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Benno Rüttenauer: Frau Saga - Kapitel 13
Quellenangabe
typelegend
authorBenno Rüttenauer
titleFrau Saga
publisherGeorg Müller
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
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Meister Ambrogios Himmelfahrt

(Aus einer alten Prager Mönchschronik.)

I.

September, den 21., am Feste des hl. Matthäus, Apostels und Evangelisten. Ich will diesen Tag, den mir Gott zu so vielen andern in der Fülle seiner Gnade geschenkt hat, damit beschließen, daß ich das wunderbare Erlebnis eines frommen Künstlers aufzeichne, das später einmal den Söhnen des hl. Franziskus, bei ihren Predigten für das christliche Volk, als ein auffälliges Beispiel dienen möge, was bei der hl. Jungfrau Maria, der Mutter unseres göttlichen Herrn und Heilandes, ein unermüdliches und herzhaftes Gebet vermag, wenn es aus einem gläubigen und einfältigen Herzen stammt.

Als vor einem Jahr und drei Monaten der großmächtigste römische Kaiser, unser geliebter König Karl, von seiner zweiten Romfahrt heimkehrte, wo er, ein treuer Sohn der Kirche, den Papst gegen die römischen Fürsten beschützt hat, als welche sich zu öftermalen gleich wilden Heiden gegen den Stellvertreter Gottes auf Erden betragen haben, da kam der große Kaiser, wie durch viele andere Orte, auch durch die weitgerühmte Stadt Venetia.

Und der Herr der Christenheit sah hier mit Erstaunen die zahlreichen und hochrühmlichen Werke der Kunst, in Kirchen und Klöstern, besonders jene Bildereien, die nicht durch Auftragung von Farben, sondern durch unzählige farbige Steinchen hergestellt werden, welche wundersame Kunst die Venetianer von den Griechen gelernt haben.

Solches sah der Kaiser. Und da gedachte der großmächtigste Herr seines Münsters zu Sankt Veit in seiner Stadt Prag, das er durch den Meister Mathias von Arras im fränkischen Lande und den andern berühmten Meister, Peter Arler aus Schwaben, seit dreißig Jahren erbauen und durch viele gewandte Künstler aus deutschen und welschen Landen freigebig ausschmücken läßt. Faßte also der eifrige Herr den Vorsatz, ein solches griechisches Gebild, das die Italiener opera in mosaico nennen, und wie man in Städten germanischer Nation keines je gesehen, an seinem Münster zu Sankt Veit anbringen zu lassen, zur Mehrung eigenen Verdienstes wie allermeist zur Verherrlichung Gottes und seiner heiligsten Mutter.

Redete also der Kaiser mit einem Meister dieser Kunst, der sich ihm Ambrogio da Bovolenta nannte, und dung ihn mit samt seinen zwei Gesellen, Luigi und Gaudenzio, und nahm alle drei Männer mit sich in seine Stadt Prag, die der König liebt vor allen Städten der Welt. Und ließ ein Gerüst aufschlagen, am Querschiff des Münsters, an der Wand, die gen Mittag schaut, und übergab die Wand dem welschen Meister, daß er sie ausfülle mit seiner kunstreichen und seltenen Bilderei, die, wie das kaiserliche Dekret es wörtlich sagt, » quanto plus per pluviam abluitur tanto mundior et clarior efficitur«, d. h., die um so glänzender und helleuchtender wird, je mehr der Regen sie abwäscht.

Die höchste Erfüllung der göttlichen Weltschöpfung sollte der fromme Meister auf der weiten Wand sorglich und getreu abbilden, nämlich Christus den Herrn im jüngsten Gericht, wo auf seinen Ruf die Toten auferstehen, die Gerechten zur Gnade und Herrlichkeit, die Bösen aber zur ewigen Verdammnis.

2.

Und seit Jahr und Tag arbeitet der Meister Ambrogio herzhaftig an seinem Werk.

Zwar wenige Leute in unserer Stadt mögen sich denken, was Wunder ihre Augen eines Tages schauen sollen. Denn Ambrogio da Bovolenta ist ein eigensinniger Meister, der keine Zuschauer um sich leiden mag und nicht geschehen läßt, daß jemand zu ihm auf das Gerüst steige: einmal, weil er sehr emsig ist und nicht gehindert sein will, zum andern, weil er vielleicht fürchtet, daß einer ihm das Geheimnis seiner Kunst und seiner Handgriffe ablausche, und letztlich, weil er das Werk nur in seiner ganzen Vollendung schauen lassen mag.

Zu mir aber faßte der Meister seit mehrerer Zeit eine Freundschaft. Denn eines Tages, als er gerade auf der Leiter stand, rief ich ihn in seiner welschen Sprache an, die man auch in meiner tridentinischen Heimat redet. Und da freute er sich über die Maßen, sein liebes Welsch in dem fremden Lande zu hören, und lud mich ein, ihn auf seiner Werkstatt (womit er das Gerüst meinte) heimzusuchen, wo er mir jegliches zeigen wolle, was nur seine Kunst betreffe, so gerne als dem Kaiser selber.

Wir Söhne des hl. Franz aber sehen in der Kunst eine fromme Magd unserer Mutter, der heiligen Kirche, wie unseres heiligen Ordens selber; denn mehr noch als durch das Wort, so von den Lippen fließt, wird das Leben und Wirken unseres hochheiligen Stifters durch sichtbare Schildereien allem Volke in Auge und Seele geprägt, wie es eine gemeine Erfahrung ist, daß der Mensch, was er sieht, lieber glaubt, als was er hört.

