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Benno Rüttenauer: Frau Saga - Kapitel 9
Quellenangabe
typelegend
authorBenno Rüttenauer
titleFrau Saga
publisherGeorg Müller
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectida2b4b5b1
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Der Pilgrim und sein Gastfreund

In der kleinen lombardischen Stadt Novara führt eine geradlinige Mittelstraße von dem Mailänder Tor zu dem von Turin. Sie ist heute wohl nach dem König Viktor Emanuel oder nach Garibaldi oder Cavour benannt, wie das so seit einem halben Jahrhundert in ganz Italien hochpatriotischer Brauch ist. Oder sollte sie gar, unmöglich ist es nicht, mit dem Namen des jungen Mannes geehrt sein, der vor mehreren Halbjahrhunderten auf ihr seines Weges zog?

An einem schönen Frühnachmittag im September war es, und der angedeutete junge Mann erregte einiges Aufsehen in dieser Hauptstraße der kleinen Landstadt.

Der kaum Dreißigjährige machte auf den ersten Blick einen fast greisenhaften Eindruck in seinem mit Muscheln besetzten, vielfach beschmutzten und am untern Rand erbärmlich zerfransten Pilgermantel: so müde und schleppend war sein Gang, so hohl und eingefallen seine blassen Wangen, so tief in den Höhlen liegend seine großen schwarzen Augen, so schlaff über die Mundwinkel herabhängend sein schwarzes Lippenbärtchen, so kraftlos sein spärlich behaartes Kinn, so weit schon über der hohen bleichen Stirn zurückweichend der kurzgeschnittene Haarwuchs.

Der Mann ging nämlich barhäuptig, sein Pilgerhut hing ihm an einer Schnur im Nacken, und wie seine Schritte setzte er den hohen, oben umgebogenen Stab schwach und zögernd vor sich hin.

Wahrlich, er erregte Aufsehen. Von den Haustüren und offenen Gewölben deutete man nach ihm mit Blicken und Gebärden, Kindergruppen blieben vor ihm stehen und begafften ihn. Ein schlanker Priestergreis mit dem seidenflaumigen Rundhut über den weißen Locken bemerkte zu der jungen Dame, mit der er sich unterhielt:

»Schaut diesen Pilgrim, Signora, der ist entweder ein großer Heiliger oder ein großer Sünder.« »Oder gar ein großer Narr«, warf ein Vorübergehender in Ratsherrentracht dazwischen. Die Signora antwortete: »Möge die Madonna ihm gnädig sein!«

Dieser, wie ein zum Tod Ermatteter, hielt jetzt inne im Schreiten, und er redete einen Knaben an, der sich vor ihn hingestellt hatte. Von dem Knaben geleitet, bog er dann in eine enge Seitengasse.

Es dauerte eine Weile, bis er wieder hervorkam, jetzt zu Roß, ein Vetturino vor ihm herschreitend.

Er wollte heute noch die Stadt Vercelli erreichen und hatte wohl gefühlt, daß ihm das zu Fuß nicht mehr möglich sei, so hatte er sich bei einem Wagen- und Pferdeverleiher den Gaul gemietet. Nun sah er auf einmal jünger aus, er hielt sich auf seinem Klepper in stolzer, gut-ritterlicher Haltung, ganz wie ein vornehmer Edelmann, der es nicht anders gewohnt ist, nur daß freilich der Gaul kaum dazu paßte.

Vor dem nahen Turiner Tor befahl er seinem Führer, einen Seitenweg zu nehmen, vor den großen Straßen schien er eine eigentümliche Scheu zu haben.

Wirklich wußte der Vetturino einen guten Weg. Auf weichem Boden, zwischen fruchtstrotzendem Gelände ging es dahin in gerader Richtung auf die penninischen Alpen zu, deren weiße Gipfel und Kuppen gleich einer Fata Morgana hoch am abendlichen Himmel standen, so daß der Blick kaum achtete der nahen Überfülle und Üppigkeit der gottgesegneten lombardischen Erde: wie weithin die gewaltige Rebe sich von Ulme zu Ulme schwang, überschwer belastet von der mehrpfündigen lombardischen Traube in Gold und Schwarz zwischen dem kupferigen Laub, während am Boden die Maisfrucht reifte und zwischen dem gelbbraunen Gehüls die mächtigen goldenen Kolben hervorstreckte.

