Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Benno Rüttenauer: Frau Saga - Kapitel 10
Quellenangabe
typelegend
authorBenno Rüttenauer
titleFrau Saga
publisherGeorg Müller
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectida2b4b5b1
Schließen

Navigation:

Prinz Muley Hassan

In den Annalen der spanischen Inquisition erscheint der Großinquisitor Don Juan de Somosierra – ob das nun viel oder wenig heißen will – als einer der menschlichsten und mildesten Inhaber dieses bei gewissen Leuten etwas in Verruf gekommenen hohen Amtes; folgendes aber ist seine Geschichte.

Im Sommer 1732 errangen die Spanier in ihrem tausendjährigen Krieg gegen die Mauren einen letzten glänzenden Erfolg mit der Eroberung der Stadt Oran. Seit Anfangs Januar belagerten sie die Stadt, gegen Mitte Juni fielen die Festungswerke des Dschabel Murdschadscho sowie die Burg Roskalkar in ihre Hände, und am ersten Juli endlich erstürmten sie die Stadt.

Furchtbare Grausamkeiten begleiteten den Sieg. Das Blut floß wirklich in Strömen durch die krummen Gassen der maurischen Altstadt. Das ganze Geschlecht des Sultans oder Dey von Oran wurde ausgerottet mit Ausnahme des Prinzen Muley Hassan, der in Gefangenschaft geriet. Er hatte seinen Vater und seine Brüder erwürgen sehen, seine Schwestern geschändet und mißhandelt, die Burg und den Palast in Asche verwandelt, alles Land umher in grauenhafter Zerstörung und fand sich nun auf den entsetzlichen spanischen Galeeren nackt an die Ruderbank geschmiedet dem Spott und Hohn roher Soldaten, der Züchtigung mit eisernen Ruten und aller Art schmachvollen Mißhandlungen preisgegeben.

Doch nicht lange verharrte er in dieser entsetzlichen Lage. Der Befehlshaber der spanischen Expedition erfuhr erst nachträglich seine Gefangennahme und Behandlung. Es war dies Don Juan de Somosierra, Herzog von Logrono, im Volk gewöhnlich Don Juan d'Asturia genannt, nicht nur, weil er von Abstammung ein Asturier, sondern noch mehr: weil die Statthalterschaft dieser Provinz schon zweimal in seiner Familie vom Vater auf den Sohn übergegangen und fast wie erblich zu seinem Hause gehörig betrachtet wurde. Sein Name hatte also einen merkwürdigen Gleichklang mit einem andern berühmten Sieger gegen die Mauren vor nun bald zweihundert Jahren, mit jenem Don Juan d'Austria, dem Sieger von Lepanto. Auch fast in dessen jugendlichem Alter stand er; aber wenn der glänzende Sieg jenes Früheren fast zu keinem greifbaren Erfolg geführt hatte, bedeutete die Eroberung von Oran, so nahmen wenigstens die Spanier die Sache, eine endgültige Erlösung von der jahrtausendlangen Bedrohung des Landes durch die Afrikaner, so daß man sich nicht zu verwundern braucht, wenn das ganze spanische Volk in überströmender nationaler Begeisterung dem Sieger des Tages eine jubelnde Dankbarkeit entgegenbrachte.

Und noch mehr als über diesen allgemeinen Erfolg fühlte der junge Herzog von Logrono sich beglückt über einen ganz besonderen. Durch sein kaltblütiges und fast tollkühnes Eingreifen hatte er seinen liebsten Freund vom Tode errettet. Bei der letzten verzweifelten Verteidigung der Mauren in einem der inneren Höfe der festen Kasba, der alten Burg des Chaireddin Barbarossa, sah er den Freund bereits von einem halben Dutzend Turbanen eng umringt und von ebensoviel Säbeln umzückt. Nur durch die persönliche Todesverachtung des Heerführers wurde jener gerettet.

Für dieses Glück gegenüber einer so furchtbaren Gefahr fühlte sich Don Juan dem Himmel vor allem dankbar, denn jener Freund war ihm der vertrauteste und liebste Mensch auf dieser Welt, wenn er gleich im äußeren Rang weit von ihm abstand. Und also weich gestimmt, empfand er es peinlich, den gefangenen Prinzen, der zufällig den Namen trug des letzten maurischen Königs auf spanischem Boden vor dritthalbhundert Jahren, in harter Sklaverei und schmachvollem Elend zu wissen. Er gab darum den Befehl, daß Muley Hassan von den Galeeren zurückgebracht und königlich gekleidet werde. Darauf ließ er sich den Prinzen persönlich vorführen.

Er saß in seinem Arbeitsgemach mit seinem Freund Leandro, Gegenwärtiges und Künftiges besprechend. Besonders um persönliche, und zwar Liebesangelegenheiten des Freundes handelte es sich. Denn Don Leandro war verlobt und liebte. Daß der Herzog ihm das Leben gerettet hatte, bedeutete ihm lange nicht so viel, als daß er mit ihm von Donna Jimena reden konnte, seiner vergötterten Braut, die in seinen Augen, ganz abgesehen von ihrer allgemein gepriesenen außerordentlichen Schönheit, alle Vorzüge besaß des Geistes und Gemütes und nur einen einzigen Fehler, nämlich den, ihm nur selten und auch dann nur kurze und knappe Brieflein zu schreiben, voll kühler Zurückhaltung; so mochte sie dies, als die stolze Tochter des reichen Marques von Villar, ihrer würdig finden, und auch in der allgemeinen Sitte mochte sie damit stehen und nicht ahnen, daß ihr Verlobter es ganz anders von ihr erwarten zu dürfen glaubte.

Von dieser Dame also hatten die beiden Freunde auch jetzt wieder zusammen gesprochen und darüber den erwarteten Mauren ein wenig vergessen. Der junge Prinz trat ein, ganz nach maurischer Art in reiche weiße Gewänder gehüllt, den gelbweißen Turban auf dem Haupt; nur das Schwert an seiner Seite fehlte. Muley Hassan, märchenhaft schön mit seinen zweiundzwanzig Jahren, hoch und schlank gewachsen, führte die Rechte an seine königliche Stirne und verneigte sich tief.

»Was willst du?« fragte wie gleichgültig der Herzog von Logrono.

»Die Befehle meines Herrn entgegennehmen«, antwortete der Prinz.

Don Juan d'Asturia faßte einen Augenblick den Mauren scharf ins Auge. Er dachte, es ist gut, daß ich nicht stehe; denn der körperliche Wuchs des Spaniers mußte gegen den des Mohammedaners beträchtlich zurückstehen, und von Don Leandro galt das gleiche. Oder waren es bloß die langfaltigen weißen Gewänder und der Turban, die den Mauren soviel größer erscheinen ließen gegenüber den schwarzen Strümpfen und Schenkelbauschen und Wämsern der Spanier, von denen der Kopf sich durch die fächerartige weiße Halskrause gleichsam abgeschnitten zeigte. Wie dem auch sei, der Herzog, der auch sonst gerade keine Schönheit darstellte, mit seiner etwas gedrückten Nase und dem breiten Mund, mußte eine kleine Empfindlichkeit erst unterdrücken, ehe er antwortete.

»Ich wollte dir sagen,« sprach er, »daß ich willens bin, dir dein Los so erträglich als möglich zu machen.«

Er sagte das in dem Ton, in dem ein wohlwollender Höherer zu einem Niederen spricht. Muley Hassan blieb stumm und regungslos.

»Hast du mich nicht gehört?« fragte Don Juan d'Asturia etwas barscher.

»Welchen Dank erwartest du von mir, Herr?« fragte der Prinz.

»Dank?« versetzte Don Juan. »Ich habe noch nie Dank dafür verlangt, wenn ich ein Almosen gab.«

»Du tust wohl daran, Herr«, gab Muley Hassan zur Antwort. Sanft und ruhig sprach er das. Kein Laut der wenigen Worte gab ein Anzeichen von seinem glühenden Haß und seiner lodernden Entrüstung gegen den barbarischen Zerstörer seines Reiches und seiner Familie. Auch der Herzog von Logrono ließ sich täuschen.

»Du gefällst mir,« sprach er, »du sollst in meiner nächsten Umgebung bleiben. Ich will dich behandeln wie einen Freund. Vergiß, was ich dir Übles getan. (Als ob ein Maure das je könnte.) Die Deinigen sind jahrhundertelang mit uns viel schlimmer verfahren. Du wirst es wissen. Und nun geh und laß dir im Palast dein Gemach anweisen; sobald mich mein Freund verlassen hat, werde ich selber nachschauen, ob es dir an nichts fehlt.«

Muley Hassan machte wieder, die Rechte an die Stirn gelegt, eine tiefe Verbeugung, dann schritt er hocherhobenen Hauptes aus dem Gemach, dessen leichter Vorhang aus kunstreicher farbiger Seidenstickerei sich hinter ihm schloß. »Was meinst du von ihm, Leandro?« fragte Don Juan seinen Freund.

»Der Prinz scheint mir von sanfter melancholischer Gemütsart«, antwortete der, dem der Herzog das Leben gerettet hatte.

Mit seinem vollen Namen hieß er Don Leandro, Graf von Monreal y Calamocha. Trotz des doppelten Namens aber war seine Grafschaft sehr geringfügig, und wenn er nicht von einem mütterlichen Onkel in Argentinien oder sonstwo in dem südlichen Amerika reiche Besitztümer geerbt hätte, würde er zu den unzähligen spanischen Titulados mit sehr langen Namen und sehr kurzen Einkünften gehört haben. Aber nicht nur, daß er sich durch die amerikanische Erbschaft dieses glänzenden Elends enthoben sah, der Himmel hatte ihm außerdem zwei unendlich wertvollere Güter sozusagen in den Schoß geworfen, die treue Freundschaft, die ihm der Herzog von Logrono entgegenbrachte, einer der reichsten Granden des Königreichs und seit einigen Tagen der höchste Stolz der spanischen Nation, und die Liebe der schönen Donna Jimena, die ihm begreiflicherweise noch höher galt als die genannte Freundschaft, deren Wert er deswegen keineswegs unterschätzte.

