Unüberwindlichkeit.

Aber das Omen trog, und das Schlimmste geschah. Als ein geschlagener Mann kam Antonius nach Syrien zurück, und die Erschütterung war groß, der Rückzug voll Drangsal, die Verluste gewaltig. Ein Schicksalsschlag war es, der auf einmal eine vollständig neue Situation ergab. Die Hauptschuld an dem Mißlingen trug der Vasallenkönig Artavasdes von Armenien, der heimtückisch da ausblieb, wo Antonius auf ihn rechnete. Ob so oder so, auf alle Fälle hatte Antonius das nahezu Undurchführbare gewollt.Vgl. »Röm. Charakterköpfe«9 S. 182. Mochte er den schwierigen Rückzug noch so glänzend geführt haben, die Welt fragt nur nach 175 dem Effekt, und er fühlte sich gedemütigt, verkleinert, gebrochen. Sein Prestige war dahin. Um so mächtiger schnellte das Ansehen Octavians empor.

»Nimm dich in acht vor ihm,« rief man dem Antonius zu. »Octavian trügt, wenn er freundlich ist, und schließt Verträge nur, um sie zu brechen. So hat er Sextus Pompejus vernichtet, danach den Lepidus; jetzt trifft es dich. Du bist der letzte, der ihm im Wege steht.«Bei Appian b. c. V 134. ist es Sextus Pompejus selbst, von dem auf seiner Flucht dieser Zuruf an Antonius erging.

Antonius rastete jetzt in Syrien voll Verlangen nach Kleopatra, und er rief nach ihr. Sie zauderte zu kommen. Warum? Zweifelte sie an ihm? Wollte sie irgendwie ihr Steuer umwerfen? Aber sie kam dann doch über See, brachte Hilfe an Geld und Kleidung für die Truppen. Da stieß Octavian mit dem Antrag vor, den Partherkrieg zu erneuern, und Antonius sollte noch einmal führen; sehr klug; denn Octavian verlor hierbei nichts, Antonius aber sollte durch das erneute Abenteuer sich und seinen Ruhm ganz verbrauchen. Octavian bot Subsidien an; Octavia werde zur Verhandlung nach Athen kommen; Antonius solle ihr dort begegnen.

Octavia würde kommen? und neuer Partherkrieg? Antonius schien wirklich darauf einzugehen. Da packte Kleopatra die Agonie, ein Krampf der Wut und der Verzweiflung. Es durfte nicht, keines von beiden durfte geschehen! Jammernd schreit sie es ihm in die Ohren. Dann liegt sie krank, nimmt die Nahrung nicht mehr, redet von Selbstmord. Es war zu viel, was an ihrer Kraft, an ihren Nerven zerrte, über sie 176 gekommen: das Muttergefühl, die Zwillingsgeburt, der Schock, als der große Feldzug verloren war, und jetzt der drohende Verlust des Mannes, ohne den sie nichts bedeutete. Sie war schließlich auch nur ein Mensch, und ihr Zusammenbruch ist vollauf verständlich.Die hämischen Feinde Kleopatras sagten natürlich, sie habe dieseZustände simuliert, eine Unterschätzung des Mark Anton: er soll bei einer so wichtigen Entscheidung, die er zu treffen hatte, keinen Verdacht geschöpft haben, als wäre er der stockdumme Miles gloriosus des Plautus. Welch guter Menschenbeobachter und derber Realist er war, zeigen die manchen schnöden Witzworte, die uns aus seinem Munde erhalten sind. Mutmaßlich hat ihm Kleopatras vertrauter Leibarzt Olympos Auskunft geben können, der auch ihren Tod mit erlebte und über ihr Ende geschrieben hat (Plut. Ant. 82). Antonius aber packte das Mitleid; er liebte sie eben. Er schrieb an Octavia, nicht nach Athen zu kommen, und lehnte des Octavian Anträge ab.

Er mußte wissen, was er tat und daß dieser Octavian, der in Rom gebot, jetzt sein zunächst noch verkappter, aber sein unversöhnlicher Gegner wurde. So war es wirklich, und hiermit begann der Schlußakt des großen Dramas.

*

Antonius begriff sofort die völlige Veränderung der politischen Lage und zog daraus entschlossen die Folgerung. Die Halbheit hörte auf oder das Doppelspiel, Mitmachthaber in Rom, der dem Senat Rechenschaft schuldete, und zugleich autonomer Herr des Orients zu sein. Jetzt ist sein neues Programm – eine Vorahnung der byzantinischen Zeiten –, das viel zu große Römerreich in zwei Reiche zu zerlegen, Ostreich und Westreich, mit zwei ebenbürtigen Hauptstädten, Alexandrien und Rom; nur durch Bündnis der führenden Personen sollten sie verbunden bleiben. Der Gedanke, den später Kaiser Diocletian verwirklichte, den Kaiser Mark Aurel zu verwirklichen beabsichtigt hat, war damit vorweg genommen. Des Antonius viele Freunde (denn er war immer noch beliebt) mochten sich nunmehr dauernd 177 in Alexandrien um ihn sammeln. Einen Senat brauchte er nicht. Seine Finanzlage war immer noch glänzend, und wollte Octavian den Krieg, so mochte er kommen.

Indes läßt sich vermuten, daß dies in Wirklichkeit die Gedanken Kleopatras waren, in die er hineinwuchs. Denn sein sonst so vordringend wuchtiges Wesen hatte in der Tat stark gelitten und verfiel immer haltloser ihren Einflüssen. So ist es denn kein Zufall, daß Kleopatra, die die Jahre ihrer Regierung zählte, mit dem Jahr 36 v. Chr. eine neue Jahreszählung begonnen hat.s. Sharpe II S. 62. Eine neue Ära ihrer Großmachtstellung eröffnete sich erst jetzt; sie hoffte noch auf viele Jahre.

Rom merkte sogleich die veränderte Tendenz. Denn den Armenierkönig Artavasdes, der sich im Partherfeldzug so treulos bewiesen, überfiel Antonius jetzt mit einer Strafexpedition, brachte ihn als Gefangenen ein und feierte seinen Triumph in Alexandrien. Rom war beleidigt; es wollte den Armenierkönig sehen. Römische Feldherren hatten ihren Triumphaleinzug in Rom zu halten.