Der Mann zu Pferde mit den verstaubten Füßen und dem verschlissenen Mantel hatte lang mit düsterem, fast totem Blick vor sich hingeträumt. Nach und nach aber erhellte sich sein Auge, es wurde schön. Und schön auch wurde das blasse vermagerte Gesicht. Und auf die schmalen Lippen, die man so schmerzlich zucken sah, legte sich der holde Schein eines leisen Lächelns.

Dann schien er mit sich selber zu sprechen. Oder war es ein leises Singen, das ihm süß vom Munde ging?

»Sei mir gegrüßt, du Göttergeschenk, Rebe, und gesegnet sei der Boden, dem du entsprossest, du große Trösterin der elenden Menschheit. Und gepriesen sei über alle Länder der Erde du mein Heimatland, das du uns die Rebe gibst und den heiligen Wein in solcher Fülle, daß auch die ärmsten deiner Söhne ihn nicht zu entbehren brauchen, sondern sich in ihm Linderung trinken dürfen, wenn die Müdigkeit sie ermattet und der Kummer sie niederdrückt. Und sei auch mir günstig, deinem irrenden Sohn, du edles Land, du Land meiner Heimat, auf dem liebevoller als auf andere Länder die holden Blicke der gnädigen Götter ruhen.

Auch du sei gegrüßt, du demütig nah an der Erde Stehende, du Ernährerin der Armen, du strotzende Maisfrucht, weniger edel du, als das heilige Weizenkorn, aber füllereicher, du, vom göttlichen Kolumbus von den Grenzen der Welt her zu uns gebracht. So haben denn auch unsere heidnischen Vorfahren in diesem Lande dich noch nicht gekannt. Sie hätten dich sonst ihrem absonderlichen Gartengott zum Attribut gegeben. Oder vielleicht hätten sie überhaupt sein Bild nach dir gestaltet, und es wäre weniger heidnisch ausgefallen.«

Also der Mann zu Pferde. Aber schon dämmerte der Abend, und die Schleier der Dunkelheit schwebten heran, da wurde ihm plötzlich das Wort wie vom Munde abgeschnitten; ein Geschrei, ein heftiges Hundegekläff erhob sich hinter ihm.

Er drehte sich im Sattel um, da sah er zwei Windspiele bellend mit heißem Atem hinter einem Rehbock herjagen; schon ganz nahe bei ihm, und dann, gerade zur Seite seines Pferdes, stürzte das verwundete Tier röchelnd zusammen und die Hunde über es her, sich in ihr Opfer verbeißend.

Der fromme Pilgrim schien mit Mißfallen auf das blutige Schauspiel zu blicken, und er wollte eben seinem Pferd die Sporen geben. Da stand in Jagdausrüstung ein junger Mann vor ihm, ein Jüngling eher, schön in der Schlankheit und Nervigkeit seiner jungen Glieder, das Gesicht strahlend vom blühenden Blut seiner achtzehn oder zwanzig Jahre.

Dieser, ohne einstweilen des Reiters zu achten, machte sich daran, die Hunde aus ihrer Verbissenheit loszureißen. Er hatte keine kleine Mühe damit, doch gelang es ihm zuletzt, dann winkte er einem Bauernburschen, der in einigem Abstand gewartet hatte; dieser lud sich den Bock auf die Schultern und trug ihn davon.

Jetzt erst schien der Jüngling den Reiter zu bemerken. »Darf ich Euch fragen,« wandte er sich an ihn, »wohin Eure Reise geht?«

Und der Reiter: »Ich möchte wohl noch Vercelli heute abend erreichen, wenn es möglich ist.«

»Ihr könntet wohl vor Nacht noch hingelangen,« sprach der andere, »aber nun ist leider der Fluß hoch angeschwollen, der nicht weit von hier vorüberzieht und die Grenze bildet zwischen Piemont und dem Gebiet von Mailand. Ich höre, gar zum reißendem Strom sei er geworden durch einen Wolkenbruch in den Bergen, und Ihr werdet ihn schwerlich überschreiten können. Darum möchte ich Euch raten, bei mir zu übernachten; es steht mir ein bescheidenes Haus zu diesseits des Flusses, und Ihr werdet darin weniger schlecht aufgehoben sein als an einem andern Ort dieser Gegend.«

So der Jüngling.