Vollkommen brüderlich war diese Freundschaft trotz des großen Abstandes, der die beiden Freunde in der Welt voneinander trennte. Sie schrieb sich von der Schule zu Salamanca her, wo die gleiche Studienrichtung, Übereinstimmung in ihren Sitten und verwandte geistige Bedürfnisse beide zusammengeführt hatte zu fünfjährigem innigen Verkehr, wie er überhaupt nur in diesem Lebensalter sich herausbildet. Aber auch die folgende Zeit riß die Unzertrennlichen nicht auseinander. Sie traten, wenn auch in sehr verschiedener Stellung, zu Madrid gleichzeitig in den Hofdienst, und als der Herzog später Gouverneur von Asturien wurde und zugleich in die Armee eintrat, machte er Don Leandro zu seinem Adjutanten und verschaffte ihm bald ein eigenes Regiment, ohne je den Freund durch seine Gunstbezeigungen zu demütigen, indem er der Freundschaft desselben offenkundig einen so hohen Wert beimaß, daß der Stolz und das hohe Selbstgefühl des Don Leandro dabei durchaus auf ihre Rechnung kamen.

Und also waren sie auch zusammen nach Afrika gekommen, doch stand ihnen jetzt eine längere Trennung bevor. Schon wenige Tage nach dem Auftritt mit Muley Hassan geschah es, daß Don Leandro den Freund, der ihn zum Frühstück gebeten hatte, nicht ganz so aufgeräumt fand wie in den letzten Tagen. Er wollte deswegen eine Bemerkung machen, zog es dann aber vor, zu warten, bis Don Juan selber redete.

Dieser ließ aber den Grafen von Monreal zuerst das gebratene Hühnchen verzehren, er hatte ihm die goldigste Hälfte auf den Teller gelegt, und erst als sie das knusprige Gebäck und die honiggelben Datteln in Anspruch nahmen und ein edler Wein in den Gläsern funkelte, auch der aufwartende Diener weggeschickt war, rückte der Herzog mit der Sprache heraus.

»Ich weiß, du hast es nie getan,« begann er, »aber diesmal wirst du mich beneiden.«

»Das sei ferne von mir, lieber Freund,« beteuerte Don Leandro.

»Du wirst mich beneiden«, wiederholte Don Juan, und die Augen des Don Leandro gewannen fast einen drohenden Ausdruck.

»Du mißverstehst mich, lieber Bruder,« fuhr jener fort, »ich bin vollkommen überzeugt, man könnte mir ein Königreich schenken, du wärst gewiß der einzige, du Guter, der mich aufrichtig beglückwünschte. Aber die Nachricht, die ich vor einer Stunde aus Madrid erhalten habe, und was sie für mich einschließt, die wird dich neidisch machen. Das hättest du dir lieber selber gewünscht. Es würde dir ja auch mehr bedeuten. Kurz, ich bekam den Befehl, mich schon morgen nach Madrid auf die Reise zu machen.«

»Das ist ja herrlich,« rief Don Leandro voll Feuer, »so werde ich ja in der Lage sein, mich in Kürze meiner Braut zu Füßen zu werfen.«

»Eben nicht«, versetzte der Herzog voller Teilnahme. »Du wirst mich nicht begleiten. Du bist an meiner Stelle zum vorläufigen Statthalter hier ernannt.« Dabei zog er aus der Tasche seines Wamses einen großen Brief mit dem königlichen Siegel in rotem Wachs und hielt ihn dem Freund vor die Augen.

Don Leandro blickte bestürzt.

»Ihr hattet recht,« sagte er dann voll Wehmut, »ich beneide Euch. Ich beneide Euch um die Luft von Madrid ... Aber nun nichts weiter von Neid. Du bist ja mein Freund, Juan, du wirst Donna Jimena in meinem Namen aufsuchen, du wirst sie von mir unterhalten, und sie wird ein wenig das Gefühl haben, als ob ich selber gekommen sei, willst du, Freund Juan? Es wird der größte Dienst sein, den du mir je erwiesen hast, oder verlange ich zuviel von dir? Alle Welt wird sich zu Madrid um dich balgen, aber zu einem Dienst der Freundschaft, wie ich dich kenne, wirst du vielleicht hie und da ein Stündchen erübrigen.«

Der Herzog von Logrono mußte lächeln.

»Ich fürchte nur,« antwortete er, »ich werde dir ein mangelhafter Botschafter sein. Du weißt, abgesehen von meiner guten Mutter, auf deren Wiedersehen ich mich über alles freue, habe ich außerhalb der steifen Hofgesellschaft den Verkehr mit Damen wenig gepflegt, ein dunkler Instinkt schreckte mich davon ab, ich hielt mich zu ungeschickt dafür, oder ich fühlte einfach kein Bedürfnis danach, – nein, es war wirklich ein Gefühl von Ungeschicklichkeit. Mein Wesen war allezeit ein etwas schwerfälliger Ernst, ein leichtfertiger Scherz stand mir nie zur Verfügung. Vor schönen Frauenaugen verstummte ich gern, und das modische Gitarregeklimper vor verschlossenen Fensterläden dünkte mich eine läppische Afferei. Man hat mir diesen Mangel, und es war ja wohl einer, oft genug zum Vorwurf gemacht, schon auf der Schule zu Salamanka. Denn die Wölfe wollen, daß man mit ihnen heule. Auch boshaft gewitzelt hat man darüber, obwohl in der Regel nur, wenn man sich außer der Reichweite meiner Degenspitze wußte. Nur einer hat es mir einmal ins Gesicht gesagt, der Vizgraf von Moncada, erinnerst du dich noch? Es war, bevor er damals den Skandal hatte mit der losen Luise, der Schauspielerin. Dem habe ich heimgeleuchtet, er hat sechs Wochen lang den Arm in der Schlinge getragen. Du selber hast mich oft damit geneckt und mir diese angeborene Scheu, oder sagen wir Gleichgültigkeit gegenüber dem schönen Geschlecht als den einzigen Fehler bezeichnet, dessen du mich zu zeihen hättest, was ich natürlich immer noch für sehr schmeichelhaft hielte, wenn ich es glauben könnte. Kurz, ich fürchte, ich werde vor Donna Jimena eine schlechte Figur machen und deine Erwartungen nur unvollkommen erfüllen.«

Don Leandro, obwohl er das Vorgebrachte nicht bestreiten konnte, teilte dennoch diese Befürchtung nicht, sondern bekämpfte sie mit der allgemeinen Bemerkung, daß wir alle weniger schüchtern zu sein pflegen, wenn wir die Sache eines andern, als wenn wir die unsrige vertreten.

Und also übernahm der junge Herzog seinem Freund zuliebe das ihm persönlich nicht ganz willkommene Botschafteramt, und am andern Morgen schiffte er sich ein. Den Prinzen Muley Hassan führte er mit, zunächst aus politischen Gründen, aber auch aus andern, denn es stand so, er hatte an diesem Mauren, wie man zu sagen pflegt, ein wenig den Narren gefressen. Was ihm daraus für Verdauungsstörungen erwachsen sollten, konnte er nicht ahnen.

Schon zu Valencia, wo er den spanischen Boden betrat, wurde er von den königlichen Behörden und dem Volk als der neue Nationalheld begrüßt, und sein Ritt von hier nach Madrid gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug. Tausende von Sonetten wurden auf ihn gedichtet und flogen ihm zu oder wurden auf öffentlichen Anschlägen, an Kirchenportalen und sonst vom zusammenlaufenden Volk gelesen, und all die Dichter verglichen ihn mit dem Cid, dem großen Campeador, oder machten zahlreiche Wortspiele auf seine Namensverwandtschaft mit dem Sieger von Lepanto.

Im Alkazar wurde er vom König und der Königin umarmt. Der König ernannte ihn zum Generalkapitän von Spanien und verlieh ihm zu seiner Provinz Asturien noch die Statthalterschaft von Kastilien. Die Königin überreichte ihm einen Ehrendegen und die schöne Herzogin Des Ursins, die damals, obgleich Französin, nicht unzutreffend die spanische Montespan genannt wurde, schenkte ihm einen goldenen Ring in der Form einer Lorbeerkrone.

Und mehrere Tage dauerten die Feste und Hofbälle und Stierkämpfe, die man ihm zu Ehren veranstaltete.

Bei einer dieser Gelegenheiten begegnete er auch dem alten Marques von Villar, dem Vater der Donna Jimena, den er oberflächlich kannte. Ihn beauftragte er einstweilen mit den Grüßen des Grafen von Monreal an Donna Jimena und bat um die Ehre, dieser persönlich seine Aufwartung machen zu dürfen. Dem reichen Marques von Villar, der ein kleines schmächtiges Männlein darstellte, zitterte förmlich das graue Kinnbärtchen bei dieser Eröffnung. Er galt für geizig und hielt sein Haus lieber verschlossen als offen; aber den mächtigen Herzog und Eroberer von Oran vor allen andern in seinem Palast empfangen zu dürfen, schmeichelte ihm ungeheuer, und vielleicht, wer weiß, gewann in seinem berechnenden Geiste ein gewisser Plan die erste, wenn auch noch kaum erkennbare Gestalt.

