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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wasser und guter Wille sind gewiß gute Heilgehilfen, aber es mußte doch erst Frühling werden, ehe Hempel den Hammer wieder schwingen konnte.

Endlich kam auch wieder ein Sonntag, wo man die Stühle vors Haus setzen konnte, um sich ein Teilchen Sonne zu holen.

105 Laura kam zu Besuch und sagte:

»Mutter, der Frühling ist da,« und sie küßte den Vater, weil er wieder gesund war.

Hempel lächelte zufrieden und sagte, daß man es jetzt wenigstens merke, wenn es Sonntag sei.

In seinem Gesicht hatte der schmerzhafte Winter manche Rune hinterlassen. Als er sich mit Behaglichkeit das erste Pfeifchen anstecken wollte, kam Frau Kempke laut weinend aus ihrem Laden auf ihn zugestürzt. Sie hatte über ihr hellrotes Sonntagskleid ein schwarzes Tuch gelegt. Jeder konnte von weitem sehen, daß da etwas Trauriges geschehen war. Man ging in den Keller hinunter, und hier erzählte Frau Kempke, daß ihre Schwester eine Witwe geworden wäre.

Da Hempels diese unglückliche Frau nicht kannten, waren sie in der verlegenen Lage ohne Worte, in die man immer gerät, wenn man an der Trauer oder Freude eines anderen nicht teilnehmen kann.

»Was war denn der Tote?« fragte Frau Hempel schließlich.

»Schwimmlehrer,« schluchzte die Gefragte.

»Das ist kein alltäglicher Beruf,« sagte Hempel tröstend.

Endlich nahm Frau Kempke eine Tasse Kaffee und begann zusammenhängender zu erzählen.

Es schien, wie wenn die unglückliche Schwester nicht nur ihren Mann, sondern auch ihr Vermögen verloren hätte. Klarheit in den Worten ist nicht jedermanns 106 Sache, und soviel Hempels aus der erregten Rede ihrer langjährigen Nachbarin errieten, war es leichter, wieder zu einem Mann zu kommen, als zu einem Vermögen. Insbesondere für diese Schwester, die ein Oberkellner vom Fleck weg heiraten wollte, denn er kannte sie schon lange, und sie hatte noch einen wundervollen Busen. Aber der Mann wollte sie nach Amerika mitnehmen. In drei Wochen wollte er auf ein Schiff als Kellner übers Meer gehen, und die Witwe sollte ihn begleiten. Vorher aber mußte die arme Brautwitwe ihre ganze Bude verkauft haben, sonst gingen Schiff und Kellner ohne sie.

Hier unterbrach Frau Hempel die zickzackige Rede und fragte:

»Was für eine Bude?«

»Nun, doch die Schwimmanstalt,« antwortete Frau Kempke beleidigt, denn sie hatte schon früher einmal von ihrer Schwester erzählt.

Hempel und Laura gingen wieder hinaus vor das Haus, und die Frauen blieben allein.

Der Kaffee wurde zum drittenmal eingeschenkt, und Frau Kempke fragte tränenüberströmt, ob Frau Hempel Zichorie daran nehme, denn er schmecke besonders gut und kräftigend.

Frau Hempel sagte, daß sie immer die allerbeste Zichorie zusetze. Und dann kamen sie wieder auf die Schwimmanstalt zurück. Es gehörte ein kleines Wohnhaus dazu, zwei Stuben und eine Küche. Vorn war 107 ein kleiner Garten mit Sonnenblumen und hinten einer mit Schnittlauch und Petersilie. Nun war das ganze für einen Spottpreis zu verkaufen. Wer zugriff, machte sein Glück.

Frau Hempel, die sehr blaß aussah, fragte, warum Kempkes nicht zugriffen.

Frau Kempke erwiderte, daß sie kein Bargeld besäßen und auch zeitlebens an Spiritus und nicht an Wasser gewohnt seien.

Als Frau Kempke endlich ging, wieder in der Farbe der Freude, denn das schwarze Tuch war zu Boden geglitten, ohne daß es jemand bemerkt hatte, war der Kaffeetopf leer und Frau Hempel hatte versprochen, mit Frau Kempke hinauszufahren, um sich das alles anzusehen. Vielleicht konnte sie einen Käufer finden.

Wir wissen immer, was wir tun wollen, aber nie, was wir tun. – – –

Es ist nicht unmöglich, daß der größte Fehler in dem Aufbau unseres Lebens darin liegt, daß wir den meisten Mut zur Ausführung unserer Entschlüsse im Frühling haben. In den wenigen Tagen des Jahres, wo alle Mädchen schön und alle Häuser neu aussehen, wo alles noch einmal so leicht und gut zu sein scheint als sonst.

Als sich Frau Hempel neben Frau Kempke, die nun ein hübsches Trauerkleid trug, der Badeanstalt und dem kleinen Hause näherte, war alles so in Sonne gebadet und von würzigem Erdgeruch überströmt, daß 108 es wenige gegeben hätte, die nicht Besitzer dieser Pracht hätten werden mögen. Frau Hempels Augen, die an das Halbdunkel des Kellers gewöhnt waren, wurden fast geblendet.