Aber der Mann zu Pferd musterte ihn mit höchst mißtrauischen Blicken. Doch konnte er zuletzt nichts Verdächtiges an ihm finden, und in Wahrheit mußte der Reitersmann sehr argwöhnischen Gemütes sein, um hinter dem freundlichen, schmucken Jäger Schlimmes zu befürchten. Das Gegenteil davon sprang in die Augen; aber freilich, es war unterdessen fast vollständig Nacht geworden.

Doch schwang der Reiter sich jetzt aus dem Sattel, um dem zu Fuß als gleich und gleich gegenüberzustehen, sein Pferd überließ er dem Vetturino. Zu dem Jäger sagte er:

»Wenn es Euch gefällt, so wollen wir uns den Fluß erst ansehen, daß ich mich dann entscheide, was zu tun ist.«

Dann ging der Jäger voraus und der Pilger folgte ihm.

»Wollet meinen Vortritt«, sprach der Jüngling, sich zurückwendend, »nicht als eine Anmaßung von Rang und Ehre auffassen; es geschieht allein, um Euch auf dem finsteren Weg als Führer zu dienen.«

»So hat mir wahrlich«, erwiderte der Pilger, »das Glück einen allzu vornehmen Führer zugesellt, und möchte es Gott gefallen, mich in allen Lagen des Lebens so zu begünstigen.« Eine Zeitlang schwiegen beide; doch wandte sich der Jäger wiederholt nach seinem Schützling um, wie einer, der gern etwas fragen möchte, aber doch nicht zudringlich sein will. Dies erriet der Pilger und fühlte sich verpflichtet, ihm mit einiger Auskunft entgegenzukommen.

»Ich war noch nie in dieser Gegend,« sagte er, »obwohl ich einmal auf einer Reise nach Frankreich durch Piemont gekommen bin; aber ich machte damals einen andern Weg. Doch habe ich keinen Grund, meinen jetzigen zu bereuen, da das Land angenehm und seine Bewohner von einer so ungewöhnlichen Höflichkeit sind, wie man sie nicht überall antrifft.«

Diese Worte machten dem andern Mut.

»Und wolltet Ihr«, begann er, »mir nicht die Ehre erweisen und mir sagen, wer Ihr seid, welches Euer Vaterland ist und was Euch in diese Gegend geführt hat?«

Darauf antwortete der Pilger:

»Ich bin im Königreich Neapel geboren – einer in ganz Italien wohlbekannten Stadt, auch meine Mutter entstammt diesem Königreich, mein väterliches Geschlecht aber geht in seiner Wurzel zurück auf Bergamo, einer Stadt in der Lombardei. Meinen Namen und Beinamen verschweige ich als ganz bedeutungslos und unwichtig, so daß Ihr, wenn ich sie Euch nennte, damit nicht mehr wüßtet als zuvor. Ich bin ein Flüchtling. Ein launischer Fürst und die gleichgeartete Glücksgöttin sind in Zorn gegen mich entbrannt, und nun wende ich mich in die Staaten des Herzogs von Savoyen.«

»In ihm«, warf der Jäger ein, »werdet Ihr einen großmütigen, gerechten und gnädigen Fürsten finden.«

Weitere Fragen über die Verhältnisse des Fremden enthielt er sich, da er wohl bemerkt hatte, daß dieser nur ungern darauf eingehe.

Sie näherten sich übrigens jetzt dem Fluß.

Reißend schoß dessen Wasser dahin und ging außerdem weit über die hohen Ufer. Eine Gruppe Bauern, die dem Schauspiel zuschauten, erklärten ihnen, daß der Fährmann sich weigere überzusetzen. Einige französische Herren hätten ihm jeden Preis geboten, er habe aber selbst das höchste Anerbieten abgelehnt.

Da wandte sich der Pilger an den, der ihn begleitet und geführt hatte.