Wenige Tage danach folgte die phantastische Demonstration im Gymnasion der Königsburg, die die Römer nur allzu ernst nahmen. Es war eine Verteilung von Titulaturen. Der Königstitel war für Antonius selbst undenkbar, und er blieb der Protektor und gleichsam Prinzregent am Hof, der er bisher gewesen;Daß Antonius kein Diadem nahm, sagt Florus II 21, 3. Er war eben dictator, und so redet ihn Kleopatra als αὐτοκράτωρ an (Plut. Ant. 29). denn König Ägyptens war der Knabe Cäsarion, Julius Cäsars Sohn. Kleopatra aber sollte fortan Königin der Könige, Cäsarion König der Könige heißen, der Sohn Alexander, damals dreijährig, König von 178 Armenien, das dritte Kind, das eben erst geborene Söhnchen Ptolemäus, König von Syrien usf.Durch Münzen bezeugt ist nur, daß Kleopatra regina regum, die Söhne reges hießen (s. Kahrstedt in »Klio« X S. 276; XI S. 764). Die heitere Zeremonie ging geradezu ins Possierliche über; denn dem einjährigen jüngsten Kinde wurde da schon ein kleines mazedonisches Reiterhütchen, dem dreijährigen Sohn ein Turban mit Tiara aufgesetzt.

Die Tendenz des Ganzen ist klar. Wer sich aber über das, was da mit den Kindern geschah, wundert, darf vielleicht an Neuzeitiges, an den König von Rom, den Sohn Napoleons, erinnert werden. Von der fremdblütigen österreichischen Prinzessin war dem Kaiser Frankreichs, der sich selbst sein Kaisertum geschaffen, endlich im Jahre 1811 der langersehnte Sohn geboren worden. In der Notre-Dame-Kirche geschah mit größtem Pomp die Taufe. Da hob Napoleon selbst, auf der Estrade thronend, das Kind hoch über seinem Haupt empor und fügte den Taufnamen schon gleich den Titel »König von Rom« hinzu. Solche Titulatur ist ein Programm der Mächtigen auf Erden; die stolze Hoffnung spricht aus ihr, bei jungen Dynastien besonders begreiflich. Der Republikaner aber lächelt verächtlich, wenn er dies sieht, oder blickt finster mit dem drohenden Blick Verrinas.

So war es auch damals. Es schien den Römern schon anstößig, daß Antonius mit der Königin auf einer silberbeschlagenen Estrade und vergoldeten Armstühlen thronte.

In ihrer erhöhten Stellung als Königin der im Ostreich lebenden Könige hätte Kleopatra nun auch den Herodes als ihren Vasallen beherrschen 179 können. Erst vor kurzem war Herodes, und zwar durch Antonius, König Judäas geworden.Appian b. c. V 75. Kleopatra haßte ihn; Antonius verbot ihr jedoch mit auffälliger Energie, ihn durch Eingriffe zu schädigen.Vgl. R. E. a. a. O. S. 763. Der Haß aber war gegenseitig; er ist zum Schaden Kleopatras auch noch später zur Wirkung gekommen; aber er beruhte nicht etwa auf kleinlicher persönlicher Abneigung, sondern hatte offenbar tiefere Gründe, die, wenn nicht direkt bezeugt, doch leicht zu erraten sind. Es handelt sich um die reiche und großmächtige Judenkolonie Alexandriens, unter deren renitentem Verhalten, das zur offenen Auflehnung und Empörung weiterging, das Ptolemäerhaus schon seit langem, insbesondere seit der Zeit der Makkabäer, zu leiden hatte.Ptolemäus I. hatte die Juden nach Alexandrien gezogen. Sie lebten abgesondert in der östlichen Vorstadt. Ein neuer Zustrom geschah unter Euergetes II. Über die Konflikte, die sie den Königen bereiteten, genügt es hier auf Sharpe I S. 267 und 271, II S. 3 f., 32 und 50 zu verweisen. Die Juden der Diaspora pilgerten alljährlich nach Jerusalem, und auch mit dem König Herodes blieben sie gewiß in Konnex, obschon er selbst keiner der Ihren, kein Jude war. Ist doch nichts auffälliger als die Äußerung, die Kleopatra bei ihrem Untergang etwa in dem Sinne tat: »Ich hätte gesiegt, wären nicht die Juden.«Josephus c. Ap. II 60 gibt dafür den Ausdruck: »nur dann wäre Rettung, wenn ich alle Juden ausrotten könnte«. Man weiß, wie wenig zuverlässig Josephus ist. Derselbe Autor erzählt (Ant. Jud. XV 96–103), daß Kleopatra um die Liebe des Herodes geworben. Tatsächlich sympathisierte sie mit Alexandra, der Gattin des Herodes, die ihren Mann haßte.

In Rom aber brach jetzt die Hetze gegen Kleopatra und Antonius los, und die kleinlichsten Dinge wurden hervorgeholt; ihre goldenen Becher oder gar der goldene Nachttopf, mit dem sie Antonius versah.Plinius n. h. 33, 50. Vor allem wurde sie frech als Hetäre beschimpft; man hätte sich statt dessen um die Sittlichkeit der Römerinnen bekümmern sollen, die mit ihren Stallknechten oder mit Gladiatoren sich einließen. Nichts derart war der Kleopatra nachzuweisen.

180 Der Römer Quintus Dellius hatte in Ägypten ihre Gastfreundschaft genossen; in Rom aber suchte er sich interessant zu machen, indem er laszive, an Kleopatra gerichtete Briefe schrieb und sie dort von Hand zu Hand umgehen ließ.Es heißt feruntur bei Seneca Suas. I 7. Gegen solche Gemeinheit ist eine Frau wehrlos. Von Kleopatra selbst lag offenbar keine einzige anstößige Zeile vor; sonst hätte der Skribent sie natürlich mitgeteilt. Gewiß gab es sittenloses Gesindel in Ägypten genug, auch in Kleopatras nächster Umgebung, und der Freudenort Kanobus konnte es an Anrüchigkeit mit dem Bajä der edlen Römer reichlich aufnehmen; aber Kleopatra war ebensowenig in der Lage, als Sittenpolizei den Betrieb in Kanobus aufzuheben, wie Octavian damals läuternd auf die Zustände in Rom wirkte.Des Augustus Ehegesetzgebung kommt hier nicht in Betracht. War doch auch nichts anstößiger als der Hergang bei der Hochzeit Octavians mit seiner Livia, und ist uns doch die Leporelloliste von Frauenzimmern bekannt, mit denen dieser römische Musterkaiser sonst sich abgab. Und nun gar seine Tochter Julia; gegen sie nimmt Kleopatra sich aus wie eine Heilige.

