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Frauen der Antike

Theodor Birt: Frauen der Antike - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleFrauen der Antike
authorTheodor Birt
year1932
firstpub1932
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleFrauen der Antike
pages299
created20120422
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Die Römerin

Wir werden freilich auch jetzt nicht viel Neues hören; denn von den echten Römerinnen lateinischen oder sabinischen Stammes besitzen wir so gut wie kein Zeugnis, und wer weiß, wie viel Eigenfarbe die gräzisierten Römerinnen verloren haben? Unsere Kenntnis setzt knapp erst mit dem 3. Jahrhundert v. Chr. ein, und da sind die städtischen Gesellschaftskreise eben schon stark griechisch dressiert. Um so kürzer können wir uns fassen.

Folgendes dürfen wir voraussetzen: der römische Soldat war standfester und stärker als der Grieche. Man nannte die Männerkraft robur; die Römer waren »robust«. So war auch ohne Zweifel die Natur der Weiber animalisch mächtiger, im tierisch Gesunden sicherer verwurzelt und unnervös, dabei aber ihr Denkkreis enger, ihre Phantasie gestaltlos arm und unergiebig. Auch über alles Grübeln um Probleme jeder Art lebten diese Frauen triebhaft hinweg und taugten also auch von Hause aus wenig zur Beschäftigung mit Dingen der Staatskunst und Führung in politischen Aktionen. Patriotismus gewiß; die Freude an Kampf und Sieg der Männer war selbstverständlich; das gründete sich auf ein starkes Rassengefühl. Sie waren Wölfinnen und die eherne Lupa, das Wappentier Roms, das den Romulus 219 säugte, gleichsam ihre Ahne. Daher die Raublust, die Rauflust dieses Volkes.

Aber nur die Sage zeigt uns wirkliche Heldinnen wie die Cloelia, die, vom Etruskerkönig Porsenna als Geisel entführt, auf dem Roß den Tiberfluß durchschwimmend, sich nach Rom rettete. In Wirklichkeit hat diese Heldin nie existiert, und die spätere Zeit schuf solche Gestalten, ein Wunschbild dessen, was die triviale Gegenwart vermißte.Die angebliche Statue der Cloelia war, wenn sie existiert hat (keiner der literarischen Zeugen hat sie selbst gesehen), gewiß irgendein archaisches Gebilde etruskischer Kunst, das früh abhanden kam und etwas ganz anderes bedeutet hatte. Dahin gehört auch die großartige Fabel von der Veturia, die die Vaterstadt vor ihrem eigenen Sohn rettet, der zum Landesfeind überging und Rom mit Kriegsmacht bedrängte. Sie opfert ihn, auf daß Rom lebe. In Shakespeares Drama »Coriolan« ist diese antike Dichtung verewigt.

Seit im zweiten punischen Krieg Hannibal niedergeworfen war und niemand mehr Roms Tore bedrohte, war zu solchen Leistungen der Bravour und des Edelmutes kein Anlaß. Roms dominierende Stellung befestigt sich immer mehr; es gürtet sich in Allmacht; seine Familiensöhne schleppen alljährlich nach Rom aus allen Provinzen Beute herbei. Wofür sollten die lieben Frauen sich da noch opfern? Das Wertvollste, die Pflicht, für das Gemeinwohl sich einzusetzen, war völlig überflüssig geworden, und was übrig blieb, um das Leben auszufüllen, war die Genußsucht, der klotzige Familienstolz und die Intrige, wenn ein Haus das andere beneidete.

Das klingt abschreckend, aber es gilt nur für die Häuser der Bevorzugten, der Kriegs- und Staatsgewinnler, so viele es auch waren, und es 220 gab damals noch Familien anspruchsloserer Art genug, an deren Hausmütter und Haustöchter wir unvoreingenommen und in Freundlichkeit gedenken können. Dürften wir uns nur von ihnen nach den heutigen Römerinnen eine Vorstellung machen! Dann wäre alles gut! War ihnen auch damals der starke Blick, der festlich wiegende Gang schon eigen, das stolze Sich-fremd-zeigen und rasche Sich-entzünden, die lachende Lebenslust und der Schrei der Wut? schmeichelnd und giftsprühend in prachtvoller Natürlichkeit? Der Frage fehlt die Antwort. Vorsicht im Urteil ist geboten; denn allzuviel fremde Menschenwellen haben seit der Zeit der Völkerwanderung und schon vorher Italien überspült. Gleichwohl ist man immer versucht, mit Mussolini, der die fasces der alten Konsuln auferweckte, das neue Rom als echte Tochter des alten zu lieben. Um so näher tritt uns das längst vergangene Leben.

