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Frauen der Antike

Theodor Birt: Frauen der Antike - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleFrauen der Antike
authorTheodor Birt
year1932
firstpub1932
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleFrauen der Antike
pages299
created20120422
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Politische Frauen

Ist von der griechischen Frau, die die Ehe sucht, nun aber nichts mehr zu sagen, als was ich gegeben? Reicht ihr Sinn wirklich nicht über die vier Pfähle ihres Hauses hinaus? Es gab doch auch ein Vaterland, eine Vaterstadt, für das ihre Gatten, ihre Söhne fochten. Das sollte sie nie mitgerissen haben? Wer das glaubt, unterschätzt ihr Gemüt, ihr Temperament und ihren Scharfsinn. Der peloponnesische Krieg zog sich über zwanzig Jahre hin und wollte nicht enden; sollte es da wirklich nur freieste Phantastik sein, wenn der große Komödienschreiber Aristophanes auf der Bühne die jungen Ehefrauen Athens sich zusammenrotten läßt, um im Kampf mit den Stadtältesten endlich den Friedensschluß zu erzwingen? Es sind Pazifistinnen, die er uns zeigt, und sie schreien nach ihren Männern: wir wollen sie wieder haben! Es kommt zum flotten Kampf um die Staatsgewalt, und, natürlich, sie siegen. Solche Impulse waren selbstverständlich, und nur so hat die wilde Komödie, in der die Energie des ewig Weiblichen sich großartig entladet, damals im Theater ihre sensationelle Wirkung gehabt.

Die weisen Männer mahnten freilich mit Betonung: »Die Frau soll nicht politisieren, sie gehört ins Haus.«Theophrast bei Stob. Floril. 28, 7 ; vgl. auch ebda. 28, 21. Aber gerade dies verrät, daß in ihr der Trieb dazu vorhanden war. Wie konnte es 44 anders sein? Denn befand sich der Staat in Kriegsnot, so traf es auch die Familie, und so gibt es denn wirklich Fälle genug, wo wir sie, die Mütter, die Gattinnen, gemeinsam in Aktion sehen. Sie greifen zwar nicht zu den Waffen, aber wissen in der Raserei auch Lynchjustiz zu üben.

Als die Freistadt Theben unterjocht in fremder Hand war und auf Befreiung hoffte, da schien es ein Ereignis, daß alle Frauen aus ihren Häusern zueinander liefen, um sich angstvoll nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Das ist noch zahm, und es wird dazu besonders bemerkt, daß niemand sie daran hinderte.Plutarch De gen. Socr. 33.

Aber es geschah noch ganz anderes. Da sind die Spartanerinnen. Der Feind naht mit Übermacht; Sparta aber liegt offen, es hat keine Festungsmauern. Da sind sie es, die in der Not zur Schaufel und Hacke greifen und um die ganze Stadt den sichernden Stadtgraben ziehen, tief und breit genug, die Gefahr abzuwenden.Vgl. B. Niese, Gesch. der griech. u. makedonischen Staaten II S. 58. Im Perserkrieg aber hatte ein gewisser Lykidas Landesverrat verübt; er wird hingerichtet. Da ziehen die Weiber Athens vor sein Haus, greifen Steine auf und erschlagen damit auch noch sein Weib und seine Kinder. Oder: ein Haufe von Bürgern ist im Kampf für Athen ehrenvoll gefallen; nur einer der Mannschaft rettet sich. Man hört von ihm, was geschehen. Da rotten sich die Frauen zusammen, ziehen die Heftnadeln aus ihren Kleidern und erstechen ihn,Vgl. Herodot 9, 5 und 5, 87. megärenhaft. Aber wer spürt da nicht den Staatssinn, den vaterländischen Ehrgeiz? Den Tod verdient, wer nicht mitstirbt, wo die Kameraden sterben.

45 Aber auch einzelne Frauen treten aus der Menge hervor; denn eine Führerin ist nötig. Die Stadt Argos, stolz auf ihren alten Ruhm, wurde von Sparta im Jahre 510 v. Chr. schmählich niedergeworfen, alle wehrfähigen Männer dort getötet, eine radikale Ausnutzung des erfochtenen Sieges. Da hören wir den Namen Telesillas. Telesilla war Dichterin und sonst gewöhnt, Frauenchöre im Gesang einzuüben; jetzt rief sie die Frauen der Stadt zu den Waffen, um die alte Freiheit wieder herzustellen.Pausanias II 20, 8; Plutarch De virt. mul. 5. Zur Telesilla vgl. K. Münsches »Festschrift zu Franz Polands 75. Geburtstag« S. 99. Auch Knaben und Greise werden geholfen haben. Es verlautet nichts weiter. Warum hat man nicht ein Epos daraus gemacht?

So war es denn auch, einige Jahrhunderte später, ein Weib, das den König Pyrrhus von Epirus zu Tode brachte. Es ist der berühmte Pyrrhus, der in Italien Rom zweimal besiegt hatte. Auch in Argos drang er siegreich ein. Noch in den Gassen Volkswehr, wirrer Straßenkampf. Da warf mitkämpfend eine Frau einen Dachziegel auf ihn, und der Mann, vor dem Rom gezittert hatte, war erledigt.

Man muß sagen: das Gemüt und Gefühlsleben solcher Frauen war umfassender als das der Männer; obwohl versunken in ihre häuslichen Pflichten, ist doch alles, was die Stadtgemeinde erlebt, auch ihr Erlebnis. Auch war es, wie schon diese Beispiele zeigen, für sie leicht, sich zusammenzutun und in Waffen aufzutreten. In den engen Städten kannten sich alle Frauen viel mehr als heute, das machten allein schon die alljährlichen sakralen Frauenfeste, wo keine fehlte und 46 das intimste Kennenlernen möglich wurde. Aristophanes ist es wieder, der uns das drastisch ausgemalt hat.Vgl. Aristophanes' Ekklesiazusen. Ganz ebenso aber kamen auch schon die Jungfrauen allerorts in den kultischen Reigentänzen sich nahe.

Hübsch ist es schon zu sehen, wie solche Mädchen, die sich nach einem Freund sehnen, ihre Gaben zusammen in den Venustempel bringen. Ihre Namen werden uns genannt, und der Bericht davon geht in Versen:Anthol. Pal. VI 206 ; Humanist. Gymnasium 1927 S. 139 ff.

Bitinna bringt von Pantoffeln ein Paar,
Die der Schuhmacher ihr so lieblich gemacht,
Philänis ihr schillerndes Haarnetz dar,
Das da sammelt der Locken wirre Pracht;
Antiklêa den Fächer, Aristo zugleich,
Die schöne, den Schleier, wie Spinnweb so weich;
Heraklêa gar ihre rundliche Spange,
Die goldene, feingehämmerte Schlange,
Fünf Altersgenossinnen, die im Verein
Die Dinge der himmlischen Venus weih'n.

Ein Mädchenspiel gab's, das »Aufsitzespiel« genannt, von dem uns reizende Terrakotten Anschauung geben. Ein Wettlaufen war's; zwei Mädchen rannten über den Wiesengrund, daß die Kleider flogen; die andern spielten den Richter, und die Besiegte mußte alsdann die Siegerin tragen, auch das im Laufschritt.Es ist der ἐφεδρισμός. Vgl. E. Petersen, Röm. Mitteil. 1891 S. 270; Mariani, Bull. d. commiss. arch. commun. di Roma 1907 S. 34 f. und Tfl. VI; M. B. Huish, Greek Terracotta-statuettes, Lond. 1900 S. 112 und Tfl. 27; Sieveking, Die Terracotten der Sammlung Loeb, Tfl. 35. Ähnliche Exemplare sollen sich im British Museum und in der Sabouroffschen Sammlung in Berlin befinden. Ein weiteres des 5. Jahrhunderts ist in meinem Besitz; es stammt aus Eretria. Etwas anders gestaltete sich der ἐφεδρισμός der Knaben, über den Pollux On. 9, 119 und 122. Man kam dazu offenbar in den Gärten zusammen. Wenn aber eine Frau, die sich der Beliebtheit erfreute, gestorben ist, werden gar alle Altersgenossinnen am Ort aufgerufen, um sie zu trauern, am Grab zu erscheinen und sich das Haar abzuschneiden.Anthol. Pal. VII 489 und 166. Perikles hat öffentlich eine Leichenrede auf die gefallenen Krieger gehalten und verläßt die 47 Rednertribüne; da sind es all die Frauen Athens, vornehmlich die Mütter der Toten, die sich zu einer Gruppe zusammengefunden haben, um dem Redner mit Kränzen zu huldigen.Plutarch Perikl. 28.

Wie leicht konnten sich da also auch Kränzchen anderer Art, geschlossene Freundinnenbünde bilden auf kurze oder längere Zeit, die sich mit den Klubs oder »Hetärien« der Männer vergleichen ließen!Bei E. Ziebarth »Griechisches Vereinswesen« und R. E. VIII 2 S. 1373 finde ich nichts hierüber. Ein sogenannter Thiasos von Frauen ist uns auf einer Inschrift, die sie mit Namen verzeichnet, bezeugt.Athen. Mitteilungen XVIII (1898) S. 16 f. Dies oder Ähnliches vorausgesetzt, wird es verständlich, daß in den griechischen Tragödien, wenn der Stadt oder dem Herrscherhaus ein Unglück droht, so oft Frauen oder Mädchen in Gruppen von 12 oder 15 Personen hilfreich herbeiströmen.Hiernach berichtigt sich einiges von dem, was ich in meinem Buch »Schaubauten der Griechen und die attische Tragödie« S. 230 f. vorgetragen. Wieder ist es die Stadt Argos, wohin uns des Sophokles »Elektra« versetzt. Da kommen sie, die Mädchen der Stadt, im Zuge zur Burg, um der Fürstentochter, die auf Rache sinnt, beizustehen, und stärken ihren Mut mit leidenschaftlichen Tönen, als wären sie Mitverschworene. So dringen auch bei Äschylos die Jungfrauen Thebens vor den Palast und bestürmen den Königssohn Eteokles einmütig, vom Zweikampf mit seinem Bruder abzulassen. Als es Leichen gibt, beraten sie, wie weit sie Grabgeleite leisten sollen.Vgl. auch des Sophokles Trachinierinnen. Nur Euripides scheint dies ins Unnatürliche zu übertreiben und rücksichtslos über das, was wirklich möglich war, hinauszugehen, wenn bei ihm in der Aulischen Iphigenie die Weiber wie unsere Wandervögel zusammen aus Euböa neugierig im Trupp eine Exkursion nach Aulis machen, um 48 dort einmal durch die Zeltgassen zu schlendern und die berühmten griechischen Helden mit ihrem Kriegsvolk in Augenschein zu nehmen.

*

Erst hiermit ist uns die bewegliche Psyche der Griechin lebendig geworden, und damit wird uns nun alles Weitere verständlich.

Wir fragen zuerst die bildende Kunst und die Dichtkunst. Heldinnen und Herrscherinnen des fernen Auslands. Da war die sagenhafte Semiramis, die Königin im Assyrerland, des Ninos Gattin, die, angeblich ein Findelkind wunderbarer Herkunft, auf abenteuerliche Weise die Krone gewann, nach des Ninos Tod als Selbstherrscherin in Babylonien nicht nur an Wunderbauten alles Glaubliche übertraf, sondern auch in Land- und Seeschlachten selbst fechtend den Krieg bis nach Indien trug. Sie war »die berühmteste Frau, von der man je gehört hat«.So Diodor II 4. Von Tauben sollte sie als Kind ernährt worden sein und als heilige Taube selbst nach dem Tode weiterleben. Das Morgenland ist das Land der Romantik; das geht bis zu Ariost und Tasso. So hat nun um das Jahr 400 v. Chr. ein Grieche den Semiramisroman geschrieben.

Und nun gar die Amazonen, von denen schon Homer zu dichten wußte, reitende Frauenbrigaden im Gefecht! Von ihnen hat man zu reden nie aufgehört: ein Frauenvolk, das die Männer haßt und tötet und nur, wenn Nachwuchs nötig, sich dazu die Männer raubt, der Gipfel der Frauenemanzipation. Kein Zweifel: »Es gab auf 49 asiatischem Boden wirklich solche Frauenvölker; bald tauchten sie auf der Krim, bald hier und dort in Kleinasien, sogar auf der Insel Lemnos, nahe der griechischen Küste auf. Die Sage meldete, daß Amazonen auch ins athenische Land einfielen, um sich Männer zu rauben. Ja, noch Alexander der Große hat solche Amazonen in der Nähe des Kaukasus vorgefunden, sogar noch der Römer Pompejus mit ihnen gekämpft.s. Plutarch, Pompeji. c. 35. Dies letztere ist R. E. I S. 1767 f. unerwähnt geblieben.«

So kommt es nun, daß die Plastik der Griechen, um ihre Tempelwände zu schmücken, mit besonderer Liebe den Amazonenkampf in Friesen dargestellt hat. Die Griechinnen selbst ritten nicht,Ich weiß wohl, daß es vereinzelte Ausnahmen gibt. und zu Reiterschlachten kam es überhaupt im Lande so selten. Nichts schien darum interessanter, als diese wilden Weiber, alle schön und alle in Kämpfertracht, hochgeschürzt und gegürtet, im Getümmel zu sehen, aber so, daß den zu Fuß kämpfenden Griechen der Sieg blieb. Das männliche Prinzip muß zwar siegen in der Welt; aber das Mitleid haftet an den Streiterinnen, wenn sie sterben. Die verwundete Amazone wurde sogar zum Gegenstand einer Künstlerkonkurrenz,Plinius n. h. 34, 53 f. und Exemplare solcher Statuen edlen Stils, wie man sie im Tempel der ephesischen Diana aufgestellt sah, haben sich uns sogar, wie man weiß, erhalten.

Gab es nun aber nicht auch Heldinnen bei den Griechen (ich spreche nicht von den mazedonischen Zeiten)? oder wenn nicht Heldinnen, doch Frauennaturen, die irgendwie in der Politik, im Staat führend aufgetreten sind oder gar sich fechtend in die Männerschlacht geworfen haben? 50 In der Tat tauchen vereinzelt auch Frauenbilder größeren oder großen Formats überraschend vor uns auf; aber sie gehörten der Diaspora oder solchen Gegenden an, die dem fremdblütigen und wildblütigen Ausland nahe lagen und unter seinem aufreizenden Einflusse standen. Ich nenne die beiden Artemisien und die Pheretime. Dabei fällt auf, daß alle drei – wie die Semiramis der Sage – Witwen waren, und dies dient zum Verständnis. Die Ehe mit ihren Pflichten lag hinter ihnen. Sogar auf Sappho, die friedliche Dichterin, traf dasselbe zu. Die Witwe kann in höhere Pflichten hineinwachsen, und sie tritt ein in die Berufe der Männer.

Artemisia

Nur der ersten der beiden Artemisien sei hier Raum gegeben.Über Artemisia, die Erbauerin des Mausoleums in Karien, s. unten. Regentin eines bescheidenen Königreichs, deren Weitblick aber zugleich den Orient und Hellas umfaßte, war sie strategisch den Männern ebenbürtig, ebenbürtig auch im Gefecht. Umsonst blättere ich in den Annalen der neueren Weltgeschichte: sie zeigt uns kein Weib, das dieser Artemisia gleichkäme. Denn, um nur das Nächstliegende zu nennen, wie eng begrenzt war dagegen die praktische Einsicht der vielgefeierten Pucelle, der Jungfrau von Orleans! Auch sie ein Phänomen; aber nur der vaterländische Freiheitsdrang machte sie groß, der Opfermut und der schöne Wahnglaube an Stimmen aus dem Jenseits, aus dem ihr Opfermut die Kräfte zog. So endete auch ihr Lebenswerk mit grauser Enttäuschung; denn sie rechnete falsch, oder sie hatte nur geglaubt und nicht gerechnet. 51 Bewunderung gebührt gewiß auch den kühnen Sportdamen unserer Gegenwart. Sie überschwimmen den Kanal von Calais bis Dover, segeln im Eindecker über den Ozean und die Kordillieren, durchqueren einsam und eigenhändig den angekurbelten Wagen lenkend weite Wüstenstrecken Afrikas. Soll ich auch noch unsere Löwenbändigerinnen nennen, wie sie Chamisso besang? Aber sie alle kämpfen nur mit der Natur, sie kämpfen nicht mit dem Landesfeind in Waffen. Nur persönlicher Ehrgeiz oder Forschungsdrang treibt sie, und mit der Einwirkung auf den Gang der großen Politik hat ihr Heroismus so viel wie nichts zu tun. Anders die Witfrau, von der nun zu reden ist.