Das Garstigste war, daß man jetzt von den Mannweibern oder Weichlingen sprach, die wie eine Herde die Königin umgeben hätten; alle Ägypter sollten angeblich widernatürlichem Laster frönen.Auch Horaz erwähnt sie in seiner Kleopatra-Ode (s. Anm.Zur richtigen Auffassung dieses meist mißverstandenen Gedichts vgl. »Horaz' Lieder« Heft 1 S. 60 f.; Heft 2 S. 42 ff. Die dort erwähnten turpes morbo viri im v. 9 hielt Heinze irrig für spadones, die doch aber keine viri sind und denen die Männlichkeit stets abgesprochen wird. Kastraten haben aber auch mit morbus nichts zu tun; vgl. Digest. XXI 1, 6: spadonem morbosum non esse neque vitiosum verum esse mihi videtur. Mit Unrecht habe ich a. a. O. S. 45 das virorum im v. 10 der Ode zu tilgen versucht. Es ist vielmehr evident, daß Horaz hier von Cinäden, von den pathici oder molles der Kleopatra redet; denn diese konnten immerhin viri heißen, und an ihnen haftete der morbus; vgl. Priapea 46, 2; dazu Catull 57, 6, wo die morbosi gemelli die Hoden bedeuten (vgl. Rhein. Mus. 51 S. 468, Philolog. 63 S. 461).); Seneca redet Epist. 87, 16 geradezu von den molles der Kleopatra, wo es heißt: Chelidon, unus ex Cleopatrae mollibus, patrimonium grande possedit. Chelidon war also pathicus oder Cinäde, aber dabei durch Erbschaft ein reicher Mann. Sie muß solche Leute an ihrem Hof geduldet haben. Wie weit sie mit deren Laster bekannt war, mag jeder sich denken, wie er will. Der Umgang der Frauen mit pathici wird uns anschaulich gemacht im Bodlejanischen Juvenalfragment, das man in Juvenals 6. Satire hinter v. 365 eingeschoben liest. Da ist auch in Erinnerung an Kleopatra im v. 5 die barbata Chelidon erwähnt. Chelidon war eigentlich ein Frauenname (s. Ciceros Verrinen) und wird auf den pathicus übertragen. Vgl. E. Dralle, De fragmento Winstedtiano quod Juvenali adscribitur (Marburg 1922, Maschinenschrift) S. 20. Das waren Anwürfe, die man sonst nur als üblen Witz betrachtete.Diese Beschimpfung des ägyptischen Hofpersonals begegnet schon in der Zeit des Spartanerkönigs Kleomenes (Plut. Kleom. 35); sie ercheint da nur als Witz, der aber übel vermerkt wird. Übrigens lese, wer gerecht sein will, den römischen Dichter Catull; ihm zufolge muß es auch in Rom von Leuten dieser Sorte gewimmelt haben; sogar den großen Julius Cäsar selbst beschmutzt Catull mit solchem 181 Vorwurf. Warum sollten die Römer also jetzt die Umgebung Kleopatras verschonen? Auf die Wahrheit kam es nicht an.

Es fehlt meines Wissens an jedem Nachweis dafür, daß sich Kleopatra mit Männern außer Cäsar und Antonius geschlechtlich eingelassen. Vielmehr hat sie ihre Weiblichkeit mit auffallender Zurückhaltung für ihre großen politischen Zwecke gespart. Da man positiv nichts Ärgeres fand, mutzte man dem Antonius solch unschuldige Galanterien auf, daß er bei Tisch in Gegenwart der Gäste aufstand und der Königin auf ihren Wunsch die Füße frottierte. Das war gewiß geschmacklos, aber doch nicht Anlaß genug, der Kleopatra den Krieg zu erklären.

Die verbürgte Nachricht, daß Antonius im Fall seines Todes in Alexandrien begraben sein wollte, benutzte Octavian als letztes Zugmittel. Der einleuchtenden Kriegsgründe gab es freilich sonst schon genug, und auf sein Betreiben erklärte der Senat ihr, der Königin Kleopatra, nicht etwa dem Antonius, den Krieg. Nur sie sollte als Feind gelten. Um aber dem Senat Mut zu machen, stellte Octavian sich hin und log: Antonius habe durch Liebeszaubermittel, die sie ihm verabreichte, seine Tüchtigkeit verloren, in Ägypten aber herrschte das Gesindel der Eunuchen, dazu Eiras, die Friseurin Kleopatras, und Charion, die Zofe. So lächerlich es war, von Zaubermitteln zu reden, so unwahr, wie auf der Hand liegt, war auch die zweite Behauptung. Der Krieg begann also mit einem Lügenfeldzug.

Das große Raubtier Rom, das nichts kann, als 182 sich mit fremden Werten mästen, will nun endlich auch den letzten unverzehrten Bissen der verfügbaren Welt, das kleine Ägypterland, das es schon lange benagt, sich einverleiben. Aber es sollte ihm schwer werden. Kleopatra frohlockte und schnellte dämonisch empor zu ihrer ganzen Größe, wie die Schlange sich aufschnellt gegen den Tiger. Rache an Rom! Endlich konnte sie ausholen; endlich soll es zur Tat kommen; hoffentlich ist es nicht zu spät. Sie will sich rächen, Ägypten rächen, als Königin der Könige will sie den ganzen Orient rächen an diesem Rom, das den Orient widerrechtlich geknechtet hält. Rom selbst aber soll ihr zur Rache helfen; denn Mark Anton, der Römer mit seinen römischen Legionen, ist ihr Schwert und Helfer. Darum hat sie ihn sich eingefangen. Was ist denn Rom? Das dumme Rom – so mochte sie denken –, das nichts von Wissenschaft, nichts von Dichtkunst, von Musik nichts weiß, alles nur wie ein Kind uns Griechen nachstammelt und selbst die Götter von uns entlehnt: es ist Zeit, daß eine Griechin in Rom herrscht. Was sie vor zwölf Jahren, als sie sich dort in Rom in ihrer Jugend zeigte, durch Julius Cäsar schon fast erreicht hatte, wollte Kleopatra sich jetzt erkämpfen. »Ich will Recht sprechen auf dem Kapitol!« war ihr Schwur.s. Cassius Dio 50, 5, 4; vgl. Properz III 11, 31: pretium poposcit moenia Romae.

In Kleinasien hatte Antonius die Rüstungen begonnen, die Vasallenkönige zur Heeresfolge aufgerufen. Da kommt auch sie an der Spitze von 200 Schiffen dorthin; auf dem Admiralschiff der Kriegsschatz von 20 000 Talenten; dazu Lastschiffe mit Korn für das Heer. Sie selbst 183 spielt die Gebieterin; römische Soldaten ihre Leibwache, auf deren Schilden der Name der Frau. Antonius ist kaum noch ohne sie zu sehen, auch bei seinen Ansprachen an die Truppen. Neben ihm reitet sie,So ritt auch die Gattin des Königs Ptolemäus Philopator beim Beginn der Schlacht ihm zur Seite durch die Linien und ermunterte die Truppen vor der Schlacht bei Raphia. oder es geht in der Sänfte; römische Kriegsstandarten ihr und sein Gefolge. War er zu langsam? Seine Seele gedrückt? Sie mußte treiben und raten.

