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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Alles muß vorwärts auf dieser drehbaren Erde. Wenn wir nicht selbst bestimmen, dann werden wir bestimmt.

Noch ehe Laura die Wirtschaftsschule verlassen mußte, hatte sie einen neuen Posten gefunden, an den niemand zuvor gedacht hatte.

Aus Zufall oder auch nicht aus Zufall.

Der Sonntagmorgen hatte in das neue Kinderbett einen kleinen Bombach gelegt. Alles war gut gegangen. Frau Minchen Bombach schlief zufrieden und lächelnd, wie man schläft, wenn man ein großes Werk verrichtet hat. Und der Neuling atmete so ruhig, wie man atmet, wenn man noch nichts vom Leben weiß.

Nur Herr Bombach, der Vater, war noch vollständig fassungslos.

26 Denn beinahe hätte er sein Minchen umgebracht. Und was wäre dann aus ihm geworden? Er brauchte Minchen zum Leben, er hatte sie nötig, wie man die Sonne braucht und die frischen Morgensemmeln und den guten Kaffee.

Als es Zeit war, den Arzt und sonst jemand zu holen, war er auf die Straße gestürzt, hatte ein Automobil angerufen und war hineingestolpert. Der Kutscher wollte fragen, wohin die Fahrt gehen solle, aber Herr Bombach, rasend über diese Verzögerung, hatte geschrien:

»Loskurbeln, los, fahren!«

Ein Großstadtkutscher, der Nachtdroschken fährt, wundert sich über nichts.

Er kurbelte an und fuhr los.

In den Straßen des Westens sauste er in wilder Jagd, im Mittelpunkt der Stadt, wo zwischen den elektrischen Bogenlampen alle die vielen umherschwärmen, die Angst haben, zu Bett zu gehen, verlangsamte sich die Fahrt ein wenig, aber immerhin ging es rascher als je am Tage, denn alle Lastpferde schliefen. Als der Kutscher beinahe die ganze Stadt durchstöbert hatte, hielt er endlich an, um nach dem Trunkenbold in seinem Wagen zu sehen. Er kletterte vom Bock und öffnete die Wagentür.

»Also wo wollen Sie hin?« sagte er barsch.

Herr Bombach fuhr entsetzt empor.

»Sind wir endlich da?« schrie er.

27 »Da sind wir und hier sind wir, aber ob wir da sind, wo Sie hin wollen, weiß ich nicht; denn das haben Sie mir noch nicht mitgeteilt,« sagte der Kutscher. Er grinste; denn er bemerkte jetzt, daß sein Fahrgast ohne Kragen und Krawatte war. Dem haben sie gut mitgespielt, dachte er.

»Hab' ich Ihnen die Adresse nicht gesagt,« schrie Herr Bombach angstvoll. »Zwei Adressen sind es. Allmächtiger Gott, ich weiß sie nicht mehr. Seit Monaten hab' ich nichts anderes im Kopf. Zwei Adressen sind es. Allmächtiger Gott, ich weiß sie nicht mehr.«

»Besinnen Sie sich,« sagte der Kutscher ungeduldig. »Was wollen Sie mit zwei Adressen? Eine wird auch ausreichen.«

Er wartete einen Augenblick, aber Herr Bombach stöhnte nur.

»Also los, Mensch, wo wohnen Sie? Ich fahre Sie sonst einfach nach der Charité,« rief er jetzt wütend.

»Sie haben mich nicht Mensch zu nennen. Ich bin kein Mensch,« schrie Herr Bombach. »Für Sie bin ich der Herr Hausbesitzer Bombach.« Und er schrie Straße und Hausnummer dem Mann ins Gesicht.

»Na, Gott sei Dank,« sagte der Kutscher besänftigt und stieg gemütlich wieder ein. Das Automobil ratterte los. –

In der Bombachschen Wohnung waltete Frau Hempel. Sie braute Kamillentee und Zitronenlimonade und 28 sagte mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms: »Geduld, gnädige Frau.« Als die Zeit verging, ohne daß Herr Bombach oder die medizinischen Hilfskräfte erschienen, ging sie entschlossen hinunter, weckte Kempkes und telephonierte. Die Adressen waren ihr bekannt. Sie lagen seit Wochen auf dem Schreibtisch, den Nachttischen, auf dem Büfett und im Küchenschrank, um im gegebenen Augenblick greifbar da zu sein. –

Als Herr Bombach atemlos die Treppe heraufgestürzt kam, war alles in bester Ordnung.