Artemisia hatte rassig starkes Blut; denn sie stammte aus Kreta. Durch Heirat wird sie Königin in einem Teilgebiet Kleinasiens, des dort südlich gelegenen Küstenlandes Karien. Die Bevölkerung, die in diesem Gebirgsland saß, war ungriechisch. Ihr Gatte ein Mann aus karischem Geschlecht, herrscht nur in der dortigen schönen griechischen Hafenstadt Halikarnaß mit dem nächsten Umland. Dies Halikarnaß stand wie, alle reichen Griechengemeinden an Kleinasiens Küste seit dem Jahr 494 v. Chr., d. h. seit dem mißglückten jonischen Aufstand, unter unbedingter persischer Herrschaft, von der Karien fast nie loskam. Ihr Gatte starb früh. Es ist die Zeit der Perserkönige Darius und Xerxes. Im Namen ihres Sohnes Pisindelis herrscht sie jetzt selbst in ihrem kleinen Reiche, und ihr Erstes ist, von anliegenden wertvollen Inseln, Kos vor allem, Besitz zu ergreifen.

52 Da zieht Xerxes mit Heer und Flotte gegen Griechenland. Es ist der berühmte Perserkrieg, von dem uns Herodot erzählt. Auch dieser Geschichtsschreiber stammte aus jenem Halikarnaß und verfolgte das Wirken der Frau mit besonderem Interesse und genauerer Kenntnis.

Sie ist Persiens Vasallin und stellt zur Kriegsflotte des Xerxes fünf bemannte Trïeren. Die Zahl ist gering und konnte kaum in Betracht kommen. Sie selbst aber sticht damit in See; sie führt das Kommando selber.

Das Landheer des Xerxes wälzt sich siegreich und furchtbar drohend wie eine Völkerwanderung, durch die Balkanhalbinsel vordringend, auf Böotien zu und nähert sich Athen. Bei Euböa in Athens Nähe geschah die erste Seeschlacht. Artemisia kämpfte mit; aber die Schlacht blieb unentschieden. Bei Salamis lag jetzt die kampfgeübte Griechenflotte. Was nun? Die Frau tagte mit im Conseil des Xerxes, der voll Machtgefühl sich schon Herr Griechenlands glaubt. War es ihre Schönheit, war es ihre Intelligenz, daß er sie zum Kriegsrat heranzog? Es waren doch gewiß auch sonst kluge Griechen genug im Perserheer.

Zur Debatte steht: soll hier bei Salamis die Seeschlacht geschlagen werden? Der Sieg der Perser würde alles entscheiden. Aber würde man siegen? Da ist es nur Artemisia, die dringend abrät; denn sie überschaut die Situation und kennt die Manövrierkunst des Gegners.

Aber sie wird überstimmt. Die Schlacht geschieht, und sie selbst mit ihren Schiffen ist mitten im Kampf. Die Enge des Meerwassers zwischen 53 Insel und Festland erschwert die Massenentwicklung der Perserflotte. Die Stoßkraft der Griechen durchbricht sie. In fürchterlich wirrem Gedränge sucht die Flotte mit schweren Verlusten die offene See zu gewinnen, und auch Artemisia flieht auf schwanker Trïere, ihrem schmächtigen Admiralschiff. Sie hatte den Ausgang vorausgesagt. Hoch an Bord stehend hetzt sie mit Geschrei die Rudermannschaft, den Amazonen vergleichbar – das Schiff ihr jagendes Roß –, im kurzen Chiton, der die Beine zum Sprung frei läßt. Könnten wir sie sehen! Auf dem Kopf den Helm mit flatterndem Helmbusch, in der Linken den Schild mit dem Wappenzeichen ihres Hauses, in der Rechten den Spieß, der zum Stoß bereit. Die Rüstungen, die das Land Karien lieferte, waren die besten, die es gab.Strabo p. 660 beschreibt diese karischen Waffen genauer. Noch 50 Jahre später hat Artemisia so augenscheinlich im Gedächtnis der Athenerinnen gestanden.s. Aristoph. Lysistr. 695.

Sie sieht sich verfolgt. Die griechischen Sieger jagen hinter ihr her. Ameinias heißt, der sie fangen will. Sie hört sein Schreien. Zehntausend Drachmen waren dem, der sie lebendig fängt, verheißen, und wieder fragt man, warum gerade sie? Es kämpften doch in der Xerxesflotte auch noch viele andere Griechenführer von Belang; denn die Griechenstädte Kleinasiens leisteten eben alle dem persischen Herren Heeresfolge. Man wollte dieser Frau also nicht nur deshalb habhaft werden, weil sie Verräterin schien an der griechischen Sache,Dies sagt Herodot 8, 93. sondern sie war zugleich eine wichtige Person im Kronrat des Xerxes, und dem Xerxes sollte ihr sachkundiger Rat verloren gehn.

54 Wie sich retten? Ameinias dicht hinter ihr. Ein Wettrudern auf Tod und Leben. Da greift sie zur List. Irgendein persisches Schiff ist vor ihr; es wurde zufällig von einem Mann, den sie kannte, dem Vasallenkönig Damosithymos geführt, der, ihr benachbart, gleichfalls wie sie in einem Teil des Landes Karien herrschte, das ihre Heimat war.

Sie holt ihn ein, rennt mit mächtigem Stoß sein Schiff an; ein Stoßzahn aus Eisen befand sich am Bug. Die Planken krachen; des Damosithymos Schiff ist in den Grund gebohrt; er selbst geht unter; auch keiner seiner Mannschaft konnte sich retten.

Xerxes aber beobachtete vom nahen attischen Gestade mit Schrecken und Wut den Verlauf der Schlacht, und so sah er auch, was hier eben geschah, und fragte: »Wer führt da das Schiff?« Man antwortete: »Siehst du die Artemisia nicht, wie sie kämpft und soeben ein feindliches Schiff versenkt?« Am Wappenzeichen ihres Schildes erkannte man sie. Wem dagegen das versenkte Schiff gehört hatte, war nicht mehr festzustellen, und es schien selbstverständlich, daß es ein griechisches war. Da sagte Xerxes bewundernd: »Die Männer sind mir zu Weibern geworden und die Weiber zu Männern.«Herodot 8, 87 f. Das zitierte Wort klingt an das an, was wir bei Athenäus p. 515 von den Lydiern lesen, daß da die Männer verweichlichten und bei ihnen der βίος γυναῖκα τύραννον εὕρετο αὐτοῖς.

So stieg nun aber ihr Ansehen; ihr Einfluß an höchster Stelle wuchs, und ihr Rat wurde in diesem Weltkrieg ausschlaggebend. Artemisia ist es gewesen, die in diesem Zweikampf Asiens mit Europa die große Wendung brachte. Die Frage war: sollte Xerxes noch weiter kämpfen oder den Angriffskrieg aufgeben?

55 Zur entscheidenden Beratung ließ er sie ins Hauptquartier herbeirufen. Sie kam, und es siegte der Verstand der weitsichtigen Frau. Das Ohr des Königs der Könige stand ihr offen. Xerxes konnte jetzt leicht von Asien ganz abgeschnitten werden, und dann war er verloren. Sie erkannte die Gefahr. Nur über die Meerenge des Hellespont (der Dardanellen) war noch eine Rückkehr nach Asien möglich. Zögerte Xerxes aber, so würden die Griechen, die jetzt das Meer beherrschten, ihm zuvorkommen, den Hellespont abriegeln und unpassierbar machen. Mochte er inzwischen noch so viel Städte in Asche legen, er würde sich zu Tode siegen, da auf weitere Zufuhr aus Asien nicht zu rechnen war und zur Ernährung der persischen Menschenmassen der karge Boden nicht ausreichte. Mardonios war Generalissimus des Landheeres. »Mag Mardonios,« so sagte sie, »den du mit einem Teil des Heeres hier zurückläßt (denn er will es so und ist nicht davon abzubringen), noch Vorteile erringen oder hier zugrunde gehen: der Erfolg wäre dein Erfolg; der Verlust aber würde für dich, o König, nicht zu schwer sein; denn Asien ist reich an Männern. Rette also deine Person und die, die sonst dir teuer sind. Auf dich kommt es an. Dein Reich braucht dich, und du stehst so mächtig da, wie du warst, ehe der Krieg begann.«Herodot teilt 8, 108 nur das geringste von den Gründen, die sie im Sinne hatte, mit. Er drängt in seiner Darstellung auf Kürze und setzt die Beurteilung der Sachlage, wie ich sie gegeben, als für jeden Leser selbstverständlich voraus.

Xerxes war entlastet und herzensfroh. Auch andere hatten zwar ähnliches geraten; aber erst, als sie sprach, war er entschlossen. Einige Söhne, an denen sein Herz hing, hatte er bei sich; er 56 hatte sie mitgeführt, damit sie den Triumph miterlebten. Es waren uneheliche Söhne von Nebenfrauen aus seinem Harem. Jetzt wurde Artemisia damit betraut, diese Prinzen in Sicherheit zu bringen; sie sollte sie auf ihrem Kampfschiff sofort nach Kleinasien retten, während er selbst den Abzug zu Lande und über den Hellespont zu forcieren versuchen mußte. Ein Hofeunuch, der aus Karien stammte, wurde ihr zur Bewachung der Knaben mitgegeben. Die Fahrt ging nach Ephesus, und sie gelangte mit ihren Schützlingen sicher dorthin.

Damit verschwindet sie vor unseren Augen.

Das Land Karien vom Perserreich loszulösen ist im Verlauf der weiteren Geschichte nie gelungen; die Versuche scheiterten, bis Alexander der Große scheinbar die Befreiung brachte. Aber auch für ihn blieb das Land nur ein Teil des neuen, alexandrischen Perserreichs. Dabei hatte auch er in Karien wieder mit einer Königin zu tun, der er die Herrschaft zurückgab und die dankend ihm huldigte.»Alexander der Große«³ S. 108.

Daß Artemisia also in ihrer Lage es vorzog, geladen mit Energien wie sie war, eine bedeutende Rolle auf persischer Seite zu spielen, statt zweideutig und in jedem Fall aussichtslos mit den europäischen Griechen zu sympathisieren, ist vollauf begreiflich. Ihrem Sohne, den ich anfangs nannte, mußte sie in der Heimat die Herrscherstellung retten. Durch wunderbaren Zufall aber hatte sie in der Seeschlacht just den König Damasithymos getötet; auch der hatte in Karien seinen Herrschersitz,Die Küstenstadt Kalydna mit Umland. und man könnte 57 sich denken, daß es ihr nunmehr gelang, seinen Landbesitz zu dem ihrigen zu schlagen. Wir wissen es nicht, und so ist sie uns ein Momentbild, das nur für ein paar Monate des Jahres 480 v. Chr. vor uns aufleuchtet, um, kaum wahrgenommen, zu verschwinden wie die Blinklichter in der Nacht auf See.

Staatskundige, weitausblickende, listige, ränkevolle Fürstinnen männlich entschlossenen Charakters zeigt uns die Weltgeschichte genug; zu ihnen gehörte auch Pheretime, der ich mich nunmehr zuwende. Eine Frau aber, die sich wie Artemisia auf Tod und Leben fechtend in die Schlacht geworfen, eine Königin zu Wasser und zu Lande, ist neben ihr nur noch Kleopatra gewesen, die letzte der großen griechischen Frauen, die vor uns erscheinen sollen. Wie Artemisia freilich zu ihren Untertanen stand? Herodot läßt sich nicht herbei, davon zu reden.

Pheretime

Ein ganz anderes Charakterbild gibt uns Pheretime. Lichtlos und bösartig reckt sie sich vor uns auf, die Afrikanerin, ein tückischer Rachedämon, auch sie Königin, die als Nachbarin Ägyptens in der Kyrenaïka herrschte. Ihre Lebenszeit fällt etwas früher als die der karischen Frau.

Wie in Karien, so hielt sich auch dort bei den angesiedelten Griechen das Königtum. Schon früh hatten diese, die jede Küste des Mittelmeers lockte, in der Kyrenaïka Boden zu gewinnen gesucht und wie in Ägypten die Stadt Naukratis, so hier das herrliche Kyrene gegründet im Kampf 58 mit den Eingeborenen, den Libyern, nicht Negern, sondern hellfarbigen Nomadenstämmen, den Berbern der Neuzeit, die mit ihren Herden und geflochtenen Zelten ein Wanderleben führten.

Kyrene wurde rasch im üppigsten der Länder die üppigste Griechenstadt, Großstadt, in der sich darum später auch eine zahlreiche Judenschaft niederließ. Wie großartig die städtischen Bauten, verraten dem Reisenden die Ruinen noch heute, und so weiß auch Italien die Kyrenaïka heut zu würdigen als seinen wertvollsten Außenbesitz. Fruchtbarster Boden. In weiten Terrassen fällt das Land vom inneren Hochgebirge zur Meeresküste ab, und in den verschiedenen Höhenlagen gab es so dreimal alljährlich die reichste Ernte. Afrikanische Hitze und Wasserfülle, die durch die Schluchten in Bächen und Strömen vom Gebirge fiel; dazu noch periodischer Regen. Kyrene, sagte man, liegt unter einem durchlöcherten Himmel.So das Orakel bei Herodot 4, 158.

So hat diese Großstadt dann im Lande auch früh ihre Herrschaft weit ausgedehnt; sie gründete weiter im Westen an der Nordküste Afrikas die zweite Stadt Barka (um das Jahr 550 v. Chr.), in der auch Berber mit ansässig wurden, eine Stadt, die sich aber bald als Konkurrentin erwies. Das Griechentum näherte sich damit dem Machtgebiet Karthagos.

Lange Zeit herrschte in Kyrene das Königsgeschlecht der Battiaden, bis es degenerierte. König Battos III. verlor um das Jahr 520 den Thron. Ihm vermählt war Pheretime. Er war lahm und auch sonst mißgestaltet, und das schien dem Stadtvolk unerträglich. Der Grieche war 59 geborener Ästhet, und überdies: ein König, der nicht reiten kann, ist kein König. Man trieb den Battos davon und stellte eine republikanische Verfassung her. Seine Witwe Pheretime hetzt dagegen zum Aufruhr (denn Battos starb alsbald); ihr Sohn Arkesilaos ist ihr Helfer. Der Putsch mißlang, und beide müssen fliehen. Sie ist entschlossen, die Rückkehr zu erkämpfen; zahlungsfähig ist sie. Als sie aber bei einem der Inselfürsten Truppen anwerben will, schickt er ihr einen Webstuhl und eine Spindel, beides vergoldet, zur Belehrung. Das blieb freilich ohne Wirkung. Dem Sohn gelang es, Truppen aufzubringen, und so erobern sie die Herrschaft zurück mit dem Gelöbnis, Milde walten zu lassen.

Die Mutter residiert in Kyrene selbst, wo sie die Macht des republikanischen Senats bald zu brechen weiß. Der Sohn Arkesilaos herrscht in Barka. Die Volksstimmung aber war übel; den Sohn traf zunächst das Odium, da er sich zu Grausamkeiten hinreißen ließ. Bei wachsender Erregung kam es zur Verschwörung, und er wurde in Barka umgebracht.

Der Sohn getötet! Barka wieder Republik, als gäbe es keine Pheretime! Da begann sie, planvoll vorbereitend, das Werk der Rache.

Sie stand nun allein, ein Weib ohne Heer; denn auf die Kyrenäer konnte sie sich nicht verlassen. Also braucht sie die Hilfe Persiens, und die Hilfe war nah. Denn eben damals hatte der Perserkönig Kambyses das benachbarte Ägypten erobert. Dem Perserkönig erbietet sie sich durch Gesandte, unterwürfig Tribut zu zahlen, und macht sich so 60 selbst zur Vasallin der asiatischen Weltmacht. Kambyses stirbt; aber Aryandes steht in Ägypten als persischer Satrap. Dieser ist willig und schickt ein Heer aus, um nach dem Willen der Königin das verruchte Barka zu strafen. Das Heer zieht durchs Land, ohne Kyrene selbst zu betreten, und die Belagerung Barkas beginnt.

Aber Pheretime wird schwer enttäuscht; die mächtige und stark bewehrte Stadt trotzt und weicht nicht. Auch Laufgräben, die man unter die Stadtmauer leitet, helfen nicht, und neun Monate hofft man umsonst.