Begreiflich, daß die römischen Herren im Hauptquartier murrten; was sollte das Weib hier? Sie sollte nach Hause gehen! Und Antonius war bereit, sie zu entfernen. Aber die einsichtsvolle Stimme des Canidius Crassus erinnerte daran, wieviel sie selbst an Schiffen und Mannschaften gestellt und ausgerüstet (denn dieser Krieg galt ihr) und wie klug ihr Rat oft sei. Also blieb sie. Gleichwohl wurde es einigen Freunden schon damals unbehaglich, und sie reisten nach Rom ab. Es ging auch im Hauptquartier zu sparsam her, und bei Tisch gab es nur Krätzer zu trinken. Als einer der leckeren Römer dies der Kleopatra spottend ins Gesicht sagte, war sie in Wut, und er mußte für sein Leben fürchten.Auch dies betrifft den oben erwähnten Dellius; s. Plut. c. 59.

Die Kontingente der Vasallenfürsten rückten wohl nur langsam an; genannt werden (um hier die wichtigsten aufzuzählen) die Könige von Libyen, vom inneren Kilikien, von Kappadozien, von Paphlagonien, von Kommagene und von Thrazien. Auch Malchos, der Araber, schickt seine Leute, sogar das ferne Medien, mit welchem Antonius im Bündnis stand. Als aber auch der Judenkönig Herodes sich zeigen wollte, verhinderte es Kleopatra. Sie traute ihm nicht und zwang 184 ihn, in anderer Richtung seine Kräfte einzusetzen.Gegen die Nabatäer, wobei Kleopatra den letzteren Hilfe bot.

Zuerst scheinen die Könige im Hauptquartier auf der Insel Samos sich eingefunden zu haben, während ihre Truppenzüge nur langsam sich zusammenfanden, und so gab es auf Samos viele Tage des Abwartens. Vor einem Parterre von Königen wurden da in den Theatern mit einem Massenaufgebot von Chören und Solokünstlern Musikfeste gegeben, die die Stimmung steigern sollten, auf die indes Rom neidisch blickte; denn die Künstler des Ostens standen dem Westreich jetzt nicht zur Verfügung. Wie üblich, wird das Festprogramm Dithyramben und Päane, Götterhymnen und Heldenlieder geboten haben.Von Bühnenspielen ist nicht die Rede; s. »Die Schaubauten der Griechen« S. 21. Eine chargierte Schilderung der Vorführungen ist bei Plutarch c. 56 erhalten, in der sich der Neid der Römer offenbart. Gewiß ist nicht Lässigkeit und Sorglosigkeit, die der Kleopatra fern lag, der Grund zu den Festen auf Samos gewesen.

Das nächste Hauptquartier wurde sodann nach Athen verlegt; von hier aus schickte Antonius der Octavia den unerläßlichen Scheidebrief. Die Ehe war jetzt nicht mehr haltbar. Der Brief kam aber einer Kriegserklärung gleich, die er an Octavian, den einstigen Kampfgenossen der Schlacht bei Philippi, richtete.

Endlich stand das Heer in endloser Front gegen Westen auf der Balkanhalbinsel und in der Kyrenaïka an Afrikas Küste verteilt. Die erste Entscheidung aber mußte zur See fallen; denn der Krieg sollte ein Angriffskrieg sein; Rom war das Ziel, und es galt zu verhindern, daß die Truppen des Gegners irgendwo an den Küsten des Ostreichs landeten. Daher wurde die Flotte in das adriatische Meer vorgeschoben. Dort sollte eine Seeschlacht die Entscheidung bringen, falls Octavian es wagte, anzugreifen. Wagte er es 185 nicht, so konnte Antonius Italien anlaufen und die Unternehmung gegen Rom selbst richten. Dort wollte sie Recht sprechen, die Königin.

Eine gewaltige Flotte von 500 Kielen hatte sich bei Patras und Korfu gesammelt. Das stolzeste Geschwader waren die hochbordigen ägyptischen Trieren, darunter solche zu 8–10 Ruderreihen übereinander. An ihrem Bug sah man als Ornament aus Holz geschnitzte Zentauren, die Felsblöcke warfen.Vgl. Properz IV 6, 49. Das Admiralsschiff trug das herkömmliche Purpursegel.

Rom hat damals, wie viele Zeugnisse beweisen, vor ihr, der Königin, gezittert, die angeblich mit Eunuchen und Mannweibern daherkam, um Rom in einen Pfuhl der Unsittlichkeit zu stoßen. Je ärger man Kleopatra verunglimpfte, je deutlicher verriet sich diese Angst. Denn noch stand Kleopatras goldene Statue in Rom aufrecht, und es war unvergessen, daß sie schon einmal ungehemmt, ja, hochgeehrt als Cäsars Gast in Rom Hof gehalten hatte, um durch ihn die Königin Roms zu werden.

Kein Zweifel, daß in jenen Tagen auch Kleopatra sich gefürchtet wußte und vom Hochgefühl und dem Glauben an den Sieg getragen war. Aber sie kannte den Gegner nicht. Jählings ging alles in Scherben, kam der Sturz, die große Niederlage, kam die Vernichtung über sie; und völlige Ratlosigkeit blieb übrig.

Sollte man an Omina glauben? Man erzählt, daß unter dem Backbord ihres Schiffes Schwalben nisteten, die immer Gutes bedeuten; aber sie wurden von anderen Vögeln weggebissen, die ihnen das Nest nahmen. Bei derartigem verweilte 186 man im Altertum gern, und es fehlte gewiß nicht an warnenden Stimmen. Die Niederlage, die folgte, erklärte sich allein schon aus den Differenzen im Kriegsrat; die Römer wollten von der Frau, die dazwischensprach, nichts wissen. Die Flotte aber war zwar gewaltig anzusehen, der Schiffe aber zuviel und die Bemannung ungenügend; bedenklich vor allem, daß Antonius versagte. Er war schon lange nicht mehr in Form, verstand sich auch nur auf Feldschlachten, nicht auf das Seegefecht, und das Vorgehen krankte an Verschleppung.

Des Antonius Depression ging so weit, daß er vor Kleopatra selbst in sinnloser Furcht war; der Wahn befiel ihn, sie wolle ihn vergiften, und er wollte, wenn er bei ihr zu Tische ging, die Speise nicht anrühren. Sie hatte Mühe, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.Hierher gehört die Anekdote vom vergifteten Blumenkranz, die Plinius n. h. 9, 12 erzählt. Sie nimmt sich so sonderbar aus, daß man an schlechte Dichtung glauben möchte.

