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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es gehört wenig dazu, die Wünsche eines Menschen zu ändern. Als Frau Hempel am Montagmorgen aufstand, war 76 der kleine dunkle Schlafraum von dem Duft der wenigen Maiglöckchen erfüllt, und als sie das Schloß in der Haustür nach links gedreht hatte und sah, daß auch dieser Montag wie ein warmer blauer Sonntag ausgefallen war, erinnerte sie sich plötzlich einer Wiese, auf der sie als Kind gesessen hatte, während ihre Mutter nasse Wäsche über eine Leine hing, und zugleich fiel ihr ein, was das fremde Mädchen gestern zu Laura von den Menschen und dem lieben Vieh gesagt hatte. Einen Augenblick lang dachte sie es, dann kam der Tag mit seiner ausfüllenden Arbeit.

Hustend und sich räuspernd spickte sie Bombachs Winterkleider und Pelzsachen mit Kampfer und Naphthalin, um sie dann in ihr sommerliches Blechgrab zu versenken. Dann trabte sie zur Frau Konsul und fegte die Spuren des gestrigen Festes zu Tür und Fenster hinaus. So folgte Arbeit der Arbeit, wie Tag dem Tag, so wie es immer gewesen war.

Aber auch Gedanken haben Hände. Sie greifen, fassen, zerren und zupfen uns. Wir wissen oft gar nichts mehr von ihnen, aber sie sind da.

Frau Hempel sehnte sich hinaus aus der Stadt. Jetzt glaubte sie, daß es auch für Laura gut sein müsse, wenn man ein kleines Haus auf dem Lande hätte und sein eigener Herr sein dürfte. Es wäre wohl ein anderes Vergnügen, die eigene Haustür des Morgens der frischen schönen Luft zu öffnen und des Abends beim Dunkelwerden wieder zu verschließen, als Bombachs 77 fremdes schweres Schlüsselbund über dem Kopfkissen zu haben. Sie konnte heute zum Wochenanfang wieder einige harte Silberstücke auf die Sparkasse bringen. Noch wenige gesunde Monate, und der Mann mit der blauen Brille und dem unfreundlichen Gesicht mußte eine fünfstellige Zahl zusammenrechnen, ob er wollte oder nicht. –

Abends vor dem Einschlafen fragte sie ihren Schuhmacher, was wohl ein kleines Haus vor der Stadt kosten könne. Zwei Stuben und eine Küche, ein Dach mit einem Schornstein drauf, ein Gärtchen vorn und eins hinten. Hempel gähnte und sagte, daß es jedenfalls mehr als ein Paar Stiefel kosten würde. Diese unnütze Frage sollte ihn nicht am Einschlafen hindern. Bald knarrte sein Schnarchen durch den friedlichen Raum.

Neue Wünsche aber machen unruhig. In der tiefen Finsternis hier beschloß Frau Hempel, das nahe Pfingstfest im Grünen zu feiern. Sie wollte mit Laura hinausfahren, um sich ein wenig umzusehen, und Hempel allein vor der Haustür lassen, was sie bisher noch niemals übers Herz gebracht hatte.

Aber ihr Plan sollte nicht ausgeführt werden. Einige Tage vor dem Fest begann es zu regnen. Langsam und beharrlich, wie wenn jemand durch ein feines Sieb Wasser filtrierte. Diese Unfreundlichkeit des Wetters bereitete vielen Verdruß, aber Frau Hempel kam trotz alledem der Regen recht. Er ließ die Möglichkeit offen, am 78 Festtage zehn Mark zu verdienen. Denn bei Geheimrats im dritten Stockwerk war ein Wunder geschehen. Die älteste Tochter hatte einen Bräutigam bekommen. Den alten Herrn Rechnungsrat, dem Frau Hempel an manchem Wintertag die Treppen heraufgeholfen hatte, denn im linken Knie plagte ihn die Gicht.

Frau Geheimrat hatte in ihrer großen Freude der alten treuen Frau Hempel genau erzählt, wie alles gekommen war.

»Ja, meine liebe Hempel,« hatte sie zum Schluß gesagt, »nun haben wir wohl die längste Zeit unter Bombachs Dach gehaust. Wir werden eine kleinere Wohnung nehmen können, denn unser guter Rechnungsrat entführt uns gleich zwei Töchter.«

»Zwei – ist das denn erlaubt?« fragte Frau Hempel, und ihre Augen weiteten sich vor Staunen.

Aber schon klärte Frau Geheimrat sie auch über dieses Wunder auf. Das zweite Töchterchen sollte dem jungen Paar die Wirtschaft führen. Der liebe Rechnungsrat war fast den ganzen Tag im Büro, und so würden die beiden guten Kinderchen die hübsche neue Wohnung beinahe für sich allein haben.