Da griff man zur List. Es war eine groteske Kriegslist wie aus dem Märchen, die gewiß nicht der brave Feldherr – er hieß Amasis – selbst ersonnen hatte; nur dem griechischen Hirn der Frau kann sie entsprungen sein. Sie wollte ans Ziel, und es gelang.

Amasis verspricht, friedlich abzuziehen, wenn die Stadt Tribut zu zahlen bereit ist. Die Stadt mißtraute. Da beschwört er das Verheißene zu erfüllen mit den abgefeimten Worten: »Mein Eid soll gültig sein, solange unter mir die Erde an ihrer Stelle bleibt.« Da öffnen die Barkäer ihm wirklich gutgläubig die Tore. Er aber stand, als er schwor, auf einer Grube, die mit einer Holzlage oder Flechtwerk zugedeckt war; darüber hatte man eine Schicht Erde festgestampft, und siehe da, das Flechtwerk riß man beiseite, und die Erde fiel nach unten weg. Die Erde war nicht an ihrer Stelle geblieben, und der Schwur band nicht mehr.

Und nun konnte Pheretime ihre Rache nehmen; 61 sie zeigte sich selbst in der erschreckten Stadt: die furchtbare Rache für ihren Sohn. Der Perser ließ sie gewähren. Alle Verschworenen, die an seiner Ermordung schuld waren, ließ sie greifen und rings an der Stadtmauer kreuzigen, den Geiern zum Fraß. Das mochte noch hingehen, aber es genügte nicht. Sadistisch vergriff sie sich auch an den Frauen der Verschworenen, als wären sie mitschuldig. Sie ließ sie leben, aber die Brüste wurden ihnen abgeschnitten und an die Mauer genagelt; mochte aus ihnen werden, was da wollte. Man glaubt zu sehen, wie das Scheusal sich an dem Anblick weidete.

Barka selbst aber sollte hinfort zu jedem Widerstand unfähig werden, und so verkaufte Amasis, gewiß ihrem Winke entsprechend, die Stadtbevölkerung, wir wissen nicht in welchem Ausmaß, an Persien. Darius war damals Perserkönig; der legte Wert auf diesen Kauf. Der Menschenhaufe mußte den großen Marsch über Ägypten durch Syrien und Persien bis zum Himalaya machen; er wurde in Baktrien angesiedelt: ein bedenklicher Klimawechsel. Immerhin ließ sich auch dort gut leben.

Eine große Aktion war geschehen, und die Megäre konnte sich dessen rühmen. Sie hatte die Welt von Afrika bis nach Baktrien in Bewegung gesetzt; aber man fragt mit Recht: war sie wirklich Griechin? Vielleicht eine Frucht der Mischehe, und es floß irgendwie afrikanisch-libysches Blut in ihren Adern.

Sie konnte nun triumphieren, voll Wonnerausch schalten und walten in diesem himmlischsten der 62 Länder; allein zwar, ohne Sohn und Gatten, aber herrisch mit dem Geierblick und als Vasallenkönigin vollauf gesichert unter persischem Schutz. Was mochte sie planen?

Amasis zog ab. Sein Heer marschierte jetzt auch durch die Straßen der Stadt Kyrene selbst; die Kyrenäer öffneten ihm gutwillig die Tore, und es wurde nicht geplündert. Sie hatte den Amasis offenbar in ihrem Bann; und so beschloß sie, auf Reisen zu gehen. Das war ihr Erstes. Sie folgte ihm und wollte sich selbst in Ägypten zeigen.

Ritt sie im Karawanenzug auf dem Kamel, königlich angetan? oder sah man sie aufrechtstehend im Wagen mit dem Viergespann? Mit solchen Quadrigen holten sich die Kyrenäer manchen Sieg bei den Wettfahrten in Olympia. Eines freundlichen Empfangs durfte sie sicher sein im Land der Pharaonen. Aber das Glück zürnte ihr und gönnte ihr die Freude nicht am Gelingen. Sie starb dort alsbald, und sie starb voll Qual. Eine gräßliche Krankheit, die Phtheiriasis, hatte ihren Leib befallen, Beulengeschwüre, in die sich Würmer einfraßen. Es war dieselbe Krankheit, an der auch der Römer Sulla, der Blutmensch, an der auch der Judenkönig Herodes zugrunde ging.Vgl. »Aus dem Leben der Antike« S. 96. »Der Zorn der Götter hat sie gestraft,« meinte der fromme Herodot, der viel zitierte Historiker jener Zeiten. Den leeren Thron ließ sie hinter sich.

Wir aber erinnern uns noch einmal daran, daß die Kyrenaïka, in der jenes Drama sich abspielte, heut italienisches Kolonialland ist. Aber das Land 63 heißt heut Barka, der Pheretime zum Trotz, die jene Stadt hatte vernichten wollen. Schon im Altertum war Barka bald wieder eine blühende Stadt geworden.

Elpinike

Erholen wir uns von dem Eindruck, der mehr als peinlich, und suchen nach anderen und echteren Frauen. Solche Schreckbilder sollen uns nicht wiederkehren. Es ist Athen, das wir aufsuchen.

Im kleinen griechischen Festland herrschte damals schon die republikanische Staatsform vor, und Athen bietet dafür das Muster. In Republiken aber können Frauen nicht führen, auch heute nicht. Ihr politischer Einfluß konnte nur gering sein. Das Wort: »Die beste Frau ist, von der man nicht redet,« stammt ja, wie wir wissen, aus Athen.

Xerxes war besiegt, Griechenland von den Persern gesäubert, und zwei Staatsmänner erster Größe standen sich jetzt in Athen gegenüber, Kimon und Perikles, in deren Händen nun die Zukunft und das Schicksal nicht nur ihrer Vaterstadt, sondern ganz Griechenlands lag. Daß neben ihnen auch Kimons Schwester Elpinike stand, war dafür tatsächlich durchaus belanglos, und doch ist es Pflicht, ihrer zu gedenken. In ihr war Tradition und wurzelechter patriotischer Sinn; denn sie war nur Kimons Stiefschwester und ihr Vater kein geringerer als Miltiades, der bei Marathon die Perser schlug.

Schon ihre Kinderzeit war an Erlebnissen reich. 64 Sie hat nicht nur wie die andern Frauen im engen Athener Lande gelebt; sie war vielmehr in Thrazien, in der Nähe der Dardanellen geboren, wo ihr Vater als Großgrundbesitzer wie ein Fürst lebte. Mit zitternder Freude muß sie, nach Athen verpflanzt, die Großtat bei Marathon und des Vaters Triumph, dessen Ruhm durch die Welt hallte, mit bitterem Kummer seinen jähen Sturz und rasches Ende erlebt haben. Der allzu Stolze war dem Pöbel verhaßt geworden.

Aber sie muß damals auch bildschön gewesen sein. Einer der reichsten Patrizier, der Kallias jener Zeiten, verliebte sich in sie und bezahlte, um sie zu heiraten, die Schulden ihres Vaters, dem der Staat den Prozeß gemacht hatte.Vgl. »Aus dem Leben der Antike« S. 96. Da haben wir also endlich einmal eine Heirat aus Liebe in diesen Kreisen der hohen Bourgeoisie. Aber auch Kimon soll in seine Stiefschwester verliebt gewesen sein, und auch ein Künstlerauge fiel auf sie; Polygnot, der Begründer der Wandmalerei großen Stils, war ihr Verehrer, und Verdächtigungen, die sie trafen, blieben nicht aus.

Sie selbst aber begnügte sich, die politischen Vorgänge mit bewegtem Herzen zu verfolgen. Denn die Differenzen zwischen Kimon und Perikles gingen ihr nahe; sie brachten die ganze Bürgerschaft in Mitleidenschaft.

Beide Männer sind die Begründer der wachsenden Machtentfaltung Athens gewesen. Kimon, der Aristokrat älteren Stils und Spartanerfreund, focht als Seeheld immer noch glorreich aggressiv an den Küsten Kleinasiens, die dortigen Griechengemeinden vom Perserjoch befreiend; sie 65 wurden z. T. dem Bündnis mit Athen zugeführt, und Athens Einflußsphäre umfaßte alsbald das ganze Ägäische Meer. Das waren nur Sommerkriege; nachteilig aber war für Kimon, daß er sich so oft darauf beschränkt sah, nur in den Winterzeiten in Athen für seine Ziele zu wirken.

Perikles dagegen stand auch im Sommer inmitten der Bürgerschaft. Er war radikaler Demokrat und Führer der Demokratie geworden und steigerte in dieser Tendenz den nivellierenden Charakter der Staatsverfassung in einem Grade, der Kimon widerstrebte. Zugleich aber übernahm es Perikles – denn auch er wollte Mehrer des Reichs sein –, über die umliegenden griechischen Inseln von Ägina bis Samos die Zwingherrschaft zu sichern.

Das aber war eine Herausforderung Spartas. Das Schicksal Griechenlands hing ab von der Art, wie Sparta sich zu Athen stellte. Kimon vertrat Bündnispolitik und wollte den versöhnlichen Ausgleich; Perikles war Imperialist, und seine riskanten Pläne liefen darauf hinaus, Sparta so lange zu schwächen, bis es alle Übergriffe Athens hinnahm. Er gehorchte den übermütigen Stimmungen des Demos, der Ultrademokraten, und so war er in der Stadt der bei weitem einflußreichere Mann geworden, Demagoge und Herrscher zugleich.

Das beste schien ihm, sich des Kimon gründlich zu entledigen. Er machte ihm den Prozeß (i. J. 463); ja, es gelang ihm, den Gegner durch den Volksentscheid des Scherbengerichts geradezu aus Athen zu verbannen, und da hören wir 66 einmal auch von Elpinike. Es ging ihr ans Herz; sie versuchte einzugreifen und entschloß sich schweren Herzens, das Haus des Perikles bittend zu betreten. Sie stand schon in vorgerückten Jahren; aber auch so ging ein Frauenbesuch bei Männern über das, was die Sitte gebot, hinaus. Wir müssen wieder klagen: könnten wir sie sehen, die vornehme Frau im faltenreichen Schleppkleid, das auch vorn lang über die Füße fiel, so daß es wogend ging bei jedem Schritt; den Überschlag über der Schulter mit der Agraffe festgehalten; im Schleiertuch zeigte sich ihr bleiches Oval. Könnten wir auch das Auge sehen, das ihn traf, ihren Stimmklang hören, als sie ihre Fürbitte tat! Aber es gelang ihr; den Prozeß, der Kimon mit dem Tod bedrohte, schlug der Herrschgewaltige nieder. Perikles war viel jünger als sie, und er hatte zu ihr, leider höchst ungalant, gesagt: »Alte Frauen sollten nicht versuchen, etwas bei mir durchzusetzen.« Sie ließ sich nicht abschrecken.

Zeitweilig mußte Kimon dann doch in die Verbannung; auch da aber hat auf seine Zurückberufung (i. J. 475) Elpinike fördernd eingewirkt.Plutarch Kimon 4; vgl. Corn. Nepos 1, 2.

Aber die Tochter des Miltiades bat nicht nur; sie wußte auch mit Freimut zu tadeln, wohl die einzige Frau, die damals stirnrunzelnd die Stimme erhob. Als Perikles eine der unterworfenen Inseln, die sich unbotmäßig zeigte, mit Krieg überzogen und gezüchtigt hatte, empfing ihn bei der Heimkehr der Jubel des Volkes und auch der Frauen; sie aber soll vor ihn getreten sein mit dem bitteren Wort: »Mein Bruder hat nur 67 Perserblut vergossen; du vergießt in all deinen Kriegen nur Griechenblut,« kurz und schlagend. Das Wort blieb haften;Plutarch Kimon 14 und Perikl. 10. es traf wie ein Pfeil ins Schwarze.Plutarch Perikl. 28. Perikles zitiert als Antwort darauf nur den Vers des Archilochos des Sinnes: »ein altes Weib soll sich nicht parfümieren«. So haben auch wir nur zu oft gedacht: der Krieg von Deutschen gegen Deutsche ist Bruderkrieg.

Man verdankt diese wenigen Mitteilungen einem zeitgenössischen Memoirenschreiber, der ein Bewunderer Kimons war, also auch über die Interna dieser Persönlichkeiten genauer unterrichtet gewesen sein wird.Es ist Stesimbrotos. Sobald es sich um solche Memoiren handelt, fühlt man sich versucht oder gar verpflichtet, die Zuverlässigkeit solcher Mitteilungen zu bezweifeln, und Stesimbrotos gilt als unbrauchbarer Schwätzer. Daß man die Zuverlässigkeit solcher Dicta, wie ich sie angeführt, unterschätzt, ist schon oben zu Kapitel III Anm.Über das Maß der Glaubwürdigkeit solcher Dicta habe ich in meinem Aufsatz »Das Dictum in der Geschichtsschreibung des Altertums« (in »Studien und Skizzen der Johanniter«, Hamburg 1929, S. 183 ff.) gehandelt. bemerkt, und gerade die hier erwähnten sind viel zu fein und treffend und der Situation entsprechend und können nicht so ins Blaue hinein erfunden sein.

Aspasia

Was kümmerten aber den Perikles in seiner Machtfülle und großen staatsmännischen Arbeit die Redensarten alter Frauen? Ja, wäre Elpinike jung, wäre sie eine Aspasia gewesen! Er sah sich damals in der Tat nach einer weiblichen Hilfe um. Er unterschätzte die Klugheit der Frauen durchaus nicht, und er fand sie. Aspasia war Hetäre.W. Judeich sträubte sich, dies anzuerkennen (R. E. II S. 1717). Aber die Überlieferung redet zu deutlich und bestimmt; wer dem Athenäus p. 533 D. und Suidas nicht glauben will, muß auf Eupolis, den Zeitgenossen der Aspasia, hören, der sie πόρνη nannte (Frg. 98 K.); πόρνη war bekanntlich nur ein böswillig gesteigerter Ausdruck für »Hetäre«; ganz ebenso nannte König Lysimachus jene Lamia, die vielbesprochene Hetäre des Demestrius Poliorketes (s. Plutarch, Demetr. 25). Man fragt überdies: woher Aspasias literarische Bildung? Als Nicht-Hetäre und eingeschlossen gehaltene Haustochter konnte sie sich solche in jenen Zeiten schwerlich aneignen. Und wie konnte eine Frau, die nicht Hetäre, so isoliert von Stadt zu Stadt übersiedeln, wie Aspasia es getan? Die Galatea, die am Hof in Syrakus ihr Glück machte, war ebenso freizügig. Auch die Heirat, die Aspasia einging, ohne Brauteltern und Ehevertrag, ist m. W. ganz ungewöhnlich und beruhte auf exzeptionellen Verhältnissen. Einerlei. Sie war asiatische Griechin; auch das störte nicht. Ihm genügte, daß sie modern freisinnig und Demokratin war. Frauen des Hetärenstandes waren freizügig, reisten ohne Männerschutz durch die Lande, und so war sie nach Athen, dessen damals so wunderbar aufblühendes geistiges Leben sie lockte, gekommen.Ganz denkbar ist, daß Hippodamos, der Milesier, der in des Perikles Diensten stand, sie aus Milet herbeirief. Ob sie auch schön war? Wir glauben es gern.

Kaum hatte Perikles sie kennengelernt (er hatte ein Auge für Hetären), machte er sie zu seiner Mitarbeiterin.

Perikleisches Zeitalter; es war die goldene Zeit und er selbst die treibende zentrale Kraft, die 68 alles aufbot, um Athens äußere Pracht zu steigern, repräsentativ, als einer Vormacht ganz Griechenlands. Das betraf die Bauten, für die man den Marmor aus dem Gebirge brach; es betraf den Prunk der heiligen Feste, den Ausbau des Hafens. So wie er den Bildmeister Phidias heranzog und sich zum Freunde machte im Interesse seiner Pläne für die künstlerische Verherrlichung der Stadt (der Parthenon ist dessen Zeuge), den Architekten Hippodamus für den Ausbau des Piräus, den kühnen Denker Anaxagoras im Dienst seiner philosophischen Interessen, so auch die Aspasia im Dienst gewisser praktisch-staatlicher Aufgaben, soweit mondäne Frauen dafür befähigt sind.