Um so resoluter der Feind. Plötzlich, und früher als erwartet, war Octavian mit seiner Flotte erschienen. Agrippa führte sie, der in Seegefechten erprobte Stratege, und drängte Antonius sogleich in eine Defensivstellung, in die Bucht von Ambrakia. Dort, am Vorgebirge von Actium, verschanzte sich Antonius notgedrungen; Landtruppen sollten ihm den Rücken decken. Aber er sah sich von Agrippa in der Bucht blockiert, auch zu Land seine Rückzugslinie bedroht. Der große Feldzugsplan war damit endgültig vereitelt, ein Durchbruch aufs offene Meer noch möglich, ein Vorstoß auf Italien ausgeschlossen. Man mußte zurück; es galt jetzt vielmehr, Ägypten zu verteidigen.

187 Aber nur Kleopatra gelang der Durchbruch. Sie selbst schlug sich geschickt manövrierend oder erfolgreich kämpfend durch den Feind mit 60 Schiffen, auf denen der Kriegsschatz geborgen war, ins Freie und fand rudernd und segelnd den Heimweg unangefochten. Kopflos, als Flüchtling, folgte ihr Antonius wie vom Schlepptau gezogen, mitten aus der noch währenden Schlacht. Hinter ihm ging seine Flotte in Flammen auf. Scholl es nicht wie Hohnlachen über die See? Der Hohn galt ihr, der besiegten Königin. Ein Schlag hatte genügt, und Verzweiflung fuhr wie ein Dolch durch ihre Seele.

Ägypten jetzt retten? Aber womit? Sämtliche Vasallenkönige huldigten alsbald dem Sieger, in dem allein sich jetzt Rom verkörperte. Herodes war der erste, der dies tat. Aber auch seine Legionen verließen den Antonius, eine nach der anderen.

Er war in Kyrene gelandet, während sie mit ihrer immer noch stolzen Flotte in den Hafen ihrer Hauptstadt einlief. Aber sie bangte um den Empfang und ließ, um zu täuschen, bei der Einfahrt Siegesmelodien blasen;Cass. Dio 51, 54. sonst hätte man sie nicht landen, nicht in ihre Stadt gelassen. Dann wird alles offenbar, und der Aufruhr bricht los; sie hat alles falsch gemacht, und mit ihr kommt das Verderben! Ist sie nicht Herrin mehr im eigenen Hause? Mit Hinrichtungen muß sie um sich fahren. Sie möchte rasen, denkt schon an Selbstmord, aber muß Blut sehen, und läßt den König von Armenien, Artavasdes, den Verräter, köpfen, der noch immer in Alexandrien gefangen saß. Wozu ihn noch füttern?

188 Sie selbst aber? Nach Spanien will sie durchbrechen, um dort Aufruhr zu stiften gegen Rom (denn sie weiß, wie aufsässig gegen Rom dort die Cantabrer sind), dann wieder ihre Person in Arabien sichern und übers Rote Meer nach Osten fliehen. Ihre Schiffe lagen dazu schon im Roten Meer bereit. Aber die Schiffe wurden von den Arabern verbrannt, und es geschah auf des bösen Herodes Betreiben.

So galt es in Alexandrien das Schicksal zu erwarten, das unerbittlich nahte. Antonius kommt aus Kyrene zu ihr. Er bringt keine Hilfe mit. Sie aber muß handeln. Um im Land die Thronfolge zu sichern, erklärt sie Cäsarion, den Sohn Julius Cäsars, der inzwischen 14 Jahre zählte und den sie hochfahrend den König der Könige genannt hatte, für majorenn,Cass. Dio. 51, 7, 1. Auch Ptolemäus Philometor wurde vormals 14jährig mündig gesprochen. was auf ihre eigene Abdankung deutete, und läßt ihn ins innere Ostafrika und weiter nach Indien retten; es gab regelmäßige Schiffsverbindung mit Indien, und der Knabe, fast schon Jüngling, gelangte dort auch ans Ziel. Von den Tränen, die beim Abschied flossen, hören wir nichts. Vielleicht kannte Kleopatra die Träne nicht.

Dann naht Octavian. Drohend kommt er mit Heeresmacht von Syrien her. Während sich Antonius, um sich zu betäuben, kopflos den Trinkgelagen ergibt – der Trinkerklub der Leute vom unnachahmlichen Leben hieß jetzt der Verein der Sterbebereiten –, probiert Kleopatra schon Giftmittel. Zum Tod verurteilte Verbrecher dienen ihr dabei zum Versuch; es galt so die sanfteste Giftwirkung herauszufinden.

189 Octavian hat vor dem kanobischen Tor sein Kriegslager aufgeschlagen und beginnt durch Abgesandte die Unterhandlung. Nur mit Kleopatra unterhandelt er. Unterwürfig leistet sie Tributzahlung und schickt ihm als Zeichen der Abdankung Zepter und Krone. Er antwortet: »Keine Ursache! Du magst herrschen bleiben, wenn du Antonius ermordest.«Cass. Dio. 51, 6.

Den Antonius töten? Dieser, ihr Gemahl, war freilich nur ihr Werkzeug gewesen, und die echte Liebe, mit der sonst Frauen lieben, war Kleopatras männlicher Natur fremd. Auch hatte er im Verlauf des Krieges und der Schlacht selbst sie schwer enttäuscht. Aber das Ansinnen des Siegers war zu gemein. Lieber wollte sie den Gatten, wenn keine Rettung sonst, zum Selbstmord treiben, oder Octavian mochte ihn selber töten. Dieser zielbewußte Mann hatte sich ja im Männermord schon früh geübt. Ob man ihm die Köpfe der hingerichteten Römer in Säcken brachte, es hatte ihn kalt gelassen. Daß Antonius dem Octavian vormals im Tumult der Gasse in Rom das Leben gerettet hatte, war jetzt ganz vergessen.

Und so folgt nun das Ende der Tragödie, der Abschluß der Handlung, sowie ihn Shakespeare von Szene zu Szene dramatisch gestaltet hat und der uns anmutet, als gehörte er zu den Fabeln aus 1001 Nacht. Aber die Wirklichkeit war diesmal phantastisch erregender als jede Dichtung. Ein Auf und Ab von Hoffen und Verzweiflung war es, wie eine Flamme, die hundertmal aufflackert, ehe sie zuckend erlischt, und in der Not und Angst um die Erhaltung des armen Lebens, 190 vor allem des Lebens ihrer Kinder, brechen in diesem Weibe so außerordentlicher Stellung und Begabung auch die häßlichsten Triebe durch.