Donna Jimena jubelte über diese Ankündigung. Nun war sie erst stolz auf ihren Verlobten. Einen solchen Liebesboten konnte nicht leicht ein anderer seiner Braut schicken. Und wie ihre Freundinnen sie beneiden würden um diesen Besuch, dem ihr Herzchen, man begreift es, nun mit zitternder Ungeduld entgegenharrte, vor allem natürlich wegen der in Aussicht stehenden näheren Nachrichten über ihren Verlobten, ein wenig aber auch wegen der Berühmtheit, ja Einzigheit des Überbringers.

Ihr Vater, der Marques von Villar, beurteilte allerdings den letzten Umstand als den gewichtigsten. Sein weitläufiger Palast an der Plaza Mayor gehörte wohl zu den vornehmsten der Stadt, lag aber dennoch etwas verödet. Der geizige Alte empfing selten, und an Gesellschaften gab er eine einzige im ganzen Jahr, am Namensfest seiner Tochter. Und diesem verlassenen Palast, mit Hintansetzung aller noch so glänzenden Häuser vieler Großen, sollte nun die Ehre widerfahren, den gefeiertsten Mann des Königreichs vor allen anderen in seinen Mauern zu empfangen.

Dem alten Marques ging es darum ähnlich wie seiner Tochter, er empfand einen jetzt noch erhöhten Stolz auf diese Tochter, und dem Männlein machte es nichts, daß sich dahinter ein kleiner Mangel an Logik versteckte, indem eigentlich nicht sein Kind, sondern sein Schwiegersohn ihm diese Ehre verschaffte.

Indessen steigerte sich die Ungeduld der leidenschaftlichen Jimena ins Grenzenlose. Bei jedem Eintreten eines Lakaien in ihr Gemach geriet sie jedesmal in ein heftiges Zittern, weil sie meinte, er werde die Anmeldung bringen, so daß die alte Inez, die unvermeidliche Duenna, die in einem bequemen Polstersessel im Hintergrund des Gemachs an einem seidenen Schal strickte, alle Mühe hatte, sie zu beruhigen.

Sie trug in diesen Erwartungsstunden ihr neuestes Pariser Kleid von gesticktem perlgrauen Atlas mit hochgesteckten Falten und steifem Mieder, reichlich mit zart rosafarbenen Schleifen und Schlupfen überdeckt; denn seit dem Bourbonenkönig Philipp V. entrichteten auch die spanischen Damen ihren Tribut der französischen Mode oder vielmehr der Mode von Versailles, und nur die schwarze Mantilla von feinsten Valencianer Spitzen über Kopf und Schultern kennzeichnete die Spanierin, als welche man übrigens die Donna Jimena in jedem noch so fremden Kostüm erkannt hätte. Auf ihrem ausgeschweiften Sofa in Gold und Blaßgrün bequem hingelagert, hielt sie nun zwar immer ein zierliches Goldschnittbändchen in rotem Saffian zur Hand, eine Sammlung von hundert Sonetten des augenblicklichen Modedichters auf den neuen spanischen »Campeador«; aber öfter, als sie in dem Büchlein blätterte, entfaltete sie ihren zartskulptierten Elfenbeinfächer zu fleißigem Gebrauch oder ordnete die Falten ihrer Mantilla, da sich so was im Liegen ja leicht verschiebt.

Und mit diesem Geschäft war sie gerade wieder einmal glücklich zurechtgekommen, als der Heißerwartete endlich wirklich gemeldet wurde und dann nach wenigen Augenblicken vor ihr stand.

»Bei San Jago, sie ist schön«, das war der erste Gedanke, der den jungen Herzog durchzuckte. Und Donna Jimena war nicht nur schön, schön als vollendeter Ausdruck ihrer Rasse; ihr lebhafter Geist und ein, wenn auch noch mädchenhaft gebundenes leidenschaftliches Temperament verliehen dem zierlichen glutäugigen Kind des Südens, denn sie war eine Andalusierin und nannte das aus Palmengärten weißleuchtende Sevilla ihre Mutterstadt, einen noch höheren Reiz und Zauber, womit sie jetzt sogar die Sinne des für froschblütig geltenden jungen Herzogs, dieses nordischen Asturiers mit einem noch unentdeckten Vulkan im tiefsten Innern, unentrinnbar umsponnen hielt.

Den Gegenstand ihrer beiderseitigen Reden bildete aber einzig Don Leandro. Der Herzog von Logrono rühmte sehr freigebig den nicht unwesentlichen Anteil des Grafen von Monreal y Calamocha an dem Gelingen des ganzen gefahrvollen Unternehmens, und mit besonders lebhaften Farben schilderte er das letzte Ringen in den inneren Höfen des Kasba und die schauerliche Gefahr, der sich Don Leandro ausgesetzt sah, bis ein tapferer Spanier (sich selber verleugnete der Herzog hier) ihm zu Hilfe kam und ihn glücklich herausschlug aus dem halben Dutzend von Turbanen, die ihn mit ihren krummen Säbeln von allen Seiten bedrohten.

Donna Jimena und die alte Inez im Hintergrund stießen gleichzeitig einen Schrei aus. Die schöne Herrin schien einer Ohnmacht nahe und der junge Herzog sah sich schon nach einer Klingel um. Doch Donna Jimena wehrte ab, sie hielt wohl noch die Hand gepreßt auf das stockende Herz, aber ihre Fassung hatte sie bereits wieder gewonnen.

Diesem ersten Besuch folgte bald ein zweiter, und dann ein dritter und noch mehrere.

Das erstemal war er mit seiner Staatskarosse vorgefahren, später kam er zu Fuß, er hatte von seinem Palast bei San Antonio durch die Calle del Prado, an San Tamaso vorüber, nur einen ganz kurzen Weg nach der Plaza Mayor. Begleiten ließ er sich dabei nur von zwei Dienern und dem Mauren Muley Hassan, den er sich überhaupt gern zur Seite sah. Einmal machten der Turban und faltenreiche weiße Burnus des Araberfürsten einen guten Gegensatz zu seiner eigenen streng spanischen Tracht in Schwarz, aus dem nur, von der fächerartigen weißen Halskrause abgesehen, das goldene Gefäß seines Toledaner Degens und der gelbliche Handschuh ein wenig hervorstachen; vielleicht aber schmeichelte es auch ein ganz klein wenig seiner Eitelkeit, einen maurischen Fürsten zum Trabanten und sozusagen zum Sklaven zu haben.

Immer häufiger wiederholte er seine Besuche im Palast des Marques von Villar. Seine gute Mutter in dem einsamen Palast bei San Antonio in der Calle del Prado nahm ihn nicht übermäßig in Anspruch, und an den Hof ging er nicht öfter als unumgänglich nötig. Dieser, ganz von den Landsleuten des Königs, den Franzosen, beherrscht, verdroß den stolzen Herzog. Fast nur der Groß-Marschall des Königs oder Majordomus-Mayor, wie er dortzuland genannt wurde, der Graf von Moncada, Herzog von Ossona, war noch ein Spanier, aber dieser grollte dem Sieger von Oran, der ihm einst zu Salamanca um ein Haar den einzigen Sohn getötet hätte. Auch dem allmächtigen Italiener (noch einmal ein Ausländer), dem Kardinalminister Alberoni, ging der neue Campeador viel lieber aus dem Weg, als daß er ihn aufsuchte.

Don Juan d'Asturia, der in seinen Arbeiten und Lieblingsstudien immer seine schönste Befriedigung gefunden hatte, fühlte sich nun einmal kein Hofmann, seine Macht lag in seiner Popularität und sein Glück in der Freundschaft.

Er war nicht nur kein Hofmann, sondern auch kein Freund großer Gesellschaften, die seinem nach innen gekehrten Wesen niemals genug taten, und auch einen intimeren Verkehr, mit Frauen besonders, pflegte er kaum. Sein inniges Freundschaftsverhältnis zu Don Leandro mag sich gerade daraus erklären, und vielleicht noch etwas anderes, das nun bald hervortreten wird.

So geschah es nämlich, und damit erfüllte er ja zugleich eine heilige Freundschaftspflicht, daß er bald täglich ein Stündchen und auch länger bei Donna Jimena verweilte zur großen Befriedigung der alten Inez, die dabei nie leer ausging und zur ebenso großen der Herrin, die man noch lang nicht verleumdet, wenn man gesteht, daß sie sich in dem öden Palast ihres Vaters etwas mehr langweilte als es einer so schönen jungen Dame gesund ist.

Hinsichtlich dieser schönen Person aber glaubte Don Juan schon nach kurzem eine Entdeckung gemacht zu haben, die ihn sehr erschreckte und aufrichtig schmerzte. Das Erschrecken bezog sich auf ihn selber, der Schmerz auf seinen Freund. Er glaubte nämlich entdeckt zu haben, daß sein Freund Leandro leider im Irrtum lebte, indem er sich von Donna Jimena geliebt glaubte, wenigstens in dem Sinn, wie er es meinte.

Oh, gewiß, sie zeigte sich ihm nicht abgeneigt. Man hatte sie mit ihm verlobt, eine Angelegenheit des Vaters, und der junge Graf von Monreal hatte seine eigene leidenschaftliche Liebe zu der schönen Jimena auch bei ihr vorausgesetzt, die ihn aber doch nur so liebte, wie eben eine wohlerzogene Tochter den ihr bestimmten Mann zu lieben nach Sitte und Herkommen sich verpflichtet fühlen wird, mit jener Art Pflichtliebe, sozusagen offizieller Liebe, womit sich die meisten Männer ja auch begnügen, wenn nur die Partie nichts zu wünschen übrigläßt.

Der Herzog von Logrono aber kannte seinen Freund als aus anderem Holz geschnitzt; dieser unterstand – Don Juan besaß dafür genügende Proben – ganz ernstlich einem verhängnisvollen Irrtum, der Arme.