Aber er machte sie nicht nur zu seiner Gehilfin. War es Verliebtheit? Jedenfalls hielten ihre Reize ihn fest. Die Verbindung geschah um das Jahr 450. Schwerlich brachte sie ihm an Geld oder Geldeswert die übliche Mitgift ins Haus. Er trennte sich dabei von seiner ersten Frau, von der er zwei Söhne hatte, und zwar mit ihrer Zustimmung. Hetären zu heiraten war, wennschon anstößig, doch nichts UnerhörtesEin Beispiel der Art habe ich »Von Homer bis Sokr.« S. 449 Anm. 30 angeführt; vgl. dazu R. E. VIII S. 1335. Lehrreich hierfür ist auch der Neäraprozeß in der 59. demosthenischen Rede. – ihm wurde in seiner souveränen Stellung alles verziehen –, und es gab unter solchen manch hochgebildete Personen, die auch oft die beste Kinderstube hinter sich hatten; es gab auch solche, die sich als politische Beraterinnen damals bewährten.Ein Beipiel hierfür aus jener Zeit ist uns die Hetäre Thargelia, die in den griechischen Städten Kleinasiens politisierend mit den vornehmsten Männern verkehrte, und ihr Einfluß im Interesse des Perserkönigs war dort groß. Da keine häuslichen Pflichten sie belasteten, hatten sie Zeit und volle Bewegungsfreiheit, dem Luxus zu leben, auch dem Luxus geistiger Durchbildung und der Einmischung in Affären der Öffentlichkeit.

69 Eingehender wird später über die Hetären zu reden sein.

Soll ich nun von Aspasia erzählen? Man pflegt neugierig aufzuhorchen, wenn ihr wohlklingender Name fällt (er bedeutet die Willkommene oder die zu Liebkosende), und man hat bei uns sich dazu verstiegen, sie zur liebespendenden Romanheldin für den heutigen Geschmack zurechtzumachen. Etwas erotisch Prickelndes, ein bißchen Exzeß, meint man, kann dabei nicht fehlen, und es wäre Frevel, das nicht zur Ergötzung der Leselustigen auszubeuten. Es fehlt meines Wissens noch ein Film »Perikles in Aspasiens Netzen«, zärtlich gemimt, in möglichst loser oder vorurteilsloser griechischer Gewandung. Ich aber muß alle Erwartungen enttäuschen; denn die Überlieferung bringt uns, soweit sie zuverlässig ist, nichts der Art, es sei denn die schon einmal erwähnte denkwürdige Tatsache, daß Perikles ihr täglich zwei Küsse gab, einen am Morgen beim Verlassen des Hauses, den anderen abends bei der Heimkehr, und es bleibt also dem Wißbegierigen überlassen, sich selbst das Wünschenswerte an anmutigen Frivolitäten, wenn es sein muß, auszudenken.

Perikles selbst war freilich nicht allzu ehrenfest und bieder, und Aspasia nahm ihm das augenscheinlich nicht übel; er verkehrte, auch als er sie geheiratet hatte, vor den Augen der Öffentlichkeit mit Hetären, die er auf seine Auslandsreisen mitnahm.Er nahm sie nach Samos mit, wo er ein Aphroditebildnis weihte (Athenäus p. 572 F). Auch der schon erwähnte Stesimbrotos wußte von solchen Freiheiten (ebda. p. 589 D f.). Übrigens gab auch Kimon sich mit der Hetäre Mestra ab (Plut. Kim. 4).

Inwieweit konnte solche Frau ihm helfen? Perikles selbst leitete die Volksversammlungen, die 70 Außenpolitik,Vielleicht hat Aspasia auch auf die Außenpolitik einmal Einfluß gehabt, auf den samischen Krieg; denn Samos lag in Kampf mit Milet. Perikles gebot, vielleicht durch sie veranlaßt, den Samiern, vom Krieg abzulassen, und der Konflikt war da. die Finanzen, das Gottesdienstliche, das Bauwesen, die merkantilen Dinge; seiner Frau wies er gleichsam das Unterrichtswesen zu.

Wir müssen dabei aber nicht an das Schulwesen denken; denn es gab nur Privatschulen, und der Staat bezahlte und bevormundete sie nicht, wie er letzteres heute nur zu sehr tut. Aspasia sorgte vielmehr für Verbreitung der Bildung und Hebung der geistigen Interessen bei den Frauen. In Männerkreisen aber gab sie methodischen Unterricht in der Wohlredenheit. Es war die Professur der Eloquenz. Das Reden in der Öffentlichkeit wurde damals bei aller Begabung doch noch zumeist dilettantisch betrieben. Auch in der Schriftstellerei war damals der Prosastil noch ganz unausgebildet.Alle Erzeugnisse der attischen Redner, die wir besitzen, auch Herodot, sind jünger als der Beginn ihrer Tätihkeit (450 v. Chr.). Es handelte sich für Aspasia aber nicht um die Kunst der Prozeßrede, sondern um die symbuleutische und epideiktische Gattung,λόγοι πολιτικοί, nach Plato Menex. p. 249 E. d. h. um die Kunst, vor der Volksversammlung mit geordneter Disposition, wohllautend, gedankenvoll, pointiert zu reden;Die Rede, heißt es, muß κόσμος, d. i. Schmuck und Ordnung haben; Plato Menex. p. 236 D. es gab aber auch andere Anlässe für die Staatsmänner, das Wort zu ergreifen, wie wenn es zu Ehren der im Kriege Gefallenen im Namen der Stadt zu reden galt.

Sie war ohne Frage eine geniale und dazu in ihrer Heimatstadt Milet vorbildlich geschulte Meisterin des Wortes, ohne doch selbst in Versammlungen als Sprecherin auftreten zu können. Da sie Hetäre gewesen, als sie nach Athen kam, hatte sie in Milet sicher in intimer Beziehung zu Liebhabern gestanden. Dies werden keine 71 unbedeutenden Männer gewesen sein,s. oben Anm.s. »Von Homer bis Sokr.«³ S. 453 Anm. 14. über Thargelia. und sie muß dort einen Freund gefunden haben, der sie in die Kunst der Rhetorik einführte.So lernte die Hetäre Leontion von Epikur und trat dann selbst schriftstellerisch für seine Lehre ein. Arete lernte bei ihrem Vater Aristipp und verbreitete danach selbst als Schulhaupt seine Lehre.

Auch Perikles, der Gatte, lernte jetzt von ihr,s. Plat. Menex. p. 235 E. und die Proben seiner Parlamentsreden, die wir bewundern – vor allem des Perikles berühmte Leichenrede – und die im Altertum als Lesestücke in Sonderausgabe umgingen,s. »Von Homer bis Sokr.« S. 456. sind gewiß unter Aspasias ordnendem Einfluß entstanden.

Aber ihre Betätigung, die wohl schon im Jahre 450 einsetzte, reichte viel weiter. Es war ein organisierter Unterricht für alle jungen Männer, die sich für die Demagogie oder den künftigen Dienst am Staat die rhetorische Kunst aneignen wollten. Auch Sokrates war in seiner FrühzeitDaß Sokrates sich um das Jahr 430 schon πρεσβύτης nannte, im »Menex.« p. 236 C, ist nicht ernst zu nehmen; denn diese Schrift ist gespickt mit Anachronismen. begierig, sie zu hören, und war zugegen, als sie das Muster einer Leichenrede zu Ehren gefallener Athener vortrug.Was uns der »Menex.« gibt, ist davon nur übermütige Parodie.

Was die Frauen betrifft, so heißt es ausdrücklich, daß ihr Geistesleben durch sie in Athen auf ein ganz anderes Niveau gehoben worden ist. Die Bücher erschlossen sich nun auch den Hausfrauen; die große Dichtkunst wurde auch ihre Heimat; der häusliche Unterricht der Töchter wurde nun dem Knabenunterricht in den Schulen mehr und mehr gleichgestellt, und so sehen wir denn, wie in einem Lustspiel des Jahres 421 ein Mädel auftritt, das schon Verse des Euripides zitieren kann.Aristoph. Pax 124 ff. Schon in Anlaß der Frauenfeste kam Aspasia mit der Frauenwelt in regelmäßige Fühlung. Sie kann sie auch in Klubform, um trivial zu reden, zu Lesekursen vereinigt haben; oder sollte sie nur ermahnend von Haus zu Haus 72 gegangen sein? »Willst du wissen, wie junge Ehefrauen für ihren Beruf zurechtzuweisen sind? Aspasia kann dich am besten darüber belehren, die zu allem ebenso befähigt ist wie die Männer,« so lesen wir beim Xenophon.Xenoph. Oekon. 3, 15. Auch des jungen Xenoph. und dessen Frau hat Aspasia sich so angenommen, wenn wir dem Aeschines glauben (Cicero De inv. I 51 f. und Quintilian V 11, 28).

Begreiflich also der Respekt, den Sokrates und seine Schüler, die Sokratiker, uns für sie zeigen. Sie heißt »Aspasia, die kundige oder die weise«.Athen. p. 219 C: Ἀσπασία ἡ σοφή. Gedichtet hat Aspasia sicher nicht; aber Verse wurden ihr dreist untergelegt, in denen sie dem Sokrates Rat gibt, wie er durch Redekunst sich die Liebe des jungen Alkibiades gewinnen soll (Herodikos bei Athen. ebda.). Sie verstand sich also hiernach angeblich nicht nur auf Grabreden, sondern auch auf den λόγος ἐρωτικός. Ein Dichter wie Hermesianax aber fabelte dann, Sokrates sei in Aspasia verliebt gewesen (Athen. p. 599 A). Denn gewisse Leichtfertigkeiten, die sie sich sonst zu schulden kommen ließ, störten diese sonst so tugendreichen Männer nicht. Die Hauptsache war, daß man von ihr lernen konnte.

Worin bestanden ihre Sünden? Auf der komischen Bühne, die den Skandal aufzuwühlen liebte, wurde sie spöttisch die Hera genannt. Das war noch nichts Schlimmes; denn Perikles hieß ja der Olympier oder der Zeus Athens; also mußte sie seine Hera sein. Bedenklicher, daß sie auch die Omphale hieß. So wie Held Herakles durch Omphale verweichlichte, so sollte sie auch dem Perikles entnervend sein Heldentum geraubt haben. Verleumdete man sie endlich als zweite Helena, so weist dies sogar auf Ehebruch; d. h. Perikles müßte sie einem andern entführt haben. Fest steht in jedem Fall, daß man öffentlich vor Gericht behauptete, sie führe ihrem Gatten selbst ohne Bedenken andere Weiber zu,So behauptete der Ankläger Hermippos. und in der Tat nahm er ja, wie wir schon hörten, Hetären mit auf seine Reisen. Dabei hätte sich Aspasia auf die spätere Kaiserin Livia berufen können, die in Rom es im Dienst der Begehrlichkeit ihres Mannes offenbar noch viel schlimmer trieb.

Wir sind im Begriff, der in diesem Punkt so 73 nachsichtigen Ehefrau gleichfalls Nachsicht zu erweisen; denn der Schuldige war hier Perikles. Da droht alles Wohlwollen in Unbehagen sich aufzulösen, und das ganz Ordinäre wittert uns an. Aspasia hatte auch mit Geschöpfen des Bordells zu tun. Wir hören von »Dirnen der Aspasia«, als wäre sie die Besitzerin.

Es ist nur Aristophanes, der lustige, der in einem Lustspiel des Jahres 425 den Athenern, die längst besser unterrichtet waren, die Entstehung des schrecklichen peloponnesischen Kriegs spaßhaft erklären will. Nur das Dirnenwesen sei schuld. Junge Athener entführten eine solche Person aus der kleinen Nachbarstadt Megara; aus Rache kamen nun Burschen aus Megara herüber und raubten zwei Freudenmädchen der Aspasia.Aristoph. Acharn. 527: πόρνα δύο Ἀσπασίας. Darauf erklärte Perikles blitzend und donnernd den Krieg.Aus diesen wenigen Worten des Aristoph. machte man später folgendes zurecht: »Die sokratische Aspasia trieb Handel mit schönen Weibern, so daß ganz Hellas davon voll wurde« (Athen. p. 569 F und 570 A; vgl. Plut. Perikl. 24, 3), eine Tätigkeit, wie sie z. B. die Nikarete ausübte, über die Demosth. in Neaeram 18 ff. berichtet. Das war köstlicher Blödsinn, weiter nichts.

Man hat, um Aspasia zu schonen, dies einfach und scheinbar mit Recht als schlechten Witz beiseite geworfen. Das ist bequem, aber doch wenig überzeugend. Der Witz besteht hier in dem Raub und in den weltbewegenden Folgen aus so läppischen Ursachen. Die Existenz von Aspasiadirnen wird dagegen offenbar als allbekannte Tatsache vorausgesetzt; denn nur so wird ihre so kurze Erwähnung verständlich.Wäre es anders, so hätte der Komiker ausführlicher erzählen müssen: »Aspasia hielt nämlich, wie ich euch versichere, Dirnen, die sie zur Verfügung stellte« usf.

Nehmen wir also das hier Angedeutete als Tatsache, was folgt daraus? Als berufsmäßige Mädchenhändlerin gemeinsten Stiles wäre Aspasia gesellschaftlich unmöglich gewesen; Perikles hätte die Sache in seiner Stellung nie geduldet. 74 Also muß Perikles selbst daran beteiligt gewesen sein.

Nichts ist ja wichtiger als die Regulierung des Bordellwesens in den Großstädten. Solon hat sich zuerst das Verdienst erworben, den Ort festzustellen, wo die Freudenmädchen sich anzubieten hatten, und die Art, wie dies zu geschehen hatte. Kein Wunder, daß auch Perikles in seiner Stadtverwaltung diese Pflicht mit erneuter Sorgfalt auf sich nahm; aber er übertrug sie auf seine Mitarbeiterin, die sich um Dinge des Frauenlebens ja auch sonst verdient machte und für eine solche Aufgabe gewiß besonders geeignet war, der auch moderne Fürstinnen gelegentlich ihre Fürsorge zugewendet haben. Die Aufsicht über die Kuppler und Mädchenhändler der Stadt wurde in Aspasias Hände gelegt, und in schmähsüchtigen Kreisen redete man dann von ihren Dirnen. Dies mein Erklärungsversuch. Perikles weilte übrigens längst bei den Toten, als Aristophanes jene Worte schrieb, und dessen Zorn konnte ihn nicht mehr ereilen.

Aspasia stand hoch da und unantastbar, als der Gewaltige ihr solches Amt zumuten konnte. Aber sie sollte doch zu Fall kommen, und das Ende dieser Ehe ist gleichsam eine Tragödie.

Der große Krieg hatte begonnen. Die Spartaner blockieren von der Landseite her Athen. Perikles lehnt jede Abwehr ab. Das wiederholte sich jeden Sommer. Er will keine Landschlachten riskieren und hofft, den Nachteil durch erfolgreichen Seekrieg, der Sparta schädigt, wett zu machen. Im athenischen Volk aber, Stadtvolk, 75 Landvolk, schäumt gegen ihn die Entrüstung auf, die zur Wut wird. Sein Ansehen ist geknickt, und man sucht ihn zu peinigen. Schon das war für ihn schwere Kränkung, daß man Phidias, den großen Künstler und Freund, in Anklage versetzte mit dem Ende, daß er im Gefängnis erkrankte und starb;So lautet der Bericht bei Plut. c. 31; die Überlieferung schwankt. ebenso schmerzlich, daß Anaxagoras, der Philosoph, der ihm so nahe stand, aus der Stadt getrieben wurde. Aber auch Aspasia selbst wurde jetzt in Anklage versetzt. Man konnte die Ausländerin, die so groß dastand, endlich fassen. Perikles selbst mußte vor Gericht, mußte als ihr Rechtsvertreter sie verteidigen. Der gottlosen Freidenkerei wurde sie beschuldigt und des Gelegenheitmachens für Ehebruch (wohlgemerkt nicht des Dirnenhandels). Der erste Vorwurf traf zu; denn sie stand ohne Zweifel wie auch Perikles auf dem Boden der entgötterten Welterklärung, wonach die Sonne – der Helios – kein Gott mehr war, sondern ein unlebendiger Weltkörper, wie es unsere Erde ist. Perikles redete anfangs vergeblich; erst als er das Mitleid anrief und in Tränen ausbrach, gaben die Richter nach, und sie wurde freigesprochen.

Danach gewann Perikles, durch den Verlauf der politischen Dinge getragen, das Vertrauen des Volkes wieder zurück; er war für Athen noch einmal der Olympier. Da starb er. Die Pest, die in der Stadt wütete, raffte ihn hin, und Aspasia stand haltlos allein. Das Ende war da; ihre Rolle war ausgespielt. Was sollte aus ihr werden? Die stillen Sokratiker mischten sich nicht in 76 öffentliche Dinge, noch gar in die Sorgen verwitweter hoher Frauen, und niemand in Athen, nicht Mann, nicht Weib, ist anscheinend für sie eingetreten.

