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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In der neuen unberührten Wohnung war alles für den festlichen Empfang des jungen Paares vorbereitet worden. Ida briet zwei junge Täubchen, Frau Bankdirektor hatte sie als sinniges Symbol für die erste Mahlzeit vorgeschlagen. Neben den Täubchen kochte Sauerkraut, das Lieblingsgericht des jungen Hausherrn.

In dem großen getäfelten Speisezimmer hatte Laura einen zierlichen Abendtisch gedeckt. Mit Behagen berührte sie alle die neuen glitzernden Sachen. Teller 59 und Gläser, Silber und Leinen blitzten um die Wette. Zwischen ihnen leuchteten dunkle Rosen in einem Kristallglas.

Endlich fuhr das Automobil vor. Der Herr half der jungen Frau aus dem Wagen, und sie ging schnell ins Haus hinein. Laura lief zur Tür, um sie zu empfangen.

»Kleine Laura, da stehn Sie in der Tür, als käme ich nach Hause wie früher,« sagte die junge Frau leise.

»Schön ist es hier, gnädige Frau,« antwortete Laura und nahm ihr sanft den Mantel von den Schultern.

Jetzt kam der Fahrstuhl hochgesurrt und brachte den Hausherrn.

»Bist du zu Fuß gegangen?« fragte er die junge Frau.

Sie nickte.

»Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen,« erwiderte er und bürstete sich vor dem großen Spiegel den schmalen blonden Schnurrbart.

Das Abendbrot verlief sehr still. Als Laura die Speisen reichte, fürchtete sie, man könnte ihr Herz klopfen hören. Von den gebratenen Täubchen sagte der Leutnant, daß der liebe Herrgott sie leider allzu verschwenderisch mit Knochen ausgestattet habe und er deshalb das Sauerkraut vorzöge.

Die junge Frau zog sich bald zurück. Sie war müde von der langen Reise.

Der Herr ließ sich eine Flasche Kognak öffnen, holte sich die Zeitung und blieb noch lange am Tisch sitzen. 60 Der Duft von guten Zigarren durchzog die neuen Räume, die nun zum Leben erwachten.

Es kamen noch einige verlegene Tage ohne Zeiteinteilung und festes Gefühl. Aber schließlich kam der neue Haushalt auf Räder und rollte im Gleichmaß der Selbstverständlichkeit vorwärts.

Der Hausherr ging frühmorgens zum Dienst. Die gnädige Frau frühstückte im Bett. Wenn sie aufgestanden war, fuhr sie nach dem Tennisplatz oder in die Stadt hinein, um Einkäufe zu machen. Laura mußte die gnädige Frau häufig begleiten. Sie lernte mit Verwunderung, daß die Leute, die gar nichts zu tun haben, am wenigsten freie Zeit übrig hatten.

Um neun Uhr morgens kam Fräulein Hammerspecht angeeilt, um die gnädige Frau zu frisieren. Sie war für Laura keine Fremde, denn sie frisierte auch in Herrn Bombachs Haus und hatte stets ein Plauderviertelstündchen übrig gehabt. Wenn sie auf Frau Leutnant warten mußte, gab sie Laura stets den Rat, Friseurin zu werden. Sie sagte:

»Man kommt hinaus, man kommt herum, sieht dies, hört jenes und verdient sein Geld ohne Langeweile.« Und sie pries die Sauberkeit ihres Berufes zumal jetzt, wo man fast nur mit falschen Haaren zu tun habe, die chemisch gereinigt und präpariert sind und nachts in reinlichen Kästen liegen. Während sie so sprach, zupfte sie an den gelben Stirnlöckchen, die sie zum Engrospreis bekommen hatte, und lächelte sich an. Man sieht 61 immer gern jemanden, der mit seinem Beruf zufrieden ist.

Wenn Fräulein Hammerspecht Laura gegenüber stets dasselbe Thema in Schwung brachte, hatte sie für die gnädige Frau immer eine Neuigkeit. Sie schwatzte ebenso gern, wie sie kämmte, und was man gern tut, gelingt auch. Sie verstand meisterlich, eine ungeschickte Bewegung durch eine kleine Stichelei auf eine gute Bekannte wieder wettzumachen.