Dies die schmerzliche Seite an seiner Entdeckung, und er litt darunter mehr als man sagen kann. Was aber erschreckte ihn daran? Dies betraf nicht mehr den Freund, sondern ihn selber. Er hatte entdeckt, fast zu seinem Entsetzen, daß er nahe daran stand, der Verräter an seinem Freund zu werden, ja daß er, noch ehe er sich's bewußt wurde, schon mitten in den Verrat eingetreten war.

Er hatte sich's lange geleugnet. Heute aber, wenn er kein erbärmlicher Lügner sein wollte vor sich selber, mußte er sich's eingestehen. Er liebte Donna Jimena.

Es war seine erste Liebe, und sie war mit einer Gewalt über ihn gekommen, wie eben allmächtige Naturgewalten über den Menschen hereinbrechen. Eine Zeitlang beruhigte er sich mit der Hoffnung, daß seine Liebe nur sein eigenes Unglück sei und seinen Freund nicht zu berühren brauche. Da glaubte er noch an die Liebe Jimenas zu Don Leandro. Als ihm aber dann dieser Wahn zerstört wurde, als er erkannte, daß Donna Jimena seinen armen Freund nie geliebt hatte, daß sie ihn heut weniger liebte als je, daß vielmehr seine, seine selbsteigene Leidenschaft von ihr geteilt wurde, da sah er nur einen einzigen Ausweg, um ehrlich zu bleiben, und zu dem nahm er nun unverweilt seine Zuflucht.

Er bewirkte beim König die Rückberufung des Grafen von Monreal. Er selber schrieb dem Freund und bat ihn, wenn es ihn auch schwer ankomme, bei ihm in seinem Palast abzusteigen, ehe er an der Plaza Mayor seine Aufwartung mache. »Nimm meine Bitte«, so schloß er, »nicht für den Ausfluß von freundschaftlichem Egoismus. Unser beider Ehre und Glück hängen davon ab.«

Er ahnte wohl, wie sehr er den Freund damit erschreckte, aber er durfte ihm das nicht ersparen.

Denn wenn es auch ihm bei seiner Denkungsart für selbstverständlich galt, daß er Donna Jimena nicht mehr sah, so wußte er eben noch nicht, daß die auferlegte Selbstüberwindung seine Kräfte bei weitem überstieg.

Und wenigstens reden mußte er von ihr. Ihren süßen Namen mußte er von Zeit zu Zeit auf den Lippen führen. Muley Hassan ward sein Vertrauter.

Dieser nahm die Sache natürlich so, wie eben ein Maure und Mohammedaner sie nehmen mußte, vielleicht aber hegte er dabei auch irgendeinen Hintergedanken.

»Verzeihe, Herr,« so sprach er, »aber wir andern, wir finden eure christlichen Sitten lächerlich. Wenn wir ein Weib lieben, so verbergen wir diesen kostbaren Schatz sorgfältig vor jedem andern Mann, und sei er auch unser bester Freund. Ein Eunuche natürlich ist kein Mann, aber einem andern als einem solchen ein geliebtes Weib anzuvertrauen, würden wir als die größte Narrheit betrachten, die ein Mensch begehen kann. Tröste dich also, Herr, dein Freund liebt dieses Weib gewiß nicht, er hätte sonst meinen Herrn nicht als Boten zu ihm geschickt.«

Diese mohammedanische Rede blieb, namentlich in ihren letzten Worten, nicht ganz ohne Wirkung bei dem Herzog. Man glaubt leicht, was man wünscht.

Nicht geradezu glauben konnte Don Juan, nein, gewiß nicht; aber daß er es gern gewünscht hätte, verriet eben eine im geheimsten Innern gehegte Hoffnung, die er sich nicht eingestehen mochte, er meinte ja, mit seinem heroischen Fernbleiben ein für allemal alles überwunden zu haben.

Der Graf von Monreal kam an, brennend nach Aufklärung über den erschreckenden Brief des Freundes.

»Ach, mein lieber Leandro,« sprach Don Juan, »mir ist ein großes, ein furchtbares Unglück widerfahren.« Und dann machte er dem bestürzten Grafen sein Geständnis.

»Was aber das schlimmste ist,« fügte er hinzu, »ich muß fürchten, daß man meine unselige Liebe erwidert, daß ich, ein verworfener Verräter, dich aus dem Herzen deiner Braut verdrängt habe. Doch das ist gewiß nur eine selbstgefällige Täuschung meiner blinden Leidenschaft. In einer augenblicklichen Verirrung mag ich Donna Jimena verlockt haben, aber ich zweifle nicht, du brauchst nur vor ihr zu erscheinen, um mich für immer wie einen wesenlosen Schemen aus ihren Gedanken zu verscheuchen.«

Der bestürzte Graf eilte zu seiner Braut, und wie ein Vernichteter kehrte er zurück.

Donna Jimena hatte ihn nicht unfreundlich, aber mit kühler Zurückhaltung empfangen. Aber das war vielleicht bräutliche Scheu; wer vermöchte an ein Furchtbares so leichthin zu denken? Und der Graf ließ den Marques von Villar um eine Unterredung bitten.

Sie entschied alles. Der alte Reichling machte gar keine Umstände; schonungslos erklärte er dem Ärmsten, daß er die Verlobung für aufgelöst zu betrachten habe.

Ganz fassungslos hörte Don Juan, der Herzog von Logrono, die Botschaft. Es mag sein, daß in den unbewußten dunklen Regionen seiner Seele etwas jubelte. Aber der Schreck überwog. Das tiefe Leid des Freundes schnitt ihm in die Seele. Und eine Linderung seines zerrissenen Gemütes fand er nicht etwa in den verbrecherischen Hoffnungen, die er trotz all dem uneingestanden in sich hegte, sondern in einem andern Umstand, der nun zutage trat.

Nicht etwa zarte Rücksichtnahme auf die Herzensneigungen seiner Tochter – er war nicht der Mann, der mit Herzen rechnete –, sondern nur geschäftliche, nur weltlich ehrgeizige Berechnungen bildeten bei dem Marques von Villar die Grundlage seiner Entschließungen.

Was der Graf von Monreal erst jetzt erfuhr, daß seine reichen überseeischen Besitztümer durch verhängnisvolle Umwälzungen in den dortigen Ländern für ihn verlorengegangen, der Marques von Villar wußte es schon seit drei Wochen. Und daß damit seine Familienpolitik hinsichtlich der geplanten Verehelichung eine Veränderung zu erleiden habe, fand er ganz selbstverständlich. Um so mehr, als er um die leidenschaftliche Neigung des Herzogs von Logrono wohl wußte, wenn er auch gar nichts zu merken schien.

Auf ihn setzte er jetzt seine Hoffnungen, einen glänzenderen Schwiegersohn hätte ihm ganz Spanien nicht zu bieten vermocht. Aber auch ohne diese Aussicht auf den Sieger von Oran und reichen Günstling des Königs würde er doch die Verlobung seiner Tochter mit dem verarmten Grafen von Monreal unter allen Umständen gelöst haben. Es gab da noch einen anderen glänzenden Bewerber. Don Fernando, der Vizgraf von Osona und einziger Sohn des Grafen von Osona, Herzogs von Moncado, hatte schon zweimal vorsichtig anpochen lassen. Aber allerdings dieser Vizgraf und königlicher Kämmerer, ein lockeres und tief verschuldetes Herrchen bei noch rüstigem Alter seines Vaters, konnte nur im Notfall in Betracht kommen, wenn die Kombination mit dem Herzog von Logrono fehlschlagen sollte. Nicht daß der Marques von Villar davon deutlich gesprochen hätte. Nur wie in entfallenen halben Worten verriet er sich gelegentlich.

Dieses alles vernahm auf Umwegen auch der Herzog von Logrono, und nicht für sich, sondern für seinen Freund schöpfte er daraus neue Hoffnung.

»Glaube mir, lieber Bruder,« sagte er, »du hast das Spiel noch lange nicht verloren. Also sei guten Muts. Ich sehe schon ganz deutlich den Ausgang aus dieser Sackgasse.«

Don Leandro blickte sehr ungläubig. Ihm schien seine Sache hoffnungslos, und sie war es in der Tat noch mehr, als er dachte.

Um so mehr vertraute der Herzog von Logrono auf seinen geheimen Plan; er hatte die Interessen seiner eigenen Leidenschaft im Augenblick ganz vergessen, nur noch erfüllt von dem Bewußtsein, an dem Glück seines Freundes mit Erfolg zu arbeiten.

»Den Kopf hoch,« wiederholte er, »ich sehe ihn wirklich schon ganz nahe und deutlich vor mir, den glücklichen Ausweg. Du weißt, ich werde jetzt in Alkazar erwartet. In einigen Tagen sehen wir uns wieder.« Damit verabschiedete er sich von dem erstaunten Freund.

Am dritten Tag darauf, spät am Abend, kam der Herzog von Alkazar zurück, und in seinem Palast angelangt, eilte er unverzüglich nach den Zimmern des Grafen von Monreal. Er fand ihn in dumpfem Brüten vor seinem Arbeitstisch, und ohne ein Wort entfaltete er vor ihm auf der Tischplatte ein mächtiges Pergament mit wunderbar verzierten und verschnörkelten Initialbuchstaben in den oberen Zeilen und dem an zweifarbigen Schnüren befestigten großen Königlichen Siegel in rotem Wachs.

»Das ist mehr, weit mehr als deine ehemaligen Einkünfte aus Südamerika«, sagte er endlich.

Es war ein Königliches Patent, nämlich die Ernennung des Grafen von Monreal y Calamocha zum Statthalter von Kastilien.

