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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die ungeheure Sonne schien aller Atem aussaugen zu wollen.

Auch die praktischsten Leute hatten oft die Augen am Himmel und sahen ins Blaue. Jeder wartete auf ein Gewitter.

Das Wasser in Hempels Badeanstalt verringerte sich von Tag zu Tag, wie wenn ein Riese nächtens daraus schnapste. Aber die Zahl der Badegäste nahm zu.

Auch Graf Egon beschloß, den freien Nachmittag des Sonnabends zu benutzen, um Hempels See und was dazu gehörte in Augenschein zu nehmen.

Dieses Jahr, das seit dem Tode seines Vaters verflossen war, hatte ihn ein gutes Stück in seiner Laufbahn vorwärts gebracht, und obgleich seine Mutter jeden Morgen beim Frühstück bitterlich klagte, daß er ein einem Grafen ganz unwürdiges Leben führen müßte, 149 war sein Lebensmut doch mit der Höhe seines Einkommens gestiegen. –

Heiteren Sinnes schwang er sich auf einen schon ins Rollen gekommenen Zug, der nach Frohndorf ging. Er nahm einen Fensterplatz ein, und ganz im Bewußtsein des Adlers in seinem Wappen holte er seine Zigarettentasche hervor, um bei einer guten Zigarette die Fahrt ins Freie zu genießen. Aber ehe noch das Streichholz aufflammte, flüsterte jemand, ob das nicht der Graf aus dem Hinterhaus sei. Unangenehm berührt, blickte er auf und bemerkte, daß er dieses Wagenabteil mit Bombachs teilte. Herr und Frau Bombach saßen in neuen hellen Sommerkleidern, aus denen ihre Gesichter verblichen und abgenutzt lächelten, zu beiden Seiten ihres kleinen, breiten Jungen, der mit denselben runden Augen wie sein Vater sein Gegenüber musterte.

Man grüßte sich.

Um die Eltern nicht anzusehen, richtete Graf Egon seinen Blick auf den Kleinen. Er erinnerte sich, daß Laura dieses Kind in seinen ersten Lebenstagen gepflegt hatte und wunderte sich, daß es nicht niedlicher aussah.

Herr Bombach war seinen Blicken gefolgt und sagte stolz:

»Der hat sich herausgemacht, wie?«

Der Graf nickte beistimmend. Er sah den kleinen Bombach zum erstenmal.

»Wie geht es Ihnen denn jetzt?« fragte Frau Minchen im Tone gesellschaftlichen Beileids.

150 »Ich danke,« sagte der Graf, »man hat Freude an der Arbeit, wenn sie Frucht trägt.«

Bombachs verstanden, außerdem hatten sie inzwischen das gute Geflecht seines Panamahutes bemerkt.

»Da hat Ihre arme Mutter nun wohl ein Dienstmädchen?« fragte Frau Minchen.

Der Graf gab dies zu. Herr Bombach erzählte, daß ihn die Mieter bei dieser Hitze bankrott duschten und daß, wie auch das Wetter sei, die Bemittelten den Schaden trügen. Heutzutage hätte es nur gut, wer nichts hat.

Im weiteren Geplauder erfuhr man, daß man dasselbe Ziel hatte. Bombachs wollten sehen, wie es ihren früheren Portierleuten ging. Herr Bombach glaubte nicht, daß sie diese Sache durchhalten konnten, und wollte sie, falls es ihnen schlecht ging, wieder zurück ins Haus haben. Er war mit seinen neuen Hausverwaltern sehr unzufrieden. Die Frau hatte sich als Wahrsagerin entpuppt, die ihm alle Rohrbrüche schon wochenlang vorher prophezeie, was seinem Nervensystem sehr schlecht bekomme.

Als man in Frohndorf ausstieg, mußten Bombachs, ihrem kleinen Jungen zuliebe, ein paar Schritt vom Weg gehen. Natur läßt sich nicht unterdrücken.

Graf Egon benutzte dies, um sich zu verabschieden . . .

An der Kasse saß Laura und wartete wie alle anderen auf das Gewitter.

151 Eine schmale Männerhand zahlte mit einem Zwanzigmarkstück, das gewechselt werden sollte.

Laura sah auf.

»Es ist ja ganz wunderhübsch hier,« sagte der Graf und sah dabei auf Lauras weißen Hals.

Laura sagte errötend, daß es noch schöner gewesen sei, als der See voll Wasser gewesen war. Aber der Graf meinte, daß es für ihn noch ausreichen werde, und er hätte gewiß noch mehr Angenehmes zu sagen gewußt, wenn er nicht Bombachs hinter sich gesehen hätte. So nahm er den Rest seines Geldes und ging.

Herr Bombach hob Hans Friedrich hoch und hielt ihn vor das Kassenfenster, damit Laura sein Wachstum bewundern könne. Dann fragte er, ob sie mit ihrer Einnahme zufrieden wäre. Laura aber war ganz erschreckt über diese zweite überraschende Begegnung und wußte nichts Vernünftiges zu sagen.

Schutzmann Degenbrecht bemerkte die Verlegenheit auf ihrem hübschen Gesicht und trat mit einem großen Schritt hinzu.

»Weitergehn,« sagte er kurz.