Der römisch-italische Menschenschlag ist dem griechischen ohne Frage sehr ähnlich gewesen; denn von einem Gegensatz im Körperlichen hören wir nie;In den uns erhaltenen »Physiognomonika« werden Griechen und Römer gar nicht unterschieden, während diese Schriften den Typus der Germanen oder anderer Barbaren gelegentlich als abweichend hervorheben. es sollte sogar das Latein nichts als ein Dialekt des Griechischen sein. Immerhin war im Römer alles brutaler, das Schönheitssüchtige, Feinfühlige fehlte; man war selbstsicherer, überlegen und derb, gewiß sehr unmusikalisch, aber tanzlustig wie heute zur simplen Holzmusik, Zupfmusik und Kastagnette. Daß jedoch in Rom und im lateinischen Land keine originale Dichtkunst entstand (einer Salzwüste gleich, auf der kein Halm wächst), daran trägt das weibliche Geschlecht ein gutes Teil der Schuld. Die Mutter 221 oder die Amme konnte lala lala singen; das wird uns ausdrücklich gemeldet; aber das ist wenig. Es geschah, damit das Kind schlafe oder die Brust nehme.In den Persiusscholien steht lala lala, i. e. aut dormi aut lacta. Dies wird, wie ich sehe, noch immer dahin mißverstanden, als gehörte der Zusatz auch noch mit zum Liede. Alsdann aber müßte es vel dormi vel lacta heißen. Die Sache ist von W. Kohlmann »De vel imperativo« (Marburg 1898) S. 92 längst aufgeklärt; vgl. »Horaz' Lieder«, 2. Heft, S. 29. Wenn man an den ländlichen Festen wie bei uns auf der Kirmes in Buden und Zelten zechte und dazu sang unter Beteiligung der Weiber, so mag das ein nettes Geplärre gewesen sein; jedenfalls hören wir nie, daß jemand daran seine Freude hatte. Man wußte auch nichts von Musen; die Camenen waren nur Wassergeister,Schon Naevius hat aber, wo er dichtet, die Musen als Camenen angerufen. Auch die Egeria, die in der Sage als göttliche Ratgeberin erscheint, war Wassergottheit. Die Nachricht, die Cicero gibt, daß in alter Zeit von Söhnen in den Familien Heldenlieder gesungen worden seien, beruht auf Mißverstand; nach Varro waren dies vielmehr Sklaven; pueri modesti gibt da die Überlieferung sinnlos; pueri domestici ist zu lesen. Vgl. »Horaz' Lieder«, Heft 1, S. 32 Anm. und die gottesdienstliche Dichtung der Römer bestand eigentlich nicht in Worten, sondern in ritualen Handlungen, zu denen gewisse Formeln gesprochen wurden. Unter dem Wort canere (singen) wurde nur das laute, getragene Rezitieren eines Textes verstanden. An Wohllaut wurde dabei nicht gedacht; denn auch das Krähen des Hahns hieß Gesang, cantus; und so haben auch die frommen Vestalinnen, die am Forum auf dem heiligen Herd der Vesta annähernd durch ein Jahrtausend das Feuer in Brand hielten, sich damit begnügt, das Feuer zu schüren und kein Wort zu ihrer Göttin Ehren gefunden.

Aber es gibt noch mehr, was wir vermissen. Man sollte meinen, daß Frauen Blumen lieben, und gewiß taten dies auch die jungen Römerinnen; aber sie gaben ihnen keine Namen; Blume war Blume; ob Veilchen oder Rose, war einerlei. Es genügte zu wissen, was Rüben, Gurken und Zwiebeln sind, und erst von den Griechen hat das Römervolk die Blumennamen gelernt.s. Plinius n. h. 21, 52. Solche unscheinbare Tatsache ist bezeichnend.

