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Benno Rüttenauer: Frau Saga - Kapitel 2
Quellenangabe
typelegend
authorBenno Rüttenauer
titleFrau Saga
publisherGeorg Müller
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
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Das Weib des Dataphernes

In den östlichsten Gegenden des von ihm erbeuteten Persischen Reiches war's, nicht weit mehr von den Grenzen des heiligen Indien, wohin so lange schon die ungeduldige Sehnsucht seiner abenteuerlichen Seele ihn lockte, und der fast fabelhafte und auch fast jünglinghafte Eroberer stand von neuem im Feldlager, diesmal gegen einen, der sich ihm noch kurz zuvor unterworfen und in Freundschaft verbunden hatte. Jetzt aber nannte er sich selber einen König der Perser, und in gewaltig verschanztem Lager und mit seinem furchtbaren Heer aller Unzufriedenen aus Margianien, aus Sogdianien, aus Baktrien und aus dem Parapanesischen Gebirgsland verstellte er dem fremden Vordringling den Weg, auf dem ihm seine eigenen Krieger bereits nur dumpf murrend und widerstrebend folgten; denn ihnen, den Phantasielosen, stand nur die Gegenwart mit ihren unmenschlichen Leiden und Mühseligkeiten vor Augen, und kein Gott in ihrem Innern zeigte ihnen, wie ihrem jugendlichen Führer und König, die Wunder der Verheißung.

Wieder einmal sah sich Alexander in einer schwierigen und fast verzweiflungsvollen Lage. Aber wie so oft die Großen und Größten dem Glück mehr zu verdanken hatten als ihrem Vermögen, wenn man nicht sagen will, daß eben auch das Glück ein Teil ihrer selbst ist: ebenso erfuhr es jetzt Alexander. Schon am frühesten Morgen, nachdem er sich aus den ihn umschlingenden Armen des Exkipinos sanft gelöst hatte, sanft und vorsichtig, um den schönen Liebling und Lagergenossen nicht zu erwecken, hatte er sich von seiner elfenbeinernen Lagerstätte erhoben. Von zwei nackten schwarzen Sklaven ließ er sich baden und salben und trat dann in den Ankleideraum seines weitläufigen königlichen Gezelts, wo zwölf adelige Jünglinge aus Makedonien, denen dies als Ehrendienst oblag, seiner harrten. Sie hielten bereits auf hochgestengelten bronzenen Dreifüßen die einzelnen Stücke seiner Rüstung in Bereitschaft, die sie ihm nun mit freudigem Eifer anzulegen begannen, zuerst die Stiefel von grünem Leder mit goldenen Sohlen und Schnürwerk, dann die geringten Beinschienen und Armspangen, zuletzt den Harnisch, alles in schwerübergoldetem Silber ...

Noch nicht lange trug er solche Prunkrüstung; erst seitdem er dem Goldland Indien näher und näher rückte, hatte er nicht nur sich selber, sondern auch seine Feldherren damit ausgestattet, er wolle, sagte er, nicht ärmlich erscheinen vor dem Glanz der indischen Könige, die von ihm den Eindruck haben sollten, daß er nicht um Beute käme, sondern allein des Ruhmes halber.

Als man ihm jetzt den Schild mit dem goldenen Bild der strahlenden Sonne und den stählernen, mit Gold eingelegten, von schneeigweißen Straußfedern überwallten Helm reichen wollte, winkte er ab, ließ sich in die Purpurkissen seines elfenbeinernen Stuhles nieder, in stummen Gedanken vor sich hinbrütend, nicht achtend, daß vor dem Zelt sein Schlachtroß wieherte und ihn zum Morgen grüßte für den bevorstehenden Kampf.

Wie würde er ausgehen? An fester Verschanzung und an Zahl war ihm der Feind weit überlegen. Zwar an seinem Glück konnte ein Alexander nicht zweifeln nach all den Wundern, womit er den ganzen Erdball in Erstaunen versetzt hatte. Seine schwierige Lage aber mißkannte er nicht. Und der böseste Teil davon war ihm ein bis jetzt noch nicht Gekanntes: die heimliche Feindseligkeit eines großen Teils seiner eigenen Truppen. Oh, dieser Dataphernes! Sollte es diesem Elenden vergönnt sein, dem Siegeslauf eines Alexanders Einhalt zu tun und die Erfüllung seiner schönsten und letzten Träume zu verhindern?