»Die Notwendigkeit zwingt mich,« sprach er, »ein Erbieten anzunehmen, das ich bisher nur abgelehnt habe, weil ich Euch nicht gern lästig falle.«

Und der andere:

»Wohl würde ich diese Ehre lieber Eurem ungezwungenen freien Entschluß verdankt haben, als dem sinnlos wütenden Element; dennoch will ich auch diesem gern dankbar sein, denn er tut mir wahrlich einen großen Gefallen.«

Darauf antwortete der Pilger nicht sogleich. Er zögerte von neuem und prüfte wieder und wieder den Jäger mit argwöhnischen Blicken oder sah verlegen vor sich hin. Endlich aber faßte er einen Entschluß:

»Ihr wollt mir eine Herberge zeigen,« sagte er fast unfreundlich, »auf denn, je eher, je lieber.«

»So laßt es Euch gefallen, mir zu folgen,« sprach der Jäger sichtlich erfreut; »dort das Haus nahe am Ufer ist es, wo ich Euch hinführen will.«

Dieses Haus überragte an Ausdehnung und Höhe weit alle anderen des kleinen Ortes, wo man sich befand, ein Garten hinter hohen Mauern trennte es von diesem und gab ihm ganz das Aussehen eines ländlichen herrschaftlichen Palastes. Ein halbrunder Platz davor, von Prellsteinen und rund zugeschnittenen Bäumen umgeben, bildete den Zugang zu einer Freitreppe, die in breiter Doppelstaffel von zwei Seiten her zu einer Gartenterrasse emporführte. Durch eine offene Tür betraten die beiden einen hohen quadratischen Saal, an den sich rechts und links eine Anzahl Gemächer anschlossen. Der Eingangstür gegenüber führte eine andere breite und bequeme Treppe, zweiseitig wie die vordern, nach dem inneren Hof hinunter.

Reiche Ledertapeten bekleideten die Wände des Saales, und davor, in symmetrischer Verteilung, standen weiße Marmorbüsten auf schwarzen Sockeln. Ein mächtiger Tisch, zum abendlichen Mahl gerichtet, nahm die Mitte des Saales ein, und von der Kredenz her, an der hinteren Saalwand, leuchteten in Gefäßen von Ton und Kupfer hoch aufgetürmt alle verlockenden Gaben des dortzuland so reichen Herbstes.

»Ihr versteht zu überraschen«, also wandte sich lächelnd der Fremde an seinen Führer. »Das sieht ganz aus nach dem reichen Landsitz eines vornehmen Edelmanns, der in luftigem Haus und weiträumigem Garten die gepriesenen Annehmlichkeiten der großen Stadt gern vergißt. Seid Ihr gar selber der Herr des Hauses?«

»Ich nicht,« gab der Gefragte Antwort, »aber mein Vater – Gott gebe ihm ein langes und glückliches Leben! – ist hier der Herr und Besitzer. Er wird es nicht verleugnen, einer der ersten Edelleute unserer Gegend und auch sonst an Höfen und in der großen Welt bewandert zu sein, wenn er auch die meiste Zeit das Landleben dem Hofleben vorgezogen hat, obwohl von ihm ein Bruder am römischen Hofe lebt, den der Kardinal Vercelli, man darf wohl sagen, mit großer Hochachtung und Freundschaft behandelt.«

In diesem Augenblick öffnete sich links eine Flügeltür. Zwei Diener stellten sich auf zu beiden Seiten und der Hausherr betrat den Saal – ein Mann, den Sechzigern näher als den Fünfzigern, mit ergrauendem Haupt und Bart, ganz in Schwarz gekleidet.

Er wandte sich an seinen Sohn: »Woher kommt uns dieser Gast, den ich je gesehen zu haben mich nicht erinnere, weder hier noch anderswo?«

Statt des Sohnes antwortete der Fremde, indem er sich zugleich ehrfurchtsvoll vor dem Hausherrn verbeugte.

»Erweist mir die Gnade«, sprach er, »und erlaubt mir, daß ich meinen Namen verschweige, er ist zu geringfügig, um Euch etwas sagen zu können. Das aber mögt Ihr erfahren: Ich komme von der Stadt Mantua, wo ich mich einige Zeit aufhielt. Ihr wißt vielleicht, daß dort vor kurzem der junge Vicenzo zur Regierung gelangt ist, der einst, wie ich wohl sagen darf, auf der Universität von Bologna zu meinen Freunden gehört hat. Auch wurde ich zu Mantua gar freundlich von ihm empfangen, so daß ich mir wohl Hoffnung machen durfte auf eine ehrenvolle Stelle an seinem Hof. An diesem Hof aber lebte mir ein gehässiger Feind, und der stand in großer Gunst bei dem jungen Herzog, so daß ich es zuletzt nicht mehr mit meiner Ehre vereinbar fand und ... aber gestattet, Herr, daß ich hier schweige. Nur soviel noch: Mein Weg von hier geht nach Turin.«