Beim Tempel der Isis hatte Kleopatra einen monumentalen Grabbau für sich halbfertig stehen. Dahin brachte sie die ganzen königlichen Schätze, füllte den Bau aber auch mit Kienholz und Werg, um im Notfall mitsamt ihren Schätzen hier in Flammen unterzugehen. Octavian aber wollte das teuere Geld und all die Kostbarkeiten haben, wollte aber auch sie selbst lebend fangen und schickte ihr hinterlistig die freundlichsten Ausrichtungen. Da faßt sie Hoffnung, sie könne ihn noch für sich und die Rettung ihrer Dynastie gewinnen, wenn sie den Antonius preisgäbe, der ohnehin nicht mehr zu retten war. Ihre drei kleinen Kinder Alexander, Selene und Ptolemäus, hatte sie noch bei sich.

Antonius hatte sich indes ermannt. Er forderte Octavian zum Zweikampf, ein unerhörtes Ansinnen; denn das Duell war in der Antike unbekannt; Zweikämpfe gab es auch in der römischen Kriegsgeschichte seit langem nicht mehr, und Octavian lehnte es höhnend ab. Er selbst hat auch wohl kaum je ein Schwert im Kampf gezogen. Gleichwohl will Antonius jetzt bis zum letzten kämpfen, wie der verwundete Löwe, der sich umstellt sieht, zum Sprung ansetzt. Er hatte noch Mannschaften, an tausend Leute, die ihm treu schienen; auch hatte sich die Grenzfestung Pelusium noch gehalten. Aber Pelusium öffnet dem Gegner die Tore, und es hieß gleich, was unerwiesen, Kleopatra sei daran 191 schuld. Noch einmal liefert Antonius ein Gefecht, aus dem Tor vorbrechend, und siegt, kehrt stolz und froh in die Stadt zurück, trifft beim Palast Kleopatra, küßt sie und bittet sie für einen seiner tapferen Leute um Belohnung. Mit einem Panzer schmückt sie den Mann und mit einem goldenen Helme. Aber derselbe Mann geht darauf zum Gegner über.

Es war kein Verlaß. Der Mensch dachte: der Kampf ist doch vergebens, und ich will wenigstens die schöne Rüstung retten. Am nächsten Morgen aber folgen, als ein ernsterer Kampf beginnt, alle letzten Streitkräfte seinem Beispiel, auch die Schiffe im Hafen, und jetzt heißt es: Verrat. Wer war schuld? Auf die Juden der Vorstadt fiel der Verdacht.Josephus c. Ap. II 5; Sharpe II S. 67 f. Aber dies scheint unerwiesen, und es genügt vielleicht zum Verständnis, anzunehmen, daß die Truppe selbst nicht weiter schlagen und vergeblich sich opfern wollte.

Aber auch gegen Kleopatra erhob sich der Verdacht; er erhob sich in der Seele des Antonius selber. Trieb sie katzenhaft mit ihm ihr Spiel? Schon früher litt er an Furcht vor ihr und glaubte in seinem Wahn, sie könne ihn vergiften. Hatte sie selbst ihn jetzt so wehrlos gemacht? »Ich bin verraten,« ruft er, »verraten von ihr, für die ich kämpfte!« Sie hört es, fürchtet seine Rache, flüchtet in das Grabgewölbe und läßt von dort an ihn die Nachricht gelangen, sie habe sich selbst getötet.

Es war für ihn die Mahnung. Gewiß hatten sie beide für den Augenblick der letzten Not schon 192 miteinander den Selbstmord erwogen; Cato, der in Utika sich tötete, als Julius Cäsar Rom knechtete, auch Brutus und Cassius waren das Vorbild, und der Augenblick schien gekommen.

Antonius hört: Kleopatra ging im Tod voran, zaudert nicht und stürzt sich selbst in sein Schwert. Aber der Tod trat nicht ein; er fällt auf eine Bank, liegt kraftlos und fleht die Umstehenden an, mit ihm ein Ende zu machen. Alle laufen entsetzt davon, bis Kleopatra davon hört. Einen Hofbeamten schickt sie; der bringt Antonius noch lebend zu ihr ins Grab. Durch ein Fenster wird er in das obere Gewölbe zu ihr hinaufgeschafft. Kleopatra selbst mit ihren Dienerinnen zieht das Seil, das ihn trägt. Blutüberströmt reckte er jammervoll sehnsüchtig die Hände nach ihr. Da versuchte sie ihm zu helfen, ihm Erleichterung zu verschaffen, und nannte ihn in zärtlichem Ton ihren Herrn und König. Sterbend riet er ihr, ihren Frieden mit Octavian zu machen und ihn selbst nicht zu beweinen; denn er sei groß und glücklich gewesen wie wenige, und es sei nicht unehrenhaft, daß ihn ein Römer besiegt habe.

So hatte sie ihn davor gerettet, daß er schmachvoll das Opfer dessen wurde, der seine Ermordung gefordert hatte.

Sie läßt dem Octavian den Tod melden. Der will, daß sie endlich das Grabgewölbe verläßt, und sendet Boten, die an der Falltür erscheinen, mit allerlei Zusicherungen. Sie traut nicht. Da greift ein Römer – er hieß Proculejus – zu einer Leiter und steigt von oben zu ihr in den Raum. 193 Blitzschnell greift sie zum Dolch, um sich zu erstechen; er aber entreißt ihr die Waffe. Es war ein Ringen zwischen Mann und Weib, ein Kampf über des Antonius Leiche.

Sie ist endlich besiegt, und die Handlung geht weiter. Antonius wird zur Beisetzung hinweggeholt. Es soll mit hohen Ehren geschehen, und sie selbst darf die Bestattung ausrichten. Aber sie wird jetzt gewaltsam in den Palast gebracht und tritt aufs neue in den Kampf mit den Lebendigen. Sie hat diesen Octavian, der jetzt das Schicksal ist, noch nie gesehen, sorgt sich um ihre Kinder. Da hört sie, daß er sie selbst im Triumph nach Rom schleppen will. Eher den Hungertod! Aber wenn sie sich tötet, bedroht er ihre Kinder; die Kinder sollen dafür büßen. So verlangt sie endlich, ihn selbst zu sehen, und Octavian entschließt sich und kommt zu ihr. Es war das einzige Mal, daß sie sich sahen, daß sein kaltes Auge auf ihr ruhte, der Frosthauch seiner Rede sie traf.

Er fand keine Venus, er fand keine Circe. Fiebernd auf einem Strohsack und im schlichten Chiton wie die Sklavinnen lag sie da mit ganz entstelltem Antlitz; denn bei der Totenklage um Mark Anton hatte sie sich das Gesicht zerkratzt. Nun wirft sie sich ihm zu Füßen: »Du wirst mich nicht töten?« Es klang flehend und so, als hinge sie am Leben.

