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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jedem großen Geschehnis folgt ein Rückschlag. Frau Hempel wurde schweigsam. Wo auch im Hause sie war, sah sie die leere Stelle in dem Kommodenschub vor sich. Es wurde ihr nicht recht klar, daß sie nun dafür ein Stück Wiese mit einem See und einem Hause auf dieser Erde besaß. Noch war auch keine Zeit, darüber nachzudenken. Ehe sie ihren alten Posten verlassen durfte, sollte das ganze Haus von vorn und hinten gründlich geputzt und gescheuert werden.

Als sie Herrn Bombach um ihre Entlassung gebeten hatte, weil sie die Besitzerin einer Schwimmanstalt geworden war, hatte er sich solche Scherze verbeten und mehr Respekt verlangt.

Frau Hempel erwiderte, sie glaube schon, daß es Herrn Bombach schwer falle, etwas zu glauben, das nicht alle Tage vorkäme, aber was wahr sei, sei wahr. Er könne es schwarz auf weiß lesen. Dann bat sie ihn, 115 früher ziehen zu dürfen, falls sich Ersatz für sie finden würde.

Herr Bombach war außer sich über diese Störung des regelmäßigen Lebens.

»Man soll niemanden für gewissenhaft halten,« rief er, als er zu Minchen ins Zimmer kam, die gerade ihren Frühlingsgefühlen nachgab und in einem Reiseführer blätterte. Auch sie erschrak, als sie die sonderbare Neuigkeit erfuhr. Würde ihnen die Reise dieses Jahres gut bekommen können? Werden sie nicht in beständiger Unruhe sein, wenn sie das Haus in fremden Händen zurücklassen müßten? Es war Herrn Bombach klar, daß die monatliche Bezahlung von fünfzig Mark, die er Hempels außer der freien Wohnung gewährt hatte, zu hoch gewesen war. Er beschloß, dem neuen Portier keinesfalls mehr als vierzig Mark zu geben. Die Aussicht auf diese kleine Ersparnis brachte ihn schließlich wieder ins Gleichgewicht. Denn jeder Charakter hat seine eigene Wage, um seinen Besitzer in der Balance zu halten. –

Frau Hempel forschte in der Nachbarschaft nach einer Ablösung. Kein Mensch ist unersetzlich, und eines Tages kam in der Dämmerstunde eine große, breite, kräftige Frau und sagte, daß sie die besten Empfehlungen habe und gern die Nachfolgerin von Frau Hempel werden wollte. Diese musterte ihr Gegenstück und wußte sofort, daß sie dieser mächtigen Gestalt irgendwann einmal, einen sehr unangenehmen Augenblick 116 lang, gegenübergestanden hatte. Die Frau begann unter diesem forschenden Blick zu lächeln und sagte, daß Frau Hempel ihr jene Meinungsverschiedenheit von damals nicht nachtragen solle, denn auch in ihrem Berufe sei es schwer, es jedermann recht zu machen. Da entsann sich Frau Hempel. Es war die Wahrsagerin.

»Werden Sie denn genug Zeit für das Haus übrig haben?« fragte sie. »Es ist sehr groß. Viel Zeit zum Sitzen und Kartenlegen bleibt da nicht.«

Die andere nickte. Sie war ernst geworden und sagte, daß die Polizei ihren Beruf sehr erschwere. Wahrscheinlich, weil sie selbst alles besser wissen wolle.

»Ich werde Zeit genug für dieses große Gebäude haben,« sagte sie traurig.

Frau Hempel wollte vor allen Dingen bald frei werden und schlug darum vor, daß sie zusammen zum Wirt gehen könnten.

»Das mit der Wahrsagerei brauchen Sie ihm ja nicht auf die Nase zu binden,« sagte sie.

»Da haben Sie recht. Das ist schließlich meine Privatsache,« antwortete die andere. Dann stiegen sie schweigend die beiden Treppen hinauf.

Herr und Frau Bombach nahmen ihre Brillen aus dem Futteral und schalteten ihre zweite Jugend auf eine halbe Stunde aus.

Das Format der Frau gefiel ihnen, weil sie es von Frau Hempel her so gewohnt waren. Mit dem 117 herabgesetzten Preis von vierzig Mark wollte sich die große Frau begnügen, was auch zufriedenstellend war.

Man fragte nun nach ihrem Mann. Sie sagte, er wäre klein aber tüchtig. Nur hätte er leider vor einigen Jahren ein Bein durch ein übereiliges Automobil verloren. Aber der Besitzer des Kraftwagens war ein Mann mit großem Vermögen. Er hatte ihm zwei Holzbeine machen lassen, eins für die Woche und eins für den Sonntag und ihm eine jährliche Rente ausgesetzt. Davon lebten sie jetzt. Als sie sich verheirateten, hatte er Hühneraugen geschnitten.