Helle Freude leuchtete aus den Augen der versorgten Frau Geheimrat.

Mütter verstehen sich.

Beide Frauen bekamen feuchte Augen, und als die Dame nun sagte, daß Frau Hempel sie nun doch am Pfingstsonntag nicht im Stich lassen werde und bei 79 der Verlobungsfeier helfen müsse, konnte sie es nicht abschlagen. Erst als sie auf der Treppe war und sich mit der Schürze die Tränenspur abrieb, fiel ihr ein, daß sie doch am Festsonntag mit Laura ins Grüne fahren wollte, um sich kleine Häuser anzusehen.

Leider hatte sie im Augenblick nicht Zeit, die Sache ordentlich zu überdenken, denn Bombachs Feiertagskuchen sollte zum Bäcker in den Backofen gebracht werden. Als sie mit den großen, flachen Blechen voll süßen Kuchenteigs über die Straße eilte, hatte der Himmel entschieden. Es regnete, und Frau Hempel lächelte. – – –

Auch Laura war unterwegs. Ein großes Paket im Arm, lief sie unter dem Schirm vergnügt durch die Regenstreifen. Sie hatte eine Bestellung von der gnädigen Frau an die Frau Bankdirektor und war sehr zufrieden darüber. Sie ging gern in ihr heimatliches Haus, wo es immer ein paar gute Worte von Vater und Mutter gab und wo man auch sonst diesen oder jenen treffen konnte, der einem nicht unangenehm war.

Als sie das Haus erreicht hatte, nahm sie pflichttreu den Weg hinauf zu den Herrschaften und ging an der Portierwohnung vorüber, als ob sie gar nicht ahnte, wer sich da unten in den halbdunklen Räumen befand. Oben gab sie ihr Paket ab und wartete auf Bescheid. Sie saß in der Küche, wo die Köchin wütend mit den Töpfen klapperte und auf das Wetter schimpfte.

»Regnet es noch immer?« fragte Laura und ging 80 ans Fenster. Aber mit einem erschreckten Ausruf trat sie rasch wieder zurück.

Sie hatte nicht bedacht, daß sie hier vom Küchenfenster aus der gräflichen Wohnung gerade gegenüber war. So hatte sie statt des Regens den jungen Grafen erblickt. Er stand am Fenster vor dem Nähtisch, wo man die Gräfin zu sehen gewohnt war, und rollte sich Zigaretten. In der Mitte des Zimmers brannte schon gelblich matt die Hängelampe, unter der die Gräfin die Teller auf den Tisch stellte. Tieftraurig, als lege sie Kränze auf ein Grab.

Als Laura zum zweitenmal hinzusehen wagte, war der Vorhang heruntergelassen und nichts mehr von den. Schauspiel zu sehen. Bald darauf wurde sie in das Zimmer gerufen, wo Frau Bankdirektor, umspielt von vielen elektrischen Flammen, die aus der Zimmerdecke und aus der Wand kamen, auf dem Sofa ruhte. Es roch wie in einer Apotheke, und Laura fragte, ob die gnädige Frau krank sei.

»Das Wetter bringt mich um,« sagte Frau Bankdirektor. »Daß auch nichts im Leben so ist, wie man es will.« Und sie sah wütend von dem Barometer, der neben ihr an der Wand hing, nach der neuen Frühlingstoilette, die eben aus Paris gekommen war.

Schlechtes Wetter trifft vornehm und gering.

Die gnädige Frau sagte, daß sie ihrer Tochter telephonisch antworten werde. Jetzt sei sie nicht imstande, irgend etwas zu überlegen. Damit war Laura entlassen.

81 Sie eilte zu den Eltern hinunter. Der Vater hämmerte unter der Glaskugel, wo schon das Licht brannte, an einem hellbraunen Schuh, der eine Lackspitze bekommen sollte. Er war für Geheimrats Braut bestimmt, und so erfuhr auch Laura das neue Ereignis. Sie kannte den Rechnungsrat vom Aussehen und sagte, daß sie mit solchem Großpapa nicht zusammen wohnen möchte.

Frau Hempel war irgendwo im Haus beschäftigt. Aber endlich kam sie.

»Unseren Ausflug ins Grüne müssen wir verschieben,« sagte sie vergnügt. »Aber warte, ich habe eine andere Freude für dich.«

Es war eine schmetterlinghafte Bluse aus schmiegsamer Seide, die Frau Hempel an diesen ersten Sommerabenden, die so lange hell waren, vorsichtig mit den schweren Händen genäht hatte. Der Stoff war aus Indien, und Frau Konsul hatte ihr diesen kleinen Rest gegeben, weil sie nichts damit anzufangen wußte.

