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Frau Mimis Vergangenheit

Edmund Edel: Frau Mimis Vergangenheit - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/edel/fraumimi/fraumimi.xml
typefiction
authorEdmund Edel
titleFrau Mimis Vergangenheit
publisherKurt Ehrlich, Verlag
printrun25. Tausend
year1920
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

Man konnte nicht gerade behaupten, daß sich Kriminalkommissar Kimbell in seinem komfortablem Mauseloch amüsierte. Von den vielen peinlichen Situationen, in die ihn sein abwechslungsreicher Beruf schon gebracht hatte, war diese Internierung eine der peinlichsten. Denn er saß nun schon eine geraume Zeit zwischen diesen vier Wänden und zappelte darin wie eine Flunder im Netz.

Der Vergleich ist nicht übel, dachte er. Die Flunder lebt zwar noch im Netz, schnappt aber nach Wasser und krepiert in der nächsten halben Stunde.

Sollte es ihm wirklich an den Kragen gehen?

Wenn die Kerls ihn hier vergessen, können spätere Geschlechter aus ihm einen Spukfilm machen: »Das Skelett im Bücherschrank!«

Kimbell machte sich über sich selbst lustig.

Die Luft in den paar Kubikmetern Raum war dick und schwer geworden von den vielen Zigaretten, die er geraucht.

Er saß auf der Kante des Divans, stützte den Kopf in die Hände und dachte angestrengt nach.

Aber das nützte ihm auch nichts.

Nachdenken tuen nur die Detektive auf der Flimmerleinwand, sagte er halblaut vor sich hin.

Er traute sich nicht, mit voller Stimme zu sprechen, denn die Wände warfen den Schall dumpf zurück, so daß alles, was er sagte, wie aus Grabestiefe klang.

Unsereins, fuhr er fort, der ein richtiger Beamter sein muß, ist schon verpflichtet, mehr zu tun als bloß nachzudenken: wir sollen handeln. ...

Aber wie, zum Teufel?

Nach seinen Berechnungen und nach dem, was er vorhin gehört, muß es drei Uhr nachts sein. Jetzt würden die Spitzbuben bei der Arbeit sein – – –

Und er sitzt hier eingefangen und kann sich nicht vom Fleck rühren ...

Es ist um aus der Haut zu fahren!

Wirklich, selbst auf die Gefahr hin, diese seine Haut hier zu lassen, hätte er schon gern das Experiment gemacht, wenn es nur menschenmöglich wäre – – –

Ein Viertel nach drei!

Kimbell sprang auf.

Die Verzweiflung packte ihn.

Alle Mittel hatte er schon versucht, den Mechanismus zu finden, der die Drehtür öffnen konnte. Denn eine Drehtüre mußte vorhanden sein, die durch einen Druck in Bewegung gesetzt würde.

Das Abklopfen der Wände hatte kein Resultat gebracht.

Er lief wütend auf und ab.

Er trampelte mit den Füßen.

Wieder waren fünf Minuten vergangen.

Die Zeit verrinnt und er ist machtlos. Auf dem Präsidium werden sie ihn sicher schon vermißt haben. Aber sie können ihn nicht ausfindig machen. Der Modersohn, dieser schlaue Fuchs, hat die Falle zu gut gestellt ...

Kimbells Nerven sind auf das höchste angespannt.

Er muß aus dem Loch hinaus.

Wenn er irgendein Instrument mitgenommen hätte, mit dem er ein Loch in die Wand bohren könnte ...

Aber das kommt auch nur im Film vor. Der Polizeibeamte, wie ihn die Wirklichkeit kennt, geht nicht mit Sauerstoffgebläse und Dynamitpatronen in der Westentasche auf dem Kriegspfad.

Immer toller wird Kimbell. Wie ein aufgeregter Tiger läuft er in seinem Käfig herum.

Er springt wie ein Känguruh, er versuchte jeden einzelnen Fleck im Fußboden, ob nicht von da aus eins Rettung käme.

Auf seiner Armbanduhr ist es gleich halb vier. Wenn er jetzt auf die Straße käme, wäre er mit einem Auto in zehn Minuten am Kurfürstendamm ...

Wenn? ...

In rasender Erregung rennt er mit dem Kopf gegen die Wand.

Herrgott!

Und wenn ich mir den Schädel einrenne, denkt er. Es ist besser so, als langsam zu verrecken. Immer von neuem stößt er den Kopf an die Wand.