Der Herzog von Logrono war freiwillig von dieser Statthalterschaft zurückgetreten und hatte vom König die Gnade verlangt, daß sie dem Grafen übertragen würde als Belohnung für seine Verdienste bei der afrikanischen Expedition.

Don Leandro stand tief erschüttert und gerührt. Er stotterte Worte des Dankes.

»Kein Wort deswegen«, unterbrach ihn der Herzog; »mich freut nur, daß es Kastilien ist, so wirst du deinen künftigen Wohnsitz in Madrid haben und wir brauchen uns nicht zu trennen. Das ist noch zu allem für mich das schönste. Im übrigen bin ich es, der deine Nachsicht und Verzeihung braucht, indem ich noch etwas anderes tat, etwas das ich eigentlich nicht ohne deine Erlaubnis tun durfte. Ich hoffe, du wirst mir deswegen nicht grollen. Ich habe nämlich deinen Bevollmächtigten gespielt und deinen Freiwerber gemacht. Ich habe eine notarielle Abschrift dieses Patents an den Herrn Marques von Villar abgeschickt und ein eigenhändiges Schreiben beigefügt, worin ich um die Hand seiner Tochter anhalte für meinen nächsten Freund, den neu ernannten Statthalter von Kastilien. Du wirst sehen, ich bekomme keinen Korb für dich.«

Wieder blickte Don Leandro ungläubig. Eine jählings getötete Glückshoffnung erwacht nicht so leicht wieder zu neuem Leben. Und der Herzog von Logrono, von dieser Mutlosigkeit des Freundes enttäuscht und fast verletzt, konnte einen sanften Vorwurf nicht zurückhalten. Don Leandro erwiderte mit einem einzigen Wort. Es klang verzweiflungsvoll: »Sie liebt mich nicht.«

Schlimme Ahnungen treten häufiger ein als freudige Hoffnungen. Wie wenig er auch darauf gefaßt sein mochte, der Herzog bekam einen Korb für seinen Freund.

Das ablehnende Schreiben des Marques von Villar hielt sich in den Ausdrücken untertänigster Höflichkeit, ja des lebhaftesten Bedauerns, und einen gewissen delikaten Punkt schien der alte Mann besonders wichtig zu nehmen, nämlich, daß in seinem Verhalten zu dem Herrn Grafen von Monreal y Calamocha in keiner Weise dessen ökonomische Verhältnisse in Betracht gekommen wären, sondern einzig und allein gewisse Herzenswünsche und Neigungen, die ein um das Glück seines Kindes besorgter Vater nicht ganz außer acht lassen dürfe. Er hielt es also wenigstens für schicklich, wie ja die meisten es gern tun, die handfesten Brocken seiner allein auf das Reale gehenden Berechnungen in idealer Sauce zu servieren.

Dieses Schreiben hatte der Herzog seinem Freund vorgelesen, sie saßen einander gegenüber, und lange Zeit schwiegen beide.

Die Seele des Herzogs fühlte sich wie mit sich selbst entzweit. – In heftigstem Widerstreit bekämpften sich in ihm die widersprechendsten Gefühle. Um Don Leandro stand es einfacher. Über sein Glück war das Todesurteil endgültig ausgesprochen worden. Er fand zuerst das Wort.

»Lieber Juan,« begann er, »du hast dich nicht getäuscht, Donna Jimena liebt dich. Nimm sie hin. Nicht von mir oder meiner Freundschaft, denn hingeben kann nur, wer besitzt. Aber da mir, was ich so heiß ersehnt, nun einmal unerreichbar ist, zu meinem Unglück, so wird es mir wenigstens ein Trost sein, das versichere ich dir mit heiligem Wort, dieses mir Versagte im Besitz meines teuersten Freundes zu wissen, eines Freundes auch, von dessen Loyalität ich vollkommen überzeugt bin und der glänzenden Beweise dafür gar nicht bedurft hätte wie du sie mir gegeben hast, Juan d'Asturia.«

Dieser unterdrückte mannhaft ein Gefühl des Jubels, das in ihm aufsteigen wollte; er äußerte eine traurig ablehnende Gebärde.

»Du verlangst Unmögliches von mir,« sprach er, »denn wie kann ein Mensch glücklich werden auf Kosten eines andern? Die meisten Menschen glauben es wohl. Aber ich, ich sollte glücklich werden auf deine Kosten, Leandro.«

»So willst du,« versetzte der Graf von Monreal fast sarkastisch, »so willst du, daß sie, die in sich deiner Seele Leben trägt, zu der es dich drängt mit allen deinen Kräften, für die dein leibliches Leben hinzugeben dir nichts wäre, willst du, daß sie von einem Windhund in Besitz genommen werde, von jenem lächerlichen Don Fernando, den du verachtest ...«

So verliefen die Vorgänge, wie sie sich zugetragen haben vor der Vermählung des Don Juan de Somosierra, Herzogs von Logrono, mit Donna Jimena, der Tochter des Marques von Villar. Das oben berichtete Gespräch der beiden Freunde ist natürlich nicht als die letzte und endgültige Entscheidung der Dinge anzusehen – noch mancher schmerzlichen Auseinandersetzungen bedurfte es dazu –, aber es bildete doch den ersten Schritt und lockerte entscheidend den Widerstand des Herzogs.

Anfangs November fand die Hochzeit statt. Sie gestaltete sich zu einer der glänzendsten, die man seit lange in Madrid erlebt hatte. Drei Menschen feierten Triumph. Groß war der des alten Marques von Villar. Kühnes war seinem ehrgeizigen und habsüchtigen Streben gelungen. Aber mehr bedeutete der Sieg zweien jungen leidenschaftlichen Herzen und wurde von ihnen als ein um so größeres Glück empfunden, da der Weg zu diesem Sieg, dem einen wenigstens, furchtbare innere Kämpfe gekostet hatte.

Doch ganz vollkommen ist nichts in dieser Welt, und auch die Glückserfüllung des Herzogs von Logrono erfuhr eine Trübung durch den Umstand, daß gerade sein innigster Freund der Hochzeit fernblieb.

Es konnte ja nicht anders sein, und der Herzog war weder so unverständig, noch so ungerecht, um die Gründe seines Freundes nicht zu billigen.

Diesem mußte es natürlich in hohem Grade schmerzhaft, ja fast unmöglich sein, derjenigen unter die Augen zu treten, die er einst angebetet und die ihn dann kalt verworfen hatte. Aber auch wenn er zu dieser ungeheuren Selbstverleugnung fähig gewesen wäre, gebot ihm doch die Rücksicht auf die Gemahlin seines Freundes sein Fernbleiben, denn auch ihr mußte ein Zusammentreffen mit ihm peinlich sein in mehr als einem Sinn.

So sah also der Herzog von Logrono seinen Freund nur noch, wenn er ihn selber, was allerdings häufig geschah, im kastilianischen Statthalterpalast bei San Francesco el Grande aufsuchte oder sie sonst sich trafen, bei Hof oder anderweitig in großer Gesellschaft. Bei solchen Gelegenheiten blieb natürlich auch ein Zusammentreffen zwischen Donna Jimena und dem Grafen von Monreal unvermeidlich, doch die Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten der großen Welt erleichterten es hier, sich gegenseitig wie Freunde zu behandeln.

Peinlich empfand dies nur der Herzog. Sein Freund hatte natürlich sein Betragen dem der Herzogin gemäß einzurichten, aber von seiner Gemahlin hätte der Herzog gewünscht, daß sie seinem Freund freundlicher entgegenkäme und ihr möglichstes täte, die Kluft zu überbrücken und die ärgerliche Vergangenheit allmählich leise zu übertuschen. Er verfehlte nicht, sich in diesem Sinn, wenn auch mit diplomatischer Vorsicht, gegen seine Gemahlin auszusprechen. Sie wollte ihn nicht verstehen. Äußerlich nahm sie seine Zumutungen leicht hin, wie eine Sache, die eigentlich nicht der Rede wert ist, er merkte aber, daß sich dahinter eine fast leidenschaftliche Ablehnung versteckte.

Dieses Betragen der Herzogin kränkte ihn mehr als er sich eingestand. Und in noch einer Sache kam es zwischen ihnen zu einem kleinen Zwist, und wenn in dem vorigen die Gemahlin sich als die Weigernde erwies, so war es nun der Herzog, der den Kopf aufsetzte. Die Herzogin konnte nämlich den Afrikaner, den Muley Hassan, nicht leiden. Sie behauptete, der Maure habe so etwas Heilloses im Blick, etwas Unheildrohendes, und sie könne des Gefühls nicht ledig werden, als ob in der Seele dieses Mohammedaners etwas Grauenhaftes unheimlich brüte, ja sie habe schon einigemal ganz schreckliche Dinge von ihm geträumt.

Bei der Frühschokolade war's, die Herzogin sah wahrhaft bezaubernd aus in ihrem Gewölk von feinstem weißen Tüll mit der schwarzen Mantilla über Haupt und Schultern, und die angstvolle Erregtheit ihrer Seele gab ihren großen Augen einen Ausdruck von fast übermenschlicher Poesie. Aber der Herzog achtete gerade heute nicht darauf. Er schien zu sehr mit seinem weichen Ei beschäftigt, das er mit dem goldenen Löffelchen behutsam ausschöpfte.

»Warst du vielleicht auch schon bei einer Traumdeuterin und Kartenschlägerin deswegen?« spottete er, der auf seinen prinzlichen Diener viel zu hohe Stücke hielt, um die abergläubische Gespensterfurcht eines erregten Weibergehirns, wie er sich ausdrückte, auch nur um ein Haarbreit ernst zu nehmen.

