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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vom Küchenfenster aus und auch von Lauras Zimmer konnte man die Wohnung des nervösen Grafen von Prillberg vollkommen überblicken. Jeden Morgen sah Laura, wie der Graf sich in großer Erregung rasierte, wobei er sich mit der linken Hand an der Nase herumführte und sich einseifte. Nach dem Frühstück bürstete er sorgfältig den Zylinderhut und den Überzieher und rannte über den Gartenhof davon, um nun den ganzen Tag über in der Stadt zu bleiben.

Er war Sektagent und pries den feinen Leuten, die zahlen konnten, den Sekt seiner Firma in ihren guten Stuben an. Im Namen liegt eine hohe Bedeutung. Es gab wenig Familien, wo ein Graf von Prillberg nicht gleich in den Salon geführt wurde.

Während der Graf auf diesen Wegen war, besorgte seine Gattin den bescheidenen Haushalt. Erst mittags wurde sie Gräfin. Laura sah, wie sie dann den Zopf aus der Schublade nahm, ihn vorsichtig auskämmte, wieder flocht und sich sorgsam zu frisieren begann. Wenn der Zopf als Kranz auf dem Kopfe lag, zog die Gräfin das schwarze Kleid an und befestigte 35 darauf das Spitzenjabot mit der großen Brosche, die eine dicke goldene Krone war. Dann setzte sie sich ans Fenster und nähte und flickte an alten Wäschestücken, von denen jedes mit einer Krone versehen war.

Alles geschah mit einem tief betrübten Gesicht.

Denn die Gräfin war sehr unglücklich, und ihr einziges Vergnügen war, sich über ihr Schicksal beklagen zu dürfen.

Das wußte Laura aus den vielen Plauderstündchen, die zwischen der Mutter und der Gräfin stattgefunden hatten. Sie wußte genau über sie Bescheid. Die Gräfin war aus sehr vornehmem Hause und Gesellschafterin bei einer alten Dame gewesen, die ungeheuer reich war. Sie hatte weite Reisen gemacht und beinahe die ganze Welt aus den Fenstern der teuersten Hotels gesehen. Sie hatte nichts anderes am Körper gekannt als Seide, bis sie den Grafen geheiratet hatte, weil sie in dem falschen Glauben gewesen war, daß ein Mensch dasselbe sei wie sein Name. Niemand hätte ihr voraussagen können, daß sie einmal in einem Hinterhause leben sollte.

An all das dachte Laura, wenn sie mit zufriedener Zuschauermiene den wechselnden Szenen dort unten folgte, bis der kleine oder große Bombach sie heftig zu ihrer Pflicht zurückriefen. Oft schrien beide zugleich. Ohne Zögern griff Laura dann zum Säugling und nahm ihn singend und lächelnd in den Arm. Die 36 Natur der Mutter sprach aus ihr, die auch niemals von zwei Übeln das größere gewählt hätte.

Doch es kamen Tage, wo Laura keine Muße fand, um über den Trübsinn einer Gräfin nachzusinnen. Ein prächtiges Tauffest wurde vorbereitet. Alles, was man an Silber und Kristall, an Porzellan und früheren Freunden hatte, wurde wieder hervorgeholt, um prunken zu helfen. Es gab viel Arbeit und beständige Aufregung und Unruhe, bis der feierliche Augenblick vorüber war, wo der kleine Bombach den Namen Hans Friedrich erhalten hatte und in festem Schlaf der christlichen Gemeinde beigetreten war. Dann gab es wieder ein emsiges Räumen, Polieren, Putzen und Scheuern, bis die Bombachsche Wohnung endlich in gewohnte Bombachsche Ordnung und Sauberkeit zurückfiel.

Da war Laura schon über einen Monat auf ihrem Posten. Der Herbst war vorbei, und der erste Schnee tanzte im weißen Wirbel nieder, um von kratzenden Harken und scharrenden Schippen wenig sanft empfangen zu werden.

Frau Hempel fegte und schaufelte mit kräftigen Bewegungen ihr Stück Großstadt von diesem unerwünschten Verkehrshindernis frei. Ihre Hände und Wangen waren blaurot vor Kälte, aber angenehme Gedanken wärmten sie. Sie dachte an das vierte Sparkassenbuch, das ihr ein neuer Beweis dafür war, wie rasch aus einstelligen Zahlen mehrstellige werden können, wenn man sie häufig genug verdoppelt.

37 Frau Kempke kam aus ihrer Schankwirtschaft und streute aus ihrer Schürze Sand auf die glatten Stufen, die zum Laden führten. Beide Frauen riefen sich durch das Flockengewirbel einen vergnügten Gruß zu. Auch Frau Kempke war gut gelaunt. Das war das richtige Wetter für Schnaps und wärmende Schlucke.

Als Frau Hempels Arbeit zum großen Teil getan war, kam das Zimmermädchen von Bankdirektors aus dem Haus. Mit hochgerafftem Rock trippelte sie über das gefrorene Pflaster auf Frau Hempel zu und sagte:

»Ich muß so schnell, als ich kann, in die Apotheke rennen.«

Damit blieb sie stehen und sah mit Wohlgefallen zu, wie die Straßenkehrer den angehäuften Schnee auf die Wagen schaufelten.

»Wer ist denn krank?« fragte Frau Hempel, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

»Alle,« sagte das Mädchen. »Es gab einen Teufelskrach.«

Frau Hempel richtete sich auf.

»Warum denn?«

»Irgend jemand hat unser Fräulein mit ihrem Leutnant in einer Konditorei erwischt. Als sie aus der Klavierstunde kam, haben sie sie in den Salon gerufen. Ihn oder keinen, hat sie geschrien. Heiraten aus Verliebtheit bringt kein Glück, rief der Direktor. Soll man sich aus Haß heiraten? schrie die gnädige 38 Frau dazwischen und schluchzte laut auf. Jetzt sind sie alle in ihren Zimmern, haben sich eingeriegelt, und ich soll Baldrian und Eau de Cologne holen.«

Sie ging nun auf Zehenspitzen vorsichtig davon. Ein lebendiger Beweis dafür, daß Wände Ohren haben.

Frau Hempel beeilte sich jetzt, fertig zu werden, um ins Haus zu kommen und Hempel das Gehörte mitteilen zu können. Als sie endlich so weit war, ging sie rasch in die Küche, holte sich den wärmenden Kaffetopf und eine große Tasse und setzte sich noch frisch von der Kälte neben den hämmernden Hempel.

Als sie fertig berichtet hatte und ihr Gesicht wieder über dem bunten Tassenrand auftauchte, unter dem es verschwunden gewesen war, um einige kräftige Schlucke zu schlürfen, sagte Hempel in gewohnter Ruhe:

»Was ist dabei zu tun? Es ist wie mit den Stiefeln. Man muß sie nehmen, wie sie sind.«

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