Er aber hört kaum hin und verlangt als Geldmann von Beruf und Herkunft Nachweis über den Staatsschatz. Sie hat ein Verzeichnis bereit; aber es ist nicht vollständig. Wozu auch soll sie 194 gegen diesen Mann, den Todfeind, ehrlich sein? Zum Unglück ist ihr Verwalter Seleukos zugegen und ruft: »Das ist nicht alles!« Der Mensch suchte sich bei dem großen Herrn einzuheben. Da wallt sie noch einmal in Wut auf, faßt ihn an den Haaren und schlägt ihn ins Gesicht mit dem Schrei: »Es fehlt nichts!«

Dann treibt sie ihr letztes Gaukelspiel; um den Tod suchen zu können, tut sie so, als ob ihr alles daran liege zu leben. Da versichert ihr Octavian, sie werde in dem Glanz, den sie verlangte, weiter leben können.

Das lockt sie nicht. Sie weiß überdies, dieser Mensch pflegt seine Versprechen nicht zu halten, und das Ende naht. In drei Tagen soll sie aufs Schiff als Trophäe nach Rom verladen werden. Sie hört es. Die Tage vergehen. Ihr wird noch erlaubt, dem Mark Anton zum letzten Abschied Totenehren und Grabesspenden darzubringen. Dabei wird sie unausgesetzt von Spitzeln bewacht.

Als sie vom Grab des Mannes, den sie beglückt und in den Tod getrieben, in den Palast zurückgekehrt ist, nimmt sie ein Bad, läßt sich ein Mahl auftragen und beginnt, von königlichem Hausgesinde umgeben, zu speisen. Ein Bauer tritt ein mit einem Korb voll Früchte. Den römischen Wächter hat sie zu entfernen gewußt, indem sie ihm einen Brief an Octavian mitgab, den sie zuvor geschrieben. Jetzt winkt sie; auch das dienende Personal muß sich entfernen, und sie schließt die Tür des Gemaches ab. Nur ihre zwei liebsten Zofen, Eiras und Charion, sind bei ihr geblieben, und »sie tat die Tat, die alle Taten endet«.

195 Octavian las den Brief. Darin stand nur die Bitte, bei Antonius beigesetzt zu werden. Sie hat den Feind überlistet. Eiligst gibt er Befehl, das Schlimme zu verhindern. Das Gemach wird aufgebrochen; da lag sie tot, königlich angetan, auf goldener Kline. Aber auch Eiras war tot, Charion lag noch im Sterben. Keine von beiden konnte etwas aussagen, und es ist bis heute das große Geheimnis, wie die Königin den Tod gefunden.

Zwei leichte Stiche fand man an einem der Arme, die von einer vergifteten Nadel, die auch vom Biß von Schlangen herrühren konnten. Auch schienen Spuren auf dem Fußboden zu verraten, daß da Schlangen entlanggeglitten waren.Aelian a. hist. IX 61. Octavian berief sofort afrikanische Schlangenbeschwörer zur Stelle; die mußten das Gift aus der Wunde saugen. Es war aber zu spät. Kleopatra kehrte nicht ins Leben zurück.

Die glaublichste Vermutung schien, daß der erwähnte Bauer im Fruchtkorb die Schlangen gebracht hatte.

Kleopatras letzte Bitte erfüllte Octavian, und sie wurde neben Antonius königlich beigesetzt. Als im folgenden Jahr der große Sieger in Rom seinen Triumphzug hielt, mußten Kleopatras Kinder als Beutestücke im Zuge einherschreiten. Aber auch Kleopatras Bild ist da, plakatartig groß gemalt und weithin sichtbar, zur Schau für alle Römer die Appische Straße entlang und übers Forum einhergetragen worden, wo man sie auf der Kline im Verscheiden liegen sah, die Viper am Arme. Das war Kleopatras Einzug in 196 Rom. Der Dichter Properz bezeugt uns frohlockend, daß er dabei war; er hat sie selbst so im Bilde gesehen.Prop. III 11, 53 spectavi; sie war zu sehen admorsa colubris.

Ein beispielloser Jubel war es und ein Prahlen: Rom hatte eine Frau besiegt. Sie glich dem Hannibal, dem gräßlichen: auch der hatte einst Rom selbst bedroht und auf dem Kapitol speisen wollen. Sie hatte Recht sprechen wollen an derselben Stelle, auf der Burg des unüberwindlichen Jupiter, und die Schlacht bei Actium galt als eine Rettung vor dem Erbfeind, mehr als die Schlacht bei Zama, in der einst Hannibal erlag. Kein Sieg ist in Rom so gefeiert und besungen worden. Horaz und Properz wetteiferten darin.Die Horazode folgt unten. Properz ergeht sich schon in der Elegie III 11 in hohen Tönen, wo Kleopatra als die Isis erscheint, v. 31 ff. (besonders seit dem Jahre 36 pflegte sie sich als Νέα Ἶσις zu zeigen) und wo man das mulier patienda fuit liest; »der Anubis kämpfte gegen Jupiter, das Sistrum gegen die Drommete«. Übertreibend heißt es dann, daß die besiegte Kleopatra Fesseln an den Händen trug (v. 52), eine Steigerung dessen, was Horaz c. I 31, 20 gesagt. Des Properz Elegie IV 6, die erst im Jahre 16 v. Chr. gedichtet scheint, wird dann zum feierlichen Triumphgesang. Ja, in jedem 5. Jahr wurden bei Actium selbst zur ewigen Erinnerung Festspiele mit Wettkämpfen gefeiert, die in der Tat bis in die späte Kaiserzeit fortbestanden.s. Cass. Dio 53, 1, 4; R. E. I S. 1215.

Vor dem, der des Properz Verse liest, wächst Kleopatra wie ein Schreckgespenst empor ins Große, das Gespenst der Isis, die in den Schall der römischen Drommeten hinein das rasselnde ägyptische Sistrum schwingt. Um sie nicht bewundern zu müssen, beschimpft man sie als Buhlerin und von Weichlingen umgebene Hetäre, und wir glauben noch aus ihrem Grabe den Schrei zu hören, den sie in Shakespeares Tragödie gegen die Römlinge erhebt: »Verdorre die Zunge meiner Lästerer.«

Wer einer Kleopatra begegnet, erwarte keine Heilige, auch keine Penelope zu sehen. Sie war eine von den Starken, in deren Hand die alltägliche Tugend zerbricht, und aus den Abgründen 197 der List und der Leidenschaft holte sie sich die Stärke, da sie mit Tod und Leben zu spielen hatte: ein echtes Geschöpf ihrer Zeit, ihrer Heimat und ihrer Familientradition, die gleichfalls von Größe wußte und die ihr die großen Pflichten gab. Bedauerlich für uns ist, daß weder sie noch Mark Anton versucht hat, in der Geschichtsschreibung ihr Leben mit Sorgfalt buchen zu lassen, und so wäre es, wie bereits gesagt ist, eine Torheit, die einseitigen Berichte, die uns vorliegen, kritiklos weiterzugeben und das viele, was ihre Feinde zusammenlogen oder tendenziös entstellten, ernst zu nehmen. Es wäre dies geradeso, als wollte man ein Bild des deutschen Volkscharakters nach den Darstellungen geben, die, als der Weltkrieg über Deutschland kam, in der Lügenpresse Englands und Frankreichs zu lesen standen.

