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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der andere Morgen brachte den Bademeister. Er war ein Fünfziger, ernst und bartlos, und hieß Herr Otto.

Man wurde schnell bekannt.

Als er aus Frau Hempels großer Kaffeekanne eingeschenkt bekam, erzählte er von seinem wechselvollen 128 Leben. Er war Heizer, Maurer und Taucher gewesen, und seit einigen Jahren bekleidete er die Stelle eines Pflegers in einem Irrenhaus. Er bewachte die Dauerbäder, denn Wasser war sein Lieblingselement. Darum war er im Sommer gern Bademeister, weil das der schönen Jahreszeit angemessener war. Luftiger und lustiger, obgleich es ihm in der Anstalt auch nicht schlecht gefiel, und der Unterschied zwischen Verrückten und anderen lange nicht so groß wäre, wie man aus einem allgemeinen Vorurteil annimmt.

Herr Otto machte einen sehr weltmännischen Eindruck. Er war auf eine Zeitung abonniert, rauchte Zigarren und gab Herrn Hempel drei Paar Stiefel auf einmal zum Ausbessern.

Ihm zu Ehren wurde am Nachmittag die schwarzweißrote Fahne gehißt, an der Laura vom frühen Morgen an genäht hatte, wobei sie jubelnd sang und an Krieger, Soldaten, Kaiser und Grafen dachte.

Eigentlich hätte dieses Banner auf dem Bombachschen Hause wehen müssen, denn es war aus einem alten Stück Flaggentuches entstanden, das Frau Bombach einmal ihrer Portierfrau geschenkt hatte. Die Schäden der Zeit waren in dem schwarzen Streifen mit dem Stoffrest eines Regenschirms geflickt, der einst Herrn Bankdirektor vor Nässe geschützt hatte, und die Löcher im weißen Felde hatte ein abgelegtes Bettuch der Frau Konsulin stopfen müssen.

Aber als die Fahne widerstandslos an der blau 129 getünchten Stange hinaufgesaust war und von oben herab auf ihre Urheber sah, war sie so recht ein Beispiel dafür, daß man jemandem, der in die Höhe gekommen ist, nicht mehr ansieht, woher er stammt. Sie war ein wunderschönes, schmuckes Fähnchen, das jedem Kaiser zu Ehren hätte flattern können.

Hempels, die Nachbarn Speck und Herr Otto sahen bewundernd zu ihr auf.

»Wer auch da oben sein könnte,« sagte Laura.

Der Bademeister prophezeite einen guten Sommer, weil sie ohne Stocken hinaufgeflogen war.

Man glaubte ihm gern und vertraute ihm auch sonst.

Er richtete die Rechnungsbücher ein und setzte die Inserate auf, die nötig waren, um die Pächter für das Weltetablissement zu gewinnen, das man inzwischen »die Wunderwiese« getauft hatte. Dabei war er ein bescheidener Mann. Er begnügte sich mit einem Bretterverschlag neben der Badeanstalt, an dessen Wänden er als einzigen Schmuck die Photographien einiger dankbarer Patienten aus der Irrenanstalt angeheftet hatte.

Frau Hempel fuhr in die Stadt, um seine schön geschriebenen Inserate an einem der vielen Schalter der großen Zeitungsbureaus abzugehen. Der junge Mann hinter dem lackierten Drahtnetz las ernsthaft Wort für Wort, steckte dann den Kopf hervor wie eine Schildkröte und fragte:

»Soll es genau so groß gedruckt werden, gnädige Frau?«

130 Die gnädige Frau nickte stumm. Ihr fehlten im Augenblick die angemessenen Worte.

Aber die höflichsten Menschen sind nicht immer die edelsten. Schon einen Augenblick später steckte der junge Mann wieder den Kopf hervor und verlangte hundert Mark von der gnädigen Frau.

Frau Hempel zuckte zusammen und wurde wieder Frau Hempel.

»Für ein paar lumpige gedruckte Buchstaben so viel Geld? Eine ganze Zeitung kann man für fünf Pfennig kaufen. Da suchen Sie sich einen andern Dummen aus,« rief sie empört und griff nach Herrn Ottos hübschen Schriftstückchen, um sie wieder in den Pompadour zu stecken.