Also hielt ich den Antrieb, die Kunst und das Werk des Meisters Ambrogio anzusehen, nicht für sündige Neugierde, weil beide, der Meister und sein Werk, den Ruhm Gottes verkündigen. Und stieg nun einige Male hinauf, um zu sehen, was der Meister schaffe, und wie weit sein Werk gediehen sei. Und war jedesmal voll heiligen Erstaunens über das was ich sah.

Schon viele fertige Gestalten hatte er mit seinen Steinchen zusammengesetzt, und es ist schier unbegreiflich, wie ein Mensch das alles in so wenig Zeit vollbringen mag.

Da thront zu oberst, in der Mitte, Christus der Herr, der Richter aller Lebendigen und Toten, und um ihn, im Glorienlicht, schweben die himmlischen Heerscharen: die Engel, die Erzengel, die Cherubim, die Seraphim, die Thronen, die Herrschaften.

Darunter sieht man den hl. Veit, den hl. Wenzel, die hl. Ludmilla und die anderen Schutzheiligen des Landes Böhmen, in Gestalt und Gewandung, wie die Legende sie beschreibt, und weiter unten, in Anbetung begriffen, den Kaiser Karl selber, wie er leibt und lebt, mit seinen menschlichen Zügen, daß jeder ihn erkennen mag, wie auch mit allen Abzeichen seiner kaiserlichen Würde und Macht. Zur Seite Karls aber kniet, in anmutig frommer Haltung, die holdselige und gnädige Frau Elisabeth, des Kaisers fromme Gemahlin.

Auch die rechte Seite der Schilderei ist ganz vollendet. Dort gewahrt man zu oberst, nahe der göttlichen Herrlichkeiten, die Jungfrau Maria, die Mutter des Sohnes, und hinter ihr sechs heilige Apostel, und weiter nach unten, von der Erde her, die Gerechten, die vom Tode erweckt werden und gerufen zum ewigen Leben.

Der Jungfrau gegenüber steht der Täufer mit den sechs anderen heiligen Aposteln. An den Gestalten darunter arbeitet noch der Meister: es ist die Darstellung der Verdammten, die von den Teufeln in das ewige Feuer geschleppt werden.

Wenn aber das Auge lange genug mit staunender Andacht auf der heiligen Schilderei verweilt hat, dann mag es sich gerne auch dem Meister zuwenden und sehen, wie er emsig hantiert und wie das Werk, das die spätesten Enkel bewundern sollen, Zoll um Zoll seiner Vollendung entgegenwächst.

Man steht da, wie alles entsteht, recht als eine eigenherrliche Schöpfung, die höllischen Flammen aus feuerroten Glasblättchen, die Teufel aber, mit ihren Klauen und Hörnern, aus kleinen Steinwürfeln von der Farbe des Pechs. Nur die Zähne, die aus ihren Mäulern blecken, bildet der Meister von weißem Marmor, und bildet sie groß und blendend, desgleichen die Augen, womit die Höllenhunde nach den Verdammten umherspähen, daß es erschrecklich anzusehen ist.

3.

Der Meister hat drei Gehilfen. Zu den beiden Gesellen Luigi und Gaudenzio, die er schon aus Welschland mit sich brachte, nahm er noch einen Böhmen, mit Namen Wenzel. Dieser muß dem Meister die Steine hinreichen, die der Gesell Luigi auswählt, nach dem Muster, das der Meister auf einer großen Schiefertafel vorgezeichnet hat. Der Gesell Gaudenzio aber mischt aus verschiedenen Erden, die ein Geheimnis sind, und aus feingehacktem Stroh sorgfältig den Mörtel, wozu er selber viel Kunst und Aufmerksamkeit braucht.

Dessenungeachtet ist dieser Gesell Gaudenzio nicht so ernst wie sein Meister. Er hat seinen Namen nicht umsonst. Ihm gehen immer allerhand Späße durch den Kopf, die er an den Mann bringen muß und wodurch er seine Mitgesellen jeden Augenblick zu heftigem Lachen bewegt, also, daß ihn der strenge Meister oft schilt und zurechtweist.

Denn der Meister Ambrogio hat nichts im Sinn als seine Arbeit. Er verharrt oft tagelang in unausgesetztem Schweigen, daß selbst ein Mönch von ihm lernen könnte. Wenn er aber redet, so gehen nur ernste Wort aus seinem Munde hervor.

Am liebsten lenkt er die Unterhaltung auf seine Kunst, und gesprächig wird er, wenn er von den herrlichen Werken erzählt, die der große Andrea Tafi in der Täuferkirche der Stadt Florenz ausgeführt hat, in einer wunderbaren Kuppel, das ganze Leben unseres Herrn und Heilandes darstellend, von seiner Empfängnis im Schoße der Jungfrau Maria bis zu seiner Auffahrt in die Herrlichkeit Gottes; und dann von andern, noch herrlicheren Werken in Venetia selber, von den symbolischen Bildern aus dem alten Testament auf dem Umgang zu San Marco, von den Schildereien in der Kapelle San Zeno und im Dom zu Torcello; auch von einer Krönung in Santa Maria del Fiore zu Florenz und eine Himmelfahrt Mariä im Dom zu Pisa; vor allem aber von seinen eigenen Werken in vielen Kirchen und Klöstern der Republik Venetia, die alle noch viel schöner und vollkommener seien als das gegenwärtige.