Da – – –

Mit einem Ruck dreht sich die Fläche.

In seiner blinden Wut wäre Kimbell beinahe in das dunkle Loch gestürzt, das sich vor ihm aufgetan.

*

Fritz hatte im Hausflur gewartet.

Einen Teil von den in Soldatenmänteln gekleideten Leuten führte er nach dem Hof. Die anderen gingen die Vordertreppe hinauf.

Er selbst verließ schnell das Haus und versteckte sich hinter einem Mauervorsprung.

Auf dem dem Haus gegenüberliegenden Platz lagen hinter den Ziersträuchern Polizeibeamte, die auf das verabredete Zeichen lauerten.

Die Küchentür wurde aufgeschlossen.

Als die fünf Soldaten hereintraten, wollte das Küchenpersonal laut schreiend davoneilen. Aber Willem kommandierte:

»Hier jeblieben, Maul halten! Nich jerührt! Wir tuen euch nischt. Wir wollen nur den Herrschaften da vorn dat Handwerk besorjen – –«

Er hatte von Fritz genaue Informationen

bekommen und schritt mit seinen Leuten schnell über den Korridor.

Die Tür, die in den Spielsaal führte, wurde aufgerissen.

Die fünf Soldaten standen im Türrahmen. Willem, der Kleinste von ihnen, in der Mitte, den hohen Kragen des ehemaligen Offiziersmantels bis über die Ohren geschlagen. Die Feldmütze mit dem Schirm bedeckte das halbe Gesicht.

»Hände hoch!«

Die Soldaten richteten die Brownings auf die Spieler.

Entsetzen auf allen Gesichtern.

Jeder will sein Geld retten. Flüchten.

Aber vorn in den Salons ertönt ebenfalls der schreckliche Ruf:

»Hände hoch!«

Alles ist wie gelähmt.

Man rührt sich nicht.

Keiner wagt, ein Wort zu sagen.

»Ausweis!« fordert Polizeirat Loeber.

Karl Bemke, der inzwischen mit gezogenem Revolver in den mittleren Saal gekommen, antwortet:

»Quatsch! – Geben Sie mal Ihre Brieftasche her!«

Der Polizeirat muß gute Miene zum bösen Spiel machen. Er ist der erste, den man um sein Geld erleichtert.

Jetzt beginnt die Arbeit der Soldaten.

Mit kühnem Griff bemächtigt sich Wilhelm der berühmten Aktentasche des Herrn Gans, der dieser mit zu Tode erschreckter Miene nachschaut.

Karl Bemke stürzt sich auf den Klubkassierer, reißt ihm das Oberhemd auf, zieht einen Beutel hervor, den er in seine Tasche versenkt. Dann plündert er die Kasse.

Inzwischen müssen sämtliche Spieler antreten, wie auf dem Kasernenhof.

Willem kommandiert.

»Die Damen und Herren die Ringe abziehen! Halsketten 'runter!«

Die Soldaten, unter denen ein paar ganz junge Kerls in Matrosenuniform, greifen jedem Gast in die Rocktasche, nehmen die Banknoten aus dem Portefeuille. Den Damen reißen sie die goldenen Pompadours weg.

Adolf Grünmeier hatte sich in eine Ecke gedrückt. Er ist bleich vor Entsetzen. Er zittert. Seine Beine wanken.

Ein strammer Matrose tritt auf ihn zu.

»Ich bin schon untersucht«, sagt Grünmeier ausweichend.

Der junge Matrose, der noch ein Kindergesicht hat, nickt: »Na, dann is jut«, sagt er und wendet sich an den nächsten.

Adolf Grünmeier steckt verstohlen seine Brieftasche, in der 2000 Mark, der Gewinn der letzten Woche, sich befinden, in den Strumpf.

Atmet erleichtert auf. Bekommt wieder Haltung ...

Einige von den Gästen versuchen, aus der Wohnung zu kommen.

Jede Mühe umsonst.

Alle Ausgänge sind besetzt. Überall vorgehaltene Revolver.

Allmählich löst sich die Spannung. Die eisige Stille, die eingetreten, schlägt in Murren um, das bald durch das hysterische Geschrei der Frauen zu einem Orkan anwächst.

Aber die Menschen sind machtlos. Ohne Waffen können sie nichts ausrichten.

Plötzlich ein gellender Pfiff!

Polizeirat Loeber hatte endlich die Tapetentür erreichen können, hinter der ihn Frau Mimi erwartete.