Der Herr hinter dem Netz war nicht übelnehmerisch, er entwand ihr sanft das Blatt, sagte, daß man es eben in kleinerem Druck bringen müsse, und schließlich einigte man sich auf die Hälfte des Preises. Aber als der Herr ihr die Quittung überreichte, sagte er:

»Hier, Frau Hempel.«

Umsonst ist nichts. Titulationen wollen verdient oder bezahlt sein. – – –

Lumpige schwarze Buchstaben hatte Frau Hempel die Anzeige gescholten, die sie in die Zeitung gesetzt hatte. Es ist sich noch mancher der großen Bedeutung von Gutenbergs Erfindung nicht voll bewußt. Hempels sollte reiche Aufklärung werden.

Am andern Tage um sieben Uhr morgens, als Frau 131 Hempel in der Morgenkühle mit Laura Badeanstalt und Garten gefegt hatte und das Haus wieder schloß, um sich nun am Küchentisch die Semmel in den warmen Kaffee zu brocken, klopfte es an die Scheiben, und eine dünne Stimme rief:

»Wohnt hier der Wunderwiesen-Hempel?«

Man sah niemanden am Fenster und glaubte, daß es ein frecher Spott der Bauernjungen war. Aber nach einer Minute der Erwartung klopfte es wieder, und die dünne Stimme fistelte aufs neue:

»Ist da jemand? Hier sind Prinz Konrad und die berühmte Prinzessin Pauline.«

Zu gleicher Zeit stampften schwere Schritte um die Ecke, und eine grobe Stimme brüllte:

»Seid ihr Flöhe schon wieder früher da als ich?«

Ein riesiger Schatten hob sich vor der neuen Blumengardine des Fensters ab.

Draußen standen sich Max, der Riese, und Prinz Konrad, der Liliputaner, zornig gegenüber. Sie kannten sich aus dem Panoptikum, wo sie vor Jahren die Glanznummer desselben Programms gebildet hatten. Schon damals hatte ihnen gegenseitiger Neid das Leben versauert. Der Riese ärgerte sich über die Zierlichkeit des Kleinen, die auch die täglichen Ausgaben verkleinerte, und der Zwerg haßte den Großen, dessen Gestalt schon allein Aufsehen erregte und so erstaunlich viel Platz im Weltenraum einnahm.

Hempels kamen heraus und starrten erschrocken auf 132 das ungleiche Paar, zwischen denen eine zierlich geputzte Puppe mit einem gelblichen alten Frauengesicht Frieden zu stiften versuchte. Sie klopfte mit einem kleinen roten Sonnenschirm von einem zum andern und piepste ängstlich:

»Aber meine Herren, die Wunderwiese wird Raum für alle haben. Geduld, Geduld.«

Es war Prinzessin Pauline, Konrads Frau und Geschäftsteilhaber.

Plötzlich drehte sich der Riese um und trat auf Frau Hempel zu. Sie wurde sehr bleich, wich aber um keinen Schritt zurück. Unter der blauen Schürze hielt sie das Küchenbeil fest in den zitternden Händen. Hinter ihr standen Laura und der Vater. Der Riese aber lächelte, zog tief den großen Hut und sagte:

»Verehrte Dame, wo wohnt die Familie Hempel?«

Es tut immer wohl, wenn große Männer lächeln. Die allgemeine Erregung legte sich. Frau Hempel legte das Küchenbeil wieder an seinen Platz neben den Herd, und Herr Otto führte die Herrschaften auf die Wiese. Sie wollten sie sich ansehen, sich Plätze aussuchen und dann Preise vorschlagen. Laura, die sich wie ein Kind im Puppentheater vergnügte, wollte gerne mitlaufen. Aber Frau Hempel gab ihr eine Schüssel voll Kartoffeln zu schälen und setzte sie damit in die Küche. Das Volk da war kein Umgang für eine künftige Dame.

Aber sie hatte nicht bedacht, daß jede halbe Stunde 133 ein neuer Eisenbahnzug aus der Stadt vorüberkam und eine Minute hielt. In einer Minute kann viel geschehen.

Ein kurzer Lokomotivenpfiff schrillte in der Ferne, und bald darauf sah man zwischen den hellgrünen Baumreihen bunte Punkte nah und näher kommen.

