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Frau Mimis Vergangenheit

Edmund Edel: Frau Mimis Vergangenheit - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorEdmund Edel
titleFrau Mimis Vergangenheit
publisherKurt Ehrlich, Verlag
printrun25. Tausend
year1920
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel.

Der Polizeipräsident hatte den Kriminalkommissar Kimbell zu sich rufen lassen:

»Heute nacht ist schon wieder einer dieser wilden Spielklubs ausgehoben worden – – wir hätten noch nicht einmal etwas davon erfahren, wenn nicht der Schutzmann Kaedeke dazu gekommen wäre ...«

»Als die Geschichte vorüber war – höchstwahrscheinlich?« vollendete Kimbell, nicht ohne ein klein wenig malitiös zu lächeln.

»Ja,« antwortete der Präsident, »die Kerls gehen sehr geschickt zu Werke – das ist nun in einer Woche der vierte Überfall und die Klubs melden ihr Mißgeschick nicht einmal – – –«

»Werden sich auch hüten – bezahlen lieber die paar Tälerchen und lassen sich nicht von uns in die Suppe spucken!«

Der Präsident nahm eine strenge Amtsmiene an. »Hören Sie mal, Kimbell, mit Witzen und dergleichen ist hier nichts zu machen. Wir müssen gegen diese Räuber energisch vorgehen. Es hat den Anschein, als ob das eine wohlorganisierte Bande ist.«

»Wenn Sie wünschen, Herr Präsident, werde ich sofort das Nötige veranlassen. Ich garantiere Ihnen, daß ich dahinter kommen werde.«

»Bin überzeugt, lieber Kimbell,« lenkte der Präsident ein, »wenn Sie ein Ding in die Hand nehmen, habe ich keine Bange für ein Mißlingen.«

Kimbell verabschiedete sich.

Er überlegte, wo er einsetzen sollte. Die Aufgabe, die er soeben übernommen, war keine leichte. Zu diesem Morast, in dem sich das gesamte gesellschaftliche Leben der Großstadt herumwälzte, war es umso schwieriger eine feste Spur zu finden, als alles, Männlein und Weiblein, ineinander verkettet waren. Ein dicker Knäuel der Leidenschaften.

Alles spielte. Alles jagte dem Glück nach, dem Glück des Augenblicks. An allen Ecken und Enden taten sich Klubs auf, in denen Riesensummen in ebenso viel Minuten von einer Hand in die andere umgesetzt wurden, wie sie früher in Jahren, ja in Jahrzehnten durch harte Arbeit erworben werden mußten. Ein Taumel, dem Wahnsinn nahe, hatte die Menschen ergriffen, sie in die Säle getrieben, wo über die grünen Tische die gläserne Kugel rollte, auf denen Frau Fortuna ihren obszönen Dirnentanz vollzog.

Ein Paroxysmus der Sinne ...

Ein Veitstanz des Unverstandes ...

Wie eine schlimme Seuche war die Spielwut über die Menschen gekommen, hatte das ruhige Denkvermögen vergiftet, sich auf das Gehirn gelegt. Und wie ein irrlichtfunkelnder Elfenspuk huschte es lockend vor ihren spielgierigen Augen und zog es an den tiefen Abgrund, in den sie unrettbar hinabstürzten ...

Kimbell mußte ein Mittel finden, um die spröde Materie beherrschen zu können. Es bedurfte nicht erst des Hinweises des Präsidenten, um ihn auf die Verbrechen, die mit dieser Spielleidenschaft in engem Zusammenhang standen, aufmerksam zu machen. Nun, da er den bestimmten Auftrag erhalten, wollte er sich ernstlich damit befassen. Er machte sich ein wenig zurecht, so daß er einem wohlsituierten Kaufmann aus der Provinz ähnlich sah und ließ sich mit einem Auto nach einem Klub fahren, wo er wußte, daß zu dieser Mittagsstunde ein für die Zeitverhältnisse sehr reichliches und nicht zu teures Essen gereicht wurde.

Ohne viel Umstände wurde er Mitglied des Klubs. Er brauchte nur seinen Namen (Fabrikant Merker aus Chemnitz) einzuschreiben. Der Vorstand war sehr erfreut über diesen neuen Gast, führte ihn höchstpersönlich in das Speisezimmer, wo an einer langen Tafel eine Gesellschaft von Herren saß.

Man führte erregte Gespräche.

Die Unterhaltung drehte sich um die Überfälle und besonders über denjenigen der letzten Nacht. Kimbell hatte in die richtige Kerbe gehauen. Hier würde er auf die Fährte kommen.

Ein breitschulteriger Herr stand auf und seine riesenhafte Gestalt schien sich auf die Tischgäste zu legen, schien die Unterhaltung jäh niederzudrücken.

Unter seinem Kneifer blitzten die kleinen Augen höhnisch ironisierend.