»Seinen Gast auszuforschen«, antwortete der Angeredete, »wäre eine üble Sitte und verkehrte die wahre Gastlichkeit fast in ihr häßliches Gegenteil. Und so, wer Ihr auch sein mögt, seid willkommen in diesem Hause, wo man immer darauf bedacht gewesen ist, den Fremden Dienst und Ehre zu erweisen.«

Hier trat dem Gast eine Träne ins Auge, die er aber zu unterdrücken suchte; eine hektische Röte zeigte sich auf seinen eingefallenen Wangen, ein eigentümliches Zucken spielte um seine schmalen Mundwinkel, das dünne Lippenbärtchen zitterte.

»Ich nehme Eure großmütige Gastfreundschaft an,« sagte er; »möge es Gott gefallen, daß ich mich dafür eines Tages dankbar erweisen könnte.«

Zugleich traten aus dem Hintergrund her drei Diener in den Saal mit kupfernen Becken und reinlichen Tüchern; die drei Männer wuschen sich die Hände, und dann setzte man sich zu Tisch.

Die ersten Gespräche ergingen sich im Täglichen, über die Jagd des Sohnes, über die unerhörte Anschwellung des Flusses und anderes, aber als die goldig gebräunten Trauben, die flaumigen Pfirsiche, die saftstrotzenden Bergamotten und der grau und grünlich geäderte heimatliche Gorgonzola vor die Speisenden hingestellt wurden, zusammen mit einem andern, einem goldenen Wein statt des schwarzen, da gab der Hausvater den Reden eine neue Wendung.

»Ihr habt von Mantua gesprochen,« so wandte er sich an den Gast, »damit habt Ihr alte Erinnerungen in mir aufgerufen; werdet Ihr, der von sich selber nicht reden mag, mir in Güte es nachsehen, wenn ich mich nun über diese Erinnerungen ein wenig auslasse?«

»Wir können es Euch nur danken«, antwortete der Gast; »denn nur Angenehmes und Belehrendes steht aus Eurem Munde zu erwarten.«

»Vielleicht Schmerzliches«, versetzte der Alte, indem er mit der rechten Hand seinen Bart umspannt hielt.

»So viel habe ich schon bemerkt,« fuhr er fort, »daß Euch gewiß die Werke der Dichter, alter und neuerer, nicht fremd geblieben sind?«

Bei dieser Frage oder Halbfrage trat in die großen tiefliegenden Augen des Fremden etwas wie ein Blick des Unmuts, doch er antwortete: »Ich höre gern reden von den Dichtern und ihren göttlichen Geschenken an die Menschen.«

»Das sei Euch gedankt«, antwortete darauf der Vater. »Denn nun bin ich sicher, Ihr kennt auch den Namen und die Gesänge des großen Bernardo Tasso?«

Über das blasse hohlwangige Gesicht des Gastes lief es wie ein jähes Erschrecken, in seine tiefen Augen trat ein aufflackerndes Licht, das konnte auch seinem Gegenüber nicht entgehen. Doch der Fremde beruhigte ihn.

»Laßt Euch nicht beirren,« sagte er, »ich kenne freilich die Werke des genannten Bernardo; sein großes Helden- und Liebesgedicht, sein Amadigi, wenn es auch dem des Meisters Ludwig nicht gleichkommt, ist meiner Seele teuer; und für den Dichter selber empfinde ich eine hohe Verehrung wie wahrlich für keinen andern Sterblichen.«

»Ihr macht mich glücklich,« versicherte der Hausherr; »denn wisset: diesem Meister Bernardo, diesem großen Dichter Bernardo Tasso verdanke ich persönlich die schönsten Tage meiner Jünglingszeit. Darf ich Euch erzählen?« »Ich bitte Euch inständig darum.«