Denn Meister Ambrogio meint, daß er eben allgemach altere, daß seine Hände anfingen zitterig zu werden und sein Gesicht trüb. Auch werde er von dem Kaiser lange nicht so reichlich belohnt als in Venetia von den Klöstern und Bruderschaften, und er sehe jetzt ein, wie man recht habe, wenn man in Italien behauptete, daß der Kaiser wohl der erste Mann in der Christenheit, aber doch ein armer Teufel sei.

Nur eine schlimme Eigenschaft hat der Meister Ambrogio. Von dem Malen mit Farben will er nichts wissen. Das sei ein Geschmier und ohne Bestand. Ein Balbierer, der ein Gesicht einseift, sei ein ebenso großer Künstler wie diese Farbenkleckser.

Mit unsäglicher Verachtung spricht er von den ersten Malern unserer Stadt, von dem Meister Niklas Wurmser aus Straßburg, und von Kunz und Theodorich, den beiden Pragern, die doch auf Tafeln und auf den Wänden so mancher Kapelle viel fleißige und reinliche Schildereien gemalt haben. Der Meister von Bovolenta will davon nichts gelten lassen; er sagt, ihre Heiligen seien versoffene Stallknechte, die sich zum Fasching angezogen hätten, und die ehrenwerten Meister selber heißt er elende Sudler und dumme Säue.

Ich habe ihm zu öftermalen seine unchristliche Rede sanft verwiesen, aber er wollte nichts hören; er meinte, in seiner Kunst müsse er besser Bescheid wissen als ein Pfaffe.

4.

Und nun kommt heute, nach der Feierabendstunde, Meister Ambrogio zu mir in die Sakristei, und hat den linken Arm schwer verbunden, und hinkt auch ein wenig mit dem Fuß, also daß ich dachte, der alte Mann sei vom Gerüst gefallen und habe sich dabei ein Leid getan. Und so sprach ich es aus.

Aber der Meister schüttelte den Kopf. Das mit dem Arm wolle nicht viel bedeuten, und sein Fuß sei nur ein klein wenig verstaucht. Er komme, um mir zu beichten. Er habe gegen die Heilige Jungfrau eine schwere Sünde auf dem Gewissen, die ihm keine Ruhe lasse, bis er Absolution empfangen.

Und ich sprach dem Manne Trost ein und forderte ihn auf, mir seine Sünden zu nennen.

Da erzählte Ambrogio, er sei gegen die Heilige Jungfrau in heftigem Zorn entbrannt, und im Aufruhr seines Gemüts habe er sich so vergessen, daß er die Heilige Jungfrau ins Angesicht gelästert habe, ärger als ein Heide.

Die Heilige Jungfrau wird es mir nie verzeihen, sprach der Mann ganz verzweifelt; denn ich war außer mir, ich habe die Mutter unseres Herrn und Heilandes eine ... Madonna geheißen – –

Wie ich das Wort hörte, das der Mann aussprach, da erschrak ich freilich sehr; denn eine größere Lästerung kann ein Mensch nicht aussprechen, und man wollte mir meinen Kopf nehmen, so möchte ich in der heiligen Sprache unserer Kirche doch niemals den Ausdruck nennen, in Schrift oder Rede, den der Meister in seiner unheiligen welschen Mundart auszustoßen sich erkühnt hat. Aber die Welschen sind so; wie gute Christen sie sonst sein mögen. Ich habe selber bei meiner Pilgerfahrt nach Rom gar Vieles gesehen, was mein Gemüt mit tiefer Betrübnis erfüllt hat, und einmal habe ich mich so entsetzt, daß mir die Zähne im Munde klapperten.

Da ließ mich, weil mir die Füße bluteten vom Gehen, ein Fuhrmann aufsitzen, ein alter Mann mit einem elenden Klepper vor seinem Karren, auf den der Mensch immerfort so wütend einhieb, daß es mir unwohl zumute wurde und daß ich froh gewesen wäre, dieses erbärmlichen Fahrens ledig zu sein. Ich mußte an unsern heiligen Vater Franz denken, der die armen Tiere liebte als seine Brüder und Schwestern, der den Fischen und Vögeln die Liebe Gottes predigte und zu dem bösen Wolf redete wie ein Vater zu seinem Sohne.

Aus diesen Gedanken wurde ich plötzlich herausgerissen. Denn es gab im Fahren einen Halt, und ich sah, wie der alte Karrengaul einen Bocker machte und vornüberpurzelte, dann kläglich röchelte und darauf alle viere steif von sich streckte. Er war verreckt.

Der Fuhrmann sprang vom Wagen und versuchte, ob er sein Tier noch rette. Er nahm den Gaul am Kopf und streichelte ihn und gab ihm die süßesten Worte und versprach ihm tausend gute Sachen, wenn er wieder aufstehen wolle. Als er aber sah, daß es aus und vorbei sei, da ergriff ihn eine blinde Wut. Da riß er seine rote Wollmütze vom grauen Haupt und rief die Namen der Heiligen Jungfrau und vieler anderer Heiligen, die er sonst vor allen verehren mochte, in die Höhlung der Mütze und schmiß die Mütze auf den Boden und trampelte mit den Füßen darauf herum, der armselige Mensch, als ob er die Heiligen Gottes züchtigen müsse, weil sie ihm sein Tier, das er selber zu Tode gehetzt, nicht lebendig machen wollten.