Auf diesem nämlichen Stuhl von Elfenbein mit den goldenen Löwentatzen zu Füßen und den goldenen Falken, diesem makedonischen Symbol, auf seinen Knäufen, hatte er vor kaum halber Jahresfrist diesen Dataphernes vor sich empfangen, der ihm den Afterkönig Bessus, den ruchlosen Mörder des großen Darius, gefesselt überbracht hatte, womit er sich die Gnade Alexanders zu gewinnen gedachte. Noch sieht dieser, wie gegenwärtig, den ehemaligen Satrapen des Darius vor sich auf den Knien liegen, die Stirne an den Boden gedrückt, bänglich harrend auf ein freundliches Wort Alexanders; denselben Dataphernes, der dann schon nach drei Wochen abtrünnig wurde, sich selber an des Bessus Statt zum König ausrufen ließ von den aufrührerischen Völkern und jetzt mit ihnen dem feindlich entgegenstand, der ihn vor diesem Stuhl mit gütiger Hand aus dem Staub aufgehoben und mit Freundschaft und Wohltaten überhäuft hat ...

Solches alles dachte Alexander in seinem Hinbrüten, als er plötzlich in unwirsch heftiger Bewegung (daß man seine Locken rauschen hörte, würde vielleicht ein Dichter sagen) das gesenkte Haupt erhob und zornig fragenden Blicks nach dem Eingang des Gemachs schaute. Dort stand bereits eine kleine Spanne Zeit, den aufgehobenen Vorhang aus persischem Goldgewebe und smaragdgrüner Seide mit der Linken haltend, der Makedonier Pausippos, einer der königlichen Leibwächter, und hatte jetzt mit seinem Speerschaft merklich auf den Boden gepocht, den ein dicker, reichgemusterter persischer Teppich bedeckte.

»Was soll's?« fragte Alexander barsch, der, nun einmal mißtrauisch geworden, weil er wirklich viele Makedonier widersetzlich gesinnt wußte, bald in jedem von ihnen, auch dem treuesten, einen Feind vermutete.

»Ein Weib von großer Schönheit und königlichem Ansehen, aus dem feindlichen Lager kommend,« antwortete der Krieger, »bittet um die Gnade, vor dein Angesicht geführt zu werden, König.«

Mit einem Augenwink gab Alexander seine Zustimmung, und ehe er die eintretende, tief verschleierte Erscheinung recht ins Auge fassen konnte, hatte sie sich auch schon vor ihm niedergeworfen, die Stirne auf den Boden gedrückt.

»Erhebe dich,« sprach der König, zwar freundlich, aber doch gebieterisch, »und vor allem«, setzte er hinzu, als sie sich langsam und feierlich aufgerichtet hatte, »tu deinen Schleier hinweg.«

Diesem Befehl leistete sie zögernd Folge, und Alexander, betroffen von einem unheimlichen Geruch frischen Blutes und den purpurklebrigen Flecken in den zart-feinen Geweben aus Gold und Weiß ihrer königlichen Gewänder, doch zugleich sichtbar hingenommen von des fremden Weibes seltener Schönheit und hoheitlicher Erscheinung, fand nicht gleich ein Wort. Doch nur kühlen Blickes betrachtete er sie. Denn eine einzige frauliche Schönheit nur besaß augenblicklich Gewalt über ihn (die schöne Unbekannte sollte es bald in grausamster Weise erfahren), nämlich die Schönheit der jungen Roxane, der Tochter des von ihm besiegten Königs Axyartes, der sich zu vermählen Alexander bereits fest entschlossen wußte, was auch seine Makedonier dazu sagen mochten, welche diese Verbindung ihres Königs mit einer Kriegsgefangenen und Sklavin, denn das galt für eins und dasselbe, wie eine Schmach empfanden, die ihnen der König anzutun im Begriff stand. Und wahrlich, allgewaltig mußte die junge Schönheit sein Gemüt oder seine Sinne beherrschen; denn kein Kleines war's, was er mit der geplanten Vermählung wagte, seinem ganzen Heere zum Trotz. Damit hatte die Unbekannte nicht gerechnet, und eingeschüchtert von seinen kalten Blicken, senkte sie verlegen die Augen.

»Wer bist du und was begehrst du von mir?« fragte endlich in halb freundlich, halb strengem Tone der junge König und Herr der Welt.