»So hört: Als zweiter Sohn – mein älterer Bruder, Gott sei's geklagt, ist später gestorben – hatte ich nach unserem Hausgesetz nur geringe Erbansprüche; so schickte mich mein Vater auf die Hohe Schule von Salerno, er wollte einen berühmten Arzt aus mir machen. Doch mein Sinn stand nicht danach. Ihr wißt vielleicht, daß damals der Fürst Ferrante Sanseverino im Fürstentum Salerno regierte; der hatte zu seinem obersten Ratgeber keinen anderen als unseren Bernardo Tasso, und ich – wie es sich zugetragen hat mag der Kürze wegen beiseite bleiben – und ich, der Euch in diesem Augenblick gegenübersitzt, kam als Privatsekretär in dessen Dienste, genau in dem Alter des jungen Jägers da an meiner Seite.«

Der Erzähler machte eine Pause.

Der Gast ihm gegenüber saß stumm mit erglühten Wangen und zu Boden gehefteten Augen. Der Sohn sah besorgt zu ihm hin.

»Liebster Vater,« sagte er, »wirst du unseren Gast nicht ermüden?«

Doch dieser fuhr jäh in die Höhe.

»Nein, nein«, rief er fast heftig; »ich bitte Euch um Gottes willen, erzählt weiter, wenn es Euch nicht belästigt. Ihr erweist mir eine große Wohltat.«

Und der Gastfreund fuhr in seiner Erzählung fort:

»Bernardo Tasso stand auf der Höhe seines Lebens, als ich das hohe Glück hatte, in sein Haus einzutreten. Die spätere Absetzung und Beraubung seines fürstlichen Herrn und seine eigene Verbannung und Armut warfen noch nicht den leisesten Schatten voraus.

Es war dies kurz nach seiner spanischen Reise an den Hof des Kaisers Karl als bevollmächtigter Gesandter des Fürsten von Salerno. Diese wichtige Mission erfüllte er zur vollsten Zufriedenheit seines gütigen Regenten, der ihm nicht nur seine Einkünfte verdoppelte und ihn von da an mehr als seinen Freund denn als Diener behandelte. Er tat noch mehr für ihn.

Er schenkte ihm in der schönen Stadt Sorrent ein Haus auf lotrecht steiler Wand, hoch über dem blauen Meer und erlaubte ihm, mit seiner Familie dort zu wohnen und fern von den Geschäften – procul negotiis, wie der alte Horatius Flaccus es ausdrückte, – ganz seiner Dichtung und seinen Studien zu leben.

Und ich durfte sein Hausgenosse sein. Die ersten Gesänge des Amadigi entstanden damals. Von diesen die sauberen Abschriften herzustellen, die er seinen Freunden schickte, bildete meine beglückende, lustvolle Arbeit neben gelegentlichen geschäftlichen Dingen. Ich wohnte wie im Haus des Glücks.

Der Sohn Torquato war noch nicht geboren, aber eine Tochter, Cornelia geheißen, blühte bereits heran und versprach der Mutter liebliches Ebenbild zu werden. Wenn ich aber an diese denke, die schöne Signora Porzia, da bewegt sich mir noch heute das Herz im Leibe. Mit größerer Zärtlichkeit hat nie ein Weib ihren Mann geliebt; ihre Schönheit und große Güte beglückte zugleich alles Hausgesinde, mich selber behandelte sie wie das eigene Kind. In diesem Jahr des hellsten Glücks trug sie ihren Sohn Torquato unter dem Herzen, das machte sie noch liebreicher als sonst, wie wenn sie sich bewußt gewesen wäre, daß sie dem Jahrhundert den größten Dichter schenken werde. Wer mir damals gesagt hätte, daß diese göttliche Frau einst, abgetrennt von Sohn und Gemahl, im Elend der Verbannung und harter Arbeit sterben werde, den hätte ich getötet ...«

Der Erzähler hielt erschrocken inne, aufs höchste bestürzt durch das, was sich seinen Augen darbot. Der Gast gegenüber hatte sein Antlitz mit beiden Händen bedeckt, eine heftige Erschütterung durchzuckte ihn, und trotz der Verhüllung sah man, daß er bitterlich weinte.

»Gütiger Gott,« rief der Gastfreund, »was ist Euch, Herr?« Und der junge Jäger sah in stummer Betroffenheit zu seinem Vater hin.

Der Fremde konnte nicht sogleich antworten. Erst allmählich beruhigte er sich, und mit einer Stimme voll Schmerz und Trauer erklärte er sein Betragen.