So betrug sich ein roher Mensch von der Straße, ein Fuhrknecht, der Gott und seine Heiligen eben nur so vom Hörensagen kennen mochte.

Wie aber konnte der Meister Ambrogio sich so hinreißen lassen, die Heilige Jungfrau zu lästern, deren holdseliges himmlisches Angesicht er selber oft gebildet hat zur Erbauung aller gläubigen Christen. Auch erfüllte sein Bekenntnis meine Seele mit tiefer Trauer, und ich sprach also zu dem Meister. »Wie mochtet Ihr, lieber Meister«, redete ich zu ihm, »mit solchen entsetzlichen Worten die Heilige Jungfrau schmähen, deren unendliche Gnade Ihr so oft erfahren und deren mütterliche Güte Ihr nun für immer verscherzt habt! Ein so entsetzliches Unglück wäre Euch nicht geschehen, wenn Ihr auf meine Ermahnungen geachtet hättet, da ich Euch zu bedenken gab, wie sündhaft es schon sei, Eure christlichen Brüder, die deutschen Maler, mit so unflätigen Namen zu benennen, als Ihr immerfort tut. Denn so hat Euer Mund sich an die gottlosen Namen gewöhnt, daß sie Euch fort und fort auf die Zunge kommen und daß Ihr sie zuletzt Gott selber ins allerheiligste Angesicht schleudert.«

Aber wie ich also redete, ging dem Meister schon wieder die Geduld zu Ende.

»Verzeiht, ehrwürdiger Vater,« rief er mit Heftigkeit, »daß ich Eure heiligen Worte unterbreche. Ihr seid ein Diener Gottes und ich nenne Euch Vater, obwohl Ihr mein Sohn sein könntet, weil es die Kirche befiehlt und weil Ihr berufen seid zu binden und zu lösen an Gottes Statt. Aber Ihr seid kein Künstler, und was die Seele eines Meisters erregt, wenn er die heilige Kunst von unwissenden Tölpeln gemißbraucht sieht, das vermögt Ihr nicht zu ermessen. Diese deutschen Sudelhänse beleidigen durch ihre plumpen und rohen Schildereien die Heiligen Gottes mehr, als es durch ein flüchtiges Wort geschehen mag, das ein eifriger Mann in der Hitze ausstößt, und niemand soll mir wehren, diese Barbaren, die den Tempel des Herrn schänden, dumme Säue zu heißen. Das ist mein Recht als Meister. Vor der Heiligen Jungfrau aber bin ich ein armer Sünder, wenn ich auch zur Minderung meiner Schuld anführen könnte, daß die Heilige Jungfrau sich fast unvernünftig betragen und den Spaß ein wenig weit getrieben hat ...«

»Haltet ein,« rief ich, »denn Ihr fügt neue Lästerungen zu den alten.«

Aber Meister Ambrogio wollte nicht darauf achten und bat mich, seine Geschichte anzuhören, auf daß ich selber urteilte, ob jemals einem sterblichen Menschen ein gleiches widerfahren sei.

5.

»Ihr kennt mich, ehrwürdiger Vater,« begann er, »ich bin ein frommer Künstler; ich bin ein Christ und diene Gott nicht nur mit den Werken meiner Kunst, sondern auch mit meinem Leben, soviel daran ist. Denn seht, ich gehöre nicht zu denen, die des Tages über in den Kirchen und Klöstern die Geheimnisse unserer heiligen Religion in Bildern darstellen und am Abend mit wilden Kriegsknechten und anderen schlimmen Gesellen in den Weinschenken herumliegen und sich vollsaufen wie die Schwämme und die Würfel rollen lassen und das Blaue vom Himmel herunterfluchen, und darauf in jene Gassen ziehen, wo die schlimmen Weiber wohnen.

Solch ein gottloses Leben habe ich immer verabscheut. Der Wein lockt mich wenig. Mit den Würfeln verliert der Mann sein mühsam gewonnenes Gut und Geld. Was aber das Weib anbelangt, hab' ich mich immer mit Frau Theresa, meiner christlichen Ehefrau, begnügt, die Gott gleichwohl nicht zur Freude des Mannes gebildet hatte, denn sie war von Körper schiefhüftig und hatte ein fast heftiges Gemüt. Und auch seitdem Gott sie in sein Paradies versetzt, vor nun fünfzehn Jahren, bin ich niemals über die Schwelle einer jener Priesterinnen der Unzucht getreten, noch habe ich sonst ein Weib in mein Haus genommen. Ich lebte vielmehr in christlicher Enthaltsamkeit, und kein noch so freches Dirnlein mag sich rühmen, von dem Erwerb meiner Tage auch nur einen Heller in ihre Tasche gesteckt zu haben.

Ich mußte deshalb viel Spott von meinen Freunden erfahren, die sich ärgerten, daß mir das Geld in der Tasche blieb, indessen das ihrige in schlechte Häuser wanderte.

Und so hielt ich auch meine Gesellen in christlicher Zucht. Und da der Wein des Menschen Herz zum Übermut stimmt, hielt ich ihn fern von unseren Mahlzeiten und machte nur an Sonntagen eine Ausnahme und genoß nur die einfachste Nahrung mit meinen Leuten, daß sie nicht üppig würden vom guten Essen.

