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Frauen der Antike

Theodor Birt: Frauen der Antike - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleFrauen der Antike
authorTheodor Birt
year1932
firstpub1932
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleFrauen der Antike
pages299
created20120422
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Cornelia und Fulvia

Eben dies aber führt uns zu einer berühmten Figur der römischen Geschichte, zur Mutter der Gracchen weiter; denn diese Frau gehörte demselben 2. Jahrhundert v. Chr. an, das uns jene Sittenbilder gegeben hat: auch sie alter Typus. Durch ihren Vater, ihre Söhne stand sie den politischen Dingen nahe, sie mochte wollen oder nicht. Sehen wir, wie zurückhaltend sie sich trotzdem verhalten hat.

Schon als junges Mädchen stand sie groß da in der Frauenwelt der Stadt als des größten Römers Tochter, und alle Augen, auch die des Auslands, waren auf sie gerichtet. Denn sie war des berühmten Scipio Tochter, des Hannibalbesiegers, der unter den Senatoren mit Alexandergebärden wie ein Fürst dastand und in Asien mit den Königen des Ostens, als wäre er ihresgleichen, verkehrte. Begreiflich, daß auch noch späterhin, als sie schon Witwe war, ein Ptolemäer (der achte) nach ihrer Hand verlangte; sie sollte Königin Ägyptens sein. Aber sie wollte nicht; sie war im innersten Wesen unpolitisch und hatte in echt weiblicher Natur nur für das reiche Innenleben auf heimischem Boden Sinn, das ihr die Familie bot und das sie selbst geschaffen.

Ihr Vater starb im Jahre 183; da trat sie mit einem Gracchus, Tiberius Sempronius Gracchus 231 in die Ehe und schwelgte im Mutterglück. Zwölf Kinder gab sie ihm, eine Gracchenbrut; immer abwechselnd waren es Knabe und Mädchen.

Aber das Glück währte nicht; sie wurde der Niobe gleich; der Tod griff in ihr Haus, und die Kinder starben, neun Kinder, und ihr blieben nur noch zwei Knaben und ein Mädchen. Im Jahre 153 starb auch ihr Gatte. Der Schmerz, der über sie gekommen, machte sie groß im Auge der Welt; denn sie besiegte ihre zehnfältige Trauer, wie ihr Vater den karthagischen Feind besiegt, in stahlharter Energie, und in ihren drei Kindern, die noch lebten, und ihrer Erziehung bestand ihr Leben.

Es war dies aber eine Erziehung im Sinn der griechischen Sittenlehre; denn Cornelia war nicht, wie damals noch so viele, nur äußerlich griechisch lackiert, sondern durchdrungen von griechischem Wesen und eine Säule des echten Hellenismus in Rom. Dies wurde dadurch ermöglicht, daß eben damals viele hochgebildete Griechen, wie Polybius, der Historiker, nach Rom übergesiedelt waren. Besonders aber warb der Philosoph Panätius in den höheren Kreisen Roms mit größter Wirkung für das, was die stoische Philosophie dem Leben gab.

Ihre Tochter Sempronia gab Cornelia dem Scipio Aemilianus, der schon durch Adoption in ihre Familie aufgenommen war, zur Frau; leider war die Sempronia häßlich und suchte es auch sonst nicht der Mutter gleichzutun; denn ihre Ehe blieb kinderlos. Cornelia aber erlebte nicht ohne Befriedigung des Schwiegersohnes 232 militärisch-politische Erfolge und seinen Triumphzug in Rom; denn dieser Scipio war es, der im Jahre 146 Karthago zerstörte, und er wurde alsbald im Senat eine führende Größe. Sollte sie auf ihn nicht stolz sein? Auch war dieser Scipio, wie Cornelias Kinder, ganz eingetaucht in griechisches Denken, Panätius sein Berater und Seelsorger, und er sann nun und plante auf Grund griechischer Theorien zum Heil Roms eine neue Staatsverfassung. Es waren Gedanken, die hernach nicht zur Ruhe kamen, das Problem einer gemäßigten Monarchie. Aber der Mann zeigte sich in solch innerpolitischer Sache langsam und unschlüssig und schien die Schwüle der Volksstimmung nicht zu verspüren, die unheimlich und wie Gewitter verkündend damals über Stadt und Land gebreitet lag.