»Lacht immerhin über mich,« antwortete die Herzogin sichtlich verletzt, indem sie die schwarze Mantilla sich enger um die bloßen Schultern zog, »lacht immerhin, eines Tages werdet Ihr es bereuen, nicht auf mich gehört und den Mohammedaner nicht rechtzeitig entlassen zu haben.«

Dies alles mißfiel dem Herzog aufs äußerste, und mit etwas kühler Höflichkeit erklärte er seiner Gemahlin, in allem stehe er ihr zu Diensten, aber über seine eigenen alten Diener müsse er leider ihr Gutachten von der Hand weisen.

Die Herzogin kam auf diese Sache nicht mehr zurück, wenigstens nicht in offener Rede; nur in ihrem stummen Betragen ließ sie den Gemahl öfter merken, was sie quälte und bedrückte, der ihr dafür wieder seinerseits heimlich grollte, da er in allem nichts als einen albernen Aberglauben sah oder gar das Fühlerausstrecken weiblicher Herrschaftslaune, welcher er, bei all seiner leidenschaftlichen Liebe zu der täglich schöner werdenden Donna Jimena, seinen männlichen festen Grundsätzen gemäß, nicht entgegenkommen wollte; wie sie ja auch ihrerseits in ihrem äußeren Betragen gegen den Grafen von Monreal seinem liebsten Wunsch einen Widerstand entgegensetzte, den er nicht für möglich gehalten hatte.

Das Eheglück zu stören oder auch im geringsten zu trüben, vermochten diese kleinen Zwistigkeiten zwar nicht, aber eine gewisse dunkel gefühlte Spannung in den beiden Gemütern erzeugten sie doch.

Und gerade um diese Zeit gegen das Frühjahr zu machte der Herzog eine unglaubliche Entdeckung, eine solche, die nun wirklich seinem Glück einen ersten tödlichen Stoß versetzte. Er hatte in irgendeinem auf einer Kommode im großen Saal herumliegenden Buch seiner Frau geblättert, einem feinen Goldschnittbändchen in rotem Saffian, dem nämlichen, womit er sie zum erstenmal gesehen hatte, mit den hundert Sonetten auf den Sieger von Oran. Ein Lächeln, mehr verächtlich als wohlgefällig oder gar selbstgefällig, umspielte seine Lippen, da fiel aus dem Bändchen heraus ein Brief zu Boden. Er hob ihn auf und erkannte darin die Handschrift seines Freundes Leandro, des Grafen von Monreal. Eine Unterschrift fehlte.

An sich enthielt der Brief nichts Verbrecherisches. Er enthielt nur, in den ehrfurchtsvollen Ausdrücken, eine Versicherung ewiger Liebe und Hochschätzung von seiten des Schreibers für die Empfängerin.

Auch deren Name war nicht genannt. Aber der Brief lag in einem Buch, das der Herzogin gehörte und worin sie öfter zu lesen schien.

Der Herzog stand ratlos.

Don Juan pflegte im allgemeinen sehr selbständig zu handeln, aber diesmal vermochte er nicht zu einem Entschluß zu kommen, nein, er wußte nicht aus noch ein mit seinen Gedanken, der Schlag hatte ihn wie betäubt. Er brauchte eines Menschen Rat und Meinung. Und wie schon einmal nahm er seine Zuflucht zu seinem Afrikaner, der ihm gerade durch seine schweigsame Verschlossenheit Vertrauen einflößte.

»Ich sehe in der Sache nichts Strafbares, Herr«, sagte Muley Hassan in seinem unerschütterlichen Gleichmut.

»Nichts Strafbares«, stöhnte es aus dem Herzog. »Sie bedürften nicht des Geheimnisses, wenn sie sich nicht des Verrates bewußt wären.«

»Verzeihe, Herr,« versetzte der Maure mit bedeutungsvoller Betonung, »aber du selber hast in verhängnisvoller Weise deinem Freund das Recht gegeben, daß er erwarten darf, mit Nachsicht von dir behandelt zu werden, du stehst in seiner Schuld.«

Dieses Wort schien freilich zutreffend, der Herzog fühlte es tief, aber einen Trost konnte er deswegen nicht daraus gewinnen.

Er kam aber nach und nach zu einiger Ruhe und Besonnenheit in seinen Gedanken. Er sagte sich: »Sie halten vielleicht beide die Sache für ganz unschuldig; sie werden mir ein offenes Geständnis ablegen und damit möge es gut sein.«

Er fand es schicklich, sich zuerst an seine Gemahlin zu wenden. Die Abendtafel wurde gemeldet, und da kein Gast für den Abend erwartet wurde, wenn auch alle Kerzen brannten in den schweren, vielarmigen silbernen Leuchtern, wollte er gleich heute diese Gelegenheit benützen. Er mußte freilich den Nachtisch und die Entfernung der Dienerschaft abwarten, ehe er reden konnte, und daß es in der ganzen Zeit seiner Gemahlin gar nicht auffiel, wie er kaum die Speisen berührte, und überhaupt ihr auffallend zerstreutes Wesen wirkte nicht gerade ermutigend auf ihn. Er faßte sich doch endlich ein Herz.

»Was ich dich fragen wollte,« begann er in so harmlosem Ton als möglich, »ja, seit einiger Zeit her wollte ich dich schon immer fragen, nämlich, ob du seit unserer Verheiratung nicht einmal einen Brief von dem Grafen Monreal erhalten hast, den du mir vielleicht aus begreiflicher zarter Rücksicht nicht zeigen mochtest.«

Die schöne Donna Jimena hob einen Blick äußerster Verständnislosigkeit zu ihm auf.

»Wie sollte ich dazu kommen?« antwortete sie kurz und kühl.

Nun ja, dachte er, wer zu einer unehrlichen Verheimlichung fähig ist, wie sollte der nicht auch fähig sein zur direkten Lüge!

Er trug nun zwar in seiner Tasche das Dokument, womit er die Herzogin mit einem Schlag überführen konnte, aber ein derartig brutales Vorgehen entsprach nicht seinem Charakter. Auch fand er ihre Lüge einigermaßen entschuldbar. Sie wußte, wie er an seinem Jugendfreund hing mit tausend Fasern seines Wesens und wollte es nicht auf sich nehmen, wollte nicht die Ursache sein, einen schmerzlichen Bruch herbeizuführen. Und daß sie im Innersten gekränkt sein mußte von seiner Frage, ja, daß etwas wie Verachtung in ihr keimen mußte für ihn, wenn ... Was, wenn? Wenn die Frage unbegründet war? Aber er trug doch den Brief in der Tasche ... Nun, bei seinem Freunde wollte er anders verfahren. Ihm wollte er den Brief vor Augen halten. Konnte er ihm ins Angesicht seine Handschrift verleugnen?

Aber der Herzog fand nicht sofort den Mut zu diesem Schritt. Und dann trat eine äußerliche Abhaltung dazu. Der Graf von Monreal mußte in Amtsgeschäften verreisen. Dem Herzog selber stand eine ähnliche Reise bevor. Er genoß zwar die Vergünstigung, sich in seiner Provinz für gewöhnlich durch einen Beamten hohen Ranges vertreten zu lassen, doch gewisse Repräsentationspflichten erforderten doch zweimal im Jahr seine persönliche Gegenwart bei dem Provinzialpräsidium zu Oviedo. Diese Verpflichtung war jetzt unaufschiebbar.

Er wußte auch, daß die Titulados der Provinz damit rechneten, bei dieser Gelegenheit der jungen Frau Herzogin vorgestellt zu werden; und daß nun Donna Jimena eine heftige Abneigung gegen diese Reise zeigte, kam ihm höchst ungelegen. Eine ermüdende Sache war es ja und mit tausenderlei beschwerlichen Opfern verbunden; aber von jedem Menschen in öffentlicher Stellung werden Opfer verlangt, und er hatte darum die Teilnahme seiner Gemahlin ohne weiteres vorausgesetzt. Da sie nun aber sehr ernstlich ihre Gesundheit vorschützte und das regnerisch kalte Frühlingswetter bei zum Teil mangelhaften Straßen in diesen nördlichen Gegenden ihm selber schwere Bedenken einflößte, unterließ er es, ein Machtwort zu sprechen und reiste dann, wiewohl nicht wenig verärgert, ohne seine Gemahlin ab.

Denn wenn er es auch begreiflich fand, daß die stolze Donna Jimena über die lächerlichen Ansprüche des weltverhockten Provinzadels in dem abgelegenen rauhen Asturien mit seinen beschneiten Gebirgen die Nase rümpfte, so fand er doch auch wieder, daß sie, wenn sie ihn liebte, seinen wohlbegründeten Wunsch nicht so leicht hätte in den Wind schlagen dürfen. Gewiß wollte er nichts erzwingen von ihr, aber nie hätte er auch geglaubt, daß ihr ein Wunsch von ihm so wenig bedeuten könnte.

Aber Muley Hassan, der nach und nach immer mehr sein Vertrauter geworden, sprach ihm mit Worten zu, denen er nicht jede Berechtigung absprechen konnte.

»Wenn du deinem Knecht nicht zürnen willst, Herr,« so sprach er, »möchte er gerne reden.«

»Sprich!« befahl der Herzog.