Und der Herr fand ein Wohlgefallen an unserem christlichen Leben und segnete mich, wie es die Kirche denen verheißt, die ihre Gebote halten. Denn so müd' ich auch immer war von der harten Arbeit des Tages, schlief ich doch nie ein, ohne zur heiligen Jungfrau, meiner Patronin, ein frommes Gebet zu richten. Ich sprach: ›Heilige Jungfrau, Mutter Gottes, die du durch deine unendlichen Verdienste von dieser Erde in den Himmel aufgenommen worden bist, reiche mir armen Sünder gnädig deine Hand und ziehe mich empor zu deinem goldenen Stuhle, auf dem du sitzest als Königin der Engel und aller Heiligen.‹

So betete ich jede Nacht in meinem Bette, genau wie es mich ein frommer Mönch Eures Ordens in meiner Kindheit gelehrt hatte. Und ich machte dabei nicht ein faules, undeutliches Gemurmel oder ein schwaches Lispeln, wie einer, der darüber einschläft; ich betete mit vollem Herzen und mit lauter, deutlicher Stimme, auf daß mein Gebet auch recht hinaufdringen möchte zum Thron der göttlichen Mutter.

Und jede Nacht betete ich so und dachte nicht, daß die Heilige Jungfrau meines Betens satt werden könnte. Aber es muß ihr dennoch, durch all die Jahre, zu lang geworden sein, also daß sie ein Ende machen wollte.

Und so geschah das Unerhörte.

Denn vor drei Tagen, als ich wieder mein Gebet sprach und als gerade das letzte Wort über meine Lippen gedrungen war, da fing mein Bett, das sonst ruhig und fest auf seinen vier Füßen stand, zu wanken und zu wackeln an und sich vom Boden zu erheben, langsam und ächzend, und immer höher und höher, daß ich baß erschrak. Denn ich begriff plötzlich, daß die Heilige Jungfrau mein Gebet erhören und mich leibhaftig in den Himmel aufheben wolle.

So ernst hatte ich es nicht gemeint. Des versicherte ich die göttliche Mutter und stellte ihr vor, daß ich meine Schilderei zu St. Veit noch erst vollenden müsse, allwo die linke Ecke, die Verdammnis der Bösen, kaum zur Hälfte fertig ist; und daß ich von der reichen Belohnung, so mir der Kaiser versprochen, bis jetzt sehr wenig erhalten hätte; und wie es gerecht und billig sei, daß ein ehrlicher Arbeiter nicht um den Lohn betrogen werde, der ihm zukomme.

Das alles stellte ich der Heiligen Jungfrau vor, demütiglich und flehentlich, und bat sie mit lauter Stimme, daß sie ablasse von ihrem Beginnen.

Aber die Königin der Engel geruhte, nicht auf mein Flehen zu hören, und da sich mein Bett immerfort hob, daß ich mich schon den Sparren des Daches näherte, unter dem ich schlafe, da wandte ich mich an unseren Herrn Jesum Christum, daß er sich meiner erbarmen und seiner Mutter Maria in die Arme fallen möge. Denn wenn sie so fortmache, werde sie dem Meister Hans sein ganzes Dach zerreißen, der sich dann mit meinem Gelde bezahlt halten würde. Denn mir fiel es heiß ein, daß ich gerade am Tage zuvor mein Geldsäcklein aus dem Bettstroh herausgenommen hatte, um es hinter einem Dachsparren zwischen Holz und Ziegel zu verstecken.

Aber auch meine Anrufung des göttlichen Sohnes blieb unerhört. Und so wandte ich mich zurück zur Mutter, indem ich immer höher stieg und mit mir meine Angst. Und da ich schon die Pfosten meiner Bettlade an das Dach ankrachen hörte, verlor ich alle Besinnung und war im tiefsten ergrimmt gegen die Heilige Jungfrau, die auch gar keine Vernunft annehmen mochte, also daß ich, gleich einem Rasenden, in unbedachten Ausdrücken gegen sie losbrach, wie ich Euch bereits bekannt habe, ehrwürdiger Vater.

Ich hatte aber kaum die schrecklichen Worte ausgesprochen, als ich, wie von einem Sturmwind erfaßt, unter schrecklichem Krachen und Gepfeif und unter dem Hohngelächter der Teufel, die ich deutlich hörte, mit Blitzesschnelle in die Tiefe fuhr, als ob es in den Abgrund der Hölle ging. Das glaubte ich sicher und verlor vor Schrecken das Bewußtsein meiner selber.

Bald aber kam ich soweit wieder zu mir, daß ich ein heftiges Brennen in meinen Lenden und in den Gliedern fühlte und nicht mehr zweifelte, daß ich inmitten des höllischen Feuers liege; denn meine Schmerzen waren groß. Ich wollte vor Angst und Verzweiflung einen Schrei ausstoßen, aber meine Zähne, das heißt die wenigen, die ich noch im Munde habe, waren so fest aneinandergeklackt, daß ich keinen Laut hervorbringen, sondern nur innerlich stöhnen konnte; und es war mir, als ob alle Teufel an mir herumzerrten, indes andere mich mit ihren glühenden Zangen zwickten.

Es herrschte aber die höllische Nacht um mich her, daß ich nichts zu sehen vermochte. Nur Funken stoben im Finstern.