»Aus Indien? Wo mag das sein?« fragte Laura und sah glücklich auf das zarte Gewebe.

»Nimm's mit,« sagte die Mutter, breit vor Freude. »Die Sonne wird schon wieder kommen.«

Die leichte Bluse wurde sorgfältig in ein kleines Päckchen verwandelt, und Laura ging davon.

Sie war erst wenige Schritte gegangen, als jemand neben sie trat und sie fragte: ob es nicht besser sei, wenn er den Schirm trüge. Es war Graf Egon, der dicht 82 hinter ihr aus dem Haus gekommen war. Laura war so erstaunt, daß sie ihm gehorsam den Schirm überreichte. Schweigend gingen sie nebeneinander. Aber ein weibliches Wesen findet immer die Sprache wieder, und so sagte Laura nach einer Weile:

»Alle sind böse auf das Wetter.«

»Sie auch?« sagte der Graf.

Laura verneinte es und erzählte, daß die Mutter mit ihr ins Grüne gefahren wäre, aber nun Arbeit angenommen habe für den Festtag.

Der Graf fragte, ob dann nicht auch andere mitgekommen wären, auf die sie sich gefreut hätte?

Aber Laura sagte, sie wisse von niemandem sonst. Denn der Vater hätte sie nicht begleiten können, weil immer jemand neben der Haustür bleiben müsse.

»Wenn es nun aber morgen doch schönes Wetter ist?« fragte der Graf.

Und plötzlich hatte er ihr vorgeschlagen, mit ihm ins Freie zu fahren, wenn am nächsten Tage die Sonne scheinen würde.

Als er dies gesagt hatte, prasselte ein so starker Regenguß nieder, daß sie genötigt waren, in ein Haustor zu treten, wo Laura die nächste Straßenbahn erwarten wollte.

»Wenn es morgen schön ist,« sagte Laura und lachte.

»Dann warte ich auf Sie, passen Sie nur auf,« antwortete der Graf und lächelte sie an.

Vom Beginn der langen Straße sah man die Bahn 83 näher kommen, auf die Laura, die kurze gerade Nase in den Regen gesteckt, spähend wartete. Der Graf wollte der Niedlichen gern eine Freude machen. Sein Blick fiel auf das Buch in seiner Hand. Es war Goethes Werther in rotes Leder gebunden und stammte noch aus der Bibliothek seines Großvaters. Auf dem inneren Titelblatt befand sich das Wappen mit dem Adler.

Graf Egon steckte es Laura hastig zu und sagte:

»Nehmen Sie es mit.«

Klingelnd kam die Bahn. Viele Menschen drängten sich hinein, und Laura fuhr davon, das schöne fremde Buch in der Hand. –

Die gnädige Frau erwartete sie schon mit verschiedenen eiligen Arbeiten, denn Herr Leutnant hatte mitteilen lassen, daß sie des Abends zu einer Festlichkeit gehen müßten. Laura heftete Spitzen ein, verhalf Lackschuhen zu Glanz, bügelte, nähte, bürstete und kam die nächsten zwei Stunden weder zum Sitzen noch Stillstehen. Endlich sauste der Fahrstuhl, kurbelte das Automobil, und die Wohnung fiel in Abendruh.

Laura hatte keine Lust zu essen. Ida war schon fertig damit. Sie saß bei der Lampe und nähte sich eine neue Schleife für morgen.

Laura wischte den Küchentisch sorgfältig ab und vertiefte sich in das feine Lederbuch.

Ida beugte sich herüber und fand, daß es sehr herrschaftlich aussähe. Sie hielt es für eine Bibel. Aber dann buchstabierte sie die Worte: Werthers Leiden.

84 »Das wird traurig sein,« meinte sie und sagte, daß Laura vorlesen solle, wenn sie an eine schöne Stelle käme.

Laura war schon mitten im Lesen und hörte nichts mehr. Sie las und las. Es waren wunderschöne Worte, aber sie verstand sie nicht. Sie begann zu blättern und kam gegen Ende des Buchs aufs neue ins Lesen. Jetzt wurde ihre Aufmerksamkeit gefangengenommen, und sie verstand. Das tiefste Mitgefühl mit Werthern ergriff sie. Als er die blaßrote Schleife küßte, die er von dieser herzlosen Lotte zum Geburtstag erhalten hatte und darum bat, daß er sie mit in sein Grab nehmen dürfe, liefen die Tränen in langen Reihen über Lauras Gesicht.

Ida, die inzwischen erfahren hatte, daß Werther ein junger Mann war, fragte anteilnehmend:

»Was hat er denn für ein Leiden? Schwindsucht?«

Aber Laura schüttelte nur den Kopf, klappte das Buch zu und ging in ihr Zimmer.

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