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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In der Dämmerstunde, wo alle Dinge ihre Wirklichkeit verlieren, fand Frau Hempel endlich Zeit, ihren Plan auszuführen.

Sie hätte gern ihre Sonntagskleider angezogen. Einer gut gekleideten Dame wird niemand eine ordinäre Zukunft anzubieten wagen. Aber dann hätte Hempel sicherlich gefragt, wo hinaus sie am Werktag mit so feinen Kleidern wolle, und so ging sie im Umschlagtuch, aber aufs sauberste frisiert und gewaschen.

Die weit sehende Frau wohnte in einem Hause, wo Frau Hempel nicht für tausend Mark im Jahr hätte Portierfrau sein mögen. Schmutzige Kinder und Obstreste im Flur und auf den Treppen und überall ein Dunst, als gäbe es draußen keine frische Luft und hier keine Fenster, um sie hereinzulassen.

Mit gerümpfter Nase stieg Frau Hempel die vier steilen Treppen hinauf und klingelte.

Eine Frau, von dem gleichen breiten Format wie sie selbst, öffnete die Tür.

Alles schien sie nicht im voraus zu wissen, denn sie fragte mürrisch, was Frau Hempel von ihr wolle.

Frau Hempel fragte mit kräftiger Stimme, ob hier nicht geweissagt würde, und nun ließ die andere sie rasch herein.

Sie betrat ein niedriges Zimmer, in dem eine Petroleumlampe brannte und wo es stark nach gekochtem Kohl roch. Frau Hempel dachte, daß es kein Kunststück wäre, 23 der Frau hier wahrzusagen, daß sie zu Mittag Wirsingkohl gegessen hätte. Aber rückwärts zu sehen war einfacher als weit voraus.

Die Frau saß jetzt am Tisch, wo sie ein schwarzes Tuch ausgebreitet hatte. Vor ihr lag ein dickes Buch.

Frau Hempel, die ihr gegenüber Platz nehmen mußte, hielt es zuerst für eine Bibel, aber dann buchstabierte sie heraus, daß es ein altes Adreßbuch war. Als die Frau ihre Blicke bemerkte, drehte sie das Buch um.

Guter Rat ist teuer.

»Legen Sie zwanzig Mark auf den Tisch,« sagte die Frau ernst und schwer.

»Fällt mir nicht ein,« wehrte sich Frau Hempel. »Mehr als fünf Mark wende ich nicht an.«

»Aus Gold wird Gold, aus Silber – Silber,« drohte die Wahrsagerin und sah zornig auf das große Silberstück.

Sie wartete eine Weile.

Als ihr Besuch keine Miene machte, das Portemonnaie wieder zu öffnen, steckte sie einen Zeigefinger in das Adreßbuch, legte die andere der abgehärteten Hände, deren Nägel schwarz umrändert waren, vor das aufgeschwemmte Gesicht und murmelte:

»Sie sind sparsam, Sie arbeiten. Geld wird zu Geld kommen. Sie werden Freude haben und Verdruß und wieder Arbeit haben und wieder Freude.«

»Das ist schon alles dagewesen. Das weiß ich selbst,« unterbrach Frau Hempel sie ärgerlich. »Ich will Neues 24 erfahren, und nicht von mir, sondern von meiner Tochter. Ich denke, Sie wissen alles.«

»Für fünf Mark,« sagte die Frau gehässig. »Aber meinetwegen.«

Sie holte ein klebriges Spiel Karten, wo sich die fettigen Blätter nur unwillig und schwer voneinander trennten.

Dann murmelte sie aufs neue:

»Jugend will Liebe. Liebe bringt Glück oder Unglück, oder beides. Geld bringt Ehre. Geld wärmt kein Herz. Ein langes Leben. Drei Männer begrabend. Zwanzig Kinder hinterlassend.«

»Nun ist's aber genug,« rief Frau Hempel, die bis jetzt gespannt und mit Herzklopfen zugehört hatte. »Hören Sie auf mit Ihrem Hokuspokus. Ich verbitte mir Ihre zwanzig Enkel. Da ist kein wahres Wort daran.«

Sie hatte ihr Umschlagtuch umgenommen und rannte wütend zur Tür.

»Wenn Sie alles besser wissen, hätten Sie nicht herkommen sollen,« sagte die andere höhnisch. Einen gefährlichen Augenblick lang sahen sich die beiden kräftigen Frauen starr in die Augen. Die derben Fäuste waren geballt. Aber dann lösten sich ihre Blicke, und Frau Hempel schlug die Tür hinter sich zu.

Sie eilte durch die abendlichen Straßen, in denen die Leute vorwärtsjagten, als ob sie vor einem Feuer flüchteten. Sie liefen dem Tagewerk davon, das abgetan 25 war. Sie wollten zur Ruhe oder zum Vergnügen kommen.

Frau Hempel nahm im Eckladen ein Stück Wurst und eine Flasche Bier mit und war wieder zu Haus. Ihr war elend zumut. Das Weib hatte natürlich gelogen. Wenn es nun aber nicht gelogen hatte? Zwanzig Kinder? Verstohlen betrachtete sie das schlanke Laurachen, das fröhlich lächelte. Was alles konnte dem Kinde bevorstehen?

Es war gut, daß Laura jetzt nicht um die Stelle bei der Putzmacherin schmeichelte. Viel hätte ihr die Mutter heute nicht abschlagen können.

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