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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Graf hatte es nicht so gut wie seine künftige Gräfin, die träumen und warten durfte, während sie Kartoffelpuffer aß. Er stand vor seiner Mutter, die von Tag zu Tag stolzer geworben war, seit sie einem Dienstmädchen viele Stunden am Tage von der früheren Größe der Prillbergs und der eigenen Ahnen erzählen konnte. Das Mädchen wußte nicht, was Ahnen waren, aber sie merkte, daß es etwas sein müßte, was früher großen Wert hatte. Sie stellte sich darunter eine Art alter Taler vor, die jetzt nichts mehr galten. Im übrigen war es ihr einerlei, worüber die traurige Gräfin 171 klagte, weil sie meist an ihren Fritz dachte, der ein Grenadier war.

Die Lampe brannte über dem Tisch und der kleinen Schüssel mit Aufschnitt, in dem ein silberner Spieß steckte, der als Adler endete. Neben jedem Teller lag das alte, dünn gewordene Silber der Prillbergs, und die goldene Krone am Halse der Mutter leuchtete gelb.

Hier wollte Graf Egon von Laura und seinem Versprechen im Walde reden.

Man sagt, daß es immer Vergnügen macht, von Dingen zu sprechen, die man liebt. Der Graf merkte im Augenblick nichts davon. Er hatte sich dreimal geräuspert, aber noch immer nichts gesagt.

»Willst du dich nicht setzen?« fragte die Gräfin, die steif auf dem Sofa saß.

Der Sohn blickte sie an. Wie immer sah sie aus, wie wenn sie an ein großes Unglück dachte. Die Kehle schnürte sich ihm zu. Jetzt sollte er von Laura und allem Guten sprechen, das er hoffte. Er konnte es nicht. Er setzte sich stumm an den Tisch und begann, Wurst zu essen.

Der Regen klatschte gegen die Scheiben. Die elektrischen Bahnen rasten klingelnd und dröhnend durch die Straßen. Der Graf dachte an gestern, an die vergangenen Wochen.

Plötzlich hob er den Kopf und sagte heftig:

»Ich bin doch kein Verbrecher. Ich habe wohl auch 172 ein Recht auf Glück. Was schert mich das tote Vieh im Wappen?«

Die Gräfin ließ die Gabel sinken.

»Sprichst du von unserm Adler?« flüsterte sie starr und ängstlich, als ob sie von einem Kanarienvogel spräche, der neben ihr im Bauer schlief.

Der Graf würgte noch ein paar Wurstscheiben durch die Kehle und schwieg.

»Was ist denn das für ein herausfordernder Ton gewesen?« fragte die Gräfin nun im strengeren Tone. »Willst du dir einen neuen Paletot anschaffen? Ich habe schon selbst daran gedacht.«

Der Graf stand auf.

»Kurzum, Mutter, ich habe mich verlobt,« schrie er heraus.

»Ich ahnte es ja,« sagte die Gräfin und lehnte sich mit geschlossenen Augen an den hohen Sofarücken.

»Mit Laura Hempel,« schrie Graf Egon weiter.

»Wer ist das?« hauchte die Mutter.

»Die Tochter unserer tüchtigen Frau Hempel aus Bombachs Haus.«

»Das Portiermädchen?« Die Gräfin schrie auf, wie wenn ihr ein Zahn ohne Kokain gezogen würde.

Das Mädchen kam schreckerfüllt ins Zimmer gestürzt. Aber da saß die Gräfin sofort aufrecht im Sofa, sagte, daß niemand geklingelt hätte und man anzuklopfen habe, ehe man ein Zimmer beträte.

Nachdem das Mädchen wieder verschwunden war, 173 lehnte sich die Gräfin wieder zurück und erklärte in leise klagendem Tone, daß sie niemals in diese Heirat einwilligen werde. Sie war die Enkelin eines hohen Offiziers, hatte einen Grafen geheiratet, einen Grafen geboren und hatte nicht nötig, als Schwiegermutter eines Portiermädchens zu sterben.

Graf Egon sagte, daß er mit der Heirat warten müsse, bis er wieder einige Stufen vorwärts gekommen sei, aber daß er nun wenigstens die Hoffnung auf Glück als Helfer haben möchte.

Er erinnerte sie, wie wenig Gutes er bisher im Leben genossen hatte.

Sie fragte, ob es ihr vielleicht besser gegangen wäre, und sagte, daß es wenig zartfühlend von ihm sei, ihr die unverschuldete Armut vorzuwerfen.

Der Graf antwortete, daß er das nicht tue und nie tun werde, aber daß sie doch versuchen sollte, sich an Lauras Anmut und heiterer Natürlichkeit zu erfreuen.

Die Gräfin stand auf, um in ihr Schlafzimmer zu gehen, und sagte feierlich:

»Ich brauche keine Heiterkeit, mein Kind. Laß du mir nur mein Unglück.« Damit ging sie hinaus, die edelste Verachtung in dem traurigen Gesicht.

Der eine liebt sein Unglück, der andere sein Glück, und es ist schwer zu entscheiden, was von beidem lohnender ist, besonders wenn man bedenkt, wie vergänglich das Glück ist. 174

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