222 Aber ich vermisse noch mehr. War es ein Mangel an Gemüt? Ich weiß von keiner Römerin, die sich einen Hund gehalten, nicht Wächterhund, nicht Schoßhund.Bei Properz IV 3, 55 ist der Ehemann der Besitzer der Hündin; ebenso in der Grabschrift der Hündin Margerita carm. epigr. 1175; aber auch die Frau nimmt sie auf den Schoß. Eine wirkliche Ausnahme hierzu finde ich nur bei dem späten Lucian »De mercede conductis« 32 u. 36. Vgl. übrigens »Aus dem Leben der Antike«4, S. 236. Wie anders wiederum die Griechinnen! Nur die Männer Roms hatten Kontakt mit der Seele des Haustiers und dressierten und hätschelten die Hunde, gewiß aber nur Hündinnen, wie das Tierchen Issa des Publius bei Martial. Wer erklärt mir diesen Zwiespalt der Geschlechter? Hat jene Aversion sich deshalb ausgebildet, weil im Wortgefecht für die Weiber das Schimpfwort »du Hündin« üblich war?Das Eheweib ist die rabiosa canis bei Plautus Men. 936; mehr bei Otto »Die Sprichwörter der Römer«, S. 69. Nur zu begreiflich, scheint mir hiernach, daß die Römerin für Hunde kein Herz hatte.

Alles bisher Festgestellte war leider stark negativ. Beruhigend aber ist es zugleich, daß die jungen Mädchen nach des Horaz Zeugnis süß wie Lalage lächelten. Eine rassige Schönheit ersten Grades war das Mädchen von Tibur mit dem Feuerblick, den Fackeln des Auges, die dem Dichter Properz das Herz versengten. Und Tanzen, das war Sache der Frauen und ihre Passion, nicht Chortanz,Ich sehe hierbei von Gottesdiensten ab, bei denen der Chorreigen nach griechischer Art üblich. Die tanzenden Mädchen in der »Tarentilla« des Naevius waren Griechinnen. auch nicht die Tarantella der heutigen Italiener zu zweien, Bursch und Dirne, sondern Solotanz. Einen Männertanz zum Dreischritt gab es nur bei den Bauern; sonst war er unter der Würde des Römers.Vgl. »Horaz' Lieder«, Heft 2, S. 42 f. In der eleganten Gesellschaft tanzte dagegen die Frau des Hauses kühn und heiter zur Freude der Gäste;So tanzte Sulpicia nach Sallust, Catil. 25. nicht anders das Mädchen aus bescheidenen Bürgerkreisen im engen Hof des Mietshauses mit derselben Freude und Hingabe,So die Cynthia des Properz II 3, 17. Sie wohnte, wie es scheint, im Eigenhaus (Prop. III 6 und 10); viel Raum wird da nicht gewesen sein. So begnügt sich das Volk in Italien auch heute noch oft, auf enger Hausdiele die Tarantella zu tanzen, und auch die Dienerin im Gedicht »Copa« (in der Vergilappendix) tanzt in der ländlichen Gaststube offenbar auf engem Raum; denn sie tut es ad cubitum (v. 4), was P. Leo mißverstand. Es kann dies nur »beim Lager« heißen, auf dem sich nämlich der Gast befand, den die Copa in allem Nachfolgenden anredet; denn bei v. 5 beginnt ihre Rede, und zwar so unvermittelt, wie es mit der Rede der ianua in Catulls c. 67 der Fall ist. Das ad cubitum aber wird durch das decubuisse in v. 6 offensichtlich erklärt, und cubitus ist das Lager, nach Plin n. h. 24, 59, die cubantes die gelagerten Gäste nach Plin. epist, 5, 6. 36. wild wie der 223 Wirbelwind und doch gewiß nicht ohne Grazie, die dem Südländer eigen.