»Erkennst du nicht deine Magd, großer König?« gab das Weib dawider. »Und doch hat einmal deine Göttlichkeit mich begnadigt und hat dein göttliches Auge mich mit gütigem Wohlgefallen wahrzunehmen geruht.«

»Weib, du bist kühn«, entgegnete ihr Alexander mit betonter Strenge. »Pochst du auf deine Schönheit? Ich frage, und statt zu antworten kommst du mir mit deinen eigenen Fragen. Wer bist du? Und was bedeuten die blutigen Flecken deines Kleides? Wirst du mich endlich einer Antwort würdigen?«

Jetzt erhob die Unbekannte den Blick zu ihm auf, und ein leises Zittern schien die Pracht ihres Körpers unter den spinnwebfeinen Gewändern zu durchrieseln.

»Ich bin das Weib des Dataphernes.«

In Alexanders Blick spiegelte sich ein auftauchendes Erinnern, verbunden mit heftigem Erstaunen.

»Wahrlich, ich entsinne mich,« sprach er, »zu Marakanda war's in den Gemächern deines Gemahls, der mich damals an seine verräterische Freundschaft glauben ließ; er selber hat dich vor mich geführt.«

»Und dein göttliches Auge ruhte wohlgefällig auf deiner Magd,« fiel das Weib ein, »du fandest mich begehrenswert.«

Alexander blickte mit kalter Strenge.

»Wo hinaus willst du?« fragte er. »Was schaffst du in meinem Lager, du Weib des Verräters?«

»Um dir zu sagen, König, daß er dich allein um meinetwillen verraten hat. Ich allein bin die Ursache seines verräterischen Abfalls.«

Alexander horchte auf.

»Was soll das? Bereut Dataphernes? Will er zu mir zurückkehren? Kommst du als Mittlerin? Aber warum ist dein Kleid befleckt mit Blut?«

»Gefällt es dir, o König,« sprach jetzt das Weib des Dataphernes, »deiner Magd zuzuhören, so laß diese Jünglinge erst von dir hinausgehen.« Und auf einen Wink Alexanders entfernten sich die jungen Makedonier.

»Ich sagte dir schon, Göttlicher,« fuhr sie darauf fort, »daß ich allein die Ursache bin an dem Abfall meines Gemahls von seinem hohen König und gnädigen Freund.«

»Du willst ihn reinwaschen von seiner Schuld, von seinem stinkenden Verrat?« unterbrach Alexander.

»Diesen Verdacht«, entgegnete sie, »wirst du nicht mehr hegen und wirst deine Magd, die vor dir im Staube liegt, gnädig anblicken, wenn du mich erst zu Ende gehört hast. Dataphernes liebte mich. Oh, selten ist ein Weib so geliebt worden. Er genoß keinen ruhigen Augenblick, wenn er mich nicht in seiner Nähe wußte. Ich mußte ihn überall hin begleiten, und so nahm er mich damals auch mit an dein Hoflager zu Marakanda ...

Er war ganz unbändig stolz auf mich, und jedermann sollte ihn beneiden um sein Weib. Sogar du, du Göttlicher. Darum hat er mich vor dein Angesicht gebracht. Aber das reute ihn schnell. Er hatte dein Wohlgefallen für mich bemerkt und er fürchtete um mich. Oh, er gebärdete sich wie ein Rasender damals. Er hielt mich schon für verloren. Und darum fing er an, dich zu hassen, vor dem er sich gebeugt hatte als vor einem Gott, und immer heftiger haßte und fürchtete er dich: daß er heimlich von dir entwich, und aus deinem Anbeter wurde er dein bitterster Feind ...

So bestimmte es sein Schicksal, in das er nun ganze Völker mit hineinzog, die alle, ohne ihn, zu deinen Füßen lagen und sich beglückt fühlten, deine Sklaven sein zu dürfen. Und auch mich, deine Magd, die jetzt in Zittern und Zagen vor dir steht, zog er mit hinein ...

Doch nur über meinen Körper hatte er Gewalt, nicht über meine Seele. Und doch hatte ich ihn geliebt. Und hielt ihn für den stärksten und schönsten Mann des ganzen persischen Reiches und habe ihm zwei Söhne geboren, die noch unter der Obhut ihrer Amme stehen. Aber dann sah ich dich, Göttlicher!«

Hier unterbrach Alexander sie, wenn auch auf höchst freundliche Weise.