Herr Bombach schüttelte den Kopf. Er war Gewohnheitsmensch. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn der Mann zwei Beine gehabt hätte und Schuster gewesen wäre. Er sagte das auch der Frau.

Diese erwiderte, daß kein Mensch für sein Unglück könne und daß nichts ganz so sei, wie man es sich wünscht. Und schließlich hätte der Mann doch einen ähnlichen Beruf gehabt wie Herr Hempel, indem er sich auch mit den Füßen der Leute beschäftigt hatte.

Die Frau verstand zu reden, und Frau Hempel fürchtete schon, daß Herr Bombach erraten würde, daß er eine Wahrsagerin vor sich habe.

Als sie nun selbst um ihre Meinung gefragt wurde, sagte sie ehrlich aus, daß sie über die Frau nichts anderes gehört habe, als das alles, was sie sage, wahr sei.

Bombachs überlegten es sich drei Tage. Sie ließen 118 sich auch den Mann zur Ansicht kommen, und dann stellten sie das Paar als Hausverwalter an.

Die tüchtige Frau hatte dieses Ergebnis schon nach der ersten Unterredung geweissagt. Ohne eine besondere Vergütung dafür zu nehmen, sagte sie zu Frau Hempel:

»Passen Sie auf, das wird etwas.« Auch als sie die angenehme Nachricht von Herrn Bombach erfuhr, gab sie eine Gratisprobe ihres geheimen Berufs und prophezeite ihm, daß er seinen Entschluß niemals bereuen werden

Ja, wenn man immer wüßte, wer vor einem steht. – – –

Noch zwei Wochen, und Hempels sollten frei sein. Von früh bis spät abends wirtschaftete Frau Hempel mit Scheuertuch und Wassereimer durchs Haus. Am Sonntagmorgen aber machte sie sich fein und fuhr zu Lauras Dienstherrschaft, um Lauras Dienst zu kündigen. Laura hatte sie darum gebeten, weil sie selbst nicht den Mut dazu fand.

Sie nahm die Straßenbahn. Um diese Stunde war sie noch niemals unterwegs gewesen. Die Wagen waren nicht überfüllt, und alles sah noch blank und frisch aus, wie der neue Sonntag selbst. Sie fand es wunderhübsch, bequem auf seinem Platz sitzen zu können zwischen festlich gekleideten Menschen. Durch alle Scheiben fiel die Sonne. Die Straßen waren ruhig. Klingelnd sauste die Bahn ihren Weg. Viele der 119 Mitfahrenden hatten in der Hand schwarze, kleine Lederbücher mit dem Kreuz in Gold darauf. Sie fuhren also in die Kirche. Frau Hempel dachte, daß es recht nett sein müsse, wenn man so viel Zeit übrig und keine Arbeit auf das Kreuz gebuckelt hätte, um in seinen guten Kleidern still im Halbdunkel der Kirche sitzen zu können und die Orgel spielen zu hören. Vielleicht würde sie das nun auch bald imstande sein. Daß man damit auch gleich dem lieben Herrgott eine Freude machen wollte, schien ihr beinahe zu viel des Guten auf einmal. –

Als sie bei der Herrschaft ihrer Tochter anlangte, war die gnädige Frau gerade aus dem Bade gestiegen und wurde von Fräulein Hammerspecht frisiert. Laura hatte ebenfalls zu tun. Frau Hempel wurde gebeten, in der Küche Platz zu nehmen.

Nach einer Weile kam Ida durch die Tür. Frau Hempel erinnerte sich im gleichen Augenblick, daß ihr Laura erzählt hatte, wie traurig und verändert Ida jetzt sei.

Das Mädchen erschrak sichtlich, als sie Frau Hempel unvermutet vorfand, zwang sich aber zu einem Lächeln und sagte:

»Sieht man sich auch einmal wieder?«

Sie trug eine weite, lange Ärmelschürze, die sie sehr breit machte, und ihr Gesicht, das früher rund gewesen war, noch spitzer erscheinen ließ.

Frau Hempel sah sie voll Mitleid an.

120 »Wo fehlt's denn, Idachen?« fragte sie. »Wissen Sie noch, wie lustig wir waren, als wir das neue Bett für Bombachs Erben aufstellten?«

Ida nickte und sagte ohne Lächeln:

»Ja, solch ein Kinderbett, man hat's manchmal schneller nötig, als man glaubt.«

Und plötzlich brach sie in Tränen aus und setzte sich Frau Hempel gegenüber. Mit erschreckten Augen sah diese auf den braunen Lockenkopf, der vor ihr auf dem Tisch lag, auf den gebeugten Rücken, der vom Weinen geschüttelt wurde.