Da suchte sie in einer neuen Heirat Schutz. Es war ein großer Abfall, ein Sturz aus der Höhe. Ein gemeiner Schafzüchter nahm sie zur Frau. Aber auch dieser Mann starb bald,Plut. c. 24, 4. und wir hören nichts mehr von ihr. Mutmaßlich ist auch sie schon bald darauf gestorben.Aristoph. nennt a. a. O. ihren Namen. Er nennt aber m. W. nur Eigennamen von nicht mehr lebenden Frauen; vgl. »Das Kulturleben der Griechen und Römer« S. 85; oben zu Kapitel III Anm.Auf diese weist Seneca Dial. II 18, 5. Auffällig scheint, daß Aristophanes in seiner Sokrateskomödie, den »Wolken«, die Xanthippe noch nicht vorbringt. Vielleicht war damals, im Jahr 423 v. Chr., die Heirat noch nicht vollzogen. Aber dieser Dichter vermeidet m. W. überhaupt, Frauen, die noch am Leben sind, mit Namennennung zu verspotten, es sei denn, daß sie in die Politik eingegriffen haben wie Aspasia. In den »Wolken« v. 685 bringt er gewisse Frauennamen nur aus sprachwissenschaftlichem Interesse.. Danach wäre Aspasia vor 425 gestorben.

Die späteren Griechen haben mit Begier alle Anwürfe und Sticheleien, die kitzelnd wirken und sich in den alten Komödien fanden, zusammengesucht. Es schien nichts amüsanter als das. Aber sie haben dem Andenken Aspasias gewiß mit Unrecht geschadet. Ihr Verdienst um die geistige Hebung des Frauentums wurde damals nur beiläufig gelobt. Wir aber werden, wenn wir hinfort von der Gelehrsamkeit und den künstlerischen Leistungen der Griechinnen andeutend zu reden haben, dies ihr großes kulturgeschichtliches Verdienst nicht vergessen.

Von Ehen mit sogenannten intellektuellen Frauen, auf die unser 20. Jahrhundert Wert zu legen scheint, wußte freilich das Altertum noch wenig oder nichts, auch Aspasia nicht, so weltklug sie war. An Zank und Zerwürfnis hat es auch damals nie gefehlt; aber nicht jene gleichsam im Treibhaus gezüchtete feminine Hyperintelligenz war daran schuld, sondern allemal nur die üblichen sexuellen Irrungen oder geldgeschäftliche Konflikte. Die junge Ehefrau brachte damals noch keine Theorien über die Ehe im allgemeinen mit, benutzte nicht jedes kleinste Versehen des 77 Gatten zur akademischen Entwicklung von Grundsätzen, hatte noch nicht Psychoanalyse und Pathologie getrieben, um des Mannes Natur lehrhaft zu analysieren und um aus den Wolken zu fallen, wenn er darüber in Wut gerät, wobei die Wortreiche auch gar noch Freundinnen hat, die ihr recht geben, wenn der Tor bescheiden zweifelnd die Achseln zuckt. Auch das Altertum hatte seine Intellektuellen; aber sie waren vielmehr unter den ganz Emanzipierten, unter den Hetären zu finden, von denen man bei jedem Mißbehagen sich trennen konnte. Und so ging die Entwicklung in den Kreisen der sogenannten höheren Bildung im Altertum wie heute dahin, die Kameradschaft an die Stelle der Ehe zu setzen. »Hetäre« heißt eben »Kameradin« auf Deutsch. Eine weitgreifende Eheflucht war davon schließlich das Ergebnis. »Alles wiederholt sich nur im Leben; ewig neu ist nur die Poesie.«

Dies Schillerwort, mag man nun daran glauben oder nicht, wird uns zum Wegweiser. Es führt uns zu den Dichterinnen weiter, und es wird uns anderes in den Ohren klingen. Zur Sappho führt es, der Dichterin der Liebe. Ich nenne nur sie. Ihre Lieder sind in der Tat »ewig neu« gewesen; denn sie sind bei den Griechen durch die Zeitenstrecke eines Jahrtausends beliebt geblieben und gelesen worden, und alle Geschlechter hatten an ihnen ihre Freude. 78

 

Sechstes Kapitel

Sappho

Auch von gelehrten Frauen wissen wir, die philologisch, historisch, philosophisch arbeiteten; aber sie locken uns wenig. Sie gehören den Zeiten des Niedergangs oder des Nachklassischen, den Zeiten des Hellenismus an, der auf die große Weltumwälzung Alexanders des Großen folgte. Gewiß stellen wir mit aller Hochachtung fest, daß die Tochter des Philosophen Aristipp zugleich ihres Vaters kluge Schülerin war; nach seinem Tod hat sie als Schulhaupt des Vaters Lehrbetrieb fortgesetzt. Eine gewisse Hestiäa trieb schon wie wir Topographie, bemüht um die Ortskunde des alten Troja. Großartiger noch die Leistung der Pamphila (sie fällt erst in die Zeit des Kaisers Nero), die eine Sammlung von Erinnerungen des Wissenswerten (Hypomnemata) in 33 Büchern hinterließ, die sich wesentlich mit der Geschichte der älteren griechischen Philosophen beschäftigten. Aber dies erwähnt zu haben, wird vielen genügen.

Einen Exzeß stellt ein fanatisches junges Mädchen dar aus der Zeit, wo die zynische Philosophie Mode wurde. Krates hieß ein Vertreter jener Lehre, die das »immer nur hübsch natürlich sein« predigte und sich den Hund zum Ideal und Vorbild nahm, ein Nachahmer des berühmten Diogenes, der, wie man weiß, als Junggesell in 79 einem Tonfaß Haus hielt. Bedürfnislosigkeit war das Losungswort.

Das junge Ding – sie hieß Hipparchia – lief mit ihrem Bruder ihren Eltern fort, um es dem Krates gleich zu tun. Sie verliebte sich nicht in den Menschen selbst, der ein häßlicher Kerl war, sondern in seine Prinzipien und seine planvoll garstige Lebensweise und wurde so selbst zum weiblichen Rüpel. Glücklicherweise schriftstellerte sie nicht, und nur eine Szene aus ihrem Jugendleben wird uns beschrieben.

Bei einer Trinkgesellschaft am Hof des Königs Lysimachus mischte sie sich in den Männerkreis und traf dort den Philosophen Theodoros, der ihr widerwärtig war; denn er war Hedoniker und vertrat die gegensätzliche Lehre von der Freude und Genußsucht um jeden Preis. Da fragte sie ihn: »Billigst du den Satz: was dem einen recht ist, ist dem andern billig, oder: was du mit Recht tun kannst, kann ich auch mit Recht tun?« Er stimmte zu. »Nun denn: wenn du selbst die Peitsche nimmst und dich geißelst, so geißelst du dich mit Recht; wenn ich dich peitschen möchte, so täte ich es auch mit Recht.« Ob die Sache in Tätlichkeiten überging, steht nicht geschrieben, wohl aber, daß der Mann, den Geschmack der Zyniker nachahmend, statt jeder Antwort, während sie auf der Kline lag, ihr Kleid hochriß, damit die Verehrerin des Natürlichen ihre Natürlichkeit zeige.s. Diog. Laert. VI 7; vgl. Anthol. Pal. VII 413.

Also auch solche Früchte trug damals das Paradies der Frauenemanzipation. Werfen wir dies hinter uns. Es ist erfreulicher, uns zur 80 Sappho, der süßen, der zärtlichen, zu wenden. Denn uns treibt endlich die Sehnsucht nach dem Schönen. Wer in die griechische Vergangenheit greift, möchte überhaupt nur von Schönheit hören. Damit aber wandern wir in hochehrwürdige alte Zeiten zurück, die der Aspasia, der Artemisia und Xanthippe weit voranfliegen.

Das Dichten ist im primitiven Volksleben vielfach Sache der Frauen gewesen. Daher sind bei den Griechen die Musen weibliche Genien und jungfräulich,Vgl. Anthol. Pal. IX 39. die Schützerinnen der dichterischen Phantastik und Ton- und Wortkunst gewesen. Das Land Pïerien nördlich des Olymp nannte man ihre Heimat; das Wort »Muse« aber bedeutet das Erinnern und Ersinnen zugleich.So denkt auch Sappho, wenn sie sagt, die λήϑη ist den Musen verhaßt. Also sind sie in erster Linie Erzählerinnen wie bei Homer, dessen Odyssee mit der Anrede an die Muse beginnt: »Sag' von dem Mann mir, Muse, dem vielgewandten, der so viel Irrsal und Abenteuer nach Trojas Zerstörung erlebt hat.« Aber sie ist da aristokratisch und beschäftigt sich nur mit erlesenem Personal, Helden und Göttern.

Ganz ebenso dachten dann auch namhafte Dichterinnen, die in der Literatur etwas später als Sappho auftraten und Ruhm gewannen wie die Korinna. Auch sie erzählte nur aus der Heldensage, aber sanglich, so daß Chöre in festlichem Anlaß es vortragen konnten.

Schlicht bürgerlich dagegen ist die Muse gesonnen, die der Sappho ihre Lieder gab. Da treten wir ins Privatleben mit seinen Beziehungen von Mensch zu Mensch und hören die schlichtere Herzenssprache.Ich hebe nur dies als das für uns Bedeutsame an Sapphos Leistungen hervor. Nebenher hat auch sie Sagenstoffe in lyrischer Form behandelt. Sie gibt uns Ichpoesie, die 81 vielfach vom Chorgesang absieht und sich gleichsam selbst zum Saitenspiel vorträgt.

Im 6. Jahrhundert v. Chr. haben diese Kunst zwei schöpferische Naturen begründet, beide Inselgriechen, beide auf der Insel Lesbos: ein Mann, Alkäus, ein Weib, Sappho; Lesbos, das schöne, eine kleine Welt für sich, ein Inselreich, das damals noch sein abgesondertes politisches Leben und Kulturleben hatte, wo man auch ein besonderes, dialektisch gefärbtes, äolisches Griechisch sprach. Für die Griechen, die hernach Geschichtsbücher schrieben, lag das fast wie Homer selbst und wie für uns das deutsche Mittelalter in grauer und meilenferner Vergangenheit.

Eine reiche Insel. Sie exportierte den gesuchtesten griechischen Inselwein.Vgl. Strabo S. 808; Athenäus p. 111 F; Anthol. Pal. VII 501; Vergil Georg. II 90 u. a. Die Sage aber erzählte, daß, als der Sänger Orpheus, dessen Zaubersang die wildesten Tiere bezwang, in Thrazien starb, seine Leier übers Meer von den Wellen nach Lesbos getragen wurde. So wurde das Eiland die Heimat der Musik und jedes Wohllauts.

Gleichwohl war es keine Insel der Seligen. Zwar herrschte damals dort Pittakus, der Gesetzgeber; aber er konnte der Friedlosigkeit im Volk nicht wehren. Viel lokaler Zwist und Parteihader bestand; mitteninne stand der stürmische Alkäus, und er sang erregend von Kampf und Seefahrt in kurzen Männerliedern und in neuen Tönen, für die er die Versform selbst ersann. Er war Mann der Tat und machte keine Schule.

Anders Sappho, die Frau, die er neben sich sah, wie sie lehrend wirkte und dichtete. Sie wußte sich trotz allem in tiefen Frieden zu hüllen und 82 sang von Liebe, die eigentliche Schöpferin des Liebesliedes für die Griechen, des Sololiedes mit der schlichten Sprache echter Leidenschaft, das jeder singen konnte, der fühlte wie sie.

Gewiß hat sie sich dabei an das Volkslied angelehnt. Denn selbstverständlich ist, daß sie im Munde des Volkes Gesang schon vorfand, simple Verslein, kurzzeilig und stammelnd. Das Spinnen und jede Handarbeit hatten die Weiber schon immer mit irgendwelchem Singsang begleitet, so wie die Männer ihr rohes Ruderlied hatten, das den Takt des Ruderschlags begleitete. Sappho aber gab dieser Lyrik die gereinigte Kunstform, den Ausbau, die Rundung, den Zauber, der ihr eigen war, und einen Wohllaut durch die liebliche Klangfarbe der Silben, der dem ganzen Altertum vorbildlich erschienen ist. Dafür ersann auch sie, wie Alkäus, die Versformen neu, die eine weiche Rhythmik zeigten süßen Schalles, wie sie der Frauenzunge angemessen,Auf Sappho passen die Worte γλυκοηχής und ϑυλύγλωσσα, die wir Anthol. Pal. IX 26, 7 lesen. und die geeignet waren, die Stimmungen der Sehnsucht und der Lebenswonne zu tragen.

Der Text aber genügte nicht; sie schrieb für den Gesang auch die Musik dazu, wobei sie die Tonart, die mixolydische, aus dem nahen Kleinasien entlehnte. Damals bestand in Kleinasien noch das lydische Reich des Königs Krösus, und so erklärt sich, daß Sappho so oft von Lydien redet. Der lydische Reichtum, die lydischen Streitwagen standen ihr in ihrer Phantasie vor Augen.

Auch der zärtliche Anakreon machte es in seiner Art ebenso. Er suchte es ihr gleichzutun. Aber er lebte erst ein halbes Jahrhundert später.

83 Was wissen wir vom Leben der Dichterin? Wir wissen, daß sie verheiratet war, aber früh Witwe wurde. Ob sie schon bei Lebzeiten des Gatten dichtete, läßt sich nicht erraten. Ich bezweifle es. Eine Tochter Kleïs hatte sie, über die sie sich in Versen zärtlich äußert:s. Nr. 54 der Ausgabe von C. R. Haines »Sappho, The poems and fragments«, London o. J., nach welcher Ausgabe ich auch weiterhin zitiere.

Ein Töchterchen hab' ich. Bin ich nicht reich?
Den goldigsten Blümlein an Schöne gleich.
Heißt Kleïs und ist mein herzliches Ergetzen.
Gar nichts ist mir,
Verglichen mit ihr,
Das lydische Königreich mit allen seinen Schätzen.

Aber auch als sie Witwe geworden war, haben Männer sich irgendwie um sie beworben.s. Haines. Nr. 26. Sie lehnte ab. So trat auch der Dichter Alkäus werbend an sie heran. Wir besitzen seine Anfrage und ihre Antwort. Es war ein sinniges dichterisches Spiel, die Frage und die Antwort, mit denen da die beiden Genies, die der Ruhm der Insel waren, sich begegneten; denn Alkäus machte seinen Antrag in der Versform der Sappho, und sie lehnte ab in der Versform des Alkäus. Dabei redete er sie schmeichelnd an: »Du heilige (oder keusche), veilchenbekränzte,Das Wort ἰόπλοκος stammt von diesen äolichen Dichtern. Es »dunkellockig« zu übersetzen geht nicht an; denn πλέκειν ist »flechten«. Also waren entweder Veilchen ins Haar geflochten, oder es ist »veilchenbekränzt« zu verstehen, da ja der Kranz selbst auch Flechtwerk ist. So trägt auch Atthis in Nr. 7 einen Kranz von Veilchen und Rosen, Alkibiades in Platos »Symposion« p. 212 E einen von Epheu und Veilchen, ähnlich Dionys, Anthol. Pal. IX 524, 10. Auf dem bekannten Vasenbild in München, das Sappho mit Alkäus zeigt (bei Haines S. 48) scheint Sappho wirklich einen Kranz zu tragen. sanft lächelnde Sappho, mich hindert die Scheu, zu dir ein offenes Wort zu sprechen . . .« Das Weitere fehlt leider. Sie erwiderte streng: »Verlangtest du nach dem, was edel und schön, und so, daß in dem, was deine Zunge spricht, sich nichts Arges einmischte, so würdest du das Auge nicht so niederschlagen und etwas sagen, was sich ziemt.«s. Nr. 27.

Auch als sie alt geworden, gab es noch einen 84 Bewerber. Da antwortete sie schlicht und nüchtern: »Bist du uns Freund, so wähle dir ein jüngeres Ehebett; denn ich kann es nicht tragen, dir beizuwohnen, da ich zu alt bin.«Nr. 28. Das Wort »uns« scheint anzudeuten, daß sie auch mit an ihre Tochter denkt; vielleicht aber dachte sie auch an die Hetärie, der sie vorstand. Ich habe das Wort »uns« in den Zitaten öfter durch Sperrdruck hervorgehoben. Von ihrem γῆρας redet Sappho auch in Nr. 31. Jedenfalls legte sie aber, wie der Anfang zeigt, auf die Freundschaft dieses Mannes Wert.