Anders die Gracchen, die zwei Söhne Cornelias. Wozu Staatstheorien? Es galt zu handeln. Sah Scipio das drohende Proletariat nicht, die Not der arbeitslosen Volksmassen in Rom, die gänzlich verfahrenen agrarischen Verhältnisse im Umland, die schmählich gedrückte Lage der kleinen Städte, denen ein ebenbürtiges Bürgerrecht fehlte? Da tat der Eingriff not, darin lag die Aufgabe der Zeit. Worauf noch warten? War der legale Weg im Kampf mit dem Senat verschlossen, dann Umsturz, die gebieterische Pflicht zur Revolution.

Und die Ereignisse überstürzten sich. Der ältere der Söhne, Tiberius, ließ sich zum Volkstribunen wählen. Die gracchischen Unruhen setzten ein, im Jahre 133. Der Senat aber brauchte Gewalt, und Tiberius kam um. Er wurde auf dem Kapitol 233 erschlagen, sein Leichnam in den Tiber geworfen. Bürger gegen Bürger. Das Unheil war da. Die Mutter erlebte das Schreckliche in Rom mit. Sie konnte den Leib ihres Tiberius, des edlen, der der Schmuck ihres Lebens gewesen, nicht einmal auf den Scheiterhaufen legen.

Und sie wich aus Rom. Für das, was Tiberius gewollt, die sozialen Probleme, hatte sie ohne Frage wenig Verständnis; nur auf eins war sie eingeschworen, auf Rom selbst und den sicheren Bestand seiner Weltmacht. Aber ein feindliches Gefühl gegen die Herren des Senats muß damals tief Wurzel geschlagen haben in ihrem Herzen. Das traf auch Scipio, den Schwiegersohn, der auch jetzt noch treu zum Senat stand, und sie war damit in den schwersten Konflikt geworfen. So zog sie sich in die Stille auf ihren Landsitz über dem Meeresufer des Neapler Golfs am Kap Misen zurück.

Der Konflikt aber sollte sich noch steigern; denn sie hatte noch den letzten, den zweiten Sohn Gajus Gracchus, und er war der begabtere, die mächtigere Natur, genial und ungestüm, ein geborener Kämpfer, und er drohte Rache zu nehmen für seinen Bruder. Umsonst suchte ihn die Regierung außerhalb Roms zu beschäftigen. Er fühlte sich reif zum Handeln und erschien in Rom.

Da schrieb die Mutter ihm nach Rom in dringendem Ton abmahnende Briefe, und was sie da schrieb, ist uns wie durch ein Wunder erhalten: Briefreste der Cornelia, die allein schon im Dienst der Philologen – und das ist das äußerliche – als 234 ältestes Dokument für die Handhabung der lateinischen Sprache, wie sie sich ausnahm, wenn man in Prosa schrieb, von unschätzbarem Wert sind.Die Echtheit der besprochenen Briefe bezweifelt wohl heute kein Vernünftiger mehr. Grundlegend waren hierfür die Ausführungen Nippendeys. Schon der archaische Sprachcharakter ist ein sicheres Merkmal. Hierzu sei noch darauf hingewiesen, daß Cornelia als Copula für »und« nur que und atque verwendet; das et vermeidet sie durchweg mit Ausnahme des etquando für ecquando (worüber Fr. Grünler »De ecquis sive etquis pronomine«, Marburg 1911, S. 49). Nur der Schlußsatz des Hauptbriefes wird auffallenderweise trotzdem mit et eröffnet (et si perseveras), wo aber ein »und« dem Sinn gar nicht entspricht; es wird statt dessen entweder ein at oder auch ein nam erfordert, weshalb ich empfehlen möchte, ein etenim si perseveras herzustellen. Wilh. Merten handelt »De particularum copulativarum . . . usu« (Marburg 1893) über diese Partikeln im Altlatein, S. 15 über et vor Kondizionalsätzen; er hat die Corneliabriefe nicht mit in Betracht gezogen. Und nun gar das Persönliche: wir hören hier und belauschen, wie eine Mutter zum Sohne sprach. Es sind überhaupt die einzigen Originalbriefe einer Frau, die wir aus der Antike besitzen.