Es waren zwei Herren und zwei Damen im lebhaften Gespräch. Weiter hinter ihnen schritt eine schlanke Elegante mit einem Blechkoffer in der Rechten.

Laura ließ die wenigen geschälten Kartoffeln gleichgültig zwischen die ungeputzten erdigen purzeln, preßte die Nase gegen die Scheiben und rief freudig:

»Wirklich, sie kommen zu uns.«

Sie klatschte vor Freude in die Hände, ihre Augen strahlten. Das war ein Tag, bunt und voll sonderbarer Überraschungen, wie man ihn sich gar nicht schöner austräumen konnte. Sie drehte sich zur Mutter und fragte erregt:

»Wie oft wird unsere Wiese denn in der Zeitung stehen?«

»Siebenmal,« antwortete Frau Hempel und spähte ebenfalls über den Weg.

Hinter ihnen wurde die Tür aufgerissen, und Hempel stürzte herein.

»Mutterchen,« rief er, »was hast du nur angestellt? Ein leibhaftiger Neger ist dabei mit ganz hellgelben neuen Schuhen.«

»Na ja doch,« sagte Frau Hempel, »das wußten wir doch früher, daß es Neger und hellgelbe Schuhe 134 gibt. Deswegen kannst du wohl die Tür zumachen, wir können mit den Leuten auch durchs Fenster verhandeln.«

Und Hempel verriegelte sogar die Tür, wie wenn es Nacht werden sollte.

Der Schwarze verbeugte sich und stellte eine der Damen als seine junge Frau vor: die weltbekannte Fee Melusine.

Sein Begleiter, ein untersetzter, breitschultriger Mann, erklärte mit heiserer Stimme die andere, etwas üppigere Schlanke als seine Gattin: die berühmte Löwenbraut Tusnelda.

Beide Herren wollten einen Teil der Wunderwiese pachten. Der Neger brauchte nicht mehr Erde als nötig war, um einen Brunnen aufzubauen. Auf dem Boden desselben würde die Fee Melusine für fünfundzwanzig Pfennige Entree tanzen. Der kleine Breitschultrige brauchte etwas mehr Platz, da er einen Löwenkäfig aufstellen mußte, worin die Löwenbraut ahnungslos auf Papierrosen schlief, während der Löwe in den Käfig geschlichen kam.

Frau Hempel, die bisher schweigend zugehört hatte, schüttelte hier heftig den Kopf und sagte energisch:

»Damit ist nichts zu machen hier. Solches Tier will ich nicht in der Nähe haben.«

Der heisere Mann verbeugte sich und sagte mit beruhigendem Lächeln:

»Keine Bange, meine Dame. Der Löwe bin ich,« und er stieß einige Laute aus, die dem mähnenreichsten 135 und mächtigsten König der Wüste zur Ehre gereicht hätten.

Dies Geheul beruhigte Hempel, aber es hatte eine andere unbeabsichtigte Wirkung. Auf der sandigen Straße blitzte ein Schutzmannshelm auf, der von Minute zu Minute größer und deutlicher wurde.

Inzwischen aber war auch die einzelne Dame herangekommen und hatte den Blechkasten vor das Haus gestellt. Sie reichte eine wunderhübsche Ansichtskarte durchs Fenster, auf der sie im rosa Trikot, von Schlangen umringelt, abgebildet war. Hempels hatten Kleopatra, die Schlangenkönigin, vor sich. Der Blechkasten enthielt ihr Arbeitsmaterial, fünf schöne Klapperschlangen, die sie mit sich genommen hatte, weil sie fürchtete, daß der Gerichtsvollzieher bei ihr vorsprechen könnte, während sie fort war. Sie wollte nur eine kleine Bretterbude aufschlagen, denn sie konnte nicht mehr als zehn Pfennige Eintrittsgeld nehmen, trotzdem die Schlangen sehr gefräßig waren.

