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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Leben hat viele Gesichter.

Wenn es nun hinter den Scheiben wenig für Lauras Wißbegierde zu sehen gab, sollte sie dafür in ihrer nächsten Umgebung Wunderliches genug erfahren. Manche Leute sagen, daß spätes Glück närrisch macht, 44 und andere wieder behaupten, daß es verjünge. Eine von diesen Künsten hatte es bei Frau Bombach angewandt. Sie hatte sich vollständig verändert. Das früher glatt gescheitelte Haar wellte sich nach der neuesten Tagesmode, ihre Kleider, die sonst unauffällig gewesen waren wie die einer Krankenschwester, waren hell und flott und eng geschnitten.

Dem Klavier, das längst nichts anderes mehr sein wollte als ein stummes und sauber gehaltenes Möbel, wurde von Fachleuten die Stimme zurückgegeben. Frau Bombach holte die Noten ihrer Mädchenjahre hervor und übte so fleißig, daß die Flurnachbarn sofort ihre Wohnung kündigten.

Auf Herrn Bombachs beunruhigte Einwendungen erwiderte sie, daß Musik das Gemüt erheitere, daß Musik für ein Kind notwendig sei. Und sie schwenkte sich auf dem hohen Stiefelabsatz so rasch einmal um sich selbst herum, daß Herr Bombach entsetzt zurückprallte.

Herr Bombach begann spazierenzugehen. Jedesmal, wenn er zurückkehrte und die Tür seines stillen Heims aufschließen wollte, glaubte er sich verirrt zu haben. Das Duett von Kindergeschrei und Klavierspiel quoll ihm schreckenerregend entgegen.

Immer ausgedehnter wurden seine Spaziergänge. Was sollte er auch zu Haus? Seine Frau kümmerte sich nicht mehr um ihn. Für sie gab es nur einen eben geborenen Bombach.

45 Gewiß, er liebte auch seinen Jungen. Er war zufrieden, daß er da war und sein schönes Geld nun nicht in fremde Hände kommen würde. Aber welche Opfer forderte diese Freude.

Herr Bombach rechnete aus, wie lange es dauern würde, bis der geliebte Junge erwachsen sein könnte und seine eigenen Wege gehen müsse. Aber wenn man fünfzig ist, machen solche Rechenaufgaben auch kein Vergnügen. Er wurde gereizter von Tag zu Tag.

Bis es wirklich zu einem ernsten Zerwürfnis kam.

Eines Morgens hatte er Minchens heiteres Klavierspiel unterbrochen und ihr vorgeworfen, daß sie ihn nicht mehr liebe und nur noch an den Jungen denke. Sie war aufgestanden, hatte die neueste Photographie von Hans Friedrich zur Hand genommen und, während sie diese eingehend betrachtete, achselzuckend gesagt, daß sie nicht den ganzen Tag an ihn denken könne. Daß das übertrieben wäre.

Von diesem Augenblick an sprach Herr Bombach nicht mehr mit seiner Frau. Wenn er ihr etwas zu sagen hatte, benutzte er Laura als Telephon. Dieser Fernsprecher besaß die Vorzüge, daß er keine besonderen Gebühren kostete und daß man sich beim Sprechen sehen konnte, so daß die Augen mitreden durften.

Laura vermittelte ruhig und gehorsam den Anschluß, sobald sie angerufen wurde.

Es ist immer schön, wenn man etwas Neues zulernt. Aber wenn Laura für einige Stunden ausgeschaltet 46 wurde, hatte sie nichts dagegen. Auf den freien Sonntagnachmittag freute sie sich die ganze Woche.

Der Sonntag, der diesen Tagen folgte, brachte die erste Ahnung vom Frühling. Bei jedem Atemzug, mit dem man die herbe durchsonnte Luft einzog, spürte man's, daß der Winter zu Ende ging.

Laura saß mit den Eltern neben der Haustür am Saum der Straße. Vor ihnen rollte ein langer Film mit Menschen, Wagen und Bahnen endlos und lebendig vorüber. Der Lärm von zahllosen Rädern und Tausenden gleichzeitig gesprochenen Worten gab die Musik dazu.

Auf dieses Schauspiel waren Hempels Abonnenten. Sie sahen ihm zu durch Jahre und Jahreszeiten.

Die Pfeife im Mund beobachtete Hempel ruhig das bunte Gewühl. Bemerkte dann und wann einen gutgearbeiteten Schuh im Gedränge und ärgerte sich über jeden abgetretenen Absatz unter einem eleganten Rock.

Frau Hempel war nicht so ruhig. Sie fand Laura blaß und weniger fröhlich. Der Dienst bei Bombachs schien ihr nicht zu bekommen. Sie mußte fort von dort. Aber wohin? Um welche Ecke würde endlich das Glück kommen, auf das sie für Laura wartete?