»Na,« sagte er mit kalter Gleichgültigkeit in der Stimme, »mir sollte mal so 'n Kerl an die Brieftasche kommen, ich schlage ihn einfach nieder – – –«

»Aber die schießen!«

»Ach was,« lachte der andere, »Schießen? – – So leicht schießt keiner – – und übrigens, wissen Sie denn nicht, meine Herren,« fuhr er fort, »daß das Brillantenkollier, das die Räuber heute nacht der Gräfin Grindenau abgenommen haben, Simili war?«

Kimbell hörte gespannt zu.

Woher hatte dieser schwarzhaarige Herr, dessen in der Mitte gezogener Scheitel ihm etwas Amerikanisches gab, diese Wissenschaft?

»Sie waren wohl dabei gewesen«, fragte einer der Herren lachend.

»Oder haben der Gräfin was darauf pumpen sollen?« meinte sein Nachbar.

Aber der Riese hörte nicht auf die Neckereien und sprach leise mit dem Spielleiter, der an der Verbindungstür zum Bacsaal stand. Der Spielleiter schrie plötzlich in das Speisezimmer hinein:

»Herr Modersohn hat 15 000 Mark für eine Bank geboten. – Bietet einer der Herren mehr?«

Alle anderen Interessen waren im Nu verflogen, wie ein heißer Wüstenwind war die Ankündigung aus dem Munde des Spielleiters über die Herren gekommen. Die Welle der Leidenschaften hatte sich über sie gewälzt und sie rettungslos an den grünen Tisch geschleudert.

Kimbell folgte den Herren unter den letzten, die das Speisezimmer verließen.

»Modersohn?«

Ihm war es, als ob er den Namen in den Polizeiakten gelesen hätte. Dieser Herr schien auf dem Präsidium nicht unbekannt.

Als das Spiel im Gange war, verschwand er in der Telephonzelle, wo er sich mit der zuständigen Stelle des »roten Hauses« verbinden ließ.

»Modersohn? – – – Verdächtigt, bei der großen Zuckerschiebung beteiligt zu sein – Aufpassen, der Mann spielt sehr hoch und scheint allerhand dunkele Geschäfte zu machen. Aber man kann ihm nichts beweisen ...« so lautete die Auskunft.

»So so, Herr Modersohn,« dachte der Detektiv Kimbell, als er nach einigen Minuten auf einem hohen Kiebitzstuhl am Bactisch saß, gegenüber dem Bankhalter, »also Sie sind so einer, dem man nichts beweisen kann?«

Herr Modersohn aber schlug eine Neun auf und gab eine Suite. Er nahm die mit Chips bis zum Rand gefüllte Boite, wechselte die Spielmarken an der Kasse um und verließ den Klub.

Sein Tagesbedarf war gedeckt.

»Wenn diese dumme Pute von Gräfin den echten Schmuck um ihren vertrockneten Hals gehabt hätte, würde sich die kleine Angelegenheit gestern Nacht gelohnt haben –«

Im Auto, das ihn nach dem Kurfürstendamm zu Frau Mimi führte, sprach er halblaut vor sich hin.

»Die Bank hat fünfundreißig Mille gebracht – – Hätte auch schief ausgehen können, aber der Schmuck wäre mindestens seine dreihunderttausend Mark wert gewesen – –«

Kimbells Auto hielt zwanzig Meter entfernt von Frau Mimis Haus, in dem Modersohn verschwand.

Kimbell folgte.

Der Chauffeur des eleganten schwarzlackierten Autos beugte sich ein wenig von seinem Führersitz heraus und schaute dem Manne nach, der hinter seinem Herrn in das Haus trat.

Kimbell sah den Lichtspalt der geöffneten Korridortür im ersten Stock und hörte dann die Tür ins Schloß fallen. Er ging die Treppen hinauf und las auf dem Messingschild: »Mimi Schwarz.«

Dann stieg er wieder die Treppen hinab und klopfte an dem Fensterchen der Portierloge.

Ein alter graubärtiger Mann öffnete, mißtrauisch hinaufblickend.

»Kann ich eine kleine Auskunft von Ihnen erhalten,« fragte Kimbell und fügte hinzu: »ich komme im Auftrage des Auskunftsinstitutes ›Treue‹?«

Kimbell trat in die kleine Stube, nachdem der Portier die Tür aufgemacht. Ein Fünfmarkschein glättete den immer noch fragend zweifelnden Gesichtsausdruck des Herrn Zerberus.

Es handele sich um eine Auskunft über den Vermögensbestand der Frau Mimi Schwarz, erklärte Kimbell. Ach die –! Na, um die Schwarz brauchte sich kein Mensch zu sorgen, das wäre eine anständige Person und Geld hätte sie wie Heu – 'ne Million oder so ähnlich – –

Die Auskunft lautete sehr günstig.

