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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Sonne kam wieder, und nun ging der warme Sommer ohne Stocken vorwärts.

An einem der wärmsten Tage wurde das Fräulein aus der dritten Etage Frau Rechnungsrat. Das war nun schon die zweite Hochzeit im Jahr, bei der Frau Hempel mitgeholfen hatte.

98 Es wurde heißer und ruhiger in der Stadt und im Haus. Im ganzen Vordergebäude hörte man oft stundenlang keinen Tritt. Das Getrappel am Morgen war gering, denn die Herrschaften aßen jetzt ihr Brot am Meer, auf großen Schiffen oder im Gebirge, und ihre Zeitungen folgten ihnen mit der Post.

Frau Hempel hatte weiter vieles und Verschiedenartiges zu tun. Es änderte sich nichts an ihrer Meinung, daß der liebe Herrgott für jeden Tag, den er machte, auch die dazu gehörige Arbeit schuf. Sie hatte alle Schlüssel der verschlossenen Wohnungen am Schürzenband. Bei Konsuls hatte sie den Papagei zu füttern. Bei Bankdirektors zwei Kanarienvögel und ein Aquarium. In einer anderen Wohnung die Schildkröte und den Salamander eines Tertianers. Auf einem Balkon drehte sich ein Eichkätzchen, das von ihr seine Nüsse verlangte. Im Gartenhaus arbeiteten bei Gesang und Weißbier die Maurer und sorgten für Kalk und Staubpulver, daß der Besen nicht aus ihrer Hand kam. –

Aber jeden Sonntag dachte sie an das kleine Haus mit dem eigenen Dach und dem eigenen Schornstein. Sie fragte auch einmal, ob Laura nicht wieder das Mädchen vom Lande gesprochen hätte. Laura erzählte, daß diese ihr das Hemd schön gewaschen und geplättet wiedergegeben habe, wobei sie berichtete, daß es ihr Glück gebracht hätte. Im nächsten Frühling, wenn ihr Bräutigam frei vom Militär sein würde, sollten sie in ihrer Heimat heiraten.

99 An einem gewöhnlichen Wochentag, als Laura allein vorm Haus saß und die dicken Winterstrümpfe des Vaters stopfte, für die die langen Arbeitstage der Mutter noch keine Zeit gefunden hatten, kam zwischen den anderen Fußgängern Graf Egon daher. Er trug denselben hellen Anzug, in dem er neben Laura an dem von Libellen überflogenen See gesessen hatte. Aber auf dem Rockärmel saß ein breiter Trauerstreifen.

Graf Egon kam ernsthaft auf Laura zu, der die Stopfnadel in der Hand zu schwingen begann wie eine Magnetnadel. Aber sie bemerkte ihn nicht früher, als bis er vor ihr stand, den Hut zog und ihr mitteilte, daß er für Meister Hempel ein Paar Stiefel zu besohlen habe. Darauf fragte er Laura, ob sie ihn überhaupt noch wiedererkenne oder schon ganz vergessen habe.

Laura erwiderte, daß sie noch ganz genau wisse, wer er sei.

Der Graf fragte weiter, ob sie noch manchmal an den schönen Sommertag zurückdenke, der für ihn so furchtbar traurig enden sollte.

Laura nickte und sagte, daß sie seitdem nicht wieder im Freien gewesen sei. Und daß sie auch an manchem Abend zwischen den Sternen nach dem Wagen ohne Räder suchte, daß man aber hier in dieser Straße die Sterne viel schlechter erkennen könne.

Nun entstand eine Pause, und Laura fragte, ob sie den Vater rufen solle, damit der Herr mit ihm über die Stiefel spreche. Da zeigte es sich, daß der junge 100 Graf sie gar nicht mit sich hatte. Wenn er nicht in tiefer Trauer gewesen wäre, hätte Laura darüber lachen müssen.

»Dann muß ich wieder gehen,« sagte der Graf und bedauerte, daß er die Stiefel nicht ein anderes Mal bringen könne, weil er bald mit seiner Mutter fortziehen werde, in dieselbe kleine Stadt, wo er früher wohnte. Aber Laura sollte ihn und den schönen Sommertag nicht vergessen, bis sie wieder einmal einen guten Tag zusammen verleben würden. Sie sollte ihm die Hand darauf geben. Das tat sie, und trotzdem die Großstädter immer Eile haben, beeilte er sich gar nicht, sie wieder loszulassen. Schließlich war er gegangen, und Laura zog die schwingende Nadel durch den braunen Wollstrumpf. Leider gerade da, wo er nicht den geringsten Schaden aufwies.

Die Tage begannen, kürzer zu werden, und gingen um so rascher davon, je älter der Sommer wurde. Ehe man sich's versah, trugen die Automobile die Koffer der Heimkehrenden auf dem Rücken, die Fenster der Vorderhäuser öffneten sich wieder, und die Treppen knarrten vom frühen Morgen an.

Bald scheuerte der erste Regen die letzten spärlichen Sommerspuren aus der Großstadt. Die Konzerte in den Gärten verstummten, Gicht und Rheumatismus kehrten zu ihren Inhabern zurück, die Bäume schüttelten ihre nassen Blätter ab, und die Kohlen stiegen im Preise.