Bombachs verschwanden zu beiden Seiten der bunten Bretter. Den Kleinen nahm Frau Bombach mit sich.

Sobald Herr Bombach in der Badehose war, suchte er nach dem Grafen, um etwas ausführlicher zu erfahren, inwieweit seine Arbeit jetzt früchtereicher sei.

Aber der Graf schwamm dauernd unter Wasser. So 152 versuchte er mit dem Bademeister zu plaudern, um etwas über den hiesigen Geschäftsgang zu hören. Aber dieser hatte keine Zeit dazu, weil man ihn stets von mehreren Seiten zu gleicher Zeit rief. Herr Bombach sagte, daß das Baden bei solcher Überfüllung kein Vergnügen sei, und zog sich wieder an. –

Frau Hempel wurde sehr verlegen, als sie ihre frühere Hauswirtin vor sich sah. Sie öffnete für sie die beste Zelle mit dem größten Spiegel und dem Kleiderhaken aus Nickel, holte die weichsten Handtücher und den feinsten Anzug herbei, bediente sie aufs untertänigste und war taub geworden für das Schrein der andern. Man glaubte bald, daß die Dame eine hochgestellte Persönlichkeit und Hans Friedrich ein kleiner Prinz sei.

»Wunderschön steht ihm der große Kopf,« sagten die kleinen Ladenmädchen im Wasser und zeigten auf den etwas unförmigen Schädel des kleinen Bombach, der sie mit kindlicher Freude beobachtete.

Frau Bombach klagte über Frau Hempels Nachfolgerin. Sie wahrsagte und legte Karten und machte das ganze Haus verrückt.

Frau Hempel zuckte bedauernd die Achseln und meinte dann, man müsse eben überall ein Auge zudrücken, irgendwo hapre es schließlich bei jedem Menschen.

Auch die Aufrichtigkeit muß ihre Grenzen haben. Frau Bombach zog sich in ihre Zelle zurück und schloß sie ab.

153 Sie tauchte nur einen Augenblick lang mit ihrem Söhnchen bis zur Hälfte ins Wasser, dann kleidete sie sich wieder an und ging.

Als sie fort war, wollten alle wissen, wer die Dame gewesen sei. Aber Frau Hempel sagte nichts. Nun waren alle überzeugt davon, zusammen mit einer wirklichen Prinzessin gebadet zu haben. Alles Glück liegt in unserer Einbildung. –

Ehe sich Bombachs, wieder vereint, der Wunderwiese zuwandten, wechselte der Hausbesitzer noch einige gütige Worte mit Hempel.

Er stand ehrerbietig auf, als er den früheren Herrn unvermutet vor sich sah, und verbeugte sich, so gut es der enge Raum gestattete.

Auf der Wunderwiese zahlte Herr Bombach viermal das Eintrittsgeld, um Melusinen auf dem Kopfe stehen zu sehen. Als Minchen ihn beim fünften Mal begleiten wollte, sagte er, daß es sich für sie nicht lohne, hinunterzublicken, weil gar nichts Besonderes zu sehen sei, und sie gingen weiter. Herr Bombach bestieg mit Hans Friedrich ein Karussell, um allen Zuschauern seine junge Vaterschaft zu beweisen. Davon wurde ihm sehr übel, und mißmutig nahmen sie den staubigen Weg zum Bahnhof zurück. Es sah nicht so aus, als ob es Hempels schlecht ginge, und als sie die Fahrkarten genommen hatten und auf den Zug warteten, sagte Bombach:

»Ich glaube, mit diesen Leuten sind wir fertig.«

154 Um den rötlich schimmernden See schlich der zärtliche Juniabend.

Mit Eintritt der Dunkelheit sollte die Anstalt geschlossen werden, aber Schutzmann Degenbrecht fand es noch hell, denn er sah auf Lauras weißen Hals. So klappte immer noch Geld auf das Kassenbrett.

Als der Graf aus der Badeanstalt trat, blieb er neben dem Schutzmann stehen und erneuerte die Bekanntschaft, indem er ihm eine Zigarre anbot. Dieser verbeugte sich stramm und steckte die Zigarre in die Ärmelklappe. Graf Egon fragte, ob er sich noch seiner Einladung für den Fesselballon entsinne.

Der Schutzmann zog den Rock straff und sah zu Laura, ob sie diese Ehre bemerke. Sie bemerkte sie.

Als man sie fragte, wie sie über den morgigen Sonntag dächte, meinte sie, daß der Vater vielleicht wieder die Kasse übernehmen würde. Über ihr Gesicht lief ein Schein der Abendröte.

Der Graf verabschiedete sich, um morgen wiederzukommen. Die Sonne war verschwunden. Die Kasse wurde geschlossen.

Als alle um den Abendtisch saßen, sagte Frau Hempel:

»Was aber sagt ihr zu Bombachs.«

Laura sah erstaunt auf. Sie hatte es ganz vergessen, daß auch Bombachs dagewesen waren.

Hempel schüttelte den Kopf.

»Ich möchte nicht wieder zurück,« sagte er, und er 155 hob die Hand, wie wenn er die nahe Rechte Linechens streicheln wollte. Aber dann fand er, daß sie doch nicht nahe genug war und ließ die Hand wieder langsam sinken. –

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