Es ist das Jahr 124. Ihr Sohn steht auf dem Sprung, um die Pläne des Bruders Tiberius wieder aufzunehmen und großartig zu erweitern. Cornelia, die Greisin, will es verhindern, und ein ernstes Wort von ihr soll dazu genügen. Andringend ist der Ton; es ist der Ton der herrschgewohnten Mutter, der Satzbau auffallend beschwerlich; er drückt die Schwere der Gedanken aus. Wir lesen:

»Mit Eidesformeln möchte ich den hohen Schwur tun, daß außer denen, die den Tiberius Gracchus getötet haben, kein Gegner mir in dieser Sache so viel Sorge und Last wie du bereitet hast.

»Du, der fähigste meiner Kinder,Darauf, ob etwa unter den Millionen Papyri, die man in Ägypten ausgegraben hat, sich Frauenbriefe befinden, habe ich nicht acht gegeben. Ihr Vorhandensein würde obigen Satz wenig beeinträchtigen. die ich vordem hatte, solltest ihre Partei (nämlich die Partei derer, die den Tiberius töteten) dulden und nur darauf acht geben, daß ich in meinem Greisenalter möglichst wenig Kummer habe, nur sorgen, darauf bedacht zu sein, daß alles, was du betreibst, mir vornehmlich gefalle, daß du es für Missetat hältst, irgend etwas Wichtigeres in Widerspruch zu meinen Ansichten zu tun, zu mir, der nur noch so kurze Lebensfrist gegeben ist.«

So also schreibt eine Römerin. Der strenge Ton 235 aber läßt nach; der Appell an das Gemüt setzt ein, und es klingt wie Flehen:

»Kann nicht einmal diese kurze Frist mir zur Hilfe kommen, daß du mir nichts zuwider tust und nicht den Staat vernichtest?«

Und nun quillt in der Schreibenden die angeborene Beredsamkeit auf, und die Fragen, die alle dasselbe meinen, häufen sich:

»Kurz, wann kommt Ruhe über mich? Wann wird in unserer Familie einmal der Unverstand aufhören? Wird die Sache einmal ein Maß finden? Werden wir einmal, ob leidend, ob handelnd, aufhören, uns mit so peinigenden Dingen abzugeben? Wird nie die Scheu davor, den Staat zu verwirren und in Aufruhr zu bringen, sich einstellen?«

Der Fragen genug. Die Greisin begnügt sich schließlich damit, um Aufschub zu bitten:

»Wenn es aber nicht anders sein kann, so bewirb du dich erst, wenn ich tot bin, um das Amt des Tribunen. Tu meinetwegen, was dir beliebt, wenn ich es nicht mehr erlebe. Wenn ich tot bin, wirst du mir Totenopfer bringen und den göttlichen Schutz der Mutter anrufen. Hast du dann nicht Scheu, nach der Fürbitte der Manen derer zu verlangen, die du bei ihren Lebzeiten mit denen gleich geachtet hast, die man untreu verläßt und aufgibt?«

Die Feder der Schreiberin ruht aus. Sollte sie schließen mit der Drohung, als Tote und abgeschiedener Geist kein Schutzgeist für den Sohn zu sein? Sie fügt vielmehr das Gebet hinzu: »Möge Er, der Gott Juppiter, dich dabei nicht 236 beharren lassen noch zulassen, daß dich solcher Unverstand befällt! Denn beharrst du, so fürchte ich, daß du durch eigene Schuld für dein ganzes Leben solche Drangsal auf dich lädst, daß du nie und nimmer wirst dir selbst gefallen können.«