»Die Verzögerung wird sie töten,« ächzte er und brach in Tränen aus, als er hörte, daß alles gut gehe und Arzt und Frau im Hause waren.

Aber, als ob das Unglück hinter ihm herjagte, klopfte es jetzt draußen derb gegen die Eingangstür.

Frau Hempel öffnete eilig.

Der Chauffeur stand draußen und sagte wütend:

»Wohnt hier der besoffene Kerl, den ich gefahren habe? Ich will Geld.«

»Der Herr hier trinkt keinen Alkohol, aber vielleicht ist er Auto gefahren,« meinte Frau Hempel und ließ ihn warten.

Im gleichen Augenblick, als sie Herrn Bombach fragte, ob er Auto gefahren sei, ohne zu bezahlen, öffnete sich die andere Tür des Zimmers. Der Arzt kam herein und sagte: »Ich gratuliere Ihnen, Herr Bombach. Ein reizender Junge ist da.«

Herr Bombach taumelte von einem zum andern, 29 drückte alle Hände hintereinander und stolperte dann zum Kutscher hinaus, der aufs neue gegen die Tür hämmerte.

»Ein Junge ist es, ein reizender Junge,« sagte Herr Bombach schwankend und lachend und gab dem Mann zwanzig Mark. Dieser lächelte und sagte nachsichtig:

»Na, legen Sie sich nur hin, und schlafen sie sich aus. Das kann schließlich jedem mal passieren.« – –

Es war jetzt Zeit, dem Sonntag Haus und Türen zu öffnen, und Frau Hempel verließ die Bombachsche Wohnung, um an die gewohnte Arbeit zu gehen. Etwas müde und überwacht, aber doch mit kräftigem Schritt.

Herr Bombach rannte durch die Wohnung, holte Tücher und Lappen und umwickelte alle Klingeln doppelt und dreifach, aber auch als das besorgt war, jagte er weiter ruhelos umher, so daß Herr Bankdirektor aus seinem Morgenschlaf gestört wurde und schlaftrunken murmelte, daß man sich wirklich beim Hauswirt über die Sonntagsstörung beschweren müßte, wenn sie nicht gerade von diesem selbst verübt würde. – – –

Es war Nachmittag geworden.

Hempels saßen beim Sonntagskaffee, zu dem Frau Hempel einen besonders großen und schweren Napfkuchen gespendet hatte. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Sie wußte, daß die nächste Zeit eindringlich sein werde, und sie war voller Anerkennung 30 für den kleinen Bombach. Einen ganz reizenden Jungen nannte auch sie ihn.

Ehe sie ausgetrunken hatten, klopfte es gegen die Scheiben, und Herrn Bombachs Gesicht, blaß und aufgeschwollen vor Übermüdung, wurde sichtbar.

»Ich muß Sie sprechen, Frau Hempel,« rief er und trommelte ungeduldig gegen das Fenster.

»Sofort,« sagte diese, setzte rasch den Kaffeetopf aufs Feuer zurück und kam heraus.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht näher bitte,« sagte sie mit breitem Lächeln. »Aber Sie wissen, daß dem lieben Herrgott unsere gute Stube nicht recht geraten ist.« Sie dachte, daß es ganz gut wäre, wieder einmal den Hauswirt an ihre schlechte Wohnung zu erinnern.

»Schon gut, schon gut. Kommen Sie nur,« sagte Herr Bombach ungeduldig. Er hatte weder für feine, noch für grobe Anspielungen der Sprache Gehör und stürzte schon wieder die Treppen aufwärts.

Frau Hempel mußte auf einem der Lederstühle im Wohnzimmer Platz nehmen, was sie ein wenig genierte. Herr Bombach lief um sie herum und durchs Zimmer, wie wenn er von Zahnschmerz oder Leibweh getrieben würde.

Dem bekommt der Junge nicht, dachte Frau Hempel, die ihm mit ruhigen Augen folgte, und unwillkürlich schüttelte sie den Kopf.

»Schütteln Sie nicht mit dem Kopf, ehe Sie wissen, 31 um was es sich handelt,« schrie Herr Bombach heftig. »Also die Sache ist die. Der Arzt sagt, daß ich eine zuverlässige Person für meinen Sohn brauche.«

Er hatte zum erstenmal mein Sohn gesagt und machte daher eine Pause. Wie in jungen Jahren fuhr er sich mehrmals rasch über den Kopf, wo bis vor einem Jahrzehnt eine kräftige Haartolle saß.