Von ihrem Bruder Charaxos reden ihre Versreste, der mit der Hetäre Rhodopis verkehrte; sie tadelt ihn (Nr. 9. und 10).Eine undeutliche Beziehung zur Familie des Pittakus findet sich in Nr. 38. Von den politischen Händeln, die den Alkäus in Erregung hielten, gelang es ihr sich ganz fern zu halten.Mit diesen Zahlen im Text ist auf dieselbe Ausgabe verwiesen. Sie lebte beruflich dem Gottesdienst und seiner Verherrlichung und den Festfeiern, die es in den Familien gab, und gründete eine Schule für weiblichen Chorgesang, die unter religiösem Schutz stand und sich an die Heiligtümer der Göttinnen Hera und Aphrodite anlehnte. Aphrodite ist hier nicht, wie vielfach anderen Ortes, die vulgäre des Dirnenwesens. In Sapphos Gedichten kommen keine anderen Götter als diese vor nebst Eros und den Musen.Zeus wird nur in der Bezeichnung der Aphrodite als παῖς Διός erwähnt, Nr. 3. Das ist bezeichnend.

Schließlich heißt es, daß sie irgendwann ihre Heimat verließ und nach Sizilien übersiedelte. Sizilien gehörte dem Westgriechentum; im Westen lag aber auch die Insel Leukas, und so wurde nun in der späteren, sentimentalen Dichtung des Hellenismus, in der das Sterben vor Liebe ein Lieblingsmotiv war, Sappho zu einer Romanfigur umgedichtet, die dort ihr Schicksal ereilt. Es handelt sich um Phaon, ursprünglich eine mythisch-mystische Figur und Lichtgeist. Er wurde aufgegriffen und vermenschlicht. Er sollte ihre Liebe verschmäht und sie auf der Insel Leukas 85 im Freitod ihr Ende gefunden haben. Im Westen geht eben das Sonnenlicht unter. Vom leukadischen Felsen sprang sie, so dichtete man, ins Meer. Wir sahen indessen, daß sie ein hohes Alter erreichte. Als Greisin ist sie aus dem Leben gegangen.

Porträtköpfe edelen Stils, auch Münzbilder sind von ihr vorhanden. Sie werden einer viel späteren Zeit verdankt und beruhen also auf Phantasie. Historisch treu ist daran nur die eigentümliche Haube, die sie trägt und die sie in der Nummer 97 unserer Fragmentsammlung selbst erwähnt.

Ist es uns nun möglich, eine Vorstellung von ihrer Kunst zu gewinnen? Die Aufgabe scheint unlösbar. Denn trotz aller Bewunderung, mit der das Altertum von Sappho redet, hat es uns von ihr doch nur ein paar Gedichtstücke, zumeist nur abgerissene Versfetzen überliefert. Gleichwohl sei hier ein Versuch gewagt. Dabei wird indes, was ich gebe, oft die Form der Untersuchung annehmen, und mit Anmut im Hain der Muse zu lustwandeln wird uns nicht gelingen. Übersetzungen, wie ich sie einschalte, können nur verflachend und reizlos auf den wirken, der den Urtext, das Griechisch der Sappho selbst gelesen und ihre Sprache kennt, die Kunst und Natur ist in wunderbarer Verbindung.

Ihr Nachlaß war mannigfaltig und umfangreich. Auch rein erzählende Dichtungen in sangbaren Versen fehlten nicht. Was sie aber berühmt machte,Dies zeigt uns Diskorides Anthol. Pol. VII 407. waren vor allem ihre Hochzeitslieder größeren Umfangs und jene kleinere Gattung der 86 Liebes- und Freundschaftslieder, zumeist in der sapphischen Strophe, für die Brahms die Musik in einem Gesangston gefunden hat, wie wir ihn brauchen.

Zu Sapphos Zeit gab es noch kaum das, was wir ein Buch nennen. Ein Buch gab es nur in Rollenform; aber auch diese Rolle, die Papyrusrolle, kam zu den Griechen aus Ägypten erst kurz vor Lebzeiten dieser Dichterin. Es ist wahrscheinlich, daß sie den Text ihrer Gedichte nur auf Schreibtafeln festgelegt hat, vielleicht auch in Bleiröllchen winzigen Umfangs.Vgl. »Kritik und Hermeneutik« S. 278. Diese wurden von ihr in den Tempeln der genannten beiden Göttinnen niedergelegt. Die Athener, die früh im literarischen Schreib- und Buchwesen die Führung nahmen und auch die homerischen Epen in Papyrusrollenform aufschreiben ließen,Vgl. »Kritik und Hermeneutik« S. 278. sie sind es auch gewesen, durch die Sappho für die weitere Umwelt gleichsam entdeckt und dem allgemeinen Publikum zugeführt wurde.So heißt es denn: Sappho war für die Lyrik, was Homer für die Epik war, Anthol. Pal. VII 14 ff. Ihnen wird man die Rettung ihres Nachlasses durch Kenntnisnahme der Originale, die in Lesbos lagen, zu verdanken haben.Ob hier der zufällige Umstand von Einfluß gewesen ist, daß eine Lieblingsschülerin der Sappho Atthis hieß? Stammte diese aus Athen? Vielleicht wurde hierdurch die Wertschätzung der Athener auf Sappho gelenkt oder gesteigert. Die letzte Sicherung brachten dann die alexandrinischen Philologen, die den Nachlaß auf neun Bücher verteilten, und wir sehen nun, daß Sappho noch lange Zeiten mit Liebe gelesen worden ist. Der Römer Catull übersetzte sie ins Latein; griechische Gelehrte zitieren Stellen aus ihr. Bereichernd sind neuerdings aus Ägypten Papyrusblätter in brüchigem Zustand hinzugekommen, die uns verraten, daß sich Privatleute noch in den Zeiten nach Christi Geburt Abschriften ihrer Gedichte 87 hergestellt haben. Noch um das Jahr 400 n. Chr. hat eine Halbgermanin, die Tochter des Vandalen Stilicho, als Braut die Liebeslieder der Sappho gelesen.Claudian, Epithal. de nuptiis Honorii 233; vgl. d. Index meiner Ausgabe S. 445.

Möge sie denn endlich selbst zu Worte kommen. Was wir haben, sind, wie gesagt, zumeist nur abgerissene Sätze. Nur wenige Gedichte liegen uns vollständig oder annähernd vollständig vor.

Für Hochzeiten, die es auf Lesbos gab, dichtete sie Chorgesänge, die man Hymenäen oder Epithalamien nennt. Eigennamen wurden darin nicht genannt; die Sachen sollten also für jede kommende Gelegenheit passend sein. Gleichwohl schrieb sie davon immer neue.Daß es eine größere Anzahl von Epithalamien war, beweist Dioskorides, der Anthol. Pal. VII 407 die Epithalamien als besondere Gruppe ihres Nachlasses verzeichnet. Unter den Fragmenten der Sappho verweise ich auf Nr. 124 und 125. Sie fand Freude daran, das Glück der Ehe zu preisen, aber so, daß ihr Interesse, wie uns gesagt wird,Dies zeigt Dioskorides Anthol. Pal. VII. den heiratslustigen Jünglingen, also dem Bräutigam und nicht der Braut galt.

Ein Epithalam liegt uns zum Glück in der mehr oder weniger freien Übersetzung vor, die Catull den Römern gab, und es sei verdeutscht hier vorangestellt.

Ein Hochzeitsmahl findet statt. An Tischen verteilt speisen getrennt hier die Jünglinge als Gäste, dort die Mädchen. Das ergibt zwei Chöre. Vielleicht waren es vier Tische der Mädchen, sechs Tische der Jünglinge.Vgl. Athen. p. 644 D; Beckers »Charikles« III2 S. 240. Die Braut wird gleich erscheinen, die man in des Bräutigams Gemach überführen wird. Ein Wettsingen entsteht: die Mädchen beklagen den Verlust der Jungfräulichkeit,Die Braut fürchtet die erste Nacht: Anthol. Pal. VII 240. die Jünglinge fordern das Recht der Ehe. Das Ganze aber ist belebtes Drama: erst 88 Vorbereitung zum Liede, dann das Streitlied selbst, endlich das entscheidende Schlußwort.Die Begründung meiner Auffassung dieses Gedichtes, die in manchen und wesentlichen Punkten von der üblichen abweicht, habe ich im Rhein. Mus. 59 S. 407 ff. ausführlich gegeben und freue mich, davon hier die Nutzanwendung machen zu können, indem ich für alles Einzelne auf jenen Aufsatz zurückverweise. Schon gleich die ersten Worte lauten bei Catull vesper adest. Hier pflegt man vesper für den Abendstern zu nehmen. Diesen aber nennt Catull hernach Hesperus; er unterscheidet also beides deutlich, und es ist mehr als sonderbar, daß man den gemachten Unterschied verwischt. Welches Wort hätte der Dichter denn sonst setzen sollen, wenn er den Abend meinte? Ausführlich habe ich a. a. O. über den Gebrauch von vesper gehandelt. Doch kann ich im Verfolg hier jedes einzelne dort Vorgetragene nicht wiederholen. Die Landschaft, in der die Szene spielt, ist in Catulls Wiedergabe anscheinend nicht in Lesbos selbst gedacht, sondern nach Pïerien, der Heimat der Musen, verlegt oder doch so verschoben, daß man das Gebirge des Olymp und auch den Berg Oeta sieht.Dabei vertreten die beiden himmelstützenden Berge hier zugleich den Himmel selbst; s. Rhein. Mus. 59 S. 410 f.

Ich bemerke noch, daß im Originaltext hinter jeder Strophe die Anrufung des Ehegottes Hymen steht, ob sie dort paßt oder nicht. Ich habe sie weggelassen. Sie lautet:

Hymen, o Hymenäus! O Hymen komm, Hymenäus.

 

Das Epithalam.

Chorführer:
Abend wird's. Steht auf, ihr Jünglinge. Eben erhebt jetzt
Überm Olymp, wie wir hofften, der Abend die Sterne am Himmel.
Zeit ist's, aufzustehn. So verlaßt denn die üppigen Tische.
Gleich schon kommt sie, die Braut, und der Festhymenäus beginnt dann.

Chorführerin:
6. Seht ihr Jungfrau'n dort die Jünglinge? steht denn auch ihr auf.
Über dem Oeta bringt ja der Abend den stürzenden Tau schon.Im v. 7 ist imber der Tau; ebda. S. 412, wo auch das visere im v. 9 erklärt ist.
Ja, so ist's. Schaut nur, wie sie eifrig vom Sitze gesprungen,
Und nicht umsonst. Sie rüsten Gesang. Aufmerken ist nötig.

Chorführer:
11. Nicht so leicht, ihr Genossen, erringt ihr die Palme im Wettstreit.
Seht, wie die Jungfrau'n dort miteinander beraten und sinnen,
Und nicht umsonst. Sie haben bereits, was sie woll'n, im Gedächtnis,
Freilich! weil sie sich müh'n mit völlig gesammeltem Geiste. 89
15. Wir sind zerstreut, sind hier mit dem Geist und dort mit den Ohren.
Drum ist's recht, wenn sie siegen. Der Sieg liebt Fleiß; er verlangt ihn.
Also zum wenigsten jetzt merkt auf mit euren Gedanken;
Denn schon heben sie an, und gleich antworten ist nötig.

        (Die Braut erscheint und der Hymnus beginnt:)

Mädchenchor:
20. Grausamer Abendstern! Welch Licht flammt böser am Himmel?
Der du die Tochter zu reißen vermagst aus den Armen der Mutter,
Ja, aus den Armen der Mutter die sträubende Tochter zu reißen
Und die noch Unberührte dem glühenden Jüngling zu geben.
Ist denn der Feind grausamer, der Feind, wenn er Städte erobert?

Jünglingschor:
26. Freundlicher Abendstern! Welch Licht strahlt schöner am Himmel?
Der du so leuchtend dem Bund der versprochenen Ehe zum Ziel hilfst,
Ihm, den die Väter bestimmt, den die Eltern im voraus beschlossen,
Eher jedoch nicht vollzieh'n, eh' nicht dein Schimmer uns aufging.
30. Glücklich die Stunde! Wie könnten die Götter Erwünschteres geben?Hier sind von mir zwei Strophen, die lückenhaft überliefert und daher schwer verständlich sind, ausgelassen. Ich habe sie folgendermaßen ergänzt und zu berichtigen versucht (Rhein. Mus. 59 S. 417), v. 32 ff.:

Puellae: Hesperus e nobis, aequales, abstulit unam.

32a [Nocte latent fures; furtum tegit Hesperus ille

32b Quo rapit invitam sponsus fulgente puellam.

32c Invitae rapimur; nolentibus insidiantur.

32d Hesperium vitate, optate ardescere Eoum.]

Juvenes: 34 Nocte latent fures, quos idem saepe revertens,

35 Hespere, mutato comprendis nomine Eous.

33 Namque tuo adventu vigilat custodia semper.

36 At libet innuptis ficto te carpere questu,

37 Questu si carpunt, tacito quem mente requirunt.

Dabei habe ich v. 33 hinter v. 35 gestellt, im v. 37 Questu für Quid tum gesetzt. Der Vers 32d ist von mir aus Ciris 352 entnommen. Die Ciris wimmelt ja von Catulliana. Der Ausfall der Verse aber erklärt sich daraus, daß der Schreiber vom Nocte im v. 32a zum Nocte im v. 34 abirrte. Die Dissertation von E. Mangelsdorf »Das lyrische Hochzeitslied bei den Griechen und Römern« (Hamburg 1913, S. 30 ff.) ignoriert, was ich Rhein. Mus. 59 ausgeführt habe.

Mädchenchor:
39. So wie die Blume gesichert erblüht im umhegeten Garten,
Unzugänglich dem Vieh, auch nie gerauft von der Pflugschar –
Lüfte umkosen, die Sonne ernährt sie, es tränkt sie der Nachttau
Und so erfüllt sie die Lüfte beglückend mit schwelgendem Dufthauch;Dieser Vers ist nicht überliefert; ich habe ihn um der Responsion willen eingeschaltet.
Viele der Jünglinge suchen sie dann und viele der Mädchen:
Aber sobald sie geknickt von zierlichen Fingern entblüht ist,
Nimmer dann suchen die Jünglinge sie und nimmer die Mädchen –; 90
45. Also die Jungfrau, wenn sie es bleibt, umhegt von den Ihren.
Wenn sie der Keuschheit Blüte verliert und sich selber dahingibt,Statt des »und sich selber dahingibt« steht drastischer im Text: »mit geschändetem Leibe«.
Reizt sie nicht Jünglinge mehr, und auch die Mädchen verschmäh'n sie.

Jünglingschor:
49. So wie die Rebe, die hilflos im saatlosen Acker gepflanzt wird,
Nie aufranken sich kann, nie liebliche Trauben emportreibt,
Sondern, so zart sie ist, da die eigene Last sie herabdrückt,
Niedrig alsbald die Wurzel berührt mit den obersten Ranken –
Weder der Landmann hält bei ihr Rast dann, noch auch die Herde;Zu diesem Vers 53 und der überlieferten Lesung accoluere s. Rhein. Mus. 59 S. 419 f. Dies betrifft auch den Vers 55.
Wird sie indeß als Gattin verknüpft und vermählt mit dem Ulmbaum,
55. Dann oft rasten im Schatten bei ihr der Landmann, die Herden –;s. hierzu und zur Erwähnung des Schattens die vorige Anmerkung.
Also die Jungfrau, wenn sie es bleibt, wird alt und vergessen.
Aber gelangt sie bei Jugendreife zum richtigen Ehbund,
Ist sie dem Gatten ein Schatz und zugleich den Eltern zur Last nicht.

Schlußwort desselben Chors:
60. Geh' nun und hadere nichtIch lese hier I nunc nec pugna statt des überlieferten Et nunc nec pugna. Das nec ist beizubehalten; s. Rhein. Mus. 59 S. 421. mit so trefflichem Gatten, o Jungfrau!
Hadern mit dem ist nicht recht, dem dich dein Vater gegeben,
Vater und Mutter zugleich. Die Pflicht ist's, beiden gehorchen.
Dein ist nicht ganz dein Jungfrauntum; auch den Eltern gehört es;
Erstlich ein Drittel dem Vater, ein anderes Drittel der Mutter,
63. Und nur ein Drittel ist dein. Drum streite nicht wider die beiden,
Die an den Eidam dich selbst hingaben, zugleich mit der Mitgift.