Das Wasser des Sees war klar und frisch und spiegelte die Sonne wieder. Die Badeanstalt war neu gestrichen, hellgrün mit rosa Streifen, wie wenn der Frühling selbst sich um sie bemüht hätte. Die Witwe aber, die am Arm des Oberkellners neben Frau Hempel herschritt und alles bereitwilligst erklärte, sagte: »Dies hat der Tote noch selbst gemalt.« Sie war Frau Hempel als Frau Godowsky vorgestellt worden. Der Mann war aus dem Polnischen gewesen. Von dem Kellner erfuhr Frau Hempel nur den Vornamen. Er hieß Franzl. Er war sehr liebenswürdig und berichtete, daß man für die nebenstehende Wiese, die Frau Hempel erst jetzt bemerkte und die auch zum Ganzen gehörte, eine polizeiliche Erlaubnis besaß, wonach man Volksbelustigungen darauf veranstalten dürfe. Auch früher hätten hier Karusselle und Buden gestanden und wer verstünde, das alles hier in Gang zu bringen, hätte das große Los gezogen.

»Hier könnte das größte Vergnügungsetablissement der Welt entstehen,« sagte er und fuhr mit einer großen Handbewegung wie ein Zauberer über die sumpfige Grasfläche.

»Aber warum haben Sie alles so liegenlassen?« fragte Frau Hempel und sah Frau Godowsky erstaunt an.

109 »Weil er trank,« antwortete diese dumpf. »Weil niemand bei ihm schwimmen lernen wollte aus Furcht, er würde sie im Trunk ertrinken lassen. Weil er alles versoff. Wäre der See hier nicht aus purem Wasser, er hätte keinen Tropfen davon übriggelassen.« Sie zog ihren Arm zwischen Franzls Ellbogenbeuge hervor, holte ihr Taschentuch heraus, das einen breiten Trauerrand hatte, und weinte.

Vor dem kleinen Haus standen Bank und Tisch. Man trank Kaffee und einen Likör, den Frau Kempke mitgebracht hatte. Ehe es Abend wurde, hatte Frau Hempel erfahren, daß man für etwas weniger, als alle ihre Sparkassenbücher zusammen betrugen, diese ganze Schönheit mit Gegenwart und Zukunft kaufen konnte. Man hatte auch davon gesprochen, daß ein Schuhmacher hier ein reicher Mann werden müsse, denn er würde die Stiefel aller Badegäste in Ordnung stellen können. Und im Winter, wenn man hier eine Eisbahn eröffne, noch mehr Stiefel unter die Finger bekommen.

Man konnte schwindlig werden von der Fülle dieser Glücksmöglichkeiten, und Frau Hempel wurde übel, wie wenn sie zu viel Kartoffelpuffer gegessen hätte, was leicht einmal geschah, weil sie ihr Lieblingsgericht waren.

Als die Sonne schräg stand und Frau Kempke zum Aufbruch mahnte, sagte Frau Hempel, daß sie vielleicht einen Käufer wisse, sie werde in drei Tagen Bescheid geben.

110 Zu Haus wurde Frau Hempel mit Freude empfangen. Hempel hatte an diesem Tage, wo er alles allein zu versehen hatte, wieder einmal gemerkt, wieviel seine Frau zwischen Morgen und Abend zu schaffen hatte.

Frau Hempel entledigte sich schweigend der kostbarsten Teile ihres Sonntagsstaates, und dann schnitt sie sich eine dicke Brotschnitte ab, die sie mit geübter Hand voll Schweineschmalz strich. Erst als sie einen großen Bissen im Mund hatte, sagte sie, es sei schade, daß Hempel nicht hatte mitkommen können. Es gab viel Schönes zu sehen. Hempel hämmerte an einem Holzpantoffel und sagte, daß er sich nicht um anderer Leute Stiefel kümmere und er es drollig fände, daß sie nur aus Neugier am Wochentag aufs Land führe. Aber wenn sie ihren Spaß dabei gefunden hätte, wär's ja gut.

Frau Hempel biß ruhig noch einmal in die große Schnitte und begann dann zu erzählen.

Hempel hob den Kopf, und der Hammer klopfte langsam. Die Schilderung der bunten Badeanstalt und des klaren Sees, des freundlichen Häuschens und der vielen frischen Luft, die da überall ringsherum war, erregten allmählich seine Anteilnahme.

»Und weißt du, wer das Ganze kaufen wird?« fragte Lina plötzlich. »Ich.« – Sie stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Brotmesser in die Höhe schnellte wie ein sterbender Fisch.