»Es muß eine freundliche, sehr saubere, brave Person sein, die das Kind besorgen und ihm Milch geben kann, das heißt, verstehen Sie, natürlich aus der Flasche.«

»Ich versteh' schon,« sagte Frau Hempel vorsichtig, »aber ich, Herr Bombach, kann wirklich nicht.«

»Sie?« rief der neue Vater empört. »Ihr kleiner Finger könnte das Kind erdrücken.« – Zornig maß er die breite, volle Gestalt auf dem Stuhl.

Frau Hempel wollte sich beleidigt erheben. Aber schon sprach der aufgeregte Herr Bombach weiter:

»Sie sind die bravste Frau der Welt, aber für so etwas nicht mehr geeignet. Ich denke an Ihr Laurachen, das fein und wohlerzogen ist, deren Wandel wir von klein auf kennen und die uns für diesen Zweck wie geschaffen erscheint.« – – –

Die meisten Menschen reden zu viel. Sie vergessen, daß es beim Sprechen nicht auf die Masse ankommt. Die richtige Wahl der Worte ist alles.

Mit den Ausdrücken »fein und wohlerzogen« hatte Herr Bombach gesiegt. Alles Vergangene war vergessen.

32 Frau Hempel wurde es sich gar nicht bewußt, daß es sich hier um eine Dienstbotenstelle handelte. Sie sah sich plötzlich von der Sorge um Lauras nächste Zukunft befreit und wurde freudig erregt. Besonders als Herr Bombach mit Stolz hinzufügte, daß Laura bezahlt werden würde, wie wenn sie einen Prinzen pflegte, denn so sollte es der junge Bombach auch haben.

Frau Hempel sah im Geiste ein viertes Sparkassenbuch auf Lauras Namen im Schub liegen. Es war ihr, als kämen von allen Seiten Berge von Gold auf sie ein, um sie zu erdrücken.

»Jetzt merke ich die durchwachte Nacht, mir ist schwindlig,« sagte sie und versprach, alles mit Hempel zu überlegen.

Ihm ging es nicht anders als seiner Frau. Im geheimen war er froh, daß das Mädchen wenigstens unter demselben Dach blieb.

So kam Laura zu Bombachs.

Am nächsten Morgen stieg sie um zwei Etagen höher. Mit dem glücklichen Gleichmut, womit wir in der Jugend alles beginnen.

Frau Hempel hatte einen Griff in die geheimen Kästen getan und das Mädchen mit zierlichen Schürzen und neuen Blusen versehen.

Trotzdem war der Beginn ihrer Tätigkeit nicht leicht.

Während Frau Bombach noch schonungsbedürftig war, kümmerte sich Herr Bombach um den Haushalt.

Aber wenn man sich auch den ganzen Weltenhaushalt 33 von einem Manne geführt denkt, ist doch kein irdischer Mann als Hausfrau brauchbar.

Als Herr Bombach bemerkte, daß Laura die Milch für den Säugling mit Wasser mischte, geriet er in gräßliche Wut. Er wollte nicht glauben, daß dies eine Vorschrift seines gutbezahlten Hausarztes sei. Sein Kind, dem man täglich eine ganze Kuh kaufen könnte, hatte nicht nötig, sich mit verwässerter Milch zu begnügen.

Am Abend schlich er herbei, als Laura neben dem Bett des schlafenden Kindes nähte. Er stürzte auf sie zu und nahm ihr mit schnellem Griff die Schere fort. »Messer, Schere, Feuer, Licht sind für kleine Kinder nicht,« sagte er heftig.

Und so sollte noch manches Wunderliche geschehen.

Indessen saßen sich die Eltern im Keller schweigsam gegenüber.

»Ich weiß nicht,« sagte Hempel, »ich habe heute keinen rechten Hunger.«

Frau Hempel räumte ohne Widerspruch die Teller ab und murmelte: »Das macht wohl das Ungewohnte.«

Als sie schlafen gegangen waren, stand Frau Hempel noch einmal auf und zog den grünen Vorhang vor Lauras Bett kräftig beiseite.

»Man meint immer, das Mädchen atmen zuhören,« sagte sie. »Besser, man sieht, daß sie nicht da ist.«

Laura lag zwischen gutem Linnen, hörte auf das Pusten des schlafenden Säuglings und dachte an die 34 bunten Dinge des Lebens. An Liebe, an Ehe und zwischendurch auch an die Eltern.

Gähnend dachte sie darüber nach, warum sich die Menschen so froh stellten, wenn sie ein Kind bekamen. Es trinkt, es schläft, man wickelt es ein, man wickelt es aus und wickelt es wieder ein. Das ist alles.

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