101 Frau Hempel kaufte ihrer Laura ein Paar spiegelblanke Gummischuhe, da es mit den Gummirädern bisher nichts geworden war und sie viel zu Fuß gehen mußte. Das Haus mit den beiden Gärten verschwand wieder unter der kahl gewordenen Erde, denn im Winter schrumpfen die Menschen und ihre Wünsche zusammen. Auch hatte Frau Hempel noch eine Beschäftigung mehr für ihre reich beladenen Stunden bekommen: ein großes Ofenbecken in dauerndem Brand zu erhalten. Diese allgemeine Heizung war ebenfalls im Sommer eingebaut worden, nicht weil sie schon lange der lebhafte Wunsch sämtlicher Mieter gewesen war, sondern weil Herr Bombach meinte, daß sein Sohn Anspruch auf eine gleichmäßig erwärmte Wohnung machen konnte.

So kam der Winter im vollen Gang. Es wurde tüchtig kalt. Das Quecksilber kroch bis unten ins Thermometer, als ob es einen Ausweg suchte, um davonlaufen zu können. Aber man ist im Winter auf dem Weg zum Frühling, und je kürzer die Tage sind, je näher ist man auch der Zeit, wo sie wieder länger werden müssen.

An diesem Rechenexempel erwärmte sich Frau Hempel durch die kalten dunklen Winterstunden. –

Werden und müssen sind die treuen Hilfsverben der Hoffnung. Aber es gibt Zeiten, wo man auch an ihrer Zuverlässigkeit zweifeln könnte. Es hätte längst Frühling sein müssen, als Hempel Schmerzen im rechten Oberarm bekam und das beruhigende Ticktack des 102 Hammers verstummte. Hempel saß umwickelt mit Tüchern in einer dunklen Ecke und sagte, daß altes Leder zu nichts mehr tauge.

»Wir haben nur zu lange in diesem Kellerloch gesteckt,« beruhigte ihn Frau Hempel, während sie ihm wieder eine Tasse heißen Kaffees reichte. Aus dem Dunst der hellbraunen Flüssigkeit stieg wieder das rotbedachte Haus mit den beiden Gärten aus Schnee und Eis hervor.

Auch Hempel grübelte in diesen Stunden, wo die vergangenen Jahre in seinen Knochen knackten, wie man zu bessern Tagen kommen könnte.

»Sieh dir doch einmal die neumodischen Gegenden an, Linechen,« sagte er, »da bekommen wir vielleicht eine Wohnung zu ebener Erde.«

Frau Hempel schüttelte den Kopf.

»Da gibt's für mich keinen Pfennig extra,« antwortete sie. »Der Müll rennt allein auf den Hof, die Teppiche klopft eine Maschine, Kohlen gibt's keine zu tragen. denn sie kochen mit Gas und plätten elektrisch. Da macht sich alles von selbst. Von deinen paar Stiefelabsätzen können wir nicht leben, und Neubestellungen gibt's da nicht. Dazu kommen sich die Menschen in solchem Hause viel zu vornehm vor. Sie kaufen in den großen Geschäften, wo jeder Stiefel auf Samt steht und sich von allen Seiten im Spiegel begucken kann.«

Wenn sie so viel gesprochen hatte, mußte sie wieder 103 zu ihrer Arbeit eilen, und Hempel blieb nachdenklich zurück.

»Wenn auch ich einmal ein Stückchen Los kaufte, und mein Glück versuchte,« sagte er ein andermal ein wenig kleinlaut, denn er hatte immer über das Lotteriespielen geschimpft.

»Wenn du nicht auch die richtige Nummer weißt, laß es lieber bleiben,« sagte Frau Hempel, die am Boden kauerte und die Diele scheuerte. »Ich will dir nur sagen, ich glaube nicht mehr daran.«

Und sie rechnete ihm vor, daß sie in zwanzig Jahren fünfhundert Mark verspielt habe, die sie jetzt auf der Sparkasse hätte haben können.

»Wieviel hast du denn auf der Sparkasse, Linechen?« fragte Hempel vorsichtig. Er wartete schon lange auf eine Gelegenheit zu dieser Frage.

»Das hab' ich im Augenblick nicht so im Kopf,« sagte Lina. Dagegen fiel ihr im selben Augenblick ein, daß sie zu Bombachs hinaufkommen sollte. Sie stellte den Besen an die Wand und ließ Hempel und seine Mutmaßungen allein.

Oben wurde sie vom Hauswirt selbst empfangen, der sich nach Hempels Befinden erkundigte und zu heißen Bädern riet, die heilend und lindernd wirken würden. Er wollte ihnen erlauben, in der leerstehenden Wohnung des Gartenhauses jeden Morgen die neue Badewanne zu benutzen.

»Wenn nur die Kohlen nicht so teuer wären,« sagte 104 Frau Hempel, wahrscheinlich, um Herrn Bombachs Güte auf die Spitze zu treiben.

»Nun, diese paar Pfennige werden Sie schon für Ihren fleißigen, treuen Mann übrig haben,« sagte Herr Bombach verweisend. »Also heizen Sie ihm jeden Morgen ein Bad, und dann säubern Sie natürlich wieder Stube und Wanne aufs schönste. Sie werden sehen, wie gut ihm das tun wird.«

Frau Hempel erzählte Hempel von der Gunst des Hauswirts, die ihr nicht anders als ein fauler Spaß schien.

Sie wußte nicht, daß Krankheit den Menschen verändert. Hempel bestand sofort auf sein Bad, denn er wollte wieder gesund werden. Er tat seiner Lina viel zu leid, als daß sie seinen Wunsch hätte abschlagen können.

»Versuchen wir's,« sagte sie und schleppte auch schon einen Eimer Kohlen über den Hof.

Als sie dem Kranken ins Bad half, sagte sie:

»Du alter Schrumpel, nun gib dir Mühe, daß dich das herrschaftliche Bad gesund macht,« und sie lachte wieder einmal ihr altes, vergnügtes Lachen.

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