Herbe der Schluß wie der Anfang. Man hatte im Altertum noch mehr solche Briefe der Frau, und ein Bruchstück eines solchen besitzen wir noch.Das Bruchstück des zweiten Briefes der Cornelia lautet: »Du wirst sagen, es sei schön, sich an persönlichen Feinden zu rächen. Das scheint niemandem mehr als mir groß und schön zu sein, aber nur, wenn man es tut, ohne daß der Staat dabei leidet. Aber solange das für geraume Zeit und in verschiedener Hinsicht nicht geschehen kann, so werden unsere Gegner (inimici nostri) nicht zugrunde gehen und vielmehr, wie sie jetzt sind, bestehen bleiben, was besser ist, als daß der Staat niedergeschlagen wird und zugrunde geht.« Das multis partibus im Text ist nach Analogie des omnibus partibus = »durchgängig« gesagt (s. C. F. W. Müller zu Cic. Lael. 47, p. 326). Aber auch da ist der Sprechton der nämliche. Warum schrieb sie nicht, was wirklich ihr Herz bewegte: »ich zittre, Gajus, für dein Leben. Es wird dir wie Tiberius gehen. Wohin dann alle meine Kinder? Ich will nicht auch noch dich verlieren!« Sie schrieb dies nicht, weil sie wußte, solch weichliche Töne hätten ihre Wirkung verfehlt; Sentimentalität ist vom Übel, und einen Gajus konnte man mit dem Tod nicht schrecken. Daher redet sie also nur von Rom. Um Rom allein sorgt sie sich. Aber auch damit konnte sie des Gajus Sinn nicht ändern.

Die Leute, die den Tiberius töteten, sind zwar auch Cornelias Gegner wie die seinen;Vgl. das inimici nostri (vorige Anmerkung). aber sie weiß selbst keine andre Auskunft als das Bequeme: nur keine Neuerung! keinen Aufruhr, um die rohen Volksmassen zu befriedigen. Der Staat ist, wie er ist, und muß so bleiben, und du wirst es zu bereuen haben, wenn du an ihn rührst; schonender ausgedrückt: du wirst dir selbst mißfallen.Das sibi placere braucht auch Plautus Trin. 311 f.; ebenso Cicero und andere. Es bedeutet die Seelenruhe schaffende Selbstzufriedenheit, die schon Demokrit empfahl; s. P. Natorp, »Die Ethika des Demokritos« (Marburg 1893) S. 95.

Der Verlauf des Weiteren ist bekannt. Gajus kam nicht dazu, die Manen der Mutter anzurufen; denn er sah sie nicht sterben; er starb vor ihr.

237 Zwei Jahre hat er als Tribun den Senat lahmgesetzt und, gestützt auf die Volksabstimmungen, die Stadt und das Reich beherrscht, und zwar nicht wie später Julius Cäsar an der Spitze einer Armee, sondern allein kraft seiner hinreißenden Beredsamkeit und seiner rastlosen sozialen Arbeit, der es gelang, das hungernde Volk gratis zu sättigen und Arbeit zu schaffen für die Masse der Arbeitslosen. Der Senat war seiner Macht beraubt, das Volk selbst, das in den Comitien abstimmte, souverän; beim Tribunen aber war die Exekutive und das Amt der Gesetzesfindung. Dies System schien sich zu bewähren. Als Gajus jedoch vom Volk das Wichtigste, für die Italiener außer Rom eine Hebung der Existenz, gleiches Bürgerrecht verlangte, hatte er verspielt. Der übermütige Pöbel der Hauptstadt pfiff auf die dumme Landbevölkerung und ihre Wünsche. Gleich setzte die tödliche Intrige des Senats ein, und auf der Flucht aus Rom tötete Gajus sich selbst. Auch seinen Leichnam stieß man in den Tiber wie den seines Bruders; aber es war ein geköpfter Leichnam. Man glaubte damit auch die Revolution geköpft zu haben.

Hatte Gajus bereut, als er sich tötete? Hatte er sich selbst mißfallen, wie ihm die Mutter weissagte? Gewiß nicht. Sie verstand ihn nicht. Es ist verzeihlich, wenn Frauen irren, wo die das Leben ewig umgestaltende Weltgeschichte, Männer verschlingend, über die Erde geht.