»Ihr edlen Wohltäter,« wandte er sich an die Tischgenossen, »verzeiht meine unmännliche Aufführung; aber Eure letzten Worte, würdiger Herr und Gastfreund, haben mir wie Messer ins Herz geschnitten, ich mußte meiner eigenen armen Mutter gedenken, die ich in zarter Kindheit verloren habe. Wollet nun aber auf das zu reden kommen, was Ihr, wenn ich recht verstanden habe, mich über Mantua zu fragen im Sinne trugt. Mir ahnt, daß Eure Frage den unglücklichen Bernardo Tasso betreffen mag.«

»So ist es,« bestätigte der Hausvater, »und Ihr wißt nun, was mir der Mann in meiner Jugend bedeutet hat; nämlich die reinste Erscheinung hohen Menschentums, der ich im Leben begegnet bin.

Nach seiner Verbannung aus dem Königreich Neapel vernahm ich viele Jahre lang nichts Sicheres über ihn, dann aber hörte ich, daß ihn der Herzog von Mantua, der Vorgänger des jetzigen Fürsten, zu seinem Staatssekretär ernannt hat. Lebt er noch und ist er noch immer in dieser hohen Stellung?«

Und der Gast: »In dieser Stellung ist er nicht lange verblieben, ihre Bürde fiel seinem hohen Alter zu schwer. Er hat sich auf eine kleine Statthalterschaft zurückgezogen, nach Ostiglia, aber die Fieberluft des kleinen Ortes in den Niederungen des Po ...«

»Hat ihn doch nicht ...«

»Hat ihn getötet; er ist in meinen Armen gestorben.«

»In Euren Armen?« rief der andere voll kindlicher Rührung. »In Euren Armen, der große Dichter! Erlaubt, daß ich Euch die geheiligten Hände küsse!«

Und er erhob sich.

»Nicht doch«, wehrte der Gast; »setzt Euch, ich bitte, zurück auf Euren Stuhl, Edler, Würdiger, und hört mich.«

Der Alte setzte sich, und Vater und Sohn hielten die Augen in voller Erwartung auf den Gast gerichtet.

»Ich stehe bei Euch tief in Schuld«, begann dieser, indem er sich an den Vater wandte; »der arme Pilger, den Ihr in so großmütiger Gastfreundschaft in Euer Haus genommen habt, hat sich wenig dankbar dafür erzeigt, indem er Euch gegenüber nicht aus seinem Versteck heraustrat, wie er es sich auf dieser Wanderschaft zur Regel gemacht hat; aber Eure schönen Worte, Eure Worte über die beiden Toten Bernardo Tasso und seine Gemahlin, machen mich Euch mehr geneigt, als ich anfangs gedacht hatte. So wisset: Der vor Euch sitzt, ist des unglücklichen Bernardo tausendmal unglücklicher Sohn!«

Da war nun freilich das Erstaunen der anderen groß.

»Du bist Torquato?« rief der Vater, »Torquato Tasso, den ich als Kind in meinen Armen gehalten, der Dichter des »Rinaldo« und des »Befreiten Jerusalem«?

»Dieser Unglückliche bin ich!« sprach der Dichter in einem Ton voll Schmerz und Trauer.

Es behielt aber seine Rede weiterhin nicht diese Färbung; sie wurde bitter, als der Dichter, wenn auch nur mit karg andeutenden Worten auf Ferrara und dessen Herzog zu sprechen kam, auf seinen Kerker dort und seine Ketten, durch neun jammervolle Jahre in der schönsten Blütezeit seiner Jugend, dann auf seine Flüchtlingsjahre, die er mit seiner wahrscheinlich wirklich kranken Phantasie grell genug beleuchtete. Und auch auf das Schicksal seines Gedichts kam er zu sprechen, das man ihm wegnahm mit List und Gewalt und unfertig und verstümmelt in Druck gab, daß es ihm vor allen Verständigen Schande bereiten und seinen Ruhm im Keime ersticken sollte.