»Weib, ich bin kein Perser,« sprach er, »ich bin ein Makedonier, und wenn du meines Wohlwollens bedarfst und ich dich seiner würdig finde, bedarf es nicht der Schmeichelrede, die die größte Feindin ist der Könige.«

»Du nennst dich einen Makedonier,« gab sie ihm zurück, »aber der Gott Ammon, oder Zeus, oder wie ihr ihn sonst nennt, euren höchsten Gott und der dort unten im Ägypterland seinen Tempel hat, wo du ihn aufsuchtest, er hat ein anderes Zeugnis für dich ausgesprochen. Danach bist du ein Olympier. Willst du den Gott Lügen strafen? ...

Ich bin nur deine niedrige Magd, aber von dem Augenblick an, wo ich dein göttliches Angesicht schauen durfte, stand es für mich fest, du kannst nur der Sohn eines großen Gottes sein und selber ein Gott, und wußte ich, daß keine irdische Macht, wie stark sie auch sei, dir je zu widerstehen vermöge. Und wer auch der arme Sterbliche sei, der sich dir zu widersetzen erkühnt, du wirst ihn zermalmen, wie eures Iovis Blitz alles zermalmt, wo er einschlägt, die Hütte des Bauern wie die hohen und festen Türme der Könige ...

Und darum zitterte ich für meinen Gemahl. Ich liebte ihn ja. Sollte ich es ruhig mit ansehen können, wie er sich selber, der Blinde, kopfüber in sein Verderben stürzte?

Aber freilich, der Dämon, der ihn verblendete, Eifersucht nennt man ihn, ist schwer überwindbar, ich fürchtete nicht umsonst, daß ich ihm unterliegen könnte ...

Aber nach langem Zögern fand ich doch den Mut, und mit meinen beiden Söhnlein auf dem Arm trat ich zu ihm hinein und warf mich vor ihm in den Staub, und während die Kinder weinend seine Knie umklammerten, flehte ich ihn an mit aller Kraft meiner Liebe – noch liebte ich ihn – doch endlich seine Verblendung abzulegen und abzustehen von dem Wege, der uns alle ins Verderben stürzen müsse. Und auch von dir, o König, redete ich ihm und von deiner göttlichen Milde und Großherzigkeit, und wieviel besser es sei, dich zum Freund zu haben als zum Feind.«

»Du sprachst wahr«, bemerkte Alexander.

»Ja,« fuhr das Weib des Dataphernes fort, »aber lauter und vernehmlicher, als ich für das Ohr meines Gemahls, sprach jener Dämon mit unheilvollen Einflüsterungen. Und wohl merkte ich, wie mein Gemahl diesen Zuflüsterungen begierig lauschte ...

Er erbleichte; sein Gesicht verzerrte sich. ›Ha,‹ schrie er, ›so mußte mich der Liebesgott äffen, daß ich am Busen eine Schlange hegte, die mir nach dem Leben stellt. Aber nun hast du dich selber verraten. Nach dem Bett jenes Makedoniers steht dein Sinn und ihm willst du mich verraten und verkaufen. Hinweg aus meinen Augen, du Buhldirne, du Hündin.‹ Damit stieß er mit dem Fuß nach meiner Brust, zugleich zückte er sein Schwert gegen mich, und wenn nicht auf seinen Wutschrei hin meine beiden Brüder zu meiner Hilfe herbeigestürzt wären, er hätte mich erwürgt wie ein böses Tier. Aber meiner Kinder sollte ich beraubt sein und sollte verbannt sein aus seinem Angesicht unter Todesstrafe. Und ›geile Hündin‹ lautete das letzte Wort, das ich hörte aus seinem schäumenden Munde.«

»Und da kamst du zu mir?« fragte Alexander. »Was aber begehrst du von mir?«

»Nicht also«, sprach sie. »Ohne Opfergabe und mit leeren Händen vor ihrem Herrn und Gott zu erscheinen hätte deine Magd nie gewagt. Es kam auch anders, als ich erwarten konnte. Dataphernes mußte erfahren, daß er ohne mich nicht leben konnte. Zwar waren ihm genug Weiber zu Willen und groß die Zahl seiner Sklavinnen, und sehr schöne fanden sich darunter, ganz helle aus Kaukasien und Hyrkanien, die des größten Schönheitsrufs genießen, und dunkle aus Äthiopien und braune aus dem heiligen Indien. Aber keine mochte er berühren. Seine schäumende Wut auf mich hatte die Gewalt des Liebesgottes nicht überwältigt ...