Mimi war auf Modersohns Befehl im selben Augenblick in das Kabinett zurückgekommen, als die Soldaten hinten eindrangen. Als Modersohn sie mit sich reißen wollte, hatte sie sich in der allgemeinen Bestürzung in die Mädchenkammer geflüchtet.

So war es mir dem Polizeirat verabredet. Nun stand sie in dem dunkelen Boudoir, zitternd vor Angst, daß diese Banditen die Übermacht erhalten könnten.

Als der Polizeirat in das Kabinett trat riß Mimi sofort das Fenster auf.

Ein gellender Pfiff schnitt durch die Nacht.

Die Räuber stutzten.

Willem, der gerade dabei war, mit großer Sorgfalt einer jungen hübschen Dame ein Kollier von ihrem Schwanenhals zu knöpfen, schrie: »Alle Mann runter – vorwärts!«

Die Soldaten stürzten aus den Zimmern auf die Vordertreppe.

Als sie unten an die Haustür kamen, sahen sie sich einem Trupp Polizisten gegenüber, die ihnen Revolver und Karabiner entgegenstreckten.

Einige der Soldaten wollten wieder herauflaufen. Aber oben auf dem Treppenabsatz standen ebenfalls Polizisten mit gezogenen Gewehren.

Die Banditen waren umzingelt.

Karl Behmke, ein Draufgänger, schoß.

Ein regelrechtes Schießen setzte ein.

Oben kreischten die Frauen.

Auf der Treppe brüllten die überraschten Soldaten.

Schon unterlag der erste, von einem Streifschuß getroffen.

Bald war die ganze Bande gefesselt.

Oben auf dem Treppenpodest hatte sich hinter den Polizisten die elegante Spielergesellschaft angesammelt, die nun, da die Affäre ein gutes Ende zu nehmen schien, die Szene wie in einem Kintop mit Spannung verfolgte.

Man klatschte Beifall und alles schrie Bravo, als man dem Anführer, dem kleinen Willem, endlich die Handschellen anlegen konnte. Der Polizeirat zog ihm persönlich die bekannte Zaubertasche aus dem Mantel und überreichte sie Herrn Gans mit umständlicher Grandeza.

»Dafür bekommen Sie eine extrafeine Zigarre, Herr Rat!« sagte Herr Gans.

Alles lachte.

Man war wieder bei Laune.

Und einer schrie:

»Was wird für eine Bank geboten?«

Mimi lag bebend in Pauls Armen. Sie fragte leise, als die letzten Schüsse verhallten: »Ist nun alles vorüber?«

Aber Paul küßte sie nur, ohne zu antworten.

Da ratterte ein Auto heran.

Im selben Augenblick ein Schuß auf der Straße.

Und ein Geräusch, als wenn ein Auto angekurbelt wird – – –

Alles stürzt an die Fenster.

Die Frauen kreischen von neuem auf.

Manche von den Gästen fliehen in die hinteren Räume, schließen sich auf dem verschwiegenen Ort ein, in der Mädchenkammer, klettern auf den Hängeboden, laufen die Hintertreppe hinauf.

Eine gräßliche Panik ist entstanden.

Ein zweiter Schuß.

»Weg von den Fenstern!« schreit jemand.

Aber in der nächsten Minute stürmt einer der Spieler hinein, mit verglasten Augen, an allen Gliedern schlotternd.

»Man hat Modersohn erschossen!«

Eine furchtbare Aufregung entsteht.

Man weiß nicht, welchen Zusammenhang dieser Todesfall mit den Ereignissen hat. Man fragt durcheinander, man begreift nicht ...

Hinter dem Polizeirat Loeber betritt Kimbell den Saal, geht mit ihm geradeswegs auf Frau Mimi zu, die mit Paul das Kabinett eiligst verlassen, als sie die Schüsse gehört.

»Hier, gnädige Frau, stelle ich Ihnen unseren braven Kimbell vor. Er hat soeben das Mißgeschick gehabt, den Regisseur dieser Verbrecherkomödie totzuschießen, als dieser Herr mit seinem Auto davon sausen wollte – –«

Die Spieler horchten auf.

Einer tuschelte es dem anderen zu:

»Da hat uns Modersohn schön hereingelegt!«

Und Herr Gans drückte seine geliebte braune Aktentasche fest an sich und sagte: »Nun wird der Lump keine Bank mehr ziehen – Gott sei Dank!«

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