»Ihr Christen«, sprach der Mohammedaner, »seid in vielen Dingen unvernünftig, aber am unvernünftigsten im Betragen gegen eure Frauen. Ihr zerrt diese zarten und schwachen Geschöpfe in Dinge und mutet ihnen Kräfte und Pflichten zu, die doch allein Sache der Männer sind. Wir andern halten unsere Frauen wohlbehütet vor Versuchungen und allem, was über ihr Vermögen geht. Die Frau ist ein schwaches Wesen, die Frau ist auch ein krankes Wesen. Sie ist öfter krank als der Mann weiß. Deine Frau, Herr, hat dich gewiß nicht belogen.«

Diese Rede verfehlte nicht, den Herzog einigermaßen zu beruhigen und milder zu stimmen gegen seine Gemahlin, die er ohnedies über den vielfältigen gesellschaftlichen und amtlichen Verpflichtungen zu Oviedo fast ein wenig vergaß, was er sich aber auch wieder zum Vorwurf machte; fast unglaublich und unheimlich erschien es ihm, nun schon mehrere Wochen in dieser Trennung von der Heißgeliebten zu leben, von der sich entfernt zu denken er wie den Tod betrachtet hatte.

Nein, er hatte sie auch gewiß nicht vergessen, und er hätte nicht so furchtbar an sie erinnert zu werden brauchen. Ein Brief tat das. Nicht von ihr. Ein anonymer, abscheulicher Brief: »Ahnt der weitgepriesene Sieger von Oran die Schmach, die ihm in Madrid angetan wird von einem Weibe, das man zweimal bei trüber Abenddämmerung in tiefer Vermummung ihren Palast verlassen sah, dem man gefolgt ist, bis es im Garten eines gewissen Statthalterpalastes verschwand?«

Dem Herzog fiel das Blatt aus der zitternden Hand, und Muley Hassan, der sich unbeweglich wie eine weiße Bildsäule im Hintergrund des Gemachs gehalten hatte, beeilte sich, es aufzuheben; der Herzog gab ihm einen Wink, es zu lesen. Und der Mohammedaner, nachdem er einen Blick darauf geworfen, zerriß das Blatt ruhig und bedächtig in tausend Fetzen.

»Mein Herr wird sich«, sprach er, »von den niederträchtigen Verleumdungen eines Schurken, der sich versteckt, nicht den Kopf warm machen lassen.«

Der Herzog stöhnte förmlich; krampfhaft fuhr er sich mit der Rechten nach seinem Herzen.

»Hoher Herr,« sprach Muley Hassan wieder, »dein Stolz wird es dir verbieten, deine Gedanken auch nur einen Augenblick länger mit diesem schmutzigen Wisch zu beschäftigen.«

Ein schmutziger Wisch war's freilich, der Herzog aber hatte gut all seinen Stolz zu Hilfe zu nehmen, aus seinen Gedanken brachte er das Ding deswegen doch nicht. Jener andere Brief aus dem Buch der Herzogin hatte nur erst ganz schwach und leise an dem Gitter gerüttelt, hinter dem, in dem goldenen Palast der Liebe, die rasende Bestie der Eifersucht angekettet liegt. Nun aber fühlte er sie entfesselt, fühlte bereits ihre furchtbaren Krallen, die ihm das Herz zerfleischten.

Das Widerstreben seiner Gemahlin, ihn auf dieser Reise zu begleiten, wodurch sie doch geradezu der öffentlichen Meinung ins Gesicht schlug, rückte für ihn jetzt in ein furchtbares Licht. Aber das war nicht der erste Herzenswunsch von ihm, gegen den sie sich fast trotzig aufgelehnt hatte. Und auch in jene erste Weigerung, seinem Freund Leandro weniger fremd und ablehnend zu begegnen und ein freundliches Verhältnis zu ihm allmählich wieder anzubahnen, deutete er jetzt einen Sinn hinein, den er niemals darin gesucht hatte. Jetzt begriff er, wie fein es von ihr berechnet war, ihre heimliche, sträfliche Liebe mit dem Mantel einer öffentlich zur Schau getragenen Entfremdung geschickt zu verdecken.

Auch der Zwist um seinen afrikanischen Falken, wie er den Prinzen Muley Hassan nannte, und jener ganze ärgerliche Auftritt bei der Morgenschokolade wurde ihm wieder lebendig, und erst jetzt glaubte er den wahren Zusammenhang zu erfassen. Die scharfen Späheraugen des Mauren hatten die Herzogin geängstigt, darum wollte sie ihn aus dem Hause haben.

Oh, war er denn nicht seinerzeit ganz und gar mit Blindheit geschlagen, wenn er geglaubt hatte, daß sie ihren damaligen Verlobten nicht liebte? Don Leandro war sicherer gewesen in seinem Gefühl. Sie hatte ihn wirklich geliebt. Ihren ersten Verlobten allein hatte sie immer geliebt. Ihrem nachmaligen Gemahl hatte sie geheuchelt, um ihn zur Ehe einzufangen, mit seinem Namen, seinem Reichtum und seiner Stellung, sie, die echte Tochter ihres Vaters.

Und etwas passierte dann dem Herzog, dessen er sich selber schämte. Er betraf sich gelegentlich darüber, daß er im Saal vor dem schwer in Gold gerahmten Spiegel innehielt. Und ganz verdüsterte Blicke warf er da nach seinem eigenen Bild. Wie hätte sie auch, sagte er sich innerlich, diese breite Nase und diesen fast bäuerischen Mund den feingeschnittenen Formen des Grafen von Monreal vorziehen sollen? Ja, die Liebe macht blind. Blind macht sie uns vor uns selber. Und in welchen Wahn bin ich hineingetölpelt in meiner Blindheit!

Nicht daß der Herzog diesen häßlichen Gedanken immer Audienz gab, aber wie er sie auch abwies, sie meldeten sich immer wieder an, bei Tag und bei Nacht, sie erschienen ihm wie Gespenster mitten in Konferenzen und feierlichen Empfängen, und im Schlaf fielen sie über ihn her als giftige Träume und machten ihn elend.

Nur wenige Tage hielt er es aus. Dann brach er auf von Oviedo unter irgendeinem Vorwand. Konnte er denn hoffen, daß die bösen Geister hinter ihm zurückbleiben würden? Er hoffte wirklich auf etwas Ähnliches, er hoffte zu Madrid auf ein Wunder, von dessen Kraft die quälenden Unholde wie hohler Spuk zerfließen und zerstieben mußten.

Also hatte demnach die wilde Bestie Eifersucht noch nicht den letzten Rest von Glauben in ihm verschlungen?

Nein, noch nicht. Aber viel hatte sie nicht übriggelassen.

Er fuhr mit wie oft gewechselten Pferden ohne Aufenthalt. Als man sich, es mochte zur zweiten oder dritten Nachtstunde sein, der Hauptstadt näherte, bedachte er, daß es nicht schicklich sei, seine Gemahlin so unerwartet zu überrumpeln. Er schickte also den Muley Hassan als reitenden Boten voraus, um sich anmelden zu lassen.

Und dieser kam ihm dann auch vor seinem Palast an den Wagenschlag entgegen mit der Meldung, daß die Frau Herzogin auf einen Ball der französischen Botschaft gefahren sei.

In etwas gedankenloser irrer Hast, aber wie von Furien verfolgt, hatte er die Heimfahrt betrieben, und nun, wie seltsam, atmete er fast erleichtert auf, daß er den Augenblick, seiner Gemahlin unter die Augen treten zu müssen, noch um eine Weile hinausgeschoben sah.

Auch Muley Hassan ließ ein Wort fallen, das sich so deuten ließ, wie wenn er die Abwesenheit der Herzogin als einen Gott weiß wie glücklichen Zufall betrachte.

Man deckte die Abendtafel für den Herzog. Wie zu einem Fest wurde gedeckt für den doppelt Einsamen. Über den schweren vielarmigen Leuchtern brannten zahlreiche Kerzen und weckten Blitzlichter aus dem vergoldeten Silbergeschirr und dem Kristall der Karaffen; aber der Herzog saß davor, ohne von den Speisen und Getränken etwas anzurühren.

Lange saß er so in unheilvollem Brüten, die Dienerschaft hatte sich auf seinen stummen Wink entfernt.

Da merkte er wohl, daß die bösen Geister ihm auf den Fersen gefolgt waren. Und glaubte er auch jetzt noch an das Wunder, vor dessen Kraft die quälenden Unholde zerfließen und zerstieben mußten? Er stierte wie blöd vor sich hin. Es mußte schlimm mit ihm stehen, nicht einmal nach der geliebten Mutter fragte er, die im oberen Stock des Palastes ihre Wohnung hatte.

Er hielt es endlich nicht mehr aus in der Ruhe. Er mußte sich Bewegung machen. Alle Räume schienen ihm zu eng in der weiten hellbeleuchteten Wohnung. So geschah es, daß er auch das eheliche Schlafgemach betrat. Hoffte er hier auf das Wunder?

Aber nicht, was er, allerdings nur sehr schwach, gehofft, sondern vielmehr was er sehr stark befürchtet hatte, ereignete sich. Die Geister seiner quälenden schreckenden Gedanken zerflossen nicht, aber flossen zusammen, ballten sich zusammen zu einem einzigen Ungetüm. Dieses entriß ihn mit einem Schlag den marternden Zweifeln und stieß ihn hart an den Abgrund einer bodenlosen Gewißheit.

Und wie kam das? Das traulich reiche Gemach mit der vergoldeten Lagerstatt unter dem baldachinartigen Betthimmel in Blau und Gold erweckte nicht süße Erinnerung in ihm, sondern ließ ihn sein Elend nur bitterer fühlen. Ganz mechanisch nahm er da und dort einen Gegenstand zur Hand, einen Fächer oder eine Trinkschale, oder stierte stehenbleibend und wie blödsinnig auf die zierlichen weißen Pantöffelchen unter dem Kopfende der pompösen Bettstatt.

Und dann auf einmal fiel ihm auf dem Putztisch der Herzogin eine Schatulle ins Auge, ein kunstreich skulptiertes gelbelfenbeinernes Ding, es zeigte sich unverschlossen, und darin zwischen dem schwarzseidenen Gepolster und über verschiedenen Gegenständen lag ein Brief und ein kleines ovales Bildnis – das Bildnis des Grafen Monreal.