Dann auf einmal schlug eine Flamme an, und es ward helle um mich. Und ich sah statt der Teufel meine Gesellen um mich her, wie sie sich bemühten, mich aus dem Stroh und den zerbrochenen Brettern meiner Lagerstatt hervorzuziehen. Und schienen alle in großer Besorgtheit um mich und fragten, was mir geschehen sei in dieser Nacht, daß mein Bett also in Trümmern lag. Und hätten auch vor kurzem einen Knall gehört, und ein Krachen, wie von einem Blitzschlag, und ein Pfeifen und ein höhnisches Lachen wie von bösen Geistern.

Ich aber vermochte kaum zu reden und bat die Gesellen, mehr mit Zeichen als mit Worten, daß sie mir die Hüfte mit Salbe einreiben und das linke Bein und den Arm verbinden sollten, worauf ich ihnen alles gerne erzählen würde, wie es mir begegnet sei.

Und also taten sie. Und ich erholte mich ein wenig von meinen ärgsten Schmerzen und erzählte meinen Gesellen alles was mir zugestoßen war. Und gestand ihnen auch die Lästerworte gegen die Heilige Jungfrau, worüber die guten Burschen sehr erschraken und meinten, daß ich schwer gesündigt hätte; also daß ich mir vornahm zu beichten, sobald ich wieder auf geraden Füßen gehen konnte ...«

6.

Solchergestalt berichtete der Meister Ambrogio. Ich aber betete in meinem Herzen das Wunder an, das unser Herr und Heiland durch seine allerheiligste Mutter an dem armen Manne vollbracht hat und worin die unerschöpfliche Gnade und Barmherzigkeit der göttlichen Mutter wieder einmal recht deutlich offenbar worden ist.

Und ich deutete mir in Demut den Sinn des göttlichen Wunders. Die Heilige Jungfrau, in ihrer unendlichen Güte und Gnade, konnte nicht länger mit ansehen, wie eine arme Seele, durch allzu heftige Liebe zum Gelde, in fortwährender Gefahr ewiger Verdammnis schwebte; es schmerzte sie tief, daß ein so häßliches Laster gerade die Seele des Ambrogio beflecken mußte, der doch zu ihr, der Reinen und Heiligen, eine tiefe Verehrung hegte, und der ihr, durch seine Schildereien, schon viele Herzen der Christenheit zugewandt hatte. Ihr Auge hätte gern mit ganzem Wohlgefallen auf einem christlichen Meister geruht, der ihre irdische und himmlische Gestalt so lieblich bildete, der zu ihrer Verherrlichung auf Erden so viele und glänzende Werke schuf.

Darum wollte sie gerne ein Wunder tun, um den Meister aus seiner sündigen Geldliebe herauszureißen, nicht ahnend, welch böse Erfahrungen sie damit machen würde; denn so viel der göttlichen Mutter auch offenbar sein mag, so ist sie doch nicht allwissend wie Gott selber.

In diesem Sinne sprach ich dem Meister zu, stellte ihm vor, wie ungeheuerlich seine Sünde sei, die ich nicht zu lösen getraute, er habe denn bevor Genugtuung getan. Und trug ihm auf, an jedem Sonntag bei Unserer lieben Frauen im Schnee die Messe zu hören und für die Pfarrarmen einen Prager Groschen in den Opferstock zu werfen, sieben Wochen lang, und auch sonst während dieser Zeit jedem Bettler, der ihn im Namen der Heiligen Jungfrau anflehte – und ich will einige meiner Brüder in Christo darüber verständigen – nicht ohne Tröstung und Schenkung von sich zu weisen. Und nur, wenn er solches getreu innehalte, möge er nach sieben Wochen kommen und ich wolle ihn lösen von seiner Sünde.

7.

September, den 27., am Feste der hl. Märtyrer Kosmus und Damian.

Gottes Absichten sind unerforschlich, und der Mensch, der sich weise dünkt, ist nur ein Werkzeug in der Hand des Allmächtigen, der sich des Bösen bedient wie des Guten zur Offenbarung seiner ewigen Gnade und Barmherzigkeit.

Von den sieben Wochen, die ich dem Meister Ambrogio gesetzt zur Reue und Sühne seiner Schuld, sind heute gerade sieben Tage verflossen. Ich kam aus dem Karlshofer Siechenhaus, wo viel des armen Volkes an einer ekelhaften Krankheit, die man die Blattern heißt, daniederliegt, also daß sie gar sehr des Trostes bedürfen.

Und das Volk auf dem Wege entblößte das Haupt, wo ich vorüberwandelte, und segnete meinen Gang; denn sie kennen meine Liebe zu den Kindern der Menschen. Und die Frauen und Mägdlein sprachen: »Gelobt sei Jesus Christus!« und ich antwortete: »In Ewigkeit, Amen!«

Aber an der Ecke der Kreuzherrengasse trat mir ein alter Jude in den Weg und ballte die Fäuste gegen mich und fluchte über mich. Denn er erkannte nicht mein Gewand und meinte, ich sei einer von den Söhnen des hl. Dominikus, die er im Verdacht hat, daß sie ihm sein Söhnlein wegnehmen ließen, auf daß sie es tauften und zu einem Christen erzögen, worüber er voll Schmerz und Verzweiflung ist, also daß er sich mit wilden Gebärden die Haare und den Bart raufte und seine Kleider zerriß, die ihm ohnehin schon als schmutzige Lumpen um den Leib hingen.