Keiner freigeborenen Bürgertochter aber war es gestattet zum Ballet auf die Bühne zu gehen. Im Theater agierten nur Sklaven oder Leute des Freigelassenenstandes wie Eucharis. Die kleine Eucharis, deren Grabstein in Rom gefunden ist,s. carm. epigr. 55; die Eucharis tanzte auf der Bühne auch im Chor; s. v. 10 der Inschrift. war im Haus einer vornehmen Frau als Sklavenkind geboren. Auf deren Veranlassung wurde sie, da sie so talentvoll und reizend, für das Ballet ausgebildet, zugleich auch aus dem Sklavenstand freigegeben und hatte sich schon im Theater des Publikums Gunst erobert, als sie 14jährig jählings starb. Ihr junger Ruhm stieg mit ihr in den Orkus hinab. Leichenverbrennung wurde ihr zuteil und der Grabstein mit einem Gedicht darauf von zwanzig hübschen Versen als Nachruf. Solche Talente aus den Kreisen der Dienerschaft groß zu ziehen ist oft Sache des Ehrgeizes der Vornehmen gewesen.

Aber der Mensch tanzt nicht immer. Wie spielte sich sonst damals in den Familien das Leben ab? Nur zeitgenössische Autoren könnten uns das verraten. Deren aber sind wenige, und Lucilius, der Satirendichter des 2. Jahrhunderts v. Chr., der in 30 Büchern das Leben, das ihn in Rom umgab, so lebendig geschildert hat, ignoriert dabei die Frauen in unerhörter Weise.Die Fragmente des Lucilius kennen nicht einmal das Wort puella. War es aus Höflichkeit oder Furcht, daß er sie nicht verspottete?

Aber eine andere Hilfe ist da, und sie soll uns willkommen sein, so dürftig sie ist. Im Theater kam damals ein bürgerliches Schauspiel und 224 Lustspiel zur Blüte, eine Umbildung der griechischen Palliatkomödie des Plautus, die Togatkomödie, darin sich in erfreulichster Weise das echte römische Volksleben mit den nötigen Frauenrollen abgespielt hat: Ort der Handlung nicht immer nur Rom selbst, sondern auch die umliegenden Kleinstädte. Wären uns diese Dramen erhalten, der Gewinn wäre enorm, ein Anschauungsunterricht erster Güte, und ich gäbe den ganzen Terenz dafür hin oder den halben Plautus. Die Togatkomödie nannte sich nach der Toga, dem Römerkleid, das da endlich auf die Bühne kam (auch das Frauenkleid hieß damals noch toga).s. Afranius v. 182; Ribbeck's Lesung togula ist an dieser Stelle freilich unsicher.

Die Stücke sind zwar sämtlich verloren, aber durch Zitate der Späteren haben wir daraus doch einige kurze Gesprächsüberreste erhalten, und wir ahnen: es war ein prachtvoll energisches Leben.

Einige Proben müssen genügen, um das klarzustellen.

Die Dramen spielten immer im Familienhaus, im Atrium, wo die Frauen webten, oder vielleicht auch im Gartenhof,Vgl. »Die Schaubauten der Griechen«, S. 64. und es handelt sich um das ewige A und O, um Geld und um Liebe. Aber anders als bei den Griechen und bei Plautus spielen die Hetären hier gar keine Rolle, kaum daß sie erwähnt werden.meretrices bei Afranius v. 133 u. 136. Solche käuflichen Weiber mochten in der Großstadt bleiben; »will er«, wird gefragt, »mit so einer zu mir aufs Land? Dann schließ' ich das Tor ab, und ins Landhaus kommt sie mir nicht.«Titinius 43; vgl. 175. Aber auch die Sklavenrollen fehlen; denn die dreisten Intrigen der griechischen Sklaven und ihre 225 Redefreiheit, wie Plautus sie uns zeigt, duldete eben kein Römer im Haus. Dafür hatten die Frauen die Hauptrollen inne, aber nur Hausmütter, Haustöchter und Bräute; dazu die Magd. Leider fehlen dabei die Namen, römische Frauennamen.

So sitzen sie beisammen und spinnen für den Hausbedarf und weben Gewänder, auch Togen mit Purpurfäden, diese vielleicht für den Herrn des Hauses, der ein höherer Beamter ist,So in des Titinius »Barbatus« und in des Afranius »Omen«. und die eine beschimpft die andere: »Du bist so faul; in zehn Jahren hast du nicht eine einzige kleine Kindertoga fertig gebracht.Titin. 25.