Und krank in tiefster Seele vor unbezwinglichem Verlangen nach mir, überwand er endlich seinen Stolz und schickte meine Brüder zu mir, mich mit ihm zu versöhnen. Bei mir aber stand es fest, daß ich den Anblick des Mannes, der mich wie ein Aas vom Schindanger behandelt hatte, nicht mehr zu ertragen fähig sei. Dennoch ließ ich mich nicht lange bitten und kehrte gehorsam zu ihm zurück. Und mit einem großen Freudenmahl feierte er unser Wiedersehen. Das war am gestrigen Abend ...«

Hier hielt sie zögernd inne.

»Doch wenn du geruhst, o König,« sagte sie dann, »mein Sklave harrt vor dem Zelt; mit deiner Bewilligung wird er die Gabe hereinbringen, die ich dir zugedacht habe.«

»Weib, mich kommt ein Grauen an vor dir«, rief Alexander, »was steckt für ein Sinn hinter deinen geheimnisvollen Worten und was bedeutet der Blutgeruch und die Flecken deines Kleides?«

Sie wollte antworten, aber da wurde der Vorhang aufgehoben und zwei makedonische Leibwächter traten ein und führten einen Sklaven mit einem Korb am Arm vor Alexander.

»Dieser verdächtige Mensch«, sprach einer der Leibtrabanten, »weigerte sich, uns zu zeigen, was er da in seinem Korbe trägt, nur vor dem König dürfe er den Korb öffnen, so sei es die Weisung seiner Herrin. Sollte er Waffen darin verborgen haben?«

Der fremde Sklave hatte während dieser Rede seinen Korb auf einen niedern Dreifuß gestellt und mit einem Blick auf seine Herrin entfernte er jetzt den Deckel. Die beiden Makedonier fuhren entsetzt zurück.

Ein abgeschnittener Kopf, das Gesicht gräßlich verzerrt, mit Blut überrieselt und von verklebten Haarsträhnen halb verdeckt, grinste ihnen entgegen. Der Mund mit den gelben Zähnen stand weit offen über dem dichtschwarzen, keilförmigen Kinnbart.

Streng fragend traf Alexanders Blick – auch ihm sah man das Entsetzen an – das fremde königliche Weib vor ihm.

»Kennst du ihn nicht?« sprach sie; »seine Züge sind freilich entstellt, aber betrachte seine goldenen Ohrgehänge mit den hellgrünen Smaragden aus Ceylon. Schau nur, wie sie leuchten aus der Lache von rotem Blut. Du selber hast sie ihm eigenhändig geschenkt, als er zu Marakanda, nachdem er dir den gefesselten Bessus überlieferte, an deinem Gastgelage teilnahm. Er war damals der erste, der dich als Gott angeredet hat, und es hat dir heimlich gefallen; aber seine Rede war Lüge, denn wie hätte er sonst vermocht, sich gegen dich zu empören.«

Alexanders entsetzte Augen starrten auf den blutbesudelten Kopf seines Feindes.

»So siehst du nun aus, du tückischer Perser,« murmelte er, »du wirst mir also nicht mehr weiter in den Weg treten.

»Aber du, sein Weib,« wandte er sich an die königliche Frau, »wie hast du das vollbracht?«

»Deine Magd, o König, sagte dir schon,« antwortete sie, »daß gestern Dataphernes zur Feier seiner Versöhnung mit mir ein großes Freudenmahl veranstaltete, und ich, an seiner Rechten gelagert, mußte daran teilnehmen. Er war sonst kein Säufer und Schlemmer, du weißt es, o König, er hielt auf strenge Sitten, mehr als es sonst bei Persern üblich ist. Aber in seinem gestrigen Glück – ich selber empfand nur ein tiefes Grauen dabei – in seinem berauschenden Glück vergaß er sich und genoß zu viel des schweren Weines und mußte besinnungslos von seinen Trabanten in die Schlafkammer und auf sein Lager gebracht werden. Doch als ich nach kurzem Verweilen, wie er es von meiner Ergebenheit erwartete, bei ihm eintrat, wurde er noch einmal wach und zog mich mit Ungestüm zu sich nieder auf das eheliche Bett, und doch fühlte ich meine Seele allein erfüllt von Ekel und Verachtung und Haß ...

Er versank bald wieder in besinnungslosen Schlaf. Da erhob ich mich. An dem ehernen Pfosten des Lagers hing sein Wehrgehänge. Rasch zog ich das Schwert aus der Scheide, so vollbrachte ich es.«

Mit grauenhaftem Staunen vernahm Alexander diesen unheimlichen Bericht, die beiden makedonischen Leibwächter aber traten vor der königlichen Mörderin zurück wie vor etwas Unheimlichem, er selber blickte in heftiger Erregung stumm vor sich nieder.