 

Es fällt auf und ist charakteristisch, daß das 91 Wort Liebe im Hochzeitslied ganz fehlt; es fehlt auch der Gott Eros. Der Ehegott Hymen tritt an seine Stelle. Daher auch die scheinbar' so prosaisch nüchterne Erwähnung der Mitgift am Schluß. Sie war im Ehekontrakt, den die beiderseitigen Eltern schlossen, fast so wichtig wie die Braut selbst. Hymen ist also der Gott der Ehe; Eros gilt als der Gott der freien Liebe, die zu den Hetären führt und unter dessen Schutz auch die Knabenliebe der Griechen stand.Daher denkt Diotima in Platos »Symposion« p. 211 D nicht daran, das Wirken des Eros mit der ehelichen Liebe zu erläutern, sondern redet nur von der Knabenliebe, da sie die Hetären nicht erwähnen mag.

Auf zweierlei sei noch hingewiesen, daß der Sappho in solchen Anlässen auch ein Chor von Männern zur Verfügung stand; sodann aber, daß sie nicht nur die Ehe hochschätzt, sondern dabei zugleich die Superiorität des Mannes betont und anerkennt.Vgl. Rhein. Mus. 59 S. 413 und 415. Denn im Wettgesang siegen die Jünglinge, und sie stehen auch als die Begabteren da; denn die Mädchen müssen über ihre Gesangleistung sorglich nachsinnen und sich vorbereiten mit Fleiß; die Jünglinge sind genialer; sie sind zerstreut und ohne Fleiß und finden doch Worte, die den Sieg verbürgen.

Daß wir in diesem schönen und für uns so wertvollen Gedicht die echte Sappho vor uns haben, steht für mich außer Zweifel. Kein Anzeichen weist auf Römisches, das etwa Catull hineingetragen hätte. Schön ist hier und volkstümlich zugleich die Vergleichung des Mädchens mit der Blume, die gepflückt werden soll, und mit der Rebe, die in der Ehe am Ulmenbaum sich hochrankt. Dies ist so echt wie möglich; denn genau dieselbe Art des Vergleiches finden wir auch in erhaltenen griechischen Resten ihrer 92 Epithalamien, wo wir lesen: »So wie der süße Apfel auf hohem Zweig, hoch auf dem höchsten, sich rötet – die Apfelpflücker können ihn nicht finden; sie können ihn endlich doch finden, aber können ihn nicht erreichen –, (ihm gleichtSo muß das Gleichnis fortgesetzt worden sein. das Mädchen, das im vornehmen Hause verborgen heranwuchs. Der Bewerber sieht sie nicht; er sieht sie endlich doch, aber er kann ihr kein Wort sagen).« Echt ist aber auch das Gleichnis von der Rebe, die sich zur Stützung dem Baum vermählt. Nur so hoch gerankt ist sie beliebt und kann Schatten geben, wie auch die Maid, die Frau geworden ist, für viele sorgt.Zur Echtheitsfrage sei noch mancherlei hinzugefügt. In den Pflanzungen, wo man Weinbau für den Handel betrieb und steigerte, wurde die Rebe bei den Griechen, wie noch heute, niedrig gehalten, der Hochwuchs verhindert. Daher redet weder Xenoph. Oekon. 19, 12 noch Theophrast De causis plant. III 11 ff. vom hochgewachsenen Wein. Die Reben, die ἐπιδενδράδες hießen, waren Wildwuchs, aber auch sie trugen natürlich Trauben, und unter ihnen konnten also das Vieh und der Landmann, wie es im Epithalam heißt, Schatten finden. So werden sie Anthol. Pal. VII 193 vorausgesetzt. Im Ölbaum ranken sie (ib. IX 130 und 668 v. 9), in den Platanen (ib. 220; 231; 247),in Myrten, Lorbeer und Zypressen (ib. 437). Der Gott Pan hütet sie und ihre roten Trauben (ib. 249). Man wandelt unter ihnen (Athen. p. 685 A). Nach den Trauben wird mit Steinen geworfen (Anthol. Pal. IX 74). Ein Vogel sitzt im Weinlaub (ib. 87). So wird auch im Psalm 79 v. 11 das Judenvolk mit den ἀναδενδράδες verglichen, die auf den Zedern ranken. Vielleicht hat Catull den Ulmbaum seinerseits eingesetzt, wo Sappho vielleicht die Platane nannte, wobei es ihm gleichgültig war, daß in dieser Ehe die Ulme so weiblich wie die Rebe ist. Bei den Griechen wird die Ulme in Verbindung mit der Rebe m. W. nur im Scholion zu Theokrit 7, 65 erwähnt, wo zu οἴνος Πτελεάτικος unter anderem angemerkt wird: ἢ τὸν ἐξ ἀναδενδράδων (sc. οἴνον), παρόσον ταῖς παρακειμέναις πτελέαις ἀναπλέκονται. Übrigens sollte es, wie es da heißt, auf Kos eine Stadt Πτελέα gegeben haben, was zu beanstanden mir nicht nötig scheint; denn das Adjektiv Πτελεατικός, das Theokrit gibt, ist korrekt gebildet. Wie von Ἀσία und Ἀσιάτης Ἀσιατικός, ergab Πτελέα ein Πτελεάτης und Πτελεατικός.

Keine Berechtigung hat sodann die Behauptung, der Vergleich der besprochenen Umrankung mit der Ehe sei erst alexandrinisch, wofür man geltend macht, daß gewisse Bäume in der alexandrinischen Dichtkunst als Liebende erscheinen (Rothstein zu Properz I 18, 19 und danach Kroll). Dies beruht auf Begriffsverwirrung; denn das Epithalam redet eben nicht von Liebe, sondern nur von Ehe. Daß diese im Epithalam mit Verliebtheit nichts zu tun hat und nur durch Kontrakt und äußeren Einfluß zustande kommt, zeigte ich schon. Sie ist nur ein ζεῦγος, Zusammenjochung. Warum soll Sappho die Verbindung der Bäume nicht als ein συζεύγυμα, das sich von selbst ergibt, betrachtet haben? Ein solches besteht zwischen Gatten und Gattin wie bei den ἀναδενδράδες. Um das zu sehen, braucht man kein Alexandriner zu sein.

Daß ferner der Anruf Hymen o Hymenaee wirklich der Sappho gehörte, zeigt Anthol. Pal. VII 407.

Man hat aber auch gemeint, die Form des Wettgesangs, den das Gedicht durchführt, sei von den Bukolikern, also etwa von Theokrit beeinflußt. Da ist doch aber auf einen wesentlichen Unterschied hinzuweisen. Denn bei Theokrit und Vergil folgt auf das Wettsingen immer am Schluß wie geschäftsmäßig die Entscheidung über den Sieg oder die Preisverteilung. Davon weiß unser Sapphogedicht noch nichts; nach der Erwähnung der Palme im v. 12 kann man dies geradezu vermissen. Aber auf die Hauptsache dringend ist Sappho und mit ihr Catull genial darüber hinweggegangen. Es verrät sich darin ein früheres naiveres Verfahren.

Sodann haben die starken Wortwiederholungen bei Catull, die wie Stichworte wirken, Bedenken erregt. Auch darin glaubt man den Einfluß der Bukoliker zu spüren. Wer aber will beweisen, daß dies Sappho nicht ebenso zu bringen verstand? Jedenfalls ist, wie oben S. 91 f. nachgewiesen, echt sapphisch in dieser Dichtung der Aufbau der Gleichnisse mit den breit eingebauten Paranthesen, wie Catull sie v. 39 ff. und v. 49 ff. gibt. Die Reste der sonstigen Epithalamien der Dichterin aber sind zu verschwindend dürftig, um auch das, worum es sich jetzt hier handelt, als sapphisch zu erweisen. Eine Epanophora finden wir dort in den Worten an den Hypnos (Nr. 229): φέρεις ὄιν, φέρεις αἶγα, φέρεις δ᾽ ἄπυ μάτερι παῖδα. Ganz wohl aber läßt sich in Nr. 133 die pointierte Wiederholung des ἄκρον und des λανϑάνειν zum Vergleich heranziehen: ἐρεύϑεται ἄκρῳ ἐπ᾽ ὔσδῳ, ἄκρον ἐπ᾽ ἀκροτάτῳ· λελάϑοντο δὲ μαλοδρόπηες· οὐ μὰν ἐκλελάϑοντο. Der Stil der Bukoliker war, wie schon dies verrät, ohne Frage älter als sie selber. Schreibt doch sogar Xenoph., Oekon. 10, 3, als ließe er einen Hirten sprechen: βουσὶ δὲ βοῦς ἥδιστον, προβάτοις δὲ πρόβατον· οὕτω καὶ ἄνϑρωποι κτλ., welche Worte sogar daktylisch einsetzen.

Beweisend aber scheint mir endlich noch das Metrische. Catull folgt sonst im Bau der Versschlüsse des Hexameters den Alexandrinern, besonders wo diese Dichter deutlich sein Vorbild sind wie in Nr. 64, 66 und 68 B. Gemeint ist der häufige Spondeus im 5. Fuß. Im Epithalam dagegen fehlen solche Verse bei ihm auffallenderweise ganz. Dies Gedicht zeigt hierin eine wesenlich andere, eine voralexandrinische Behandlung des Verses. Das kann bei einem solchen Dichter und bewußten Versbildner nicht Zufall sein und läßt sich nur aus der abweichenden Beschaffenheit seiner Vorlage erklären, die somit selbst voralexandrinisch war.

Soweit das Hochzeitslied. Ein frischer lebenbejahender, ja, wonniger Ton herrscht da, und wir wünschten, eine Sappho könnte unsern Hochzeitern auch heute noch ähnliches geben. Trauergesänge bei Bestattungen zu dichten hat sie dagegen ausdrücklich abgelehnt.s. Nr. 61. Die Grabinschriften, Nr. 164 und 165, die unter Sapphos Namen gehen, sind also auffällig und wohl zu beanstanden.

Die liebe, gütige Frau, ganz persönlich tritt sie uns nun in den Liedern, in denen sie selbst vor uns ihr Herz öffnet, entgegen. Sie öffnet es impulsiv in Freimut und schöner Regung ihren Nebenmenschen, den Mädchen nicht nur, auch den Männern, in zarten und in heißen Empfindungen, in Naturfreude, in sinniger Betrachtung und auch in schalkhaften Wendungen. Es ist ihr Umgang mit Menschen und mit der Natur, den wir jetzt belauschen. Eigennamen werden von ihr oft genannt, und es sind nie Decknamen. Sappho gab den Angeredeten die Lieder in die Hand wie Briefe oder Billets intimen Inhalts. Die Niederschriften aber wurden sorglich aufgehoben.

93 Da sind zunächst die Schülerinnen, die jungen Wesen, die sie zu Gesang und Tanz erzieht. Sie nennt sie Kameradinnen, und ihnen zum Genuß will sie singen;Kameradinnen, d. i. »Hetären«, Nr. 34. Das Zusammenleben mit ihnen war also eine Hetärie (vgl. oben S. 47). Übrigens wurden die jungen Mädchen auch in dem Epithalam, das Catull uns gab, v. 6, anscheinend ebenso bezeichnet; denn was da der Codex Thuaneus bietet, scheint die Lesung vorauszusetzen: cernitis innuptae iuvenes; consurgite hetaerae (s. Rhein. Mus. 59, S. 413). dabei versichert sie: »Euch bleibt mein Sinn immer treu« (Nr. 33). Eine, die neu sich einstellt, heißt sie willkommen: »Sei uns gegrüßt« (Nr. 45). Und wir sehen nun, wie es da hergeht. Sie tanzen um den Altar auf blumigem Rasen (Nr. 86), auch bei Mondschein (Nr. 76). Die Jüngeren winden Girlanden (Nr. 78). Da ist eine, die lernt gut, wie Sappho feststellt (Nr. 23), und so fanden sich einige, die, durch Anmut ausgezeichnet, vor allen anderen ihr Herz gewannen.

Was sie bekümmert, ist der Abschied von ihnen, bald der einen, bald der anderen, und da hören wir rührende Worte. Denn die Schülerinnen wechselten natürlich annähernd jedes Jahr, wie jeder Lehrer, jede Lehrerin es auch heut erlebt. Die Mädchen heirateten,Daher fragt Sappho in Nr. 36 die Schülerin: »liebst du unter den Menschen (nicht Frauen) einen mehr als mich?« oder sie verreisen und kehren nach Haus zu ihren Eltern; denn sie stammen oft von auswärts. Die Meisterin bleibt allein und sieht sie scheiden. »Die leichtfüßige Hero, die so gut im Reigen tanzte, habe ich nun zu Ende unterrichtet« (Nr. 20), und sie ruft trübe: »Ihr vergeßt mich!« (Nr. 35).

Da ist die junge Atthis; die redet sie an: »Ich liebte dich schon vor langer Zeit, als du noch klein warst und die Anmut, die dein eigen, noch nicht hattest« (Nr. 18). Aber Atthis wird ungetreu: »Deine Gedanken sind mir jetzt feind, und du flatterst zur Andromeda« (Nr. 19). War diese Andromeda eine Konkurrentin und auch sie 94 Lehrerin gleicher Art? Dann kommt die Trennung, und wir lesen das Zwiegespräch (Nr. 7): »Ich möchte sterben vor Betrübnis. Atthis aber weinte beim Abschied und sprach: »Wie Schweres leiden wir, o Sappho! Aber ich gehe wider Willen.« Ich aber antwortete: »Sei glücklich und gedenke mein. Du weißt, wie ich dir sorgend nachgegangen. Weißt du es nicht, so will ich daran erinnern, wie Schönes und Liebes wir erlebt haben, wie du bekränzt mit Veilchen und Rosen, den vergänglichen, bei mir saßest, um den zarten Nacken ein Gewinde von wonnigen Blumen, das wir gefertigt,Diese Mode der jungen Frauen, Kränze und Bänder um Arme und Brust zu tragen, sieht man auch auf Bildwerken; vgl. R. E. VIII S. 1348. und mit Myrtenduftwerk hattest du dein Haupt durchduftet, und weich war das Kissen (darauf wir saßen).«

An den frommen Festtagen schmückten die Mädchen sich so mit Blumen. Es war Sommer, und sie werden so im Freien und nicht etwa im Hause beisammen gesessen haben.

Auch noch eine zweite ist da, die Gorgyla, aus Kolophon gebürtig, deren langes Gewand sie bewundert (Nr. 5). Das Mädchen zeigt sich ablehnend; da ruft Sappho Aphrodite selbst zur Hilfe, und die Göttin erscheint ihr wirklichSie erscheint ihr im Traum; vgl. Nr. 94. und spricht (Nr. 3): »Liebt sie dich jetzt noch nicht, so soll sie dich doch lieben, auch wenn sie nicht will.« Der Schulbetrieb lehnte sich, wie gesagt, an den Aphroditekult an; daher muß diese Göttin für die Freundschaft (φιλότης) ihre Hilfe gewähren.Vgl. auch Nr. 7: »auch ich habe einst Aphrodite verachtet und gescholten«. Von Eros ist hier natürlich nicht die Rede.

Gorgyla ist endlich fern und nach Sardes, der Stadt der Lyder, abgereist. Da versenkt sich die 95 Dichterin in die Gefühle des Mädchens (Nr. 6): »Sie freute sich früher an unseren Gesängen. Nun sehnt sie sich zurück dort unter den lydischen Frauen. In die Nacht horcht sie hinaus, wenn der Mond nach Sonnenuntergang, der strahlenfingrige,Hier steht ῥοδοδάκτυλος. Schon diese Stelle zeigt, was ich im »Kulturleben der Griechen und Römer« S. 442 Anm. 31 ausgeführt habe, daß dies homerische Wort nicht »rosenfingerig« bedeutet. Denn der Mond ist nicht rosig. alle Sterne überstrahlt und seinen Schein auf das ferne Meer und auf unsere blumigen Gefilde wirft und der Tau hier auf unsere Rosen fällt und auf die Anthryskumblüten und den Honigklee. Umherwandelnd denkt sie dann oft sehnsüchtig an unsere Atthis zurück und verzehrt ihr Herz, das ihr schwer ist, und ruft nach uns. Aber die Nacht läßt es uns aus so weiter Ferne nicht hören.« Zum Verständnis muß man sich gegenwärtig halten, daß Gorgyla von Lydien her nach Westen blickt, wo sie den Sonnenuntergang wahrnimmt und wo für sie das Mittelmeer und die Insel Lesbos liegen.