Gerechter als Properz versuchte der Dichter Horaz zu sein, der gleich nach dem Eintreffen der Nachricht von Kleopatras Tod seine Siegesode schrieb,Horaz c. I 37. in der er die vornehme römische Priestergenossenschaft der Salier zum Festtrunk auffordert und den Octavian feiert, den er nach dem Herkommen »Cäsar« nennt. Es lohnt, wie ich denke, zum Abschluß hier auch noch seine Verse mitzuteilen. Auch für ihn ist Kleopatra zwar das übermütige asiatische Weib, und auch er redet pflichtgemäß von dem anrüchigen Personal an ihrem Hofe; aber er zeigt uns deutlich den Schrecken, der entstand, als sie sich der Küste Italiens näherte, und er empfindet trotz allem staunend die Größe ihrer fürstlichen Seele und das Ergreifende ihres Lebensendes, so daß uns 198 das Gedicht eine Hilfe ist zur Charakteristik der Frau, der sich diese meine Darstellung gewidmet hat.Zur richtigen Auffassung dieses meist mißverstandenen Gedichts vgl. »Horaz' Lieder« Heft 1 S. 60 f.; Heft 2 S. 42 ff. Die dort erwähnten turpes morbo viri im v. 9 hielt Heinze irrig für spadones, die doch aber keine viri sind und denen die Männlichkeit stets abgesprochen wird. Kastraten haben aber auch mit morbus nichts zu tun; vgl. Digest. XXI 1, 6: spadonem morbosum non esse neque vitiosum verum esse mihi videtur. Mit Unrecht habe ich a. a. O. S. 45 das virorum im v. 10 der Ode zu tilgen versucht. Es ist vielmehr evident, daß Horaz hier von Cinäden, von den pathici oder molles der Kleopatra redet, über die oben Anm.Auch Horaz erwähnt sie in seiner Kleopatra-Ode; Seneca redet Epist. 87, 16 geradezu von den molles der Kleopatra, wo es heißt: Chelidon, unus ex Cleopatrae mollibus, patrimonium grande possedit. Chelidon war also pathicus oder Cinäde, aber dabei durch Erbschaft ein reicher Mann. Sie muß solche Leute an ihrem Hof geduldet haben. Wie weit sie mit deren Laster bekannt war, mag jeder sich denken, wie er will. Der Umgang der Frauen mit pathici wird uns anschaulich gemacht im Bodlejanischen Juvenalfragment, das man in Juvenals 6. Satire hinter v. 365 eingeschoben liest. Da ist auch in Erinnerung an Kleopatra im v. 5 die barbata Chelidon erwähnt. Chelidon war eigentlich ein Frauenname (s. Ciceros Verrinen) und wird auf den pathicus übertragen. Vgl. E. Dralle, De fragmento Winstedtiano quod Juvenali adscribitur (Marburg 1922, Maschinenschrift) S. 20. gehandelt ist; denn diese konnten immerhin viri heißen, und an ihnen haftete der morbus; vgl. Priapea 46, 2; dazu Catull 57, 6, wo die morbosi gemelli die Hoden bedeuten (vgl. Rhein. Mus. 51 S. 468, Philolog. 63 S. 461). Die Ode lautet:

Jetzt, Salier, sollt ihr trinken, mit freiem Schritt
Im Tanz die Erde stampfen; es wäre recht,
Wenn ihr den Göttern auch das Lager
Könntet zu festlichem Schmaus bereiten.Es handelt sich um das sog. lectisternium; den Göttern wurde ein festliches Mahl vorgesetzt, vor den Götterbildern Polstersitze hergestellt.

So lang' war's euch verboten, den Cäcuber
Aus eurer Ahnen Keller zu holen, als
Die tolle Kön'gin unsren Tempeln
Einsturz, dem Reiche Vernichtung drohte,

Die mit der schmachvoll eklen Cinädenschar
Unziemlich sich umgab und dabei hirnverbrannt,
Von süßem Glück berauscht, die kühnsten
Hoffnungen nährte. Doch schwand ihr Wahnsinn,

Als ihre Flotte brannte und kaum ein Schiff
Entkam und Cäsar das von Ägypterwein
Wie trunk'ne Weib in Angst und Furcht warf,
Bis sie entfloh aus Italiens Nähe.

Zu Schiff setzt' er ihr nach, wie der Habicht stößt
Auf scheue Tauben oder der Jäger rasch
Den Hasen jagt auf nord'schem Schneefeld.
Ketten gedacht' er ihr anzulegen,

Dem Unheilsdämon. Aber sie dachte nur
An heldenhaften Tod, nicht nach Weiberart,
Und floh, gewöhnt an Blut und Eisen,
Nicht mit den Schiffen an fremde Küsten.

Gefaßten Sinnes sah sie ihr Königshaus
Zerstört und griff beherzt sich mit starkem Griff
Die bösen Nattern, um ihr tödlich
Wirkendes Gift mit dem Leib zu trinken,

Durch ihren Freitod furchtbarer als bisher.
Sie wollte nicht entthront und als nied'res Weib
Auf den verhaßten Kahn geladen
Prunkstück des Römertriumphes werden.

199 Das Land Ägypten wurde nach den weltbewegenden Ereignissen, die ich vorgeführt, endgültig zum Römerreich geschlagen. Cäsarion, Julius Cäsars Sohn, der sich König Ägyptens nannte, hatte nach einiger Zeit gewagt, sich wieder zu zeigen; er war aus Indien in seine Heimat zurückgekehrt. Octavian ließ ihn töten. Die Kinder dagegen, die Kleopatra dem Antonius gegeben hatte, wurden von Octavia freundlich aufgenommen und mit ihren eigenen Kindern erzogen. Octavia bewährte sich auch damit als die edelste der Frauen und trauerte ehrlich um den Mann, der sie so treulos verlassen hatte, um in sein Verderben zu gehen. 200

 

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