Die Hörer ergriff mächtig das Geschick des Unglücklichen. Der Vater aber glaubte einen Trost zu haben:

»Edler Torquato,« sprach er, »höre nun auf mich! Mir ist von Gott Großes widerfahren, dafür werde ich ihm nie genug danken können. In mein Haus hat er mir den Sohn des verehrtesten Mannes geschickt, den ich im Leben kannte, den Dichter Torquato Tasso, den Italien und Europa bewundert! So hat Gott mich begnadet. Nun tue auch du mir ein Kleines; betrachte mein Haus als das deinige, ruhe dich aus bei mir, heile deine wunden Füße. Du hast hartes Leid erfahren; deine körperlichen Kräfte sind erschöpft. Bleibe bei mir, und in meiner Liebe und Pflege komme du von neuem zu Kraft und Gesundheit. Der Herzog von Savoyen, wenn er auch mein Lehensherr ist, mag eine Weile warten.

Bei diesen Worten schnellte der Dichter von seinem Stuhl empor und brach los:

»Armer Alter, du kennst mich nicht. Du vermagst von den Dichtern zu schwärmen wie ein Knabe; aber du ahnst nicht, was ein Dichter ist. Du hältst mich gar für deinesgleichen. Den freien Sänger, den Gesandten Gottes, der den Menschen erst ihre Freiheit lehrte und ihre Würde, den willst du in deinen Käfig einfangen und einsperren? Und den Dichter, an das Mahl der Götter gewohnt, willst du mit deinen Bohnen mästen und zu einem Krautjunker erniedrigen. Oh, ich durchschaue dich! Du bist mit meinen ärgsten Feinden im Bund, wie konnt' ich dir nur so blind in die Schlinge gehen? Du wußtest, daß der Herzog von Savoyen mich erwartet, so hast du deinen Knaben als Jäger nach mir ausgesandt. Sehr schlau hast du das eingefädelt. Und fest sehe ich deine Tür verschlossen. Oh, wer zeigt mir den Weg in die finstere Nacht hinaus? Ich darf es nicht versuchen; du würdest mich von deinen Knechten greifen und fesseln lassen. Ich will keine Fesseln, ich will nicht gebunden sein. Junger Mann, führe mich zu meinem Lager!«

Der junge Jäger erhob sich, totenbleich und zitternd; der Dichter folgte ihm auf dem Fuße; der Alte sank wie vernichtet in seinen Sessel.

Der Sohn kehrte blaß und stumm zurück; und erst nach einer Weile fand der Vater ein Wort:

»Es mag,« begann er, »es mag an unserer ländlichen Lebensweise liegen, daß das höfische Leben uns mehr abstößt als anzieht. Dieser Torquato aber, zuerst am Hofe erzogen und dann immer an Höfen lebend, kann sich ein anderes Leben gar nicht denken; und kaum einem Hof und einer harten und stellenweise unmenschlichen Behandlung entflohen, ist er schon wieder auf der Suche nach einem neuen Hof. In Pesaro-Urbino und in Mantua ist es ihm mißlungen; nun hofft er auf Savoyen. Uns mag das wie ein Wahnsinn erscheinen, aber wir haben unrecht! Die Höfe sind eben doch wirklich die große Welt, und nicht selten sind sie auch Brennpunkte des höheren geistigen Lebens.«

Am anderen Morgen begrüßte Tasso seinen Gastfreund in steifer Feierlichkeit, und mit ausgesucht höfischen Worten wiederholte er seinen Dank. Eine Einladung zum Morgenimbiß lehnte er ab, und vor der Tür schüttelte er den Staub von seinen Füßen und zog dann seine Straße, ohne auch nur einen Blick auf das gastliche Haus zurückzuwerfen.

Es steht aber der alte Palast, wo sich dieses alles zugetragen hat, noch heute in dem ländlichen Ort Borgo Vercelli auf dem linken Ufer der Sesia, und der Fremde wird von den Einwohnern darauf aufmerksam gemacht. Aber den Namen und die Person des hochherzigen Gastfreundes konnten Historiker und Biographen seltsamerweise nicht feststellen. Überhaupt wäre ihnen dieser Vorfall im Leben des unglücklichen Dichters verborgen geblieben, wenn nicht Torquato Tasso eben selber ausführlich davon gesprochen hätte, und zwar in einem seiner zahlreichen philosophischen Dialoge, dessen italienischer Titel mit demjenigen dieser Geschichte »Der Pilgrim und sein Gastfreund«, wenn auch nur annähernd, wiedergegeben ist.

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