Das Sprachrohr klingelte heftig, und die gnädige Frau ließ Frau Hempel ins Zimmer bitten.

»Wenn Sie sich nicht zu helfen wissen, denken Sie an mich,« rief Frau Hempel schnell und eilte hinaus.

Als Frau Leutnant Frau Hempels närrische Botschaft hörte, wurde sie noch ärgerlicher, als sie es ohnedies an jedem Sonntagmorgen war, denn da war der Hausherr dienstfrei, und es gab immer denselben kleinen Streit. In der Ehe wird eben alles leicht zur Gewohnheit. Jedesmal sagte der junge Ehemann, sobald Fräulein Hammerspecht klappernd auftrat, daß seine Mutter siebzig Jahre alt sei und sich noch selbst frisiere. Jedesmal antwortete die junge Gattin, daß sie herzlich bedauerte, daß er nicht seinesgleichen geheiratet habe. Sie trällerte dann: ein Mädchen, edel aber arm und dennoch tugendhaft. Das war das Signal dafür, daß Herr Leutnant für den Vormittag im 121 Rauchzimmer verschwand. Eben war die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen.

»Was in aller Welt wollen Sie mit einer Badeanstalt?« rief die gnädige Frau, die in einem tiefen Lehnstuhl lag. »Woher haben Sie denn das Geld dazu?«

»Nicht gestohlen, gnädige Frau,« sagte Frau Hempel und merkte, daß man in Glacéhandschuhen nicht die Faust ballen konnte.

»Ich finde es höchst undankbar, daß Laura nicht bei mir bleibt und mir diese Unbequemlichkeit macht.«

Frau Hempel sagte, daß es nicht Lauras Schuld wäre und daß sie als Mutter es so wünschte, weil ein Kind zu seinen Eltern gehöre.

Aber die Unterhaltung wurde erregter und gespannter, und sie endete damit, daß die gnädige Frau ausrief, daß Laura ebensogut heute gehen könne, als in vierzehn Tagen. Sie danke für die Nähe eines solchen rücksichtslosen Wesens.

Lauras Sachen waren rasch gepackt. Ein Dienstmann sollte sie am andern Tage holen. Als sie auf die Treppe traten, sagte Frau Hempel zwischen den Zähnen hindurch zu Laura:

»Wenn du jetzt heulst, kriegst du eine Ohrfeige,« und lächelnd gingen sie an der Portierfrau vorüber.

So war Laura auch auf ihrem zweiten Posten hinausgeworfen worden, und es schien wirklich, wie wenn sie nicht zum Dienstmädchen geboren wäre. –

Jedenfalls konnte Frau Hempel jetzt ihre Hilfe 122 brauchen. Die Tage gingen im Fluge, und rasch war der Augenblick da, wo alles, was diese lange Reihe von Jahren im Keller gestanden hatte, verschnürt auf der Straße stand und auf einen Wagen geladen wurde.

Frau Hempel, halb schon im Kleid einer Hauseigentümerin, halb noch mit der Schürze ihres bisherigen Amts bekleidet, fegte noch geschwind den letzten Staub aus den leeren Kellerräumen. Sie wollte ein reines Andenken hinterlassen. Die neuen Mieter, ihre Nachfolger, warteten schon. Und der kleine, aber tüchtige Mann hatte sein Reserveholzbein bereits behutsam in einen Kellerwinkel gestellt, weil man mit guten Sachen vorsichtig sein muß.

Nachdem der Wagen mit dem Hausgerät abgefahren war, nahmen auch Hempels Abschied.

Trennung verschönt. Wie hübsch und fein und neu sah das große Haus aus, wo sie während so vieler Jahre glücklich gewesen waren. Oben grüßten Herr und Frau Bombach, die, durch einen leichten Tränenflor gesehen, noch nicht die schlechtesten Brotgeber waren, unten winkten die große Wahrsagerin und ihr kleiner Mann.

Als sie um die Ecke biegen mußten und das Haus ihren Blicken verschwand, sagte Hempel:

»Es muß eine gruslige Sache sein, einen Schuh für einen Holzfuß zu machen.«

Alle drei sprachen sehr lebhaft und ohne sich anzusehen von der Abscheulichkeit der Holzbeine. Bis sie 123 endlich im Zug saßen und ruhiger wurden und sich wieder auf das Neue zu freuen begannen. Man kann aus jedem Holze Brücken bauen.

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