Als Kimbell im Begriff war, zu gehen – er stand auf der ersten Stufe der kleinen Treppe, die in den Hausflur führte – sagte der Portier: »Und überhaupt, wo doch jetzt jeden Abend da oben gespielt wird ...!«

Kimbell lächelte.

»Natürlich – sie führt ein großes Haus, was?«

»'n richtiger Klub ist oben – unsereins verdient 'n schönes Stück Geld dabei – Nun, wissen Sie, da braucht keiner Bange zu haben, bei der Frau Schwarz ist alles goldsicher!«

Kimbell zündete sich eine Zigarre an und reichte dem Portier auch eine aus dem Etui, die der alte Mann mit gewisser Hochachtung in den Fingern drehte.

Dann trat der Detektiv auf die Straße und ging eilig an dem schwarzlackierten Auto vorbei, das immer noch vor dem Hause hielt.

Der Chauffeur blickte ihm kopfschüttelnd nach... Modersohn hatte inzwischen mit Frau Mimi eine ernste Unterhaltung gehabt.

Er war ihr mit dem Vorschlag gekommen, sie zu heiraten.

Mimi bekam einen ungeheueren Schreck, als sie in dieses Mannes Gesicht blickte, der wie ein Hypnotiseur ihr seinen Willen aufzwang.

»Aber das geht doch nicht«, sagte sie.

»Was ich will, geht«, antwortete Modersohn.

»Und das Testament, das mir das Heiraten verbietet?«

Modersohn lachte.

»Die Million? – – Die werden wir vorher in Sicherheit bringen, mein Täubchen.«

Er sagte das bestimmt und entschieden, so daß Mimi ihn mit sprachlosem Erstaunen anblickte.

»Wenn ich dich heirate, wirst du arm wie eine Kirchenmaus sein, verlaß dich nur darauf – – aber wir wollen das schöne Geld dann zusammen mit Ruhe verzehren.«

Frau Mimi schrie auf.

»Nein, niemals! Das tue ich nicht. Ich will keine Verbrecherin werden – –«

Modersohn blinzelte unter seinem Kneifer.

»Schäfchen – du bist wirklich ein ganz dummes Schäfchen – – wer will dich denn zu einem Verbrechen verleiten? ... Sehe ich aus wie ein Verbrecher?«

Er näherte sich ihr, wollte zärtlich werden. Die zitternde Angst, die sich auf ihren Zügen zeigte, machte sie noch schöner in ihrer Hilflosigkeit.

Aber sie stieß ihn zurück.

»Rühre mich nicht an – ich hasse dich! – Laß mich–«

Ihre Stimme überschlug sich. Ihr ganzer Körper zuckte.

Modersohn stand ruhig da.

Er nahm lässig eine Zigarette aus dem Silberkasten, der auf dem kleinen Rauchtisch stand, und setzte sie umständlich mit seinem Taschenfeuerzeug in Brand. Rauchte ein paar Züge und sagte, indem er seine Blicke durchdringend auf die ihn unter Tränen angstvoll anschauende Mimi richtete: »Du bist wirklich ein Schäfchen – – wenn du glaubst, daß ich mich einschüchtern lasse ... Apropos, mein Täubchen, wie ist das übrigens mit dem Kind, das von dir in der Weltgeschichte herumläuft, ganz im Gegensatz zu der Bestimmung des berühmten Testaments?«

Er warf die halbaufgerauchte Zigarette in die Aschenschale.

Mimi war es, als wenn sich ein unsichtbarer Strick um ihren Hals gelegt hätte, der sie erdrosseln wollte.

Woher wußte er das?

Aber er ließ sie nicht lange im Zweifel. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und sagte, jedes Wort einzeln betonend:

»Ich habe alle Beweise in den Händen – Das Krankenjournal des Doktor Savorek liegt in meinem Safe zu Hause, wohl verwahrt.«

»Adieu, mein Täubchen,« fuhr er fort, nachdem er einige Minuten lang Mimi betrachend und eine Operettenmelodie leise vor sich hinsummend dagestanden hatte. »Ich glaube, es gibt nicht viel zu überlegen – nicht wahr?«

Als er die Tür in der Hand hatte, drehte er sich noch einmal um.

»Übrigens, ich habe ganz vergessen: Am nächsten Sonnabend werden wir bei dir ein kleines Abendessen veranstalten, einige der ganz großen Spielkanonen haben mir ihren Besuch zugesagt. Ich lasse heute noch die Einladungen fortgehen. Das Nötige für das Essen besorge ich schon – Adieu, mein Täubchen!«

Unten vor dem Auto, als er einzusteigen im Begriff war, flüsterte ihm Fritz, sein Chauffeur zu:

»Es ist Ihnen vorhin einer nachgegangen.«

Modersohn stutzte einen Augenblick.

Dann nannte er dem Chauffeur die Adresse eines bekannten Traiteurs, bei dem er das Abendessen für nächsten Sonnabend bestellen wollte.

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