Doch nicht der grausige Vorgang im Schlafgemach des Dataphernes stand ihm vor der Seele. Etwas anderes sah er wie leibhaftig vor sich, wovon er aber noch tiefer und schmerzlicher erschüttert wurde; eine Vision hatte er, die er endlich verbannt zu haben glaubte mit der Kraft seiner Seele und die sich immer wieder wie ein Gespenst vor ihm aufrichtete.

Einen blutüberströmten Körper sah er hingestreckt zu seinen Füßen. Auch in dessen Kopf stand der Mund weit offen, doch das Kinn reckte sich bartlos in die Höhe, ein bereits ergrautes Haar bedeckte das Haupt. Er, der König, hielt eine blutige Lanze in der Hand, damit hatte er den andern erstochen, seinen besten Freund, den Bruder seiner geliebten Amme, den alten Klithus ...

Er tat es freilich im Rausch, und der Freund hatte ihn unmenschlich gereizt, während jene dort kalten Blutes gehandelt. Dennoch ... er konnte den Gedanken nicht abweisen einer Verwandtschaft der einen Tat mit der andern, und der Schauer seines Gewissens schüttelte ihn von innen heraus. Schon damals, vor kaum neun Monden, hatte er unsagbar gelitten, und drei Tage alle Nahrung verweigernd, war er entschlossen, zu sterben. Aber was hatte es genützt, daß er in Verzweiflung über sein Tun sich die Nägel ins Fleisch grub, Klithus blieb tot.

Endlich besann er sich, daß das Weib des Dataphernes auf ein Wort von ihm wartete. Er sah sie an wie in Mitleid.

»Weib,« so sprach er, »du hast mir einen großen Dienst getan. Du hast mir den Weg frei gemacht in das Land meiner kühnsten Träume. Aber ich kann dir's nicht lohnen. Deine Tat ist allzu abscheulich. Und an deine unschuldigen, an deine geliebten Kinder hast du nicht gedacht, als du im Begriffe standest, ihren Vater zu erwürgen?«

»Mit meiner Tat«, sprach das Weib, »habe ich sie vor dem Verderben gerettet, und ganze Völker habe ich vom Tod und Verderben gerettet durch mein Tun.«

Alexander schwieg einen Augenblick.

»Du kannst nicht bei uns verweilen,« sprach er endlich, und ohne Strenge sagte er es, »nein, nein, deine Gegenwart wäre ein Ärgernis in den Augen meines Volkes und seinen sanfteren Sitten eine Gefahr. Kehre zurück in euer Lager und möge dein eigenes Volk dir gnädig sein.«

Er hatte aber noch kaum ausgesprochen, da war das Weib des Dataphernes plötzlich auf den Boden niedergeschlagen und zufällig so, daß ihr schönes Haupt über dem abgeschlagenen Kopf ihres Gemahls ruhte, mit dem Gesicht nach unten wie zum Kuß.

Nämlich schneller und gewandter als man denken konnte und ehe die hinzustürzenden Leibwächter sie zu verhindern vermochten, hatte sie sich einen behutsam versteckten Dolch tief in das Herz gedrückt, daß jetzt das Blut ihre Gewänder durchsickerte und sich vermischte mit dem ihres Gemahls wie zu einer mystischen Vermählung.

Auch ein Begräbnis bewilligte ihr Alexander nicht. Er befahl aber, ihren Leichnam den Ihrigen zurückzubringen. Aber sie hatte wohl gewußt, was sie tat, als sie von dem Dolch Gebrauch machte. Ihre eigenen Brüder verurteilten sie, und ihr noch halbwarmes Fleisch wurde den Hunden und Schakalen zum Fraß.

So endete das Weib, das an der Schwelle des heiligen Indien dem fast fabelhaften und auch fast jünglinghaften Welteroberer das Tor aufgetan und den Weg frei gemacht hat, wozu der alte Chronist die Bemerkung macht, daß ein großer Mann zwar in erster Linie groß ist durch seine Tugend, doch auch oft genug darauf angewiesen ist, gute Beziehungen zu haben mit der launenhaften und wetterwendischen Göttin, die man das Glück nennt – man müßte denn annehmen, wie es schon ausgesprochen wurde, daß eben das Glück zur Größe gehört wie das Ei zum Dotter, wie der Stern zum Auge.

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