Und auch der Brief trug wieder seine Handschrift. Es war aber eine andere Art Brief als jener erste. Er stammelte von Liebesgenuß, genossenem und zu erhoffendem.

Den Herzog fiel es an wie Wahnsinn. Und als ihm in diese purpurne Verfinsterung wieder ein Strahl klar dämmernden Bewußtseins fiel, da stand er vor der Leiche seiner unglückseligen Gemahlin.

Vor ihm auf dem Teppich und dem zerknüllten, mit Hermelin gedoppelten Mantel lag sie in ihrem perlgrauen Atlaskleid, ganz ähnlich demjenigen, in dem er sie einst zum erstenmal sah im Hause ihres Vaters an der Plaza Mayor. Auch die schwarze Mantilla aus Valenzianer Spitzen umhüllte wieder ihr kunstreich aufgestecktes Haargebäude, mit dem funkelnden Brillanten über die Stirne, das silbergestickte Mieder ließ die weiße Brust zur Hälfte entblößt. Geronnenes Blut staute sich in dem Mieder und unter der linken Schulter; nur mit dem goldenen Griff aus der bläulich angeschwollenen Wunde hervorragend, stak, tief eingedrungen, ein zierlicher Frauendolch, wie ihn die Spanierinnen jener Zeit gern zur Hand zu haben pflegten.

Er hatte seine Frau nicht ermordet, sie war ihm zuvorgekommen in ihrem Entsetzen vor dem Dolch in seiner Hand und dem haßerfüllten Blick seiner wie im Irrsinn flirrenden Augen. »Nein,« hatte sie gerufen, »das sollst du nicht, du sollst nicht der Mörder deines Kindes werden.«

Und wie konnte dieses Ungeheuerliche geschehen?

Um die dritte Stunde etwa nach Mitternacht kehrte die Herzogin vom Ball zurück. Ihr Haushofmeister empfing sie am Wagenschlag, und noch ehe er ihr die Hand reichte zum Aussteigen, meldete er ihr die plötzliche Ankunft des Herzogs.

Und sonderbar, es gab ihr einen Stich ins Herz. War es jähes Glück der Liebe, das sie anrührte, oder war es ein böses Erschrecken?

Sie hatte ihren Gemahl erst in einigen Wochen zurückerwartet; was mochte der Grund sein von dieser unvorhergesehenen und unangemeldeten Verkürzung seiner dienstlichen Abwesenheit? Sehnsucht der Liebe? Wenn sie das geglaubt hätte, wäre sie da so erschrocken? Aufjubeln hätte sie müssen in hellem Glück. Aber ihr ahnte Schlimmes. Sie zitterte am ganzen Körper beim Verlassen des Wagens.

In der Halle, unten an der großen Treppe, stand, einer weißen Bildsäule gleich, der verhaßte Maure. Sein Anblick steigerte noch ihre Angst. Ihre Ahnungen wurden noch finsterer. Und so furchtbar und durchbohrend stierte er sie an, daß er sie faszinierte, daß er sie bannte, wie der Blick der Klapperschlange ein armes zitterndes Vögelchen. So stand sie einen Augenblick wie festgewurzelt vor ihm. Und er:

»Herrin,« flüsterte er ihr zu, »steige nicht hinauf, du eilst dem Tod in die Arme, er wartet schon auf dich. Deine Schändlichkeiten sind entdeckt. Der Herr hat alle Beweise in seiner Hand, fliehe, wenn dir dein Leben lieb ist ...«

Die Herzogin hatte in Muley Hassan immer den bösen Geist ihres Hauses gesehen, und da stand sie nun plötzlich vor der Bewahrheitung ihrer unheimlichen Vermutungen, offen trat er gegen sie auf als ihr Verderber.

Und so groß war die magnetische Gewalt des Afrikaners über ihre erschreckte Seele, daß sie schon an gar kein Entrinnen mehr glaubte. Sie gab sich schon ganz für verloren. Nur einen Blick stolzer Verachtung brachte sie noch auf. Ganz vernichtet war sie also noch nicht, sie winkte auch ihre Frauen zurück und, wenn auch schwankend und mit zitternden Knien, erstieg sie doch die Treppe.

Die Tür zu dem ehelichen Gemach war offen geblieben, so stand sie plötzlich vor dem Gemahl. Er war in einen Sessel gesunken, wie ein Verdammter vor sich hinstierend, seine Rechte umklammerte einen Dolch. Wie ein Tiger sprang er auf bei ihrem Anblick. Sie kam ihm zuvor.

»Nein,« rief sie, »das sollst du nicht, du sollst nicht der Mörder deines Kindes werden.«

Dieser Ruf, allzu spät, brachte ihn zur Besinnung. Enthielt er die Wahrheit? War's der Schrei der gemordeten Unschuld? Oder war es der Ausbruch eines letzten Hasses und ein wohlgezielter Schlag, der im Augenblick ihres Todes ihn selber tödlich treffen sollte?

Nein, feindlich hatten die Worte nicht geklungen. Eher hatte die Verzweiflung der Liebe aus ihr hervorgeschrien.

Und sollte ein Mensch, sollte ein Weib so schauerlich lügen im Angesicht der Ewigkeit?

Ein Fieberfrost schüttelte ihn. Offenbar enthielten ihre Worte die Andeutung dessen, was sie ihm schamhaft verheimlicht hatte in der Begründung ihres widerstrebenden Verhaltens gegen die Reise nach Oviedo!

Ein gelles Lachen riß ihn empor aus seiner Vernichtung, und vor ihm stand, wie aus dem Boden emporgetaucht, der Afrikaner Muley Hassan.

»Armes Gehirnchen,« sagte er, »ja, sie war unschuldig, du hast dein eigenes besseres Leben gemordet. Zwiefach hast du es gemordet, wie sie dir selber mit ihrem letzten Atem bezeugt hat. Ich war es, der die beiden Briefe in der Handschrift deines Freundes hergestellt hat. Auch sein Bildnis habe ich in die Schatulle dort praktiziert. Auch den anonymen Brief von Oviedo habe ich geschrieben.«

Teufel von einem Schurken, schrie es auf in der getretenen Seele des Herzogs; aber er war zu sehr erstarrt in Entsetzen, um einen Laut hervorzubringen.

»Armes Gehirnchen«, wiederholte der Mohammedaner mit eisigem Hohn. »Vater und Mutter hast du mir erwürgt und meine Brüder und meine Schwestern; meine königliche Burg hast du zerstört und mein blühendes Land verwüstet und alle meine Untertanen und mich selber hast du zu Sklaven gemacht und glaubtest, daß ich vergessen könnte, daß ich dein Freund sein könnte, du armer Tropf, der nicht wußte, daß ein Maure nicht vergißt. Glühend habe ich dich gehaßt mit allem Leben, das in mir ist, gehaßt und verachtet. Du wußtest nie, was ein Maure ist, du Hund von einem Christen. Du hast mir alles genommen und mir doch die Gelegenheit zur Rache gegeben. Du hast mich elend gemacht und zugleich zum glücklichsten aller Menschen. Ich habe dich vernichtet. Dein Weib starb in Abscheu vor dir, dein Freund wird dir ins Angesicht speien. Magst du leben, wenn du kannst. Und magst du deinen Christenhunden von meiner Rache erzählen. Sie werden schaudern in ihren Weiberseelen. Ihr zahmen kühlen Europäer, was wißt ihr von der Kraft und Schönheit einer überlegenen Rasse, der die Rache eine Tugend bedeutet. Lebe, Hund, wenn du kannst. Ich sterbe als der Sieger.«

Er erdolchte sich.

*

Und hier nun, zum Schluß, wenn es einem Ungeschickten einfallen sollte, mit dummen Theatererinnerungen daherzustolpern – Apage, Satana! Eine Novelle ist kein Theater und soll keines sein, so wenig wie ein Bild ein Theater sein soll. Der göttliche Shakespeare freilich läßt uns mit Grauen und Entsetzen dabei zusehen, wie der vortreffliche Mohr in aller Kaltblütigkeit (ich glaube sogar, schlechte Witze reißt er dabei) die schöne Desdemona zu Tode würgt. Das durfte ein großer Dichter. Neben ihm ist aber der Novellenerzähler eben halt nur ein Erzähler, der einfach die Begebenheit nach der Wahrheit berichtet, wie er sie gehört hat (gesehen hat er sie selten) und nichts daran aufbauschen und aufblähen soll. Und so hätte nach dem Rezept des Theaters auch der Herzog von Logrono sich erdolchen müssen. In Wahrheit aber tat er es nicht. Seine strenge spanisch-katholische Frömmigkeit hielt ihn davon zurück. Er sagte der Welt, in der er, seinem heldischen Ruhm zum Trotz, nun einmal nicht zurechtkam, auf andere Weise Valet, er trat in den Orden des heiligen Dominikus. Später wurde er Ordensgeneral und Großinquisitor des hl. Offiziums; und wenn es damals in Spanien noch versteckte und verstockte Mohammedaner auszurotten gegeben hätte, wäre er vielleicht, und man wird es begreifen, einer der eifrigsten geworden in diesem Geschäft. Wer da nun der letzte sich bereits selber entleibt, auch manches andere sich mit der Zeit in Spanien und sonst in der Welt gewandelt hatte, blieb ihm nur wenig zu tun übrig, und so erscheint in den Annalen der spanischen Inquisition der Großinquisitor Don Juan de Somosierra, ob das nun viel oder wenig heißen will, als einer der menschlichsten und mildesten Inhaber dieses bei gewissen Leuten etwas in Verruf geratenen hohen Amtes.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.