Wenn Festtag ist, muß die Tochter sich dazu schon gleich bei Tagesanbruch festlich ankleiden.Atta v. 8. Wirklich kommt ein frommes Frauenfest zur Darstellung, und der Gottesdienst soll beginnen; da ist uns der befehlende Ruf erhalten: »wascht euch anjetzt die Hände und verschleiert euch, ihr Frauen!«Titin. 86. Der Ritus wurde also auf der Bühne nachgeahmt. Sonst aber ging es nicht sehr feierlich her; fromme Töne fehlen, und kaum ein Gott wird angerufen. Das Alltäglich-Menschliche spielt sich ab.

Die Frau beklagt sich beim Vater über ihren Mann, den Verschwender: »er verzehrt die Mitgift«!Titin. 15. Das war schlimm; denn die Mitgift sollte dem Haushalt als Hilfe dienen. Aber auch dem Mann sagt sie ins Gesicht, wenn sie sich in der Ehe unglücklich fühlt: »Du hast dich ohne Verstand in mich verliebt; das merk' ich zu spät.«Afran. 220.

Erst recht aber klagen die Männer: »heut aber, da hat mir die Freundin bitterböse Worte gegeben«;Titin. 67. ebenso der junge Ehemann, der die 226 ersten Erfahrungen sammelt: »sie kommandiert aber doch zu überheblich«!Afran. 285. Da haben wir die Allmacht der Frau, die auch der alte Cato feststellte mit dem Wort: »Der Römer beherrscht die Welt, die Frau den Römer.« So heißt es auch in diesen Dramen: »sie (die Ehemänner) sind wie die Magd zu ihren Frauen; die Mitgift hat sie so sanft gemacht«.Titin. 70 f. In der Tat erweist sich uns das Naturell der Römerinnen hier als triebkräftig aktiv weit mehr als das der Männer; denn es setzt Hiebe, gewiß zum besonderen Vergnügen des Publikums. Vater und Mutter schlagen sich, d. h. genauer besehen schlägt die Mutter den Vater, und das Töchterchen bittet die Mutter: »tu das, Süße, wenigstens nicht, wenn ich dabei bin«.Afran. 310.

Durch solche Szene wird uns auch die sonderbare römische Redensart verständlich: »laß dich prügeln, Papiria«. Die Papiria muß ein Exemplar von besonderer Bosheit gewesen sein. Wenn also auch sonst ein Weib sich arg bösartig zeigte, sprang man ihm mit dem »laß dich prügeln, Papiria!« ins Gesicht.Vgl. A. Otto »Die Sprichwörter der Römer«, S. 361. Im Volksstück des sogenannten Mimus, den der Dichter Laberius aufbrachte, ging es aber noch toller zu; denn da erzählt jemand von seiner zornigen Geliebten: »kaum kam ich ihr unter die Zähne, da biß sie mich zwei-, dreimal,«Laberius v. 28. natürlich aus Eifersucht. Da haben wir das Rasen der Leidenschaft; Spitzenleistung.Vgl. die beißende Cynthia bei Properz IV 8, 65; auch diese Cynthia, aus Tibur gebürtig, war Italienerin; s. unten.

Solche Konflikte führten zur Ehescheidung, und so war denn auch eins der Dramen »Divortium« betitelt. Lebhaft wird uns einmal eine Situation geschildert; aber es ist oft schwer, solch 227 Fragment zu deuten. Anscheinend handelt es sich um eine Frau, die von ihrem Mann geschieden ist und jetzt mit ihren zwei Kindern bei ihrem Vater wohnt. Es waren Differenzen zwischen Vater und Schwiegersohn, vielleicht den Mißbrauch der Mitgift betreffend. Sie will zum Gatten dringend zurück, findet den Vater allein; »die Gelegenheit benutzt sie, fliegt ihm an den Hals, weint und fleht; und da kommt auch ihr Sohn, sein Enkel, dazu, und auch die Enkelin quietscht aus ihrem Bett heraus.«Afran. 245 f. Wie anschaulich gegeben! Hoffentlich gab nun der Alte auch nach.