Oft kam eine Wolke Blütenstaub aus irgendeinem vorüberrauschenden Seidenkleid. Laura sog den Duft ein, sah die bunten Blumen auf den Hüten der geputzten Frauen und Mädchen und wurde traurig. Sie 47 sehnte sich nach grünen Wiesen voll kleiner Blumen, wünschte sich in einen Kahn auf einem stillen See.

Der Graf und die Gräfin kamen aus dem Haus. Sie grüßten und schritten dann aufrecht Arm in Arm davon. Ihre Sonntagskleider sahen von weitem noch sehr elegant aus.

Laura überlegte, wo der junge Graf wohl jetzt sein möge. Zugleich fiel ihr auf, wie viele hübsch geputzte Mädchen vorüberkamen. Und alle verschieden. Sie seufzte.

Herr Bombach kam zur Tür heraus, und Laura stand auf und verbeugte sich. Der Hausherr blieb stehen, als er sein Telephon lebendig und preiswert vor sich sah und sagte, daß, wenn Laura wieder hinaufginge, solle sie seiner Frau bestellen, daß er nach dem Waldsee gefahren sei. Herr Bombach wußte, daß Minchen, die heute den ganzen Tag über Frühlingslieder spielte, für den Waldsee im Frühling schwärmte.

Jeder Stand hat sein Leid, aber auch seine Freude. Ein langes Zusammenleben schmiedet viele brauchbare Waffen für den täglichen Lebenskampf.

Jetzt fuhr ein Automobil vor, und bald kamen Herr und Frau Bankdirektor mit dem Brautpaar herunter. Sie waren alle nach der neuesten Mode gekleidet, stiegen scherzend ein und fuhren fort in den Frühling.

Sobald der Wagen um die Ecke gebogen war, kam die Köchin aus dem Haus, den Wohnungsschlüssel am Ringfinger hängend.

48 »Weg sind sie,« sagte sie. »Nun will ich auch mein bißchen Frühling schnappen.«

Über die Stufen des Schenkladens kam Fritz Kempke, und er begrüßte die jungen Damen mit tiefem Blick. Seit dem Weihnachtsabend hatte er manches Wort mit Bankdirektors Köchin gewechselt, aber zu seinem Ärger gefiel ihm Laura noch immer besser. Die Köchin war leider gar nicht als Verlockung geschaffen. Eher war sie ein Beweis dafür, daß sich die Natur häufig mit wenigem begnügt.

Doch wenn man ernste Absichten hat, darf es nicht allein auf Reiz und Üppigkeit ankommen.

Die Köchin blinzelte in die Sonne und sagte: »Wenn die Hochzeit mit dem Trinkgelderregen vorüber ist, gehe ich aufs Heiratsbüro und melde mich mit zehntausend Mark an.«

Zehntausend Mark sind eine nette Summe.

Als jetzt alle Augen hoch flogen, weil ein Luftschiff wie eine große gelbe Raupe über die Dächer kroch, flüsterte Fritz der braunäugigen Köchin zu, daß er eine Wirtin für sein neues Gasthaus brauche, das »Zum braunen Mädchenauge« heißen werde. Dann verabschiedete er sich. Das Geschäft rief ihn zurück. Frühling macht Durst.

Das Mädchen sah ihm nach, bis er im Laden verschwunden war. Dann rückte sie näher an Frau Hempel heran und sagte, daß sie Wichtiges mit ihr zu besprechen habe. Man suchte eine Zofe für den neuen 49 Haushalt des jungen Fräuleins und hätte dabei auch an Laura gedacht. Der Lohn wäre groß, die Behandlung gut und der Dienst angenehm und leicht.

Mit allen Farben ihrer kräftigen Köchinnenphantasie malte sie den schönen Posten aus, der Laura den allzu häufigen Blicken Fritz Kempkes entziehen würde.

Einfache Herzen, einfache Mittel. – – –

Geflüsterte Worte sprechen doppelt laut im Gedächtnis. Frau Hempel dachte an nichts anderes mehr. Sie sah Laura durch kostbare Räume aufs zierlichste gekleidet gehen. Sie sah auf einmal den Weg zum Glück gebahnt.

Aber den Mut, sich mit dem Hauswirt darüber auseinanderzusetzen, fand sie noch nicht.

Laura vermittelte weiter den Verkehr zwischen Herrn und Frau Bombach und wußte nicht, was sie sich wünschen sollte. Sie sagte sich, daß das Osterfest nahe war, wo gewiß wieder drei Personen bei dem Grafen zu beobachten sein werden und die Gräfin wieder heiterer ausschauen würde, und doch konnte sie sich plötzlich wieder mit aller Macht fortsehnen – nach fremden Straßen, in unbekannte Zimmer.