Übrigens hat Gajus, als er in Macht war, der Mutter nachweislich doch im Einzelfall Gehör geschenkt; er schonte einen Gegenkämpfer 238 seiner Sache und brach das gerichtliche Verfahren gegen ihn ab auf Fürbitte Cornelias.Dies betraf den M. Octavius, der der Gegner des Tiberius Gracchus gewesen; s. Diodor 34, 25, 2.

Wie die Mutter das Übermaß des Leidvollen ertrug? Sie konnte den Anblick Roms nicht mehr ertragen, wo zum erstenmal Bürgerblut, das Blut ihrer Söhne, geflossen, und zog sich für immer auf ihre stolze Villa am Meer zurück. Aber man wunderte sich; denn sie zog nach wie vor, als wäre nichts geschehen, großen Verkehr in ihr Haus und lebte in dem Stil, den sie gewohnt war, weiter. Sie schien nicht zu trauern, als wäre sie völliger Indolenz, der Stumpfheit des Alters, verfallen oder als hätte das schwere Leid mit seinen Schlägen ihr Herz verhärtet und sie wäre wie Niobe langsam zu Stein geworden. Aber dem war nicht so.

Der Mensch hat angeborene Eigenschaften; er ist zugleich ein Produkt äußerer Einflüsse, nicht nur des Milieus, in dem er gestanden, sondern mehr noch des Schicksals oder der Erlebnisse, durch die er hindurchgeht. So war diese Frau, die Scipionentochter, die exklusive Natur geworden, die ihre Gefühle verhehlt und nicht preisgibt, und hüllte sich jetzt tief ein in Gelassenheit, um dem Schmerz nicht zu erliegen, der kein Mitleid vertrug. Zugleich aber war sie als große Dame gewohnt zu repräsentieren und blieb im Schema, wenn sie auch jetzt täglich großen Empfang im Atrium hielt und Leute ihrer Klientel, dazu Griechen und wieder Griechen, Gelehrte und Künstler, auch Gesandte der auswärtigen Höfe als Gäste bei sich sah. Sie mag oft mit leerem Blick in dies rege Leben, das sie rief, geschaut haben, als wäre 239 eine Glasscheibe geschoben zwischen sie und die Gegenwart. Die Würde ihrer Persönlichkeit war dieselbe geblieben, der auch das Ausland huldigte, und der Kummer, den sie in der Stille trug, erhöhte den Adel ihres Wesens. Dabei war sie Schülerin der Stoa, die alle Schicksalsstöße mit Fassung zu ertragen lehrte und dem Heimgesuchten den Wert des Leidens predigte. Diese Philosophie gab ihr, was sie brauchte; denn die da hoch stehen, sind es, die der Sturm oft am grausamsten faßt.

Nicht ihre Abstammung, nicht ihre Klugheit, der Mutterschmerz war Cornelias Ruhm. Darum hat Rom das Andenken dieser Cornelia dauernd hochgehalten; sie ist die erste Frau gewesen, der Rom ein Denkmal setzte, um sie unvergeßlich zu machen. Ihre Statue wurde öffentlich aufgestellt. Sie selbst aber legte Wert darauf, als wäre es ein Ehrentitel, die Mutter der Gracchen zu heißen (auch unter ihrem Sitzbild stand das zu lesen), und dies verrät, daß sie, so verwerflich ihr auch das politische Treiben der Söhne schien, doch das Großartige ihres Selbstopfers empfunden, daß sie das Epochemachende ihres Auftretens geahnt hat.

Denn das Auftreten der Gracchen ist in der Tat epochemachend gewesen, ganz so, wie einst die Vertreibung der Könige und die Herstellung der Republik Rom. Denn was sie revolutionär begonnen hatten, endete in der Diktatur Julius Cäsars und der Entstehung einer neuen Monarchie, dem Weltkaisertum. Die außenpolitischen Belange Roms waren zu Cornelias Zeit 240 saturiert; mit den Gracchen begann mit Macht die innerpolitische Umwandlung, der Kampf um die Staatsverfassung.

Der Tribun blieb auch jetzt Führer des Volks als Zerstörer der Macht der Senatoren, und so wie Gajus Gracchus für jene zwei Jahre als Tribun die monarchische Stellung gewann, so war auch die Regierungsgewalt der römischen Kaiser auf das Tribunat, das sie innehatten, gegründet.