In Hinblick auf diese und ähnliche Verse, auf diese Gefühlshingabe an die Mädchen, die Sappho im Chor singen und tanzen und sich festlich schmücken lehrte, haben ihr nun die späteren Spottdichter Athens das Laster der sogenannten lesbischen Liebe angedichtet, des erotischen Verkehrs von Weib zu Weib, der übrigens den Lesbierinnen gar nicht speziell eigentümlich, sondern natürlich überall anzutreffen war.Es genügt auf Physiognomonika II S. 114 zu verweisen, wo mit Beziehung auf Aristoteles allgemein gelehrt wird mulieres coïre cum mulieribus, quarum species est muliebris, masculis autem magis deditas, quae magis ad virilem speciem respondent quae ἀρρενικαί dicuntur. Eine ungeheuerliche Vorstellung, schon gesellschaftlich undenkbar; denn viele unter den Schülerinnen hätten solches Treiben der Lehrerin beobachtet; an Skandal und Schandreden hätte es schon damals unter ihnen nicht fehlen können, und Sapphos Stellung wäre unhaltbar gewesen. Oder 96 wird man sich dazu versteigen, das Ganze sich als Mädchenbordell für Frauenbenutzung unter dem Schutz der Aphrodite vorzustellen? Es verlohnt gar nicht, davon zu reden. Alkäus nannte Sappho die heilige oder keusche (ἁγνά), und schon das genügt. In sämtlichen Versen, die uns vorliegen, spüren wir obendrein den frauenhaft edelen und reinen Ton. Daß solche Frau auch einmal zum Tode betrübt ist beim Abschied (Nr. 7), wen kann das wundern, zumal bei einer Südländerin? Nirgends ist ja auch vom UmarmenIn Nr. 48 gehört das Wort περιπτύξωμα dem Julian und nicht der Sappho. oder gar vom Kuß, nirgends auch nur von körperlicher Berührung ein Wort zu finden. Das höchste ist, daß Sappho neben ihrer Schülerin sitzt und sich an ihr freut, die sich mit Blumen geschmückt hat. Nur von Freundschaft, vom Liebhaben (φιλότης), nicht vom Eros ist hier je die Rede. Wir brauchen keine Rettungen der Sappho mehr.

Aber ihr Herz hatte noch Raum für vieles andere, und ihr Leben ging nicht auf im Schulbetrieb. Kinderlieb war sie und nimmt Anlaß, das zu erwähnen. Von der Freude an Kindern zu reden ist sonst etwas so Seltenes in der griechischen Literatur der älteren Zeit.Kinderliebe bei Sappho, s. Nr. 157. Im übrigen sei auf »Aus dem Leben der Antike« 4. Aufl. S. 139 f. verwiesen. Aber sie hatte auch noch Blick für die Männer und die Männer für sie. An Gastgelagen nahm sie teil, wo offenbar Reichtum herrschte: »Heut,« ruft sie da, »soll uns Aphrodite selbst den Wein kredenzen, der aus vergoldeten Bechern getrunken wird« (Nr. 89). Sanft lächelnd fand sie Alkäus und jugendlich, einen Veilchenkranz im Haar. Kein Wunder, daß man die Witwe, wie wir sahen, 97 wiederholt zur Ehe begehrt hat. Aber sie zog nicht nur die Blicke auf sich; auch sie gab acht auf das andere Geschlecht, und da urteilt sie: »Der Mann, der schön ist, ist eben schön; wenn er gut ist, so ist er schon dadurch schön« (Nr. 63). Sie fordert aber auch unverlegen: »Steh da und laß mich sehen, wie schön du bist« (Nr. 26). Sie klagt: »Der Freund hat mich verlassen« (Nr. 11), und wir hören den Seufzer der Ratlosen, wo sie zu wählen hat (Nr. 43):

Ich weiß nicht wohin.
Auf zweierlei steht mein Sinn.

Ausführlicher lautet eine Begrüßung (Nr. 45): »Es ist gut, daß du kamst. Ich verlangte schon nach dir. Mein Sinn brannte schon vor Sehnsucht. Sei uns willkommen für immer und nicht nur für so viel Jahre, als du uns fern warst.« Wüßten wir nur, an wen diese Verse sich richteten.Die Worte richteten sich gewiß nicht an eine Schülerin; denn diese blieben nicht für immer. Ist also ein Freund oder etwa ihr Bruder gemeint? Noch sei Nr. 41 zitiert, wo Z. 11 ein Freund angeredet ist; dabei redet dieses Gedicht von der Musik, die alle Sorgen beschwichtigt.

Aber ihre Seele stand für jede Schönheit offen und gab sich auch an die Natur und ihren Zauber mit lieblichen Worten hin. Der Morgen naht; so sieht sie das Morgenrot, es ist »die goldbeschuhte Eos«. Oder es ist Nacht; da dichtet sie (Nr. 75):

Alle Sterne rings, in das tiefste Dunkel
Sinkt ihr Glanz dahin, wenn der Mond, der schöne,
Kam und vollaufstrahlend sein Goldlicht gießt auf Himmel und Erde.Am Schluß der Strophe ist etwa γᾶν καὶ Ὄλυμπον zu ergänzen.

Im Baumgarten aber träumt sie (Nr. 72):

Kühl rauschen rings die Quell'n, wo in den Zweigen
Die Früchte sich der Apfelbäume neigen,
Und aus dem sanftbewegten Laub der Wipfel fließt
Der Schlummer nieder, der mir sanft das Auge schließt!

98 Tauben gab es wie heute bei allen Tempeln oder Gotteshäusern. Da trauert sie (Nr.79):

Meine Tauben lassen die Flügel hängen.
Sind sie tot? Ist ihnen das Herz erfroren?

Aber auch zu klugen Sätzen der Lebenserfahrung sammelt sich die weise Dichterin, und auch da herrscht ein heller Optimismus. Zunächst die sittliche Haltung: »Sinnenlust und Sonnenfreude sind wohl vereinbar mit der Tugend« (Nr. 41), und dasselbe nochmals (Nr. 66):

Kein Reichtum wird ohne Tugend allein
Treu uns ein Hausgenosse sein.
Wo beide vereint und ohne Streit,
Da ist wirklich Glückseligkeit.

Vom Tod redet sie fast mit Humor: »Er ist ein Übel. Wäre er etwas Schönes, da würden doch auch die Götter sterben« (Nr. 64). Wie weise ferner der Rat: »Im Zorn hüte deine Zunge« (Nr. 65)! Aber auch auf äußerlich gute Lebensart hält sie und verspottet ein bäurisches Mädchen, das, bei Tisch liegend, ihr Kleid nicht über die Füße zu legen versteht (Nr. 15), und für eine Person, die die Kunst nicht schätzt, hat sie die Worte (Nr. 24): »Die pïerischen RosenÜber Pïerien s. oben S. 88. erblühen dir nicht, und vergessen gehst du zum Hades.«

Alles dies macht uns das Bild der seltenen Frau lebendig. Ist dies nun aber schon alles? O nein. Was mir das Bewundernswerteste scheint, das soll noch folgen. Ein rechter Dichter muß sich auch als wahrer Herzenskünder in die Seelen anderer versetzen können. So weiß auch Sappho dem Seelenleben ihrer Mitmenschen, ob Männer, 99 ob Frauen, Worte zu verleihen, und auch da weiß sie tief zu greifen. Ein Beispiel dafür war uns schon das Lied von der Gorgyla, die sich aus dem fernen lydischen Land nach Lesbos zurücksehnt. Ein Volkslied glauben wir zu hören – so naiv ist der Ton –, wo es sich um ein anderes Mädchen handelt. Das Mädchen spricht (Nr. 53):

O süße Mutter, ich kann nicht mehr drinnen
Weben und weben, spinnen und spinnen.
Ich habe Sehnsucht nach dem Knaben,
Sehnsucht hab' ich, den Liebsten zu haben.
Die hat entfacht
Der Aphrodite heilige, zärtliche Macht.Um ein deutsches Gedicht herzustellen, habe ich den sehr prägnanten, vierzeiligen Text der Sappho etwas erweitern müssen.

Ein anderes aber läßt sie so sprechen; es ist nur ein Seufzer der Einsamen, ganz schlicht und stimmungsvoll:

Die Stunde ist gekommen,
Sterne und Mond verglommen.
Mitternacht hüllt mich ein.
Ich aber schlummre allein.Zu dieser Nr. 71 vgl. »Von Homer bis Sokr.« S. 107. Sie ist zwar nicht unter Sapphos Namen überliefert; aber man hat ihr die vielbewunderten Verse mit großer Wahrscheinlichkeit zugeschrieben. Daß Sappho sich darin aber selbst sprechend einführt, ist nach allem, was wir über sie festgestellt, undenkbar. Vielleicht ist dies nur ein Fragment, und die Person war irgendwie einleitend eingeführt, die redend gedacht ist.

Das ist Klassizität, Vollkommenheit im kleinen.

Ganz ebenso dichtete sie nun aber auch Lieder für Männer; sie dichtete aus der Seele der liebenden Jünglinge heraus. Dies sagt uns ausdrücklich ein antiker Zeuge, dem ihr ganzer Nachlaß noch hat vorliegen können; es ist der hellenistische Dichter Dioskorides.Anthol. Pal. VII 407. Da heißt es: »O Sappho, du warst den liebenden Jünglingen (mit deinen Liedern) eine Stütze und hast außerdem Hymenäen für die Verlobten geschaffen« usf. Es ist bemerkenswert, daß die an die Schülerinnen gerichteten Gedichte der Sappho von ihm gar nicht mit erwähnt werden. Dioskorides als Mann 100 interessierte sich nicht für sie. Dagegen weiß er, daß sie das sang, was das Männerherz braucht, stellt dies voran und unterscheidet es bestimmt von den Hochzeitsgesängen. Dies ist hiermit klargestellt, und es dient uns zum Verständnis anderer Bruchstücke, die zu erwähnen uns noch übrig ist.

So ermahnt sie einen Ungenannten, der kriegerisch gesonnen ist, einem Mädchen, der Anaktoria, nachzugehen: »Die einen halten den Krieg zu Roß oder zu Fuß für das Schönste, die andern die Seefahrt, ich aber das, in was man verliebt ist. So raubte Paris einst die Helena, worüber Troja zugrunde ging. So gedenke du denn an Anaktoria, die fern ist. Ich wenigstens möchte sie lieber sehen als die Streitwagen der Lyder und ihr Fußvolk in Waffen.«Nr. 8. Ich habe dies Stück erheblich verkürzt wiedergegeben.

Ein Liebender selbst aber spricht: »Wie ein Knabe zur Mutter bin ich zu dir auf Flügeln gekommen.«Nr. 52. Man vgl. dazu Plautus Trin. 651: »ich liebe dich noch mehr, als ich meine Mutter liebe«.

Ebenso, wenn wir den Wunsch hören, »möge die Nacht sich verdoppeln« (Nr. 50). Der da das Wort führt, möchte es halten wie Jupiter mit der Alkmene.

Aber auch vom Eros die brünstig leidenschaftlichen Worte gehören hierher: »Wieder löst mir Eros die Glieder, das unbezwingliche, bittersüße, schlangenhafte Getier.Eros wird als Schlange gedacht; daher steht hier bei Sappho frg. 46 ὄρπετον, d. h. Reptil. So heißt Amor im Epigramm bei Apulejus, Met. 4, 33 v. 4 das vipereum malum. Dies ist von R. Reitzenstein in seiner Schrift »Das Märchen von Amor und Psyche« vollständig mißdeutet worden; vgl. »Kritik und Hermeneutik« S. 205 f. und »Alexander der Große«³ S. 492 Anm. 64. Er erschüttert meinen Sinn wie der Sturmwind, der in die Eichen fährt« (Nr. 46 u. 47). Daß auch dies ein Mann spricht, beweisen die entsprechenden Verse des Dichters Ibykus, die ganz dasselbe bringen: »Der Eros läßt mir nicht Ruh'; mit Blitzen wie Ungewitter kommt er über mich, springt an mit dem flammenden 101 Rasen der Sturmnacht, schüttert mit Macht mir der Seele Tiefen bis ins innerste Mark.«Vgl. »Von Homer bis Sokr.« S. 106. Einer lyrischen Erzählung der Sappho gehört es an, was wir Nr. 100 lesen: »Eros, der Gott selbst, kam in purpurner Chlamys«.

Und so ist es schließlich auch ein Mann, der zum Mädchen redet in dem berühmtesten Liede, das hier den Abschluß bilde, der vielbewunderten pathologischen Studie, die auf alle Fälle für das Seelenleben von Frauen befremdlich ist; es ist das Lied, in dem Sappho den Zustand dessen schildert, der in Liebe entbrennt. Es lautet (Nr. 4):

Wahrlich gleich zu achten den Göttern droben
Ist der Mann, so sag' ich, der gegenüber
Nah' dir sitzen darf und so zuhört deinem süßen Gespräche,

Auch dein Lachen hört, das die Sehnsucht weckt, das
Mir das Herz erschütternd bewegt im Busen.
Denn da ich dich schaue, versagt mir jählings völlig die Stimme,

Und starr wird die Zunge mir gleich. Ein Glühen
Fährt mir durch das Blut wie geheimes Feuer.
Meine Augen werden mir blind; wie wirbelnd rauscht mir's im Ohre.

Kalter Schweiß rinnt über mich hin. Ein Zittern
Jagt mich auf. Farbloser als welkes Gras schon
Bin ich wie gestorben, und bar von Sinnen schein' ich mir selber.

Aber alles gilt es zu wagen . . .

Hier bricht das Lied ab. Es ist unvollständig erhalten. Hat man wirklich glauben können, Sappho selbst führe hier das Wort, und es handle sich um die Liebe des Weibes zum Weibe? Aber der sehr männliche Catull hat ja das Gedicht übersetzt und diese Erregungen mit Sapphos Worten als die seinen geschildert.Catull c. 51. Den Zustand, 102 der hier vorgeführt wird, bezog Catull, der verliebte, auf sich selber. Er glaubte oder wußte, daß hier ein Mann spräche. Daß man sich so den Zustand verliebter Männer dachte, beweist auch der ärztliche Bericht über den liebeskranken Antiochus, den Sohn des Königs Seleukus; denn da werden uns ganz dieselben Symptome aufgezählt: Verwirrung, Stocken der Stimme, fahle Blässe und Angstschweiß bis zur Ohnmacht.Plutarch Demetr. 38. Übrigens findet man dieselben Symptome auch noch bei Properz I 5, 14 f. und bei Horaz carm. I 13, 5 f., und sie betreffen auch da verliebte Männer. Die Sache ist somit klar, und das Schlußwort des Gedichtes: »aber alles gilt es zu wagen«ἀλλὰ πᾶν τόλματον. beweist dasselbe. Denn was hätte Sappho, wäre sie in eine Schülerin so verliebt gewesen, viel zu wagen gehabt? Vielmehr redet hier ein Jüngling, der das Mädchen kennt, aber in ihr Haus nicht dringen kann und der den beneidet, dem auch nur neben ihr zu sitzen und dabei ihr Plaudern und Lachen zu hören vergönnt ist; er fühlt, daß er schließlich alles wagen muß.Mit diesem Gedicht ist auch Nr. 40 zu vergleichen.

In Hinblick auf dies Gedicht und ihm ähnliche pries somit Dioskorides die Sappho im Namen der liebenden Jünglinge, und daher hat also auch Horaz unsere Dichterin die mascula Sappho genannt.Das mascula Sappho steht bei Horaz Epistl. I 19, 28. So überträgt Horaz denn auch, was Sappho in Nr. 42 gibt, auf seine männlichen Gefühle, Ode I 26, 1. Er wußte so gut wie jener von diesen Dichtungen, die sie bei den Männern beliebt machten. Es schien wohl ein Mirakel, war im Grunde aber nichts anderes, als was uns Chamisso gegeben, der als Mann von Frauenlieb' und Leben sang; und ein Schumann – nicht Schumanns Frau – hat für dies Frauenleben die Tonsprache gefunden.

Hiermit verstummt Sappho für uns. Ihr lauterer Ruhm währte im Altertum durch ein 103 Jahrtausend.s. oben S. 86 f. Möchte das, was ich hier gegeben habe, auch uns noch helfen, dies zu begreifen. Sie selbst ist sich des Wertes ihrer Kunst voll bewußt gewesen. »Ich habe teil,« sagt sie, »an den veilchenbekränzten Pïeriden. Möchte mein Ruhm den Himmel berühren. Den Musen verhaßt ist die Vergessenheit.«Nr. 57–60. 104

 

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