Unschlüssigkeit kuriert der Zufall gern mit derben Mitteln.

Es war um die Mittagsstunde. Herr Bombach hatte seiner Frau durch Laura gesagt, daß er den Klavierschlüssel zum Fenster hinauswerfen werde, wenn das mit dem Klavier verbundene Geräusch nicht bald aufhörte. Frau 50 Minchen, die gerade in ein »Lied ohne Worte« versunken war, erschrak über diesen unerwarteten Text und fiel in Ohnmacht.

Dadurch hatte sie das Mitleid beider Mädchen erregt. Jetzt saßen sie in der Küche beim Mittagbrot, und Laura machte sich Vorwürfe, daß sie Herrn Bombach bis jetzt für einen guten Menschen gehalten hatte.

Ida sagte, das hätte sie nie getan, denn gute Menschen hätten keine kahlen Köpfe.

Darüber mußte Laura lachen, und Ida stimmte ein, weil Laura lachte und ihr der Kalbsbraten schmeckte.

So merkten sie nicht, daß Herr Bombach die Küche betrat.

Seit Hans Friedrich auf der Welt war, ging er auf Gummisohlen. Ahnungslos wiederholte Ida ihre Weltanschauung.

Man kann auch an einem kahlen Kopf ein Haar finden.

Herr Bombach geriet außer sich vor Wut. Der ganze Ärger, der sich seit Wochen bei ihm angesammelt hatte, explodierte. Er jagte die Mädchen zum Haus hinaus.

Laura flüchtete zu den Eltern. Ida suchte ein Stockwerk tiefer Zuflucht bei Bankdirektors Köchin.

Des einen Unglück ist des andern Freude. Die Köchin war recht zufrieden mit diesem Vorgang voll Ungewöhnlichkeit und Erregung. Sie sah Laura schon weit 51 entfernt von hier, sich aber in der Tür »Zum braunen Mädchenauge«.

Glück macht freigebig. Sie lief zu Frau Bankdirektor hinein und pries die Vorzüge Idas so lange, bis sie die Köchinnenstelle in des jungen Fräuleins neuem Haushalt erhielt. –

Unten bei Hempels war man nicht wenig erschrocken, als Laura hereingeweint kam. Aber als Frau Hempel alles erfahren hatte, sagte sie, daß sie sich nur darüber freue und daß es so gekommen war, weil es so hatte kommen müssen.

In Wahrheit war ihre Freude nicht so groß. Sie sagte sich, daß nun auch ihre Stellung gefährdet sei.

Diese Befürchtung war nicht falsch. Herr Bombach hatte die Absicht, der ganzen Familie Hempel den Laufpaß zu geben. Aber der Trieb der Selbsterhaltung sollte ihn daran hindern.

Es war nicht leicht, zwei neue Dienstboten zu bekommen.

Herr und Frau Bombach mußten allein wirtschaften.

Not lehrt beten, somit auch sprechen. Da Laura nicht mehr da war, blieb Herrn Bombach nichts anderes übrig, als seine Worte wieder direkt an seine Ehegenossin zu richten.

Dabei bemerkte er, daß er Minchen noch immer liebte. Auch war das Klavierspiel verstummt, weil die Zeit dazu fehlte. Je weiter sich der Frühling fühlbar machte, je mehr mußte Herr Bombach Minchen recht geben. Sie waren noch keine Großeltern. Sollte das Kind vor ihnen erschrecken? Er bestellte sich einen hellgrauen Frühlingsanzug, kaufte sich Bartbinden, Bartbürsten, angenehmes Parfüm und mit raschem Entschluß auch eine tadellos gearbeitete Täuschung für die kahle Stelle seines Kopfes.

Vaterschaft ist die Quelle vieler Pflichten und Ausgaben.

»Es bleibt nichts anderes übrig, wir müssen Frau Hempel bitten, uns zu helfen,« sagte Frau Bombach.

Und weil Herr Bombach wieder glücklich war, denn Minchen hatte gerührt über den neuen Scheitel gestrichen und richtig verstanden, daß es eine Huldigung für sie sein sollte, versprach er, Frau Hempel zu holen. Vielleicht auch Laura.

Frau Hempel zuckte mit keiner Miene, als Herr Bombach vor ihr stand. Sie versprach von Herzen gern zu kommen, zu helfen und alles zu tun, soweit es ihre eigene Person anginge. Laura wäre leider inzwischen vergeben. Sie hätte eine andere Stelle angenommen.

Bei diesen Worten band sich Frau Hempel schon eine frische Schürze um. Sie wollte sofort hinaufkommen, um ihre alten Kräfte neu zu bewähren.

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