Das Tribunat hat dann aber auch eine Frau, sie hat nicht nur Männer zur Politik, zum Ständekampf, zum Bürgerkrieg erzogen, und diese Tatsache zeigt uns überraschend den Gegensatz der Zeiten, hier Cornelia in ihrer Passivität, dort, noch nicht hundert Jahre später, die Fulvia, die wir schon kennen, die Gattin des Mark Anton, die dreimal mit einem Volkstribunen verheiratet war und so sich selbst als Frau aktiv in den Ständekampf warf und einen Bürgerkrieg entfachte.

In erster Jugend heiratete sie jenen Clodius, der, als Tribun der wüste Gegner Ciceros, die Stadt mit seinen Söldnern terrorisierte; er wurde im Jahre 52 ermordet. Kürzer war ihr Ehestand mit Curio, dem gewaltsamen Freunde Julius Cäsars, der in gleicher Tendenz das Tribunat innehatte, aber schon im Jahre 49 den Tod fand.Sueton, Div. Julius c. 29, nennt diesen Curio den violentissimum tribunorum. Schon durch diese Ehen war Fulvia in die Hetze der Parteien eingelebt und gewohnt geworden, Blut zu sehen. Da verfiel sie, die nun gereifte Frau, in Bewunderung für den jungen Mark Anton, und die Ehe mit ihm war der Gipfel ihres Lebens. Auch Mark Antons 241 politische Bedeutung begann mit seinem Tribunat; als Tribun brüskierte er den Senat, als wilder Vorfechter Julius Cäsars, und trieb Cäsar selbst an, im Kampf um die Diktatur, die die Monarchie bedeutete, den Rubikon zu überschreiten.

Nach Cäsars Ermordung ist Fulvia des Antonius gewaltige Mitkämpferin gewesen, zeitweilig allmächtig in Rom, kühn, streitbar und machthungrig. Beiläufig galt sie auch als Schönheit; nur hatte sie eine zu dicke Backe, als wäre die Backe angeschwollen und eine Biene hätte sie gestochen; aber man scherzte, sie selbst sei schuld, und vielmehr ihr Metallgriffel, mit dem sie ihre Befehle schrieb und den sie zu wild handhabte, sei der Bienenstachel gewesen.s. Sueton De grammat. c. 29.

Auch selbständig wußte sie zu handeln. Die Triumvirn belasteten im Jahr 43 v. Chr. die reichen Frauen Roms, an Zahl 1400, mit schwerer Vermögenssteuer; Mark Anton aber war in Rom nicht anwesend. Da kam ein Zug von ihnen, um Schonung zu erflehen, vor Fulvias Haus. Es war vergebens; denn Fulvia ließ sie nicht vor.Appian b. c. 4, 136 f. Und so hat sie endlich, als der Ringkampf Octavians mit Antonius zu beginnen drohte, selbständig und ohne des Antonius Wissen in Italien im Jahre 40 gegen den verhaßten Tyrannen, der in Rom saß, den Volksaufruhr entfesselt, der im Krieg um Perusia zum Austrag kam. Mit dem Schwert umgürtet führte da Fulvia selbst das Kommando der Truppe, die sie anwarb; ihr Ziel die Beseitigung Octavians; Antonius allein sollte herrschen, und sie wollte herrschen mit ihm, ein Weib zum Fürchten, aber nicht ohne 242 Großartigkeit. Sie opferte sich für den Mann, an den sie sich gebunden, erkrankte und starb.

Und so hatte also auch Rom zum wenigsten einmal eine Frau erlebt, die Mutter war und doch mit voller Seele im politischen Wirken aufging. Ihr Beispiel zeigt, wie in verwilderten Zeiten auch die Frau verwildert, daß aber auch mit den Konflikten, in die sie gerissen wird, in der Römerin die Geschäftskenntnis und Tatkraft, die Fähigkeit zur politischen Zielsetzung und der Opfermut für eine Idee in dem Grade wachsen kann, daß wir schon nicht mehr glauben, mit einer Römerin zu tun zu haben. 243

 

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