111 »Lina,« schrie Hempel, »bist du verrückt geworden? Wir Kellerratten?!«

»Ja,« schrie Lina, »wir Kellerratten. Wir wollen endlich Luft und Sonne haben. Wir wollen nicht mehr jeden anlächeln, der uns nachts aus dem Schlaf klingelt. Ich will nicht mehr. Ich will nicht, daß mein Kind das Sonntagsvergnügen eines Herrchens wird. Ich will's nicht, ich will's nicht.«

Sie sank auf einen Stuhl, ihre Stimme war heiser geworden, und sie begann laut zu schluchzen.

Hempel war aufgestanden. Er zitterte an seinem ganzen elenden Körper, Schritt für Schritt näherte er sich ihr, und schließlich wagte er es doch, mit seinen mageren gebogenen Fingern über ihre breiten, harten Hände zu fahren, dieses starke Werkzeug, das alles geschafft hatte. –

Ehrlicher Tränen schämt man sich. Als sich Frau Hempel ihrer bewußt wurde, stand sie rasch auf und trocknete sich flink diese unangenehme Feuchtigkeit aus dem Gesicht. Dann ging sie an die Kommode, bückte sich und holte ihre gehaltvolle kleine Bibliothek hervor. Hempel mußte sich setzen, als sie darin zu blättern begann und diese Heerscharen von Ziffern und Nullen an seinen flimmernden Augen vorbeimarschierten.

»Linechen, wie ist das nur möglich gewesen?« murmelte er.

»Jetzt wundere ich mich auch,« sagte Lina und lächelte ein weiches, glückliches Lächeln.

112 »Es will gar nicht in meinen Kopf hinein,« sagte Hempel und sah ganz hilflos aus.

Sie sprachen noch viel miteinander. Hempel hatte Angst, daß er Schwimmlehrer werden müsse. Aber Lina beruhigte ihn und sagte, daß er weiter bei seinen Leisten bleiben könne. Frau Godowsky würde ihr alles erklären, und sie traue es sich schon zu, die nasse Wassergeschichte in Betrieb zu bekommen.

»Bin ich hier fertig geworden, werde ich es auch da werden,« sagte sie. »Die Menschen kenn' ich nun.«

Dann plauderten sie weiter. Laura sollte an der Kasse sitzen, in den niedlichen Blusen, und mit seinen blanken Fingernägeln Billette austeilen und Geld einnehmen. Später, wenn das Weltetablissement erst im Schwung wäre – Hempels Wunderpark oder so ähnlich werde man es nennen müssen – wird das Geld in Massen zusammenströmen. Und wieder später, wenn man das Ganze mit Riesengewinn verkauft hätte und Laura längst als Dame mit Mann und Kindern lebte, könnte man sich irgendwo eine Villa kaufen und seine Tage in Ruhe beschließen.

So redeten sie bis spät in die Nacht hinein, bis sie sich schließlich gar nicht mehr bewußt waren, daß diese reichen Leute, deren Schicksal sie hier formen und kneteten, sie selber waren. – – – –

Den kommenden Sonntag nutzten Hempel und Laura, um hinauszufahren und alles in Augenschein zu nehmen.

113 Dann sollte endgültig beraten werden.

Frau Hempel saß allein vor dem Haus, und während sie die von Staub umwirbelten Menschen betrachtete, verfolgte sie die beiden auf ihrer Fahrt. Jetzt gingen sie wohl den sandigen Weg zwischen den knospenden Bäumen, der vom Bahnhof zum See führte, und sahen schon mit erstaunten Augen die bunt bemalte Badeanstalt.

Dann sann sie wieder auf Namen für den großen Vergnügungspark. So flogen die Stunden dahin.

Sie war gerade mit dem Gasanzünden im Gartenhause fertig, als sie sie kommen hörte, und eilig lief sie über den Hof, den Anzünder wie eine brennende Fackel schwingend.

Sie waren beide sehr zufrieden. Hempel sah ganz flott und verjüngt aus. Er hatte einen grünen Zweig an dem Hut und eine Wiesenblume im Knopfloch.

»Ach, Linechen,« sagte er, »ein Glas Bier ist doch erst ein Glas Bier, wenn man's im Freien trinkt.«

Laura hatte glänzende Augen.

Sie hatte im See die Frösche musizieren hören, und das hatte sie an einen schönen Sommertag erinnert.

»Wenn wir da wirklich wohnen könnten, Mutter,« sagte sie, umarmte sie und gab ihr einen festen Kuß. »Aber da mußt du erst auf der Polizei angeben, wohin wir ziehen, damit, wer uns sucht, uns auch findet,« setzte sie dann hinzu und gab der Mutter noch einen Kuß.

114 So fügte sich eins zum andern, damit Frau Hempel das neue Eheglück der Witwe fördern half. Man erklärte ihr den Betrieb von Schwimmanstalt und Eisbahn. Sie unterschrieb den Kontrakt und gab schließlich mit dem ganzen Mut ihres Herzens alle die kleinen, unberührt sauberen Heftchen hin, bis auf ein einziges. –

Man plant viel, aber was man tut, hat man niemals gewollt.

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