Denn die Juden, wie arm und elend sie seien, hegen stets eine große Liebe und Zärtlichkeit für ihre Kinder, von denen sie sich auch in der bittersten Not nicht trennen mögen, dermaßen, daß wohl einmal ein Jude seinen allbarmherzigen Gott um dreißig Silberlinge verraten hat, es aber noch nicht erhört worden ist, daß einer sein eigenes Kind verkauft hätte, wie es doch bei Christen des öfteren vorkommt.

Hatte ich also Mitleid mit dem armen Mann und seinem Schmerz, konnte ihn aber nicht trösten. In meinem Herzen tadelte ich die Brüder Dominikaner wegen solcher Gewalttat, weil nach der Lehre unseres heiligen Vaters Franz das Reich Christi allein in der Liebe ist und nicht in der Gewalt, also daß ein wahrer Sohn unseres heiligen Ordens nie Gewalt übet, auch nicht gegen die Juden, wiewohl diese Gottes eigenen Sohn weggenommen und ans Kreuz geschlagen haben.

Kam mir dann auch das goldene Kalb in den Sinn, um welches das Judenvolk einst mit wüstem Schreien herumgetanzt, indessen sein Prophet und Führer auf dem Berge Sinai vor dem Angesichte des allmächtigen Gottes stand. Über dem goldenen Kalb fiel mir aber plötzlich der Meister Ambrogio ein, der kein Jude ist, sondern ein frommer Christ, und der doch bei seiner eigenen Himmelfahrt nach seinem elenden Gelde geschrien hat, was noch niemals von einem Juden berichtet worden ist.

Und mit betrübtem Herzen betete ich zu Gott, er möge doch wirken, daß die allerheiligste Gottesgebärerin ihr schönes Wunder nicht umsonst vollbracht habe, daß vielmehr Meister Ambrogio aus der Erschütterung seines Gemütes mit gleichsam wiedergeborener und von Geldgier gereinigter Seele hervorgehe.

So betete ich. Und ich faßte Hoffnung zu dem Herrn, sah ich doch, wie er durch Trübsal das Volk der Juden, seine einst auserwählten Kinder, trotz ihrer Hartnäckigkeit, zum Heile führte, dermaßen, daß wir sie sehen, wie sie in ihrem Elend den Allerhöchsten preisen, mit zufriedenem Herzen, und sich geflissentlich in das Gewand der Armut hüllen, die ihnen allgemach zur Freundin und Geliebten geworden ist, wie unserem Heiligen Vater Franziskus, der sich ihr als seiner süßen Braut verlobt hat mit allen seinen Söhnen.

Unter solchen Gedanken trat ich in unser Kirchlein vor dem Kloster, als ein junger Mann zu mir hintrat und mir sagte, daß er auf mich gewartet habe, weil er meinen Rat und Beistand suche wegen einer Sünde, die ihm auf der Seele laste. Ich hieß ihn, mir in die Sakristei zu folgen. Hier war es heller als in der Kirche, und ich erkannte in ihm den Gesellen Gandenzio, den Gehilfen des Meisters Ambrogio.

8.

Und der Gesell Gaudenzio redete also:

»Ehrwürdiger Vater,« begann er, »Ihr kennt wohl unseren Meister, den ehrsamen Künstler Ambrogio. Er ist, wie jedermann weiß, ein frommer Christ, der Gott fürchtet, und den ich verehre wegen seiner Kunst. Die meisten Laster, die so viele christliche Künstler verunstalten, sind ihm fremd. Er ist kein Säufer und kein Hurer vor dem Herrn. Er ist streng und gerecht.

Er ist nur allzu streng, insbesondere gegen seine Gehilfen, die er bei dem geringsten Versehen, wenn ihn der Zorn übermannt, hart anläßt und oft gar mit Schlägen und Fußtritten mißhandelt. Solches nun möchte man einem berühmten Meister wohl nachsehen; aber Ambrogio ist auch, wie ich glaube, geizig. Ganz gewißlich ist er ein arger Knicker, der niemals einen Fußtritt durch einen Krug Wein, oder einen Nasenstümper durch eine gesalzene Wurst zu versüßen trachtete. Und das erst verdrießt uns.

Überhaupt hält uns der Meister so knapp in Speise und Trank, deren er selber in seinem hohen Alter und mit seinen wenigen Zähnen, die ihm noch im Munde stehen, in geringem Maße bedarf, und meine Mitgesellen möchten gar oft mißmutig werden in ihrem Hunger, wenn ich sie nicht mit meinen Späßen fütterte, daß sie lachen müssen, ihrem knurrenden Magen zum Trotz.

Und wie mit der Nahrung, knausert der Meister auch mit der Wohnung. Um jeden Heller in seiner Tasche zu behalten, mochte er nicht eine Stube mieten für sich, und für uns Gesellen eine Kammer; vielmehr mietete er den bloßen Speicher des Wagnermeisters Hans Mühling in der Schneckengasse, wo er den öden Raum durch einen kopfhohen Bretterverschlag abteilte, und wo wir nun zusammen schlafen, der Meister hinter den Brettern und wir Gesellen davor.

Und es nützte nichts, daß wir gegen eine solche Wohnung laut murrten, zumal in diesem erbärmlichen Lande der Winter ein so wüster Gesell ist, und uns durch lange vier Monate, was sag' ich, durch fünf, sechs Monate mit einem so rauhen Atem durch die Ziegel hindurch ins Gesicht hauchte, daß er uns Nasen und Ohren zu erfrieren drohte. Erwiderte der Meister unseren Klagen bloß, daß es wider göttliches und menschliches Recht sei, wenn es der Knecht besser haben wolle als der Herr.