Aber auch an dem üblichen Fehltritt der Mädchen fehlt es nicht, und es gab Stücke mit dem Motiv, das Hebbel in seiner Maria Magdalena nur allzu peinlich behandelt hat. In dem antiken Volksstück kam es jedoch nicht zur Tragödie; es wird bemerkt,Ich meine die »Virgo« des Afranius. daß die Tochter schwanger ist; aber das Mädchen wird nicht vom Vater verstoßen, fällt auch nicht in die Hände der Mädchenhändler, sondern der Jüngling, dem sie sich hingab, zeigt sich edel und in löblicher Weise bereit, sie zu heiraten. So gab es auch ein Drama »Die Tanten«Die »Materterae« desselben Dichters. Auch vom Atta gab es ein Stück gleichen Titels. mit dem gleichen Thema: eine der Töchter des Hauses ist niedergekommen und danach vielleicht vom Vater verstoßen oder gar im Kindbett gestorben. Wohin mit dem Fallkind? Dem Vater zum Trotz nehmen sich die zwei Schwestern des Kindes an und werden als liebreiche Tanten tapfer im weiteren Verlauf alle Widerstände besiegt haben.

So viel aus dieser Theaterdichtung. Sogar die 228 Tanten sind darin zu Ehren gekommen. Allerlei aber ist noch als auffällig zu notieren; erstlich, daß in diesen Stücken zwar die Versmaße wechselten, gleichwohl aber dem Anschein nach nicht gesungen wurde, keine Rezitative und kein Couplet; eine singende Römerin war wohl undenkbar und ein singender Römer erst recht. Sodann das Ethos: die Heiterkeit fehlt; kein Spaß, keine Wortwitze; belustigend höchstens, daß Männer bisweilen die Frauenstimme nachahmten,Titin. 170; ebenso in den Atellanen des Pomponius v. 57. und, wenn man will, die Prügelszenen. Es gab sonst doch gewiß auch Liebreizendes, Schelmisches im Frauenleben und spielende Anmut, wie beim Stelldichein. Es dämmert; der Bursche sucht seinen Schatz. Das junge Ding hat sich neckisch in einen Winkel versteckt. Verzweifelt sucht er, wagt aber nicht zu rufen; denn die Nachbarschaft darf nichts merken. Da muß sie lachen, hat sich verraten und läuft davon. Er fängt sie und streift ihr vom Arm die Spange als Pfand, das sie mit Küssen einlösen muß. Sie sträubt sich nicht und wird es einlösen. Von derartigem weiß der muntere Horaz zu erzählen.Horaz carm. I 9 fin. In jenen Bühnenstücken dagegen ist fast alles merkwürdig ernsthaft und herbe; leidenschaftlicher Wortwechsel waltet vor, der schlagfertig ist, bis es wirklich zu Schlägen kommt.

Endlich aber und vor allem fehlt in ihnen jede politische Anspielung, und das muß unter römischen Bürgern besonders auffallen und befremden. Die Politik scheint diesen Leuten meilenfern zu liegen. Nicht einmal auf die aufregenden Beamtenwahlen, die doch alljährlich stattfanden und jeden angingen, mit Agitation, Stimmfang 229 und Bestechungen, wird irgendwie angespielt. Die Familien, wie wir sie hier vorgeführt sehen, waren ganz nur mit sich selbst beschäftigt, und das ist lehrreich. In der Masse des Volkes war der Sinn für politische Betätigung gering, zumal bei den Frauen. Der Staat ist, wie er ist, und wie er war, so mochte er für sich selber sorgen.

Anders freilich bis zu einem gewissen Grade die Kapitalistinnen, die Frauen aus der Nobilität Roms. Da gibt es Zusammenhalt, und sie rotten sich zu Haufen, aber nur, wo es um ihre eigensten Angelegenheiten geht; sogar ein bestimmtes Versammlungslokal hat es anscheinend gegeben,Fest steht dies für die Kaiserzeit; vgl. übrigens »Aus dem Leben der Antike«4, S. 52. wo sie sich fanden. Das Gesagte aber wird damit, wie man sieht, nur wenig eingeschränkt.Entwickelter war das Verständnis für Dinge der Politik bei den Frauen in späteren Zeiten, worüber später. Erwähnt sei, daß in der Kaiserzeit zum kaiserlichen Consilium, das aus 20 Senatoren bestand, gelegentlich auch Matronen hinzugezogen wurden, wie uns die auf Papyrus erhaltenen Isidorus-Akten verraten; vgl. v. Premerstein, Hermes 67 S. 189. 230

 

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