Die gnädige Frau hörte ihr lachend zu, bis die Ungeduld kam und sie ihr zurief, daß sie sich beeilen solle, weil das Tennisspiel warte.

»Schon fertig,« antwortete Fräulein Hammerspecht. Sie machte mit der Brennschere einen Strich durch die Luft, packte ihre Sachen zusammen und eilte davon, um ihrer nächsten Kundin den Kopf zurechtzusetzen. –

Auf dem Tennisplatz gab die gnädige Frau, ehe das Spiel begann, alle Schmucksachen an Laura zum Aufbewahren ab. Den blanken Ehereif, ein paar Diamantringe und ein goldenes Kettchen. Mit ihnen auf dem Schoß saß Laura am Rand des Platzes und stickte an einem Leinenstreifen. Sie sah nicht häufig auf, denn es war ihr recht schamvoll, die gnädige Frau wie ein durchgegangenes Pferd einem Ball nachrasen zu sehen, den sie doch mit wilder Wut zurückschleuderte, wenn sie ihn endlich erwischt hatte.

Eines Tages kam die gnädige Frau auf den Gedanken, daß auch Laura das Spiel erlernen sollte, denn sie 62 wollte jemanden haben, mit dem sie nach Belieben üben könnte.

Laura wagte sich anfangs kaum zu rühren, aber als sie doch ins Laufen und Jagen gekommen war, zeigte sich nicht nur die biegsame Geschicklichkeit ihrer siebzehn Jahre, sondern auch ihr leichter Mut. Das Blut brauste durch ihren Körper, und eine herrliche Freude durchströmte sie. Sie lachte und jubelte, wenn es ihr gelang, einen Ball zurückzuschlagen, und sie zeigte sich von Augenblick zu Augenblick geschickter. Als sie sich nach beendetem Spiel die wild flatternden Haare in Ordnung brachte, sagte sie, noch heftig atmend:

»Es ist vieles gar nicht so dumm, wie es aussieht.«

Am Nachmittag spürte sie die Müdigkeit der ungewohnten Anstrengung. Sie begriff jetzt, daß Damen nach dem Essen schlafen müßten.

Denn auch am Nachmittag gab es kein Ausruhen. Wenn kein Besuch kam, wurden Besuche gemacht. Ruhige Stunden fanden sich nicht. Kaum stille Augenblicke, denn Telephon und Klingel schrillten von früh bis spät.

Wenn der Tag seinem Ende zueilte und die Stunde kam, wo das Licht im Treppenhaus angedreht werden mußte und Frau Hempel zu sagen pflegte: »Für heute haben wir bald Frieden,« kehrte der Herr Leutnant heim, müde und mürrisch.

Er tadelte alles, schrie Ida und den Burschen an und sprach auch zu der jungen Frau wie zu einem Bedienten.

63 Wenn die Herrschaften in Gesellschaft gingen, gab es immer irgendeine große Erregung, weil sie müde und abgespannt vom Tage waren und sich nun putzen mußten, als sei es Morgen. Herr Leutnant schalt, und die gnädige Frau weinte, während Laura das kostbare Kleid schloß und die blinkende Kette, das Brautgeschenk der Eltern, um ihren Hals legte. Aber dann tauchte sie das Gesicht in duftenden Blütenessig, knöpfte ruhig die langen Handschuhe zu, und wenn sie in dem hellen Seidenmantel neben dem Herrn Leutnant, der in voller Uniform sehr schneidig aussah, zum Haus hinaus auf den Wagen zuschritt, lächelte sie. Laura, die den Pelzumhang der jungen Frau hielt, bemerkte, wie die Portierleute und mancher, der gerade vorüberging, neidisch dem jungen Paare nachblickte.

Sie aber wußte, daß die Reichen lange nicht so reich sind, wie die Armen glauben.

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