Da wir nun aber auf diesem Speicher so hart beieinander unser Lager haben, so mag man hinüber und herüber jedes laute Wort leichtlich vernehmen. Und also vergeht kein Abend, daß wir nicht den Meister hören, wie er sein Gebet spricht: ›Heilige Jungfrau, Mutter Gottes, die du durch deine unendlichen Verdienste von dieser Erde in den Himmel aufgenommen worden bist, reiche mir armen Sünder gnädig deine Hand und ziehe mich empor zu deinem goldenen Stuhle, auf dem du sitzest als Königin aller Engel und Heiligen.‹

Und nicht heimlich und mit Lispeln spricht der Meister diese Worte, sondern blärrt sie laut heraus, mit seltsamen Tönen wie die Komödianten, wenn sie die Fastnachtsspiele agieren oder die Leidensgeschichte des Herrn in der Charwoche, daß wir vielmals unter uns lachen müssen und manchmal auch, tief unter die Decke versteckt, im geheimen miteinander ratschlagten, wie wir es beginnen möchten, um dem Meister einen Possen zu spielen, darüber wir lachen und uns schadlos halten könnten für alles Üble, das wir von dem Meister erdulden müssen.

Und meine Mitgesellen machten allerlei alberne Vorschläge. Ich aber hatte einen Gedanken für mich und behielt ihn geheim. Und eines Tages, während der Arbeit am Münster, stahl ich mich heimlich vom Gerüst, weil ich meine Mitgesellen überraschen wollte.

Ich rüstete alles her, wie ich es zu meinem Plan brauchte. Und am Abend, nachdem wir gemeinschaftlich unsere Zwiebelsuppe verzehrt hatten und unser Lager aufsuchten, da ergriff ich im Dunkeln die Hände des Gesellen Luigi und des anderen Gehilfen und führte ihre Hände an ein dickes Tau, das von der Höhe herniederging, und sprach: ›Liebe Freunde, ihr wolltet schon lange unserem Meister, der uns halb verhungern läßt, einen Possen spielen. Ich kann euch dazu helfen. Darum, sobald ihr seine Stimme vernehmt und hört, wie er sein Gebetsprüchlein aufsagt, so zieht mit Leibeskräften an diesem Tau, und ihr sollt ein blaues Wunder erleben.‹

Denn ich hatte mir des Tags über eine Aufziehrolle verschafft und dieses Tau, und hatte die Rolle am obersten Giebelholz des Daches befestigt und das Tau an vier festen Seilen, die ich wiederum an den vier Pfosten des Bettes festband, das dem Meister als Lager dient. Und brauchte nicht zu fürchten, daß Meister Ambrogio solcher tückischen Vorkehrungen gewahr werden möchte, weil er die Gewohnheit hat, sich im Dunkeln zu entkleiden, um Feuerschwamm und Licht zu sparen.

Und wie nun jenseits des Vorschlages der Meister sein Gebet begann, da faßten wir diesseits das Tau und huben an zu ziehen und zogen aus Leibeskräften.«

*

Das alles und noch mehr sprach der Geselle Gandenzio und erzählte mir in seiner Weise, was sein Meister vor sieben Tagen mit viel mehr Frömmigkeit berichtet hatte.

*

»Und so mußten wir,« fuhr der Geselle fort, »als der Meister letztlich vom Himmel so plötzlich in die Hölle fuhr, aus vollem Halse lachen, daß er selber das Hohngelächter der Teufel zu vernehmen meinte. Als ich ihn dann aber sah in seinem Schmerz und wie ihm die Glieder zerquetscht waren, da reute mich meine Tat, um so mehr, als sie uns allen nur großen Schaden brachte.

Denn da Ihr, ehrwürdiger Vater, den Meister in schwere Buße getan habt, worüber er sich sehr betrübt zeigte, so kam er, um sich zu getrösten, auf den Ausweg, das Bußgeld uns Gesellen am Leibe abzusparen. Und wenn er uns früher zum wenigsten an den Sonn- und Festtagen eine Stütze Wein kaufte, so müssen wir uns von nun an mit klarem Brunnenwasser begnügen, und wenn er bis jetzt für unsere Polenta am Freitag vier Eier hergab, so sagte er uns vorgestern, daß wir statt der Eier nur immer ein halbes Quentchen Safran nehmen möchten, wovon die Polenta gelber würde als von den schönsten Eidottern – – – «

Hier unterbrach ich den Gesellen und sprach zu ihm Worte, wie sie mir für sein leichtsinnig-sinnliches Gemüt heilsam deuchten.

Still in meinem Herzen aber überlegte ich die Unbegreiflichkeit der Wege Gottes und seiner heiligsten Mutter, deren Gnadeneifer kein Mittel unversucht läßt, sondern sich sogar, wie diese Aufzeichnung dartut, der Schalkerei eines mutwilligen Menschen bedient, um eine christliche Seele aus dem Pfuhl des Lasters zu reißen, allwas ihrer unendlichen Barmherzigkeit aber nicht immer gelingt, denn des Menschen Wille ist frei und seine Neigung geht mehr zum Bösen als zum Guten.

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