Herr Otto, der jetzt mit dem Riesen und den Zwergen von der Wiese zurückkehrte, wollte die neue Führung übernehmen, aber in diesem Augenblick bog der Schutzmann um die Ecke. Er war ein kräftiger, breiter Mann, der seine Uniform wie ein Stück Mauer ausfüllte. Seine Stirn war gerunzelt, und seine buschigen Augenbrauen waren streng emporgezogen. Man hätte sich vor ihm fürchten können, aber die Art, mit der sein Helm auf einem Ohr saß, ließ hoffen, daß er auch 136 Nachsicht üben konnte, zumal der netten Weiblichkeit gegenüber.

Er stemmte die Fäuste auf die breiten Hüften und sagte:

»Was ist denn hier los? Das sieht ja wie ein entsprungener Zirkus aus.«

Aber dabei zwinkerte er mit den Augen des Gesetzes ein ganz wenig nach der Brunnenfee Melusine, die ihm zulächelte.

Man erklärte ihm nun, um was es sich handelte, und Herr Otto flüsterte Frau Hempel ins Ohr, daß sie dem Gewaltigen etwas Stärkendes anbieten sollte. Man muß der Gerechtigkeit etwas nachhelfen. Die bunten Leute erklärten dem Uniformierten, daß sie in Paris, London und Amerika gewesen seien und genau wüßten, wie sie sich der Polizei gegenüber zu benehmen hätten. Aber erst müßten sie über den Pachtpreis verhandeln. Schreibend und messend verschwanden sie mit lautem Gezeter in der Richtung der Wunderwiese.

Eine Flasche Kümmel, ein Geschenk von Kempkes, wurde entkorkt. Der Schutzmann sagte: »Prost«, trank ein Gläschen und sagte dann, während er mit dem Säbel auf die Blechkiste mit den Schlangen klopfte:

»Was ist das für eine Tortenschachtel?«

Laura schrie auf und erklärte ihm, was da drin verborgen sei.

»Donnerwetter noch einmal,« sagte der Uniformierte und trat schnell einen Schritt zurück.

137 Laura lachte. Sie saß auf dem Fensterbrett und wiegte sich dort wie auf einer Schaukel.

Der Schutzmann sah sie an und fragte, worüber das Fräulein so vergnügt sei und ob sie schon einen Bräutigam habe.

Sie antwortete, daß ihn das nichts anginge, da man dergleichen nicht polizeilich anzumelden brauchte.

Er lachte und kam einige Schritte näher. Sie gefiel ihm bei jedem Schritt mehr. Er wollte nur wissen, ob sie ihre Lippen auch sonst so geschickt zu handhaben verstand. Er spitzte dabei den Mund und erklärte, daß er nicht nur Beamter, sondern auch ein Mann sei.

Laura meinte, daß sie sich immer gedacht habe, daß ein Schutzmann ein Mann sei.

Frau Hempel, die draußen im Grünen die Wunderwiese unter die schreienden Berühmtheiten in Teile aufteilte wie einen Napfkuchen, sah mit Beruhigung, daß bei Laura noch der Schutzmann war. Sie hatte wieder einen Lokomotivenpfiff gehört. Sie war jetzt auch auf Tiger und Elefanten gefaßt. Es kam aber nur ein Mann mit drei zahmen Affen.

Der Schutzmann strich den Schnurrbart und verabschiedete sich.

»Wir sehen uns wieder, mein schönes Fräulein,« sagte er und ging den Weg hinaus zum Bahnhof.

Laura schloß das Fenster und begann bei Gesang die Kartoffeln zu schälen. Der Schutzmann war ein drolliger Mann gewesen. –

138 Am Abend dieses bunten Tages saßen Hempels in schweigender Erregung vor dem Haus und sannen den neuen Eindrücken nach. Hempel suchte sich die Beschaffenheit der Schuhe von jedem Besucher ins Gedächtnis zu rufen. Spangenschuhe, Lackspitzen hatte er gesehen, aber auch viele Absätze, die schief waren.

Frau Hempel addierte. Ihre Finger bewegten sich, als spiele sie auf einem großen, unsichtbaren Klavier.

Laura dachte, wer wohl einem solchen Schutzmann die vielen Knöpfe seiner Uniform blank putzen möge. Sinnend sah sie zum Himmel auf. Da fand sie den glitzernden Wagen über ihrer Stirne, und ihre Gedanken sprangen weit von hier fort.

Am Tage vergißt man manchmal die Sterne.

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